März 16th, 2007

BEBE BUELL (#116, 02-2006)

Posted in interview by jörg

Bebe Buell ist Musikerin, Schriftstellerin, Fotomodell, Miss November 1974 und eine verdammt nette Person. Aber das Wichtigste von allem: Sie ist Zeitzeugin. Mittendrin im New York der 70er Jahre hat ihre Liebe zu Musik sie an all die Orte, auf all die Konzerte getrieben, die viele vielleicht nur aus Büchern wie „Please Kill Me“ von Legs McNeill kennen. Darin gefiel mir ihre direkte, ungeschönte und unverklärende Darstellungsweise der damaligen Begegnungen mit Patti Smith, Richard Hell und vielen, vielen mehr.

Denn sie stand zu dieser Zeit nicht nur vor der Bühne, sondern war auch hinter der Bühne anzutreffen, in engem Kontakten zu Musikern wie Iggy Pop oder Stiv Bators, mit dem sie eine Beziehung einging.

Es werden hier nun keine saftige Schoten präsentiert, lieber möchte ich auf ihre Biographie „Rebel Heart. An American Rock`n`Roll Journey“ verweisen, die sehr unterhaltsam und aufschlussreich ist. Selbst so eine langsame Leserin wie ich wurde gleich nach den ersten Seiten in die Lebensgeschichte von Bebe Buell hinein gesogen. Ihr Name wird von ihren Freunden und Europäern übrigens Bebe ausgesprochen, Amerikaner nennen sie üblicherweise Bibi, aber sie reagiert auf beides.

Demnächst ist mit einem neuen Buch von ihr zu rechnen, den Inhalt wollte sie mir jedoch nicht verraten, und auch ein neues Album ist in Vorbereitung. Es wird also noch viel zu hören geben von Bebe Buell, die mit 52 Jahren noch so energiegeladen ist, dass sie einige jüngere glatt in ihre Tasche packen kann.

***

Die Playboy Webseite ist sehr aufschlussreich, was Deine musikalische Prägung anbelangt, hast du den Text verfasst oder stammt der von Playboy?

Bebe Buell: Ich denke, die müssen das geschrieben haben. Sie hatten ein Interview mit mir gemacht und den Text dann aus Zitaten zusammengesetzt.

Eines der Zitate war, dass du durch deinen Grossvater mit Rock`n`Roll in Berührung kamst, weil er dir Elvis vorgespielt hat. Seitdem hat dich Rock`n`Roll nicht mehr losgelassen?

Bebe Buell: Ja, er hat mich nie mehr losgelassen. Das stimmt mit meinem Grossvater. Mein Cousin hatte 45er Schallplatten, mit deren Cover und Fotos waren seine Wände überall tapeziert. Hinzu kam das, was ich im Radio gehört habe, ich mochte auch Rockabilly. Als ich ein junges Mädchen war du musst wissen, dass ich aus dem Süden der USA bin, hörte also als kleines Kind viel Wanda Jackson, Jerry Lee Lewis, Little Richard, Chuck Berry.

Als dann die 60er kamen, hat mich die „British Invasion“ wirklich gefangen genommen, die Beatles und die Rolling Stones. Dann entschloss ich mich dazu, ein wirklich und wahrhaftiger Rolling Stones Fan zu sein, ich mochte beide Bands, tendierte jedoch stärker zu den Rolling Stones. Die gesamte „British Invasion“ hat mich komplett beeindruckt. Ich habe mich in die Engländer verliebt…

Was hat dich an der Musik fasziniert, welches Element?

Bebe Buell: Well, ich denke es war einfach der Stil, die Art, wie sich jeder angezogen hat, wie sie ihre Haare getragen haben. Ich war erst 10 Jahre alt, als ich meine erste Beatles Platte gehört habe, und das war definitiv anders, als vieles, was es zu dieser Zeit in Amerika gab. Das ist sicher. Ich habe die ganzen Teenie-Magazine gekauft und alles.

In „Please Kill Me“ (Legs Mc Neill; Literaturangabe) hast du erzählt, dass deine Mutter mit dir auf ein Stooges Konzert gegangen ist Meinst du die Stones?

Bebe Buell: Nein. Oh, du meinst später, ja sie kam mit mir mit, um sich die Stooges anzuschauen.

Wie hast du es geschafft, dass ein Elternteil deine Liebe zu wildester Rock`n`Roll Musik akzeptiert hat?

