März 17th, 2007

ABHINANDA (#75, 04-1999)

Posted in interview by andreas

refused are fucking dead… so what!? lang lebe abhinanda, eine band, die ebenfalls aus umea/schweden stammt. ob sie es nun selbst wahr haben wollen oder nicht. sie sind für den rock das, was refused für den hardcore waren. nach dem gleichen schema brechen sie alte verkrustete strukturen auf und schaffen raum für neues, für frisches.

sie versuchen dies bereits seit 1992. wenn man es aber mal ganz nüchtern sieht, ist es ihnen erst jetzt, mit ihrem album RUMBLE, wirklich gelungen. astreiner straight edge rock, der brennt, wie man so schön sagt. ob ausser der musik sonst noch etwas brennt, versuchen wir im folgenden gespräch zu ergründen.

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sieht so aus als ob schwedische bands das derzeitige musikalische gesicht der hardcore szene ziemlich langweilen würde. wie zuvor refused, gehen nun auch abhinanda neue wege und ergründen die weiten des musikalischen kern-raums. das letzte refused album scheint RUMBLE ohnehin stark beeinflusst zu haben. wie lange wird es wohl dauern, bis jemand eine neue schublade für eure sachen gefunden hat? ich meine, mal ganz ehrlich, dass was refused und abhinanda mit ihren jeweils letzten alben vorgelegt haben geht doch schon um einiges über die gängigen hardcore grenzen hinaus.

Jose: nun, gute musik ist und bleibt gute musik. das ist meine meinung. weisst du, für mich war hardcore immer mehr eine attitüde und nicht so sehr ein bestimmter musik stil. wenn du mal YOUTH OF TODAY mit LIAR, oder GORILLA BISCUITS mit SENSEFIELD vergleichst, klingen die total verschieden.

trotzdem bezeichnen sehr viele leute all diese bands als hardcore. ich persönlich brauche das gar nicht, und will auch nicht, dass meine musik kategorisiert wird. ich möchte nur, dass die leute es für das was es ist anerkennen. ausserdem denke ich nicht, dass das letzte refused album ein grosser einfluss für uns war. ganz im gegenteil. beide alben unterscheiden sich sehr von einander. sie haben vielleicht gemeinsam, dass beide bands etwas neues probieren. das war`s dann aber auch schon.

naja gut, ich will mich da nicht streiten. trotzdem bin ich der meinung, dass parallelen im sound und in der struktur der songs nicht zu leugnen sind. wer das bestreitet, oder nicht selbst heraus hört, sollte sich mal gründlich die ohren spülen lassen. egal, anderes thema. bist aus politischen gründen straight edge? so nach dem motto: klarer kopf für den politischen kampf?

Jose: naja, hauptsächlich bin ich es, weil ich nicht mit alkohol umgehen kann. unter alkoholeinfluss habe ich sehr viele dumme sachen gemacht und das brauche ich ganz ehrlich gesagt nicht noch einmal.

meinst du, dass hardcore und geschäft glückliche ehen führen können? ich frage, weil ich weiss, dass du neben der band auch noch ein label betreibst. und so ein label ist zu einem gewissen grad ja immer business orientiert. als label kannst du kapitalistische marktgesetze ja nicht einfach mal so eben unbeachtet lassen.

Jose: nun, hardcore war nie ein gutes geschäft… aber gut, business. nun, das ding ist doch, wenn du diese starke leidenschaft für etwas spürst, willst du dem so viel zeit wie möglich widmen. wenn du nicht gerade geld wie heu hast, ist das ein ziemlich schwieriges unterfangen würde ich sagen. warum also nicht das eine mit dem anderen verbinden. ich kann daran nichts schlimmes finden. je mehr zeit und geld du investierst, desto grösser werden auch die chancen für bands, kids etc., für überhaupt alle beteiligten läuft es ganz einfach besser.

