März 25th, 2019

BOSS TUNEAGE RECORDS (#192, 2018)

Posted in interview by Jan

Dieses Interview kam zu Stande, nachdem ich in der letzten TRUST-Ausgabe, in meinem Oldie-Artikel „Neu“, mich näher mit melodischen Hardcore aus England auseinandersetzte. Dabei wurde mir erst so richtig bewusst, wie viele geile Veröffentlichungen, entweder als Original oder Re-Release auf Boss Tuneage Records erschienen sind. Der beachtliche Umfang aus circa 400 – 500 Veröffentlichungen, lässt manchmal schon eher verwundern, wenn eine Band bzw. Platte aus jener Ära, nicht auf Boss Tuneage heraus kam, oder wieder Neu aufgelegt wurde.
Denn der Veröffentlichungskatalog beinhaltet zahlreiche essentielle oder wichtige Veröffentlichungen aus jenem Genre, wie z.B. H.D.Q., HERESY, The STUPIDS, EXIT CONDITION, DAN, INSTIGATORS, The ABS … Allesamt Bands die Mitte der 80er, den etwas angestaubten 77er, 82er UK oder Anarcho-Punk, mithilfe einer überaus erfrischenden Prise aus Amiland zu neuem Leben oder zumindest zu neuen Ideen, Impulsen und musikalischen Richtungen verhalf. Eine Entwicklung die seinerzeit in Deutschland mit den Spermbirds, Crowd of Isolated, Quest for Rescue, The Ewings… genauso für einen erfrischenden, neuen Wind sorgten. Besonders als leidenschaftlicher Fan von melodischen Ami-Punkbands wie Hüsker Dü, Scream, Dag Nasty, 7 Seconds, Government Issue, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, sich näher mit dem Label zu beschäftigen. Der sympathische Labelbetreiber Aston, beantwortete meine Fragen zu seiner musikalischen Sozialisation, der englischen Szene der späten 80er, seiner Arbeitswut und natürlich über sein Label.

Hallo Aston. Stell dich bitte vor. Wie alt bist du? Wo bist du aufgewachsen? Wann und wie bist du zum ersten Mal mit Punk in Berührung gekommen?
Hallo ich bin Aston und betreibe zusammen mit meiner Frau, das Label Boss Tuneage. Wir haben unsere erste Platte im Jahre 1990 veröffentlicht, als ich 17 war, derzeit bin ich 45 Jahre alt. 1983/1984 hatte ich zum ersten Mal eine kurze Einführung in den Punk, aber erst 1988 wurde ich aktiv in die britische Hardcore-Punk-Szene involviert. Ich bin in meinen Teenagerjahren in Lincolnshire aufgewachsen, in den East Midlands von England, einem ziemlich ländlichen und abgelegenen Farmergebiet. Derzeit lebe ich in Northumberland, ganz in der Nähe der schottischen Grenze.
Wie kann man sich heute, die Punkszene Mitte der 80er vorstellen, denn der große kommerzielle Punkboom der späten 70er und früher 80er ist schon abgeflaut, aber es hatte sich eben doch eine aktive Szene etabliert. Wie groß war die Szene damals und wie hast du diese in Erinnerung behalten?
Es ist schwer für mich detailliert zu umschreiben, was damals vor sich ging, denn schließlich wurde ich erst 1988 aktiv. Als ich 15 war, hörte ich erst Thrash Metal, bevor ich Napalm Death entdeckte, dessen Album „Scum“ mein Einstieg in die Hardcore-Punk-Szene war. Ich begann viel über Bands aus dem Fanzine-Netzwerk und Tape-Trading zu lernen.

