März 30th, 2019

DESCENDENTS + Filmage-Doku (#153, 2012)

Posted in interview by Jan

“I had a young boy’s dream. But I can plainly see. It’s a filthy world and I can’t go back”
DESCENDENTS-Interview in London

London, Osterdienstag, 26.04.2011, 3.00 Uhr: Vier Tage vor der bekackten Heirat des englischen Königspaares ist halb London schon abgesperrt, wie mir um drei Uhr nachts am Dienstag früh der Londoner Taxifahrer erzählt, der mich zur Victoria Coach Station bringt, um dort den Bus nach Stansted zu nehmen. Vorher war noch Bier trinken mit Marc im Park angesagt, und lange davor war ein seltsames Descendents Konzert in London und ein sehr interessantes Interview mit Trommler Bill und Bassist Karl im Anschluss. Genau 24 Stunden voher fand folgendes statt …

Frankfurt, Ostermontag, 25.04.2011, 2:30 Uhr, Kaffee köchelt, Kippe brennt. Meine Freundin fährt mich von unserer Frankfurter Wohnung in 15 Minuten zum Hauptbahnhof, an dem mich um 3:00 Uhr der Bus zum Flughafen Frankfurt / Hahn bringt, wo ich um 5.00 ankomme. Dort nehme ich um 6.30 den Flug nach London Stansted und reise von da mit dem Bus circa 1,5 Stunden in die Londoner City zur Victoria Coach Station. Ich bin um 10:30 vor dem australischen Pub Walkabout neben dem Shepards Bush Theatre nahe dem Londoner Stadtteil Hammersmith, wo später die Descendents den ersten (ausverkauften) Gig hinlegen. In dem Pub traf ich Trust-Fotograf Marc, der von Düsseldorf über London Gatwick einreiste. Ebenfalls in dem Pub war Larry Livermore, der frühere Lookout Records Besitzer pendelt irgendwie zwischen seinen Wohnorten New York und London, und einige andere verrückte Londoner Kumpels von Marc saufen.

Mit Marc verbindet mich eine lange Freundschaft, wir gingen aufs gleiche verfickte Leverkusener Gymnasium und verbinden lustiger weise beide mit dem Descendents Song „Silly girl“ den melancholischen Gedanken an eine (nicht die gleiche) Frau damals 1995 in der Schule, hey, same emotional bond und so. Wir beide waren Anfang 1997 bei der Descendents Tour gerade an der Zeche Carl in Essen angekommen, nur um gesagt zu bekommen, dass es gerade jetzt wirklich ausverkauft war. Fuck!

Ich weiß, dass wenn dieses Interview erscheint, ihr schon mindestens sechs aktuelle Descendents Interviews print und online gelesen habt, doch das ist wirklich nicht schlimm: bislang las ich zwei, in denen es immer um die gleiche Suppe geht: die Fat Wreck Comeback Scheibe und generelles Eier schaukeln. Dieses Gespräch hier hat zumindest einen Hauch von Kontroverse drin, obwohl das natürlich nicht so gedacht war. Marc und ich, die zusammen dieses Interview führten, lieben die Descendents. Wir wollten ja gar nicht schlimme Fragen stellen, aber es wurde dann doch sehr lehrreich, die ganze Nummer. Insofern hat dieses Interview seine absolute Berechtigung, setzt aber voraus, dass ihr bei den Descendents auch die ganzen 80er SST Sachen kennt, ich mache mir da eigentlich keine Sorgen, dass dem so ist.

