August 9th, 2019

Crass: The Feeding of the 5000 Steve Ignorant live in London 2007-Reisebericht (#128, 2008)

Posted in interview by Jan

THE FEEDING OF THE 5000 – Steve Ignorant live in London 2007

Part I – Die Vorbereitung
Steve Ignorant, ex-Crass-Sänger, versammelte an zwei Tagen an einem November-Wochenende in London alte Anarcho-Bands und ein Line-Up, dass mit ihm als Sänger das erste Crass-Album ”The feeding of the 5000” aufführen wollte. So stand es auf der Seite von Conflict. Crass finde ich sehr geil, textlich eine absolute Ausnahme-Band, musikalisch geht mir einiges nicht so rein, aber die ”Feeding” mag ich schon alleine wegen des Songs ”Do they owe us a living”. Es stellte sich über ein Internet-Message-Board recht schnell heraus, dass ich nicht der einzige bin, der das unbedingt mal live sehen will. Es ging auf nach London vom 24.11. – 26.11. 2007…

Part II – Die Zubereitung
Das Konzert fand am Samstagabend und am Sonntagabend statt, unser Hinflug ging am Samstagmorgen um 7:00, Rückflug Montag um 20:00. Treffpunkt unserer Reisegruppe, zusammengewürfelt aus dem Rheinland, Ruhrpott und ich aus Frankfurt/Main, war der Freitagabend in Köln, im Sonic Ballroom beim Rasta-Knast-Konzert. Ich hatte noch eine Fortbildung in Hannover und kam am Freitag nach 2 stündiger Zugverspätung und Räumung des Kölner HBF wg. Bombendrohung im Sonic Ballroom an.

Der Rest war schon da und obwohl sich die Leute untereinander zum Teil nur 1-2 in ihrem Leben bzw. gar nicht gesehen hatte, war eigentlich recht schnell das Eis gebrochen. Oder so. Nach kurzer Nachtruhe (mir wurde extremes Schnarchen vorgeworfen, stimmt aber nicht, wäre ja dann davon selber wach geworden, ha ha) ging’s gegen 5:00 zum Flughafen Köln-Bonn, alles klappte, wir landeten sicher in London Stansted, besorgten uns Tickets für die einstündige Fahrt vom Flughafen nach Victoria Station…und gondelten durch London, fanden unser Hotel in Hammersmith, ca. 500 Meter von dem Konzertort – dem Theater Sheppards Bush – entfernt, alles klappte, ausruhen, was essen (Eggs, Fish and Chips, alles frisch aus England), koordinieren war angesagt.

Und natürlich: Bier kaufen. Gegen Fünf trafen wir uns auf dem geräumigsten Zimmer und es wurde zu schöner Punkmusik die ersten Biere getrunken… ich war der einzige Raucher der Gruppe, musste immer nach draußen, das war sowieso nervig, da inside smoking überall, in Pubs, dem Konzertladen, verboten war. Alle freuten sich auf Crass, aber keiner wusste, was uns erwartet: würde es totaler Mist werden? Wie sieht der Laden aus? Pünktlich um 19:00 standen wir mit ca. 100 anderen Leuten vor dem Sheppards Bush Theatre. Das war schon sehr schön, nen altes Theater, wo in roter Leuchtschrift ”The Feeding of the 5000” prangte. Die Bonucer sahen hart, aber fair aus, wir gingen rein (raus durfte man während des gesamten Konzertes nicht) und es stellte sich leider heraus, dass unsere Tickets wirklich nur auf ”Level one” gelten sollten, sprich auf der Loge des Theaters, Sitzplätze, sprich, man durfte damit nicht nach unten gehen.

