März 17th, 2007

ALKALINE TRIO (#92, 02-2002)

Posted in interview by andreas

Die können rocken und ich weiss das zu schätzen. Alkaline Trio sind aus Chicago, haben hier und da ein paar von mir wenig bedachte Platten veröffentlicht, aber mit der letzten „From here to infirmary“ auf Vagrant eine meiner meistgehörten Scheiben des vergangenen Jahres auf den Tresen geknallt. Unlängst spielten sie im Schlachthof Wiesbaden, verzückten alle Anwesenden, wobei als besonderer Knaller noch eine Vorband aus England spielte, die noch etwas grün hinter den Ohren, aber mit einem echten Major Label Vertrag ausgestattet, lernen sollten, zumindest als halbwegs gewachsene Band zu erscheinen.

Daher wurde fluchs ein Nightliner genommen, mit Roadies und Tourmanagern vollgestopft, wobei mir persönlich der, der die Gitarren zwischen einzelnen Lieder abtrocknete, nachdem er bereits den Soundcheck für die Band durchgeführt hatte, am besten gefiel. Die spielten dann auch einen entsprechend polierbaren P-rock runter, der völlig chartskompatibel war und an dem es dummerweise rein gar nichts auszusetzen gab (ausser dem ganzen eben erwähnten, was aber bei näherem Betrachten für alle Beteiligten völlig ok ist, naja, für den Roadie vielleicht nicht, aber einer ist eben immer der Loser), nur ist mir glücklicherweise der Name der Band entfallen.

Das führt dann auch automatisch zu den drei Gründen, aus denen Alkaline Trio einen solchen Karriere-Booster nie schaffen würden:
1.) Alkaline Trio schreiben grosse Popsongs aus drei Teilen, was im Angeischt von Bands wie Blink 182 etc. ein Teil zu viel ist.
2.) Sie sind schlicht und ergreifend hässliche Menschen und das ist schädlich für MTV, es sei denn, man heisst Phil Collins; wieso das bei dem geklappt hat ist und bleibt mir ein Rätsel.
3.) Sie wollten T-Shirts gegen Drogen tauschen, so skandierte zumindest das Pappschild am Merchandise-Stand.

Eine kleine Drogenaffäre schadet ja nie im harten Showbiz, aber die Tendenz geht ja eher zur Jugendsünden-Varianten wie bei den No Angels resprektive Mette Marit, Königin von Norwegen in spe. So richtig jung sehen sie aber dafür dann auch nicht mehr aus.

Es spricht also einiges für die Band. Leider sprechen sie aber eher schlecht für sich selber, und da machen wir uns mal nichts vor. Wenn ich hier also sitze und handgezimmerte Promotionarbeit für diese Band leiste, will ich Euch meine werte Leserschaft ja von der sprühenden Intelligenz und dem grossen Charme der Musiker berichten. Das Interview, welches wir führten, konnte diese selbstverständlich hoch angesetzte Hürde nicht halten.

Um nicht zu sagen, dass es ein völlig belangloses Gespräch wurde, bei dem selbst alte Tricks – über Biermarken sprechen, erzähl mal ne lustige Tourstory, habt ihr die Naked Raygun – Flammable Solid 7″ für mich – nichts erbrachten. Gut, der Bassist, mit dem ich sprach, ist neu in der Band und war ein wenig aufgeregt, weil er wohl sonst diesbezüglich nicht zum Stich kommen darf; als später noch der Sänger und Chef der Band vorbeikam, wurde es auch nicht besser. Da bleibt dem wackeren Fanzinemann nur eins übrig, um die Grösse der Band aufrechtzuerhalten bzw. zu mehren: Er hilft ein wenig nach und verlässt an für den Leser nachvollziehbaren Stellen nur ganz unwesentlich den Boden der Realität. Punkrock, Mann – Daniel.

Matt – Sänger und Gitarrist
Derek – Drums
Dan – Bass

***

Alkaline Trio, was ist das für ein Name, was soll das sein; und wie haben Leute diesen Namen schon verdreht (` la Muff Otter zB)

D: Matt, unser Sänger, gründete die Band ursprünglich mit zwei anderen Leuten. Sie hatten dann ein Wörterbuch genommen und so lange nach einem Wort gesucht, welches sie vor „Trio“ packen können, das ihnen gefällt. Gut, die Verdrehung zu Alcohol Trio liegt nahe, aber das machen eher Freunde von uns.