ehrlich gesagt halte ich es für politisch korrekter seinen lebensunterhalt von etwas zu bestreiten, das einem spass macht, anstatt von einem 8 stunden job irgendwo anders, wo du definitiv im strudel kapitalistischer regeln steckst. wahrscheinlich findest du nicht einmal einen job der dir genau so gut gefällt, um hardcore dann lediglich dein hobby sein lassen zu können. ich meine, du musst mir da doch zustimmen. von hardcore in einer unabhängigen weise zu leben ist viel weniger kapitalistisch als der zwang jeden tag zur arbeit zu gehen, um sich für andere leute aufzureiben. das bedeutet doch wirklich teil dieses ganzen business dingens zu sein.

es war nicht mein anliegen hier wilde vorwürfe auf irgendwen abzufeuern weil er von hardcore lebt. der ansatz war, herauszufinden wie du dich in der hardcore szene definierst. wenn jemand von seiner musik leben kann, von dem einen grossen ding, welches er über alles liebt, klasse, habe ich bestimmt kein problem mit. wie arrogant wäre es denn bitte, wenn dem nicht so wäre? es ist ja nicht die frage was nun kapitalistischer ist. das kleine diy label, welches in einer kapitalistischen welt genau den gleichen regeln unterliegt wie jeder grosskonzern, oder der 8 stunden lohn sklaven job. prinzipiell besteht da erst einmal kein unterschied, zumindest nicht was kapitalismus betrifft. insofern stimme ich dir da also nicht zu. zugegebenermassen ist das hier für mich alles nur ein hobby. wenn mir etwas nicht wirklich spass macht, tue ich es nicht, ganz einfach. müsste ich davon leben, wäre dem sicher nicht so. aus finanziellen gründen würde ich dinge wie fanzineschreiberei oder konzertorganisationen daher nie tun wollen. persönlich bin ich ja der festen überzeugung, dass geld deine aktivitäten kompromittiert. also kann man wahrscheinlich sagen, dass ich das ganze von einem künstlerischen standpunkt aus sehe, musik als purer künstlerischer ausdruck wahrer gefühle, unkompromittiert, non-costum-made. wenn jemand anfängt seinen lebensunterhalt damit zu verdienen gelangt er früher oder später an den punkt, wo er darüber nachdenkt, ob sein produkt sich so wie es ist auch gut verkauft. oder ob nicht hier und da noch eine kleine veränderung aus marktstrategischen überlegungen vorgenommen werden sollte. das ist natürlich nur eine wenig belegbare vermutung, die von ihrem logischen ansatz aber nicht von der hand zu weisen ist…. so, nun darfst du mir gerne vorhalten, dass dies die ansichten eines lohnsklaven mit geregeltem 8 stunden tag sind, dem solche überlegungen aus einer finanziell gesicherten situation natürlich leicht über die lippen gehen. wer dies will, der soll nur machen.

Jose: nun, es ist ja nicht so, dass ich für meine szene aktivitäten unbedingt bezahlt werden will. und wenn ich mal ganz ehrlich sein soll, gibt es auf desperate fight records bis auf die abhinanda und final exit auch keine platten, die die kosten wieder eingespielt haben. diese beiden bands haben quasi all unsere anderen releases und aktivitäten mit getragen. das ding ist doch, wie du das eingenommene geld benutzt. ich meine, ich betreibe dieses label jetzt seit 5 jahren, und es ist finanziell für mich nie mehr als ein drittel eines regulären jobs dabei herausgesprungen.

obwohl ich an einigen tagen mehr als 16 stunden arbeite. auf der anderen seite kommt es mir natürlich nicht wie arbeit vor. diese ganze sache macht mir einfach so sehr spass, dass es mir egal ist wieviel ich dabei verdiene oder wie lange ich arbeite. solange ich die miete zahlen kann und ich etwas zu essen habe bin ich zufrieden. das restliche geld fliesst zurück in szene, wird re-investiert in bands etc etc etc.

