Januar 31st, 2017

AGAINST ME! (# 172, 6-15)

Posted in interview by Jan

Laura Jane Grace hatte schon immer das Gefühl alle seien gegen sie, weshalb der Name der Band, die sie berühmt machen sollte, sich sozusagen aufdrängte. Auch wenn die ehemals kleine Folk-Punk-Band mittlerweile sehr viele Menschen auf ihrer Seite hat, ist auch dies mit einer Prise Salz zu genießen. So steht neben mir auf dem Konzert im Kölner Stollwerck ein Riesenfan, der meint für ihn sei die Band „immer noch“ rein männlich besetzt. Der Hinweis, dass sie dies tatsächlich noch nie war bringt ihn nur noch mehr in Rage. Tom bliebe Tom. Ich frage mich derweil, warum solche Menschen überhaupt zum Konzert einer Trans*ikone kommen, und dann auch noch heuchlerisch genug sein können bei Stücken über Geschlechtsangleichungen mitzusingen.

Hat sich im Geiste der alten Fans nichts verändert? Trotz der massiven Aufklärungsarbeit, die Laura zum Beispiel durch ihre Miniserie True Trans betreibt? Und was ist mit den neuen Fans, denen Against Me! Musikalisch immer zu gradlinig waren? Sind sie nur aus Gendersolidarität anwesend, und wenn ja, ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Fakt bleibt, wir sind noch nicht in einem Stadium angekommen, in denen Against Me!-Stücke wieder nach ihrer musikalischen Qualität statt nach ihrem Inhalt beurteilt werden. Wir sind noch mitten im Übergang.

Hast du überhaupt noch Interesse immer wieder über Geschlechterfragen zu sprechen?

Auf jeden Fall! Schieß los. Wenn es mir zu persönlich wird, kann ich immer noch einlenken.

Wie kam es zur Kooperation mit AOL bezüglich deiner Mini-Serie True Trans?

Sie haben dieses Format AOL Originals – das sind alles Serien, manchmal dokumentarisch, andere komödiantisch, sehr unterschiedliche Sachen also. Ich hatte davon allerdings vorher auch noch nie gehört. Sie sind auf mich zugekommen, haben mir erklärt, wer sie sind, und was sie machen, und dass sie gerne mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich konnte alles selber bestimmen. Da ich wusste, dass wir auf Tour sein würden, musste es also da drumherum gesponnen werden. Ich habe ihnen also eine Liste von 50-75 Leuten gegeben, die ich gerne treffen würde. Manche von denen waren mir durch Twitter, Instagram oder Facebook bekannt, andere, weil ich deren Bücher gelesen hatte.

Es waren alles Leute von denen ich einfach wusste, dass ich gerne mit ihnen über Geschlecht sprechen wollen würde. Die Serie fügte sich dann nach und nach daraus zusammen, was während der Tour passierte. Die Crew kam mit auf Tour und fing an zu filmen. Ich führte jeden Tag 2-3 Gespräche und das sind dann die Interviews geworden, die man in der Serie sieht. Natürlich haben es auch viele dieser Aufnahmen nicht in die Serie geschafft, es wurde eben gekürzt und zusammengeschnitten. Ich hatte aber ziemlich viel Glück mit den Leuten, die bei den Dreharbeiten mitgearbeitet haben. Die Kamera-Crew war super lieb und hatte ein echtes Interesse daran, was wir zu sagen hatten. Insgesamt war es also eine sehr positive Erfahrung. Nicht nur, weil Leute die Serie sehen können, was für sie natürlich toll ist, sondern einfach für mich, dass ich all diese tollen Leuten treffen durfte.

Du kanntest deine Interviewpartner_innen also vorher noch gar nicht?

Genau – einige von ihnen waren super wichtig für meine „Wandlung“. Ich wusste, dass es sie gab und hatte sie bewundert, aber sie eben niemals persönlich getroffen. Julia Serano zum Beispiel. Ihr Buch Whipping Girl hatte ich kurz vor meinem Coming-Out gelesen. Es war eine Riesensache für mich mit ihr sprechen zu können. Our Lady J, die auch Musikerin ist, wollte ich auch unbedingt treffen. Ich kannte sie vorher nur von Twitter. Bei Buck Angel war es genauso. Es war echt eine Riesenchance für mich diese Menschen treffen zu können. Ich wollte unbedingt ein breites Gender-Spektrum abdecken und nicht nur Trans*männer und Trans*frauen. Manche Menschen wollen einfach gar keine Pronomen und in gar keine Kategorie und das wollte ich auch abbilden. Natürlich war ich beschränkt dadurch, dass wir nur an Orten drehen konnten, an denen die Tour vorbeikam, aber ich habe mir Mühe gegeben, das Beste aus dem Umständen zu machen.

