April 20th, 2018

CRIPPLED DICK HOT WAX (#68, 02-1998)

Posted in interview by Jan

Schuljungenreport. Was ist erotische Musik?
Ein gewisser Rhythmus, die richtige Stim­mung, der passende Gesang, etwas schwül­stiges…

Unter dem Deckmäntelchen ‚Aufklärungsfilm‘ kamen in den blumigen 60er und 70er Jahren Filme in die Bahnhofs­kinos, die mit jeder Menge nackter Haut lockten. Obwohl Erotik mittlerweile per Fern­seher in jedes Wohnzimmer geliefert wird, erzielen die Privatsender mit den großteils albernen Nacktstreifen immer noch gute Zuschauerzahlen. Peter Blumenstock und Töni Schiefer haben etliche Soundtracks dieser Softerotikfilme herausgebracht:


Vor eineinhalb Jahren die Soundtracks zu Schulmädchenreport, zuvor den Sampler Vampyros Lesbos. Anlaß für eine Bestands­aufnahme inklusive Rück- und Ausblick.

„Wir hatten halt Lust ‚was zu machen, was uns Spaß macht, aber auch ein öffentliches Potential hat… und, äh, ja: natürlich auch ‚was für die in Deutschland nicht ganz so gut behandelte Schund­kultur“, erklärt Peter Blumenstock. Peter ist der Film(musik)fan – Töni hat mit Crippled Dick Hot Wax ein stilvolles Breitband-Label in den Schwarzwald gestemmt. Beide haben unab­hängig voneinander den Vampyros Lesbos-Soundtrack ‚rausgegeben. Peter zuerst. Schul­mädchen-Soundtracks boten sich also wun­derbar zu einer Zusammenarbeit an – zumal deren 72jähriger Komponist Gerd Wilden ein sehr dankbares „Opfer“ war: zu jeder Schand­tat bereit. Außerdem hatte Wilden alle Rechte auf die Musik und die Fotos in der Schublade liegen. Kein Problem also, eine historisch fundierte Sammlerausgabe ‚rauszubringen. Peter: „Die Fotos waren wichtig, um das Ganze etwas aus dem Bahnhofsmillieu hervorzuheben. Das war auch bei Vampyros Lesbos die Idee – alles in einen anderen Rahmen zu hängen.“

Die beiden Soundtracks sind die Klassiker im Programm von CDHW. Mittlerweile hat die „Schulmädchen-Klasse“ in Schwenningen weiteres Material geprüft, erforscht, gesichert und – etwas unbeabsichtigt – in den Easy Listening-Sandkasten eingestreut: Jess Franco- und Jerry Cotton-Soundtracks, der „Beat at Cinecittà“ Vol. 1 und 2, 68er Acid noch mehr Geld Wilden. „Das ist einfach gute Beatmusik!“, meint Peter, „das würde ich überhaupt nicht unter dem Trend ‚Easy Listening‘ sehen.“ Okay, schö­nere Bezeichnungen sind auf jeden Fall ‚Strip Hop‘ oder ‚Sleazy Listening’…

Schon Peters erster Alleingang mit Vampyros Lesbos sei jedenfalls völlig zufällig in diese Welle gera­ten. „Ich denke, es war bei Töni, unabhängig von mir, das selbe: Es ging uns einfach darum, gute Musik ‚rauszubringen. Wenn’s natürlich gerade auf einen Trend trifft, ist das wunderbar, weil die Sache dann mehr Potential hat.“ Damit ist wohl wirklich nicht in erster Linie kommerzielles Potential gemeint – obwohl der Verkaufserfolg mit 30.000 verkauften Schulmädchen-Alben (vor allem in England, USA und Japan) die ganze Arbeit sicher erleichtert.

