September 8th, 2018

ADAM ANGST (# 173, 2015)

Posted in interview by Jan

Als im Februar das Debüt Album von Adam Angst veröffentlicht wurde, war mir eigentlich sofort klar, dass ich mit Felix Schönfuss über die Platte reden möchte. Selbst wenn ich ein unbestimmtes Gefühl von Respekt, ihm gegenüber hatte, weil ich Felix ganz schlecht einschätzen konnte. Die gerotzten Songtexte und die angepisste Haltung in den beiden Videos „Ja, Ja ich weiß“ und „Professoren“ trugen auch nicht gerade dazu bei, dass mir Felix sympathischer wurde. War natürlich Quatsch und völlig unbegründet. Vor einem Festivalauftritt treffe ich Felix zum Gespräch, er ist freundlich, stellt mir die Band vor, besorgt Bier, lacht viel und ist „in echt“ ziemlich ausgeglichen. Schnell wird klar, dass meine Befürchtungen nicht eintreten werden, trotzdem habe ich Felix die Geschichte kurz erzählt und ihn dazu befragt.

Außerdem sprachen wir über die Songs des selbst betitelten Debüts. Vor allem das, Alltagsrassismus thematisierende, „Professoren“, ist ein sehr wichtiges Lied auf dem Album. Aber auch die Abrechnung mit dem bisherigen Jahrzehnt und was darin alles schief gelaufen ist (NSA, Putins Russland, Ägypten, Nord-Korea, Guantanamo usw.) kommt in „Splitter von Granaten“ zur Sprache. Genauso wie, dass manche Menschen eben nicht wissen, wieviel Alkohol sie vertragen, und damit nicht umgehen können („Wochenende, Saufen, Geil“), das Geld-/Finanzsystem („Am Ende geht es immer nur ums Geld“) und einen halben Popsong über einen Sexisten („Altar“). Ziemlich viele Themen, vor allem für ein Album, das gar kein Punk Rock sein will, wie Felix feststellt.

Ich hatte ja etwas Respekt, wenn nicht sogar Furcht vor diesem Interview, weil ich Dich so überhaupt nicht einschätzen kann. Jetzt haben wir schon das erste Bier offen und wir kennen uns seit fünf Minuten und ich muss sagen, das war völlig unbegründet. Trotzdem möchte ich die Frage stellen: Hörst Du so was öfter? Also, dass die Leute Dich nicht einschätzen können?

Felix: Dass man mich schwer einschätzen kann? Ja. Auf jeden Fall. Besonders wegen der neuen Platte, die etwas mit einem bestimmten Image zu tun hat. Man sieht mich auf dem Frontcover und das gibt schon eine gewisse Distanz. Dadurch entsteht so eine Art Doppelleben. Bei vielen Bands ist das anders, die sind so, wie sie sind. Ich habe seit der Veröffentlichung aber schon öfter gehört, dass es Leute gibt, die sich fragen, was das soll, mit dem Typen vorne drauf.

Ich glaube das ist ein wichtiger Punkt. Natürlich spielst Du mit einem Image bzw. einer Kunstfigur. Das habe ich gar nicht in Betracht gezogen. Das musst ja nicht automatisch Du sein.

Felix: Richtig. Ich unterscheide auch ganz klar zwischen mir als Privatperson und das, was ich auf der Bühne mache. In diesem Punk Kontext, in dem wir noch gesehen werden, ich uns aber nicht, ist es eher unnormal, wenn ein Konzept dahintersteckt oder mit dem Image gespielt wird.

Im klassischen Punkrock wollte man ja eigentlich genau das Gegenteil erreichen, also möglichst authentisch sein und bleiben.

Felix: Genau, und wenn man das versucht, also authentisch zu sein, ist man es ja meistens schon gar nicht mehr.

Begreift Ihr Euch eigentlich als Band oder ist das Dein Ding?

Felix: Wir begreifen uns mittlerweile als Band. Die Songs sind zwar von mir geschrieben worden und sie sind auch schon komplett vorproduziert gewesen, weil es zu dem Zeitpunkt noch gar keine Band gab. Die Platte war im Prinzip fertig und als eine Soloplatte gedacht. Aber ich muss das ja auch live aufführen können. Dann kamen nach und nach die Kollegen hinzu. Und jetzt sehen wir uns tatsächlich als Band, weil wir auch Freunde geworden sind.

