Februar 17th, 2007

DEAD KENNEDYS (#88, 06-2001)

Posted in interview by andreas

„Kill Your Idols – before they make idiots out of themselves“. So überschrieb das amerikanische Magazin Punk Planet vor gut zwei Jahren einen Artikel über den Streit zwischen Jello Biafra und den restlichen drei Mitgliedern der Dead Kennedys. Man könnte es bösartig formulieren:

Diese Chance ist mittlerweile ungenutzt verstrichen. Denn der Prozess zwischen den Bandmitgliedern lag damals noch in der Zukunft. Inzwischen ist ein Urteil gegen Biafra gefällt worden. Als vorläufiger Höhepunkt wurden jetzt fast alle Alben der Band über Decay Music beziehungsweise Plastic Head wiederveröffentlicht. Ausserdem gibt es ein erstes offizielles Live-Album.

Währenddessen darf Biafras eigenes Label Alternative Tentacles, bisher Heimat der Band, die Platten nicht mehr vertreiben. Ein unwürdiger Streit innerhalb einer der wichtigsten Band, die es je im Hardcore gegeben hat. Die eigentliche Ursache für die heutigen Probleme dürfte sehr weit zurückliegen. Vermutlich lässt sich die ganze Wahrheit nicht mehr herausfinden, aber dass es dabei um ein übergrosses Ego auf der einen und Eifersucht auf der anderen Seite geht, ist wohl mehr als nur eine blosse Spekulation.

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Wer Jello Biafra einmal persönlich kennen gelernt hat, weiss, dass der Mann ausgesprochen bestimmend ist. Und vermutlich war er damals bei den Dead Kennedys so etwas wie der „Banddiktator“. Ob sich das auch durch seinen kreativen Input rechtfertigen liess, ist die grosse Frage. In dem Gerichtsprozess ging es unter anderem auch um die Frage, wer die Songs geschrieben hat. Die drei anderen Ex-Mitglieder East Bay Ray, Klaus Flouride und D.H. Peligro sagten aus, die Songs stammen von ihnen – nachdem jahrelang andere Credits auf den Platten angegeben waren, ohne dass sich einer von ihnen daran störte.

Dass Jello Biafra der Kreativste von ihnen ist, bewies er allerdings hinlänglich durch seine Platten unter anderem mit Ministry unter dem Namen Lard, mit D.O.A. oder No Means No, auch wenn das neueste Projekt – die No WTO Combo – verhältnismässig schwach ist. Und da kommen die anderen drei Bandmitglieder ins Spiel. Auch sie versuchten sich an einer Karriere nach dem Split der Gruppe, der aber keinem auch nur annähernd gelang. D.H. Peligro spielte mal Schlagzeug bei Nailbomb, einem Seitenprojekt von Max Cavalera (Sepultura, Soulfly) und Alex Newport (Fudge Tunnel).

Das ist aber auch schon so ziemlich der bekannteste Name. Zugegeben, ich kenne die anderen Soloalben nicht. Ich kenne auch niemanden, der sie besitzt. Und das spricht nicht gerade für die Qualität der Platten. Jedenfalls werden die Dead Kennedys, je weiter die Existenz der Band in die Vergangenheit rückt, immer mehr mit Jello Biafra gleichgesetzt, während die drei Anderen in Vergessenheit gerieten. Dass da Neid oder Eifersucht aufkommen kann, dürfte nur menschlich sein.

Der Hass aufeinander muss jedenfalls gross sein. Das deuten beide in den jeweiligen Interviews an. „Er sollte wie ein Mann zu seinen Fehlern stehen und sich entschuldigen“, ist noch das Netteste, was Ray über seinen alten Bandkollegen sagt. Die weniger nette Variante: „Jello ist wie Slobodan Milosevic.“

Biafra hat aber auch keine Scheu vor saftigen Vergleichen. „Jetzt haben die Wahnsinnigen nicht nur die Irrenanstalt übernommen, sondern sie plündern sie auch noch.“ Diese Wut aufeinander und vermutlich auch das weiterhin schwebende Gerichtsverfahren, nachdem Biafra im März Berufung eingelegt hat, machen es so schwierig, die Beiden zu interviewen. Jello redet zunächst, als würde er seine eigene Presseerklärung vorlesen, Ray wirft jedem, der eine kritische Frage stellt oder eine andere Meinung als er hat vor, wahlweise ein „spokesman“ Biafras oder von ihm infiltriert worden zu sein. Nach dem Interview schickte er dafür über Tage hinweg E-Mails, um sicherzustellen, dass man ja die Wahrheit (also: seine Version) schreibt. Wenn das so einfach wäre.