„Trio“ legt nahe, dass man darauf stolz ist, eben nur zu dritt in einer Band zu spielen. Die Wipers zum Beispiel fanden das aus gewissen Gründen ganz wichtig, damit rumzuklingeln, dass sie zu dritt versuchen, wie zu viert zu klingen…

D: Nein, das war eher Zufall – sie waren nur zu dritt. Es klingt auch nicht ganz schlecht..

Zwei Gitarristen geben aber einen volleren Sound, was im Feld „Punkrock“ gern gesehen wird.

D: Das stimmt, aber viele der Bands, die wir als Kids gehört haben, Jawbreaker, Green Day, Smokin“ Popes… waren auch nur drei, es gab quasi Vorbilder.

Ihr stammt aus Chicago, eine in den Mittachtzigern im Punkrock richtungsweisende Gegend, in den Neunzigern für sehr viel minimalistische Musik bekannt… seid ihr da in einem speziellen Lager dabei?

D: Matt und ich sind typische Punkrockdurchschnittshörer. Leute erzählen dir, ah, Naked Raygun, Big Black, unsere Heimatstadt und das kaufst du dir dann auch; nichts dabei. Big Black, Shellac: auch wieder Trios. Gibt ne Menge davon…

White Sox oder Cubs?

D: Cubs. Auf jeden Fall. Ich lebe auf der North Side, da ist man Cubs Fan., auf der South Side eben White Sox. Das hat sonst keine Konsequenzen. Weder ist die eine Seite teurer noch ist man stolz darauf, auf der anderen Seite zu leben – nur beim Baseball gibt`s da eben Zugehörigkeiten. Bei 8 Millionen Leuten klappt so was auch nicht.

Gehst du zu Heimspielen? Ist das nicht das Stadion, wo man einen Baseball immer zurückwerfen muss, wenn er ins Volks fliegt?

D: Nur wenn die auswärtige Mannschaft einen Homerun schlägt. Bei den eigenen darfst du ihn behalten. Wenn du ihn trotzdem zurückwirfst hast du ein Problem.

Lieblingsessen?

D: Sushi, ganz klar. Gerne auch mit einer Menge von dem Meerrettich drauf. Man kann sich da an ganz gewaltige Mengen rantasten.

Magst du auch den Thunfischbauch, diese riesenroten Brocken

D: Klar, die sind klasse – aber auch ein wenig teuer. Mein Lieblingssushi ist der Onagi, der Aal. In meinem Stammrestaurant gib es such einen Special, sie nennen es Rainbow Roll. Lack, Thunfisch, Yellowtail, damit ist Reis umwickelt und in der Mitte vom Reis ist ein wenig Krabbenfleisch. Alles gute aus dem Meer, sechs Stück für 18 Mark – da will man nicht meckern.

(Roadie oder sonstwer): Ihr redet über Essen?

Klar, allemal besser als übers Gitarrenstimmen zu reden

D: ….was ja dann sowieso der Roadie macht!

Was bringt dir die Zukunft?

D: Wenn ich mit dieser Band hier fertig bin, dann werde ich sowieso Koch, da kann ich mich hier gleich drauf einstellen, auch wenn ich jetzt doch ein wenig hungrig werde, da wir auf dieser Tour tagsüber immer nur Fastfood essen und abends ist das zwar sehr lecker, aber oft das gleiche: Veggie Lasagne – ist prima, aber nicht jeden Abend. Sushi Koch werde ich zwar nicht werden können, das ist schon Kunst…

..und der eine Weg, dein eigenes Restaurant aufzumachen, wäre unter Zuhilfenahme deiner Combo ein paar Platten mehr als bisher zu verkaufen. Jetzt versucht das Matt seit 3 LPs mit bedächtig geringem Erfolg. Wird man da nicht neidisch, wenn man solche Jungs wie die hier aus England sieht, die bereits in einem Bus mit Roadies reisen, wenn sie noch nicht mal wissen, wie man ein Dreiblatt baut?