Ist das dann auch genau die Platte geworden, die Du machen wolltest?

Felix: Ja, definitiv. Nachdem Frau Potz sich aufgelöst hatten, hatte ich ein Jahr Zeit und vor allem keinen Druck. Hätte ich eine zweite Frau Potz Platte schreiben müssen, wäre ich schon wieder ein bisschen gefangen gewesen, indem was von Frau Potz erwartet worden wäre. Das war jetzt nicht der Fall. Ich war frei und konnte alles machen, worauf ich Bock hatte. Ich bin auch musikalisch ganz anders sozialisiert. Die ganzen Deutschpunkbands kenne ich teilweise gar nicht.

Dafür war Frau Potz aber…

Felix: (lacht) Ja, ja. Passte schon eher dazu. Aber ich bin aufgewachsen mit Oasis, Rage Against The Machine, quer durch die Bank eigentlich.

Lass mich raten: Weezer, Garbage, Green Day…?

Felix: Ne, gar nicht so. Weezer ging, war ich aber nie großer Fan. Die Ärzte! Ich war großer Ärzte Fan. Nicht unbedingt von allen Platten, aber von den Menschen. Ich finde Farin Urlaub super. So was habe ich in meiner Jugend gehört. Da kommen auch die Einflüsse her.

Woher kommt die Politisierung bei Dir? Bei den meisten Menschen ist die politische Meinung eben über die Musik „Punk“ entstanden, wenn Du jetzt sagst, Du hättest eigentlich nie Punk oder Deutschpunk gehört, wie hast Du Dich politisch gefunden?

Felix: Aus dem Bauch. Ich glaube an Dinge wie Höflichkeit, Respekt und Nächstenliebe. Das klingt zwar nach Hippiescheiße und ich bin bestimmt niemand, den du jetzt in eine Bundestagsdebatte setzen kannst. Denn dafür ist tatsächliche Politik viel komplizierter und bürokratischer. Aber das waren für mich immer die Stützpfeiler, auf denen Politik aufbauen sollte. Das fließt dann teilweise auch in die Texte mit ein.

Um mal eben bei dem musikalischen Teil zu bleiben. Mein Eindruck beim Hören der Platte ist, es ist kein klassischer Punk Rock, es ist nicht Rock, trotzdem ist die Musik hart und rotzig. War das von Anfang an geplant oder hat sich das mit der Band dann erst entwickelt?

Felix: Das war schon von Anfang an so geplant. Es ist schön, wenn Du sagst, es ist eigentlich nicht „das“, es ist auch nicht so richtig „das“. Das wollten wir erreichen. Geplant war, eine Platte mit einer kritischen Aussage, die geradeaus ist, ähnlich wie bei Frau Potz, aber die Musik sollte sich in alle Richtung bewegen. Wir wollen auch in der Zukunft machen können was wir wollen. Ich glaube das geht jetzt. Wir haben schon jetzt einen Popsong auf dem Album. Zumindest einen Halben.

Der Musik gegenüber stehen die Texte. Die sind bei Dir häufig ziemlich angepisst und wütend. Bist Du privat auch so drauf oder ist das auch für die Kunstfigur?

Felix: Ich bin privat nicht depressiver oder wütender als andere Menschen. So kann ich mich nur am besten ausdrücken. Ich bin eigentlich ziemlich ausgeglichen und ruhig. Mich regt so schnell gar nichts auf.

Das merkt man tatsächlich nicht.

Felix: Das merkt man beim Singen nicht, nein. Das ist ein Ventil. Da kann ich das rauslassen. Wenn ich gerade wütend bin, kann ich einen Text schreiben. Ich übertreibe dann auch gerne, das merkt man ja auch. Wenn ich bei „Was der Teufel sagt“, vom Pärchenabend erzähle, mein Gott, das kriegt man auch rum. So schlimm ist das nicht. Aber man kann aus der Mücke auch einen Elefanten machen, um es spannend zu halten. Das mache ich dann auch.

Aber diese Momente gibt es ja wirklich.

Felix: Diese Momente gibt es. Ja klar. Und genau dann hat man da auch kein Bock drauf. In den Liedern wird das aber alles etwas aufgeblasen. Um die Frage kurz und knackig zu beantworten: Privat bin ich eher ruhig und ausgeglichen. Was ich musikalisch mache, ist ein Ventil. Und vielleicht bin ich deswegen so ausgeglichen.

