Februar 4th, 2018

COBRA RECORDS (#140, 02-2010 )

Posted in interview by Jan

Ursprünglich sollte mit Cobra Records einfach eine Heimat für die Band von Daniel Gerigk gefunden sein. Sirens hatten damals gerade ihre „Calling“ 12″ fertig und brauchten für jene eine Plattform. In diesem Moment schrieb man die Geburtsstunde von Cobra Records. Heute sind Sirens Geschichte, genauso wie Empty Vision, die wohl bekannteste Band auf diesem Label. Trotzdem hat man mächtige Waffen im Reportoire. Black Friday `29 veröffentlichten die Vinylversion ihres jüngst veröffentlichten Albums hier, die Überband AYS ist hier beheimatet und aus der Schweiz bekommen wir Bands wie Fall Apart und die experimentierfreudigen Seed Of Pain. Genügend Abwechslung ist also vorhanden. Doch wodurch Cobra Records sich vor allem auszeichnet ist nicht etwa Abwechslung sondern viel eher das Gespür für wundervollen Hardcore mit Rückgrat. Grund genug endlich den Mann im Hintergrund den Bands im Vordergrund vorzuziehen.


Hallo Daniel, wann hat Cobra Records sich gegründet?

Hallo Raphael, angefangen hab ich mit dem Label im Frühjahr 2006. Das erste Release war die SIRENS Calling 12“. Hätte damals aber nicht gedacht, dass ich das auch so weiterführen würde..

Wie kamst du auf die Idee, ein eigenes Label zu gründen?

Zu Beginn ging es mir nur darum, die Platte meiner eigenen Band (SIRENS) rauszubringen. Wir hatten bereits eine CD und wollten drigend noch Vinyl. Das wollt aber niemand rausbringen damals. Also hab ich mich selbst drum gekümmert. Danach kam irgendwie eins zum Anderen. Zwischen den ersten Veröffentlichungen liegen ja auch etliche Monate.. Hab mich da noch nicht so als Label gefühlt. Das kam erst später nach den ersten 4 Platten oder so. Mittlerweile ist es ein so großer Teil meines Lebens geworden, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann damit aufzuhören.

Kannst du von dem Label leben, oder ist das eher saison-gebunden, sprich: Wenn gerade etwas Neues veröffentlicht wird?

Das ist leider ein Wunschtraum. Ich bin froh, dass das Label sich selber trägt, an Gewinnausschüttungen ist allerdings nicht zu denken. Klar bleibt bei den sehr gut laufenden Releases mal der ein oder andere Euro hängen, das wird aber alles in neue Pläne reinvestiert. Und man muss ja auch mal Reserven haben für einen Flop oder unplanmäßige Ausgaben.. Wenn etwas neues rauskommt, ist ausserdem eher Ebbe angesagt, da natürlich alles vorfinanziert werden muss und Werbung und Promo anstehen. Meinen Lebensunterhalt bestreite ich durch meinen 9to5-Job, das Label und der Vertrieb sind da eher als Hobby anzusehen. Vielleicht ist das auch besser so, könnt mir vorstellen, dass ich da verbissener rangehen würde wenn ich finanziell davon abhängig wär. So läuft das alles ganz entspannt nebenbei.

Arbeitest du mit anderen Labels und/oder Vertrieben zusammen?

Klar tauscht man mal mit anderen Labels, der Großteil der Kontakte läuft allerdings über meinen eigenen Vertrieb namens WIDESPREAD DISTRIBUTION. Da arbeite ich dann mit so ziemlich allen bekannten hiesigen Distros zusammen und ich vertreibe auch selber die Platten einiger (meist europäischer) Labels. Ich versuche auch, Label und Vertrieb deutlich zu trennen, um in beide Richtungen nicht abhängig von der anderen Komponente zu sein. Sprich: ich möchte mir die Möglichkeiten offenhalten das Label ohne den Vertrieb weiterführen oder auch andersherum den Vertrieb ohne eigenes Label. Ansonsten hab ich keinen dedizierten Vertrieb, werd mich aber in Zukunft vermehrt darum kümmern um das Vertriebsnetz zu erweitern. Da ich momentan allerdings auch weiter vertreiben möchte, stellt sich das etwas schwierig dar, denn die meisten größeren Vertriebe arbeiten nur mit Exklusivdeals.