Weil ich meine Jugend in einer ländlichen Gegend verbracht habe und keinen Führerschein hatte, besuchte ich Anfangs noch nicht so viele Konzerte. Ich glaube, die Bands, die mich anfangs aus dem Bereich des englischen Hardcore-Punk, am meisten begeistert haben, waren STUPIDS und HERESY. Mein erstes Konzert besuchte ich jedoch erst im November 1988, als ich gerade 16 Jahre alt wurde und MEGA CITY FOUR in Boston, 15-16 Meilen von meiner Heimatstadt entfernt, einen Auftritt hatten. Im Vorprogramm spielten VEHICLE DEREK (dessen Split-EP mit GOBBER PATROL, dann später die erste Veröffentlichung auf Boss Tuneage wurde) und eine junge, neue Band aus London die auf den Namen SNUFF hörte und hier in Boston, ihren vielleicht zweiten oder dritten Auftritt außerhalb von London spielten. Der Einfluss dieses Gigs traf mich wirklich hart und ich begann mich mehr und mehr für Snuff, HDQ oder andere melodische Bands auf Meantime Records oder Vinyl Solution zu interessieren.
In Deutschland gab es zu jener Zeit auch viele Suffpunks, die nicht mehr viel auf die Reihe bekamen. Wie sah diesbezüglich die Situation in England aus? Welche Rolle spielten Alkohol und Drogen?
Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht daran erinnern, dass Drogen und Alkohol eine große Wirkung auf die Szene hatten, sie waren vorhanden und in der Nähe, aber nicht zu Lasten von irgendetwas zu der Zeit. Oder zumindest schien es so durch meine naiven 16 Jahre alten Augen. Die meisten Bands die ich 1988 anfing zu hören, waren circa 4-5 Jahre älter als ich. Viele dieser früheren Punkbands begannen in den späten 80ern Metal zu erforschen und somit hatten sie keine Relevanz für das, was ich damals gehört habe.
Gab es damals eine klare Distanzierung zwischen UK-Punk, Grindcore und melodischen Hardcore, oder war das alles eine einzige Szene?
Es war alles eine Szene, aber man konnte sehen, dass sich die Dinge definitiv in mehrere Subszenen aufteilten. Wenn ich mir Gig-Poster aus den Jahren 1986/1987 anschaue, dann kann man schon behaupten, das viele Gigs und Bands damals vielseitiger waren, als sagen wir 1990/1991.
Und wie gingen die verschiedenen Sub-Szenen auf die Inhalte ein, denn damals gab es auf der einen Seite die politische Anarchopunk und Crust-Szene und auf der anderen Seite, die eher auf persönliche oder auf positive Inhalte geprägte Hardcoreszene. Gab es in dem Fall Reibungsflächen, in punkto Ideologie, musikalischer Härte, Radikalität oder gar Vorwürfe des kommerziellen Ausverkaufs?
Ich weiß, dass einige der Bands dafür kritisiert wurden, dass sie in größeren Musikzeitschriften abgelichtet, oder über sie ein paar Dokumentationen im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Es gab eine Menge Besorgnis über Bands, die für John Peel, bei einem Konzern wie BBC Radio aufnahmen. Aber um ehrlich zu sein, hat das manche Band erst zu ihrer Größe verholfen, indem junge Kids wie ich, erst in den Kontakt kamen mit Bands wie DOCTOR & THE CRIPPENS oder VISIONS OF CHANGE. Mit einem begrenzten Budget war es in gewisser Weise der einzige Weg Songs aufzunehmen, oder an Bands zu gelangen, über die man in Zines las, wenn man nicht zu ihren Gigs kommen konnte. Es ist merkwürdig das es in verschiedenen Städten, verschiedene Szenen gab. In meiner Heimatstadtszene in Boston, wurden zu dieser Zeit, viele Leute von der amerikanischen Hardcoreszene beeinflusst. Zu der Zeit erzählten mir viele Leute, dass die meisten britischen Acts unsinnigen Müll produzierten und sie nur noch US-Bands hören. Ich war immer mehr daran interessiert, was mit den Bands in Großbritannien passierte, während ich immer noch Adolescents, Dag Nasty und Descendents liebte.