Seitdem ich die Descendents zum ersten Mal Anfang der 90er Jahre im Zuge eines Mixtapes hörte, liebe ich sie. „Damals war ich 13 und natürlich noch lange nicht der coole Boheme Alkoholtrinker, der ich heute bin (haha!), sondern noch Sportler und kurz vor der Entdeckung des Alks, deshalb verbindet sich bei mir das Hören der ersten LP immer mit folgendem Bild: blauer Himmel, die Sonne scheint, es ist ein Sonntag im August und ich fahre mit dem Rad zum Basketballfeld der Leverkusener Waldschule, um mich dort mit Holger Herrmann (vgl. mein Quest for Rescue Interview in Trust # 124) zu treffen, und Basketball zu spielen, die „Into the unknown“ Platte von Bad Religion ihm abzuschwätzen und dazu laufen Descendents über ein kleines Tape-Deck. Ich schaue in den wolkenfeien Himmel, ahhhhh, Jugend, du süßes Gift, 13 Jahre alt sein und heute mit 33 dieses hier schreiben, es ist das Stephan King Feeling von „Stand by me“).

Beeindruckend war in London die Dankbarkeit der Descendents/ALL- Leute Bill und Karl gegenüber dem Trust. Karl konnte sich an frühere 80er Auftritte von ALL in München (Theaterfabrik) erinnern und bedankte sich mehrmals genauso wie Bill fürs Trust und unseren Support. Das war schön, auch wenn es damals gar nicht meine Zeit war. Milo Aukermann saß während dem Interview im Raum und schreibt seine Aussagen auf Papier, die er Bill bzw. Marc zum Vorlesen reichte…

Warum Milo heiser war? Nach vier Desendents-Songs verlor er komplett seine Stimme und konnte noch nicht mal krächzen, es begann ein lustiges „Bäumchen-Wechsel-Dich“-Spiel komplett mit Gitarrenakkorde auf der Bühne stimmen, Milo verschwand erst mal von der Bühne, ein Roadie sang ziemlich gut weitere Descendents-Stücke, dann ging Karl ans Mikro und sang Black Flag Stücke, derweil Milo Bass spielte, Descendents Gitarrist Stephen Egerton wechselte von der Gitarre, die auch mal Bill spielte, ans Schlagzeug und es gab weitere Black Flag Stücke, auch mal von Bill „Mister BF himself“ (geil!), plötzlich kam Eric Melvin von NOFX auf die Bühne und sang „Bikeage“, zwischenzeitlich versuchte Milo vergebens noch mal einige Descendents-Stücke zu singen, der Sänger der Vorband Dead To Me sang mit, es gab Chöre der anderen Vorband, Teenage Bottlerockets, es gab „Bloodstains“ von Agent Orange und ein Roadie sang einen „Zeke“ Song… schon geil, wie gekonnt improvisiert wurde, jedoch war es halt in Anbetracht von einem mit 2000 Leuten ausverkauften Laden und Leuten wie mir/uns, die die Descendents noch nie live gesehen haben und dafür nach London gereist sind, irgendwie seltsam… das Ganze wäre vor 300 Leuten das geilste Konzert ever gewesen, so war es auch unvergesslich, nur weiß ich noch nicht, warum… Der Auftritt am zweiten Tag wurde dann nach dem Soundcheck abgesagt, lasen wir zurück schon in Deutschland, später gab es ein Statement der Band und das Versprechen, ein free Gig in London nachzuholen… Aber das wussten wir ja alles nicht, als wir nach dem Descendents-Konzert mit Bill und Karl sprachen…

