Mai 3rd, 2017

BOB MOULD (167/08-2014)

Posted in interview by Jan

„So fuckin‘ easy“ – Bob Mould über „Beauty & Ruin“

Ab und an ist es durchaus angebracht, mal bei unseren alten Helden nachzufragen, wie es so geht. Die sensationellen neuen Bands liegen schließlich nicht auf der Straße herum (haben natürlich auch Besseres zu tun) oder fallen von den Bäumen (tut ja auch weh). Und Bob Mould hat schließlich gerade in den letzten Jahren ein paar interessante Dinge getan. Eine Biografie veröffentlicht, eine nicht ganz unspektakuläre Würdigung erfahren (dazu später mehr), mit „Silver Age“ eine ziemlich beeindruckende Rückkehr zu alter Form hingelegt – und jetzt ein Album veröffentlicht, das sich, wie er selbst vorab verbreiten ließ, unter anderem mit dem Tod seines Vaters, mit dem ihn ein eher schwieriges Verhältnis verband, beschäftigt.

Genug, worüber sich reden lässt. Den Promo-Tag in Berlin haben wir irgendwie verbaselt, aber es gibt ja Telephone, auch wenn die Verbindungsqualität selbst im 21. Jahrhundert das Verständnis erschweren kann. Weshalb ein paar bits and pieces transatlantischem Rauschen zum Opfer fielen, die wir vielleicht eines Tages im Datenwust der NSA wiederfinden werden. Den Rest lest ihr im Folgenden. Das Gespräch fand meinerseits in Bremen, seinerseits in San Francisco statt, wohin Mould vor fünf Jahren übersiedelte. Des Wetters wegen – wie er, wahrscheinlich schmunzelnd, mitteilt. Gibt ja auch eine Menge anderer Gründe, dort zu wohnen.

„It can’t be easy being Bob Mould“, stieg ein Mensch in seine Rezension von „Beauty & Ruin“ ein…

Mould: Hmmm…

Wie hart ist es, Bob Mould zu sein?

Nicht so hart, dass ich es gerade nicht könnte… (lacht) Vielleicht ist es hart für den Typen, der das geschrieben hat.

Aber der muss ja auch nicht Bob Mould sein.

Nein, aber er könnte eine harte Zeit haben, er selbst zu sein. Ich weiß nicht. Alles ist okay. Ich weiß nicht, wie man auf so etwas überhaupt antworten könnte…

Das bringt mich auf deine neue Platte, die zumindest zum Teil auf Verlust basiert. Du hast deinen Vater verloren, und das ging ja auch in die Texte ein.

Das war der Anfang des Schreibprozesses. Es war im Oktober 2012, und in den folgenden zwölf Monaten habe ich viel über Verlust nachgedacht. Ich lernte zu akzeptieren, dass das Leben ist, was es ist, und dass man es genießen sollte, so lange es geht, und nach vorn schauen sollte. Das sind die Hauptthemen des Albums. Und das Album ist so strukturiert, dass es die Geschichte in dieser Reihenfolge erzählt. Das Album beginnt sehr kalt, sehr grau, und am Ende ist es sehr warm und sonnig. Das ist die Reise. Es war ein angenehmer Prozess, sobald ich zu erkennen begann, was das Thema des Albums sein würde. Und in der Lage zu sein, besonders in den letzten Monaten des Schreibens und Aufnehmens, die Dinge zu verfeinern, um am Ende Menschen eine Geschichte erzählen zu können, mit der sie etwas anfangen können. Denn das ist etwas, wo wir alle durchmüssen.

Viele deiner Alben in den letzten Jahren waren von elektronischen Experimenten geprägt. Auf den letzten Alben bist du zu sehr straightem Rock zurückgekehrt. In diesen letzten Jahren erschien auch deine Memoiren, die ich leider immer noch nicht gelesen habe, aber nach allem, was ich darüber weiß, handelt es nicht zuletzt davon, dass du dich von deinen Dämonen befreist. Hat das die Musik deiner letzten Alben ermöglicht?

