Oktober 16th, 2015

BOB MOULD (#72, 10-1998)

Posted in interview by Jan

HÄTTEN SIE’S GEWUSST? BOB MOULD LACHT!

Zugegeben, niemand hätte ernsthaft geglaubt, daß Bob Mould nie lacht. Aber auch seine neuesten Songs auf ‚The Last Dog And Pony Show‘ ließen mich dem Manne gönnen, daß sie nicht Abbild seiner Befindlichkeit sein mochten. Gemessen allerdings an Monumenten der Schwermut, wie ‚Too Far Down‘ oder einigen Songs der vorletzten Platte, wirkt er derzeit auch auf Platte reichlich optimistisch und entspannt.

Das scheint mit der Entscheidung zusammenzuhängen, den ganzen Rockband-krempel und die lauten Gitarren Rock-bandkrempel und laute Gitarren sein zu lassen, um jetzt ganz selbstgenügsam einen auf Singer/Songwriter zu machen.

„Zum einen ist es einem normalen Leben nicht sehr förderlich, eine Band zu haben und monatelang auf Tour zu sein. Ich mache das jetzt seit zwanzig Jahren, und ich fühle, daß ich es langsam satt werde. Deshalb höre ich lieber auf, bevor es zu spät ist. Für mich wird es wichtiger, mehr zu schreiben und aufzunehmen, anstatt mein Leben durch so viele Reisen zu stören.“

Also keine Tourneen mehr?

„Das nicht. Aber vom organisatorischen Standpunkt aus ist es einfacher für mich, für ein oder zwei Wochen allein mit Akustikgitarre zu touren, als monatelang. Aber ich will auch von diesem lauten Punkrock-Ding weg. Vielleicht wachse ich da langsam raus, ich weiß nicht. Mit zwanzig war es viel Spaß, und irgendwie auch mit dreißig, aber ich mache es lieber nicht mehr, wenn ich vierzig bin. Es gibt eine Menge anderer Dinge, die ich tun kann, auch was Konzerte angeht.“

Anfang November ist er nun also zum letzten Mal mit elektrischer Gitarre in greifbarer Nähe.

„Ich freue mich darauf, denn ich weiß, Mitte November ist es vorbei damit. Ich habe Leute gesehen, die dem Rock’n’Roll-Traum zu lange hinterhergehangen haben. Das kann ziemlich peinlich sein, und ich möchte mich nicht lächerlich machen.“

Da vor allem auf ‚Bob Mould‘ der Mann alles selbst machte, aber auch auf der neuen Platte das meiste von Mould höchstselbst fabriziert wurde, argwöhnte ich, Mould arbeite vielleicht nur ungern mit anderen Leuten zusammen. Das würde auch zu seiner Entscheidung gegen das Bandprinzip passen.

„Ich mochte es zu der Zeit von ‚Bob Mould‘ nicht, mit Leuten zu arbeiten. Und ich denke, jeder Musiker, der halbwegs vernünftig ist und seit einer Weile dabei ist, sollte so eine Platte machen. Es war sehr gut, für alles auf der Platte verantwortlich zu sein. Viele Leute sagten, das sei sehr selfindulgent and egotistical(Mein Wörterbuch bot dafür als mögliche Übersetzungen an: nachsichtig gegen sich selbst, zügellos, hemmungslos (bei Essen und Sex); geltungsbedürftig, überheblich – also für beide Wörter keine schöne Variante. Vielleicht sollte ich das Wörterbuch wechseln, aber PONS müßte schon ganz gut sein). Natürlich! Natürlich ist es das. Warum sollte ich das abstreiten. (Mould lacht!) Absolut! Es ging nur um mich, und es war nur für mich. Ich bin nur ehrlich. Sugar war vorbei, und wir hatten in den zweieinhalb Jahren so viel getan. Ich wollte nur in mein Zimmer gehen und ein Platte machen. Keine Sessions planen und organisieren, wie Leute von hier nach dort kommen. Nachdem ich das drei Jahre gemacht hatte, wollte ich nur allein in meinem Zimmer sitzen und Songs schreiben – für mich (Mould lacht!). Jetzt werde ich wieder mit Leuten arbeiten, und es wird viel Spaß machen. Es wird aufregend sein. Und nach diesen drei Monaten bin ich bereit, wieder allein zu arbeiten. In den nächsten drei Monaten werde ich viel mehr Musik hören, als in der letzten Zeit. Ich werde Leute kennenlernen, Freunde wiedersehen. Das wird sicher sehr inspirierend sein. Wenn ich heimkomme, werde ich meine Wäsche machen, eine Woche schlafen und dann anfangen, die nächste Platte zu schreiben. Die ganzen Ideen verarbeiten, die ich von unterwegs mitbringe.“

