Januar 26th, 2020

ANTIFA # 168, 2014

Posted in interview by Jan

TRUST: Wofür stand das M bei Antifa (M) wirklich, ihr hattet ja dazu die gängigen Theorien erwähnt, konntet ihr da Klarheit gewinnen?
Lena: Das dürfen wir nicht verraten…(lacht)

Interview mit den Autor_innen des Buches „Antifa: Geschichte und Organisierung“

Wer aus unserer Szene hat nicht schon Erfahrung in oder mit der Antifa gehabt? Und vielleicht habt ihr es ja mitbekommen, vor drei Jahren ist ein klasse Buch zur Antifa im Stuttgarter Schmetterling Verlag erschienen: „Antifa: Geschichte und Organisierung“ stammt von den Frankfurter Autor_innen Mirja Keller, Lena Kögler, Moritz Krawinkel und Jan Schlemermeyer. Da mein Interview mit dem Antifaschistischen Infoblatt leider nicht klappe, mich aber das Thema weiterhin interessiert und ich auch denke, dass es für viele Leser interessant ist, könnt ihr hier nun das Gesprächsprotokoll mit den Verfassern lesen.

Vielleicht kurz zum Inhalt. Dazu sagten die Autoren in einem Interview mit dem Berliner Antifa-Infoblatt: „Wir versuchen, trotz aller Widersprüche und unterschiedlicher sozialer Bedingungen, eine Brücke zu schlagen von der Antifaschistischen Aktion des Jahres 1932 über die verschiedenen Ausprägungen, die radikaler Antifaschismus in den folgenden Jahrzehnten genommen hat, bis in die Gegenwart. … Überall sind innerhalb der Antifabewegung historische Bezüge präsent. Das reicht vom Antifa-Logo bis zur LL-Mobilisierung, vom „Stalingrad ‘43“-Shirt und Parolen à la „Bomber Harris, do it again!“ bis zur Orientierung an der Organisationsform der AA/BO. Bei dem Buch geht es ein Stück weit auch um die Klärung der Frage: Worauf bezieht man sich da? Es geht darum, die eigene Geschichte zu vergegenwärtigen und die kritische Frage zu stellen, was daraus an Erfahrungen und politischen Konzepten übernommen werden kann – und was in die Kategorie „Folklore und Heroisierung“ gehört.“ Ich rezensierte das Buch fürs Trust # 152, Februar/März 2012 und schrieb: „das Buch ist auch echt super geschrieben, liest sich (wenn das Thema Faschismus und Kapitalismus nicht so traurig wäre) wie ein echter Krimi. Es ist teilweise ein bisschen wie in dem alten Monty Python Sketch mit der „Volksfront von Judäa“ und der „judäischen Volksfront“, d.h. die ganzen Abspaltungen von den Abspaltungen“.

Etwas seriöser sagte es die taz in einer Veranstaltungsankündigung zu diesem Buch (zitiert nach bewegung.taz.de/termine/antifa-geschichte-und-organisierung): „Antifaschismus ist eines der zentralen Aktionsfelder der radikalen Linken in Deutschland: In fast jeder Klein- und Großstadt existierten Antifa-Gruppen, viele Jugendliche finden über die Jugendantifa zu linksradikaler Politik und immer wieder machen militante Aktionen gegen Nazis und ihre Aufmärsche von sich reden. Doch was zeichnet diesen autonomen Antifaschismus aus? Wo liegen seine historischen Wurzeln und theoretischen Bezugspunkte? Die Endphase der Weimarer Republik, in der die historische Antifaschistische Aktion entstand, ist kaum mit den heutigen Bedingungen der autonomen Antifa zu vergleichen. Dazwischen lag nicht nur der Bruch, den Nationalsozialismus und Shoah für jedes linksradikale Engagement in Deutschland bedeuteten; auch die Entwicklungen in der BRD und dem wiedervereinigten Deutschland schufen jeweils neue historische Bedingungen, denen sich revolutionäre AntifaschistInnen stellen mussten. Ihnen allen gemeinsam ist jedoch die, in Max Horkheimers Diktum «Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen» formulierte Position gegen die kapitalistische Gesellschaft und eine Perspektive auf Überwindung aller Herrschaftsverhältnisse“. Es geht also auch in diesem Gespräch um die „Entwicklungen und Brüche in Theorie, Organisierung und Praxis jenes Verständnisses von Antifaschismus, das Ende der 1980er Jahre in der Formel des „revolutionären Antifaschismus“ auf den Punkt gebracht wurde und bis heute in zahlreichen Antifa-Gruppen bundesweit in weiterentwickelter Form Ausdruck findet“.

Noch eine kleine persönliche Skizze: ich wurde Anfang der 90er auch durch mein „Engagement“ bei der Antifa Leverkusen politisch sozialisiert. Wobei, ich will es nicht übertreiben, gell? Es gab damals die „Räume“, das war ein Café namens „Themroc“ (benannt nach einem anarchistischen Film-Klassiker, dessen Sichtung immer noch harrt). In jenem Café gab es Dienstags immer Vokü und Leute treffen. Ja okay, es stimmt, ich hab mir dann immer von nebenan ne Pizza mitgebracht, aber anwesend war ich! Ähem, nun ja, richtig Aktionen mitmachen, Demos etc. pp., das kam erst später.

Mir ist es auf jeden Fall wichtig, in diesem Gespräch nicht kritiklos stumpf „die Antifa“ nur zu glorifizieren. Eine gewisse Ambivalenz hinsichtlich der Antifa sollte angesprochen werden. Ich meine, jeder, der mal aktiv bei der Antifa war oder mit Mitgliedern diskutierte etc., der/die weiß, dass dort nicht alles „stimmt“. Als Einstimmung möchte ich noch einige Songtexte einreichen. Als erstes den bekannten Hit „Antifa Hooligan“ von den italienischen Los Fastidos (im Original von The Oppressed oder?). Ein beliebter Song bei Parties. Der Songtext soll hier mal stellvertretend für die zwei Millionen anderen gut gemeinten „Nazis raus“-Songs aufgeführt werden. Alles schon gut gemeint, nur…irgendwie… na ja…Sie wissen schon oder? Es gibt natürlich wichtige und gute Anti-Nazis-Songs, „Schreib nach Liebe“ der Ärzte, „Fünf vor zwölf“ bzw. „Sascha“ von den Hosen und und und…Es ist nur leider doch sehr oft „ein wenig“ Parolen-Gedresche, auch wenn die Parole ja gut ist, aber…

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Los Fastidios – Antifa Hooligans
Come on come on. Come on come on. Come on come on. Antifa – Hooligans! In the streets. On the terraces. We are singing. And we scream. All our rage for the nazi scum. We are coming start to run. Come on come on. Come on come on. Come on come on. Antifa – Hooligans!
In the streets. On the terraces. We are singing. And we scream. All our rage for the nazi scum. We are coming start to run. Come on come on. Come on come on. Come on come on. Antifa – Hooligans!