Töni zum Trend ‚Easy Listening‘: „Es ist auch ein deutsches Problem, daß bestimmte Bereiche sofort in diese Ecke gesteckt werden. Wer sich die Vampyros Lesbos anhört wird schnell merken, daß es keine Musik ist, die zur Fahrschul- oder Supermarktbe­schallung geeignet ist. Das bleibt doch mehr einem James Last überlassen. In England oder Amerika wird das einfach unter ‚Exotica‘ oder ‚Soundtracks‘ einsortiert. Unter ‚easy listening‘ versteht man da Sachen wie Barry Manilow oder Frank Sinatra. Von daher ist natürlich, wenn der Trend zu Ende geht, schnell gesagt, „Oje, noch ’ne ‚Easy Listen­ing-Scheibe'“. Dabei geht es ja um Filmmusik: „Wir werden einen Teufel tun und ’ne Max Gre­gor- oder James Last-Compilation ‚raus-bringen.“

Fahrstuhlbeschallung ist nicht das Ding von CDHW. Und Geld braucht man auch nur zum Leben und Weitermachen.

Musik braucht Zusammenhänge

Und trotzdem: Für ge­wöhnlich macht kommerzieller Erfolg einen Unternehmer glücklich. Im Großwohnbüro der Schwarzwälder Kleinunternehmer aber ist immer wieder geheimnisvoll die Rede vom „Potential der ganzen Sache“. Wenn das Pro­grammheft auf Sat1 einen „Schmuddelfilm“ wie den Schulmädchenreport ankündigt, ziehen 1,5 Millionen ‚Aufklärungswillige‘ dezent die Gardinen zu. 1,5 Millionen sind tential! Aber die Kontakte zu Sat1, die es durchaus gab, sind fruchtlos geblieben. Peter: „Die stehen nicht dazu. Sie zeigen die Sachen weil sie immer noch ’n paar Leute damit vor die Kiste locken. Aber sie holen es eben nicht aus dem Schmuddelmillieu heraus und beleuchten es an­ders, so wie wir.“

Gerd Wilden hat die Sachen dagegen völlig richtig verstanden. In der Diskussion zwischen Peter und ihm und Töni ging es um das Phänomen Schulmädchenre­port oder Aufklärungsfilm. Oder um den Wirtschaftswunderfilm. Eine andere Frage ist, was eigentlich den Soundtrack von Soft­erotikfilmen so besonders macht. Okay, ‚Sex sells‘, aber darum ging es doch eben nicht, oder? Peter meint: „Der Unterschied ist weniger Genre-bezogen. Es gibt ihn zwischen den Ländern: Deutsche Filmmusik zu der Zeit ist sicherlich stark Edgar Wallace-bezogen, der Komponist Peter Thomas hat Leute wie Gerd Wilden stark beein­flußt. Italienische Filmmusik aus der Zeit ist experimenteller: Morricone, etc. Natürlich muß sich ’ne Musik, die für eine Spannungssequenz komponiert ist, anders anhören als ’ne Musik für ’ne Romantik- oder Erotik-sequenz…“

– Klar, es fehlen die Fickgeräusche… „Bedauerlicherweise konnten wir die Tracks nicht selber aussuchen. Das hat Gerd Wilden gemacht. Wir vermuten, er hat noch sehr viel mehr im Keller liegen.“ Wilden lebt in München, wo ihn Peter „irgendwann einfach“ angerufen hat: „Gerd Wilden hat über Jahrzehnte Sachen für’s Fernsehen gemacht: ‚Erkennen Sie die Melodie‘ und Volksmusik… Der war ganz dankbar für die Möglichkeit, mal was ganz anderes machen zu können.“ ‚Heidi‘ ist übrigens auch von ihm. ‚Lederstrumpf‘ auch. „Wilden hat auch an­spruchsvolle Sachen gemacht. Musik für ‚Die Festung‘, Lieder für Hildegard Knef, Heinz Rühmann, Zarah Leander. Er ist sicher neben Peter Thomas und Martin Böttcher einer der profiliertesten Filmkomponisten oder Komponisten im allgemeinen in Deutschland. Nur relativ unbekannt.“

