April 8th, 2020

BURNING LOVE (#141, 2010)

Posted in interview by Thorsten

„In the case of hardcore punk, I think it was meant to imply that it was a more serious lifestyle culture which extended beyond the superficial/style-based culture that punk had become even by the early 80s“

Interview mit Chris Colohan von Burning Love

Die Bands in denen Chris Colohan bisher involviert war zählen durch die Bank zu meinen Lieblingen: THE SWARM, RUINATION, LEFT FOR DEAD, COUNTDOWN TO OBLIVIAN oder CURSED. Momentan singt er unter anderem bei den kanadischen BURNING LOVE. Chris war so freundlich mir ein paar Fragen per Mail zu beantworten. Im Folgendem nun also seine Meinung zu Erdnussflips und Black Metal.

Hi Chris, also, ein deutsches Fanzine namens TRUST will ein Interview mit dir machen. Das mag vielleicht ein wenig komisch für dich sein wenn man bedenkt was deiner ex-Band CURSED auf Tour hier in Deutschland passiert ist. (Cursed wurden auf der letzten Tour in Deutschland Pässe und die gesamten Toureinnahmen geklaut. Anm. d. Verf.) Traust du den Deutschen noch?

Klar, es ist eine Art Running-Gag den niemand kapiert. Deutsche Hardcore Kids tendieren dazu mich nervös zu machen und haben ein kühle Ausstrahlung. Sie sind wirklich sehr unnahbar und je mehr ich mich über sie lustig mache und versuche das Eis zu brechen und die Stimmung aufzuheitern, desto mehr gehen sie in die Defensive. Ich hasse dieses Gefühl sehr, besonders wenn ich auf der Bühne stehe, ich lass mich dann einfach nicht mehr darauf ein und mache dadurch alle nur noch mehr griesgrämig und nervös. Nein Unsinn, ich hasse natürlich nicht die Deutschen. Ich bin ein riesen Fan eurer Erdnuss-Flips, die vermisse ich sehr.

Würdest du gern mit deiner aktuellen Band BURNING LOVE in Deutschland touren?

Natürlich. Ich würde sogar wieder das Squat in Mühlheim aufsuchen. Wirklich, die Leute dort waren großartig zu uns. Die Scheisse die dort passiert ist hätte überall passieren können. Ich würde vielleicht nicht unbedingt 10 Shows in Deutschland auf einer Tour spielen wollen weil es noch viele andere interessante Länder gibt wo man spielen kann. Aber ich würde definitiv gerne wieder die DIY Läden und Squats in Berlin, Hamburg und einige andere spielen wollen.

Wer ist alles bei BURNING LOVE dabei und was macht ihr neben der Band, also spielt ihr noch in anderen Bands und womit verdient ihr euer Geld?

Wir haben alle verschiedene Jobs und versuchen die mit der Musik unter einen Hut zu bringen. Ich arbeite in Torontos letztem guten, unabhängigen Kult-Video & Buch Laden, wo ich schon seit 10 Jahren mit Unterbrechungen arbeite. Und ich veranstalte Konzerte nebenbei.

Ich habe in einem anderen Interview gelesen, dass du Bücher schreibst und fotografierst, stimmt das?

Ich habe schon seit ein paar Jahren nicht mehr wirklich fotografiert, im übrigen könnte ich mich nie ganz mit ausschließlich digitaler Fotografie anfreunden. Schreiben tue ich ja, ich habe viele Sachen die fertig sind und die ich gerne veröffentlicht hätte. Das war meine ursprüngliche Intention als ich HIGH ANXIETY (sein eigenes Label. Anmerk. d. Verf.) ins Leben gerufen habe und ich will das auch noch immer machen.Das Ding ist nur, dass ich dazu tendiere sehr persönliches zu schreiben und ich mag das auch weil es eine kathartische Wirkung für mich hat aber ich weiß auch wie Dinge an einem selber hängen bleiben und wieder zurückkommen können wenn man sie veröffentlicht und das mag ich nicht. Ich wills einfach veröffentlichen und nicht mehr daran erinnert werden. Also ja, ich wird‘s machen aber eher anonym oder nur in kleiner Auflage.

Welche neuen herausragenden Bands im Hardcore/Punk/Metal/Alternative-Bereich gibt es deiner Meinung nach, die man sich mal zu Gemüte führen sollte?

Also Cult Ritual sind schon tot, von daher würde ich sagen CRY HAVOK aus Sheffield, UK. Die beste Crust Band die ich je gesehen habe, so wie DISRUPT mit Schweinerock-Bar-Solos. Perfekt, die sollte man auf jeden mal auschecken! Und im Moment gibt es eine Menge großartiger Bands aus Montreal die es alle wert sind kennengelernt zu werden: OMEGAS, CASTAVETS, BRAZEN HELL, VILE INTENT.

Einer deiner Ex-Bands, THE SWARM hat eine split 7” mit MÖRSER aus Deutschland. Kennst du noch andere deutsche oder europäische Punk/Hardcore Bands die du magst?