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Etwas differenzierter dann diese zwei Texte: erstens der großartige „Fickpisse“-Text von Fischmob von Mitte der 90er. Daran anschließend den nicht minder tolle „Flimmern“- Songtext der Goldenen Zitronen von Anfang der 2000er. Fischmob und die Goldenen Zitronen sind Bands, deren linke Glaubwürdigkeit in Bezug auf Sympathie mit „Antifa-Zielen“ unumstritten ist (bzw. war bei Fischmob). Aber beide thematisierten durchaus gewisse Leerstellen bezüglich der Antifa. Fischmob vielleicht etwas platter, die Zitronen im „Flimmern“-Song eher fragmentarisch…Ich finde, diese Songs zeigen ganz gut, dass einerseits eine große Übereinstimmung mit der Antifa – natürlich! – herrscht, andererseits aber eben auch eine gewisse Kritik an leeren Parolen oder „seltsamen“ Methoden…und eben nicht nur „just another“ Nazis raus-Texte, wobei das ja gut ist, aber…vielleicht auch zu wenig, Stichwort „Faschismus/Kapital“…Wir werden drüber reden.

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Fischmob – Fickpisse
Deutschland – hier bin ich zwar geboren, doch wenn ich mich hier umseh’… was hab‘ ich hier verloren? Denn in Deutschland, ganz egal an welchem Ort, existiert Gerechtigkeit nur noch als Wort. Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer; erfrier’n die Einen, dreh’n die andern sich die Heizung wärmer. Wohnraum wird verteuert und Renten werden gesenkt und Politikern werden Reisen nach Südamerika geschenkt, der Umzug nach Berlin kostet hunderte Millionen –
wie erklärt ihr das den Leuten, die auf der Straße wohnen, den Leute, die ihren Existenzkampf täglich nur verlieren?

Wie erklärt ihr das den Leuten, die in Armut vegetieren, den Obdachlosen, die im Winter sterben wie die Fliegen, weil sie bei minus 20 Grad unter Brücken ‚rumliegen, während andere mit ihren Luxusvillen protzen? Tut mir leid – da muß ich kotzen! Und dann fliegen plötzlich Steine und jeder fragt „Warum?“, Scheiben geh’n zu Bruch und die Leute gucken dumm. Die Frage nach dem Urteil ist jetzt müßig und egal, doch das Ignorieren der Gründe wäre absolut fatal, denn – seien wir ehrlich: Wer profitiert, wenn irgendwo wieder die Gewalt eskaliert? Die Scheiße, die hier abgeht, ist längst nicht einerlei!
Macht euch auf ‚was gefaßt – der Spaß ist vorbei!

Starrheit, Intoleranz und Unbelehrbarkeit … Ich finde es zum kotzen! Das sind Nazis, Bullen und Oberlippenbärte … Leute, die nicht ganz richtig im Kopf sind, sind … / Lauter … Schwachköpfe / … Ich schlag‘ sie tot! … Nazis, Bullen und Oberlippenbärte. Fickpisse!

Rostock, Mölln und Solingen sind lange schon verdrängt. Hoyerswerda ist vergessen, das Interesse abgelenkt auf Überfremdung und Durchrassung. „Das Boot ist voll“, bei soviel Stammtischweisheit weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. Der euphemistisch sogenannte Kompromiß im Asyl hinterläßt bei mir nichts anderes als ein dumpfes Gefühl, egoistisch verbohrter Kleinstaaterei, die Sache ist klar: Der Spaß ist vorbei! Bei meiner Reaktion sitze ich zwischen zwei Stühlen:

Ratio einerseits und Rachegefühlen. Die Ratio sagt „Alter, Gewalt hilft dir nicht weiter“, doch die Gefühle sagen „Schlag‘ zurück und mach‘ sie kalt, ey“. Wir können nichts tun, uns sind die Hände gebunden – Scheiß ‚was d’rauf, das ist doch alles frei erfunden! Gelten Rechte nicht auch für Menschen anderer Rasse? Vergiß‘ es, die sind in Deutschland Menschen zweiter Klasse! Die Frage ist und bleibt – wie soll ich reagieren, ohne Instrument zu werden von denen, die regieren, denn wenn man da nicht aufpaßt, dann wird man ganz fix positiver Faktor für den Schreibtischtäterwichs oder Wasser auf den Mühlen der Rechtsradikalen, der Sieg-Heil-Fraktion und ewig Eindimensionalen. Was auch passiert, wie auch immer dem sei, macht euch auf was gefaßt – der Spaß ist vorbei!

Der Spaß ist vorbei – das stimmt um so mehr, denn Verblendung macht den Linken oft zum Reaktionär. So absurd es klingen mag, von wegen Widerspruch in sich, aber linke Aktionen sind mitunter etwas merkwürdig. Faschos sind gefährlich und oftmals Trottel obendrein, nur leuchtet mir beim allerbesten Willen nur nicht ein, warum gerade die Methoden, die die Faschos etablieren, bei der Planung der Antifa nicht selten dominieren. Da werden Schriften verbrannt und Leute denunziert und auf Gewalt wird ganz gerissen mit Gewalt reagiert. Meistens reicht ganz einfach ein vager Verdacht, der aus ganz normalen Menschen plötzlich Faschoschweine macht.

Erstmal auf die Fresse – rein prophylaktisch, fragen kann man später – irrsinnig praktisch! Das kann doch nicht die Art sein, wie man Leute überzeugt, kein Wunder, daß man sich so die Anhänger verscheucht, denn der Zweck heiligt die Mittel nicht immer, statt besser macht man Sachen oft nur schlimmer. Gut – ’ne Lösung hab‘ ich auch nicht, zumindest keine, die lang hält, ich weiß nur ganz genau, was mir nicht gefällt, und das ist blinder Aktionismus. – OK, ziemlich leicht gesagt, doch ist jetzt mehr denn je ein bißchen Nachdenken gefragt. Die Sache ist nämlich ernst und längst nicht einerlei wie eingangs schon erwähnt – ist der Spaß vorbei.