Es ist definitiv eine Stärke der Serie, dass sie sehr unterschiedliche Menschen vorstellt, auch was deren Hintergründe angeht.

Auf jeden Fall. Es war super spannend die Perspektiven von Menschen einzufangen, deren „Übergänge“ in den 80ern stattfanden versus was es heute heißt diesen Schritt zu gehen. Es hat mir viel bedeutet und mich auch in meiner Entscheidung bestärkt. Es gab bei mir auch Momente des Zweifels und die Frage, ob ich alles richtig mache. Das klingt jetzt bescheuert, aber so war es für mich. Als ich dann hörte, dass andere Leute dieselben Zweifel und Ängste hatten, fühlte ich mich weniger alleine.

Was hat es mit deiner Begrifflichkeit True Trans in True Trans Soul Rebel auf sich?

Das ist ein Witz. Es bezieht sich auf Das Schweigen der Lämmer. Die Figur Buffalo Bill hat seine Geschlechtsangleichung nicht bewilligt bekommen, weil er nicht „wirklich trans*“ war. Auf der Harry Benjamin-Skala bist du entweder wirklich trans* oder eben nicht. Psychiater_innen sollen dich nach diesem Kriterium beurteilen. Sie können dir bottom-surgery verwehren, wenn du das nicht erfüllst. Natürlich ist das totaler Quatsch, weil es kein richtiges oder falsches Trans*sein gibt.

Es macht es ja auch noch unhaltbarer, dass es an jedem Ort unterschiedlich ist, was man beweisen muss um die Angleichung machen zu können. Mal soll man sagen man sei krank, mal muss man beweisen, dass man es nicht ist, wie du in Florida…

Das variiert völlig. Nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch in den einzelnen US-Bundesstaaten. Den Nachweis, dass man nicht wahnsinnig ist, braucht man ja schon für die Hormone. Was chirurgische Eingriffe angeht ist das alles nochmal eine ganz andere Geschichte. Es gibt überall Torwächter_innen. Das Perfide daran ist, dass diese Leute selber nicht betroffen sind. Ich bin der Meinung, dass Trans*personen entscheiden sollten, wer Hormone bekommen darf.

Oder wer seinen Personenstand ändern oder auch einfach nur offen lassen kann…

Ich kenn mich mit der Situation bezüglich Personenstand überhaupt nicht aus. Aber bei diesen Bemühungen geht es ja meist um einfache Dinge, die schlichtweg unnötig sind. Sie machen den Alltag zu einem Kampf, wenn zum Beispiel wie jetzt gerade in einigen US-Staaten transphobe Entscheidungen bezüglich Toiletten erzielt werden.

Im Gegensatz dazu hat das Weiße Haus jetzt sogar ein Unisexklo.

Das sieht man auch an immer mehr Orten, was toll ist, aber es zeigt auch wie banal die Dinge sind. Die Leute wollen einfach nur zur Toilette gehen, wo liegt das Problem? Das ist echt blöd, dass sowas überhaupt problematisiert wird. Es geht da bloß um eine kleine Angabe auf deinem Personalausweis und sowas wird plötzlich ausschlaggebend um zur Toilette gehen zu können. Das nervt einfach nur, wenn auf dem Ausweis irgendwas bezüglich Geschlecht stehen muss. Ist das für meine Einreise relevant? Es gibt keinen Grund für diese Zwangsangabe.

Im Gegenteil, in den USA wäre man oft schlecht beraten den Personenstand zu ändern, was zum Beispiel die Krankenversicherung angeht. Ich muss mein Blut untersuchen lassen und bekomme Hormone. Meine Versicherung bezahlt das nur so lange auf meinem Ausweis „männlich“ steht. Wenn ich das ändern würde, müsste ich alles alleine bezahlen. Ich würde genau dieselbe Behandlung bekommen, aber das ist deren Kriterium. Das ist bürokratische scheiße.

Gibt es für dich denn noch eine spezifischen Kampf den du als Trans*frau kämpfst versus dem, den alle Trans*personen gemeinsam ausfechten?

Ich glaube, das Hauptanliegen der Trans*bewegung ist, den Leuten zu zeigen, dass wir alle unterschiedlich sind. Wir sind alle Individuen und haben unsere eigene Geschichte, die unseren Umständen gerecht wird. Ich habe gehört, dass Bruce Jenner gestern ein Interview gegeben hat. Ich kenne nur Ausschnitte und habe es nicht ganz gesehen, aber Bruce spricht eben darüber, was es heißt man selbst zu sein. Ich bin ich selbst. Die Kategorien, die wir verwenden um zu erklären, wer wir sind, die sind für die Anderen, nicht für uns selber.