In einem MTV-Trailer sieht man Wilden: Ein großer, hagerer Mann, der ein wenig an William Borroughs erinnert: Er lümmelt sich genußvoll in einem Einkaufs­wagen, den Busen-mit-Beinen durch die Straße schiebt, läßt sich im Striplokal von den beiden Haupt-attraktionen anmachen… Peter hat mir was voraus: „Ein Abend mit Gerd Wilden ist… ein bleibendes Erlebnis. Der kann unglaubliche Geschichten von den Dreharbeiten und der ganzen Zeit damals erzählen!“ Töni wirft ein, daß Wil­dens Lieblingsportarten „Seitensprung und Da­menbrustkraulen“ sind. (Das darf aber seine Frau nicht hören!) Es war offenbar kein Manko, in der Erotikbranche zu arbeiten.

Schließlich hat Heiner Lauterbach auch in einer Schulmädchenfolge mit’gespielt‘. „Das war damals genauso, wie irgendeine Serie abzu­drehen. Es ging auch da um Qualität. Und da war Schulmädchenreport mit einem Regisseur wie Ernst Hofbauer schon recht weit“, stellt Peter fest. „Natürlich: Wenn man sich die Filme heute an­sieht, ist das ein anderer Humor und es ist viel prüder als heute. Aber es war ’ne andere Zeit. Die Machart an sich verdient es aber, sich die Sache genauer anzusehen.“ Und anzuhören.

Ent­decken und retten, was gut ist

Ein kleiner Ausflug im Programm von CDHW führt von Gerd Wilden ziemlich direkt zu Jerry van Rooyens „At 250 miles per hour“. Van Rooyen hat in den 60er/70er Jahren Musik für Attila-Film geschrieben, allerdings nur wenig. Heute ist er Leiter des WDR-Rundfunkorchesters in Köln. Für Töni zeigt die Auswahl der jazzigen, coolen Titel auf der CD mit das Beste, was damals an Filmmusik aus Deutschland kam. Die Bänder von den LPs, die damals in 500-Stück-Kleinstauflagen erschienen waren, hat Peter in Hamburg ausfindig gemacht. Nicht einfach so, denn Filmrollen gehen oft seltsame Wege, wenn sie nicht mehr aktuell sind. Viele Kopien werden vernichtet, weil sie im Weg sind.

Die Tonspuren bleiben zwar prinzipiell Eigentum des Musikverlegers oder des Kom­ponisten. Aber das heißt nicht zwingend, daß sie leichter aufzuspüren sind. Peter hat viel Detektivarbeit geleistet. Für die nähere Zu­kunft von CDHW hat er noch etliche Wunsch­projekte auf Lager, bei denen er auch weiß, wer die Rechte hat. Viele Verlage in Italien haben aber zum Beispiel gar kein Interesse daran, ihre Sachen lizensieren zu lassen. Mit den Tantiemen durch „mechanische Auffüh­rungen“, also etwa im Low-Budget-Nachtpro­gramm der einschlägigen Privatsender sind sie ganz gut bedient. Ein- oder zweitausend verkaufte Tonträger mit Soundtracks interes­sieren da nicht weiter und machen nur Arbeit.

Arbeit für Spezialisten. „Beat at Cinecittà“, eine Auswahl bläserhaltiger Italoerotic-Nummern, haben Töni und Peter vor Ort im Verleiher­archiv aus etlichen Stunden Musik herausge­filtert. Mittlerweile sind zwei Teile erschienen, weitere Veröffentlichungen sind schon ge­plant, sagt Töni: „Franco di Gemini, von dem die Mundharmonika bei ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ kam, hat selber einen Verlag. Der hat Jahrzehnte in dem Geschäft auf dem Buckel und entsprechend viel gutes Material.“ Peter geht nochmal auf die besondere Entwicklung in Italien ein, die mehr Experimente in der Filmmusik ermög­licht hat: „In der ganzen italienischen Filmkultur ist die Avantgarde irgendwann aus dem Kommerz hervorgegangen. Leute wie Morricone oder Kamera­leute wie Torio Storaro, die jetzt für Bertolucci oder Coppola das Licht übernehmen, sind alles Leute, die aus einer Art Kommerzfilm kamen: Filme, bei denen man sich Experimente erlauben konnte, denn wenn da etwas nicht so geklappt hat, lief der Film trotzdem, weil es einfach ein Sexfilm oder ein Western war, der halt immer ein gewisses Publikum interessiert.