Bebe Buell: Meine Mutter hat sich immer für Kunst interessiert; sie ging nicht zu sehr vielen Konzerten mit. Aber sie hat die Stooges gesehen, obwohl das der Abend war, als Iggy auf der Bühne einschlief, also bekam sie die nicht wirklich zu sehen an diesem Abend. Sie hat ein bisschen von den Rolling Stones gesehen, die Cars, Aerosmith, Kiss, sie hat schon ein paar Konzerte mitbekommen.

Wie hast du den übergang von den 70ern auf die 80er erlebt, von Rock zu Punk?

Bebe Buell: Ich habe Punkrock nicht als ein Phänomen der späten 70er, Anfang 80er wahrgenommen, sondern denke, dass Iggy Pop, die MC5, früher Alice Cooper und der ganze Kram, den wir normalerweise in Max`s (Kansas City – Anm. d. Verf.) und CBGB`s gesehen haben, wie die Ramones, dass die der wahre Kern von Punkrock waren. Was später in England aufkam, war Teil 2 für mich. Für mich waren die Sex Pistols nicht der Anfang von Punkrock.

Die amerikanischen Bands haben mit Punkrock angefangen, und die Engländer haben ihn dann ausgeschmückt. Die Sex Pistols liebe ich wirklich, als ich sie das erste Mal sah, aber ich fühlte, dass ich dem, was ich als Punkrock betrachte, schon vorher ausgesetzt war. Es war für mich also nicht so schockierend.

In den Staaten hattet ihr mit den Stooges und MC5 die härteren Sachen, vermute ich

Bebe Buell: Ja, das war richtig Angst einflössend und einschüchternd. Wenn du zu deren Konzerten gingst, wusstest du nie, was als nächstes passiert. Zu der Zeit, als ich nach England kam und die Sex Pistols gesehen habe, die Clash war das für mich eine grossartige Bewegung und wundervolle Zeit in der Musik, aber es war für mich nicht der wirkliche Anfang von Punkrock.

Das ist die gleiche Meinung, in „Please Kill Me“ vertreten wird. Wie wurdest du in Legs McNeills Buch involviert?

Bebe Buell: Ich kenne Legs seit 30 Jahren. Als er mit dem Buch anfing, rief er mich an und fragte, ob ich dafür interviewt werden wollte, und natürlich sagte ich ja.

Wann wurde dein Wunsch, Musik zu machen so gross, dass du anfingst, Platten aufzunehmen?

Bebe Buell: Ich habe mit meiner ersten Band 1979 angefangen, bin live aufgetreten und angefangen, Platten aufzunehmen, habe ich in den 80ern. Ich wollte eigentlich immer schon in einer Band sein.

Von den Gargoyles gibt es eine 7″ auf Jeff Dahls Label Ultra Under; wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Bebe Buell: Er hat mich kontaktiert, ich weiss nicht mehr genau durch wen, aber er schrieb mich an. Vielleicht war es durch einen meinen Gitarristen zu der Zeit, Rat Boy.

Gibt es eine Compilation deiner älteren Aufnahmen?

Bebe Buell: Ich denke „Retrosexual“ hat ein bisschen was davon. Darauf gibt es eine Menge der Gargoyle Songs zu hören.

Du trittst immer noch auf, in welchen Clubs bist du zu sehen?

Bebe Buell: Meine nächste grosse Show in New York wird am 19. Mai im Irving Plaza stattfinden. Und ich spiele in Clubs wie Don Hill`s und den Bowery Ballroom.

Auf einigen Bildern konnte ich sehen, dass dein Ehemann (Jim Wallerstein – Anm. d. Verf.) in deiner Band mitspielt, ist er noch immer dabei?

Bebe Buell: Manchmal spielt er Gitarre bei mir, denn ich habe gerne 3 oder 4 Gitarren dabei. Aber grundsätzlich hat er seine eigene Band Twin Engines. Auf meiner Seite kannst du seine neue Band sehen und hören.

Kanntest du seine frühere Band Das Damen schon bevor ihr euch getroffen habt oder hast du sie erst danach kennen gelernt?

Bebe Buell: Viel früher. Wir trafen uns 1999 und Das Damen, glaube ich, haben sich 1994 aufgelöst.

Was drängt dich auf die Bühne, um mit Texas Terri zu singen oder Brian Setzer aufzutreten?

Bebe Buell: Well, ich bin Musikerin. Ich bin Sängerin und wenn es passiert, dass ich am gleichen Platz bin, wenn ein anderer Freund auftritt, gehst du eben manchmal auf die Bühne, um eine Zugabe oder so was zu machen. Mit Texas Terri habe ich zwei Stücke gesungen, als sie den einen Abend spielte und Brian Setzer spielte ein paar Stücke mit mir, als ich auftrat. Ich bin im Verlauf der letzten Jahre mit einer Menge unterschiedlicher Leute zusammen aufgetreten.