Und wie siehst du die Rolle von Trans*frauen im Feminismus?

Ich habe viel darüber nachgedacht, ob es okay ist, die Kategorie Frau für mich zu verwenden. Aber ich denke, dass alle Frauen, ob Trans* oder Cis unterschiedlich aufgewachsen sind. Wir haben spezifische Erfahrungen gemacht und wurden so zu Erwachsenen. Die gemeinsame Grundlage muss also nicht unbedingt größer sein bei zwei Cis-Frauen versus einer Cis-Frau und einer Trans*-Frau. Deswegen wäre es kein feministisches Argument für mich, wenn Leute mir aufgrund meines Hintergrunds das Frausein absprechen würden.

Wie hat die Auslebung von Weiblichkeit deiner Partner_innen dein eigenes Konzept von Weiblichkeit beeinflusst?

Man sieht ein Spiegelbild seiner selbst in den Leuten mit denen man sich umgibt. Man kommt nicht drum rum sich zu vergleichen.

Im Moment gibt es ja ein großes Medienecho bezüglich der Trans*Thematik. Amazon hat die Serie Transparent veröffentlicht, vielleicht gibt es bald den ersten Trans*Mann auf dem Cover von Men’s Health…

Die Serie habe ich leider noch nicht gesehen. Ich kenne Jill Soloway, die die Serie macht und ein paar andere Leute, die daran mitarbeiten. Die Men’s Health-Geschichte habe ich nur am Rande mitbekommen finde das alles aber super, weil es Gendernormen in Frage stellt. Es bringt die Sache ins Rollen.

Hattest du auch Vorbilder? Mittlerweile giltst du ja als eines.

Na klar, kurz bevor ich mich geoutet habe hat es Mina Caputo getan. Das war unglaublich. Julia Serano, die ich schon erwähnte. Renée Richards, die die erste Person war, von deren Prozess ich je was mitbekam. Natürlich sind auch Leute meine Vorbilder, die nicht trans* sind sondern einfach so starke Persönlichkeiten.

Wo du Mina Caputo erwähnst, hast du das Gefühl, dass manche musikalische Genres das Coming-Out für Trans*Personen erleichtern?

Ich denke, dass mich Punk darauf vorbereitet hat, wie es nach meinem Coming-Out sein würde. Es war so, wie als ich als Teenagerin mit einem Rieseniro durch den Supermarkt lief, und alle mich anstarrten. Leute lachen dich aus und wollen dich verprügeln, weil du nicht „normal“ aussiehst. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen schon vorher gemacht habe. Und auch was Interviews angeht, war ich schon geübt. Ich habe zehn Jahre lang über Dinge geredet, die mir ziemlich egal waren, wie was Punk ist, und konnte das nutzen um darüber zu sprechen, was es bedeutet sich als trans* zu outen. Ehrlich gesagt habe ich mir Life of Agony nie so richtig angehört, so dass ich gar nicht sagen könnte, welches Genre das genau ist.

Ich weiß nur, dass es irgendwie härtere Musik ist. Was mich aber ursprünglich beim Punk angezogen hat, war die Idee, die sich vor allem bei den 70er und 80er Peace-Punk Bands wie besonders Crass abzeichnete, dass Punks irgendwie auch Hippies sein können und dass es eine sichtbare weibliche Präsenz gab. Sie waren gegen das Patriarchat, Sexismus, Klassismus und Rassismus – sie waren fortschrittlich in ihrer Denke. Deswegen sollte Punk ein sicherer Ort sein, an dem man endlich Verständnis findet. Ich habe mich damals zwar selber noch nicht so ganz verstanden, aber mein Instinkt brachte mich an diesen Ort. Natürlich gibt es auch viele Aspekte des Punk, die dem entgegenlaufen und machohafter sind, wo man sich verbrüdert oder so was.

Im Vorspann zu deiner Serie heißt es immer, dass Menschen in unterschiedlichen Stadien des „Übergangs“ begleitet werden. In welchem Stadium befindest du dich, und wird der Prozess je abgeschlossen sein?