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Goldenen Zitronen – Flimmern
Flimmern, Flimmern. Irgendwann nach Sendeschluss Flimmern. Zwischen und nach Überdosen, Unanständigkeiten und Flimmern. Plötzlich der Morgenappell: Empörung aktivieren. Aufstehen, Aufstand, Anstand. Dass ein paar der hauptberuflichen Hülsenpacker zu einer klareren Sprache fanden, zeigte einmal mehr ihre Ignoranz gegenüber dem richtigen Bildausschnitt. Der deutsche Planet bekennt, bedauert, appeliert. Lamentiert und applaudiert am liebsten unter sich Podium? Leider schon vergeben Doch wir hätten da noch „Tanzneger“ oder „Imbissverkäufer.“

Flimmern, keine Gnade. Kurzgeschlossen Flimmern. Die besessene Maschine füttert Flimmern. Und Flimmern und Füttern. Alle schrien immer hektischer: „Es wird zu viel“ und legten reichlich Kohlen nach und Panik setzte ein. Berauscht von dem Gefühl, etwas gefühlt zu haben, posaunten sie Pathos und entdeckten den Stolz. Und wechselten das Thema, wenn immer jemand schrie. Dann zeigte die Flasche auf den prügelnden Minister. Die Hexenjagd der Milchgesichter. Wer in Dover dem Container lebendig entstieg, unterschrieb noch vor Ort einen Plattenvertrag.

Und dann fragt man sich dann doch: Wer soll eigentlich wo rein? Rein nach wo und raus wohin? Rein und raus und raus wohin, wer soll eigentlich wo raus und rein wohin? Man fragt sich doch:
Wer soll eigentlich wo raus? Raus aus wo und rein wohin? Raus und rein und rein und raus, da kennt sich heutzutage keiner mehr aus.

Und dann war wieder alles normal real. Verrückte Kühe, Hunde, Lastwagenfahrer. Im toten Winkel marschierend vor dem Fernsehsessel der eingeborenen Bevölkerung. Und dann fragt man sich dann noch: Wer soll eigentlich wo raus? Raus aus wo oder rein wohin?
Rein und raus, raus wohin? Wer soll eigentlich wo raus und rein wohin? Was solln die Nazis raus aus Dütschland? Was hätte das für ein Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.

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Guten Tag Mirja, Lena, Moritz und Jan. Euer klasse Buch ist 2011 im Schmetterling Verlag erschienen. Ihr habt euch im Buch bei dem Café Exzess in Frankfurt bzw. dem dort ansässigen Infoladen in Frankfurt bedankt; ihr seid also aus Frankfurt? Stellt euch doch mal kurz vor… Natürlich bei unserem Punk-Hintergrund auch diesbezüglich wichtig, ob ihr diese old school-Autonomen-Lederjacken-Slime-Blechreiz-Fans oder Carhartt-Turnschuhe-Egotronic-Pop-Antifa seid. (lacht)
Jan: So viel mehr gibt es dazu eigentlich auch gar nicht zu sagen: Wir sind nach wie vor in Frankfurt aktiv und bringen uns beispielsweise in antifaschistische Projekte oder die Blockupy-Aktionen ein. Wobei: Wir sind, was den kulturellen Hintergrund angeht, schon eine bunte Mischung, von oldschool-Punk-Rock Ecke bis zu eher „Pop-Antifa“ ist alles dabei. Was uns gemeinsam ist – von unterschiedlichen Musikgeschmäckern mal abgesehen – sind relativ frühe Polit- und Organisierungserfahrungen in selbstverwalteten Jugendzentren, Jugendantifa oder anderen Gruppen.

Musstet ihr über die (Theorie-) Geschichte der Antifa für eure Uni-Arbeit schreiben? Weil das gibt es ja auch, dass Akademiker – „am besten noch nicht aus der Szene“ – mit solchen Sujets um die Ecke kommen. Oder seid ihr – wie ich vermute – Antifa-Aktivisten und nach eurer Meinung gab es bis dato noch kein gutes kompaktes Buch zum Thema? Was für Motive hattet ihr mit dem Buch?
Lena: Wir sind seit Jahren in der Antifa aktiv und haben tatsächlich irgendwann festgestellt, dass es keine kompakte Darstellung der Geschichte der Antifa gibt. Unsere Idee war es zum einen, Jüngeren eine historische Orientierung zu geben, wenn sie sich beispielsweise in einer Antifa-Jugend organisieren und außerdem wollten wir eine Debatte über die Geschichte und damit auch die Perspektiven der Antifa anstoßen. Und um die Frage zu beantworten: Ja, der Ursprung zu dem Buchprojekt war ein Uni-Seminar zu “Sozialen Bewegungen in der BRD”. Aber akademisches Arbeiten und politischer Aktivismus schließt sich ja nicht aus.(lacht) Als wir dann schon 80 Seiten geschrieben hatten, dachten wir, es wäre eigentlich schade, nicht mehr daraus zu machen.

Euer Buch ist vergriffen, aber eine Neuauflage ist geplant? Ich vermute, dass speziell die NSU eine große Rolle dann einnehmen wird?
Mirja: Die zweite Auflage ist im Frühjahr 2013 erschienen. Weil wir aber noch in vielen anderen Projekten aktiv sind, haben wir nur kleinere Fehler korrigiert und das Ende des Buches beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 gelassen. Die Aufdeckung des NSU im November 2011 hat aber, so viel ist sicher, zu vielen grundlegenden Diskussionen in der Antifa geführt – auch über die Grenzen antifaschistischer Recherche und die Unterrepräsentation von MigrantInnen in der Antifa. Das spielt auch eine Rolle in unserem Buch. Diese Diskussion ist in jedem Fall noch längst nicht abgeschlossen.

Das haben wir auch bei den Buchvorstellungen in den verschiedensten Ecken und autonomen Zentren der Republik gemerkt. Wir haben aber absichtlich die Zäsur 2007 gewählt, um mit etwas Abstand die Ausdifferenzierung der Antifa-Szene am Beispiel der Mobilisierung zum G8-Gipfel betrachten und einordnen zu können. Wir haben gar nicht erst versucht, am Ende des Buches den aller aktuellsten Stand der Debatte darzustellen – dazu passiert zu schnell zu viel, wie das Beispiel NSU zeigt.

