Januar 29th, 2019

ANOTHER PROBLEM (#66/1997)

Posted in interview by Thorsten

ANOTHER PROBLEM sind eine relativ unbekannte Hardcoreband aus der EA 80- und STRAFE Stadt Gladbach. Musikalisch hat man mit diesen beiden nicht allzu viel gemein, aber man kennt sich. „Die EA 80 Leute rufen hin und wieder bei uns an – zumindest wenn in der Nähe ein TURBO NEGRO Konzert ist. Da wollen die immer mitfahren. Zunächst wird an der Strippe immer eine Weile nett erzählt und irgendwann kommt dann die Frage, die sie eigentlich gar nicht mehr stellen müßten: ‘Geht ihr zufällig zu …’ Nachdem ANOTHER PROBLEM 1992 zu sechst mit zwei Sängern und zwei Gitarristen angefangen haben, sind sie seit 93 ein flotter Vierer, der in diesem Jahr seine Debut LP veröffentlicht hat. Mit dabei sind Aschi (Gesang), Pancho (Gitarre), Strähne (Bass) und dessen Bruder Fanta am Schlagzeug.

KINDERKRAM

Pancho: Wir kennen uns schon seit Urzeiten – eigentlich schon seit 20 Jahren. Strähne, Fanta und ich haben schon immer in einem Haus gewohnt und Aschi direkt gegenüber. Stubenarrest war damals auch ein heikles Thema. Als Aschi und ich früher noch in einer Punkband gespielt haben, mußten wir immer die blauen Briefe aus dem Briefkasten fischen, damit wir keinen Stubenarrest bekamen und Konzerte spielen konnten.
Meine Interviewpartner – die drei Bewohner des einen Hauses – waren schon zusammen im Kindergarten. Ein vergrößertes Kindergartenbild hängt an der Eßzimmerwand und ist der Beweis für die lange Freundschaft.
Strähne: Nur Aschi war nicht in unserer Gruppe. Wir waren in der grünen und er in der roten. Jetzt wißt ihr alles.
P: Wir kennen uns halt schon lange und sind supergute Freunde und das ist eigentlich das wichtigste bei ANOTHER PROBLEM.

Fanta und Strähne sind Brüder – sie arbeiten beide als Maurer, wohnen zusammen und spielen dann auch noch gemeinsam bei ANOTHER PROBLEM und der Punk Rock Truppe ANALTERROR. Normalerweise ist das der Stoff aus dem die Fernsehserien sind.

BRUDERLIEBE

Ist es eigentlich schlimm mit seinem Bruder zusammen Musik zu machen?

Fanta: Nö, eigentlich nicht.
P: Für die beiden nicht, aber für Aschi und mich schon. Diese brüderlichen Dispute sind ab und zu recht lustig. Da fliegen manchmal schon Schlagzeugstöcke und es wird sich gegenseitig mächtig gedroht. Aschi und ich stehen dann immer da und müssen grinsen.
S: Und betroffen zur Erde kucken.
P: Damit ihr nicht gleich seht, daß wir grinsen müssen.
F: Strähne geht halt selten auf die Wünsche von anderen ein.
S: Die Wünsche von anderen interessieren mich nicht. (und lacht.)

Als alter Bandkenner weiß ich natürlich auch bestens über deren Schwachpunkte Bescheid. Deshalb legte ich beim Thema Texte frecherweise ganz provokativ den Finger tief in die Wunde und wartete gespannt wie die Band darauf reagieren würde. Andere Bands hätten bei dieser Frage womöglich ein Messer gezückt und in meinen zierlichen Bauch gerammt. ANOTHER PROBLEM hingegen hatten damit ein Problem – sie waren einfach viel zu ehrlich.

TEXTKRITIK

Bei euren englischen Texten kommt es mir manchmal so vor als ob ihr die aus dem Wörterbuch zusammengebastelt hättet – und grammatikalisch liegt da doch auch einiges im argen.