Woher nimmst du die Motivation, ein so kleines Label zu betreiben?

Das frag ich mich auch manchmal haha. Es scheint wirklich so zu sein, dass mir diese „Arbeit“ Spass macht. Klingt komisch wenn man bedenkt, dass sie zum Großteil aus e-Mails schreiben und Pakete packen besteht. Ich erfreue mich aber wirklich daran, wenn ich neue Lieferungen vom Presswerk bekomme, den ersten Karton öffne und die Platten begutachten und zum ersten mal hören kann. Ebenso freut es mich, wenn eine Band glücklich mit ihrer Veröffentlichung und mit meiner Arbeit ist. Und wenn die Platte dann noch gut bei den Leuten ankommt und man positives Feedback bekommt, läuft das schon irgendwie..das sind dann so Glücksmomente, die einem die Arbeit erleichtern.

Zuletzt kam die Platte von Seed of Pain und AYS. Wie sind die Reaktionen?

Die aktuellste Veröffentlichung ist mittlerweile die FALL APART LP. Das läuft aber grad erst an, die Jungs hatten eine erfolgreiche Releaseshow in der Schweiz und kommen jetzt im Winter auf Tour, da wird dann noch einiges kommen. AYS bekommen ja durchweg fast nur positives Feedback und haben sich mittlerweile (zurecht) als eine der größeren deutschen HC-Bands etabliert. Die Jungs haben grad einfach einen Superlauf und ich bin echt gespannt, wohin das noch führt. Da SEED OF PAIN mit der neuen Platte neue musikalische Wege gehen, war ich etwas skeptischer wie das von den Massen aufgenommen wird. Scheint aber alles nach ihrem Plan aufzugehen..die Fans der „alten“ SOP-Sachen haben sie bei der Stange gehalten und mit Sicherheit einige neue gewonnen. Auch bei ihnen bin ich extrem neugierig, was die Zukunft so bringt..gar nicht mal so darauf was das Ansehen der Band betrifft, sondern eher was die musikalische Entwicklung angeht. Laut ihrem Gitarristen werden sie auf der nächsten LP ihren Zenit erreichen haha. Mit Release der TEAMKILLER 10“/MCD Ende Dezember wirds auch nochmal ne große AYS/SEED OF PAIN/FALL APART/TEAMKILLER-Promowelle geben, danach hats dann hoffentlich jeder mitbekommen…

Was ist dir lieber, Vinyl oder CD? Und im Zuge dessen, was verkaufst du mehr?

Eindeutig Vinyl! CDs press ich in letzter Zeit häufiger, wenn sich Bands mal beides wünschen (s. AYS – the path of ages, SEED OF PAIN – Blindfolded & Doomed,

TEAMKILLER – s/t). Ansonsten seh ich mich eher als Vinyl-Label. Ist zwar ein immenser Mehraufwand was Lager, Versand,.. angeht aber das stört mich nicht. Die Verkaufszahlen bei Vinyl+CD Releases sind meistens auch beim Vinyl besser. Nächstes Jahr betrete ich aber auch mal ein völlig neues Feld und werde ein Buch veröffentlichen. Zusammen mit Burkhard von FACETHESHOW.COM hab ich jetzt grad ja zum zweiten Mal einen Fotokalender rausgebracht und Anfang 2010 gibts dann auch ein Buch mit etlichen Konzertfotos und Interviews, etc. Find das grad sehr spannend, weils mal ganz was anders ist und freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit der Autorin.

Würdest du empfehlen, ein Label zu gründen? Vor allem im Hardcore-Bereich?