Der Eintrittspreis pro Abend war übrigens 15 Pfund, also 30 für zwei Abende. Wir holten uns Bier für billige 3 Pfund 50 und es spielte schon eine Band, die Restarts. Ich bin nicht gut im schätzen, aber im Verlaufe des Abends füllte sich das ganze Theater und es müssten ca. 1500-2000 Leute gewesen sein, die sich in der Halle und auf Level 1 und 2 (noch schlimmer, aber halt auch geile Sicht) verteilten. Altersdurchschnitt eher Ü 30. Nach einer durchschnittlichen Anarcho-Kapelle kamen Conflict, erst mit schlechtem Sound. Ich sah sie zum ersten Mal. Sogar ich als nur-Gelegenheits-Vegetarier bekam beim letzten Song ”This is the ALF” Gänsehaut.

Dann warteten alle auf Steve Ignorant… wer würde mitspielen, ist Penny Rimbaud dabei, Eve Libertine? Was sollte das alles, Crass-Songs, wo unten am Eingang T-Shirts mit dem Festival-Flyer drauf für 15 Pfund und laminierte Konzertposter für 10 Pfund verkauft werden? Gerade diese Band, gerade Steve Ignorant. Dann erklärte sich erstmal der Sinn der drei großen Bildschirmsäulen auf der Bühne, die angingen: das Crass-Logo erschien, es folgte eine kleine Film / Bilder-Show, was schon alles sehr beeindruckend anzusehen war vom Level 1. Man sah in der völligen Dunkelheit ein paar Leute über die Bühne huschen, es war gleichzeitig sau laut und trotzdem hielten 2000 Leute den Atem an, alle standen auf ihren Sitzen, als plötzlich mit einem ”One two three four” das Licht anging (von der kleinen Glühbirne, wie früher, ha ha) und es anfing mit ”Fuck the politically minded…”.

Der kahle Steve Ignorant klang wie auf der Platte, Wahnsinn, ein absolut brillanter Sound (Vom von den Toten Hosen spielte Schlagzeug, er wurde wohl von Steve persönlich angerufen, na ja, fand den fehl am Platz, obwohl ich Hosen-Fan bin, aber er trommelt ja nicht nur für die), dazu diese markante Stimme von Steve mit dem derben britischen Akzent, glasklar kam alles rüber und es wurde ohne Ansagen das Album runtergespielt… Hat das was mit Crass zu tun? Nö, aber diese Songs sollten wohl mal in ordentlicher Qualität aufgeführt werden und, oh boy, das wurden sie.

Zeitgleich zu wechselnden Animationsbildchen und Filmchen auf den Bildschirmen ging es ohne Ansage von einem Knaller in den nächsten, ”End Result”, ”They’ve got a bomb”, ”Punk Is Dead” (wenn das 2000 Leute mit aller Kraft mitsingen, das fühlt sich schon geil an), ”Reject Of Society”, ”General Bacardi”, ”Banned form the roxy”, ”G’s song”. Auf ”Asylum” wurde verzichtet, da es nur von Eve gesungen werden sollte… zu ”Fight war, not wars” (neben ”Punk is dead” der größte Publikumsmitsinger) kam eine Frau auf die Bühne (die zweite von den 2 Frauen, die auf dem Album auch mitsang, Sadie Nine: Radio and TV presenter. (http://www.bbc.co.uk/london/communicate … nine.shtml).

Es folgten ”Sucks”, ”Angels”, ”What A Shame” und „So What?“, alles super tight eingespielt von der ganz in schwarz gekleideten Band, in der noch ein ex-Schwartzeneggar-Mitglied und jemand von English Dogs und Prodigy mitmachen. Bei ”Shaved Woman” zog sich Steve ziemlich weit hinten an die Bühne zurück, während Sadie den Song sang, zu ”Big A little A” kam ein kleines Mädchen und sang das Intro dieses alten englischen Kinderliedes. Bei ”Bloody Revolutions” kam eine kleine Brass-Sketion komplett mit Saxophon und Notenständern dazu, es wurde noch ein Schwarzteneggar Song gespielt, dann ging die Band von der Bühne, Steve kam alleine noch mal raus und sagte ein paar Sachen zu dem Konzert.

