März 14th, 2007

Kolumnen Jochen, Dietmar, Axel, Tom, Bremen Bouncer, Jörg, Jobst, Dolf, Stone (#91, 12-2001)

Posted in kolumne by andreas

Jochen

Es ist nicht so ganz easy, in Australien eine Band aufzuziehen. So kommt einem das zumindest vor, wenn man aus Deutschland da hin zieht. Möchte man üben, muss man so ein Rehearsal Studio mieten, was anderes gibt es nicht und das kostet 15 Dollar die Stunde, für einen leeren Raum mit einer alten Gesangsanlage. Die Instrumente bringt man mit und lagert sie zuhause, muss man also jedesmal alles auf- und abbauen. Nach den drei Stunden proben (Rauchen darf man na klar nicht) wartet schon die nächste Band vor der Tür und man bekommt signalisiert, man solle sich sputen, seinen Scheiss endlich da rauszukriegen. Konzerte kann man spielen, aber es gibt keine Kohle, bestenfalls Bier, normalerweise aber nur Softdrinks. Niemals Essen. Backstageräume (egal wie finster) scheint es überhaupt gar nicht zu geben, Schlafplätze sowieso nicht.

Das alles jedoch hält die Aussies nicht davon ab, ohne Ende Bands zu gründen, aufzulösen, zu reformieren und was man sonst so mit Bands macht. Es herrscht in der Tat ein reges Treiben; fernab von den US von A und Europa gibt es da eine Art eigenen Markt. Die kulturelle Landschaft (so will ich es mal nennen) unterscheidet sich dabei nicht grossartig von der in anderen ‚westlichen‘ Ländern. Ist also auch nicht schlechter. Viele, viele coole Bands. Natürlich noch viel mehr beschissene Bands, wie überall. Von alledem wusste ich vor einem Jahr kaum was, also droppe ich mal ein paar Namen in diesem netten Heft, dachte ich mir.

Zur Beruhigung für über 25jährige Leser kann ich mitteilen, dass so manche der älteren Herren des australischen Rock nach wie vor in unterschiedlichem Ausmass aktiv sind. So spielt KIM SALMON regelmässig, kollaboriert dabei ab und zu mit einer Elektronik-Kombo namens ESCOBAR und das funktioniert wider Erwarten sogar. ED KUEPPER gibt einem Gelegenheit, ihn unter anderem in der Athmosphäre des Sydney Opera Houses anzuschauen (sollte einem danach zumute sein). TEX PERKINS konzentriert sich auf seine Singer/Songwriter Solokarierre mit den DARK HORSES und besticht dabei weiterhin durch Coolness in Look und Stimme.

Sexy Motherfucker, he is. Nach dem Zufallsprinzip taucht er auch mit seiner anderen Band THE CRUEL SEA sporadisch auf und macht damit einigen Wind. Mehr als sporadisch ist auch die Existenz von den NEW CHRISTS, einige von ihnen haben aber weitere Bands, Bassist (und Aushilfs-Lemonheads) Bill zum Beispiel hat die PYRAMEDIACS, eine dem Vernehmen nach hervorragende Power Pop Band mit four part harmonies und so. Haben wohl eine „huge following“ in Spanien, was sie sich selbst auch nicht so recht erklären können. über LOUIS TILLET gab es unlängst tatsächlich eine Doku im Fernsehen und auch er ist weiterhin aktiv.

Die Existenz / Non-Existenz der HARD-ONS ist ein Mysterium für sich und man dürfte darüber in Deutschland auch nicht schlechter informiert sein als hier. Die CELIBATE RIFLES haben eine neue (!) und gute (!!) Rockplatte gemacht und touren, als ob sie Anfang zwanzig wären (also die Mitglieder, nicht die Band). Die COSMIC PSYCHOS sind auch immernoch nicht tot, unlängst spielten sie gar im Vorprogramm von Tool (eine Tatsache, die mich mal wieder darüber nachdenken liess, welch wundersame Wege die Entertainment-Industrie manchmal geht). THE DIRTY THREE leben meines Wissens über die Welt verteilt und können also kaum noch als australische Band durchgehen, spielen sie doch eher als Backing-Band für Will Oldham, oder machen in Holland Fishtank-Platten mit Low. OK, manchmal schreiben sie auch die Musik für Sydney Underground Theaterstücke.