Was denkst du über die aktuelle Punkszene und den Green Day Hype beispielsweise?

Bebe Buell: Ich mag Green Day und denke, dass das eine gute Band ist. Aber ich denke nicht, dass das eine Punkband, sondern eine Rock`n`Roll Band ist. Living Things mag ich sehr und auch die Subways aus England.

Du bist also noch immer an neuen Bands interessiert? Kaufst du Platten?

Bebe Buell: Ja, das bin ich. Ich kaufe immer noch CDs, höre Radio, gehe zu Shows. Ich werde niemals denken, dass Musik tot ist. Es irritiert mich und macht mich wütend, wenn Leute sagen, dass Musik am Ende ist, weil sie das nicht ist. Es kann immer etwas um die Ecke kommen.

Wie verhält es sich bei dir mit Rock`n`Roll und dem Alter? Bei mir könnte auf jedem Konzert die Hälfte der Besucher meine biologischen Kinder sein

Bebe Buell: Well, enjoy yourself. Ich liebe es, unter jungen Leuten zu sein, ich liebe junge Leute, habe viele junge Leute getroffen, denn ich habe eine junge Tochter (Liv Tyler – Anm. d. Verf.). Eine Menge Leute, die zu meinen Shows kommen, sind in ihren 20igern. Ich habe keine Probleme damit, mich mit verschiedenen Generationen zu vermischen. Es interessiert mich sehr, was junge Leute zu sagen haben und denken.

Hast du schon mal Stage-Diving praktiziert?

Bebe Buell: Ja. Ich denke das habe ich schon ganz lange vor anderen Frauen gemacht, damals in den 80ern

Aber jetzt doch nicht mehr

Bebe Buell: Ich habe es das letzte Mal gemacht, als ich gespielt habe. Es ist kein Eintauchen, sondern von der Art, dass ich so dastehe und die Kids mich dann mit ihren Händen aufnehmen. Ich springe nicht, sondern lasse mich aufnehmen. And if they want to take me, I go.

Hast du die Entwicklung von Frauen in der Musikszene verfolgt, z. B. die Riot Grrrls Bewegung?

Bebe Buell: Ja, und ich mochte den ganzen Kram. Ich denke es ist richtig, ein grosses Gewicht darauf zu legen, dass es eine Bewegung von Frauen ist. Frauen haben schon eine lange, lange Zeit Instrumente gespielt, sind aufgetreten und haben Musik gemacht. Und es ist an der Zeit, dass die Leute das akzeptieren, aber sehe das nicht als eine Bewegung, weisst du, was ich meine? Ich mag die Babes In Toyland, ich liebe Courtney und mag Sonic Youth sehr, die Deal Schwestern. Die beiden sind wirklich talentiert. Ich mag Patti Smith. Ich sehe sehr viele Bands, die aus Frauen und Männern bestehen, was ich für sehr gesund und gut halte.

War das nicht anders in der 70ern?

Bebe Buell: Es gab auch in den 70ern Frauenbands: die Runaways, da war Patti.

Den Runaways wurde nachgesagt von Kim Fowley nur gecastet worden zu sein

Bebe Buell: Er hat sie vielleicht zusammengestellt, aber doch nicht selbst gespielt, oder? Die sind auf die Bühne gegangen und haben ihre eigene Musik gemacht.

Ich hätte sie vielleicht mit den GTOs vergleichen, die von Frank Zappa zusammen gesucht wurden

Bebe Buell: Ja, aber die GTOs haben keine Instrumente gespielt. Sie waren nur hübsche Mädchen, die mit lustigen Klamotten verkleidet waren, und Stream Of Consciousness ins Mikro gesprochen haben. Die Runaways waren Musikerinnen, Lita Ford, Joan Jett, Sandy und Cherrie wussten alle ihre Instrumente zu beherrschen. Die sind da hoch gegangen auf die Bühne und haben ihre Musik gespielt.

Was macht Musiker sexy?

Bebe Buell: Ich denke alle Frauen mögen es, wenn Leute nicht dem üblichen Schema entsprechen. Ich denke, dass Musik ein Kommunikator ist. Ich denke, du weisst die Antwort auf deine Frage. Was denkst du, was Musiker sexy macht?

Wenn Sie Musik können machen, mit der ich mich wohl fühlen kann.

Bebe Buell: Das ist richtig. Du hast deine eigene Frage beantwortet.