D: Es stört mich nicht wirklich, wenn jemand sein Ding in einer für ihn akzeptablen Art und Weise durchzieht und damit erfolgreicher ist als zB wir. Sauer werde ich natürlich nur, wenn unsere alten Fans uns dumm anmachen, weil wir ein paar Konzerte mit Blink 182 gespielt haben; die sind sehr nette Leute und verdienen viel viel mehr Geld als wir – na und?

Aber es gibt ja auch fast qualitative Gesichtspunkte. Melodien, Komplexität des Songs, Lagerfeuertest, Mitgröhlcharakter, all die Dinge die Blink 182 nicht haben… und wenn es nur im Mix ist, aber nicht wirklich auf der Bühne.

D: Wäre das nicht eher bei den Backstreet Boys so? Den Spice Girls?

na singen können die ja schon …. ts ts was ist eigentlich mit der HWM split 10″

D: Die kommt auf Jade Tree raus. Es wird eine Reihe geben. Good Riddance / Kill your idols wird eine davon sein.. noch einige mehr. Zwei Songs von uns und wir covern Rooftops von HWM; von HWM gibt`s zwei Lieder und zwei Cover von uns, Radio und Bleeder.

(Matt, der Sänger, kommt vorbei)

Auf der Plea for peace Tour von Sub City Records bist du solo & akustisch aufgetreten, direkt vor der Hauptband. Was hast du erwartet, und wie kam es dann

M: Ich dachte, dass mich die Leute runterbuhen und zur Hölle wünschen; am Anfang bei der ersten Show in Atlanta war ich sehr nervös und habe mich ständig verspielt. Und siehe da: Es hat geklappt: Die Leute haben runtergebuht und zur Hölle gewünscht. Der Rest der Tour verlief sehr gut, weil bei Sub City etc. sowieso nur Hippies auftauchen, die bei jeder Scheisse klatschen und von daher ist so eine kleine Woody Guthrie Nummer Zucker für deren Ohren. Wahrscheinlich hat jeder Punker pro geschnorrter Zigarette 10 Cent für die New Yorker Feuerwehr gespendet.

Ein auffällig gelungener Song mit grossem Hitpotential ist Private Eye von der letzten LP. Worum geht`s darin, einfach nur Phil Marlowe in seinem Büro, völlig zugeödet und gelangweilt auf Geld wartend?

M: Der Song wird leider oft falsch verstanden. Viele denken, dass das eigentlich ein Lovesong sein soll, der von dieser Frustration und Langeweile erzählt, mit der man wo rumhängt, und das ganze sei absichtlich in die Privatdetektivsschublade gesteckt. Allerdings habe ich einige Jahre als Detektiv gearbeitet und habe da die entsprechenden Erfahrungen machen müssen. Du observierst stundenlang einen kleinen Puff, weil du per Foto beweisen sollst, dass der oder der nicht treu ist.

Wenn du die Fotos hast, werden die Ehefrauen so sauer, dass sie dich nicht mehr bezahlen wollen und du brauchst einen Anwalt, der die Knete rantreibt. Oder du hast so viele Kippen geraucht, dass du neue kaufen musst, und genau in dem Moment kommt der Typ raus. Die Sauferei geht eigentlich, viel Schnaps, weil du sonst ständig pissen musst, und das in Chicago im Winter, nee, das will keiner. Klar hat man da eine Menge Kontakte zu Frauen, und das ein oder andere geht da schon (hüstelt leise vor sich hin), aber das sind natürlich alles nur Schnellstrassen-Romanzen, in so einem Job ist kein Platz für Feinfühligkeiten. Davon handelt der Song.

In welcher Band würdest du gerne ein Originalmitglied für eine Sommertour ersetzen, past or present?

D: The Beatles. 1963. George Harrison, aber nur deshalb, weil man John und Paul nicht trennen kann. Ich würde mir die gerne anschauen, auf der Bühne.

M: Ich hätte nichts dagegen, wenn unser Freund Joey R. aus NYC noch leben würde; dann würde ich ihm gerne als Backupgitarrist unter die Arme greifen. Seine Musik hat mir eine Menge gegeben. Ach die Misfits würden auch gehen…

Ein neuer Haarschnitt, um wie Joey auszusehen…

M: und diese rote Nickelbrille…

einfach mehr Hasch rauchen, dann klappt das mit der Farbe auch so.

***

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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