In einer Pressestimme zu eurer Publikation heiß es, dass die „Geschichte der Antifa auch immer eine der Linken“ darstellt. Und diese Darstellung habt ihr ja total geil auf knapp 200 Seiten ausgeführt. Vielleicht könntet ihr für uns eine etwas kürzere Zusammenfassung der wichtigsten geschichtlichen Etappen der Antifa geben. Fangen wir einfach mit der historischen Entstehung an, das wäre super, wenn ihr uns das prägnant zusammenfassen könntet, was die wichtigsten historischen Entwicklungslinien bis hin zu den 70ern waren.
Moritz: Ganz knapp nur, die Leute sollen schließlich das Buch lesen. (lacht) Wir beschäftigen uns, abgesehen von den Bedingungen, aus denen die historische Antifaschistische Aktion 1932 gegründet wurde, für jedes Jahrzehnt nach 1945 mit einer wichtigen Strömung, die auf die heutige Antifa Einfluss hatte. In den 1950er Jahren war das die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, in den 1960er Jahren etwas allgemeiner die Studierendenbewegung und in den 1970er Jahren der Kommunistische Bund, eine K-Gruppe, die mit Recherche-Arbeit über Nazistrukturen angefangen hat, wie sie bis heute von Antifa-Gruppen geleistet wird.

Wichtig ist dabei noch, dass wir uns nur mit den Varianten von Antifaschismus beschäftigt haben, die sich selbst immer als gesellschaftskritisch verstanden haben, die immer mehr als „nur gegen Nazis“ waren bzw. sein wollten. Wie bei jeder Gelegenheit müssen wir auch hier dazu sagen: Damit erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und in dem Buch scheint bestimmt auch unsere eigene politische Sozialisation, und auf was man sich mit einem antifaschistischen Selbstverständnis bezieht, durch. In der etwa zeitgleich erschienen Broschüre “80 Jahre Antifaschistische Aktion” setzt Bernd Langer zum Beispiel – vor allem im historischen Teil – andere Schwerpunkte.

Unser Heft wurde 1986 gegründet, einige ältere Schreiber und Leser aus den 80er sind noch mit an Bord. Und in dieser Dekade ging es ja los mit der Antifa bzw. dem „revolutionären Antifaschismus“, der bis heute in zahlreichen Antifa-Gruppen bundesweit in weiter-entwickelter Form Ausdruck findet. Man kennt ja die legendären Schlachten bezüglich AKWs, Bundeswehr-Gelöbnissen wie in Bremen 1980, Friedensdemos, riesige schwarze Demo-Blöcke mit Motorrad-Helmen und Knüppeln… Was waren da die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse in Bezug auf die Antifa?
Jan: Die Antifa ist aus der Autonomen-Bewegung entstanden. In den 1980er Jahren nahmen Rassismus und Gewalt gegenüber Migrant*innen stark zu. Dem traten autonome Kleingruppen organisiert entgegen, trugen Informationen über Nazis zusammen, überfielen der Treffen und organisierten Demonstrationen, um in der Öffentlichkeit ein Signal gegen Nazis zu setzen.

Für Frankfurt war ein wichtiger und tragischer Tag der 28. September 1985. Die NPD hatte zu einer Veranstaltung im Bürgerhaus Gallus geladen, gegen die von rund tausend Antifaschist*innen protestiert wurde. Die Polizei leitete die Nazis zu ihrem Veranstaltungsort und ging mit Schlagstock und Wasserwerfer gegen die Gegendemonstrant*innen vor. Dabei wurde Günter Sare vom Wasserwerfer überrollt und getötet. In der Folge kam es zu einer ganzen Reihe von „Scherbendemos“, in die Wut und Trauer mündeten – und Antifa als eine eigene Teilbereichsbewegung, wie das damals hieß, bekannt machte.

Nach der Wiedervereinigung differenzierte sich die Antifa sehr stark aus in den 90ern, das hält bis heute an. Die Antideutschen kamen ins Spiel. Bewegungslinke. Anti-Nationale. Die Rede von der Pop-Antifa kam auf. Die AntifaschistischeAktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) wurde in Berlin gegründet, die Antifa (M) in Göttingen war in aller Munde… Vielleicht gebt ihr uns auch hier noch einen kurzen Ritt durch die wichtigsten Etappen bis heute?
Lena: Die Hochphase der Antifa begann nach der sogenannten „Wiedervereinigung“ mit dem Wiedererstarken des deutschen Nationalismus und der Explosion an rassistischen Übergriffen und Brandanschlägen in Orten wie Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln. Die organisierte Antifa versuchte, dem etwas entgegen zu setzen, indem sie sich bundesweit vernetzte und Antifa zu dem zentralen Aktionsfeld der (rest-)autonomen Bewegungen wurde. Nachdem Antifaschismus aber um die Jahrtausendwende mit der rot-grünen Bundesregierung zur Staatsräson wurde, fiel es vielen in der Antifa schwer, sich noch abzugrenzen.

Zu wenig war jenseits von Phrasen wie „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ vorher über eine weitergehende Perspektive auf Gesellschaft gesprochen worden. Also machten die einen erst mal weiter wie bisher, andere wandten sich dem Antikapitalismus zu. Die Antideutschen entstanden aus einer Kritik an antisemitischen Tendenzen in der Linken und befürchteten angesichts der „Wiedervereinigung“ ein Viertes Reich in Deutschland. Diese zum Teil richtigen Ansätze eskalierten jedoch schnell in die Legitimation der Politik westlicher Staaten und die Befürwortung von Krieg.