Eine Einstiegsfrage lag natürlich auf der Hand: der aktuelle Status der Descendents. Karl Alvarez antworte: „Der Status der Band hängt immer davon ab, was Milo macht, er nimmt seinen Job sehr ernst und erst wenn er Zeit für die Descendents hat, können wir wieder was machen, das ist die ganze Story“.
Also ist das hier eine Reunion?
Bill Stevenson (B): Es fühlt sich nicht wie eine an, weil wir machten ja mit ALL parallel mit den gleichen Leuten weiter, immer schon, wir sehen uns alle von Zeit zu Zeit wieder, deshalb würde ich nein sagen, weil es sich einfach nicht so anfühlt, verstehst du? Die Konzerte von ALL wurden jedoch weniger über die Jahre, du musst sehen, wir bekamen für ein ALL Konzert ungefähr 500 Dollar Garantie, das reichte einfach nicht mehr fürs Benzin und vor allem nicht, um unsere Familien zu ernähren bzw. zu unterstützen. Wir haben alle Familien, wir müssen arbeiten, ich meine, ich habe Glück, ich kann was mit Musik machen, mit meinen Aufnahmestudio…
Du bist also weiterhin in Fort Collins?
B: Genau, also wegen eben: In den letzten drei Jahren waren die Angebote für ALL Konzerte groß genug, damit wir alle unsere Miete zahlen konnten. Ich wurde dann jedoch sehr krank und war ein Jahr im Krankenhaus, als es mit ALL richtig losging. In der Zeit verloren wir alle untereinander ein wenig den Kontakt, plötzlich kam ein riesen Angebot aus Australien für die Descendents, dort aufzutreten für mehrere Konzerte. Ich rief Milo an und meinte „Lass uns das machen“. Du siehst, wir haben keinen Masterplan, wir haben Spaß, wir warten ab. Heute bei dem Konzert gab es Schwierigkeiten, okay, aber normalerweise ist die ideale Situation die: Musik machen, Spaß haben und davon die Miete zahlen, ok, das ist eigentlich auch schon wieder eine utopische Situation!
Wie war es denn in Australien? Da gab’s doch auch ein sing-a-long-Konzert mit verschiedenen Gastsängern, die für den heiseren Milo gesungen haben?
Karl (K): Punkrock ist halt nichts für Pussies.
Häh?
K: Na ja, Punk ist halt nichts für Pussies, das ist ganz einfach! Im Punk können Sachen falsch oder schief laufen, dann merkst du aber erst, auf was und auf wenn es wirklich ankommst, so meinte ich das. Bei dem Australien-Konzert halfen Joey Cape und Fat Mike mit singen aus (die vermasselten auch die Texte, haha).
Milo sitzt ja gleich hinter mir, d.h. du bist jetzt nicht sauer auf Milo, weil es in London mit der heiseren Stimme noch mal passierte? Ich meine, das ist ja super, wenn einem die bekannten Punk-Kumpels aushelfen, andererseits ist es halt auch…
B: Ok, wir hatten dieses Mal mehr Konzerte am Stück, da müssen wir uns echt mehr vorbereiten und Milo muss vor allen an seinem Gesang mehr arbeiten, vielleicht ein Gesangstraining machen. Normalerweise spielen wir immer zwei Konzerte hintereinander, da gab es nie Probleme.
Wie erklärt ihr euch eure aktuelle Popularität, es gibt viel mehr Descendents-Shirt-Träger, das fällt total auf, finde ich?
B: Es ist jetzt 30 Jahre her, dass wir die Band machen. Wir sind normale Leute, die aufrichtige Songs schreiben, wir sind zwar hier und da etwas technisch unterwegs, aber sind nie die super Musiker gewesen, wir sind unprätentiös und machten die Band nie des Geldes wegen. Über die Zeit merkten das die Leute, dass wir so drauf waren und vielleicht hat es auch damit zu tun: Die Descendents waren nie cool, deshalb wurden wir nie uncool. Das Ganze wuchs einfach auch über die Jahre…
Was mich bei euch interessiert, euer Image, so die Kaffee-trinkenden, fischenden Nerds…
B (empört): Das ist kein Image!