Sie führen einen auf direktem Weg zu NICK CAVE, der schlichtweg in einem Hausboot auf der Themse wohnt und daher in einer Kolumne über australische Musik rein gar nichts mehr zu suchen hat. Dennoch wird er überall als Kind des australischen Kontinents gefeiert und gefeaturet, so bekommt er genügend Gelegenheit, in mega-renommierten Gazetten wie dem Sydney Morning Herald zu erklären, dass er jetzt ein herrlich geregeltes Leben (Vater/Ehemann/Nine-To-Five-Musiker) führt und dass Chaos-Beziehungen wie die mit PJ Harvey der Vergangenheit angehören. Warum geleuterte Rockstars jedoch immer irgendwann anfangen müssen, von Gott zu reden, ist und bleibt mir ein Rätsel. Noch weniger interessant dürfte für Trust-Leser sein, dass INXS irgendwie manchmal so halb auftauchen und MIDNIGHT OIL sogar öfter als einem lieb sein sollte. Seltsamerweise haben letztgenannte trotz ihres grauenhaft beschissenen Pop scheinbar einen ganz guten Stand, selbst in Undergroud-Kreisen, offenbar waren sie vor 58 Jahren mal okay.

ROSE TATTOO werden (mit AC/DC zusammen natürlich) als sowas wie die Väter allen Rocks gehandelt und ich hab irgendwie das Gefühl, die hätten mal in deutschland mit den Onkelz getourt [?], was sie nicht grade sympathischer macht. Ihren Ex-Bassisten hab ich unlängst mal als Mitglied einer anderen Ur/Kult Formation namens X gesehen (nicht die LA-Band), die wussten mich jedoch mit ihrem Mega-Working-Class-Aussie-Proll-Pub-Rock gar nicht auf ihre Seite zu bringen. Wahrscheinlich hab ich’s mit meinem Europäerhirn nicht kapiert.

LIVING END haben einen Stellenwert, der dem der Toten Hosen in deutschland ähnelt, nur die Musik ist besser, kennt ihr aber eh alle schätze ich. SMUDGE und GOLDSTAR gehören soweit ich weiss der Vergangenheit an, die Verantwortlichen (Tom Morgan und so) nehmen aber weiterhin ungehindert Lo-Fi-Gitarren-Schrammel-Songs auf und finden auch oft jemand, der sie veröffentlicht. Auch wenn es wie Soul klingen soll, auf diesem Wege aber voll in die Hose geht. YOU AM I brechen alle Rekorde hinsichtlich Popularität; sie werden landauf, landab geliebt für ihren ausgefeilten Gitarren-Rock mit den schönen Melodien, und das, obwohl einem die hohe Stimme von Tim Rogers doch offentsichtlich irgendwann mal ein bisschen auf die Nerven gehen müsste.

Vor einigen Jahren klangen sie doch noch wie Sonic Youth oder. Ebenfalls ausgesprochen gern gesehen wird die Präsenz von SOMETHING FOR KATE, die heute abend zum Beispiel die Metro in Sydney ausverkauft haben (wohlgemerkt: das ist der vierte Tag hintereinander und der Laden fasst schätzungsweise so 1000 Leute). Sie spielen Gitarren-Pop der leicht melancholischen Sorte mit starkem Universitäts-Einschlag, legen Wert darauf, sophisticated zu erscheinen und sind dabei eine wirklich gute Band. Haben mich kurz mal an REM erinnert und heute las ich, dass deren Engineer ihre neue Platte produziert hat. There you go, habe ich gedacht. Ebenfalls Gitarrenpop, jedoch eine Generation jünger, sind WAIKIKI, die ich mal im Vorprogramm von J Mascis gesehen habe und die an jenem Abend natürlich kein Land gesehen haben.

Sie haben den grossen Trumpf einer Sängerin, die so eine herrlich „süsse Stimme“ hat, verdaddeln sich jedoch, wenn sie interessant klingen wollen dafür fehlen ihnen die Guts, falls ihr versteht, was ich meine. Laufen ständig im Radio. THE MARC OF CAIN schaffen’s auch dauernd ins Radio, was für eine Band, die sich auf derart brutalen und humorlosen Rock festgelegt hat, schon eher eine Leistung ist. Sie klingen, kurz gesagt, wie Helmet, aber – und das ist schon erwähnenswert – auch nicht viel schlechter. Haben der Einfachheit halber auch gleich den Ex-Helmet Schlagzeuger in ihren Reihen, der halt ein bisschen zwischen New York und Adelaide hin und her fliegt. Ganz von New York hergezogen zu sein scheint Kevin (Ex-Brutal Truth Sänger), der eine neue Heimat in der völlig durchgämmerten Grindcore Kapelle DAMAGED gefunden hat.