Hast Du die Texte bzw. die jeweiligen Lieder eigentlich in einem Rutsch geschrieben?

Felix: Die meisten sind in einem Rutsch entstanden. Wenn ich schreibe, mache ich meistens nicht mit einem Song weiter, den ich nicht an einem Tag fertigbekomme. Ich brauche diesen Fluss. Ich fange an und merke es geht genau in die richtige Richtung, und dann muss ich damit am selben Tag fertig werden. Wenn ich am nächsten Tag wieder anfangen müsste, würde es mir wahrscheinlich schon nicht mehr gefallen und dann lass ich es sein. Ich glaube fast alle Songs, außer „Altar“, dieses Lied ist zusammengesetzt aus zwei Stücken, habe ich alle an einem Tag geschrieben.

Hast Du die Ideen denn auch in diesem Moment oder kommen Dir die vorher schon? Also baut sich das über einen bestimmten Zeitraum auf? Die Texte sind zwar klar verständlich, aber dennoch komplex.

Felix: Ich laufe nie mit Textideen herum, sondern nur mit musikalischen Ideen. Beispielsweise mit einer Melodie. Ich habe seit Tagen eine Melodie im Kopf, da weiß ich, das wird ein Song. Jetzt gerade ist es ein Pfeifen und es ist in e-Moll. Die Texte passieren allerdings immer im Affekt. Wenn das Lied instrumental einigermaßen ausgearbeitet ist, schreibe ich den Text in einem Rutsch. Ich muss nur wissen, worüber ich schreiben will und wozu der Song passt. Textzeilen sind wie Witze, ich vergesse sie immer.

Finde ich bemerkenswert, vor allem bei einem Stück auf dem Album, das ich mal als Kernstück rausgepickt habe: „Professoren“! Wann und unter welchem Einfluss ist dieses Lied entstanden?

Felix: Da war ich in Oberhausen. Ich arbeite dort teilweise und da bin ich mit meinen Kollegen mittags zu einem Stehimbiss gegangen und habe so ähnliche Leute, über die ich geschrieben habe, dort getroffen, und musste mitkriegen, wie die sich über solche Themen unterhalten haben. Einer lebte wohl in einem Stadtteil, ich glaube Oberhausen Lirich oder so, und der regte sich darüber auf, wer jetzt schon alles neben ihm eingezogen sei. Das hat mich ziemlich wütend gemacht und ich habe vor meinen Kollegen diese Leute angesprochen, dass sie diese Diskussion doch zumindest zuhause führen sollten, um uns damit nicht zu belästigen. Das hat mich den Tag über so geladen, die haben mich noch beleidigt deswegen. Diese Situation habe ich dann in einem Song etwas allgemeiner verwurstet. Die Wut, die ich darüber hatte, habe ich in dieses Lied gepackt.

Also eine ganz konkrete Situation. Wann war das? Ich glaube Du weißt, worauf ich hinaus will.

Felix: Worauf Du hinauswillst? Wegen PEGIDA und so? Ne, das war davor. Ich meine, Faschismus gab es auch schon davor.

Stimmt, aber schon lange nicht mehr so offen und gesellschaftlich anerkannt. Also nicht mehr hinter den Gardinen oder unter Freunden sondern ganz offen auf der Straße.

Felix: Genau. Klar ist das keine Situation, von Leuten, die ich die gefährlichen Rechten nenne, die sich offen gar nicht zeigen, die AfD ist da auch ein gutes Stichwort. Die Geschichte muss schon fast zwei Jahre her sein. Da habe ich auch ungefähr angefangen die Platte zu schreiben, „Professoren“ war einer der ersten Songs. Jemand hat mir gesagt, dass es total verklärend sei und, dass das doch gar nicht die richtigen Rechten sind. Aber das ist mir egal in diesem Moment. Das muss man dann nicht immer an einer bestimmten Szene festmachen.

Ne, dafür ist PEGIDA ja auch das beste Beispiel.

Felix: Es mögen vielleicht nicht die gefährlichsten Leute sein.

Ich finde es insofern gefährlich, weil das der Boden ist, auf den die Saat fällt.

