März 17th, 2007

ARE WE ELECTRIC (#101, 08-2003)

Posted in interview by andreas

Manchmal ist das alt Hergebrachte doch das Beste! Hätte ich mich mit einem Six-Päck Bier und einem Diktiergerät auf die Socken gemacht, wäre dieses Interview in Null-Komma-Nix im Kasten gewesen – gespickt mit bierlaunigen Zwischenrufen und lebensnahen Gefühlsausbrüchen. Aber Nein, ich musste mich ja unbedingt per Mail auf die Jagd nach den Schöpfern der von Shellac Mitglied Robert Weston produzierten „Stress Lounge Music“ machen.

Dabei hätte allein der Sound von Are We Electric? reichen müssen um mich vor den Teufeleien der Neuzeit zu warnen. Das Stuttgarter Trio besinnt sich musikalisch schliesslich auch auf das Beste was die Plattensammlung eines durchschnittlichen Vinyl-Junkies hergibt und halten sich nicht mit modernem Schnickschnack auf. Oder anders ausgedrückt: Bier und Tonband statt Fanta-Honey-Lemon und Double-High-Speed-Mails!

Trotz LEM`scher Technologiefalle gibt es nun trotzdem einen kleinen Einblick in den grossen kreativen Kosmos des Nürnberger Trios. Dass ihr Bandname an Gary Newmans „Are Friends Electric?“, an DEVOs „Are We Not Men?“ oder natürlich an Man-Or-Astro-Man? Erinnert ist natürlich kein Zufall liegt aber auch wie ein Fluch über der Band die viel mehr zu bieten hat als nur das perfekte Plagiat der vermeintlich Vorbilder zu sein!

***

M1, M2 und M3 – jetzt aber die Masken runter! Wer steckt hinter diesen Kürzeln?

ARE WE ELECTRIC: Nun gut, eigentlich wollen wir es ja nicht spannender machen als es ist. Allerdings möchte ich gleich vorwegschicken, das unsere Namen nichts zur Sache tun. Es zählt die Musik, nicht wer sie spielt.

Ich stelle mir eure Bandgründung wie folgt vor: Ihr sitzt vor einer unglaublich grossen Schallplattensammlung mit allen wichtigen Klassikern in Sachen Indie-, Punk- und Surfsound, welche „zu spät geborene“ sich nur in ihren kühnsten Träumen leisten können. Frustriert schaut ihr auf ein kläglichen Haufen mit Cd`s (die irgendwie alle doch nich so geil sind) und wollt diesen Zustand jetzt ändern!

ARE WE ELECTRIC: Was hat unsere Bandgründung mit unserer Plattensammlung in quantitativer wie qualitativer Hinsicht zu tun? Egal. Also, die Band habe ich nicht mitgegründet. Ich bin vor knapp 3 Jahren dazugestossen, als Not am Mann war. Ich bin 2 Wochen vor einem anstehenden Konzert für den geflohenen Schlagzeuger eingesprungen. Damals hiess die ganze Geschichte noch Bhang Dextro und lief unter dem Label Noise-Rock. Den Sound, der auf der aktuellen CD „Stress Lounge Music“ zu geniessen ist, habe ich allerdings mitgeprägt und der Wechsel des Bandnamens Anfang 2002 zu „Are We Electric?“ war auch eine gemeinsame Entscheidung von uns dreien.

Mit der Plattensammlung meine ich das Bild vom „typischen Plattensammler“ (wie nicht wenige beim Trust). Euer musikalischer Background wirkt sehr visiert und abgeklärt – was in eurem speziellen Fall keinen negativen Beigeschmack besitzt. Ihr scheint halt zu 100% zu wissen was ihr wann und warum tut. Trifft das bezogen auf eure Songs, Style und eben auch die Bandgründung zu?

ARE WE ELECTRIC: Selbstzweifel beim Songwriting kommen uns eher keine. Das geschieht bei uns nicht aus Berechnung, sondern ergibt sich aus dem Gefühl heraus. Wenn das bei allen dreien stimmt, wird weitergearbeitet. Falls in der ersten Phase der Entstehungsgeschichte eines Stückes bei einem Zweifel aufkommen, den Song in irgendeiner Weise in naher Zukunft immer noch gut/interessant/spielbar zu finden, dann wird das Stück gekickt. Fragmente können aber oftmals recycled werden, und münden dann sogar hin und wieder in besseren Songs. Style, dieses Wort ist doch eher eins aus der Modebranche. Mit einer Mode, die kommt und meistens auch schnell wieder verschwunden ist, hat weder unsere Musik noch unsere Einstellung zur Musik und der gesamten Szene gar nix zu tun.