Die Organisierung in der Antifa-Szene wird von euch – zu recht – an den genannten zwei Hauptinstitutionen AA/BO und Antifa (M) aufgezeigt, da zum Beispiel letztere „bis heute stilbildend für eine bestimmte Form der Organisierung, der Öffentlichkeits-, Bündnis- und Jugendarbeit war“. Was genau machten beide Organisationen neu oder anders? Könnt ihr erklären, warum beide Projekte trotz großem Zuspruch und professioneller PR und neuen etc. pp nicht überleben konnten? Ist jemand an ihre Stelle getreten, eurer Meinung nach?
Mirja: Insbesondere die AA/BO hat eine breite Bündnisarbeit betrieben, hatte eine Adresse, war also öffentlich ansprechbar, hat Interviews gegeben und mit ihrer Jugendarbeit ihr Konzept auf breitere Beine gestellt. Vorher waren Gruppen in der Regel schwer erreichbar, hatten vor allem informelle Strukturen. Letztlich muss man aber auch sagen, die AA/BO hat ihre Arbeit einfach besser dokumentiert als andere. Zur Frage des Scheiterns: Wie schon gesagt, die Antifa redete häufig konkret nur über Nazis, alles andere wurde eher auf die lange Bank geschoben und damit keine Perspektive über den konkreten Kampf gegen Nazis hinaus entwickelt. Das fiel der organisierten Antifa auf die Füße, als im Jahr 2000 plötzlich „alle gegen Nazis“ waren.

Moritz: Das ist jetzt fast 15 Jahre her, insofern hat sich viel entwickelt seitdem. In der Interventionistischen Linken sammeln sich einige Antifa-Gruppen, ebenso beim antinationalen …ums Ganze!-Bündnis. In Blockupy und bei der Kampagne gegen die Alternative für Deutschland arbeiten inzwischen viele Gruppen zusammen, die sich früher nicht besonders riechen konnten. Insofern gibt es zwar keine neue AA/BO, aber die braucht es vielleicht auch nicht mehr. Die großen Erfolge der Antifabewegung z.B. in Dresden, wo der größte Naziaufmarsch Europas verhindert wurde, waren auf jeden Fall das Ergebnis einer spektrenübergreifende Zusammenarbeit der ganzen Antifa-Bewegung.
Jan: Für fast alle “großen” Gruppen der letzten 25 Jahre ist eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. zehn Jahren zu beobachten.

Das liegt häufig in Diskussionen um die politische Ausdifferenzierung, dem Verhältnis von Theorie und Praxis, aber es sind auch schlicht und einfach biographische Gründe: Die Leute beenden das Studium und finden sich – trotz aller Kritik – doch plötzlich den Zwängen der Lohnarbeit ausgesetzt, werden Eltern… kurz: Sie können ihre Zeit nicht mehr so flexibel einteilen und den zugegebenermaßen hohen Einsatz, den Antifa oft fordert, nicht mehr erbringen. Dies verweist noch mal auf ein ganz anderes Problem: Wie ist Antifa jenseits der 30 möglich?

Wofür stand das M bei Antifa (M) wirklich, ihr hattet ja dazu die gängigen Theorien erwähnt, konntet ihr da Klarheit gewinnen?
Lena: Das dürfen wir nicht verraten…(lacht)

Wie viele Antifa-Gruppen und Initiativen gibt es eigentlich 2014 nach eurer Schätzung?
Mirja: Puh, das ist schwer zu sagen, es gibt ja kein zentrales Verzeichnis. Über einhundert feste Gruppen sind es bundesweit aber sicherlich. Wenngleich die in ihrer Größe und Ausrichtung sehr unterschiedlich sind.

Das offizielle Corporate Logo der Antifa sind die schwarz-roten Flaggen; viele wissen nicht, woher das stammt, könnt ihr uns das erklären? Kennt ihr die erweiterte Variante mit der Tierpfote, also, in den 90er kam ja sehr stark auch die Vegan-Tierrechte-Ökologie-Thematik in die linke Szene, wie beurteilt ihr das, da gab es ja gute und sehr reaktionäre Elemente, Stichwort Earth First und Tiefenökologie?
Moritz: Das Logo ist gerne aufgegriffen worden, weil es – geprägt durch die AA/BO – für eine klare, mehr oder weniger militante Absage stand. Dieser Habitus ist dann übertragen worden auf andere Bewegungen. Entworfen worden war das ursprüngliche Logo für die Antifaschistische Aktion 1932: Zwei rote Fahren, die gegen die Rechte wehten. In den 1980er Jahren wurde das Motiv dann etwas überarbeitet, die eine rote Fahne gegen eine schwarze ausgetauscht, um den anarchistischen Flüge zu repräsentieren und die Fahnen wehen nun nach links.

Jan: Zu der Frage nach dem Verhältnis zur Tierrechtsbewegung: Eine Auseinandersetzung mit Konsumverhalten und ökologischen Fragen finde ich total sinnvoll, auch wenn das in den 2000er in der Antifa-Szene etwas außer Mode gekommen ist. Solange aber Menschen von Nazis oder einfach aufgrund nationaler Standortlogiken verfolgt, bedroht, getötet oder abgeschoben werden, kann ich mich nicht schwerpunktmäßig um Tiere kümmern… Und das Antifa-Logo haben ja viele kopiert und für verschiedene Themen angepasst, das problematischste sind da aber bestimmt nicht die Tierrechtler*innen, sondern die Autonomen Nationalisten, die das gleiche Symbol auch ganz dreist benutzen. Statt dem Schriftzug “Antifaschistische Aktion” steht dann da “Autonome Nationale Sozialisten”, tss…

Ein großer Streit innerhalb der linksradikalen Antifa-Szene war die Debatte Anti-Imps versus Anti-Deutsche. Letztere waren sehr stark in Berlin und auch in Frankfurt vertreten. Wo seht ihr euch in diesem Streit? Haben die Antideutschen da etwas gutes thematisiert zu Anfang? Es ist sicher richtig, dass nicht jeder nationaler Befreiungskampf direkt revolutionär war/ist, aber dann wiederum: die offizielle Regierung von Israel ist ja eher konservativ-rechts, da ist nun auch nicht alles cool. Und die USA ist mein Lieblingsurlaub und die Popkultur dort einfach ein wunderschönes Feld – aber die Politik halt auch teilweise ziemlicher Mist. Was meint ihr, würdet ihr euch als gemäßigte Antideutsche bezeichnen?
Lena: Die Antideutschen haben es geschafft, dass sich in der radikalen Linken der BRD stark mit Antisemitismus auseinandergesetzt wurde. Das ist in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Insofern hatten die Antideutschen einen sehr positiven Einfluss. Ob das von ihnen so gewollt war, ist eine andere Frage. Im Endeffekt ging es ihnen ja eher um eine Abrechnung und den „Austritt“ aus der Linken.
Mirja: Wir wurden schon als Antideutsche, als Antiimps und sonst-was noch bezeichnet. Das ist so langweilig wie inhaltlich falsch. …ums Ganze! – wo wir uns am ehesten verorten würden – ist damit angetreten, jenseits der identitären Selbst- und Fremdzuschreibungen antideutsch und antiimp eine neue Position aufzumachen, die sich nicht in die Ecke drängen lässt, sondern gegenüber beiden Ansätzen die antinationale Position stark zu machen. Das bedeutet sowohl die spezifisch deutsche Politik zu kritisieren, aber primär auf die generellen Zwänge des Kapitalismus hinzuweisen und eine Gesellschaft jenseits dessen in Angriff zu nehmen.