Felix: Denke ich auch. Und es können immer noch Leute sein, die es schaffen junge Leute mitzuziehen.

Und das sind dann auch diejenigen, die mutig und radikal werden. Jede Bewegung fing ja mal klein an und dehnte sich dann aus. Meistens genau mit solchen Leuten.

Felix: Genau. Betroffen sind letztendlich alle. Das Lied ist auf jeden Fall schon lange vor der ganzen Bewegung entstanden.

Aber es passte ja zeitlich genau in diese Phase. Das Album kam Mitte Februar raus. Gut, da war der Höhepunkt schon etwas überschritten. Es fühlte sich so an, als wenn der Song noch im letzten Moment mit auf die Platte gerutscht ist.

Felix: Könnte man meinen, stimmt. Aber dann hätte ich wahrschlich eher über etwas anderes geschrieben.

Auch wenn es vielleicht gar nicht so gemeint war, bist Du glaube ich, trotzdem der Einzige, der das künstlerisch verarbeitet hat.

Felix: Mir ist aufgefallen, dass es so ein Kunstding ist. Viele Bands haben einen eigenen Stil. Aber was mich oft stört, ist, dass da nicht Klartext geredet wird. Ich versuche die Texte immer so zu schreiben, dass sie jeder kapiert. Ich habe manchmal das Gefühl, das es Bands gibt, die ihre vernebelten Texte, als Deckmantel benutzen, um nicht angreifbar zu sein. Ich finde (Alltags-)Rassismus ist ein Thema, bei dem man auch mal versuchen kann, geradeaus zu sein.

Allerdings mag ich so verkopfte Texte auch. Meistens sind es ja Bands aus Hamburg.

Felix: Ich bin ja auch nicht komplett dagegen. Ich habe früher natürlich Blumfeld gehört. Es kommt immer darauf an, wenn ich die Musik gut finde, vielleicht stört es mich dann auch nicht, wenn ich gar nicht so richtig weiß, um was es geht. Meistens bin ich aber dafür, etwas geradeaus zu sagen. Das muss ja nicht gleich Deutschpunk Parolengedresche sein.

Genau das hast Du mit der Platte ja auch bewiesen. Sie ist sehr direkt. Aber es sind keine blöden oder nichtssagenden Texte.

Felix: Vielen Dank. Wenn wir das geschafft haben.

Im Booklet (das übrigens sehr schön geworden ist) ist der Text zu diesem Song in Form von Facebook Kommentaren abgedruckt. Damit triffst Du m.E. voll ins Schwarze, denn was teilweise dort gepostet und an Stimmung gemacht wird ist nicht auszuhalten. Liest Du Dir Einträge überhaupt durch? Ich finde es schwer mich davon zu lösen und muss immer weiterlesen. Weiß aber auch, ich vergeude damit meine Zeit. Schlimm wird es dann, wenn ich mich auch in eine Diskussion einbringe. Das ist eigentlich der größte Fehler. Hälst Du Dich da auch immer zurück und wirst trotzdem wütend, wenn wieder irgendjemand „Scherze“ übers „Duschen“ etc macht?
Felix: Letztens habe ich so eine Diskussion irgendwo mitbekommen und war wieder mal erschrocken, wie offen und frei sich so manche Faschos im Internet präsentieren. Aber ich selbst beteilige mich grundsätzlich nie an Kommentarschlachten im Internet, egal zu welchem Thema. Es artet immer aus und wird nach kurzer Zeit komplett dumm und unsachlich. Diskussionsplattformen sind zwar wichtig, doch im Internet sind wir niemals komplett wir selbst. Das hat mit Anonymität zu tun und dass wir wissen, dass alle mitlesen. Allein das beeinflusst unser Verhalten schon zu maßgeblich.

Um noch mal bei „Professoren“ zu bleiben. Du hast ein Video dazu gemacht. Im Vorfeld hieß es aus Deinem Umfeld (Label etc) bei Facebook und anderen Plattformen, es sei total krass. Ich habe mich drauf gefreut es mir anschauen zu können, habe es abends auf Youtube gesehen. Es ging so los, und ich dachte erst: Ja, ist ein gutes Video, aber krass? Ne, nicht wirklich – und dann kommt die Kuss Szene zwischen Dir und Deiner (männlichen) Begleitung. Das hat mich dann doch umgehauen, weil es so überraschend kam und ich glaube niemand damit gerechnet hat. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt: Hey, warum eigentlich? Warum ist das so ungewöhnlich und sollte es nicht selbstverständlich sein? War es Deine Absicht, so einen „Aha Moment“ zu schaffen?

