September 14th, 2016

Celler Loch – Bericht über Untergrund-Venue (#57, 04-1996)

Posted in artikel by Jan

Viele Jahre nach dem  Celler Loch

Celle? Ah, echt ätzend, verdammte Touristenstadt. So etwas hörte man häufig in der Vergangenheit, wenn man Leute auf Celle ansprach. Mich selbst konnte ich vor einiger Zeit von dieser negativen Grundhaltung nicht einmal ausnehmen. Eine grundlegend falsche Einschätzung der Situation war das, wie ich jetzt eingestehen muß. Und wenn es Euch mit Euren Heimatstädten ähnlich geht oder ging, dann bringt das ganze zu Papier und schickt es an das TRUST. Ich fände es sehr interessant etwas mehr über städtische oder regionale Szenen zu erfahren die weit ab des nationalen und internationalen musikalischen Rampenlichtes stehen. Also, hoch die Hintern und los geht´s. Ich will, daß das hier ne Serie wird, die sich die nächsten Ausgaben fortsetzt.

Denn mal ehrlich, wen interessiert schon der x-te New York City Hardcore Szene Bericht, alles alte Hüte. Und überhaupt geht mir dieses Rumgelaber, daß alles so scheiße ist und sowieso nichts los ist, auf den Sack. Dann macht was los! Genauso wie ich es nicht mehr hören kann, daß das TRUST langweilig, antiquiert und was weiß ich nicht ist. Wenn Euch irgend etwas nicht paßt und Ihr außer Nörgeln etwas zu sagen habt, dann tut das auch und schickt es ein. Ansonsten geht in Euer Loch zurück und laßt die Welt mit Eurem Geheule in Ruhe. Jetzt aber zur Sache. Es ist doch tatsächlich so, daß Celle außer old people, Großraumkotzediskos, Geiselnahmen in der JVA, Fachwerkhäusern und so´nem Scheiß auch noch etwas kulturell interessantes zu bieten hat.

Man sollte das schon allein deshalb nicht glauben, weil Celle die höchste Wegzugsrate (gemessen an der Bevölkerungszahl) an Jugendlichen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren im gesamten Bundesgebiet hat. Doch es tut sich etwas in dieser Stadt, und das ist auch gut so. Zu verdanken ist das wohl in erster Linie den Betreibern der Kneipe „Celler Loch“ Dawn, Oliver und Stefan, sowie den Betreibern des in der Entstehungsphase befindlichen UJZ Celle. Nach jahrelangem Hickhack mit den Stadthäuptlingen ist es einer Interessengemeinschaft gelungen der Stadt Celle eine Räumlichkeit für ein Unabhängiges Jugendzentrum abzuringen. Einzig und allein ein Mietvertrag muß noch unterschrieben werden, damit man auf Zuschüsse vom Land Niedersachsen hoffen kann.

Hier allerdings zeigt sich die Stadt, unverständlicherweise, noch zögerlich. Dennoch sind schon die ersten Konzerte in der ca. 600 Besucher fassenden Räumlichkeit einer ehemaligen Kaserne über die Bühne gegangen. In der kurzen Zeit des Bestehens gaben sich unter anderem bereits Bands wie Burned Out aus Hannover, Prohibiton aus Paris und einige andere ein Stelldichein. Es bleibt allerdings abzuwarten wie sich die Situation um den Mietvertrag entwickelt und welche generelle Konzertpolitik verfolgt werden soll. Bislang beschränkte man sich ausschließlich auf Non-Profit Konzerte wie man sie auch aus Hannovers Kornstraße kennt. Bleibt nur zu hoffen, daß sich diese positive Politik fortsetzt. Sobald ein Mietvertrag von der Stadt vorliegt, ist man auch bereit Geld in die Innenausstattung zu investieren. Da kann man wirklich nur hoffen, daß die Celler Jugend nicht zum wiederholten Male von der Stadt verarscht wird.

Größeres Augenmerk sollte man im Augenblick daher noch auf das Celler Loch richten. Es ist im Wesentlichen dafür verantwortlich, daß junge Celler- und auswärtige Bands seit geraumer Zeit eine Auftrittsmöglichkeit erhalten. Kostenlose Konzerte unterschiedlichster Stilrichtungen finden regelmäßig jeden Sonntag Nachmittag um 17.00 Uhr im Celler Loch statt. Von Grind/Metal über Hardcore/Punk zu Rock/Pop und Folk findet hier glücklicherweise alles seinen Platz. Gerade die kleine Räumlichkeit des Celler Lochs haben viele Besucher, alt und jung, zu schätzen gelernt. Bei der „Sonntagsmatinee“ ist die Hütte jedenfalls immer rappelvoll. Festgagen werden im Loch zwar nicht gezahlt, dafür wird aber nach den Shows beim Publikum gesammelt. Sollte einmal nicht so sehr viel Geld für die Bands rausspringen, legt die Loch Crew noch etwas drauf, damit die Bands nicht mit leeren Taschen nach Hause gehen müssen. Getränke sind natürlich auch umsonst für die Bands. Angefangen hat die Konzertserie ursprünglich auf initiative der Jazz-Trasher No Frills, die vor 1 1/2 Jahren die ersten Konzerte im Celler Loch gaben. Neben den Konzerten im Celler Loch organisiert man aber auch Gigs in anderen etwas größeren Räumlichkeiten.

