Februar 27th, 2019

APOCALYPTICA (#66, 1997)

Posted in interview by Thorsten

Ein Klassikausflug ins Metalland

APOCALYPTICA sind vier finnische Musikstudenten, die auf ihren Celli Heavy Metal Songs interpretieren. Daß ihr Konzept aufgeht, stellten sie schon bei Tourneen mit BAD RELIGION und den SEX PISTOLS unter Beweis. Hatten APOCALYPTICA auf ihrer ersten Veröffentlichung „Apocalyptica plays Metallica by four cellos“ acht Hits von Metallica klassisch umgesetzt, so wagten sie sich auf ihrer Deutschlandtour gar an härtere Kaliber wie SLAYER oder SEPULTURA. Von bloßen Coverversionen kann man bei APOCALYPTICA wohl kaum sprechen, denn durch die klassische Interpretation erscheinen die Kompositionen in einem ganz neuen Licht und können durchaus auch für sich alleine stehen.

Ihr Publikum ist bunt gemischt, wobei mittlerweile mehr Metal- als Klassikfans ihre Konzerte besuchen. Die „Klassik-Etikette“ wird dabei wohlweißlich abgelegt. Nichts da mit brav hinsetzen und am Ende höflich Applaus spenden. Bei APOCALYPTICA werden die bekannten Hits von den Fans einfach mitgesungen. Deshalb meinte mein Interviewpartner Max Lilja, daß sie sich mittlerweile scherzhaft schon selbst als „Karaoke-Band“ bezeichnen. „Wir spielen und die Leute können mitsingen“.
Was der erst 21jährige Max über APOCALYPTICA, die klassische Umsetzung von Metal, sein außergewöhnliches Publikum und das verrückte Finnland zu berichten weiß, erfahrt ihr im folgenden Interview.

Wie lange habt ihr gebraucht, um die Musik von Metallica in Klassikversionen umzuschreiben?

Grundsätzlich war es kein großes Problem. Die Noten zur Musik von Metallica sind ja überall erhältlich. Lediglich die Umsetzung der Drumparts bereitete etwas Schwierigkeiten. Als wir unseren Plattenvertrag bekamen, hatten wir aber lediglich fünf Stücke, so daß wir in kürzester Zeit noch drei weitere Stücke einstudieren mußten. Da war der Zeitdruck das größere Problem.

Die Idee Metallica Songs in klassische Musik zu übertragen, war in eurem Fall schon etwas besonderes. Aber glaubst du nicht, daß bei einer Wiederholung dieses Schemas das Ende für eine gute Idee gekommen wäre?

Das könnte schon sein. Wir spielen bei unseren Konzerten zwar weitere Metallica Songs, aber darüberhinaus noch Stücke von Slayer, Pantera und Sepultura. Mittlerweile komponieren wir außerdem auch eigene Stücke. Denn wenn du eigene Lieder schreibst, kannst du viel besser die Möglichkeiten des Cellos einfließen lassen. Bei den Metallica Songs müssen wir Schlagzeug, Gitarre, Bass und Gesang imitieren. Für uns ist es deshalb einfacher selbst etwas zu komponieren. Man muß einfach alles ausprobieren. Wir wissen, daß wir mit unserer Art Cello zu spielen noch sehr viele Möglichkeiten der Anwendung haben. Man kann da die verrücktesten Sachen machen. Das nächste Album wird wohl eine Art „Collection“.

Wollt ihr nochmal Metallica Lieder aufnehmen oder ist dieses Kapitel für euch beendet?

Nein, dieses Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt schon noch einige großartige Metallica Songs, die wir interpretieren können.

Glücklicherweise spielt ihr ja hauptsächlich ältere Metallica Stücke, die differenzierter sind als die seichten Lieder ihrer letzten LP „Load“. Wären diese Stücke überhaupt interessant genug für euch, um sie klassisch umzusetzen?

Grundsätzlich müssen uns die Songs, die wir interpretieren auch gefallen. Und von der Sorte gibt es auf dem Load Album nicht allzu viele. Ich glaube den Stücken fehlt die Intensität. „King nothing“ würde sich eventuell anbieten, aber eigentlich mögen wir lieber die alten, härteren Songs von Metallica.

Ist Apocalyptica mittlerweile zu eurem Hauptberuf geworden?

Ja. Vor der Apocalyptica Zeit haben wir alle freiberuflich gearbeitet. Wir haben in unterschiedlichen Orchestern gespielt und nebenbei auch noch Cello studiert. Falls es Apocalyptica eines Tages nicht mehr geben sollte, werden wir wohl auch in der Form weiterarbeiten. Als wir mit dem Cello spielen angefangen haben, waren wir gerade mal sechs oder sieben Jahre alt. Wir spielen also praktisch schon unser ganzes Leben lang und werden dies auch weiterhin tun.

Und habt ihr das Studium mittlerweile abgeschlossen?