Earache Records brachte mit Napalm Death, Entombed, Morbid Angel usw. die härteren Metalsachen heraus. Weshalb denkst du, das damals der Grindcore, Thrash und Deathmetal so angesagt waren?
Es gab damals in Großbritannien eine riesige Thrash-Metal-Szene, und die Leute wollten nach dem schnellsten, extremsten neuen Ding Ausschau halten. Ich denke „Scum“ von Napalm Death, wurde wahrscheinlich zu 10% von Punks und zu 90% von Thrash Metallern gekauft. Somit ergab sich ein großes Problem für einige Leute, dass Metal Kids nur für die Musik und nicht für die Message im Hardcore Punk aufkamen. Ich denke Earache erkannte sehr schnell, dass sie mit der großen Popularität von „Scum“ auf eine Erfolgsformel gestoßen sind und spätestens am Ende des Jahres auf die Erkenntnis kamen, das die Metal-Szene schon immer viel größer war, als die Punk-Szene.
Das Bands wie HDQ, Exit Condition oder Snuff vom amerikanischen Hardcore beeinflusst wurden ist unüberhörbar. In welcher Weise unterscheidet sich dennoch der englische vom amerikanischen Hardcore? Oder was zeichnete die englische Hardcore-Szene in den späten 80ern aus?
Gute Frage. Bands wie HDQ zum Beispiel, hörten Dag Nasty und wurden von ihnen beeinflusst, aber anderseits hörten Bands wie Dag Nasty auch britische Bands der ersten Welle, wie The Ruts. Somit wurden viele amerikanische Hardcorebands auch vom frühen UK-Punk inspiriert, die auch wiederrum ihre Einflüsse auf spätere UK-Bands wie HDQ oder Exit Condition ausübten. Zum Beispiel weiß ich, dass Exit Condition The Stranglers liebten, obwohl ihre ersten Veröffentlichungen noch sehr Ami-HC-lastig waren, erst ihre späteren Veröffentlichungen wurden auch vom UK-Punk beeinflusst, ebenso wie von Hüsker Dü. SNUFF wurde auch vom Ami-HC beeinflusst, sie hörten aber auch viel Mod und Soul und so entstand ein großer Mixing Pot.
Und wie wurden wiederrum die englischen Bands in Amerika aufgenommen? Hast du einen Vertrieb in Amiland?
Bestimmte englische Bands wurden in den USA populär, aber bei weitem nicht jede Band. Ich denke, es kommt auf die Labels an, auf denen die Bands gespielt haben und wie gut ihre Distribution zu dieser Zeit war. Bei den Neuauflagen, die wir machen, kann man nie genau sagen, wie ein Release in den USA aussehen wird, wir haben in den Staaten Ebullition als Vertriebspartner und sie machen ihren Job gut. Aber die USA sind kein großer Verkaufsort für das Label, wir verkaufen viel mehr in Deutschland und Japan. Das sind die zwei Hauptländer, in denen wir außerhalb Großbritanniens verkaufen.
Wieso denkst du, dass Bands wie Leatherface und Snuff bekannter wurden wie z.B. Exit Condition, HDQ oder The ABS?
Ich glaube, es kommt auf das jeweilige Label an, auf denen sich eine Band befindet. Zum Beispiel waren SNUFF ursprünglich auf einem Alternativ-Tentacles-Sublabel in Großbritannien und später auf Fat Wreck Chords, sie tourten auch sehr viel und waren eine fantastische Liveband, ebenso wie LEATHERFACE, die auch auf Roughneck heraus kamen (die später zu Domino Records wurden, aber auch von Fire Records finanziert wurden). Ich glaube, SNUFF und LEATHERFACE profitierten vom Aufbau ihrer Kontakte, die HDQ, THE ABS und INSTIGATORS nicht in dem Ausmaß besaßen, obwohl sie in den späten 80ern durch Europa tourten. Dann Anfang der 90er, als NIRVANA populär wurden, entstand in den USA, genauso wie in Europa eine höhere Nachfrage nach solch einer Musik. EXIT CONDITION waren zu der Zeit kriminell unterbewertet, aber ich denke der einzige Grund warum sie nicht in einem Atemzug mit Snuff oder Leatherface gennant werden, liegt daran, dass sie nicht so ausgiebig tourten.