Ja, aber ich wollte ja deine Antwort wissen

Bebe Buell: Es ist ganz schön offensichtlich, was Musiker sexy macht. Sie sehen nicht wie alle anderen aus, laufen nicht wie alle anderen herum. Als eine Entertainerin fühle ich mich von anderen Entertainern angezogen. Ich mag es, unter Leuten zu sein, die genauso denken wie ich, das finde ich bei anderen Musikern.

Gibt es eine gemeinsame Sache, die die Musiker, mit denen du Beziehungen oder Affären hattest verbindet?

Bebe Buell: Nein, ich denke, dass alle Männer, mit denen ich in meinem Leben zusammen war, sehr unterschiedlich sind. Liebe hat kein Typ. Ich verfolge nur Beziehungen mit Leuten, von denen ich ehrlich angezogen bin und mich um sie kümmere. Ich kann ehrlich sagen, dass ich alle meine Beziehungen sehr ernst nehme.

Warst du anfangs nicht erschrocken von Iggy Pop oder Stiv Bators, als du sie mit ihrer Bühnenshow gesehen hast?

Bebe Buell: Nein, denn ausserhalb der Bühne waren sie nicht so. Sie waren nur kleine Jungs off-stage.

Manche Leute nehmen den Unterschied von Bühnenpersönlichkeit und Privatperson nicht wahr.

Bebe Buell: Ja, die meisten. Ich habe auch eine Bühnenpersönlichkeit. Du würdest doch wie ein Idiot aussehen, wenn du die ganze Zeit so herumlaufen würdest wie auf der Bühne oder in ein Restaurant reinkommst und anfängst, Lieder zu singen.

Glaubst du, dass Frauen anders Musik hören wie Männer?

Bebe Buell: Nicht wirklich. Nein, denke ich nicht. Musik ist der grösste Kommunikator, den es jemals geben wird, und eine Menge Leute finden ihren Frieden in Musik. Manchmal höre ich Leute sagen, dass Musik ihr Leben gerettet hat, das ist das, was ich glaube. Musik ist ein grosser Lebensretter für einige Leute, beide: Frauen und Männer. Zum Beispiel wenn ich mit meiner besten Freundin über Musik rede, reden wir auch über die Musiker Kerle machen das gleiche

Aber sie reden über Labels und Pressungen

Bebe Buell: Sie reden auch über Frauen. Ich habe seit fast 27 Jahre in einer Band gespielt, und Männer reden über die gleichen Sachen wie Frauen. Nur weil du ihnen dabei nicht zuhören kannst, wenn sie darüber reden, weisst du es nicht.

Ich meine auch solche Musikfans, wie sie in High Fidelity charakterisiert werden, Plattensammler

Bebe Buell: Ich kenne eine Menge Frauen, die das auch machen. So bin ich auch gewesen, als ich eine Vinylsammlerin war, ganz verrückt alle meine Schallplatten zu haben. Ich habe sie alle in Plastikhüllen gepackt, sehr gut auf sie aufgepasst und noch immer unter Plastik. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine Frage des Geschlechts ist, wenigstens in meiner Welt.

Was hast du gesammelt?

Bebe Buell: Alles, was ich mag. Und ich mag Picture Discs, ich habe eine wundervolle Sammlung davon.

Die letzte Frage ist ein wenig kitschig: Gibt es etwas, was du bedauerst und in deinem Leben anders gemacht hättest?

Bebe Buell: Ich bedauere nichts oder zwei Sachen: Ich wünschte, dass ich mehr Kinder hätte, mehr als nur ein Kind, und ich wünschte, dass ich meinen ersten Ehemann niemals geheiratet hätte.

Warum ist vielleicht zu persönlich zu fragen

Bebe Buell: Nein. Meinen ersten Ehemann, Coyote Shivers, hätte ich nie heiraten sollen, ich weiss nicht, warum ich ihn geheiratet habe. Zur gleichen Zeit war es eine Erfahrung, aus der ich etwas gelernt habe. Selbst aus den Sachen, die wir in unserem Leben bedauern, können wir noch etwas lernen. Das ist das Geheimnis. Und ein guter Mensch zu sein.

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Literaturangaben/Websites:
Bebe Buell – Biographie
Legs McNeill – PKM
www.bebebuell
www.myspace.Twin Engines
www.playboy.com/playmates/personal/bebebuell/mystory1.html

Interview: Andrea Stork

Links (2015):
Wikipedia Deutsch
Wikipedia Englisch
Homepage
International Movie Database

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