für mich ist es immer noch ein hobby, ein vollzeit hobby. ich meine, ich arbeite den ganzen tag, und schaffe dennoch nicht alles was eigentlich gemacht werden sollte. und genauso wie ich presswerke, studios etc. bezahlen muss, um platten heraus zu bringen, sehe ich mich und mein täglich brot als glied dieser kostenkette, als kostenfaktor der bezahlt werden muss. also ist es immer noch ein hobby. natürlich hätte ich auch einen regulären job annehmen können, 5 mal so viel geld verdienen können, und das überschüssige geld in das label stecken können. …aber dann hätte ich anstatt 40 platten wahrscheinlich gerade mal 10 stück herausbringen können…

ich kann dir sagen, dass ich verschiedene jobangebote hatte. alles musikbezogene, gut bezahlte geschichten. zumindest hätte mir das die sicherheit eines geregelten einkommens gegeben, was dieser tage eher selten ist. allerdings hätte ich dann unter keinen umständen mehr mein label fortführen können. ich wäre nicht mehr in der lage gewesen dinge zu veröffentlichen, die ich mag, die bands meiner freunde zu unterstützen etc.

in der vergangenheit seid ihr mit krishna bands wie 108 getourt. bands die ganz offen pro-life scheisse predigen. bands, die schwulen- und lesben feinlich sind. bands, die ein sexistisches frauenbild verbreiten. und all das aus religiösen überzeugungen. kann man euch ebenfalls als religiös bezeichnen? meinst du, die religiöse indoktrination bestimmter bands verträgt sich besonders gut mit subversiven hardcore grundsätzen?

Jose: oooppsss… ich war 6 wochen mit 108 auf tour, und dazu noch einmal 4 wochen als sie mit refused unterwegs waren. während der gesamten 10 wochen haben sie weder homophobe tendenzen an den tag gelegt noch haben sie frauen zu irgendeinem zeitpunkt schlechter behandelt als männer. sie hatten doch selbst sogar ein weibliches bandmitglied. über pro-life kann ich dir nichts sagen, da wir das seinerzeit nie diskutiert haben.

aber ich habe sie nie andeutungen in diese richtung machen hören. nun, ich kann dir mit sicherheit sagen, dass unsere derzeitige gesellschaft schwulen- und frauenfeindlicher ist als jeder krishna. ich verteidige hier nicht den krishna glauben. ich sage lediglich, dass die krishnas, mit denen ich meine zeit verbracht habe, nicht dem von dir gezeichneten bild entsprachen. natürlich haben wir neben 108 jede menge devotees während der tour getroffen. und viele, viele von denen waren mit sicherheit nicht ganz richtig im kopf.

ehrlich gesagt waren das totale und komplette schwachköpfe. ich denke, es ist wichtig hinter jedes einzelne individuum zu schauen und nicht blind zu glauben, was jemand über irgend eine religion erzählt. ich habe leute getroffen die von sich behaupteten antikapitalistische, antisexistische revolutionäre zu sein. die aber in wirklichkeit so verkorkst in ihrem kopf waren, dass ich niemals etwas mit ihnen zu tun haben wollen würde. und das, obwohl wir in sehr vielen dingen einer meinung sind und die gleichen ideale haben. weisst du, all diese neuen weltordnungen und sozialistischen ideen können genauso zerstörerische gehirnwäsche sein wie jede religion. ach ja, nur noch so nebenbei. persönlich kann ich organisierten religionen nichts abgewinnen. tja, also bin ich wohl nicht religiös nehme ich an.

ich hasse rauchen, nicht die raucher selbst, sondern nur ihr rauchen. für mich ist es ekelhaft, es stinkt und es verursacht krebs. ha, weisst du was? ich bin jederzeit offen für einen masterplan der die tabakindustrie ein für allemal platt macht. nein ernsthaft, es kommt mir so vor als ob rauchen wieder voll im trend liegt. jahrelang schien das nichtrauchertum ein gesellschaftlich akzeptierter mehrheitszustand zu sein. und heute? ich kenne kaum noch nichtraucherINNEN. hat die tabakindustrie nun letztendlich doch gesiegt und alle in die grosse abhängigkeit gestürzt?

