Februar 4th, 2016

Bericht Chaos-Tage 1995 (#54, 10-1995)

Posted in artikel by Jan

Ok, ok, ihr könnt es nicht mehr hören, ich/(wir?) hatte(n) schon im Vorfeld dieser „Veranstaltung“ genug davon. (Un)Sinn und (Un)Zweck der Chaos-Tage hier näher zu erläutern erscheint überflüssig. In Anbetracht der Tatsache das ich auch schon vor 10 Jahren froh war bewußt nicht zu den Chaos Tagen damals gefahren zu sein… lassen wir das. Andere „Erwachsene“ werden sich mit ihrem Hobby intensiver beschäftigen. Aber das Wochenende in Hannover hat stattgefunden und die großmediale Berichterstattung war, bis auf ganz wenige Ausnahmen (Versehen?) wie erwartet. deshalb hier nochmal die subjektiven Eindrücke von Torsten, einfach als Ergänzung – Berichterstattung von „Vor Ort“.

dolf

CHAOS TAGE 1995

Auf das, was vor dem 05.08.95 passierte, möchte ich, aufgrund fehlender persönlicher Anwesenheit, nicht näher eingehen. Sicher war die freitagabendliche Plünderung des Penny-Marktes in der Schaufelder Straße eine extrem dämliche und zu verurteilende Aktion sogenannter Punks. Auf der anderen Seite hat die Polizei von Anfang an provoziert, sagt man. diese Provokationen gipfelten denn dann ja auch in dem Räumungsversuch des Sprengelgeländes in der Schaufelder Straße am Freitagnachmittag, wo nach Augenzeugenberichten die Polizei (steinewerfend) mit Räumfahrzeugen und Wasserwerfern gegen die „Gewaltbereiten Jugendlichen“ vorging. Linke Hetze meint ihr?

Frage mich nur, wieso solche Berichte dann von „Otto Normal Bürger“ kommen. Erstaunlicherweise wurde dieses Interview eines Anwohners auch noch in den ARd-Nachrichten um 20.00 Uhr gesendet. Erstaunlich wirklich, wenn man die übrige Berichterstattung verfolgt hat. Nun aber endlich zum Geschehen am Samstag, den 05.08.95. Nachdem wir um ca 15.30 Uhr endlich alle komplett waren, zogen wir gerüstet mit Videokamera erstmal zum Hauptbahnhof. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings, nicht anders zu erwarten, die große Anreisewelle unserer bunthaarigen Freunde schon vorüber. Kein einziger Punk war rund um den Bahnhof zu sehen. Welch ein Wunder. Wie wir später erfuhren, herrschte in der gesamten City „Platzverweis“ für Punks. Platzverweis bedeutet in etwa, verschwinde oder du wirst in den Bau gesteckt. Letzteres ist denn auch ca. 1200 Punks widerfahren.

Hurra, die größte Massenverhaftung in der Geschichte der Bundesrepublik!! Nicht mal der Weltwirtschaftsgipfel letztes Jahr in Essen konnte es auf eine größere Zahl Verhafteter bringen. dort gab es „nur“ ca. 900 Festnahmen. da die Polizei in der City die Szene beherrschte, zogen wir weiter Richtung Fährmannsfest. Auf dem Weg konnten ein paar, an diesem Tag übliche, Personalien-Feststellungen beobachtet werden, sowie ein paar Schutzmänner/frauen, die sich prima mit angereisten Naziglatzen austauschten. Auch hier handelt es sich nicht um klischeehafte linke Erzählungen, sondern um Tatsachen. Beide Parteien wurden nämlich heftig nervös, als sie meine Handy-Cam erblickten, die versuchte, dieses „nette“ Beisammensein einzufangen.

Nach diesen ersten unschönen Erlebnissen gelangten wir ohne weitere Zwischenfälle zum Fährmannsfest. Am Ufer der Ihme waren bereits 1000 Punks versammelt und feierten bei bestem Wetter in ausgelassener Stimmung. Einige Punks nutzten die Ihme, um sich bei waghalsigen Sprüngen von der Brücke im Wasser abzukühlen. Andere widerum tanzten Pogo zu den zum Teil ausgezeichneten Live-Bands. Alles in allem eine, zu diesem Zeitpunkt, wirkliche Spitzen-Party. Nach dem Auftritt der Band Total Chaos verabschiedeten wir uns vom Fährmannsfest gegen 19.00 Uhr, um uns für den Abend zu stärken.