Hast du auch mal in einer Band gespielt?
Ja, meine erste Band hieß SICKBUS (nicht zu verwechseln mit Sick On The Bus), die jedoch nur wenig Erfolg hatten. Wir hatten 1989 drei Gigs, ich spielte Bass (der Drummer spielte später bei URKO und der ursprüngliche Sänger hat auch ein Label – In At The Deep End Records gegründet, dessen bekannteste Veröffentlichung die GALLOWS waren). Danach sang ich dann einige Jahre in einer Band namens BENNY (die ich mit zwei Jungs von VEHICLE DEREK und einem anderen Freund gründete). Wir haben drei CDs veröffentlicht und einige Shows von 2002-2004 gespielt.

Als Andy, der Gitarrist, ausgewandert ist, wechselte unser Schlagzeuger zur Gitarre und wir haben James Sherry (Done Lying Down, K-Line und viele mehr) für uns trommeln lassen. Dann hatte ich noch zwei weitere Bands, JACKSHIT (die eine 7 „Single veröffentlicht haben) und zwischen 2007-2008 hatte ich noch die Fun-Straight Edge Band YOUTH OF STRENGTH (bei denen der Spaß an vorderster Stelle stand) und wir eine 7“ und einen Split LP veröffentlichten. Wir haben immer noch vor Youth of Strength zu reanimieren, aber wir sind bisher noch nicht dazu gekommen, was daran liegen dürfte, das wir in verschiedenen Teilen des Landes, bis zu 360 Meilen auseinander leben.

Was war der Grund dafür, dass du dein Label Boss Tuneage ins Leben gerufen hast?
Ich fing mit Boss Tuneage an, weil es eine logische Weiterentwicklung dessen war, was ich seit meinen Eintritt in die Szene im Jahr 1988 gemacht habe. Ich brachte das Fanzine Intense Grind, später abgekürzt IG heraus und veröffentlichte eine Serie von Compilation-Tapes, also war es nur der logische, nächste Schritt, etwas auf Vinyl zu veröffentlichen. Zu dieser Zeit gab es viele neue Bands, die u.a. von SNUFF, MEGA CITY 4 und SENSELESS THINGS beeinflusst wurden, aber es gab nur sehr wenige Labels, die solche Bands unterstützten, abgesehen von Vinyl Solution und Meantime (Meantime war dann auch meine große Inspirationsquelle wie ich mein Label führen wollte). Mein ursprünglicher Plan war es, meine Heimatstadt-Szene zu dokumentieren und ein Split 7 „zwischen VEHICLE DEREK und meiner eigenen Band SICKBUS zu veröffentlichen. Als SICKBUS implodierte, fragte ich eine weitere neue britische Band aus 80 Meilen Entfernung, GOOBER PATROL und so kam es zu der ersten Boss Tuneage-Veröffentlichung im April 1990.
Auf was achtest du bei deinen Veröffentlichungen?
Ich muss es mögen. Wenn ich denke, dass es sich auch verkaufen wird, dann ist es noch besser. Ich habe ziemlich vielseitige Geschmäcker und ich denke, das zeigt sich in den verschiedenen Musikrichtungen, die ich auf dem Label veröffentliche.
Du hast so wahnsinnig viele Bands auf deinem Label, das man fast schon den Überblick darüber verliert. Wie viele Releases sind den bisher auf Boss Tuneage erschienen?