„We don`t destroy society in a day
Until we change ourselves first
From the inside out
We can start by not lying so much
And treat people like dirt
It`s easy not to base our lives
On how much we can scam“
(aus: „Stars and Stripes Of Corruption“)

Die finanziellen Diskrepanzen, die 1997 zum offenen Krieg zwischen den Parteien führten, gehen auf das Jahr 1989 zurück, so viel steht fest. Was aber exakt passierte, davon gibt es genau so viele Versionen wie Beteiligte. „Es gab einen Fehler in der Buchhaltung, aber wir versuchten gemeinsam herauszufinden, woran der lag. Wir hatten unsere Bücher kontrolliert und konnten uns nicht erklären, warum die Zahlen nicht zusammenpassten“, ist Biafras Version.

Greg Werkman, 1989 General Manager bei Alternative Tentacles, später Biafras persönlicher Manager und heute zusammen mit Mike Patton Besitzer von Ipecac Records, gibt dem Sänger im Punk Planet zumindest teilweise Recht: Er habe 1989 ein veraltetes Formular bekommen, um die Royalties der Band auszurechnen. Daher erhielt die Band von 1989 bis 1997 zu wenig Geld. Um rund 76.000 Dollar soll es dabei gegangen sein. Und diesen Fehler habe er entdeckt, nicht Ray. Werkman sagt laut Punk Planet jedoch auch, dass Biafra den restlichen Bandmitgliedern eben nicht sofort mitgeteilt habe, dass ein Fehler gefunden worden sei.

Stattdessen habe Biafra das als Mittel für die Verhandlungen genutzt. Ray wiederum behauptet, er habe aus einer undichten Quelle bei Alternative Tentacles erfahren, dass die Gruppe zu wenig Geld bekomme. Er spricht von „Betrug“ und fühlt sich durch das Gerichtsurteil vom vergangenen Dezember bestätigt. Stein des Anstosses war übrigens eine erneute Erhöhung des Grosshandelspreises bei Alternative Tentacles im Jahr 1996. Die zusätzlichen Einnahmen wurden nicht an die Bands weitergege-ben, sondern sollten die gestiegenen Ausgaben des Labels decken. Und daran störte sich Ray.

Biafra betont jedenfalls, dass „sie (die anderen drei Mitglieder, DS) das Geld, das ich ihnen schuldete, ja sogar bekommen haben, bevor sie überhaupt Klage einreichten“.

„Glaubst Du, wir würden einen Prozess anstrengen, wenn Biafra uns das Geld gegeben hätte? Er hat uns nicht bezahlt“, entgegnet Ray. Biafra nennt einen möglichen Grund: „Das ist ein Rip-Off. Ich werde Alternative Tentacles zerstören“, habe der Gitarrist geschrieen, als die Band über die finanziellen Diskrepanzen informiert worden sei.

Denn eigentlich habe es eine Vereinbarung zwischen den vier Kennedys gegeben. Biafra will sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern können. „Im Prinzip sollten die Dead Kennedys auf Alternative Tentacles bleiben und dafür unglaublich hohe Royalties bekommen.“ Ray aber habe diese Vereinbarung abgelehnt. „Er meinte, er würde lieber vor Gericht ziehen, weil er sich so mehr Geld erhoffte. Mein Anwalt sagte, in den 35 Jahren seiner Karriere habe er noch nie erlebt, dass jemand eine bereits geschlossene Vereinbarung widerrief und vor Gericht zog. Sie sind betrunken vor Gier.“

Und an diesem Punkt kommt Levi`s ins Spiel – einer Jeansfirma mit einer brillanten Marketingabteilung, die es schafft, alte und sehr oft auch coole Songs noch einmal zu Hits werden zu lassen. Aber letztlich auch einem Unternehmen, das streng wirtschaftlich arbeitet.

Als sich Levi`s laut Biafra an die Dead Kennedys gewandt haben soll, hatte das Unternehmen gerade Teile der Produktion ins billige Asien verlagert, um teure Produktionsstätten in den USA schliessen zu können. Für amerikanische Bekleidungsunternehmen (und nicht nur für die) ein ganz normaler Vorgang, muss man zynisch sagen. Für linke Globalisierungsgegner wie Biafra und seinem gesamten Umfeld hingegen eine Horrorvision. Der Sänger hätte dem Wunsch, ausgerechnet „Holiday in Cambodia“ für Werbezwecke zu benutzen, gar nicht zustimmen können.