Saucoole Band übrigens, die nicht ohne achtziger-Jahre-Begriffe wie Doublebassgewitter zu beschreiben wäre. Wie unschwer zu erkennen ist, gehe ich bei dieser Zusammenstellung vollkommen ohne Plan vor und hüpfe von Genre zu Genre wie jenes berühmte Tier, das jeder mit diesem Land zuallererst zu verbinden scheint. Eine Vorgehensweise, die der von VICIOUS HARRY MARRY ähnelt, die in der Clownerei-Tradition von Bands wie Mr Bungle oder Primus herumwurschteln und sich damit zumindest meiner Aufmerkamkeit sicher sein können. Als ich sie das letzte Mal anschauen wollte tauchten sie nicht auf und ich fuhr unverrichteter Dinge wieder nach hause (nach Hause?), also kann ich nichts ueber ihre berüchtigten Kostüm Show berichten.

Meines Wissens ist es einer ihrer Ex-Schlagzeuger, der inzwischen dieses Duo namens THE BIRD aufgezogen hat. Und das möchte ich mal ganz unverholen wärmstens empfehlen. Es gibt Drum’n’Bass aber hier werden nicht nur Knöpfchen gedreht und Regler verschoben oder gar auf Laptops rumgeklickt, nein, hier wird musiziert und zwar dermassen hinreissend, dass es einem die Freudentränen in die Augen treibt. Der Drummer, ey, der Drummer….! Und dann haben sie immer so Gastmusiker (bevorzugterweise Inder, die auf Tablas rumhauen) und das ganze funktioniert so, dass alle, egal welcher Szene-Herkunft sie auch sein mögen, anfangen zu tanzen. Ganz, ganz cool.

Zweite CD heisst Music For Reset People, ich weiss aber nicht, obs die in Europa gibt. Meantime bitte ich darum, sich die vier Songs von ihrer Seite runterzuladen, sofern man die technischen Wundermöglichkeiten hat:http://www.thebirdweb.com und down wird geloadet. In konservierter Form zwar nicht so ultrafrisch wie live aber man bekommt den Hinweis. Wenn wir schon grade bei Non-Rock sind, möchte ich auch noch grade auf THE NECKS aufmerksam machen, eine Band, die fest in der Jazz-Szene verankert ist. Es handelt sich um ein Trio (Piano/Doublebass/Drums), das stets frei improvisierend zu Werke geht und dabei vor allem auf sich ewig wiederholende Patterns setzt, die durch leichte Veränderungen ständig neu klingen.

Also eher Minimal Music als Jazz. Manchmal gar Ambient (Was? Pfui! ruft der Punker). Klar ist, dass sowas nur gut sein kann, wenn die Beteiligten mit Spannungsbögen umzugehen wissen. Wissen sie. (Also was wollt ihr!) Haben einige CDs draussen, die jeweils einen „Song“ beeinhalten. Macht Sinn. Zurück zum Rock. Und wenn schon, dann richtig. WARPED aus Melbourne sind 120% High Energy Rock mit allen Klischees und sind dabei vor allem live eine wahre Freude. Jeder erdenkliche Rock Move wird aus dem Hut gezogen und zur Not opfern sie gar ihre Gage, um eine Stripperin auf der Bühne zu finanzieren. Auch auf der unlaengst erschienenen Freak City CD ist das cool, überdrehter Rock’n’Roll wie er auch auf Amrep hätte erscheinen können, als so manch einer diesem Label zu Füssen lag. Sie sind hier auch ein bisschen populär, spielen mit Rollins und so.

Warped gibt es schon ewig, sie fingen mit dem Unfug an, als sie 14 waren. Also bitte keine Verbindung zur Tour eines grossen Skateboardschuh-Fabrikanten herstellen. Ebenfalls Rock, aber mit erdigerem Unterton (you name it: Stoner) sind DAREDEVIL, auch das eine Band, die versteht, den Abend in eine nach Bier stinkende Party zu verwandeln mit ihren Sabbath-Riffs, die mit Sicherheit immer und immer auf D enden und beginnen. Dabei sind sie sich dessen, was sie machen voll bewusst und entbehren nicht einer erleichternden Selbstironie. Tongue-In-Cheek, ihr versteht. In dieser Sparte ebenfalls tätig sind Bands wie THUMLOCK, DERN RUTLIDGE, ROLLERBALL, BOB SLEDGE und eine ganze Baggerschaufel voll weitere.