Kommen wir auf einige Kritiken der Antifa – auch wenn es nie „die Antifa“ gab, schon klar – zu sprechen. Der Schmetterling-Verlag schreibt zu dem Buch, dass man durch die Lektüre „Wissen um die eigene Geschichte“ erlangt, „damit das Rad nicht immer neu erfunden werden muss. Stattdessen können die Leser_innen die Entwicklung einer gesellschaftlich wirksamen, emanzipatorischen Bewegung vorantreiben“. Nun war es ja nie so, dass die Antifa immer gute Seiten in sich vereinte. Als die Antifa-Aktivisten sich noch stärker mit der „unserer“ HC-Punk-Szene überlappte, gab es immer schon das Gefühl, dass einige der „ganz harten Antifa-Nazi-Hunters“ eigentlich auch nur Hools sind, zu unserem Glück für eine gute Sache.

Aber eigentlich auch nur Macho-Hools. Ein weiteres Problem war und ist ja immer das Dominanz-Gebaren, in Plenumsdiskussionen. Die FANTIFA wehrte sich gegen diese Konnotation von „Macho-Antifa-Hooligans“. Mir ist klar, dass besonders dieser Gewalt-Erlebnistourismus-Kritikpunkt oft als Kampfbegriff in der bürgerlichen Presse im Zusammenhang mit ersten Mai Demo-Randale oder brennenden Autos ins Feld geführt. Aber es stimmt ja nun einfach auch, dass dieser Antifa-Hooliganismus problematisch ist…Was meint ihr und könnt ihr die Hintergründe für die Entstehung der FANTIFA beschreiben?
Moritz: Antifa sollte eigentlich auch eine Auseinandersetzung mit reaktionären Ideologie jeglicher Couleur bedeuten. Dazu gehört natürlich auch Sexismus, der vor den wenigsten in dieser Gesellschaft halt macht. Die Frage ist, wie man sich auf eine Auseinandersetzung um die eigene Rolle einlässt und diese hinterfragt. Weil das den Gründerinnen der Fantifa zu wenig passiert ist haben sie eigene Gruppen gegründet, in denen sie nicht von den Männern in ihrer Arbeit behindert wurden. Die mussten dann erstmal damit klarkommen, wie Frauen bei Demos aufgetreten sind und die Männer in die Schranken gewiesen haben. Das Thema ist sicher nie erledigt, aber auch in der Antifa wird sich inzwischen wieder mehr mit feministischen Positionen auseinandergesetzt.

Jan: Bei der Fantifa ging es darum, von einem “sich beweisen müssen” in den politischen Zusammenhängen wegzukommen, wieder Spaß am Politikmachen zu haben und trotzdem militant und entschlossen zu sein. Aber das Thema ist komplex und jede*R, der*die sich darauf einlässt, wird nicht umhin kommen, sich eingestehen zu müssen, das er*sie nicht frei ist von dominanten Verhaltensmustern: es geht ja immer um Hierarchien, aber die verlaufen eben nicht nur zwischen den Geschlechtern. Es geht darum, was traue ich dem*der anderen zu – übrigens nicht nur in “handfesten” Fragen, sondern besonders auch bei der “Kopfarbeit”, in theoretischen Diskussionen, Textarbeit etc. Um daran was zu ändern, müssen diese Themen aber meiner Meinung nach von Männern und Frauen zusammen bearbeitet werden bzw. haben auch viel mit Selbstreflexion zu tun. Das Anliegen von Fantifa ist im Grunde genommen nach wie vor aktuell.

Ihr geht auch auf Faschismustheorien ein, die in der Antifa-Szene des öfteren wechselten. Anfangs dominierte eher die Theorie vom Faschismus als Handlanger des Kapitals, dann kam die Erneuerung durch die Kritische Theorie in den 68ern, also, „das ein rein ökonomischer definierter Faschismus nicht den rassistischen und antisemitischen Wahn der Nazis zu fassen vermag und deshalb die Sicht mehr behindert als offenlegt“. Welche Faschismus-Theorie wird euer Meinung nach von der Mehrheit der Antifa vertreten, weil eigentlich scheint es so, dass „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ immer noch die dominierende Sicht auf die Dinge ist und die zweite Perspektive eher in „antideutschen Kreisen“ vorherrscht?
Lena: Max Horkheimer hat einen Satz geprägt, den heute wohl die gesamte Antifa-Bewegung unterschreiben kann: Wer aber vom Kapitalismus nicht sprechen möchte, der sollte auch vom Faschismus schweigen“. Was das nun aber genau heißt – da hast du recht – wird doch sehr unterschiedlich gesehen. Die Antiimps legen den Schwerpunkt auf den Klassencharakter des Faschismus, die Antideutschen hingegen eher auf die Bedeutung von reaktionären Ideologien wie Antisemitismus und Rassismus und den Massencharakter faschistischer Bewegungen. Diese unterschiedlichen Betonungen finden sich wahrscheinlich auch innerhalb vieler Antifa-Gruppen. Und die Wahrheit dürfte wohl irgendwo dazwischen liegen.