Auch die Band wurde nicht nach marktpolitischem Kalkül gegründet. Wir wussten was wir taten, war ja nicht das erste Mal, vielleicht auch nicht das Letzte. Warum will Mensch in einer Band spielen, noch dazu unter der an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, die anvisierte Zielgruppe leider nie zu Gesicht zu bekommen? Es ist nicht einfach, aus der Masse hervorzustechen. Wir liefern auf alle Fälle Qualität im handwerklichen Sinne, Originalität ist ein anderes Thema, Spass bei der Sache das Hauptargument.

Wo wir schon beim Stichwort Originalität sind. Wie bekommt man noch einen solch genialen Retro-Sound hin wir ihn auf Band gezaubert habt. Steckt dahinter das zwanghafte Verhalten auf Flohmarkt nach den unglaublichsten Elektrogeräten und Instrumenten Ausschau zu halten oder einfach die Liebe zum Detail?

ARE WE ELECTRIC: Ich muss gestehen, das Ralf und ich begeisterte Flohmarktgänger sind. In Hinsicht auf Schallplatten und CD`s sind die Flohmärkte allerdings zu oft ein Griff ins Klo. Da gibt`s im Internet heutzutage effizientere Methoden. Allerdings vermisse ich da das Kribbeln beim Suchen, vor dem vermeintlichen Kauf, das erst aufhört, wenn du das Objekt der Begierde selbst in Händen hältst. Ein echtes Jagdfieber, dessen glückliches Ende fast immer ins Gegenteil umschlägt, denn wenn die Suche vorüber ist, ist es vorbei mit der Herausforderung.

Auch bei den Samples macht es immer wieder Spass neues zu entdecken. Wir könnten uns auch ein ganzes Set vorstellen, dass in den Ansagen und so nur von Samples gestaltet wird – mal sehen was kommt?! Aber eigentlich ist es vor allem die Liebe zum Detail gewesen, die du in der Frage erwähnt hattest. Uns war dieser warme, analoge, trockene Sound, der für Aufnahmen von Bob Weston so typisch ist, sehr wichtig. Das haben nicht viele drauf.

Der Name Robert Weston sticht einem auch sofort auf der Rückseite von „Stress Lounge Music“ ins Auge.: Recorded and mixed at Novasonic Recording Facility three days in November 2001 by Robert Weston and John Golden , California. Warum Californien? Flucht vor dem Winter oder die Sehnsucht den eigenen musikalischen Ursprüngen näher zu sein?

ARE WE ELECTRIC: Mit Kalifornien verbinde ich ehrlich gesagt mehr den Skatepunk oder frühen Singalong-Hardcore. Sonne und gute Laune. Unsere Musik kommt doch eher von der schwermütigen, kühleren, der intellektuellen Seite der menschlichen Seele. Als Land unseres musikalischen Ursprungs würde ich England bezeichnen, wenn auch die Amis einige bemerkenswerte Bands hervorgebracht haben.

Wie kam es denn aber genau dazu, dass ihr anscheinend ja sogar in Kalifornien aufgenommen habt und dann auch noch in Zusammenarbeit mit einer Ikone wie Robert Weston? Hat das mit eurem musikalischen Background in anderen Bands wie Craving oder Mink Stole zu tun?

ARE WE ELECTRIC: Der Schein scheint da zu trügen. Die Aufnahmen fanden in Reutlingen im Novasonic Studio statt. Sicherlich hatte der Wunsch mit Bob Weston aufzunehmen, mit unserer, möchte es einmal musikalischen Sozialisation zu tun. Bei mir sah das so aus: Ich bin in den 80er Jahren zur Musik gekommen. Musik kam natürlich schon früher an meine Ohren, doch das war damals, Ende der 80er mein persönlicher Beginn einer individuellen Geschmacksausbildung. Da gab es Labels, heute oft nur noch Geschichte. Bands, die live unglaublich viel Eindruck auf mich gemacht haben. Gerade Konzerte sind in „unserem“ kleinen musikalischen Kosmos das A&O, das was alles zusammenhält.