P: Das stimmt teilweise schon. Auf der letzten Platte sind aber nicht alle englischen Texte auf meinen Mist gewachsen. Da sind auch welche von unserem alten Sänger dabei, der Englisch Leistung hatte und die sind genauso schrecklich.
Wieso habt ihr dann die alten Sachen von dem noch auf die LP draufgenommen?
P: Wir hatten ja keine anderen.
Wenn ihr vom grammatikalischen her schlechte englische Texte macht – wieso macht ihr dann nicht gleich deutsche?
P: Das machen wir jetzt ja zum Teil auch. Da machst du ein neues Lied und brauchst halt ziemlich schnell einen Text – und dann schreibst du den innerhalb einer Stunde und das geht dann natürlich in die Hose. Das Thema ist für mich jetzt aber abgehakt. Die Platte ist gemacht und vielleicht war es ein Fehler die Texte so draufzumachen, aber jede Band macht Mal Fehler. Da habe ich auch keine Lust mich hier zu rechtfertigen. Ich denke schon, daß die Texte auf der nächsten Platte um einiges besser werden. In meinem Urlaub habe ich jetzt auch viele Texte geschrieben, die schon gut sind. Man entwickelt sich ja auch weiter und wird selbstbewußter.
F: Ich will ja eigentlich nur deutsche Texte machen, kann mich aber gegen die anderen nicht durchsetzen – fertig aus.
Ja wirst du dann unterdrückt, wenn du einen deutschen Text machst?
F: Deutsche Texte machen wir ja schon, aber ich würde gerne alle auf deutsch machen. Ich kann aber alleine nicht über die ganze Band bestimmen.
P: Es ist bei uns schon so, daß jeder auch Sachen machen muß, die ihm weniger gefallen.
Wir machen beispielsweise auf die nächste LP ein Punk Rock Stück, bei dem wir genau wissen – das ist nicht Aschis Stil. Aber das wird dann halt trotzdem gemacht.

ZUKUNFTSMUSIK

Wann wird eure nächste Platte erscheinen?

P: Wir werden nächstes Jahr im April gemeinsam mit FINAL CONFLICT, einer alten US Hardcorepunk Band auf Tour gehen. Wenn wir es vom Stücke schreiben her schaffen, bringen wir zur Tour unsere nächste Scheibe raus. Zuvor veröffentlichen wir noch eine Mini Split CD mit einer anderen Band hier aus der Gegend. Da ist dann aber älteres Material von uns drauf – vielleicht die Livesachen aus Prag 1996. Ich mache darüberhinaus auch noch einen Hardcoresampler für unbekannte Bands hier aus der Gegend. Das Label heißt 41 District Records. Außerdem veranstalte ich mit einem Kumpel zusammen einmal im Monat eine Sunday Hardcore Matinee – da fangen die Konzerte schon nachmittags an und gehen bis in den frühen Abend. Und das Label wird eben ein Label für alle Leute hier in der Gegend. Wenn Fanta jetzt Bock hat eine Platte zu machen, kann er die auch über dieses Label rausbringen.

DER KLEINE UNTERSCHIED
DIES IST GLADBACH, NICHT KASSEL

Was unterscheidet euch von allen anderen deutschen Hardcorebands?

P: Wir sind nicht so hart. Wenn ich mir die CDs von einigen deutschen Bands anschaue, dann geben die sich sogar amerikanische Namen. Die heißen dann Meff oder Kid D. Warum können die sich keine deutschen Spitznamen geben – wieso heißt der beispielsweise nicht Hubi oder Ditti?
S: Wir sind eigentlich viel härter als die. Wir brauchen im Winter keine brennende Mülltonne wo wir uns vorstellen – wir können die Kälte auch so ertragen.
P: Es gibt so viele Hardcorebands, die einfach den Knall nicht gehört haben, die echt denken sie leben in Brooklyn.
F: Oder in den Straßenschluchten von Kassel und merken gar nicht wie lächerlich sie sind. Die tun als wären sie die Gang, der Abschaum – und die ganze Welt wäre gegen die und sie müßten jeden Tag ums Überleben kämpfen. Ich finde es völlig lächerlich, wenn die sich so anstellen. Das ist schon bei amerikanischen Bands lächerlich – aber bei deutschen noch viel lächerlicher. Also in der Hinsicht unterscheiden wir uns auf alle Fälle von denen.
S: Neulich rief der Bassist einer berühmten deutschen Hardcoreband bei einem sehr stark tätowierten Bekannten von uns an und meinte nur: ‘Ha, ha, unser neuer Gitarrist ist stärker tätowiert als du’. Da frage ich mich schon was das soll.

Ihr redet die ganze Zeit von den RYKERS.

F: Nee, RYKERS heißt jetzt TWIX, ansonsten ändert sich nix. Eigentlich tun die mir schon leid – überall wird über die abgelästert. Gut so. Wenn nach dem Interview ein Anruf aus Immenhausen kommt, ob wir da spielen möchten, müssen wir vorsichtig sein – das könnte eine Falle sein.

Ob ANOTHER PROBLEM jemals berühmt werden, steht in den Sternen. Was jedoch sicher ist – sie haben eine gesunde Einstellung zum Musikmachen.

F: Mir ist es nicht wichtig, daß wir mit der Band groß rauskommen – mir ist das scheißegal. Wir haben eine Platte draußen, Spaß bei unseren Liveauftritten und hoffen, daß außerhalb von Gladbach auch Mal ein paar mehr Leute auf unsere Konzerte kommen.

Text: Stefan Kleiber

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