Es kursierten bereits erste Gerüchte, die Polizei hätte das Gelände ums Festival abgeriegelt und würde niemanden mehr heraus lassen. dem war glücklicherweise nicht so, und wir konnten ungehindert weiterziehen. Eine gute Stunde später muß auf dem Fährmannsfest die Hölle losgewesen sein. Vertiefen werde ich diese Geschehnisse aber nicht, da ich es nicht selbst erlebt habe. Nur vielleicht soviel, es wurde  K E I N  Auto bewußt in Brand gesetzt, wie in den Medien berichtet. Vielmehr waren es Müllcontainer, von denen das Feuer dann auf einen PKW übergriff. daß macht es sicherlich nicht viel besser, und ich will auch gar nichts schön reden. Aber wie immer kommt es auch hier auf die Art und Weise der Berichterstattung an.

Und ein „Wieso, weshalb, warum?“ (wer nicht fragt bleibt dumm) habe ich nicht zum ersten Mal schmerzlich vermißt. Festzuhalten bleibt aber, daß es zur ersten wirklich großen Schlacht zwischen Punks und Staatsmacht an diesem Tage kam. Nach der Nahrungsaufnahme (Vegetarische dönertasche / das gibt’s wirklich) ging es weiter Richtung Nordstadt / Schaufelder Straße. Ohne die erwarteten Polizeikontrollen gelangten wir in die Nordstadt. Hier stießen wir dann auf enorme Polizeipräsenz. die Taktik, welche die Polizei am Frühabend rund um die Schaufelder Straße verfolgte, sollte uns vorerst ein Rätsel bleiben.

Alle Straßen in unmittelbarer Umgebung der Schaufelder, über die man in selbige gelangen konnte, waren von der Polizei abgeriegelt. Auf die Frage „Weshalb man denn jetzt hier nicht durch könne“ reagierten die Beamten scharf „Weil das jetzt nicht geht“. Wir sagten „Ach so“ und versuchten woanders in die Schaufelder zu kommen. Schrieb ich eben noch, alle Straßen seien dicht gewesen, so stimmt das nicht ganz. Eine kleine, leicht zu kontrollierende Straße war noch offen. Hier ließ die Polizei jeden ungehindert in die „Falle“ laufen. So konnte auch sichergestellt werden, daß der anwesende Verfassungsschutz wirklich jeden filmen konnte, der aus oder in die Schaufelder wollte.

Zur Schaufelder Straße muß ich vielleicht noch sagen, daß es eine enge Straße ohne Querstraßen ist. Also, wenn man so will, eine Mausefalle, die man nur mal eben an beiden Enden dicht machen muß. Nach Beurteilung der Situation kamen meinen Mitstreitern Zweifel an dem Vorhaben, durch die Schaufelder zu ziehen. Ich zerschlug die Befürchtungen aber schnell und zog alleine los, um mir ein Bild von der Situation und den Schäden der letzten Nacht zu machen. Große Schäden in Form von zerbrochenen Scheiben waren nicht auszumachen. der Penny-Markt allerdings war wirklich platt. Kein Medienhype also. Nun gut, die Straße sah schlimm aus.

Überall Müll. den jedoch waren die Punks gerade dabei zu beseitigen. Es lief Musik, es wurde mit den Anwohnern diskutiert und etwas getrunken. die Atmosphäre war relativ relaxt. die Polizei hielt sich im Hintergrund und beschränkte sich auf das Beobachten der Szene. Ehe nun aber doch noch etwas passierte, in Form von Einkesselung durch die Polizei, trat ich den Rückweg zu meinen Leuten an. diese beschlossen dann, erstmal zurück zur Wohnung zu fahren, um Nachrichten zu gucken.

Auf diesem Weg wurde uns zum ersten Mal bewußt, welch schwere Geschütze die Polizei hier auffuhr, als wir all die Wannen und Wasserwerfer am Güterbahnhof stehen sahen. das verhieß für die Nacht nichts Gutes. Gegen 23.00 wurde sich dann wieder auf’s Rad geschwungen. In der Stadt hörte man überall Sirenengeheul und Hubschrauber kreisen. Unser Weg führte uns zuerst, die City streifend, zur Universität, welche sich am Rande der Nordstadt befindet. Zu unserer Begeisterung waren bereits alle Straßen mit Wasserwerfern abgeriegelt. Nicht dumm die Polizei.

So konnten alle die, die auf dem Fährmannsfest nicht verhaftet oder ins Krankenhaus gebracht wurden, nicht in die Nordstadt gelangen. Glücklicherweise mit Fahrädern ausgrüstet, radelten wir weiter, die Nordstadt umkreisend. Nach einer guten halben Stunde gelang es uns, von der anderen Seite, über den Engebosteler damm, zur Lutherkirche zu kommen. Muß ich vielleicht erwähnen: die Lutherkirche grenzt an die Schaufelder Straße. Mittlerweile wart es 24.00 Uhr. Zu unserer Überraschung trafen wir einen Bekannten aus Bochum. Nach freudiger Begrüßungzeremonie begannen wir uns über die friedliche und absolut relaxte Stimmung auf der Straße zu wundern.