Ja, schon klar, aber findet ihr nicht, dass ihr ein wenig understatement-artig damit spielt, dass ihr die outsider und die looser seid, die immer am Rand stehen, keine Freunde haben, nie die Traumfrau abbekommen… ich meine, ihr wart doch schon Anfang der 80er auf dem krassesten Label aller (Punk-)Zeiten, auf SST, da ist man doch einfach kein Outsider mehr?!
B: Nein nein, das ist völlig falsch von dir, du hast deine Fakten hier nicht richtig! SST hat Anfang der 80er vielleicht insgesamt 1000 Singles auf der High School verkauft, das war doch überhaupt kein Trend oder überhaupt ein populäres Label und…
Ja okay, am Anfang nicht, aber später wurde das Label zumindest in Deutschland Mitte/Ende der 80er total bekannt…
B: Ja, aber sie wurden ja nicht bekannt, da muss ich sie echt verteidigen, weil sie trendy Sachen machten, ich meine, sie machten fucking Minutemen oder Saccharine Trust, das ist… das kannst du doch nicht… die glaubten an ihre Sachen!
Das ist ja unbestritten, aber wenn ihr davon singt, „Couldn´t sell out a telefone booth“ und dann wart ihr vorgestern Headliner in Belgien auf dem Groezerock, das ist doch kein Outsider-Status mehr?
K: Es war einfach ein sehr langer Weg, das musst du auch sehen, ist das Ganze überraschend für mich? Fuck ja!
B: Schau mal, ich bin seit 1978 Bill Stevenson und mache Musik! Ich glaube nicht, dass ich nutzlose Musik gemacht habe und etwas unverdienterweise zugesprochen bekomme. Der Fakt ist, dass wir so viele Fans haben, die für uns durchs Feuer gehen würden, das liegt einfach auch daran, dass wir viel in die Band an Kraft reingesteckt haben.
Das verstehe ich ja alles und ich mag euer Band ja auch total, nur halt dieses Looser Image finde ich irgendwie unpassend, in den 90er wart ihr auf dem größten Indie-Label weltweit, auf Epitaph, dann kam die Platte auf Fat Wreck, das sind einfach keine mini-outsider Label, ich gönne euch ja von ganzem Herzen den Erfolg, versteh mich nicht falsch, es geht hier nicht um Sellout-Diskussionen, ich finde es halt bemerkenswert, dass ihr darüber singt, wie draußen vor ihr seid und parallel halt auf den bekanntesten Punklabels veröffentlicht und so… das ist einfach ein Outsider-Image etwas schräg.
K: Hmh, ja aber „Image“, das ist so ein Scheisswort! Wir sind wir selber, wir sind kein Konstrukt, von daher versteh ich nicht ganz, was du uns mit diesem Nerdimage unterstellen willst?
B: Ich war in der High School das Ziel für Hotdog-Würfe der Sportjocks, das ist so gewesen, das habe ich doch nicht erfunden! Heute, durch Internet und früher MTV, da konnte eine erfolgreiche Band leicht ein vorfabriziertes Ding sein, aber hey, wir als Descendents, wir haben doch keine Ahnung! Nur eine Sache wissen wir: Wir sind echte, non-fiction, Leute. Hier, Milo schreibt gerade, ob der Fakt, dass wir heute viel Publikum haben, ob das unsere Vergangenheit annulliert! Das ist richtig, wir haben ja früher in den kleinsten Läden gespielt, daher kommt das ja mit „Wir können noch nicht mal eine Telefonzelle ausverkaufen“…
Ja gut, aber eure damaligen live Platten schon zu SST Zeiten, die „Hallraker“ und die andere, das waren doch nun auch wiederum keine Kleinstläden?
B: NEIN, das stimmt einfach nicht, was du hier gerade sagst, wir spielten in Nebraska in den 80er vor NULL Leuten! In den späten 80er gab es auch mal Konzerte vor 500-700 Leuten, ja, aber MEISTENS kamen 15 Leute…