Über den fast allgegenwärtigen Blues in seinen Songs zu dem Schluß zu kommen, Bob Mould oder auch andere Meister des traurigen Liedes müßten nun auch besonders betrübte Menschen sein, ist nach des Meisters Meinung unangemessen.

„Jeder hat gute und schlechte Tage. Manchmal befürchte ich, daß Leute, die meine Platten hören, denken, daß jeder Song über mich ist. Und wie jeder andere Schreiber, den ich kenne, schreibe ich manchmal über mich und manchmal über Leute um mich herum. Also: Ja, jeder Song ist mein persönlicher Blick auf Dinge, und: Nein, nicht jeder Song handelt von mir.“

In diesem Heft findet ihr eine andere Geschichte über einen Verfasser von Songs, der hinsichtlich des Blues nahezu das Äußerste vollbringt. Und jener, Troy Bruno von Balthasar, fragt ja seine Verehrerin, ob traurige Lieder sie glücklich machen. Moulds fachmännische Meinung dazu:

„Wenn ich als Musikfan einen traurigen Song oder eine traurige Geschichte höre, fühle ich mich nicht unbedingt besser, aber ich fühle mich weniger allein. Deswegen kommunizieren wir als Menschen. Um sicherzugehen, daß das Leben okay ist, daß es okay ist, traurig oder fröhlich zu sein. Und wenn wir vom Mißgeschick anderer hören, können wir uns sagen, na, da hab ich’s ja noch ganz gut. Traurige Songs haben eine Menge Kraft. Sie klingen in den Leuten wieder. Sie denken daran, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist. Und vielleicht fühlen sie sich besser, weil sie sich nicht so allein fühlen.“

Seinen letzten Streich findet er nun aber auch gar nicht so traurig, wie er mir bei einer Aufzählung der Songs nahelegt. Und außerdem gibt es ein wirklich lustiges Stück darauf.

„‚Bob Mould‘ war ziemlich dunkel, persönlich, introspektiv. Eine Platte, wie ich sie gern höre. Aber nicht jeder mochte es. Und das sollte auch so sein. ‚Megamanic‘ (eben das lustige Stück von der Neuesten) war eine Art Unfall. Ich arbeitete am Rest des Albums seit zwei oder drei Wochen. Und alles ging perfekt, vielleicht zu perfekt. Also versuchte ich, etwas anderes zu machen, um es ein bißchen zu pimpern, um für ein paar Tage nicht Gitarre spielen zu müssen. Ich war sehr frustriert mit der Platte. Es war eine Ablenkung, aber es wurde am Ende eine ziemlich nette Sache. In den letzten Jahren habe ich nie solche lustigen Sachen auf die Platten gemacht, weil ich dachte, die Platten müßten sehr ernst sein. Jetzt habe ich mal etwas Spaßiges gemacht. Ich mag’s. Es ist leichtherzig. Kein ernsthafter Versuch in elektronischer Musik. Ich höre eine Menge HipHop. Es hat Spaß gemacht.. whatever. Der Text ist darüber, was an dem Tag passierte. Etwas über Bagels, etwas über Kaffeee, etwas über Videospiele. Ich meine, ich nehme kein Crack, ich habe keine Knarre, und wenn wäre es dumm darüber zu singen (Mould lacht!)“

Na, Beweis genug?

Und nun kommt der Mann also ein letztes Mal, um Krach zu machen. Viermal auf hiesigen Bühnen. Ihr könnt natürlich sagen, daß ihr das schon kennt, und daß die Leute eh immer wieder kommen. Aber die letzte Chance, Hüsker Dü zu sehen, ist schließlich ebenso perdu, wie die letzte Sugar-Show. Ihr müßt selbst wissen, wie ihr das macht. Ich riskiere da lieber nichts.

STONE

Links (2015):
Bob Mould Homepage
Bob Mould Wikipedia

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