Zu dem Zeitpunkt waren auf jeden Fall 95 % des Publikums überzeugt, hier was geiles gesehen zu haben, noch dazu breit wie nix. Grob geschätzt. Auf dem Herrenklo wurde geraucht und gekifft wie nix gutes, natürlich illegal, leider traf es einen der Österreicher und er wurde von den völlig überforderten Theater-Bouncern an die frische Luft gesetzt. Als dann ”Do they owe us a living” noch mal gespielt wurde, gab´s für mich kein Halten auf dem Level one, ich folgte dem Beispiel diverser anderer und schmiss begeistert meinen Plastikbecher voller Bier aufs Level Null und sang euphorisch mit….

Oh well… der Abend war gelaufen wg. allgemeiner Müdigkeit, am Sonntag folgte ein kleines Sightseeing, ein paar Einkäufe, das gute Dosenbier. Pünktlich um 19:00 spielten dann Deviated Instinct, es folgten The Sounds (geht so), Flux of Pink Indians (überragend!) und die gleiche Aufführung von Steve Ignorant wie gestern, nur mit einer deutlich heisereren Stimme. Wir wussten ja, was kommt, und dieses Mal verfolgten wir alles gemütlich im Sitzen. Montag ging es nach dem Auschecken, einer kleinen Stadtrundfahrt, einem sehr lustigen Rückflug (verstärkt durch einige Pints) nach Köln zurück… mein Zug nach Frankfurt hatte wieder pünktlich eine Verspätung von 2 Stunden, und gegen 4.00 war ich am Dienstag morgen zu Hause, glücklicherweise hatte ich mir zwei Tage frei genommen…. Es war super, es war sau lustig, es hat Spaß gemacht, die Aftershow-Party am Samstag mit Police Bastard leider verpasst, aber egal, die Stimmung in der Reisegruppe war toll, und Steve Ignorant war geil.

Part III – Die Nachbereitung
Nach dem Ausflug sah ich den Protestflyer von Active Distribution (http://www.activedistribution.org/images/Fed.jpg), der in etwa sagen will ”Anarcho-Punk is dead – killed by Steve Ignorant”. Parallel fand ich eine angebliche Stellungnahme von Steve selber, warum das ganze passierte (Steve’s comments on the Feeding Gig:, http://www.southern.net/southern/forum/viewtopic.php?pid=5456).

Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie ich selber das einschätzen soll. Erstmal lief das ja nicht unter Crass, sondern unter seinem Namen. Sicher wird er damit seine Privat-Schatulle auffüllen, ich gönne es ihm, verdient hat es sowieso (im wahrsten Sinne des Wortes) und die zwei Auftritte waren musikalisch auf jeden Fall brillant. Das Crass was ganz anders wollte… klar.

Ihr müsst euch selber ein Bild machen, vielleicht helfen diese Links weiter: Homepage Steve Ignorant: http://www.steveignorant.co.uk/gallery.php, Fotos von dem Wochenende auf dem Forum von Southern Records, dem Crass Vertrieb: http://www.southern.net/southern/forum/viewtopic.php?id=1404, der offizielle Flyer: http://www.mortarhate.com/products.php?cat=122, Stellungnahme von Conflict-Sänger Collin, warum Conflict da mitmachen: http://www.conflict-uk.com/news.php (Ende Oktober 2007).

Für mich war mit die wichtigste Nachricht, dass Steve Ignorant an neuem Material arbeitet, also irgendwann wieder öffentlich sich zeigen wird. Dann muss man mit ihm länger diskutieren. Ich denke, die 2 Konzerte werden als DVD oder so erscheinen, es wurde an der Bühne und vom Level One gefilmt und wir wurden sogar vor dem Konzert interviewt, was uns dorthin geführt hat. Hoffentlich kommt das nicht…”Well, äh, the lyrics, great great, Crass, great great, the beer, well”..andererseits: so what!

Bericht: Jan Röhlk

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