K: Die Descendents war in den 80er Jahren meine Lieblingsband, und bald spielte ich bei ihnen mit, das war echt klasse. 1985 oder war es 1986, da gab es Konzerte, wo außer den Vorbands und ihren Freundinnen niemand als Besucher anwesend war, deshalb ist das mit dem „couldn´t sell out a telefone booth“ echt keine Übertreibung. Über eines dieser leeren Konzerte schrieben wir ja dann den Song „Hürting Crüe“ (Anm. Jan: Auszug aus dem (tollen) Song „Fifteen hippies drinkin‘ Coors / Yelling at us to play „Free Bird“ / Needless to say, all of our pay went into the tank”)!
B: Ist schon besser, jetzt Publikum zu haben, haha.
K: Wenn die Leute deine Songs auswendig können und diese damals noch gar nicht geboren waren, dieses Gefühl ist einfach unglaublich schön!
B: Und man muss auch sagen: wir hatten Glück! Es gibt diese bestimmen Epochen in der Musik und wir waren bei einer dieser entscheidenden Epochen live dabei, der Punk-Bewegung in Los Angeles in den späten 70er bzw. frühen 80er Jahre. Durch diese Bewegung wurden wir massiv beeinflusst, das war ein unglaublicher Lern- und Kreativitätsschub, Bands wie die Weirdos, X, Bags, das war einfach total krass. Wir kommen aus dieser Ära, aus dieser Stadt und konnten damals diese ganze Großartigkeit der Punk-Bewegung aufnehmen, wenn wir aus einer anderen Stadt und einer anderen Zeit gekommen wären, das wäre sicher alles dann nie so passiert, womöglich. Aber wir kommen halt daher, deshalb hätten wir sonst nie den Erfolg gehabt, den wir heute haben, denke ich.
Ok, danke erst mal soweit, ein paar leichtere Fragen… Bill, dein echter Name ist John William Stevenson, wie kommt da der Spitzname Bill zustande?
B: Bill ist die Kurzform von William, mein Vater heißt auch William, er war der große, ich der kleine Bill, du siehst, ich hatte keine Wahl, haha.
Ah, interessant, cool, was gelernt, das wusste ich nicht, das Bill die Kurzform von William ist. Du bist in Torrance in Los Angeles geboren, hey, großartig, das war ja auch der Stadtteil, in dem Dirg Diggler in dem Film „Boogie Nights“ aufgewachsen ist?
B: Ich höre deine Worte, aber ich verstehe dich nicht, was meinst du???
Dieser Film, „Boogie Nights“, der Typ in dem Film bzw. der Anfang des Films spielt auch in Torrance…
B: Ah, yeah, haha, das wusste ich nicht, dass das in dem Film so ist. Ich wurde in einem Krankenhaus in Torrance geboren, wir lebten aber in Hermosa Beach, dort begann alles auch für die Descendents…
Du produziertest THE LAST für SST, jetzt spielst du genau wie Karl selber bei ihnen mit und sowohl über SST als auch The Last haben wir vor einiger Zeit berichtet. Werden wir irgendwann The Last auch mal live in Europa erleben dürfen?
B: Joe hat immer noch gesundheitliche Probleme mit seiner Hand, deshalb weiß ich zurzeit nicht, was gerade mit The Last los ist. Joe Nolte, Mann! Er hat meiner Meinung einfach die besten Songs aller Zeiten geschrieben, neben den Carpenters, Beach Boys… Als ich ein Teenager war, hörte ich viel Popmusik, aber dann kamen andere Einflüsse, Alley Cats, frühe Black Flag, The Last; wenn man das alles in einen Mixer rührt, dann hat man Descendents.
Wie ist das für dich, wenn Bands euch als Vorbilder haben?
B: Wir sind einfach Teil eines zeitlichen Kontinuums, wie ein Fluss kann man sich das vorstellen, es gab Bands vor uns, es wird Bands nach uns geben, wir klauten viel bei anderen, andere bei uns…
Was hört ihr so an neueren Bands?
B: Ich mag „Old Man Markley“, finde „A Wilhelm Sceam“ super und auch „Rise Against“.
K: Throw Rag! Sie sind gerade die schmutzigste Band überhaupt, geil. Dann gibt’s auf dem letzten Propagandhi-Platte „Supporting castle“ einen Song, da wünschte ich mir, ich hätte den geschrieben. „Less Than Jake“ sind super, es sind auch Freunde von uns.