Einer von uns hat es abgeschlossen. Der Rest studiert noch an der Sibelius – Akademie in Helsinki. Im Moment haben wir dafür natürlich wenig Zeit. Deshalb fehlen wir momentan auch häufig beim Unterricht. Wir können aber mehrere Wochen an einem Masterkurs teilnehmen, bei dem wir dann sechs Stunden täglich Unterricht haben und Cello üben können. Ich denke das ist eine gute Sache. Man muß immer dazulernen. Das Cello ist ein so schwieriges Instrument, daß man eigentlich täglich üben muß. Beim Cello gibt es keine Bünde wie bei einer Gitarre – da mußt du es einfach fühlen. Und das ist die Schwierigkeit. Als wir mit Apocalyptica angefangen haben, hatten wir Probleme mehrere Stücke zu spielen. Das Maximum lag danmals bei 20 bis 25 Minuten – danach waren wir einfach tot, weil man in der Hand, die den Bogen führt, einfach sehr viel Kraft braucht. Aber mittlerweile haben wir uns eine eigene Cellotechnik angeeignet mit der sich Metal leichter klassisch umsetzen läßt. So können wir nun eine oder gar eineinhalb Stunden spielen – nicht problemlos, aber wir können es.

Am Anfang habt ihr mehr vor klassischem Publikum gespielt und nun spielt ihr hauptsächlich vor Rockpublikum. Vor welchem spielst du lieber?

Das ist schwer zu sagen, weil wir ein bunt gemischtes Publikum haben. Natürlich sind die Metallica Fans in der Überzahl, aber es kommen auch Klassikfreunde, die sich das ganze einfach Mal anschauen wollen. Ganz am Anfang haben wir eigentlich nur zum Spaß vor Freunden gespielt. Wir haben aber auch schon ein „echtes“ klassisches Konzert in einem Konzertsaal in Istanbul gegeben. Das war schon eine sehr interessante Erfahrung. Aber in Finnland funktioniert das nicht. Das Rockpublikum geht einfach nicht in einen Konzertsaal.

In einigen eurer Konzerte haben die Metallica Fans lautstark eure Lieder mitgesungen. Stört dich das nicht?

Nein, das finde ich eher lustig. Insbesondere bei den bekannteren Metallica Stücken kommt das immer wieder vor. Mittlerweile bezeichnen wir uns selbst schon scherzhaft als „Karaokeband“. Wir spielen und die Leute können mitsingen. Es ist aber gerade auch in Deutschland so, daß die Leute bei langsameren Stücken doch sehr gut zuhören können. Wenn es aber auf der Bühne abgeht, dann klatschen, bangen und singen die Leute schon mit. Eigentlich klappt es ganz gut mit dem Publikum. Bei unserem ersten Auftritt vor einem Rockpublikum in den Staaten hatten wir schon ein komisches Gefühl. Das war völlig anders als bei klassischen Konzerten, bei denen die Leute brav stillsitzen und artig Applaus spenden. Auf einmal sind die Leute abgegangen und haben geschrien – das war schon etwas seltsam, aber sehr amüsant. Inzwischen haben wir uns daran aber gewöhnt.

In Finnland gibt es viele verrückte Bands wie Eläkeläiset oder Deep Turtle. Hast du da eine Erklärung dafür?

Keine genaue. Es ist aber schon erstaunlich, daß uns alle Interviewer fragen: „was zum Teufel geht da in Finnland vor sich?“ Ich weiß es nicht. Finnland ist ein kleines Land mit kleinen Märkten und am meisten verkaufen die Dance- und Popinterpreten. Vielleicht muß man einfach etwas anderes machen, um groß rauszukommen. Die Finnen sind schon ein bißchen verrückt. Heavy Metal ist ziemlich angesagt und es gibt auch eine ziemlich große Metalszene in Finnland. Bands wie Waltari haben wohl auch bei euch einen gewissen Bekanntheitsgrad.

In Deutschland kennt man die Filme der Kaurismäki Brüder wie „Ariel“, „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ oder „Leningrad Cowboys go America“. In denen wird ein ziemlich düsteres Bild von Finnland gezeichnet – viele Arbeitslose, viele Alkoholiker. Ist es dort wirklich so schlimm?

Nein, absolut nicht. Aber etwas Wahres ist an diesen Filmen schon dran. Sie schildern das Leben in den kleinen Dörfern, die immer mehr aussterben, weil die Leute in die Städte ziehen. Und dort gibt es sicherlich einige Leute, die arm sind, keine Arbeit haben und anfangen zu Trinken.

Aber das ist nicht in ganz Finnland so.

Nein, jetzt mach mal halblang, wir sind ja immerhin in der Europäischen Union.

In den Filmen scheint es so, als wollten alle nur weg von Finnland. Lebst du gerne dort oder würdest du lieber woanders leben?

Finland ist das beste, schönste und verrückteste Land auf der ganzen Welt. Als ich ein Kind war, lebte ich auf dem Land – überall Wälder. Ich will die Natur spüren. Ich könnte mir nicht vorstellen in New York zu leben. Den ganzen Tag nur Lärm und Hektik, das wäre nichts für mich. Ich brauche einen Platz an dem ich allein sein und entspannen kann.

Auf meine Frage, weshalb sie auf allen Promofotos und während des Auftritts immer Sonnenbrillen tragen, konnte sich Max das Lachen nicht verkneifen. „Man muß heute schon irgendetwas besonderes haben“.
Als ob ihre Musik alleine nichts besonderes hätte. APOCALYPTICA ist es gelungen, klassische Musik einem Publikum nahe zu bringen, das ansonsten eher härtere Klänge bevorzugt und mit Klassik im herkömmlichen Sinne wenig am Hut hat. Noch bemerkenswerter erscheint mir aber ihr Aufbrechen des althergebrachten Klischees, Heavy Metal sei lediglich „Krach“. Welches Potential in einigen dieser Werke steckt, weiß man spätestens seit APOCALYPTICA.

Text: Stefan Kleiber

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