Wichtiger als Hochglanzmagazine oder MTV. Undergroundkonzerte laufen spontan ab, hautnah, scheisslaut. Es gibt immer noch Bands die mich live unglaublich beeindrucken. Mehr musikalischer Background: Wie bei vielen anderen Musik liebenden Menschen sind die Amis in Sachen Musik und DIY-Gedanken ein grosses Vorbild für mich und auch für den Rest der Band gewesen. Zu den Aufnahmen mit Weston kamen wir aber durch das Motto „jetzt gönnen wir uns mal was“ oder „wenn wir es schon machen dann auch richtig“.

Die Platte sollte eben zu 100 Prozent so klingen wie wir es wollten – ohne Kompromisse! Klar ist uns bewusst, dass das vielleicht „einmal und nie wieder“ war, aber umso zufriedener sind wir mit dem Ergebnis. Wir hatten mit Weston schon per Mail Kontakt und dann kam er halt mit Shellac auf Deutschlandtour und spielte in München. Er ist dann tatsächlich für drei Tage mit uns hier ins Studio gegangen und als Analogfreak ist er dann auch ziemlich auf das Equipment abgefahren das wir dort hatten. Er hat dann so am Sound geschraubt, dass dem örtlichen Tontechniker nur noch der Mund offen stand – die Bänder per Hand geschnitten und so`n Zeugs!

Eure Platte nennt sich Stress Lounge Music ein schöner Titel, dabei ist euer Sound weder besonders stressig und zum Glück kann man euch auch nicht in der hippen Lounge um die Ecke spielen. Wie kam es dann überhaupt zu dem Namen?

ARE WE ELECTRIC: Der Loungebegriff ist in den letzten Jahren schon schwer strapaziert worden. Diesbezüglich wollten wir der „chilligen“, langweiligen Barmusik einen kleinen Schuss vor den Bug verpassen. Als stressig empfinden unsere Musik manche schon. Aber dem Loungebegriff kann man einen gewissen Style schon nicht absprechen, den wir in mancherlei Hinsicht nicht uninteressant finden.

In meiner Plattenkritik über euch habe ich die Vermutung angestellt, dass eure Shows sicher ein chaotischer Kunst/Musik Mix sind bei dem ihr in Alufolie gewickelt auf die Bühne springt. Damit hab ich doch sicher recht, oder?

ARE WE ELECTRIC: Nein, hast du nicht. Unsere Shows sind weder besonders chaotisch, noch haben sie irgendeinen künstlerischen Anspruch. Allerdings sind sie absolut unterhaltsam, laut und ein Schlag in die Magengegend. Der Sound ist live eines unserer grossen Probleme. Leider fehlt jemand, der gezielt Tasten und Sampler bedient um unsere Ideen wirklich umsetzen zu könne. Wie gesagt sind wir zudem wirklich sehr laut und schräg – der Sound kann sich aber nur auf diese Art entfalten finden wir. Einmal gab es an der Kasse sogar die Info, dass für Ohrenschäden nicht gehaftet wird.

Kein künstlerischer Anspruch? Aber allein die Texte, bezogen auf dieses Mensch-Maschine-Thema, lassen durchaus künstlerische Visionen aufkommen. Oder liegt dein klares Nein daran, dass ihr euch sehr häufig diesem Vergleich mit Bands wie „Devo“ oder „Man or Astroman?“ ausgesetzt seht?

ARE WE ELECTRIC: Was ist denn Kunst im klassischen wie im modernen Begriff? Hochgestochenes Getue von „Künstlern“ für elitäre Kreise der Gesellschaft. Nicht besonders volksnah und sehr kodiert. Kunst kann allerdings auch populär wirken und auch über sprachliche Barrieren hinweg. Das hat Kunst mit Musik allemal gemeinsam.

Aber Musik ist nicht immer gleich Kunst. Logischerweise handeln unsere Texte von Beziehungen (so wie die meisten Texte), unsere manchmal sogar von denen zwischen Menschen und Maschinen in der Gegenwart wie auch in der Zukunft. Den Sci-Fi/Weird Sciene Hintergrund unserer Musik und Texte will ich aber gerne zugeben.

Na dann vielen Dank für dieses Geständnis und das Interview.

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PS. Eines hab ich nach diesem Interview gelernt: „Schuster bleib bei deinen Leisten“ oder besser „Malte bleib bei Bier und Tonband“!

Links (2015):
Bandcamp

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