Ein reiner Kunstfilm muß wirklich gut sein. Und selbst dann ist es fraglich, ob er sein Geld einspielt, weil das kommerzielle Potential geringer ist. Selbst Leute wie Fellini und Pasolini haben am Anfang Kom­merzfilme gemacht. Pasolini hat in Western mitgespielt!“ Daher wurden vor 20, 30 Jahren zum Teil Spaghetti-Western gedreht, die völlig schräg und experimentell waren – Leo Kirch und Konsorten haben das Nachtprogramm ihrer Sender aus diesem Fundus billig gefüllt. Blickt man zurück nach Deutschland, fragt sich, warum die Musik zu ‚Tatort‘ beispiels­weise so schlecht ist. Töni nimmt die Nummer eins Exportserie in Schutz: Sie bediene ja nur ihr Publikum. „Film und Soundtrack haben heute einen ganz anderen Stellenwert als damals. Heute wird an einem Film alles vermarktet. Das Potential hat man damals gar nicht gesehen.“

Erotische Musik ist: Fruchtbar!

Schwenk in die Gegenwart: Bei Jimi Tenor und Konsorten gehen in jüngster Zeit sowohl ‚Easy Listening‘ (im Deutschen, also falschen Sinne verstanden) als auch Elektro und 60er-Beat in einen 90er-Jahre-Bigbandsound ein – Vampyros Lesbos-Elemente sind gerade von namhaften DJs wiederbearbeitet worden: Rockers Hi-Fi, Project Pollen, DJ Hell, Alec Empire und andere haben den 68er- Sountrack zu dem Jess Franco Film ungezwungen und sehr gelungen in aktuelle musikalische Spra­che übersetzt, die vom ‚Spirit of Vampyros Lesbos‘ lebt und erzählt (Sideburn/Efa, Srd).

Töni meint, daß gerade die Vampyros Lesbos-Platte zu ihrer Zeit (´95) auf fruchtbare Platten­teller solcher DJs gefallen ist, die diese Art von Rückbesinnung gesucht haben. „In England haben diese Sountracks einen festen Platz in der DJ-Kultur. Aber es kommen auch andere Sachen wieder: Klassik, Pop… es wird immer mehr gemixt. Ein Trend ist eigentlich kaum auszumachen, außer daß eben alles mit allem geht.“ Daher gibt es für die elektronischen Geschichten einen Label-Seitensprung von Crippled: Sideburn, wo zuletzt Project Pollen – mit Gene Ween ein schönes Trip Hop-Album veröffentlicht haben. Gegenüber dem ‚anything goes‘ in der aktuel­len Entwicklung rät Töni, sich auch in der Musikgeschichte umzuschauen um einen Maßstab für die Qualität zu bekommen.

„Elektronische Musik wird ihren Platz behalten, genauso wie gute Live-Musik, die vom Spirit der Band lebt. Es gibt nach wie vor gute Bands, die sich auch bei Samples bedienen, die aber trotzdem live eine besondere Ausstrahlung haben. Etwa Mouse on Mars oder Tortoise. Daneben gibt es immer noch Bands wie Dead Moon, die schon seit Jahren umhertun und immer wieder gute Zu­schauerzahlen haben. Was 18- oder 19jährige angeht, die vielleicht noch nie ein Live-Konzert gesehen haben – ich denke, das wird noch kommen. Ich werde eine Teufel tun und sagen, ‚unsere Generation ist anders‘ Wenn man sich für Punk­rock interessiert hat, war doch die ganze Progressiv­rock-Ecke abgeschrieben und da gibt es auch viele gute Sachen, die man im nachhinein entdecken kann. Musik wird sich nicht in reine Technik verformen.“ So wie Sex ja auch nicht = Liebe ist oder umgekehrt…

Text: kai piranha

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