Biafra hätte sich auf der Stelle unglaubwürdig gemacht. East Bay Ray lässt sich ungerne auf die Jeans-Werbung ansprechen – das sei eine erlogene Geschichte, die Biafra in die Welt gesetzt habe, um ihn zu diskreditieren, sagt er. Wer von beiden die Wahrheit sagt, lässt sich kaum mehr heraus finden. Wenn aber Biafra Recht hat, ist diese Episode eine der peinlichsten, die man je von einer politischen Band je gehört hat. „Ray war erst gar nicht dafür, ‚Holiday in Cambodia‘ für eine Werbung zu geben. Derjenige, der am meisten darüber redete, war Klaus. Später drängte allerdings auch Ray. Klaus sagte zu mir: ‚Wenn sich die Leute darüber aufregen, kannst Du ja mit den Medien reden und erklären, dass wir das gemacht haben, um Geld für wohltätige Zwecke zu bekommen. Dann spenden wir fünf Prozent und behalten den Rest.‘ Klaus wollte, dass ich die Leute belüge, damit er reicher wird.“

Es kam also zu dem Prozess vor einem Gericht in San Francisco – und da ging es unter anderem um zwei Fragen: Wer hat damals die Lieder geschrieben, und wem gehören sie nun? Die erste Frage sollte eigentlich leicht zu beantworten sein. Immerhin sind seit 20 Jahren auf den Alben der Dead Kennedys genaue Autorenangaben zu lesen.

Und danach hat Biafra fast alle Texte und einen Grossteil der Musik geschrieben. Die Jury entschied aber, dass das falsch ist. „Wir haben alle Lieder zusammen geschrieben. Aber Biafra machte immer das Artwork, ohne dass es einer von uns vorher sah. Dabei hat er sich selbst als Autor genannt. Was auf den Platten steht, ist falsch.“

Das gaben East Bay Ray, Klaus Flouride und D.H. Peligro so auch vor Gericht an. Aber genau an dieser Stelle bröckelt die Argumentation Rays: „Wenn das die Wahrheit wäre, hätten sie all die Jahre niemals auf ihre eigenen Platten geschaut“, entgegnet Biafra. Ray behauptet sogar, dass er das Label bis 1986 geleitet habe, bevor es Biafra übernahm. Der Sänger bestreitet das und sagt, Ray sei geringfügig finanziell beteiligt gewesen – mehr aber nicht.

Sollte er Alternative Tentacles wirklich in der Zeit geführt haben, als alle wesentlichen Platten der Dead Kennedys erschienen sind (nur der Sampler „Give Me Convenience Or Give Me Death“ kam später), dann war er damals entweder ein schlechter Labelboss oder heute ein grosser Lügner.

Denn der Fehler hätte ihm da schon auffallen müssen. Aber es wird noch schlimmer: Auf der neuen CD-Version von „Give Me Convenience“ sowie auf der Liveplatte „Mutiny On The Bay“ wurden die Autorenangaben dahingehend geändert, dass Flouride, Ray und Peligro alle Songs gemeinsam mit Biafra geschrieben haben sollen. Allerdings stieg Peligro erst nach „Fresh Fruits For Rotten Vegetables“ in die Band ein, an Liedern wie „Holiday In Cambodia“ oder „California über Alles“ kann er also gar nicht beteiligt gewesen sein.

Da werden nun zwar folgerichtig, aber offensichtlich falsch beide Schlagzeuger als Co-Autoren genannt. Dass eine angebliche Lüge durch eine offensichtliche ersetzt wurde, spricht nicht gerade für das Urteil. „D.H. Peligro hat die Credits aus rechtlichen Gründen bekommen. Das ist sehr kompliziert, aber wir mussten es tun, weil ihm ansonsten Biafra die Rechte gestohlen hätte“, ist die etwas schwache Erklärung des Gitarristen.

Was die Frage der Rechte angeht, so ist diese noch weit schwieriger zu beantworten. Laut Ray gründeten die Dead Kennedys 1981 Decay Music, unter deren Namen die Platten nun auch veröffentlicht werden. Alternative Tentacles habe es erst weit später gegeben. Allerdings: Laut der Flex-Discography, einer zuverlässigen Quelle, ist schon die erste Single von 1979, „California über Alles“, bereits auf Alternative Tentacles erschienen.

Und ab 1981, ab „Too Drunk To Fuck“, kamen dann alle Platten zumindest in den USA unter diesem Labelnamen heraus. Richtig ist jedenfalls, dass „Fresh Fruits“ beim englischen Label Cherry Red erschienen ist, die die Platte auch weiterhin an Alternative Tentacles lizensieren. Deswegen ist das Debüt auch die einzige LP, die jetzt nicht über Decay Music kommt. Der Name Decay taucht allerdings auf dieser Platte überhaupt nicht auf.

