Mai 23rd, 2019

BUCKETHEAD (#78, 1999)

Posted in interview by Thorsten

Mädchen. Park. Zigarettenmaschine.

Eigentlich ja eine naheliegende, zumindest einleuchtende Idee, in die Verpackung von CDs eine Zigarette einzulegen. Links, wo das Scharnier für den Deckel ist. Die neue Platte von Buckethead (‚Girl Park Cigarette Machine‘ auf Epistrophy/Hausmusik) überrascht schon auf den ersten Blick, noch bevor du einen Ton der springlebendigen Musik gehört hast, angenehm mit einer Zigarette ebendort. Jener erste Blick wird nicht nur eine Zigarette bemerken, sondern auch, dass der Typ auf dem Cover raucht. Und dann noch der Titel, der umstandslos auf wesentliche Voraussetzungen für angenehmen Zeitvertreib aufführt. Offensichtlich Slackertum, zu anderen Zeiten Boheme genannt..
Schließlich steht da noch irgendwo:
„Hipsters do not drop out. They establish themselves in the nooks and crannies of society. They get along.“
Also: Hipsters richten sich in Nischen ein und kommen dort zurecht.
Damit wäre das Verhältnis recht gut beschrieben, das Leute, die sich über ihren Style vom Mainstream abgrenzen, zu den Verhältnissen einnehmen. Also, sich in den bestehenden Verhältnissen einzurichten, nur eben so, dass der Individualismus vor den Materialismus gesetzt wird.

Ach ja, ich war gerade dabei zu entdecken, dass es viel Rauch an dieser Platte gibt. Die vier Instrumentals, die von fern an All oder auch an die Alter-Natives (also SST) erinnern, tragen die Namen spanischer und portugiesischer Zigaretten, und auch in den Texten tauchen nicht selten Zigaretten auf.

Die Verbindung von Zigaretten und Musik müssten wir vielleicht erklären.

Jochen: „Es ist auf jeden Fall Musik, die dazu gedacht ist, dabei zu rauchen. Und falls es jemandem nicht gelingt, weil er keine Zigaretten hat, dann kann er sich die aus der CD-Hülle nehmen, die reicht vielleicht für die ersten drei Songs.“

Und warum tauchen in den Songs so viele Kippen auf?

Patrick: „In Jochens, in meinen nicht!“
Hilmar: „Jochen ist auch der Letzte, der angefangen hat.“
Jochen: „Ich hab spät angefangen, bin dann aber ziemlich professionell ins Business eingestiegen.“
Hilmar: „Bist gleich in die A-Liga vorgestoßen.“
Patrick: „Ich hab mit 13 angefangen, aber ich war nie ein richtiger Raucher, behaupte ich immer.“
Jochen: „Du bist auch jetzt kein richtiger Raucher.“

Was macht einen richtigen Raucher aus?

Jochen: „Ein richtiger Raucher wacht auf und denkt an ’ne Kippe.“
Hilmar: „Morgens vorm Aufstehen. Mein Freund Peter ist ein richtiger Raucher, und bevor nicht im Bett die zweite Zigarette durchgezogen wurde, ist kein Hochkommen.“

Mir hat mal jemand von einer Frau erzählt, die sich jeden Abend vor dem Einschlafen vier bis fünf Zigaretten drehte. Morgens war keine mehr übrig. Sie hatte sie in der Nacht geraucht. Wohl vom Husten aufgewacht…

Jochen: „Das ist aber schon ziemlich krass. Die Art von Rauchen, die wir unterstützen wollen, ist natürlich das sehr genüssliche Rauchen. Sich eine Kippe anstecken, eine Platte auflegen, dann zum Fenster gehen, sich ins Fenster setzen, die Kippe anzustecken und sie zu rauchen und dazu die Musik zu hören.“
Hilmar: „Eigentlich war auf der CD auch eine Rauchpause. Die ist irgendwie verschwunden. Ich weiß auch gar nicht warum.Da hat Greg (Core, der Mann, der ‚Girl Park Cigarette Machine‘ produziert hat, und ansonsten durch sein Mitwirken in Bands wie Saprize, Mutant Gods oder Czech vielleicht einigen ein Begriff ist) genau eine Zigarette vor dem Mikrophon geraucht, und dann kam der nächste Song.“

So wie in der Kinowerbung, wo du ganz deutlich das Knistern des verbrennenden Tabaks hörst?