Auf einem vor einiger Zeit erschienenen Bootleg namens „Milo Gets Bootlegged (Fanclub/2010)“ gibt es einen Song „DOUG RIDES A SKATEBOARD“, den kannte ich gar nicht, ist das ein neuer Song?
B: Nein, „Doug rides a skateboard“ ist ein alter Song, der noch auf die „Everythings sucks“ Sessions zurückgeht.
Wie ist eigentlich dein Verhältnis zu SST? Ich habe mal gelesen, dass du gut von Tantiemen von SST leben kannst, das überraschte mich, weil das bedeuten würde, dass sie zahlen? Einige alte Trustler wollten von euch auch wissen, wie ihr fürs Alter vorgesorgt habt, haha.
B: Sporadisch waren sie immer, ja, aber ich will aus juristischen Gründen hier nicht weiter ins Detail gehen. Ich möchte dazu einfach nix sagen. Generell ist das Verhältnis nicht mehr das, was es mal war. Greg war damals mein bester Freund.
Stichwort Black Flag, es gibt ein altes Zitat aus einem alten Trust- Interview mit dir, in dem du sagtest, „Als ich dann zu BLACK FLAG kam, war ich sehr ignorant und intolerant, dafür aber gut am Schlagzeug“…
B: Yeah, das stimmt immer noch. Ich wurde über die Jahre etwas entspannter, ich war früher sehr engstirnig, das kam durch die konservative Erziehung meines Vaters, ich bin jetzt 47 Jahre alt, immer noch nicht „laid back“, aber ich hoffe, doch etwas lockerer…
Was hältst du eigentlich von OFF! ?
B: Keith ist neben Milo mein ältester Freund, der noch lebt, ich bin da zu beeinflusst, sorry. Bei einigen Songs, bei bestimmten Akkorden, da denke ich mir, das kenne ich doch von irgendwo her, haha. Aber ich mag OFF!, genauso wie die Circle Jerks.
Kommen wir zurück auf die Descendents. Ihr covert sehr wenig, eigentlich gibt es nur „Wendy“ von den Beach Boys und auf der „Cool to be you“ die nette Germs Anspielung „We must bleed / We must read“, wie kommt das?
B: Wir sind in der Regel vier Leute, die Songs schreiben, und alle wollen etwas aussagen, deshalb gab es nie groß Platz für Coverversionen, das ist alles.
Euren Song „Days are blood“ liebe ich sehr, so ein großartiger „gegen Arbeit“-Song, aber ich muss sagen, ich liebe die erste und zweite Platte am meisten. Worum ging es eigentlich in dem Song „No fat beaver“ von der gelben Platte, ich weiß, auf dem Backcover waren die Texte abgedruckt, aber ich verstehe es nicht.
B/K: “Not Fat Beaver”??? Worum es in dem Song geht? Ha ha ha! Das ist deine Frage???
Äh ja, ich weiß es halt einfach nicht, „beaver“ ist der haarige Busch, also Schamhaar, also „Keine Frauen mit dickem / vielem Schamhaaren“, also rasierte Frauen? So?
B: Ha ha ha ha, nein nein nein! Das ist einfach ein Song über eine total fette Frau, haha. Ernsthaft jetzt, im Nachhinein ist das schon sehr ärgerlich, dieser Songtext.
K: Schau dir uns an, wir sind wirklich nicht in der Lage, ernsthaft gegen übergewichtige Menschen zu sein! Es gibt Songs, die sind uns doch etwas peinlich… Du weißt also, das im Englischen „beaver“ ein Euphemismus für Vagina ist, oder? Also, und…
Ahhh! Und Vagina wiederum ein „Euphemismus“ für Frau, deshalb?
K: Jaaa… „No fat beaver“ war ein Song, den wir auf der High School geschrieben haben. Wir würden so was heute nicht mehr machen, also einen Song über übergewichtige Frauen. Im Leben gibt’s Songs, von denen du wünschtest, sie nie geschrieben zu haben, noch mal, offensichtlich glauben wir nicht, dass es lustig ist, über übergewichtigere Frauen zu singen, aber damals erschien es lustig, ja, Scheisse. Genau das gleiche mit dem Ausdruck in einem unseren Songs, „You fucking homo“… Damals war das in USA ein Slang, ein Begriff ohne sexuellen Gehalt!