Die Biografie ist eine von vielen Dingen, die in den letzten Jahren geschahen. Ich verbrachte zweieinhalb Jahre damit, das Buch zu schreiben, meine Geschichte zu sortieren, Dinge, die die Leute nicht über mich wussten, und sortierte es, um für mich einen Sinn daraus zu ziehen. Es war eine Menge Arbeit, sehr erschöpfend. Und ich bin sehr stolz darauf, ich denke es ist ein wirklich gutes Buch. Es erschien vor drei Jahren. Damals arbeitete ich viel mit den Foo Fighters, Dave Grohl hatte mich angesprochen, weil er wollte, dass ich an einem ihrer Songs mitarbeitete und mit ihnen auf Tour ging. Er war sehr großzügig und freundlich, erzählte, wie viel meine Arbeit ihm bedeutete. Ich spielte jede Nacht zwei Songs mit den Foo Fighters. Und das war eine tolle Sache. Sie sind ganz offensichtlich eine ziemlich große Band, das war eine neue Erfahrung für mich, ich hatte viel Spaß. Außerdem gab es im November 2011 eine Tribute-Show in Los Angeles, wo eine Menge Musiker, vor denen ich eine Menge Respekt habe (darunter Grohl, No Age und Ryan Adams – Anm. d. Ü.), kamen zusammen, um mir meine Worte vorzusingen (lacht).

Wie war das?

Es gibt Momente, in denen etwas Wichtiges passiert – und du weißt, es ist wichtig. Aber du denkst, sie gehen alle weiter mit dir zur nächsten Sache, die du tust. Doch diese wichtige Sache wirkt weiter, sie teilt sich dir immer wieder mit. Und das hatte einen Effekt auf mich. All diese Dinge, zurückzuschauen, Daves freundliche Worte, all die Liebe von meinen Freunden und Kollegen, erinnerten mich daran oder zeigten mir zum ersten Mal, dass es okay ist, wer ich bin (lacht). So viel Spaß wie ich mit elektronischer Musik, mit DJing, Akustik-Shows oder ruhigerer Musik habe – all diese Dinge sind wichtig für mich, um zu experimentieren und zu wachsen.

Aber es ist auch in Ordnung für mich, die Dinge anzuerkennen, die ich davor gemacht habe, sei es mit Sugar, sei es mit Hüsker Dü. Und besonders am Ende von Hüsker Dü, die eine erstaunliche Band waren, gab es viele Probleme, viel Distanz zwischen den Leuten in der Band. Und ich habe nie darüber gesprochen, weil es niemanden etwas anging. Ich brauchte eine ganze Weile, mich damit wohlzufühlen. „Silver Age“ war eine gute Rückkehr zu dem, was ich tue, und „Beauty & Ruin“ noch mehr. Und das hat viel mit Jon Wurster und Dave Narducy zu tun. Wir spielen jetzt seit sechs Jahren zusammen, haben ein paar Alben gemeinsam aufgenommen. Es ist die beste Band, die ich je hatte, und ich bin mir sehr klar darüber, wie wir als Band gut klingen. Und ich lernte das, indem ich all diese Songs mit diesen Typen über die Jahre gespielt habe. Als die Zeit kam, die Musik für diese Platte zu schreiben, fühlte es sich sehr natürlich an. Die Musik brauchte viel weniger Zeit als die Texte.

War es schwerer als bei der letzten Platte?

Ja, „Silver Age“ war eine Party! Es war die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte.

Das war auch mein Eindruck. Es ist eine viel leichtere Platte.

Sie ist nicht so persönlich. Hätte ich diese neue Platte herausgebracht, ohne den Leuten vorher die Geschichte zu erzählen, hätten sie vielleicht gesagt: Oh, es ist mehr vom gleichen. Aber weil sie es wussten, hat sie mehr Gewicht, und das ist okay. Deswegen mache ich das.

Du spielst seit Jahren mit den gleichen Musikern, bringst aber die Alben immer noch unter deinem Namen heraus. Ich hatte einmal den Eindruck, dass viele der wichtigen Stimmen dieser Post-Hardcore-Welt, aus der du auch kommst, sich heute mit dem Band-Prinzip nicht mehr wohlfühlen und lieber allein oder mit wechselnden Musikern spielen, vielleicht, weil sie sich nicht mehr die Last einer Band tragen wollen. Geht dir das ähnlich?