Ich habe ehrlich gesagt auch den Überblick verloren. Ich denke es dürften bis zum heutigen Tage, irgendwo zwischen 400 und 500 Releases sein. Eines Tages werde ich mich hinsetzen, eine Liste machen, um zu sehen was ich alles veröffentlicht habe. Ich scherze gerne damit, das Boss Tuneage 1990 ein Label war, dessen Veröffentlichungen nicht den Trend entsprachen und sich nicht gut verkauften. Heutzutage denke ich, dass Boss Tuneage „Das größte Label ist, von dem du noch nie gehört hast“.
Du bringst jedes Jahr zahlreiche Platten heraus, die auch noch meist mit ausführlichen Booklets mit Songtexten, Bandhistorien usw. ausgestattet sind. Das hört sich nach einer Menge Arbeit an. Wie bekommst du diese hohe Veröffentlichungsflut auf die Reihe? Lebst du von dem Label, oder bist du ein unermüdlicher Workaholic, der nebenzu noch nen Fulltimejob und eine Familie mit fünf Kindern ernährt?
Früher war das Label ein Vollzeitjob für meine Frau und ein Teilzeitjob für mich. Heutzutage ist es nur ein Teilzeitjob für mich. Mein „richtiger“ Job ist die CD- und Vinyl-Produktion für den größten britischen CD- und Vinyl-Hersteller Key Production. Ich arbeite von zu Hause aus als Berater für sie, aber mache auch das Label, somit funktioniert es wirklich gut für mich. Wenn ich also nicht an Boss Tuneage-Veröffentlichungen arbeite, beaufsichtige ich auch Releases für andere Labels. Mit den Releases (vor allem den Neuauflagen / Retro-Releases) gibt es eine Menge Arbeit in Bezug auf das Aussortieren aller Legalitäten der Lizenzierung, von wegen: wer besitzt was?

Wo sind die Master-Tapes? Ich versuche immer dass die jeweiligen Bands selbst an dem Projekt beteiligt sind, das erschafft mir zwar mehr Arbeit, aber es ist eben ausschlaggebend für mich, was ich als Fan der Band, bei einem Release, selber davon erwarten würde. Die Bands auf dem Label haben immer das letzte Wort darüber, was in einer Veröffentlichung, einem Artwork oder sowas enthalten ist. Ich arbeite mit einem brillanten Designer zusammen, Welly vom Artcore Fanzine, der meine und die Ideen der Bands mitnehmen kann, um das nächste Level zu erreichen. Ich denke dass wir im Großen und Ganzen versuchen, den bestmöglichen Job zu machen und den Preis so günstig wie möglich zu halten. Ich denke ich bin ein Workaholic, aber heute weniger, seit mein Sohn 2012 geboren wurde, hörte ich auf, am Wochenende zu arbeiten, es sei denn, es ist absolut notwendig. Ich versuche, die Menge an Veröffentlichungen, die wir jedes Jahr veröffentlichen, allmählich zu verlangsamen, um es etwas überschaubarer zu gestalten, aber ich bekomme immer Sachen angeboten, die ich veröffentlichen möchte und manchmal kann es echt schwer sein, Nein zu sagen!
Welche Veröffentlichung verkaufte sich bisher am besten und welche am schlechtesten?
Am besten verkaufte sich bisher das Reissue von HERESY – „1985-87“ und wahrscheinlich das letzte ANGELIC UPSTARTS-Album. Am schlechtesten gingen die KEN ARDLEY PLAYBOYS weg. Ich brachte die Veröffentlichung heraus, um der Band einen Gefallen zu tun und veröffentlichte 100 Platten, von denen sich aber nur ein paar verkauften.
Und was sind deine persönlichen Top Five – Releases deines Labels?
Das ändert sich die ganze Zeit, aber auf die normalen Releases, also nicht den Wiederveröffentlichungen bezogen, ist einer der bemerkenswertesten Veröffentlichungen das THE JONES-Album und das Album von K-LINE, sowie die Alben der JADED EYES. Aber frag mich Morgen nochmal und es würde sich wieder ändern. Ich bin normalerweise sehr gespannt auf die kommenden Veröffentlichungen.