Wir waren positiv überrascht. Anwohner diskutierten mit Punks bei einer Flasche Bier über die letzte Nacht. Man war sich nicht immer einig, aber man versuchte den anderen zu verstehen und zeigte sich tolerant. Selbst die anwesende Polizei rund um die Lutherkirche war entspannt und gab sich gelassen. Nichts, aber auch wirklich gar nichts deutete auf Ausschreitungen in dieser Nacht hin. Ich begab mich auf den Weg zum anderen Ende der Schaufelder Straße, um mir ein Bild von der dortigen Situation zu machen. Auf meinem Weg, so gegen 0.30 Uhr, traf ich einen weiteren Freund, der mir entgegenkam. Er berichtete mir von starkem Polizeiaufgebot, das dabei war, sich an der Ecke Schneiderberg/Schaufelder Straße zu formieren.

Ich hielt es für klüger, den Rückweg anzutreten, denn mit der relaxten Stimmung ging es allmälich zu Ende. die News von dem starken Polizeiaufgebot machten schnell die Runde. die Atmosphäre begann kribbelig und gespannt zu werden. Alle Bewegungen wurden hektischer. Im Laufschritt sah ich zu, daß ich wieder zu meinen Leuten an der Lutherkirche gelangte. Auch hier veränderte sich die Szene. die Polizeikräfte wurden ausgetauscht. Eine behelmte und beschildete Hundertschaft rückte mit Schlagstöcken an. Am anderen Ende der Schaufelder war die Staatsmacht schon dabei, unter Trommelfeuer (Schlagen des Knüppel gegen das Schutzschild) und Wasserwerfereinsatz, einen Krieg vom Zaume zu brechen.

Anders kann man das wohl kaum bezeichnen. Gegen eine, zumindest an diesem Abend, friedliche Menschenmenge mit derartigen Mitteln vorzugehen, ist so dumm und verantwortungslos, daß mir die Worte fehlen. die bereits erwähnte Mausefalle schnappte in dem Augenblick zu, als der Einsatzbefehl für die Hundertschaft der an der Lutherkirche wartenden Polizisten, kam. die Menschen in der Schaufelder Straße wurden nun von beiden Seiten mit Knüppeleinsatz und Wasserwerfern bearbeitet, ohne Chance, dieser Hölle zu entkommen.Von der Lutherkirche fielen nun wieder, der Polizei in den Rücken, Punks in die Schaufelder Straße ein.

Jetzt lieft die Straßenschlacht auch an diesem Ende der Straße auf vollen Touren. Ständige Fluchtszenen wechselten sich von nun an ab mit erneutem, vorsichtigem Herantasten an den Herd. der erste Wasserwerfer hatte sich bereits zur Lutherkirche vorgeschoben, und zeigte auch gleich, woher er seinen Namen hat. Ohne Vorwarnung wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Ein Freund von mir, der sich zwischen Kamerateams postiert hatte, wurde genauso getroffen wie der Kameramann eines Privatsenders. Gleichzeitig wurde dem guten Mann auch noch die Kamera von der Schulter geblasen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei völlig die Kontrolle über die von ihr zu verantwortende Straßenschlacht verloren.

Wahl- und planlos wurden kleine Grüppchen von Menschen gejagt. Hier und da flogen Steine auf die Wasserwerfer und die Einsatzkräfte. Welch ein Wunder, kann ich da nur sagen. Zeig mir einen Hund, der nicht beißt, wenn man ihm auf den Schwanz tritt.die Szenerie breitete sich immer weiter aus. Hier wurde eine deutschlandfahne verbrannt, dort zerschoß ein Wasserwerfer die Scheiben einer Gaststätte. Immer planlosere Treibjagten begannen, weitere Kolonnen von Wasserwerfen, Räumfahrzeugen und Bundesgrenzschutz rückten an. Langsam wurde die Situation für uns undurchsichtig. Wir verloren den Überblick, in welchen Straßen es von Polizei wimmelte, und in welche man zur Not noch flüchten konnte.