Ich glaube nicht, dass der Prozess je zu einem Ende kommen wird. Man verändert sich kontinuierlich im Leben, verortet sich neu in der Gesellschaft und hat sinnstiftende Momente. Trotzdem hat mich das Coming-Out enorm weiter gebracht. Sich selbst etwas einzugestehen und das dann zu teilen und zu erleben was dann passiert, war eine Art Achterbahnfahrt. Ich habe erst ein Jahr später völlig klar gehabt, dass das jetzt alles wirklich passiert ist. Dann merkst du, okay dass ist jetzt der Rest meines Lebens, der da angefangen hat. Was heißt das alles für dich? Wenn du Hormone nimmst? Wenn du dich operieren lässt? Ich habe darüber viel nachgedacht und deswegen mittlerweile ein besseres Verständnis für die Dinge, als vor meinem Coming-Out.

Auch bezüglich der Band – im Moment will ja wahrscheinlich niemand mit den andren sprechen sondern immer nur mit dir – soll am Ende des Prozesses stehen, dass Against Me! nicht mehr auf deine Trans*Thematik reduziert wird?

Wobei James es zum Beispiel hasst Interviews zu geben, hat er schon immer. Adam und Inge machen das ab und zu schon. Aber klar, je mehr Trans*personen in der Gesellschaft präsent sein werden, desto egaler wird auch meine Identität in dieser Band sein. Irgendwann wird das alles „gewöhnlich“ sein, davon bin ich überzeugt, und keinen wird es mehr interessieren.

Hat sich das Publikum denn verändert seit Transgender Dysphoria Blues?

Auf jeden Fall. Ich glaube, das hat sehr viel mit mir selbst zu tun. Ich habe mich selber eingeschränkt bezüglich dem, was ich ausdrücken konnte und wollte. Früher habe ich selber meine Musik nicht in einen queeren Kontext gestellt und jetzt tue ich das. Das zieht dann natürlich diese Szene an. Ich habe das Gefühl jetzt richtig verstanden zu werden und das macht die Erfahrung für mich auch wieder wertvoller. Jetzt bin ich zu Hause.

Ist das auch ein Grund, warum du nach Chicago gezogen bist, wegen einer Szene?

Auf jeden Fall. Außerdem gibt es in Chicago die Möglichkeit durch „informierte Einwilligung“ einfacher an Hormone zu kommen. Du kannst den Ärzt_innen einfach sagen, was du haben willst.

Viele Magazine haben den Albumtitel ja auch falsch wiedergeben.

Oh ja, ich habe „Euphoria“ gesehen „Dismorphia“ – alles Mögliche. Euphoria ist ja an sich besser als Dysphoria. Der Albumtitel bezieht sich auf Bob Dylan. Der Arbeitstitel war Talking Transgender Dysphoria Blues

Du spielst im Moment auch wieder viele Soloshows. Was macht für dich den Unterschied aus?

Ich habe das immer getan. Ich habe immer ein paar Solo-Akustik-Shows gespielt und dann mit der Band weitergemacht. So hat es mit Against Me! ja auch angefangen, als Akustikprojekt. In letzter Zeit habe ich auch viele College-Speaking-Gigs gegeben. Also eine Mischung aus spoken word und Musik. Es ist einfach ein anderer Ansatz, der das Ganze interessant bleiben lässt. Ich möchte nicht immer das gleiche machen und ich mag Herausforderungen. Ich spiele als Laura Jane Grace auch Songs, die die Band nicht spielt. Es ist einfach ein anderer Kontext, der die Sache ausmacht.

Und deine Mutter hätte dich Laura genannt, wenn dir bei der Geburt ein weibliches Geschlecht zugeordnet worden wäre?

Genau. Jane habe ich mir dann noch zusätzlich ausgesucht. Der Name hat auch eine Bedeutung, aber die behalte ich lieber für mich. Meine Mutter hat mich sehr stark unterstützt, aber mein Vater spricht seit meinem Coming-Out zum Beispiel gar nicht mehr mit mir. Unsere Beziehung war nie besonders gut und er kann mit Gefühlen nicht umgehen.

Ihr tourt ja extrem viel. Wie hat das deinen Prozess beeinflusst? Auf der einen Seite kannst du in eine andere Welt eintauchen und sein wer du bist, andererseits hast du keine feste Community, auf die du dich stützen kannst…

Es hat genau diese beiden guten und schlechten Aspekte. Manchmal macht es mir Angst so viel unterwegs zu sein, weil ich das Gefühl bekomme, dass das den Prozess verlangsamt. Es gibt da eben so mondäne Angelegenheiten wie Elektrolyse . Das kann ich nur zwischen den Touren machen. Ich habe jetzt noch vier Spritzen mit Östrogen dabei und dann ist mein Vorrat für den Monat aufgebraucht. Es macht mir Kopfzerbrechen, dass es keine Möglichkeit gibt, diesen Vorrat hier in Europa wieder aufzustocken. Ich muss es irgendwie strecken bis ich wiederkomme.