Jose: ich hasse rauchen ebenfalls!!! riecht wie scheisse und lässt dich wie scheisse riechen. der verdammte rauch setzt sich in deinem rachen fest wenn du versuchst zu singen oder dich zu unterhalten. und das schlimmste von allem, ich habe eine rauch allergie! fuck the smokers!

refused haben ja für ihren clip auf MTV jede menge shit von el korrektos bekommen. macht es wirklich sinn für hardcore bands auf MTV zu laufen? funktioniert MTV nicht wie ein major label? kommt ein video auf MTV nicht der band gleich, die meint die majors lediglich für ihre zwecke zu BENUTZEN? letztendlich läuft es dann aber wieder wie immer genau anders herum. das einzige was benutzt wird ist die band. benutzt vom konzern giganten, um unnützen schrott an ein hirntotes publikum zu VERKAUFEN.

Jose: nun, dies ist auch wieder eine schwierige frage. ich meine, wenn refused ihre message nicht an eine breitere öffentlichkeit richten werden sie weiter und weiter für die spielen, die bereits wissen was sache ist. oder zumindest für die, die ihre message bereits kennen. je mehr leute mit einer message oder einer idee konfrontiert werden, desto mehr können sich dann daraus auch etwas positives ziehen. aber in endeffekt, schon richtig, wer benutzt hier wen?

die deutsche rechte scheint im augenblick mal wieder ihren dritten frühling zu haben. zum kotzen ist gar kein ausdruck, wenn es rechte parteien auf 13 prozent wählerINNEN stimmen bei landtagswahlen schaffen. gibt es ähnliche tendenzen in schweden. grassiert diese pest bei euch auch?

Jose: nur ein wenig, was schon schlimm genug ist. aber so schlimm wie in deutschland ist es nicht glaube ich.

für lange zeit galt das schwedische sozial system als eines der besten der welt. korrigiere mich bitte wenn ich falsch liege. aber dieses system scheint in den letzten jahren mehr und mehr zu bröckeln. zumindest gab es ernsthafte schwierigkeiten und turbulenzen. sind solche tendenzen eine chance für politisch motivierte bands durch ihren musikalischen output ein wie auch immer geartetes subversives element in ihrer anhängerschaft zu verankern? ein subversives element zur richtigen zeit, welches die tatsache und das gefühl verstärkt, dass das kapitalistische system eine grosse lüge ist, welche auf nichts als ausbeutung und gier basiert. oder ist das alles bullshit und musik/hardcore ist im endeffekt auch nur stupides entertainment, genau wie die täglichen seifenopern in der glotze?

Jose: nun, das schwedische sozial netz zerfällt in der tat. trotzdem ist es immer noch sehr viel besser als das anderer länder. verglichen allerdings mit dem netz von vor ein paar jahren ist das gar nichts mehr. das problem ist nur, dass die leute dies nicht realisieren. nun, im grunde tun sie das schon, aber sie akzeptieren es. deshalb würden sie einen haufen verrückter, schreiender jugendlicher in einer band auch nicht ernst nehmen. viele beurteilen ihre situation immer noch als gut und sicher. warum sich also kümmern um eine lärmende band, die etwas bewegen will?

und dann haben wir da noch dieses andere problem. das problem, nach deiner eigenen message zu leben. die meisten bands schreien sachen in die welt hinaus, die sie nie selbst erlebt haben. dinge, die sie lediglich glauben, oder die sie in büchern gelesen haben. wenn sie dann nach hause kommen sind sie genauso teil dieser konsumgesellschaft wie alle anderen. ich schätze schon, dass musik zu einen grossteil einfach pures entertainment ist. ein wilderes, rebellischeres vielleicht, aber trotzdem nur eine form von unterhaltung. natürlich gibt es da die grossen ausnahmen, und viele der kids sind sich der probleme unserer zeit auch sehr viel bewusster als der durchschnitt der bevölkerung. aber alles in allem ist es doch noch ein sehr langer weg…

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durch die pc-presse drehte EVIL TORSTEN den armen JOSE, seines zeichens abhinanda`s sänger und betreiber der labels desperate fight und ampersand.

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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