Die deutschen SPERMBIRDS und KICK JONESES sind auch auf deinem Label vertreten. Hattest du die deutsche Szene auf dem Schirm und gab es damals zwischen England und Deutschland ein ausgeprägtes Netzwerk?
Nun die Spermbirds waren auf dem allerersten Hardcore-Punk-Mix-Tape, das mir 1987 ein Freund zusammenstellte und meine erste Band Sickbus spielten das Spermbirds-Cover „Something To Prove“. Manic Ears lizensierte das erste Spermbirds-Album von We Bite hier in Großbritannien, also war es eine sehr populäre Veröffentlichung in der UK-Szene und ist es immer noch. Die Spermbirds sind wahrscheinlich die Band, bei der ich am meisten angefragt werde, ob sie mal in Großbritannien spielen, also hoffe ich, dass wir das irgendwann mal auf die Reihe bekommen. Mit meinem Freund Jürgen von Rookie Records, den ich seit 20 Jahren kenne und mit dem ich eng zusammen arbeitete, brachte ich bereits mehrere Co-Releases deutscher Bands heraus. Ich bin nicht so gut informiert über die aktuelle deutsche Szene wie ich es gerne wäre, aber wenn ich über die deutsche Szene mehr informiert wäre, hätte ich hingegen weniger Überblick, über das was in England geschieht.
Wie wichtig ist dir, die Message einer Band?
Eine Message ist wichtig. Bei manchen Veröffentlichungen wird gemeckert, dass das Release keine Songtexte enthält. Aber es wurden nur keine Songtexte beigefügt, weil es die Band nicht gewünscht hatte. Ich würde immer die Songtexte mit einbeziehen und ich denke es ist wirklich wichtig für die Leute zu wissen, was die Band zu sagen hat und welche Botschaft sie übermittelt.
Was ist eigentlich aus dem Großteil der alten Leute geworden? Sind die meisten Leute noch aktiv und spielen in Bands, oder gab es eher einen Rückzug in das Privatleben?
Es gibt immer noch viele Leute, aus der Szene der späten 80er, die immer noch aktiv sind. Zum Beispiel ist eines der am längsten existierenden Fanzines in Großbritannien Suspect Device, Tony bringt das immer noch heraus und die erste Ausgabe die ich bekam war 1989, und das war schon die elfte Nummer. Viele Leute von damals spielen immer noch in Bands, besonders in den letzten Jahren, gab es wieder mehr Bandreformationen. Ich denke viele Bandmitglieder, die damals Familien gründeten, sind nun aus dem gröbsten heraus, weil ihre Kinder nun selber erwachsen geworden sind. Wir haben gerade eine CD-EP von CIVILISED SOCIETY veröffentlicht. Und eine 12″ von THE CRIPPENS und ich weiß, dass INTENSE DEGREE im Herbst oder Winter einige Shows spielen. Die Tatsache, dass ich neue Alben von THE STUPIDS und HDQ in den letzten 10 Jahren herausgebracht habe, und sogar eine ANTI SYSTEM 12″ zeigt dir, dass viele Bands von früher wieder auftauchen.
Welche Releases stehen in naher Zukunft an?
In den nächsten Monaten bringen wir wie immer, eine Mischung aus jungen und alten Bands heraus. Eine Vinyl-Veröffentlichung der BURNING FLAGS, die beiden Debütalben der zwei großartigen, neuen britischen Bands NATTERERS und SPOILERS. Eine europäische Pressung des neuen FLAG OF DEMOCRACY-Albums, die zuvor erwähnte CIVILIZED SOCIETY EP, THE CRIPPENS 12 „EP, eine 40. Jubiläumsausgabe der klassischen JILTED JOHN –„TrueLove Stories“ LP, mit Bonus 7“. Wenn MOVING TARGETS auf Europatour gehen, veröffentlichen wir eine Compilation, aus 24 Spur-Demos und Radio Sessions und als Tribut auf Dickie Hammond (Anmk. Gitarrist von u.a. HDQ und Leatherface), gibt es unsere zweite HDQ-Doppel-LP, als Neuauflage.