Felix: Genau. Mir ist es sehr wichtig, das Bild von zwei gleichgeschlechtlichen Menschen, die sich küssen, zu festigen. Ich glaube es ist für viele immer noch ungewohnt. Deswegen müssen sie nicht unbedingt homophob sein. Männer sind oft so sozialisiert, dass sie es kennen, durch die ganze Pornoindustrie, wenn zwei Frauen sich küssen. Aber bei zwei Männern denken viele immer noch, auch wenn sie nichts dagegen haben, irgendwie ist das komisch. Ich bin der Meinung, man muss versuchen, und es wird noch lange dauern, aber man muss seinen Teil beitragen, dass die Leute das sehen. Damit sie sich daran gewöhnen, sodass es irgendwann völlig egal und okay ist. Darum ging es eigentlich nur. Dass es in dem Video zu dem Kuss kam, ist ja auch eine Provokation gegenüber denen, die es eben nicht gerne sehen. Das sieht man im Film auch, die beiden Stammtisch Nazis werden dadurch provoziert. Die einen sollen provoziert werden, die anderen sollen einfach daran gewöhnt werden, dass es normal ist.

Damit rettest Du den Song (wieder ungewollt) in die nächste aktuelle politische Diskussion.

Felix: Du meinst den Volksentscheid in Irland?

Genau. Und jetzt hier ja auch wieder. Es ist irgendwie der politische Song des Jahres, denn Du thematisierst, mit unterschiedlichen Medien, die zwei großen politischen Diskussionen des Jahres.

Felix: Das stimmt.

Und mit „Splitter von Granaten“ hast Du einen ähnlichen Song. Wenn Du in zwanzig Jahren mal zurückblickst und Dich fragst, was war los in Deutschland 2015 – politisch. Kannst Du diese Platte auflegen.

Felix: Ja, könnte hinkommen (lacht). Da können wir gar nichts für. Auf „Professoren“ trifft das tatsächlich zu. „Splitter von Granaten“ ist ja eher ein Rückblick auf das, was in den letzten Jahren passiert ist.

Ich meine dieser NSA Teil im Lied.

Felix: Stimmt, kommt auch wieder hoch. Da werden bestimmt noch einige Diskussionen geführt werden. Ich bin gespannt, wie die Platte in zehn, zwölf Jahren gesehen wird. Wie wir sie selber sehen und wie sie von außen gesehen wird.

Am Ende geht es immer nur ums Geld“. Kannst Du kurz zusammenfassen, worum es in dem Lied geht?

Felix: Es nervt mich. Geld nervt mich. So vieles im Leben ist von Geld abhängig. Sogar das eigene Befinden ist oft davon abhängig. Wenn ich eine Mahnung bekomme oder die GEZ sich meldet und irgendwann ein gelber Umschlag kommt, dann bekomme ich ein Magengeschwür und muss das schließlich bezahlen. Vieles wird auch nur aus einem bestimmten Beweggrund gemacht. Ein großes Unternehmen funktioniert von alleine, nämlich durch eine ständige Gewinnmaximierung. Eine Firma, genauso wie ein Millionär, würde nie sagen: Jetzt ist genug. Ich hab doch alles, hören wir einfach auf. Das liegt nicht in der Natur eines Unternehmens, es würde immer weiter machen, und es muss immer mehr sein. So hält sich das Rad am Laufen. Das ist jetzt etwas sehr Grundsätzliches und wir könnten jetzt über die komplette Weltordnung nachdenken. Geld spielt nun mal eine wichtige Rolle. Wenn wir jetzt mal hundert Jahre weiter schauen, glaube ich, dass es nicht mit so einem System funktioniert. Davon bin ich überzeugt. Es muss was anderes gefunden werden.

Meinst Du das Geldsystem oder den Kapitalismus als Wertesystem bzw. als Volkswirtschaft?