Denn das nur ca. 60 Leute fassende Celler Loch ist dann doch für einige Bands zu klein. Zu dem wurde die Firma „Loch Enterprises“ gegründet um größere Veranstaltungen durchführen und CD´s veröffentlichen zu können. Gerade von den CD Veröffentlichungen profitiert die Celler Szene natürlich ungemein. Unlängst ist bereits ein Sampler mit folgenden Celler Bands erschienen: Televenga Hypnotism (Psychedelic-Folk-Rock), Wonderprick (FunPunk), No Frills (Jazz-Trash), Obscurity (Grunge), Point Two Tons (Hardcore), Loleks & Boleks (Funk Rock), Kilgore („Screamcore“) etc. Außerdem steht in kürze eine full-lenght CD von Televenga Hypnotism ins Haus, die einen Teil dieser CD live im Loch eingespielt haben. Vor einigen Wochen fand auch ein Festival mit allen auf dem CD Sampler vertretenen Bands in einer größeren Celler Turnhalle statt. Aufgrund des großen Zuschauerzuspruchs veranstaltete man das Ganze jetzt auch noch einmal in Hannover, wo entgegen meinen Erwartungen die Bands nicht in einer menschenleeren Halle spielen mußten, sondern vor ca. 600 Zuschauern. Besonders herausheben muß man einfach den Auftritt Kilgors, der an Intensität und Ausdrucksstärke nicht zu überbieten war.

Und überhaupt ist es für diese Art von Musik sehr ungewöhnlich eine Frau im Line Up zu haben, die sich, wie auch der männliche Vokalartist, die Seele aus dem Leib schreit. Diese Veranstaltung war zugleich der erste Versuch überhaupt, die Celler Bands über die Stadtgrenzen hinaus ins Gespräch zu bringen. Außerdem ist es Olivers Anliegen, die Toleranz und Akzeptanz, die auch unter den verschiedenen Celler Bands nicht unbedingt gegeben ist, zu fördern. Dieser arrogante Großstadtvirus „Wir sind ja sooo cool und kacken auf Euch“ greift selbst auf eine Kleinstadt wie Celle über. Hardcore Bands reden nicht mit Hippies, Rocker nicht mit Punks und andersrum gilt das mal genauso, halt das übliche Dilemma. Der Beseitigung dieser Mißstände versetzt man mit solchen Festivals, bei denen so ziemlich alle Celler Bands spielen, natürlich einen großen Schub. Zumindest fördert man so die Kommunikation zwischen den Bands.

Man muß sich ja nicht gleich vor Liebe um den Hals fallen, was mit Sicherheit auch niemals passieren wird. Aber allein den Standpunkt des anderen zu akzeptieren und zu respektieren ist viel Wert. Viel wichtiger aber als diese Kleinigkeiten ist die Tatsache, daß sich hier nach jahrelanger Ebbe überhaupt was rührt. Damit das ganze nicht einschläft ist es natürlich wichtig, daß man auch mal etwas bekanntere Bands nach Celle holt, um sich als Veranstaltungsort über die Region hinaus ins Gespräch zu bringen. Wenn die Stadt also endlich mal mit dem verdammten Mietvertrag für das „Bunte Haus“ auf dem ehemaligen Kasernen Gelände ´rüber kommen würde, hätte man auch dauerhaft eine gute Halle für attraktive Bands. Außerdem würde man nicht ständig zwischen Aufbruchstimmung und Resignation hin und her gerissen. So, und wenn jetzt irgend jemand von Euch Bock hat in Celle aufzutreten, egal ob bekannt oder unbekannt, dann meldet Euch einfach mal bei den folgenden Kontaktadressen.

Celler Loch
Bahnhofstraße 24
29221 Celle
Tel. 05141 / 22405

Loch Enterprises
(siehe Celler Loch)

UJZ Buntes Haus

Interessengemeinschaft Nafikultur
(zur Zeit leider noch keine Kontaktadresse, zu erreichen über das Celler Loch)

Text: Der Torsten

Photos: Stefan vom Celler Loch


Links (2016):
Videos aus dem Celler Loch auf YouTube
Politischer „Celler Loch“-Skandal auf Wikipedia

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