März 17th, 2007

AS FRIENDS RUST (#84, 10-2000)

Posted in interview by andreas

Geile band aus Gainesville. Können rocken, für Mitgröhlchoräle ist gesorgt. Zweite Tour, Platten sollte man besitzen. Gig in Hannover war leider nicht so doll (wie seinerzeit in Hardcorehausen – Mainz Finthen).

Trotz allem witziger Abend. Mit den Leuten von No redeeming social value (der Vorband) um ein Bier gewettet, wer älter ist. Hicks und knapp gewonnen. Fotos und Inti von Daniel unter spiritueller Hilfe seitens Torsten.

***

D: Mein Name ist Damion, ich bin der Sänger für As friends rust.

Warum spricht man eigentlich immer mit Sängern?

D: Ich würde mir wünschen, (das der Grund wäre) dass es im Punk und H/C auch einen inhaltlichen Teil geben sollte, der es unausweichlich macht, die Lyrics zu vernachlässigen und man deshalb mit dem Sdnger spricht. Das wäre das Ideal. Auf der anderen Seite behandeln wir in unserer Szene Sänger immer noch ein wenig wie in einer traditionellen Rockband – der Führer der Band und so.

Kommst du dir dadurch manchmal wie eine celebrity vor?

D: Manchmal – nicht sehr häufig. Wenn jemand kommt und mir erzählt, dass er unsere Platten liebt und dass er die Lyrics alle auswendig kennt, dann versuche ich die Situation zu entschärfen, indem ich mit ihm dann über eher gewöhnliche Dinge rede, etwas länger eben, ob er Hunger hat und ob wir was essen gehen wollen, solche Dinge eben, ich fühle mich dabei sehr unwohl.

Als ich euch auf der ersten Tour in Mainz sah, hast du zwischen den Songs realtiv viel erzählt, dies und jenes. Lass uns das doch mal realistisch angehen – was bringt`s? Erreicht man damit jemanden? Ist das effektiv?

D: Ja, schon. Aber das ist mit dieser Band hier schwer zu prüfen, da es diese Band nicht wegen eines einzigen Anliegens gibt, wir haben kein spezifische Agenda oder so etwas – wie andere Bands, die dem Publikum mitteilen wollen, dass sie nicht trinken, nicht rauchen kein Fleisch essen sollen – keinen Käse essen sollen, all diese Dinge. In den Fällen ist das leicht zu sehen, wenn jemand sagt „Ich habe wegen euerer Band mit diesem und jenem aufgehört“.

Als As friends rust haben wir keine speziellen Messages, ausser vielleicht, dass man ehrlich zu sich selbst sein sollte und seinen Schwächen. Es gibt aber zwischen Publikum und Band noch einen weiteren Grund, zwischen Liedern Sachen zu sagen: Es entspannt die Lage, es ist einfach netter, wenn man hören kann, wovon der nächste Song handelt, oder? Warum wir ihn spielen und so, als im Gegenteil einfach nur auf die Bühne zu kraxeln und die Songs runterzuschrubben – ohne Interaktion und Kommunikation.

Kommunikation? Das verlangt doch nach einem Dialog und von der Bühne runter ist ein Monolog?

D: Das stimmt. Die Karten sehen fürs Publikum schlecht aus, wenn die Band als einzige den ganzen Wechselstrom abkriegt, durch die Mikros, die ganze Elektrizität, die durch deine Ohren fliegt, aber gerade deshalb ist reden doch angenehm und macht die Grenze zwischen Bühne und Publikum weicher..?

Stell“ dir vor, du hättest alle finanziellen und technischen Möglichkeiten der Welt zur Verfügung und wolltest irgendeine Message verbreiten, wie würdest du da vorgehen? Welches Medium würdest du wählen?

D: Ich weiss es nicht. über so etwas habe ich noch nie nachgedacht. Ich habe mich immer als Teil einer kleinen, subkulturellen Welt gesehen, ohne Macht, Leute, die sich nicht viel aussuchen können, und auch nie mit solcher Macht ausgestattet werden.

Euer kürzester Song (dessen einzige zwei Textzeilen hier irgendwo graphisch verwurstet werden) handelt davon, wie ein paar Jungs ein Gebäude angesteckt haben, da dieses Haus das erste einer Reihe von Neubauten sein sollte, die ein Viertel sozial „aufwerten“ solle & damit vor allem die Preise nach oben katalpultiert. Hast du jemals einen Molotov Cocktail gebaut?

D: Ja.

Und benutzt?