Das macht es natürlich schwieriger zu touren. Andererseits lebe ich gerade in dieser Blase in der es mir viel einfacher fällt ich selbst zu sein. Ich weiß wie Touren funktioniert, das ist Teil von mir. Ich habe die Möglichkeit all diese tollen Orte zu besuchen und früher hat mich dass nicht glücklich gemacht, weil ich einen Teil von mir versteckt habe. Anstatt depressiv zu sein kann ich jetzt diese Erfahrungen viel mehr genießen. Außerdem muss ich auch touren um mich zu finanzieren, ich habe eine Tochter – aber mir macht es auch einfach total Spaß. Mir geht es körperlich und psychisch besser, wenn ich unterwegs bin.

Sind die Reaktionen auf dein Coming-Out in Europa anders als in den USA?

In den USA ist es immer noch neu, offen mit Trans* als Thema umzugehen, aber in Europa noch ein bisschen mehr. Das ist aber auch von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland und dem Vereinigten Königreich gibt es einen vertrauteren Umgang mit dem Thema und je weiter du nach Osten gehst desto schwieriger wird es.

Ihr wart in den USA auch mit den Shondes unterwegs. Versuchst du andere Queer- und/oder Trans*Künstler_innen zu unterstützen und dich mehr und mehr mit ihnen zu umgeben oder sogar eine All-Trans*-Band zu gründen?

Auf jeden Fall. Ich versuche mit Bands auf Tour zu gehen, die Diversität abbilden. Beide oder alle Geschlechter sollen repräsentiert sein. Ich habe keine Lust auf eine Horde Typen auf der Bühne. Das ist mir sehr wichtig.

Für Against Me! war das bei der „Neubesetzung“ aber keine Option?

Das sind für mich zwei verschiedene Dinge. In der Band möchte ich mit den bestmöglichen Leuten spielen. Es war am Einfachsten so. Ich wollte einfach nur die Band zusammenhalten, was keine schwere Sache sein sollte, aber das war es damals. Aber auf Tour möchte ich Frauen und Queers in den anderen Bands sehen. Das ist mein Leben, ich möchte da Backstage mit coolen Leuten umgeben sein, die verschiedene Energien ausstrahlen. Ich will nicht nur von männlicher Energie umgeben sein.

Das du als Mann durchgegangen bist hat dich in vielerlei Hinsicht eingeengt, aber andererseits hat es dein Standing in einer Männerdomäne vielleicht auch befördert. Wie gehst du mit der Aufgabe dieses Privilegs um?

Ich glaube als Rockmusikerin habe ich den Vorteil, dass es eine Geschichte der Geschlechteruneindeutigkeit gibt. David Bowie und die New York Dolls haben damit gespielt. Ich kann also immer noch durch die Welt gehen und manche werden mich als komischen Rocker wahrnehmen und keine Ahnung haben, was wirklich abgeht. Das konnte ich für mich nutzen. Die Kehrseite dessen ist, dass ich in der Rockwelt wegen meiner Trans*Identität nicht mehr ernst genommen werde und Leute mir im Studio unterstellen ich hätte einen ungeregelten Hormonhaushalt.

Im Sinne von – die hat wohl ihre Tage?

Ja genau – furchtbar. Als wenn man keine Meinung hätte, die zählt und Punkt.

Und dann steht in den Medien sowas wie: Ihr erstes Interview als Frau… da haben die irgendwas nicht verstanden…

Ja klar, für die ist es halt das erste Mal, dass sie mich so wahrnehmen. Ich rede mit Leuten und was dabei rauskommt, darüber habe ich keine Kontrolle.

Ich war von eurem Cover-Artwork etwas überrascht. Ich meine klar, es zeigt dass Genitalien auch nur ein Stück Fleisch sind, aber warum die Brust und nicht zum Beispiel ein Penis?

(Lacht sich kaputt) Also die Grundaussage ist ja: Hier ist ein Pfund Fleisch. Das ist die Faszination im Mainstream an Trans*Personen. Für die geht es nur um Genitalien. Die Leute wollen immer nur wissen, ob man sich operieren lässt. Darauf stürzen sich alle, und das Cover sagt, hier habt ihr euer Scheißgeschlecht. Aber, wir bringen jetzt ein Livealbum raus, und da wirst du deinen Penis bekommen!

Dann bin ich ja beruhigt!

(Lacht immer noch)

Interview: Alva Dittrich

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