Während den 90ern gab es mit Green Day und Offspring ein regelrechten Melodic-Punkbboom zu verzeichnen. Was hältst du im Nachhinein von dieser Entwicklung?
Es war ziemlich ironisch, denn zu der Zeit, als diese Bands größer wurden, kämpfte die UK-Bandszene um ihr überleben und wurde immer kleiner. Ok ein paar Ausnahmen gab es. Erst später, vielleicht 1996/1997, erlebte die britische Szene wieder einen erneuten Anstieg von Engagement und mehr Menschen die sich für diese Musik interessierten.
Es entstehen nach wie vor unzählig viele neue Labels. Welche Tipps oder Ratschläge kannst du jemanden mitgeben, der gerade dabei ist ein neues Label zu gründen?
Rechne sorgfältig und bedenke das zusätzliche Kosten entstehen können. Beginne mit einer kleineren Stückzahl und vielleicht mit einem gemeinschaftlichen Release mit anderen Labels, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Und im Laufe der Zeit wirst du selber bemerken, ob die Labelarbeit etwas für dich ist oder nicht.
Inwiefern hat sich England seit dem Brexit verändert?
Es ist ein totales Chaos. Ich habe dafür gestimmt, um zu bleiben und ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Ich habe neulich einen Artikel von jemandem gelesen, der behauptete, dass wir als Land vielleicht nicht die Vorteile sehen werden, die ein Verlassen der EU für 50 Jahre mit sich bringt. 50 Jahre? Wenn die ganze jüngere Generation Rentner sein wird, wenn die Mehrheit der jüngeren Wähler sich dafür entschieden hat um zu bleiben und die Mehrheit, die für den Ausstieg gestimmt hat, tot sein wird. Leider wurde das Votum zum Verlassen des Landes von unseren voreingenommenen, rechten Medien initiiert, die Immigranten/Einwanderung (natürlich zu Unrecht) für die Probleme in Großbritannien verantwortlich gemacht haben.

Diese seltsame Idee, die Kontrolle über dieses Bild des Vereinigten Königreichs in den 1950er Jahren, durch eine rosarote Brille wiederzuerlangen, ist verrückt. Viele Leute, die weniger über die Politik informiert waren, glaubten auch, dass ein Versprechen, wenn sie die EU verlassen würden, unser Gesundheitswesen zusätzliche 350 Millionen Pfund pro Woche haben würde – das war nur eine theoretische „Idee“, wie das Geld ausgegeben werden könnte, aber viele Leute dachten, es sei wahr. Es ist wahrscheinlich das beste Beispiel für ein Land, das sich selbst in den eigenen Fuß schießt, das ich je gekannt habe. Hoffentlich ist noch Zeit für den gesunden Menschenverstand.
Was ist deines Erachtens die überbewerteste Band und unterbewerteste Band, im Bereich Punk und Hardcore?
Am meisten überbewertet sind für mich persönlich, sämtliche LEATHERFACE-Klonbands aus den USA wie z.B. HOT WATER MUSIC. Ich war noch nie ein Fan der Band und hab mich immer gewundert, warum man nicht gleich LEATHERFACE hört. Die unterschätzteste Band ist schwer zu beurteilen, aber ich verstehe es unvoreingenommen nicht, weshalb außerhalb von Großbritannien niemand über die Alben von JADED EYES redet (oder kauft), da sie wahrscheinlich Großbritanniens bestgehütetes Geheimnis sind.
Noch ein abschließendes Wort oder Lebensmotto:
Danke für das Interview. Ich hoffe, es ist in Ordnung geworden. Ich laber halt gerne rum und deshalb bewundere ich jeden der das aushält. Cheers!

(bela)

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