D: Nein, also nicht für direkte Aktion verwandt, sondern einfach nur auf die Strasse geworfen – als Kind. Aber das Lied handelt auch nicht davon, dass ich einen Molotov Cocktail benutze. Es hat ja nichts mit uns so direkt zu tun, sondern handelt von Leuten aus unserer Nachbarschaft, die die Inititative ergriffen haben und das Gebäude sprengten, um einer Veränderung des sozialen Gefüges um uns herum entgegenzuwirken.

Das Gebäude symbolisierte eine Menge negativer Veränderungen in unserer Nachbarschaft, der Familien, die dort leben, einfach unserer ganzen Klasse, in der wir eingruppiert sind. Alles lower class, wir liegen alle deutlich unter der Armutsgrenze, wir leben da im „student ghetto“ in Gainesville, Crackheads wohnen da neben Punkrockern, neben Familien mit geringem Einkommen… wir mögen die Bandbreite des Lebens dort sehr.

Mit einem brennenden Haus wird man kaum die finanzielle Aufwertung eines Viertels, sofern ein kommerzielles Interesse daran bei anderen besteht, aufhalten können, oder?

D: Das stimmt. Aber dieses Gebäude war eines der ersten, mit denen der Wandel initiiert wurde. Es ist natürlich ein langwieriger Prozess, es gab viele Stadtversammlungen, auf denen wir auch waren, wo erklärt wurde, wie das „University Heights“ Projekt aussehen solle.

Und es war die Antwort der Nachbarschaft auf das gesamte Projekt und es hat die Verantwortlichen eine Stange Geld gekostet und die Planung um etwa 3 Monate zurückgeworfen. Auch wenn es damit den globalen Prozess der „gentrification“ keineswegs anhalten wird, so verstärkte sich dadurch die Solidarität im Viertel deutlich.

Neulich rezensierte ich die aktuelle Against all authority Platte und kam dabei zu dem Gedanken, dass sie gegen genau das gleiche wettern wie sagen wir Jello Biafra vor 20 Jahren, sich aber trotz der grossen Zuhörerschaft der Dead Kennedies und des grossen Medieninteresses nicht viel geändert hat. Eigentlich gar nichts. Die Leute, die damals die DK Parolen auf der Jacke hatten sind heute Grundstücksmakler.

D: Naja, es gibt natürlich einige Ausnahmen, wir haben bei uns in der Stadt einige Leute, die weit über 40 sind und immer noch „rocking mohawks“ sind, aber es werden immer viel zu wenig sein, um grosse Reunion – Treffen abzufeiern. Die Hippies waren schon eine viel stärker Mainstream orientierte Subkultur und viel viel mehr Leute nahmen teil.

Ich weiss nicht, ob es sonderlich Mainstream war, in den Sixties Drogen zu rauchen.

D: Gut, das vielleicht nicht, aber dennoch war die Hippiekultur in den Sechzigern und Siebzigern enorm – und mit den Zahlen können die Punks und Hardcoreler von heute nicht konkurieren. Das einzige, was heute diese Grösse hat, wäre die Rap und Hiphop Kultur.

Das ist eine interessante Parallele- glaubst du das es je Hip Hop Reunion Parties geben wird, wo in 20 Jahren Public Enemy spielen? Chuck D als der neue Jerry Garcia?

D: Na schon eher… die Hip Hop Kultur gründet viel stärker auf den ökonomischen Stand der Leute, das Viertel, in dem du grosse geworden bist, welche ethnischen Minderheiten dort leben, während die Hardcoreszene keine echte soziale Bindung hat, es sind meistens ein paar gelangweilte Kids mit viel zu viel Geld, die sich eben all die schöne Kleidung, die dazu gehört, leisten können, die Platten…der Focus liegt auf den T-Shirts und den Platten – den Zusätzen eben. In der letzten Zeit handelt Hardcore nicht mehr von der Musik, sondern vom Beiprogramm – keine Message. Sondern T-Shirts.

Natürlich ist das auch bei der Hip Hop Szene ähnlich, aber es ist viel einfacher für ein Hardcore Kid, in die Szene zu kommen, und diese auch wieder zu verlassen. Es gibt ja auch keinen Grund, länger dort zu bleiben. Es gibt keine soziale Verpflichtung gegenüber ihrer Szene. Die Leute im Hip Hop haben oftmals keine Wahl – es ist eben ihr Leben, sie wurden da rein geboren, die Strassen, auf denen sie leben werden, bis sie sterben. Hardcore geht nicht so tief.

Caleb (Bass): Aber es gibt schon einge Leute im Punkrock, für die das tiefer geht –

D: Das ist nicht der Punkt. Keiner wird als Punker geboren, keiner stirbt als Punker. Es ist für die Leute im Hip Hop letztlich viel logischer, mit 75 noch Hip Hop zu sein.

C: Aber wenn du 30 wirst und hast in zig Bands gespielt und Tattoos und weissnichtwas, dann ist das dein Leben.