Felix: Es ist ja so, dass ein Gegenstand genommen wird, Papier oder Metall, und dem ein Wert zugesprochen wird. Ich interessiere mich gerade stark für das Venus-Projekt. Das ist ein Gedankenprojekt, in dem es darum geht, ein Gesellschaftssystem aufzubauen, das ohne Geld funktioniert, sondern darauf basiert, dass die Menschen ihre Motivation daraus ziehen diese Welt besser zu machen. Umweltschutz, wiedererneuerbare Energien nutzen, Selbstverwirklichung, das sind die Werte auf die es eigentlich ankommt. Hört sich bestimmt sehr hippiemäßig an, klingt für mich aber sehr interessant und ich finde es so besser.

Hm, leider ist ein System immer nur so lange gut, wie alle sich daran halten. Sobald einer sich nicht an einen, ich nenne es jetzt Kodex, hält, bricht das zusammen. Deswegen ist es unwahrscheinlich, dass alle Menschen an einem Strang ziehen.

Felix: Vor allem weil sie es jetzt nicht gewohnt sind. Neid ist ein Gefühl, das durch Geld stärker gefestigt wird. Es ist ja auch nicht so, dass jemand sagt, ab Tag X müssen wir das probieren. Das wird langsam passieren. Ich denke jetzt ein paar Jahrhunderte weiter. Was muss mit der Welt eigentlich, für unsere Kinder und Kindeskinder, passieren, damit sie weiter besteht? Wir müssen aufhören Pflanzen zu verbrennen, um Energie zu erzeugen, die Armut muss bekämpft werden und wir müssen so was wie Nächstenliebe in die Köpfe der Menschen schaffen. Nur so kann die Menschheit weiterbestehen. Wir werden das nicht mehr mitkriegen. Eigentlich sind wir auch gar nicht auf einem so schlechten Weg, auch wenn immer wieder Kacke hochkommt. Es ist bestimmt besser als vor 40 Jahren. Jeder kann versuchen seinen Teil dazu beizutragen.

Ja, sollte auch.

Felix: Um noch mal auf die Frage zurückzukommen. Es nervt mich einfach, dass es am Ende immer nur um Geld geht. Dass wir hier spielen, geht nur, weil wir dafür Geld bekommen. Wir sind nicht in der Lage umsonst zu spielen und für Sprit und Aufwand selber aufzukommen. Man kann nicht einfach irgendwas machen, was einem Spaß macht. Klar kann man das immer Mal wieder machen. Aber irgendwann hat man nicht mehr das Geld dafür. Ich hätte es gerne anders.

Kann ich verstehen, ich auch.

Felix: Ist nicht so ungewöhnlich oder?

Wochenende, Saufen, Geil“!

Felix: Ja!

Sind das Beobachtungen aus Deinem eigenen Umfeld, also nicht dem direkten Umfeld, aber Beobachtungen, von dort wo Du Dich privat bewegst?

Felix: Teilweise. Meistens sehe ich das, wenn ich in Berlin bin. Da finde ich das immer am interessantesten.

Ich hätte jetzt auf Schanze oder St. Pauli getippt. Wohnst Du in Hamburg?

Felix: Ne, ich lebe in Bonn. Manchmal bin ich in Köln, wenn ich mal weggehe. Zum Glück bin ich, wenn ich betrunken bin, nie aggressiv, verändere mich nicht großartig und vergesse vor allem nichts. Es gibt aber Menschen, die haben dieses Jekyll & Hyde Ding in sich. Wenn sie getrunken haben, werden es andere Menschen. Ganz besonders nervt es mich, wenn ich den Menschen kenne und eigentlich mag, und wenn der sich dann verändert. Das mag ich am Alkohol auch nicht. Ist aber auch immer eine Charakterfrage. Die meisten dieser Beobachtung habe ich in Berlin gemacht. Da geht es manchmal echt ab. Ich kann das aber auch verstehen, wenn junge Leute, die gerade ins Berufsleben gestartet sind, denen ist das Wochenende heilig.

Ich finde in den letzten Jahren ist das immer schlimmer geworden. Allgemein diese ganzen Events. Festivals sind da ein gutes Beispiel. Immer alles, mit möglichst vielen Leuten zusammenmachen, was erstmal cool ist, aber das eigentliche Event, wird zur Nebensache, nur noch das gemeinsame Besäufnis wird zum Event, der Rest ist Nebenschauplatz.

