Mai 2nd, 2019

COUCH (#75, 1999)

Posted in interview by Thorsten

Nach wie vor eine Rockband

Wir vom TRUST sind ja immer mal wieder geneigt, uns die Haare zu raufen, wenn wir sehen müssen, welch tolle Bands an den Selbstheilungskräften des Marktes zugrunde gehen oder an ihnen zu verzweifeln drohen und welche dafür im Wettbewerb obsiegen, auch wenn es wiederum, geht es dann um die Einzelfälle, schwierig ist, einen Konsens zu finden. Nach außen mag sich das ja vielleicht anders darstellen, weshalb dann behauptet wird, ‚das TRUST‘ sei nun der Ansicht, dieses sei relevant und jenes von Bedeutung. Aber unter uns gesagt: Wenn ich da mal wieder eine Band goutiere, die vielleicht zuviele Gitarrensoli spielt oder lange Haare ohne Filz trägt, dann zieht da ja doch kein anderer mit. Und bei Couch weiß ich’s auch nicht, ob da nicht wieder jemand wider ‚Studenten und Künstler‘ ins Nörgeln geraten wird.
Eins geschissen!

Ich habe schließlich selbst lange Haare ohne Filz, bin Student und mag keine Gitarrensoli, es sei denn sie kommen von J. Mascis. Und ansonsten kann ich hier schreiben, was ich mag. Also:
Couch!

Couch haben gerade eine Platte veröffentlicht, die dritte, um den Informationsgehalt hoch zu halten. Sie heißt ‚Fantasy‘ und ist ziemlich gut. Der reduzierte Instrumental-Rock in geistiger Slint-Nachfolge, den sie auf ihren ersten beiden Platten pflegten, kommt nun blumiger daher. Zwar immer noch mit schön groovenden, (und was besonders schön ist:) gleichwohl ungeraden Taktmaßen, nun aber durch eine Erweiterung des Instrumentariums durch die Keyboarderin Stefanie Böhm deutlich lebensfroher. Kompakte Stücke, die auch ohne ‚Uuuuhs‘ und ‚Aaaahs‘ und ‚I Love You Baby‘ einen betörenden Pop-Appeal verbreiten, sanft aber konzentriert vorantreiben und wesentlich kompakter wirken, als ältere Kompositionen der Münchener.

Steht denn der Titel ‚Fantasy‘ nach ‚Etwas Benutzen‘, der zweiten Platte, für die Abkehr vom Utilitarismus hin zum Eskapismus? Schöngeist statt Pragmatismus?

Jürgen Söder, Gitarrist von Couch:
Ich glaube, ich weiß was du meinst. Ersteinmal klang ja der Titel des letzten Albums ‚Etwas Benutzen‘ tatsächlich (schon fast lustig) nach extremem Pragmatismus: Gitarre, Bass, Schlagzeug ohne Effekte in einem Raum. Hallo Protestantismus! Die Platte hatte ja auch musikalisch eine abstrakte, minimalistische Note, die uns damals sehr entsprach. Ich möchte nicht sagen, daß wir ‚darüber hinweg‘ sind; aber man hat nach vielen Jahren doch auch mal das Bedürfnis, andere Sounds zu integrieren, ohne gleich ein Elektronik-Sampling-Inferno zu entfachen, was wir bewußt nicht tun. So banal ist das erstmal. Der Titel war dann in der Band auch ziemlich umstritten, schien mir aber einen Aspekt der Platte gut zu treffen. Sagen wir mal: Melodie und Song statt avantgardistischer, formalistischer Spielerei. In diese Richtung hätten Couch ja – theoretisch – auch gehen können. Sich einen Song ‚auszudenken‘ hat eben auf so eine komisch grundsätzliche Art mit ‚Phantasie‘ zu tun. Da sind wir altmodisch und lassen uns auch nichts erzählen. Das ist meinetwegen anti-zitat und anti-postmodern – wenn du weißt was ich meine. Einen Schritt Richtung Eskapismus gehen wir damit aber trotzdem nicht: Unsere Musik bleibt dafür ja dann doch zu konkret, unpsychedelisch, oder – wie soll ich sagen – real, ROCK?

Ich denke, ich weiß was du meinst. Aber ich glaube, daß die versammelte Oberlehrerschaft euch vor dem Songvorwurf wird eher in Schutz nehmen wollen. Da geht es ja nicht nur um die Auflösung von klaren Formen, sondern auch um das (schöner Ausdruck übrigens, besonders wenn er negativ konnotiert ist:) ‚eindeutige Sprechen‘, das ja bei einer Instrumentalband nur eingeschränkt vorkommt. Muß ein guter Song eine Geschichte erzählen, wie man in Nashville sagt?

Wenn wir von ‚Songs‘ reden, ist das natürlich etwas irreführend: Natürlich wird ein Drei-Minuten-Popsong-Verfechter bei uns von Song oder Pop nicht viel finden. Im Vergleich zu einem minimalistischen Elektronik-Track dagegen sind unsere Sachen fast schon wieder konventionell gebaut: Schließlich gibt es klare Melodien, Dramaturgien und tatsächlich ‚Geschichten‘, die erzählt werden. Mit ‚eindeutigem Sprechen‘ hat Musik meiner Ansicht nach ohnehin nichts zu tun. Sonst bräuchten wir ja gar keine Musik machen, sondern nur Interviews geben. Es ist schon erstaunlich, daß diese ganze Diskussion um ‚Aussage‘ immer wieder nach dem Muster Gesang/Instrumental aufgezogen wird, als hätte es Jazz nie gegeben. Manchmal hat man dabei schon das Gefühl, als würde manchen Leuten zu Musik einfach nichts anderes einfallen, als die Unterscheidung zwischen Song und Track, die ja letztendlich total formalistisch ist und eigentlich überhaupt keine Erkenntnis darüber bringt, was da nun jetzt gemacht wird. Deshalb wollen wir weder ‚Song‘ noch ‚Track‘ noch ‚instrumental‘ so manifestartig vor uns hertragen. Wir haben allerdings auch keine Lust, uns für unsere Art uns auszudrücken zu entschuldigen. Wir sind ganz schlicht deshalb eine Instrumentalband, weil wir das am besten können. Nicht weil wir etwas gegen Gesang hätten. Darum läuft bei uns auf Tour auch Sleater Kinney gleichberechtigt mit Coltrane.