Man sollte sich halt vorher wirklich überlegen, ob man Lust auf die ganze Arbeit hat. Es gibt mit Sicherheit genug Bands, die darunter gelitten haben, dass jemand aus zweifelhaften Gründen ein Label gegründet hat und es dann nicht ordentlich betreibt. Damit ist dann auch keinem geholfen. Ausserdem sollte man sich im Vorhinein einfach mal bewusst sein, dass es durchaus passieren kann, dass man bei einer Pressung schon mal nen vierstelligen Betrag in den Sand setzt. Wer nicht bereit ist, ein solches Risiko einzugehen und denkt, dass man damit ne schnelle Mark machen kann, sollte lieber die Finger davon lassen. Im Grunde sehe ich jede Aktivität in dieser Hinsicht aber als positiv an, weil es häufig vorkommt, dass sich die Leute dadurch dann mehr mit der Materie auseinandersetzen und nicht einfach nur konsumieren. Ich versuche auch mit meinem Vertrieb kleinen Labels zu helfen, ihre Platten möglichst weit zu verbreiten. Viele größere Shops sind es ja leid, sich einzelne Platten von Kleinstlabels zusammenzusammeln. Das hab ich damals am eigenen Leib erfahren und versuch da nun eine Brücke zu bauen.

Hast du ein paar Details zu dem Buch?

REASONS NOT RULES wird zum Großteil aus Fotos bestehen, nur ein kleiner Teil mit Texten und Interviews. Das ganze im DinA4 Format auf 170 Seiten und mit Hardcover. Soll wohl 1,3 kg wiegen.. bin sehr gespannt. Die Veröffentlichung ist für Ende Januar veranschlagt und der Vorverkauf beginnt, wenn die Leute grad alle zu dicke Portmonees von Weihnachten haben. Wir sind auch grad dabei, eine Veranstaltung zum Release auf die Beine zu stellen..

Wie siehst du die Entwicklung, dass viele Bands wie beispielsweise AYS auf der Bühne dazu aufzurufen die heimische Szene zu unterstützen? Zuletzt haben Ritual in Essen mich mit einer Ansage ganz schön geschockt. „Die meisten Euro-Bands spielen die US-Bands eh an die Wand“ oder so ähnlich. Was denkst du diesbezüglich?

Wieso schockt dich eine solche Aussage von Ritual? Ich persönlich denk nicht, dass man eine Band aufgrund ihrer Herkunft mehr oder weniger unterstützen sollte. Ich denk mir, dass solche Aussagen darauf abspielen, dass es immer noch Leute gibt, die mittelmäßige US-Bands abfeiern und die lokalen Bands auf ähnlichem oder gar höherem Niveau ignorieren. Für solche Fälle sind dann solche Ansagen noch irgendwie gerechtfertigt.

Mich hat die RITUAL Sache besonders geschockt, weil RITUAL vom Sound her ja eigentlich schon sehr an US-Bands wie UNBROKEN oder HOPE CON erinnern. Da ist es für mich etwas verwunderlich, sowas zu hören!

Naja, klar erinnern Ritual an die genannten Bands, aber sie machen es so gut, dass sie andere aktuelle US Bands mit ähnlichen Einflüssen tatsächlich „an die Wand spielen“. Es gibt natürlich nur wenige Bands, die sich von US-Einflüssen in ihrer Musik freisprechen können.

Wonach entscheidest du, welche Platte du veröffentlichst? Seed Of Pain beispielsweise finde ich sehr speziell und im Vergleich zu den anderen Sachen in deinem Rooster schon extrem anders. Läuft das wirklich rein objektiv bei dir ab oder machst du dir da schon Gedanken über Finanzen etc.?