D: Ja aber dein Leben hat dann nur 15 Jahre gedauert.

C: Aber es werden dadurch letzlich mehr Leute, diese ganzen Kids, die ihr ganzes Leben in Bands gespielt haben-

D: Also vielleicht wird es mal eine Reunion show geben, auf der du 10 deiner H/C Kids triffst und 15 deiner Punkrockfreunde, Aber es wird keine Hardcorefestivals mit 50 Jährigen geben. So optimistisch kannst du nicht sein. Dies ist ein Kommen und Gehen, die meisten Leute haben nicht den Mumm, länger als drei Jahre hier zu sein – in der Zukunft wirst du vielleicht ein paar Leute in Blaumännern sehen, die immer noch die Verbindung zur Strasse haben, die die Musik reflektiert. Achtzehn- bis Zweiunzwanzigjährige.

C: Aber—

D: Nein, keine Ausnahmen! Ich generalisiere hier, um meinen Punkt deutlich zu machen: Hip Hop ist wahr und echt – das Leben. Punkrock ist ein Style.

Du hast zweimal gesagt, dass es früher anders gewesen sei – irgendwie besser. Kann es sein, dass das darauf beruht, dass du mit 18 auf einem Konzert logischerweise eine viel intensivere Erfahrung hattest als jetzt; und desweiteren das die Leute, die mit dir zusammen Unity und weiss-nicht-was gebrüllt haben. Sich genau wie du mit der Zeit zu ihrer eigenen Persönlichkeit entwickelten und feststellten, dass sie eigentlich gar nichts gemeinsam haben (oder nur sehr wenig).

C: Dann ist die Szene Bullshit, denn es soll ja eigentlich nicht so sein, dass du mit 23 sagst: Oh, eigentlich ist Hardcore scheisse, ich hör“ damit jetzt auf, sondern du solltest dein ganzes Leben eben zu Shows und so gehen, oder?

D: Du solltest. Aber sie tun es nicht. Du tust es, weil du mit 30 hier sitzt und deinen Rekorder hältst, vielleicht sitzt du in 20 Jahren auf der gleichen Couch und befragst eine Band.

Bis dahin fallen mir keine Fragen mehr ein.

D: Als ich anfing, auf Shows zu gehen, gab es viel mehr ältere Leute, die damals in ihren Mitt- bis Endzwanzigern waren. Ich sehe all diesen Leute nicht mehr, wenn wir dort spielen. Ich sehe auch die Dreiundzwanzigjährigen nicht mehr, die ich noch von der Zeit kenne, als ich dort wohnte. Die Leute haben einfach aufgegeben.. vielleicht auch wegen der Musik, die durch einige Veränderungen gegangen ist – der Metal-Kram, die sich ändernde Mode, das beeinflusst die Leute leider zu sehr.

C: Aber es wird ein wenig besser, wenn die Leute zum Beispiel bei uns zuhause in Gainesville älter werden, Familien gründen, das finde ich recht cool… als wir das erste Mal hier waren, haben wir hier in Europa komplett andere Leute gesehen, es scheint, als ob sie immer jünger werden.

D: Nicht nur jüngere Leute, sondern einfach immer weniger.

Sie können ja auf einen anderen Wagen aufspringen. Hier gibt es nicht so grosse Unterschiede zwischen den anderen Jugendkulturen.

D: Ich bin überhaupt keine spirituelle Person, aber ich will das Wort „Bestimmung“ verwenden – wenn du „bestimmt“ dazu bist, die Welt eben mit den Augen eines Punkrockers zu sehen, dann wirst du da auch enden oder zumindest eine lange lange Zeit verweilen. Diejeinigen die zwischen 18 und 22 ein paar T-Shirts kaufen und dann in die Rave Clubs gehen sind sicherlich keine schlechteren Menschen – ich sage eben nur das einige Leute Besucher sind, während andere Bewohner sind. Und ich bin ein Bewohner.

Jetzt noch 5 sinnentleerte Fragen, die mir auf der Banhfahrt hierher einfielen, weil mir sonst gar nichts mehr einfiel. 1.) Wie wichtig ist Plattensammeln?

D: überhaupt nicht wichtig.

C: Plattensammeln ist scheisse, ich finde Vinyl schön und so, aber ich kenne so viele Kids, die ihre Platten nicht einmal hören, die auf ihnen sitzen und sagen: „eines Tages ist diese Youth of today Testpressung eine Menge Geld wert.“

D: Und sie mögen die Band nicht einmal. Aber es hängt eher mit der Motivation zusammen. Wenn man an die Wertsteigerung und den Angebereffekt denkt, ist es scheisse. Wenn man natürlich sein Leben damit dokumentiert, ist es cool, die Konzerte, die du besucht hast, die Bands, die du getroffen hast oder in denen du gespielt hast – sammel“ sie! Das ist dann wie ein Photoalbum. Aber meistens ist es Bullshit.