Wenn der Mann etwas gegen Gesang hätte, würde er auch sicher nicht auch noch bei SCHWERMUT FORREST spielen.

Ja, Schwermut Forest ist schon ein ganz anderes Ding. Aber ich hatte ja auch schon gesagt: Das mit dem Gesang sehen wir alle, also eigentlich alle Musiker und Musikerinnen, die ich in unserem ‚Umfeld‘ so kenne, nicht ideologisch. Auch wenn das manche von uns erwarten und dann enttäuscht sind, wenn wir Tocotronic gut finden. Schon bevor ich die Leute von Schwermut Forest kannte, war ich ein Fan der Band. Schwermut Forest haben mit ihrer ersten Platte, ‚Pilot‘, ein sehr eigenes und tolles Stück Musik aufgenommen. Nach dem sehr introvertierten Sound des Debuts und einigen Umbesetzungen war für uns klar, daß wir nicht noch eine Post-Rock-Platte aufnehmen wollten und mehr Lust hatten, ’strangen‘ Pop zu machen, der nicht ständig sagt: ‚Hallo, wir sind progressiv‘. Das hat bei Schwermut Forest – auch wenn das nicht so viele Leute merken – viel mit Humor zu tun. Und so lassen wir dann eben auf der neuen Platte, ‚Sort Of‘, ‚ernste‘ musikalische Ideen und tolle Bläsersätze auf Sachen treffen, die manchen Leuten vielleicht etwas doof oder unpassend vorkommen. Genau das macht uns eben Spaß. Ich kann hier jedenfalls alle beruhigen: der Schwermut-Style ist vorsätzlich gewählt.

Ich erwähnte bereits, daß Couch nunmehr zu viert sind. Also kein klassisches Power-Trio im SST-Sinne mehr, sondern eine klassische Rockband wie Deep Purple ohne Sänger?

Wir haben zwar unserer Keyboarderin schon vorgeschlagen, ihr Solo-Projekt von ‚Ms. John Soda‘ in ‚Ms. John Lord‘ umzubenennen, aber außer daß ich eine ‚Best of Deep Purple‘-Platte in purpurfarbenem Vinyl besitze, gibt es da wohl nicht sooo viele Zusammenhänge, oder?

Stimmt. Und wer ist die Neue?

Wir waren seit unserer Gründung ein Git/Bass/Drums-Trio und haben auf den ersten beiden Platten Keyboards nur sehr selten und dezent eingesetzt. Nach all den minimalistischen Jahren hatten wir aber irgendwann das ganz einfache Bedürfnis, mit einer ‚Stimme‘ mehr zu arbeiten. Das war keine konzeptuelle Entscheidung, sondern hat sich aus den neuen Stücken so ergeben. Am anfang hat Wolfgang Petters vom Hausmusik-Label/Vertrieb die Doppelrolle Tourbegleiter/Keyboarder besetzt. Nachdem Wolfgang aber ernsthaft ins Vertriebsgeschäft einsteigen wollte, und wir bei immer mehr Stücken Keyboards integrierten, haben wir angefangen ein ‚vollwertiges‘ viertes Bandmitglied zu suchen. Steffi Böhm bot sich dann als Keyboarderin einfach an, weil sie unsere Musik seit der ersten Platte kannte, selbst in diversen Bands wie Subatomic und Ms. John Soda spielt, und mit Michael (Heilrath aka BLOND, d.V.) ohnehin schon in einem anderen Projekt, ‚Alles wie groß‘, musizierte, und auch von ihren musikalischen Vorlieben gut in die Band paßte. Letzlich spielt das Keyboard aber keine andere Rolle als alle anderen Instrumente in der Band und bedeutet auch keinen Schritt Richtung ‚Elektronik‘. Keyboards in der Rockmusik sind ja wirklich nicht der neueste Schrei. Da herrscht bei uns ja schon ziemliche Gleichberechtigung, und das Schlagzeug ist mindestens genau so wichtig wie die Gitarre.

Lustig fand ich, was ich mal in einem Presseinfo über Couch gefunden habe. Da stand nämlich was von ‚Arbeitsweisen elektronischer Musik und deren Übertragung auf Rockmusik‘. Woher kam denn der Schmäh?

Stammt das nicht aus dem Kante-Info? Oder hat das jemand mal in einer Rezension über uns geschrieben? Wir fanden diesen Zusammenhang auch schon immer absurd. Meistens fällt das Wort ‚Elektronik‘ einfach, wenn Journalisten oder Veranstalter versuchen, einer Band noch einen letzten Rest Hipness anzuhängen. Wir wurden jedenfalls auch schon als Elektro-Rock angekündigt, als das einzig Elektronische in unserer Musik Bass- und Gitarren (-verstärker) waren. Und auch ein Keyboard macht ja Musik nicht gleich elektronisch. Sonst waren die Beatles auch Elektro-Rock.‘

Recht hat er.
Was wollte ich noch sagen?!? Ach ja:
Gute Band, diese Couch.
Kommen übrigens demnächst auf Tour. Und live sind sie auch ganz hervorragend, wie ich vor einer Weile empirisch festgestellt habe.
Hört euch das mal an!

STONE

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