Jochen: „Genau so.“

Der Soundtrack zur Zigarette… Gäbe es noch Tabakwerbung im Fernsehen, gäbe es sowas sicher auch. Leute wie Joe Cocker oder Eric Clapton würden dann dafür bezahlt, einen Song für Marlboro zu singen. So wie andere Leute ihre Songs für die Telefonsex-Werbung hergeben. Buckethead haben selbstverständlich andere Vorstellungen vom Soundtrack ihrer Zigaretten.
Tortoise?

Jochen: „Nee, Dinosaur jr., Jawbreaker…“
Hilmar: „Coltrane.“

Welche Platte?

Hilmar. „‚My favorite things'“
Jochen: „Tortoise finde ich besser, um am Computer zu sitzen und etwas Strukturiertes zu tun. Also um etwas zu konstruieren oder sich einen Plan von einer Sache zu machen. Zigaretten eignen sich eher, um irgendeinen ‚Stream-Of-Consciousness‘-Terror zu veranstalten. Also sich zurückzulehnen… das geht allerdings zu Tortoise auch.“

IT’S ALIVE…

Jochen: „Auf der Bühne hat es eher was Abgefucktes. Fast schon was Rock’n’Roll-mäßiges, sowas Kaputtes. Mir gelingt das schon rein technisch nicht. (Der Mann spielt schließlich Gitarre und singt) Außerdem habe ich da gar keinen Bock drauf, genau wegen dieses Rock’n’Roll-mäßigen. Wer raucht nochmal auf der Bühne?“

Naja, beispielsweise Slash.

Jochen: „Sehr unangenehmer Zeitgenosse. Dead Moon vielleicht?!“

Kann sein. Marianne Faithful raucht auf der Bühne.

Jochen: „Portishead auch, aber Gitarre spielen und rauchen?“

Manche Leute stecken sich die Zigarette oben an den Kopf zwischen Saite und Holz.

Jochen: „Das ist Bluesrock.“

Es geht also ganz klar nicht nur um den physischen Effekt, den eine Zigarette hat, ihren Geschmack und den leichten Tritt für den Kreislauf. Schließlich tut es eben ein Nikotinkaugummi nicht, oder? Style. Unvernunft, weil Rauchen eben für den Raucher einzig zum Genuss taugt. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Und weil das so ist, hören Leute auch gern und vor allem oft mit dem Rauchen auf. Wie in Jim Jarmuschs Trilogiie ‚Coffee & Cigarettes‘, wo es eine Szene gibt, in der Iggy Pop und Tom Waits in einem Café sitzen und bei Unmengen von Kaffee in erster Linie davon reden, dass sie mit dem Rauchen aufgehört haben und es ihnen gar nicht fehlt, bis sie nach einer Weile eine Packung Zigaretten auf dem Tisch finden, die jemand dort vergessen hat. Nach einigem Hin und Her kommen sie überein, dass sie nun, wo sie eigentlich beide keine Zigaretten mehr brauchen, ja ruhig mal eine rauchen könnten.
„Superfilm!“, findet Hilmar.

Um also den Bogen zurückzuschlagen…

Jochen: „Es geht schon darum, dass man diese Musik genießt.“
Patrick: „Man könnte auch sagen, dass eine Zigarette genauso als Genussmittel zu verstehen ist, wie Musik. Nicht als reines Konsumgut, wie es halt die Meisten betreiben.“
Jochen: „…Sondern bewusst rauchen. Man benutzt ja auch die Zigarette oft dazu, in diesen Minuten nichts anderes tun zu können. Wenn man sich beispielsweise auf den Balkon stellt, oder bei der Arbeit eine Rauchpause macht. Man kann sich dann auf die Musik konzentrieren. Die Leute sollen sich das ja auch richtig anhören. Das heißt, wenn du gleichzeitig, sagen wir mal, naja, Wäsche aufhängen würde vielleicht noch gehen, aber wenn du ständig rausrennst und telefonierst, dann ist das nicht gewährleistet. Gewährleistet ist es aber, wenn du dich hinsetzt und eine Zigarette rauchst.“
Patrick: „Man sagt Zigaretten auch nach, dass das Nikotin die Konzentrationsfähigkeit steigert.“
Hilmar: „Es gibt ein Buch von einem Herrn Schellbach oder Schellbaum, der hat 1928 oder so ein ganzheitliches Gesundheitsbuch für eine positive Lebensführung geschrieben und rät da den Leuten, in der ersten kleinen Pause des Arbeitstages zwei Zigaretten zu rauchen, weil das die Konzentrationsfähigkeit und Dynamik positiv beeinflusst.“
(…)