Ich verstehe, was du meinst, und ich habe das bei anderen gesehen. Wenn ich an das Jahr 1991 zurückdenke, als ich eine Sammlung von Songs für die dritte Bob-Mould-Platte hatte, hatte ich einen Schlagzeuger und einen Bassisten, und nach drei Wochen verstanden wir uns so gut, dass ich dachte, wir sollten eine Band daraus machen, und das war die Band Sugar. Verstehst du? Ich mag es, der Chef zu sein, ich mag es, der einzige Autor zu sein, ich schreibe gern allein. Mit John und Jason… Ja, wir könnten uns einen hübschen Bandnamen zulegen, und es würde es den Leuten schwerer machen, die Geschichten zu finden (lacht). Ich glaube nicht, dass die beiden ein Problem haben, wir sind alle ganz zufrieden mit der Situation. Aber ich verstehe auch, was du meinst. Ich mag es aber auch, diese persönliche Investition zu machen: Hier sind meine Worte, und das ist mein Name. Ich glaube, das ist eine gute Sache.

Du hast alle Songs im Stehen geschrieben, war zu lesen. Ist das ein Witz?

Nein, es ist wahr. Eine Menge davon entstand, als ich im Studio auf und ab ging und nur noch eine Woche Zeit hatte (lacht). Nein, dieses Album hat sehr viel Einfachheit. Wenn ich zurückdenke an frühere Platten, vor allem „Life And Times“, saß ich zuhause auf einem Stuhl und schrieb Songs, ohne darüber nachzudenken, wie ich sie spielen würde. Ich schrieb einfach Songs. Die Band jetzt hat so viel Energie, und die Shows waren super. Manchmal lernte ich Songs, die so kompliziert waren, was die Gitarre und die Texte anging, dass ich sie live nicht spielen konnte, sie waren zu schwierig.

Dieses Mal war es: Stand and deliver! Das alte Sprichwort. Das war ein echter Durchbruch für mich, und es ist etwas so Kleines! Diese kleinen Korrekturen, die wir vornehmen, während das Leben weitergeht, wie: Oh, wenn ich beim Schreiben stehe und so spiele, wie wenn ich live spiele, ist es viel einfacher! (lacht) Ich singe die ganze Zeit und spiele dazu Rhythmus und Melodie, manchmal gleichzeitig. Wir haben die Stücke live gespielt, und es ist so fuckin‘ easy! Und dadurch wird es emotionaler. Anstatt mir zu sagen: Jetzt kommt der tricky Gitarrenteil, ist es jetzt: Oh, hier kommt der einfache Gitarrenteil (lacht). Und das Publikum kann das fühlen, es ist unmittelbarer und emotionaler. Und, ehrlich gesagt, es ist einfacher.

Du wirst es hassen, aber ich würde gern noch kurz über SST sprechen. Nervt dich das, über die alten Zeiten zu reden?

Nein, ein paar Fragen sind okay, ich will nicht den ganzen Tag damit verbringen, aber ein paar Dinge darfst du gern fragen.

Gab es irgendwann eine Einigung zwischen euch und dem Label?

Wir versuchen immer noch herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Die gute Nachricht ist, dass alle Mitglieder von Hüsker Dü in dieser Angelegenheit auf der gleichen Wellenlänge sind, es gab ein bisschen Kommunikation, alle sind sich einig darüber, was wir tun sollten, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was das sein wird. Wir versuchen die geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln. Es gibt keine Pläne, die Band wieder zusammenzubringen. Ich bin sehr mit meinen Sachen beschäftigt, Grants letztes Album lief ganz gut. Alle machen gute Sachen, und wir versuchen ein Auge darauf zu haben, ob es irgendwelche geschäftlichen Überbleibsel gibt, die wir ohne SST erledigen können.

Greg betreibt noch ein Restaurant?

Ich weiß nicht, ob er noch in der Gastronomie ist, aber er ist Teil unserer Aktivitäten. SST war ein tolles Label für ein paar Jahre. Abgesehen davon habe ich nicht viel über sie zu sagen.

(text & fragen: stone)

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