Ich liebe MÖRSER. Ich habe ACME geliebt, hab mir die 7” geholt als sie rauskam und zu dem Zeitpunkt gab es nichts Vergleichbares. Ich mochte diese ganze Schiene, SYSTRAL und so weiter. „10000 Bad Guys Dead” von MÖRSER höre ich mir nachwievor an. Seit kurzem sind MÖNSTER aus Berlin meine deutsche Lieblingsband.

In Deutschland haben wir im Moment Probleme mit Neonazis die sich den Begriff „Hardcore“ als Marke eintragen lassen wollen. Was denkst du über den Begriff im Allgemeinen? Anscheinend denken viele Leute es ist etwas was „hart“ macht oder wofür man „hart“ sein muss wegen der agressiven Musik.

Ja der Begriff wird von verschiedenen Subkulturen verwendet. Im Fall von Hardcore Punk denke ich war es so gemeint, dass es einen ernstzunehmenderen Lebensstil beschreiben sollte. Etwas was über Punk hinausging, über die oberflächliche und durchgestylte Sorte zu der Punk bereits Anfang der 80er Jahre geworden war. Heutzutage wird der Begriff von vielen Idioten benutzt, tough guys und anderen Arschlöchern.

Was sagst du dazu, dass in Punk und Hardcore-Kreisen der Black Metal-Einfluss stärker zuzunehmen scheint? Leider sieht es so aus als wenn im Moment NSBM Bands wie BURZUM teilweise mehr akzeptiert werden würden. Ich habe auch den Eindruck, dass momentan, vor allem in den USA, Bands wie DEATH IN JUNE oder BLUTHARSCH ziemlich angesagt sind. Bands die Nazi-Symbole in ihrem Artwork verwenden.

Ich glaube hier bei uns ist es anders als bei euch, weil ihr eine größeres und offensichtlicheres Problem mit Nationalsozialismus habt. Es gibt definitiv eine Menge Nazis und Mistkerle die ihre Haare wachsen lassen und sich in Black Metal Kreisen bewegen. Persönlich mag ich mehr die thrashige Seite dieser Musik, sowas wie WITCHERY oder Klassiker wie VENOM, die nie irgendwas mit Nazismus zu tun hatten.

Aber ich bin auch ein DEATH IN JUNE-Fan. Zunächst, Douglas Pearce ist homosexual, was nicht bedeutet dass er nicht auch rechtsgerichtet sein kann aber er kommt auch aus der antifaschistischen Szene, seine Band CRISIS stand der Anti Nazi League und Rock Against Racism sehr nahe. Ich denke DIJ „spielen” mit antisozialen Elementen und Symbolen und verspotten die Idee rechts gerichteter Zermonien indem sie diese fetischisieren, anstatt wirklich zu unterstützen. Ich denke Bands wie DIJ gehören in die Tradition und Schockkultur von Leuten wie DIAMANDA GALAS, BOYD RICE, RICHARD KERN, MARK PAULINE, THE SWANS und NEUROSIS, und noch früher, KENNETH ANGER. Bands wie DEATH IN JUNE versteht man am besten in diesem Kontext. Das bedeutet nicht, dass junge Nazis die sich wegen den Nazi-Symbolen zu DIJ hingezogen fühlen, Kunst studiert haben oder die Intelligenz besitzen den Unterschied zwischen Ideologie und Nachahmung zu verstehen. Aber ich würde DEATH IN JUNE nicht in einen Topf mit BURZUM werfen. Das sind einfach nur rechte und kindische Idioten die versuchen menschenfeindlich zu sein während sie in Ländern mit den besten Lebensstandards leben. Zwei völlig verschiedene Dinge.
Und ich betone es nochmal, im Westen zu leben bietet den „Luxus”, vielleicht weil es hier so großstädtisch ist, Kunst ironisch theoretisieren und mit Symbolen „spielen“ zu können weil wir hier kein direktes Nazi Problem haben. Toronto hat eine starke und ernstzunehmende antifaschistische Szene. Wenn wir also keine Nazi-Kultur zu Gesicht bekommen, nehmen wir oft an, dass unsere Welt sich darüber „hinweg- zivilisiert“ hat während ihr in Deutschland euch das nicht leisten könnt. Ich war in Weimar, in einem antifaschistischem Squat, wo wir einst gespielt haben und es war ein harter Schlag ins Gesicht zu sehen mit welchen Problemen die Leute dort tagtäglich zu tun haben. Ich verstehe also völlig wenn ein Europäer kategorisch mehr aufpasst ob irgendwo Bilder und Themen dieser Art verwendet werden, egal welche künstlerische Intention dahintersteckt.

Zukunftspläne für Burning Love?

Versuchen die Weltherrschaft zu übernehmen ohne Nazi Symbole dabei zu verwenden. Im Januar werden wir die „Songs for burning lovers“ LP aufnehmen, komplett analog, ohne Computer. Die wird dann bei DERANGED erscheinen. Die Demo 7” wird nachgepresst und wir werden noch eine neue 7” veröffentlichen. Außerdem noch eine 5” split mit ROT IN HELL (UK). Dann schauen wir weiter, ich würde gern ein paar Videos machen, unsere künstlerischen Vorstellungen ein wenig ausweiten.

Willst du noch was loswerden?

Danke für das Interview, sorry dass ich solange gebraucht habe dir die Antworten zu schicken.

Interview: Sebastian Kröckel

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