Mit „Antifa“ – so wurde in dem Interview mit euch in dem Antifaschistisches InfoBlatt gut gefragt – bezeichnet ihr eine linksradikale Soziale Bewegung der 80er / 90er. Einerseits verbindet alle unterschiedlichen Ansätze von Antifa nach euer Sicht „mehr als zwei wehende Fahnen“, zum Beispiel „die Form der Organisierung, das positive Verhältnis zu Militanz oder die kritische Haltung gegenüber Staat und Kapitalismus“. Gleichzeitig gibt es Antifa-Gruppen, die sich sehr unterscheiden, ihr nennt dort die Beispiel einer Antifa im Dorf, in einer Klein- und Großstadt, das hat natürlich auch mit der Ausprägung der Nazi-Szene zu tun. Denkt ihr aber trotzdem, dass bei aller Unterschiedlichkeit die Gemeinsamkeiten überwiegen? Was verbindet eine Antifa in Berlin mit einer ziemlich guten linken Infrastruktur mit einer Antifa-Ortsgruppe in einem Dorf-Nazi-Dorf in Sachsen?
Mirja: Das ist ja das Phänomen: Es gibt so was wie ein “Label Antifa”, eine Art linksradikalen Platzhalter. Alle, die sich darunter sammeln, haben ein irgendwie geteiltes Verständnis von linksradikaler Kritik als Ablehnung der “Gesamtscheiße”. Die theoretische Grundlegung, die konkrete Form der Organisierung, die politischen Ziele und Aktionsformen können sich aber stark unterscheiden. Wie wir wissen, sogar so sehr, dass es zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Strukturen und Personen kommt, die sich beide als “Antifa” bezeichnen würden. Klingt komisch, ist es auch.

In einer Rezension zu eurem Buch heißt es sinngemäß „Denn nur wer ihre_seine Geschichte kennt, kann Fehler der Vergangenheit erkennen und vermeiden“. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Linke sehr gerne im eigenen Saft kocht. Besucht man einen handelsüblichen Infoladen, so hat man den Eindruck angesichts der vielen Flugblätter, Zeitschriften und Spuckis, dass die Szene recht fett ist. Dabei sind es eigentlich in echt nur sehr wenige „Anbieter“ auf dem Antifa-Markt, die etwas machen, sich trennen, abspalten, unter anderem Namen firmieren und sich gegenseitig Tag ein Tag aus mit konterrevolutionären Vorwürfen beschäftigen. Gerade die Antifa-Szene hat ja eine recht hohe Fluktuation, es sind viele junge Leute für einige Jahre dabei, die dann aber die Szene auch wieder schnell verlassen. Die Autonomen sind letztendlich unverbindlich, die Kommunisten aber zu streng in ihrer Organisation. Stimmt dieser Eindruck und wenn ja, warum ist das so?
Moritz: Na ja, ganz so einfach ist das nicht. Es gibt schon eine große Kontinuität antifaschistischer und autonomer Gruppen, die sich aber eben auch weiterentwickeln und deren Mitglieder zehn Jahre später in anderen linken Zusammenhängen anzutreffen sind. Und es stimmt, die Fluktuation ist hoch, gerade in kleineren Städten oder auf dem Land, von wo die Leute so schnell wie möglich wegziehen und dann die nächste Generation wieder von vorne anfängt. Da könnte sicher viel mehr an Erfahrungsweitergabe passieren. Dass in der radikalen Linken aber nur die wenigsten eine Partei gründen wollen, die als Organisationsform sicher die höchste Kontinuität besitzt, hat aber ja auch gute Gründe. Auch die Kommunist*innen in der radikalen Linken sind ja im Herzen Anarchist*innen. (lacht) Aber dass es Kontinuität und Erfahrungsaustausch braucht, da sind sich vermutlich alle einig.

Es gibt zum Glück aber auch genügend Gegenbeispiele von einem kontinuierlichen Engagement, zum Beispiel bei den Medien der Szene. Das bereits erwähnte Infoblatt gibt es schon lange, die Zeitschriften Lotta, das Antifaschistische Infoblatt und „Der rechte Rand“ ebenso. Sind das eigentlich auch Medien, die ihr oft nützt, was sind die wichtigsten, die ihr uns zur Vertiefung des Sujets Antifa empfehlen könnt? Es gibt ja riesig viele Zeitschriften in dem Spektrum, nicht zu vergessen die größeren linken Medien mit Antifa-Rubriken (Jungle World, Konkret).
Jan: Die Antifa-Zeitschriften, die du genannt hast – Lotta, Rechter Rand, AIB – sind Standardwerke, um sich über die Entwicklungen in der Naziszene zu informieren. Dazu gibt es eine Reihe Blogs wie Publikative (publikative.org) oder regionale Recherchenetzwerke, wie beispielsweise das Antifaschistische Infobüro Rhein Main (infobuero.org), die ihre Infos aus erster Hand haben. Überregional wichtig sind noch das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin (apabiz.de) und deren Publikationen sowie in Süddeutschland die Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München (aida-archiv.de), u.a. Mitbegründerin von “NSU-Watch” – einer sehr empfehlenswerten Internetseite mit Informationen zum aktuellen NSU-Prozess. Als englischsprachige und internationale Publikaktion ist noch das Searchlight Magazine (searchlightmagazine.com) aus Großbritannien zu empfehlen.

Lasst uns noch kurz über Erfolge und Niederlagen der linksradikalen Antifaschist_innen in Zusammenhang mit der NSU sprechen: einerseits könnte man sagen, dass „die Antifa“ schon seit vielen Jahren auf die Militanz der Nazis hinweist und gegen ankämpft. Andererseits konnte man trotzdem nicht absehen, dass es so etwas wie der NSU wirklich existiert oder ihn gar verhindern… Es ist nicht ganz einfach, schätze ich; was meint ihr, bestätigt der NSU nur das, was die Antifa schon seit vielen Jahren sagt? Oder muss sich die Antifa auch komplett ändern, so Motto „wie konnte man das übersehen???“
Lena: Die Antifa hat sicher die Nazis nie verharmlost. Das Nazis Waffen horten, an Waffen trainieren und Konzepte für bewaffneten Kampf durchspielen war immer bekannt und wurde aus Antifa-Kreisen auch immer kommuniziert. Ebenso bekannt war und ist, dass laut Bundesregierung von über 250 Neonazis jede Spur fehlt, man sie also als untergetaucht bezeichnen könnte. Aber heißt das auch, dass die alle wirklich organisiert untergetaucht sind und ähnlich wie der NSU handeln können und wollen? Auch wenn man ein Szenario abstrakt als realistisch einstuft, selbst wenn es solche Anzeichen gibt, heißt das noch nicht, dass die Zusammenhänge dann auch wirklich erkannt werden können. Die Antifa hat natürlich nur begrenzte Mittel und ist aus guten Gründen kein Geheimdienst. Insofern enden die Möglichkeiten bald, wenn Nazis nicht mehr öffentlich auftreten, an ihren Adressen nicht mehr anzutreffen sind oder ähnliches. Wenn jemand, der vom Radar verschwunden zu sein scheint, dann doch wieder angetroffen wird, kann das ein Zufallstreffer sein.