Genau genommen liegen die Veröffentlichungsrechte der ersten beiden LPs bei Virgin Music. Erst auf dem „Frankenchrist“-Album, also 1986, wird Decay explizit genannt. Die reinen Angaben auf den Platten stützen also Rays Angaben nicht. Andererseits muss es eine Vereinbarung aus dem Jahr 1989 geben, die laut Biafra nur regelt, „wie sämtliche Einnahmen aufgeteilt werden sollen. Abgesehen von der Richterin und der Jury habe alle diese Vereinbarung so interpretiert, dass es nicht darum geht, wem die Lieder gehören“.

Aber wohl auch wegen dieser Vereinbarung verlor er den Prozess. Biafra hofft allerdings, dass er in der Berufungsverhandlung Recht bekommt. Ansonsten wird ihn die Sache noch teuer zu stehen kommen: Der Anwalt der Rest-Kennedys rechnete nämlich Einnahmeverluste aus, weil Alternative Tentacles nicht regelmässig für die Band Werbung gemacht habe und weil sie nicht ständig im Rolling Stone oder auf MTV gewesen seien. „Und das soll die Band sein, die einst ‚MTV Get Off The Air‘ geschrieben hat.“

Jetzt haben Decay Music aber erst einmal alle Platten der Band mit Ausnahme des Debüts erneut auf CD herausgebracht und zugleich das erste offizielle Livealbum veröffentlicht, während Alternative Tentacles ihre Version nicht mehr verkaufen dürfen. Biafra schäumt darüber geradezu vor Wut. Immerhin haben die restlichen Kennedys mit dem englischen Vertrieb Plastic Head zusammengearbeit. „Ich fühle mich betrogen. Als ob sie mir ein Messer in den Rücken gerammt hätten. Wir hatten einen exklusiven Vertrag mit Plastic Head, und der Besitzer gab mir sein Ehrenwort, dass sie nichts mit den Dead Kennedys machen würden, wenn ich dem nicht zustimme.“

Die neuen CD-Versionen wurden laut Ray noch einmal digital remastered. „Die bisherigen Master stammen aus dem Jahr 1988, seitdem ist die Technik viel besser geworden.“ Ein erster flüchtiger Vergleich ergab allerdings keine wesentlichen Unterschiede. Aber immerhin sind die neuen, in England hergestellten CDs weit billiger als die importieren Versionen von Alternative Tentacles.

Eine offizielle Live-CD der Band war längst überfällig. Bisher war das Bootleg „Skateboard Party“ (wahlweise auch unter dem Titel „Forward To Death“ bekannt) Mass aller Dinge. Immerhin hatte laut Ray ein deutscher Radiosender 1982 ein Konzert der Band ausgestrahlt, das der Bootlegger mitschnitt – entsprechend ist auch die Qualität der Aufnahmen. „Das Bootleg ist wohl das beste, was es gibt, während die meisten anderen Dreck sind“, sagt der Gitarrist. Biafra ist „Mutiny On the Bay“, das natürlich eindeutig besser klingt, trotzdem peinlich. Biafra zählt alleine in „Police Truck“ elf Fehler, die Ray auf der Gitarre gemacht haben soll.

„Er macht fürchterliche Fehler in so ziemlich jedem Song. Und das ist ihm nicht jeden Abend passiert. Es ist unglaublich, wie wenig stolz Ray auf seine Arbeit ist.“ So schlimm ist „Mutiny On The Bay“ allerdings ganz und gar nicht. Die Platte ist wirklich gut. Sie zeigt sehr wohl die Energie, die die Dead Kennedys live ausgestrahlt haben müssen. Da muss auch nicht jeder Song perfekt sein. „Aber sie ist nicht annähernd so gut, wie eine Live-Platte der Dead Kennedys sein sollte. Ich wäre bereit gewesen, sehr viel Arbeit in das Album zu stecken, damit es gut wird. Stattdessen werfen sie ein schnell zusammengeschustertes Album auf den Markt, um mit dem Geld der Leute abhauen zu können. Sie behaupten, dass sie diese Platte wegen der Fans machen, aber sie machen sie wegen des Geldes. Ich weiss nicht mehr, wie oft Ray gesagt hat, niemand kümmere sich mehr um Politik und dass wir nach dem Gold streben sollten.“

Billig wirkt die CD tatsächlich. Es gibt ein paar Seiten mit Fotos und hinten einige wenige Informationen – das war es auch schon. „Wir dachten, zusätzliche Informationen wären nicht notwendig, weil es die Dead Kennedys schon so lange gibt“, erläutert Ray, der Besserung für die nächste Auflage verspricht. „Wir waren nach dem Urteil in Eile, die Platte herauszubringen.“

Ein seltsames Argument: Fürchtet da jemand, dass das gewonnene Glück bald schon wieder vorbei ist und man nun schnell kassieren sollte? Biafra ärgert sich aber auch über die verwendeten Fotos. Fast überall ist er zu sehen. „Sie benutzen mich, um die Platte zu verkaufen“, kommentiert Biafra.