Aber dieses Abwertende, ja, es ist furchtbar, ja, ich bedaure das sehr!!! Meine Schwester ist lesbisch, ich hoffe, sie kann uns irgendwann vergeben, wir haben mit Homophobie nichts zu tun und sind nicht homophob!!! Der Song gehört in die Ära, in der er geschrieben wurde, doch seitdem kriegen wir den Song um die Ohren gehauen, deshalb bitte bitte bitte, ich entschuldige mich wirklich sehr. Punkrock war damals, also die frühe Szene, damals hattest du total viele Schwule in der Szene!!! Mexikaner, Schwarze, alles „rejects“, also, du konntest damals überhaupt nicht anti-gay sein in dem damaligen „Setting“ der Szene.
B: „Fat beaver“ war von Milo geschrieben, hier, er schreibt gerade, „I was a teenage sexist“… Alle hier im Raum haben Sachen gesagt, bei denen wir uns wünschten, wir hätten sie nie gesagt, insofern… ja, ah, Milo schreibt noch: „I was very un-PC in the Eighties“ Es tut uns sehr leid. Wir sind nicht gegen Schwule! No fucking way.
Wow, cool, das zu hören, war jetzt gar nicht direkt die Frage und das mit dem „You fucking homo“ wollte ich fragen, fand das aber dann zu speziell, deshalb aber cool, die deutlichen Worte von euch zu hören! Mein Lieblingssongs von Descendents, dazu habe ich noch eine Frage, ich liebe „Can´t go back“ und natürlich „Bikeage“, vielleicht möchtet ihr dazu was sagen, gerade „Bikeage“, was heißt der Titel im Zusammenhang mit dem Songtext, da geht’s ja um eine verdrogte Minderjährige, soll die also die Drogen lassen und, äh, Fahrrad fahren (Notiz an mich selber: face palm!)?
B: Du weißt, wir immer „-age“ an Songs dranhingen, meistens, um darauf hinzuweisen, von wem der Song kam?
Ja klar.
B: Genau, und so war es bei „Tony-age“, „my-age“, „came-age“, das war halt ein Joke (Titel).
Am Ende dann noch kurze Frage, kurze Antworten… Was haltet ihr von Jesus and Mary Chain?
B: Ich mag einige ihrer Songs.
K: Geiler Sound! Wall of distortion!
Was macht Tony Lombardo heute?
B: Wir sehen uns einige Male im Jahr, wir sind immer noch gute Freunde.
RIP Frank Navetta, wie war der Kontakt zu ihm in den Jahren vor seinem Tod?
K: (weint)…sorry, ich bin sonst nicht so emotional, aber…Gott, ich vermisse ihn…
B: …
Äh äh, sorry, ja, ein „guter“ Zeitpunkt, das Interview zu beenden, dank euch für die Zeit.
Bill: Wie vor dem Interview schon gesagt, euer Support vom Heft über all diese Jahre, das ist absolut großartig! Es fühlt sich so an, als dass wir euch seit 25 Jahren kennen, was soll ich sagen, das ist einfach total super.