In einem Gefühl aus flauem Magen, Fassungslosigkeit und sich langsam bildenden Haß irrten wir durch die Straßen der Nordstadt.Unser letzter Schauplatz befand sich in einer Nachbarstraße der Schaufelder Straße, wo gerade ein besetztes Haus mit Wasser bearbeitet wurde. Aus dem Haus flogen Steine und Leuchtspurmunition. Mittlerweile wurde jeder getroffene Polizist von der ca. 250 Meter entfernten Zuschauermenge, vorwiegend bestehend aus Anwohnern, beklatscht. Hier trafen wir erneut einen Bekannten, ein Photograph, der uns von den Geschehnissen beim Fährmannsfest berichtete. diejenigen von euch, die die Fernsehbilder aufmerksam verfolgt haben, wissen sicherlich, was er uns erzählt hat. Hat eigentlich jemand von euch bis jetzt durchgehalten.

Schön, dann werde ich jetzt von der letzten Klasse-Aktion der Polizei berichten. Mittlerweile war es nämlich schon 4.30 Uhr und die Knochen wurden müde. Nun gut, wieder einmal in dieser Nacht begann das Spiel der Treibjagd. Ein weiterer Wasserwerfer tauchte auf und hielt genau auf uns zu, also auf die Zuschauermenge, und dann Wasser und Knüppel marsch… der ortsansässige Sportverein hat mir doch glatt die Verleihung des Goldenen Sportabzeichens für Lauf- und Radfahrleistungen bei den Chaos-Tagen  verwehrt. Ja, also wieder zum Thema.

Wer nicht weglief wurde verhaftet, egal ob sogenannter Randalierer oder nicht. Wir hatten jetzt jedenfalls genug gesehen, um uns eine eigene Meinung bilden zu können.Man wird mir sicher vorwerfen, die dinge sehr einseitig zu sehen. Ich hoffe nur, ihr konservativen Pisser verschont mich mit eurem Geseier. Und ich sage es hier noch einmal ganz deutlich: „Ja, ich sehe die dinge einseitig“, verdammt noch mal. Wie soll ich die dinge auch anders sehen nach solchen Ereignissen. da gibt es zum Beispiel meinen Nachbarn, der beim Bundesgrenzschutz arbeitet und auch im Einsatz war. der Gute ist ständig am jammern, wie weh ihm doch alles tun würde von dem ganzen Trommelfeuer, und völlig taub sei man danach.

Was soll man zu solchen Äußerungen noch sagen. Ja sicher, er bekommt auch nur die Befehle, es ist sein Job. doch dann muß er auch persönlich für die Folgen gerade stehen, wenn er sein Handeln damit rechtfertigt. Kann oder will er dies nicht, sollte er sich besser einen neuen Job suchen. Leider tun das wohl die wenigsten. Wieso auch, wäre doch schade, wenn man sich ein- bis zweimal im Jahr nicht mehr so richtig buffen könnte, gelle Jungs? Und was werden sich die Herren Experten Psychologen wieder streiten, wo denn bloß dieser ganze Haß und diese Gewaltbereitschaft herkommt.

Und die Medien freuen sich, endlich mal wieder vernünftige Einschaltquoten: Ihr kotzt mich an! Nein, ich habe auch keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Aber vielleicht hilft es ein bißchen zu verstehen, wenn man sieht, wie wenig Möglichkeiten dem Einzelnen zur politischen Veränderung gelassen werden, wie festgefahren unsere politischen Strukturen sind. die Meinungen von Einzelnen werden nicht respektiert. Selbst die Überzeugungen von Mehrheiten werden mit Füßen getreten, wenn sie den Machthabenden nicht ins Konzept passen.

Man steht machtlos daneben, wenn Castor-Transporte durchgesetzt werden, Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien wieder in das Kriegsgebiet zurückgeschickt werden, friedliche Kurdendemonstrationen in Frankfurt von der Polizei gewaltsam aufgelöst werden, Frankreich neue Atomwaffenversuche ankündigt und und und.Und noch eine Anmerkung für die, die meinen Bericht zu einseitig dargestellt fanden: Ja, ich habe auch ganz große Scheiße von anderer Seite an diesem Tag erlebt, das möchte ich gar nicht verschweigen.

So waren da zum Beispiel die paar Halbstarken, die Verkehrsschilder demolierten und große Pflastersteine auf eine befahrene Straße warfen. dieses spielte sich aber an ganz anderen Ecken der Stadt ab. Und Leute mit grünen Haaren waren das auch nicht gerade, sondern eher normale Leute. Wobei sich das „normal“ bestimmt nicht auf den geistigen Zustand dieser Spinner bezieht. So ist das halt, da denkt der Normalbürger, im Schutze des herrschenden Chaos‘, mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Euch und der Polizei gilt mein ganz „herzlicher dank“ für das Zerschlagen einer Klasse-Party.

Text: Torsten Meyer

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