Mirja: So ganz kann sich die Antifa also nicht ändern, aber sicher versuchen, Anzeichen noch ernster zu nehmen und kein Szenario auszuschließen. In jedem Falle bedeutet es, den Kontakt zu migrantischen Communities zu intensivieren, die ja sehr früh davon ausgegangen sind, dass die Morde einen rassistischen Hintergrund haben oder direkt von Nazis begangen wurden. Das die Demos dazu in Kassel und Dortmund organisiert haben, das aber niemand aus der Antifa wirklich mitbekommen hat, war sicher ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen.

Moritz: Ganz klar: die Antifa ist da im Mainstream mitgeschwommen und jedenfalls nicht aufmerksam gewesen für die Stimmen aus migrantischen Organisierungen – diese Erkenntnis hat aber auch so etwas wie einen Schock in der Antifa-Szene ausgelöst. Gerade die zunehmende Zusammenarbeit mit Antira-Strukturen und Refugee-Organisierungen in den letzten 2 Jahren (die Kampagnen “Rassismus tötet!” 2012, “Fight Racism now!” und “Lampedusa in Hamburg” 2013 und 2014, Unterstützung für das Refugee-Camp in Berlin…) sind eine Reaktion darauf; nämlich die Einsicht, dass eine Zusammenarbeit im Bereich Antirassismus und Refugee-Struggle längst überfällig ist.

Eine Frage zu der Antifa Köln: Ich war Anfang der 90er bei der Antifa-Leverkusen, die Antifa-Köln erschien immer sehr mächtig – wieso hat die sich eigentlich aufgelöst und wieso gibt es da keine Nachfolger?
Jan: Da müssen wir leider passen, ganz genau wissen wir das auch nicht. In zwei verschiedenen Auflösungserklärungen aus der ehemaligen Antifa K wurde allerdings deutlich, dass es Streit über den Stellenwert von Kapitalismuskritik und die Frage „eher Bewegungspolitik oder Ideologiekritik?“ gab. Im Prinzip also die Streitfrage in vielen Antifa-Gruppen zu der Zeit. Auch wenn es keinen direkten Nachfolger gab, gibt es mit dem AkkU und dem Antifa AK Cologne allerdings inzwischen übrigens wieder zwei größere Antifa-Gruppen in der Stadt.

Zum Schluss eine sehr breite Frage: Es gibt die Meinung, dass die Antifa einerseits eine wichtige Rolle in der Politisierung junger Menschen einnimmt, aber dann nicht Verantwortung übernimmt, wenn die jungen Leuten antifaschistisch aktiv werden und plötzlich eingeknastet werden. Somit bildet die Antifa einerseits recht früh ihren eigenen Nachwuchs heran, verliert ihn aber auch wieder schnell, weil oft das Engagement sehr schnell vorbei ist…Wie könnte die Antifa junge Menschen langfristiger politisieren?

Ist sicher eine „etwas“ vielschichtige Frage. Mir fällt dazu noch ein: viele fahren als Schüler auf Kursfahrten nach Osteuropa, dort ist das Pflichtprogramm oft der Besuch eines KZ. Das ist für viele ihre erste und auch letzte Begegnung mit einem KZ. Wie war das bei euch? Was denkt ihr, es gibt ja eine ganze Erinnerungskultur-Debatte: wie sollten junge Menschen aufgeklärt werden über „die Nazis“? Sollte es Pflicht-Bildungsrreisen geben, nach Auschwitz und Yad Vashem? Weil der normale Geschichtsunterricht plus die Kursfahrten, das ist es ja gewiss nicht… Aber die frühe Politisierung junger Menschen durch die Antifa stößt eben auch oft Jugendliche an ihre Grenzen.
Lena: Äh, also die Lehrpläne zu bestimmen sehen wir nicht unbedingt als unsere Aufgabe an, aber klar: Ein KZ mal gesehen zu haben ist sicher gut, um die Geschichte besser verstehen zu können. Wobei, zu „verstehen“ wird das wohl nie sein.

Mirja: Solidarität spielt eigentlich eine wichtige Rolle in der radikalen Linken generell. Es ist sicher so, dass es jüngere Aktivist*innen gibt, die sich überschätzen oder Situationen falsch einschätzen und das dann zum Teil schwere Konsequenzen hat. Aber gerade bei der Jugendantifa geht es ja darum, junge Leute an antifaschistische Arbeit heranzuführen und eben sich selber und Situationen auf Demos oder so einschätzen zu lernen. Das Problem scheint weniger ein Repressionsproblem zu sein (zumindest zur Zeit), als das Antifa-Arbeit zu häufig keine Perspektive bietet für Menschen, die nicht mehr studieren oder in Ausbildung sind, sondern die mehr Verantwortung an anderen Stellen haben, zum Beispiel weil sie Elternteil werden oder einen fordernden Job haben, der nicht viel Zeit für Plena usw. lässt.

Das aufzufangen schaffen viele andere linke Gruppen besser als Antifa-Zusammenhänge. Aber auch die müssen vermutlich lernen, dass man nicht überall dabei sein kann, sondern mit der Zeit Prioritäten setzen muss, wo die wenige Zeit eingesetzt werden kann, die viele Menschen nur noch haben.
Moritz: Ich glaube, es ist für junge Antifas neben dem “Erlebnis- und Identitätsangebot”, das die Zugehörigkeit zu einer Jugendantifagruppe ja häufig auch bedeutet, wichtig, früh in Netzwerkstrukturen eingebunden zu sein, und dort selbst Verantwortung zu übernehmen: eine Demo oder Aktion mit Bündnispartnern vorbereiten und durchzuführen – da geht es um politische Artikulation nach außen, die eine Wirkung hat und es werden Erfahrungen gemacht, die für die Politisierung und das Politikverständnis prägend sind. Und ob die Leute 10 Jahre später sich dann selbst noch als “Antifa” bezeichnen oder einfach “linksradikal” ist ja eigentlich egal, so lange sie das Richtige tun.

Ich danke euch sehr für das Interview. Habt ihr noch Grüße an unsere Leser?
Jan: Ja! Grüße an alle Leser! (lacht)

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-665-8.htm

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