Die meisten Veröffentlichungen haben sich aus persönlichen Beziehungen zu den Personen in den Bands ergeben. die Jungs von SEED OF PAIN haben zum Beispiel damals mit ihren alten Band THE RUMBLE im November 2005 auf der Releaseshow der Debut-MCD meiner alten Band (SIRENS) gespielt..seitdem standen wir halt in Kontakt und haben uns angefreundet. Zu Beginn ihrer Bandgeschichte waren SEED OF PAIN ja auch noch gar nicht so „speziell“, das kam erst so nach und nach. Im Grunde muss mir eine Band einfach gefallen. Mach mir da eher weniger Gedanken, ob das nun ins Labelprogramm passt oder nicht. Hab zwar auch die Erfahrung machen müssen, dass einem durch ein vielseitiges Roster Nachteile entstehen, aber das ist mir ziemlich egal. In Kürze wirds bei mir auch noch ein Release geben, das noch weniger mit HC zu tun hat als SEED OF PAIN. Ist leider noch nicht ganz spruchfrei momentan.. Den finanziellen Aspekt hat man natürlich immer im Hinterkopf. Bisher hat mir diese Frage aber erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hab mich in dem Fall trotz Gefallen gegen eine Veröffentlichung entschieden, da ich einfach keine Möglichkeit sah, auch nur annähernd eine Pressung zu verkaufen. Hat mich dann schon etwas geärgert..

Mit EMPTY VISION haben sich zuletzt eine der besten deutschen HC-Bands aufgelöst. Hast du zu dem Zeitpunkt gemerkt, dass die Verkäufe bei denen nochmal hochgingen?

Die LP verkauft sich nach wie vor ganz gut, gab durch das ganze Gerede drumherum nochmal nen kleinen Anstieg, klar.. Es gibt übrigends ein neues Projekt von den Typen, nennt sich ELEGY. Haben kürzlich ihre erste Show gespielt, zu der ich es leider nicht geschafft habe. Leider diesmal ohne Micha am Gesang und somit ohne die schönsten Ansagen der Welt..

Hörst du privat zuhause auch deine Veröffentlichungen oder bist du es irgendwann Leid?

Ich hör generell sehr wenig Hardcore zuhause, die eigenen Releases noch weniger. Meistens hör ich die Platten vor Veröffentlichung schon so oft, dass das dann später nicht mehr nötig ist hahaha. Im Auto liegen meist gebrannte CDs mit Vorabversionen oder Pre-Masters, die hör ich hin und wieder dann. Dieses jahr hab ich von den eigenen die SEED OF PAIN LP vermutlich am Meisten gehört.. Gute Nacht-Autofahr-Musik.

Die für dich persönlich wichtigste Veröffentlichung auf Cobra Records?

Schwierige Frage.. Was sagt der Vater einer Großfamilie, wenn man ihn nach seinem Lieblingszögling fragt? Vermutlich irgendwas schwammiges à la „Ich hab sie alle lieb“. Ehrlich würd ich vermutlich die Nummer 1, SIRENS – calling 12“ wählen. Erstens, weils eben der Erstgeborene aka das Labeldebut war und zweitens, weil ich durch die persönliche Bandbeteiligung doppelt involviert bin.

Als Letztes wäre es schön ein paar abschließende Worte von dir zu hören. Werd los, was du loswerden möchtest 😉

Erstmal möchte ich mich bei dir für das Interview bedanken. Und wenn ich schon mal die Chance habe, was von mir zu geben auf einer Plattform wie dieser möchte ich mich hier grad mal bei all den Bands bedanken, die ich in letzter Zeit rausgebracht habe.. Bands haben ja öfters auf Konzerten die Möglchkeit, sich bei labels zu bedanken, andersherum ists eher schwierig. Und das das Heft ja auch erst später rauskommt, kann ich hier noch sagen, dass ich grad dabei bin, Weihnachtsgeschenke für die Bands zu organisieren, die ich 2009 rausgebracht hab. Eine weitere absurde Tradition, die ich jetzt beginnen möchte. Auf wiedersehn in 2010 !!

Interview: Raphael Schmidt

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