2.) Sollten Häuser aus Stein oder Holz gebaut werden?

D: Stein

C: Stein. Häuser aus Holz brennen ja relativ leicht —-

Aber sie sind billiger

C: Dennoch: sie können brennen. Wenn dich jemand nicht mag, kann er es anzünden.

D: Ausserdem ist das mit Holz als Rohstoff mit langwierigen Konsequenzen verbunden.

C: Stein sieht auch besser aus.

3.) Welches Geschwindigkeitslimit sollte es in den USA geben?

C: In den Staaten? Ja.

D: Wenn wir diese Scheisse beantworten, sollen wir idealistisch rangehen, oder bedenken, wie die Leute in den Staaten im Moment fahren?

Oh absolut realistisch.

D: Wenn wir uns anschauen, wie die im Moment dort fahren, sind 55 oder 60 Meilen völlig ausreichend, die Leute könnten mit ihrer Freiheit nicht umgehen. Hier sieht es deutlich sicherer aus. Auch wenn die Leute viel schneller fahren können.

Eh ? Wir reden von Deutschland? Uffffff

D: Eigentlich bin ich dafür, dass die Macht in den Händen der Leute liegen sollte. Jeder sollte vernünftig genug sein, seine Geschwindigkeit zu wählen und so weiter. Das ist der anarchistische Ansatz, aber ich bezweifle, dass er umsetzbar ist. Oftmals sind es gerade diese Gesetze, die die Leute dazu veranlassen, in einer solch unpassenden Art damit umzugehen.

Das ist wie mit dem Trinken in den USA – das man keinen Drink offen auf der Strasse trinken darf und so. Die Leute hier fragen uns – Warum darf man das eigentlich nicht? Und wir wissen es nicht, keiner weiss es. Und dadurch wird der Themenkomplex verzerrt – genauso wie bei dem Alter.

C: Ohne Regeln würden sich die meisten Leute sicher besser im Griff haben.

D: Du kannst den Leuten, die ihr ganzes Leben diese Regel mit der Geschwindigkeit hatten, diese nicht wegnehmen, weil sie sofort durchdrehen würden.

4.) Habt ihr „The edge of quarrel gesehen“ ?

C: Ja! Ja! Jaaa! Mein Freund Derek spielt da mit. Verdammt schlechte Schauspielerei, aber er ist gut.

D: Darf ich noch was anmerken? Mir ist aufgefallen, dass es in der letzten Zeit öfters den Versuch innerhalb der Punk und H/C Szene gibt, Filme zu machen, unabhängige Filmemacher miteinzuschliessen. Scott Leibin von Bloodlink Records bringt jetzt auch Undergroundfilme raus… das finde ich cool, es gibt eine neue alternative Medienszene diesbezüglich, die aus unseren Reihen stammt. Tausend und Tausende schlechter CDs, jetzt gibt es immerhin noch schlechte Filme, aber immerhin Filme!

5.) Was ist gefährlicher fürs menschliche Leben: Das Auto oder der Fernseher?

D: TV

C: Das Auto ist direkt genommen gefährlicher.

D: Und hat mehr negative direkte ökologische Auswirkungen, aber der Fernseher kann dich dazu bewegen, ein Auto zu kaufen!

Das ist eine smarte Antwort.

C: Ich schaue Fernsehen und habe kein Auto.

D: Ich schaue auch Fernsehen und habe kein Auto.

Ich habe ein Auto und drei Fernseher. Ups. In welcher Band würdet ihr gerne mal mitspielen oder ein Originalmitglied ersetzen? Die Standardfrage.

D: Die Frage ist für mich schlecht, weil ich singe.

Aber du könntest dir vorstellen, Bass zu spielen und damit der coole Typ zu sein!

D: Ich wollte immer der coole Typ sein!!

C: Turbonegro, eine Tour, nur um zu sehen, wie wild ihre Tours sind.

Sie haben ihre Einfamilienhäuser…

D: Pixies oder Bad Brains. Ich will da nicht singen, irgendwas spielen, nichts wichtiges, nur um zu sehen, wie es ist.Gitarrist kommt vorbei und wirft ein: Radiohead an der Gitarre, weil ich jeden ihrer Songs spielen kann…

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One comment

  1. x7secondsx says:

    ein verdammt gutes interview mit einer verdammt guten band!

    übrigens, die neue trust page ist fantastisch und unglaublich informativ!

    April 11th, 2007 at 6:06 pm

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