Hilmar: „Da fällt mir noch Birger ein, unser alter Gitarrist. Der hat viel geraucht. Und immer wenn er krank war, hat er gesagt, jetzt tu ich was für mich, und hat Mentholzigaretten geraucht. Das fand ich immer schön. Immer wenn er erkältet war gab’s Menthol.“
Jochen: „Das war wohl nicht ganz zu Ende gedacht.“

Ihr propagiert ja das Rauchen von Filterzigaretten…

Jochen: „Das ist ‚instant gratification‘, wie es Victim’s Family nannten. Man muss nicht dafür arbeiten und kann sich auch so etwas Gutes tun. Man muss also nicht erst leiden, um dann genießen zu können.“
Hilmar: „Manchmal kann ich auch einfach nur gedrehte Zigaretten rauchen. Der Tabak schmeckt anders, weil er frisch ist.“

Nun ist der Mann auf dem Cover ja Pfeifenraucher. Habt ihr da einschlägige Erfahrungen?

Jochen: „Mein Vater hat Pfeife geraucht, als ich klein war. Der hatte so ein Holzding, da standen vier Pfeifen in verschiedenen Größen drin.“

Es gibt allerdings Erfahrungen mit Zigarren.

Patrick:. „Im Alter von 12 bin ich mit meiner Schwester und einem Freund in den Wald gegangen, dessen Opa Zigarrenraucher war. Der hat drei Zigarren geklaut, für jeden eine, und dann haben wir im Wald eine Zigarre geraucht und haben auch alle gleichzeitig gekotzt. Trotzdem haben wir beschlossen, dass es cool ist, zu rauchen.“
Hilmar: „Früher konnte man die Zigarettenautomaten hinten noch son Stück aufschieben, und dann konnte man mit einer Rasierklinge die Schachtel oben aufschneiden und mit einer Pinzette die Zigaretten rausholen. Wir haben das mal getestet und dann auch alle auf einmal geraucht und endlos gekotzt. Da waren wir 12 oder so, und dann war das erstmal vorbei.“

Und wie ist das nun mit Zigarren?

Hilmar: „Zigarren sind super. Ich habe neulich ne Zigarre geraucht, die richtig lecker war.“
(…)
Patrick: „Wahrscheinlich ist es mit Zigarren so, dass man da schon in seiner Kindheit hineingeboren werden muss. In diesem Film, der gerade angesagt ist, ‚Buena Vista Social Club‘ gibt es die Szene, wo der eine alte Herr gefragt wird, seit wann er raucht. Und er ist 90 und sagt: ‚Ich hab im Alter von fünf Jahren meiner Großmutter, die im Sterben lag und immer noch Zigarren geraucht hat, immer Feuer gegeben.‘ Nach einer kleinen Pause sagt er dann: ‚Man kann also sagen, ich rauche seit 85 Jahren.'“

SMOKIN‘ ON THE DANCEFLOOR

‚Girl Park Cigarette Machine‘ stellt den Kulminationspunk(t) der Musik von Buckethead, der Verbindung komplizierter Strukturen mit sonnigen Hooks und traditionellem Songwriting dar. Wer die Band in nächster Zeit sehen wird, wird ein komplett neues Programm hören. Mit Betonung auf die instrumentale Seite, ausführlich ausgeführte Stücke und der Abkehr vom Punkrock-Song.
Was bleibt sind Zigaretten. Und, wie es irgendwo jemand formulierte, die gummiballartige Show, Rock. Und die hohe Wahrscheinlichkeit, dass Buckethead vielleicht auch das bei nächster Gelegenheit schon wieder hinter sich lassen, um vielleicht zur Fake-Mariachi-Band zu mutieren, oder zu irgendetwas anderem.
Checkt das mal an!

worte: stone
bilder: felix

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.