Wie geht es weiter? Biafra ist überzeugt, dass er die Berufung gewinnen wird. Ansonsten, so seine Interpretation des Urteils, werde Decay Music im nächsten Jahr aufgelöst. Theoretisch könne dann jeder von ihnen eigene Versionen der Platten veröffentlichen. Und damit sei es auch möglich, dass „Holiday in Cambodia“ in einer Levi`s-Werbung zu hören sein wird.

„Mich würde nicht wundern, wenn mit den Songs für viel schlimmere Dinge geworben werden würde“, sagt Biafra. Schon jetzt ist „Police Truck“ in einem Skateboard-Computerspiel zu hören – allerdings in zensierter Version. „Das geschah hinter meinem Rücken. Ich habe nie die Verträge gesehen oder einen Pfennig dafür bekommen. Tony Hawk haben zunächst Alternative Tentacles gefragt wegen eines Songs. Auf Grund des Rechtstreits sagten wir Ray Bescheid und hörten dann nie wieder von ihnen. Einer zensierten Version hätte ich nie zugestimmt. Aber ich gebe zu, dass das Spiel auf alle Fälle Spass macht.“ Überhaupt glaubt Biafra, dass er fingierte Abrechnungen zu sehen bekomme und die restliche Band ihn nun ihrerseits betrüge. Und wenn er kein Recht bekomme, denke er darüber nach, komplett aus dem Musikgeschäft auszusteigen. Immerhin sei Alternative Tentacles schwer getroffen worden durch den Prozess, „und ich wollte nie Teil dieses ekelhaften Business werden“.

Wie schwer, möchte Biafra nicht sagen. Aber es lässt sich leicht ausrechnen, dass der grösste Teil der neuen Veröffentlichungen kaum Einnahmen bringt. Laut Punk Planet haben Alternative Tentacles alleine 1997 rund 83.000 Platten der Dead Kennedys verkauft, die Zahlen für die Vorjahre seien ähnlich hoch gewesen. Biafra bestätigt, dass die Dead Kennedys mit Abstand die verkaufsträchtigste Band auf seinem Label sind, auch wenn Lard zwischendurch besser gelaufen seien. Und diese Einnahmeverluste kann Biafra wohl kaum kompensieren.

Ray wiederum arbeitet gerade an mehreren Videos, die im Laufe der kommenden Monate erscheinen sollen. „Jello sass auf dem Material und wollte nichts veröffentlichen, so lange er kein Geld damit machen kann“, sagt der Gitarrist. Nun sei „die Demokratie in die Band zurückgekehrt“, so dass er 48 Stunden mit Videomaterial auswerten könne.

Ob die Dead Kennedys künftig auf einem Major-Label erscheinen könnten, sieht Ray ganz programmatisch, auch wenn er die Frage ganz und gar nicht mag. „Seit den Achtzigern gab es keine Angebote von irgendwelchen grossen Plattenfirmen (in den Anzeigen für die Wiederveröffentlichungen wird allerdings Bellaphon erwähnt, die zu einem Major gehören, DS). Biafra verbreitet das Gerücht, es gäbe solche Angebote, weil er sauer ist. Schliesslich kann er jetzt nicht mehr all das Geld machen. Was spricht gegen ein grosses Label? Es gibt viele kleine Punkrock-Labels, die ihre Bands ausgebeutet haben“, sagt er und denkt dabei auch an Alternative Tentacles. „Wir waren nicht Anti-Mainstream. Es gibt durchaus gute Dinge im Mainstream, denk an frühere Beatles-Platten. Uns ging es eher darum, dass die Menschen selber denken und Autoritäten in Frage stellen. Darum ging es auch in diesem Gerichtsprozess. Biafra benahm sich wie eine solche Autorität, wir stellten ihn in Frage und bekamen Recht.“ Eines zumindest dürfte uns erspart bleiben: Eine Reunion-Tour wird es wohl nie geben. Und damit machen sich für gewöhnlich andere Helden zu Idioten.

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Interviews/Text: Dietmar Stork

Links (2015):
Wikipedia
Homepage

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