Kontakt: descendentsonline.com

Text / Interview: Jan Röhlk, Marc Gärtner
Fotos: Marc Gärtner

***

Filmage – eine Doku über die Descendents und All

Es war nur eine kurze Facebook-Nachricht, die mich auf „Filmage“ brachte: So nennen Deedle Lacour und Matt Riggle ihren Film über die Descendents und über All, den sie seit einigen Monaten drehten. Weil die beiden auch zum Punkrock Bowling nach Las Vegas kamen, meldete ich mich kurzerhand bei ihnen: Sie suchten Fans, die über ihre Liebe zu den Bands erzählten (ich bin wohl der einzige, der viel über All redete), im Gegenzug sprach ich kurz mit Deedle über das Projekt.
Wer noch Material über die Band hat, soll sich übrigens unbedingt bei ihnen über die Webseite (www.filmagemovie.com) meldet – gerade aus Europa hätten die Regisseure noch Bilder, Videos oder Flyer.

Wie bist du dazu gekommen, einen Film über die Descendents und All zu drehen?
Ich schneide Filme für andere Leute – Werbeclips, Filme, alles mögliche. Zugleich bin ich seit Jahren ein großer Fan der Band, sowohl der Descendents und von All. Ich habe angefangen, Dokumentationen zu schneiden. Ich liebe Dokus und besonders solche über Bands. Stephen hat meine eigene Band aufgenommen und produziert, wir sind in den vergangenen fünf, sechs Jahren gute Freunde geworden. Die Idee hat sich dann zwischen Matt Riggle und mir entwickelt. Es gibt bislang nichts über die Descendents, nicht mal Bücher, obwohl die Band so einflussreich war und solch große Bedeutung für den Punkrock hatte.
Deswegen ist „Filmage“ der ultimative Film, den ich machen möchte. Zum Glück haben wir die Möglichkeiten dazu. Warum gerade jetzt? Liegt das daran, dass die Band derzeit wieder aktiver wird?
Die Idee ist ein paar Jahre alt. Damals hat die Band wirklich gar nichts gemacht. Selbst All spielten kaum noch Shows. „Cool To Be You“ war zu dem Zeitpunkt auch schon einige Jahre alt. 2009, als wir loslegten, sah es so aus, als ob die Band so langsam verschwinden würde. Als die Descendents das Fun Fest 2010 in Houston spielten, wussten wir, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ernst zu machen. Bis dahin hatten wir nur darüber geredet. Die Band spielte wieder, Bill war wieder gesund, nachdem er einige gesundheitliche Probleme hatte. Er war beinahe vom Tod wieder auferstanden. Das war beinahe eine Wiedergeburt der Gruppe.
Warum gibt es deiner Meinung nach nichts über die Band?
Gute Frage. Die Szene, aus der die Band stammte, war weit politischer und wurde viel stärker beleuchtet – etwa in Filmen wie „American Hardcore“. Mich überrascht das schon. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Descendents eine ikonische Band sind, aber viele Descendents-Fans keine All-Fans sind. Das sieht man deutlich, wenn man zu den Shows geht. Bei All sind ein paar hundert Fans anwesend, bei den Descendents ist eine Halle von 1500 bis 2000 Leuten ausverkauft.
Unterstützt euch die Band?
Sie stehen definitiv hinter uns. Das wird schon eine offizielle Dokumentation über die Band. Die Band arbeitet mit uns, sie sorgt dafür, dass wir bei den Shows drehen können. Wir können sie interviewen. Ich kenne aber nicht alle Mitglieder persönlich, unsere Beziehung entwickelt sich noch. Ich kenne vor allem Stephen sehr gut.
Ist das auch ein gewisser Druck? Seid ihr versucht, die Band vor allem positiv darzustellen? Wie unabhängig seid ihr?
Das haben wir mit der Band noch nicht besprochen, wir werden das aber irgendwann besprechen müssen. Wir haben eine Idee, was für einen Film wir machen wollen. Und wir sind definitiv Fans. Aber wir wollen alles drin haben – „The Good, The Bad, and The Ugly“. Schließlich wollen wir eine tolle Geschichte erzählen. Das Gute überwiegt die schlechten Seiten allerdings bei weitem. Es gibt Höhen und Tiefen, aber die gibt es bei jeder Band, zumal die Descendents seit 30 Jahren existieren. Schließlich reden wir hier vom Musikgeschäft und von Punkrock. Bill Stevenson ist eine sehr direkte Person, er kontrolliert die Band. Am Ende wird es wohl ein Geben und Nehmen zwischen beiden Seiten.
Und ihr sucht immer noch Material?
Definitiv. Wer Material hat, soll sich über unsere Webseite melden – Video-Aufnahmen, Fotos, Flyer. Dies ist ein Punkfilm, der „down and dirty“ sein soll und damit auch der Band entspricht.
Wann kommt der Film raus?
Unser Ziel ist das „South By Southwest“ im März 2012. Das ist schon bald, aber wir arbeiten dran.

http://www.filmagemovie.com/Filmage.html

Interview: Dietmar Stork

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