Felix: Vielleicht haben wir auch einfach später angefangen. Ich war mit sechszehn, siebzehn Jahren zum ersten Mal betrunken. Heutzutage verfrüht sich alles. Der Rausch wird immer wichtiger. Das kannst Du auf alles münzen, auf Alkohol, Drogen, Computerspiele. Die Menschen suchen immer mehr Möglichkeiten zu fliehen. Das muss auch einen Grund haben, dass die Leute nicht mehr das spüren wollen, was sie in der Woche spüren müssen.

Der Fluchtgedanke ist ja in Ordnung. Habe ich ja auch gemacht. Mache ich vielleicht sogar immer noch. Aber ich mache das nicht öffentlich.

Felix: Ich denke auch, es ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Diese Flatrate Geschichten waren auch mal eine Zeit lang stark in den Medien. Das hat sich seitdem ja nicht gebessert. Es ist einfach zu viel. Jeder macht eben seine Erfahrungen.

Altar“ ist der letzte Song auf dem Album, Du hast das Leid eben schon kurz angesprochen. Es gibt da diesen schönen Stimmungswechsel. Zunächst ist es ein locker, flockiger Pop Song…

Felix: Schlimm fast.

Nö, finde ich nicht.

Felix: Könntest Du Dir das Anhören und sagen das ist okay? Ein okay ‘er Popsong?

Ja, schon. Du hast es eben ja schon gesagt, es hat ein bisschen dieses Oasis Feeling. Es hat ne schöne Melodie und einen guten Beat. Ich kann mir das anhören.

Felix: Es sind auch die Oasis Akkorde.

G, e-mol…

Felix: G, e-moll, C, Asus irgendwas.

Dann kommt aber der Stimmungswechsel. Sowohl in der Musik als auch im Gesang. Von Gut zu Böse, Du hast eben schon erwähnt, es waren ursprünglich zwei Lieder. Aber wer hatte die Idee dazu, die zusammenzufügen?

Felix: Es waren zwei Lieder, die waren zuerst Instrumental und dann wusste ich, dass ich die beiden Parts hatte, und habe gemerkt, die haben die gleiche Tonart. Erst dann kam die Idee ein Lied zu machen, das ab der Mitte komplett in eine andere Richtung geht. Ist mir auch nicht bekannt, dass es so was gibt. Vom Gesicht her, vom Thema her und musikalisch. Das war der Leitgedanke. Einen Song zu machen der zwei Seiten zeigt. Schwarz und Weiß. Ich wollte eine nette Geschichte habe, von denen jeder erstmal denkt, es ist eine Liebesgeschichte, dabei ist der Typ ein Arsch.

Ich finde das sehr clever gemacht. Es gibt zwar Songs, die eine Geschichte von zwei Seiten erzählen, aber noch nie so radikal, dass sich die Musik und der Text so verändern. Darum knallt das Lied auch so.

Felix: Genau. Hätten wir das Schöne und den gleichen Beat beibehalten, hätte das nicht so richtig gegriffen. Auch Instrumental war es wichtig, dass es auf einmal Böse klingt.

Kurzer Ausblick nach vorne. Du fängst ja gerne neue Sachen an. Bei Frau Potz hättest Du nicht gewusst, wie es hätte weiter gehen können. Wie ist es denn jetzt mit Adam Angst? Wird es ein weiteres Album geben?

Felix: Ich spüre die meiste Leidenschaft, die ich je hatte für eine Band. Wir sind musikalisch nun total frei. Wir spielen jetzt erst mal viele Festivals und im Oktober eine weitere Tour mit Kmpfsprt. Nächstes Jahr gehen wir dann ins Studio. Wann wir eine neue Platte veröffentlichen, kann ich noch nicht sagen. Es ist aber gut, dass ich keinen Druck verspüre. Die einzige Vorgabe ist, ich muss selber den Song für super halten.

Also kommt jetzt eine Popplatte?

Felix: Ne, gar nicht. Das wird sich noch weiter auffächern. Es wird Songs geben, die brachial und sehr roh klingen. Nicht ganz so glatt, wie auf der aktuellen Platte. Manche Sachen werden komplett aus dem Rahmen fallen. Das wird noch sehr viel weiter auseinandergehen. Ich werde nicht anfangen einen Song schreiben: „es scheint die Sonne und alles ist cool“.

Text und Interview: Claas Reiners

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