Das Hauptquartier scheint dabei High Beam Music zu sein unter dem Vorsitz von Andrew McKenzie. Auf diesem Label sind auch NUNCHUKKA SUPERFLY zuhause, sie reihen sich aber nicht so einfach ins Trucker-Rock-Getümmel ein. Bestehend aus zwei Dritteln Hard-Ons (anderer Schlagzeuger) rocken sie wie die Wahnsinnigen, psychedelische Siebziger-Passagen finden ihren Weg ohne weiteres in Noise Rock Gefilde und dort angekommen herrscht dann eine Bösartigkeit (und Lautstärke), die einen die Hard-Ons als kompletten Witz erscheinen lässt. Musik-Freaks, die weit über den Tellerrand schauen, wenn sie nach Inspirationen suchen. Schräge Takte, Breaks, manchmal musste ich live kurz an Barkmarket denken, sie unterhalten sich aber lieber über Dub und Krautrock. Ganz, ganz geile Rockband. Hab ich mal mit BOX FREEZER ROMANCE gesehen.

Diese sind die volle überraschung für mich gewesen, sie sind…Avant Garde! Nicht grade das, was einem in diesem sonnigen Stück Land mit seiner omnipräsenten Beach Culture täglich vors Auto läuft. Sehr gute Band, erinnern jemanden wie mich, der damit nicht so irrsinnig bewandert ist (zu jung?) zuweilen an so Kram wie Per Ubu oder Slovenly psychedelic punk vermischt mit dem jazz feel von Sun Ra. Falls das Sinn macht. Mixen grade ihre erste CD, aber wann und wo die rauskommt ist noch völlig unklar.

Ach ja, ha. Und dann ist da noch meine kleine Rockband, TWO PIN HOT WIRE. Die ist auch ein bisschen aktiv und wurschtelt in der Art von Schmutz rum, die mal von Labels wie Touch and Go und Boner gefördert wurde. Live rockts schon ziehmlich ungestüm und manche Australier finden es extrem. Popperfolk. Damit werde ichs für dieses Mal bewenden lassen und rausgehen, um eine zu Rauchen. Nach den ganzen Namen…

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Dietmar

Willkommen in der wunderbaren Welt instabiler afrikanischer Staaten: Der Zug aus Daressalam ist noch nicht ganz in Kigoma angekommen, da ist bereits ein erstes Flüchtlingscamp zu sehen. Camp ist eigentlich das falsche Wort: Das Lager sieht aus wie die Anlage eines deutschen Logistikunternehmens. Es ist auch genauso mit hohen Zäunen gesichert – nur dass dahinter keine teuren Waren lagern, sondern Kongolesen Schutz suchen. Aber immerhin: Wenn man an Flüchtlingscamps denkt, hat man die Bilder von halb eingerissenen Zelten, Kindern mit Hungerbäuchen und andere Schrecklichkeiten im Kopf. Das gibt es hier mit Sicherheit auch – zu sehen ist davon aber nichts. Kigoma liegt am Ostufer des Tanganyika-Sees, stellt somit die westlichste Stadt Tansanias dar.

Der Kongo – das ehemalige Zaire – liegt nur gut 50 bis 80 Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Sees. In der Abenddämmerung lassen sich die 3000 Meter hohen Berge im Kongo erahnen. Burundi, noch so ein Staat, der nicht zur Ruhe kommt, ist 150 Kilometer in Richtung Norden entfernt. Die Flüchtlingscamps für Neuankömmlinge aus Burundi liegen also weiter im Norden; wer hier in Kigoma ankommt, stammt normalerweise aus dem Kongo.

Immerhin gibt es auch weiterhin Fährverbindungen in das kriegsgebeutelte Nachbarland – nach Kigoma zu kommen, ist also verhältnismässig einfach. In Kigoma lässt sich das Elend in den beiden Nachbarstaaten zumindest erahnen. Entlang des wirklich schönen Ufers haben die verschiedenen Hilfsorganisationen ihre Büros eröffnet, das Rote Kreuz ist genauso vertreten wie ärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe. Es gibt auch findige Kinder, die mit der Not und dem schlechten Gewissen westlicher Touristen ihr Geschäft zu machen versuchen: Wir haben kaum den Bahnhof von Kigoma verlassen, da werde ich auch schon von einem Jungen angesprochen, der uns partout den Weg zu der Unterkunft zeigen will, von der wir ohnehin schon wissen, wo sie liegt.

Weil das seine Chancen auf ein gutes Trinkgeld massiv verringert, erzählt er die schier herzzerreissende Geschichte von den Eltern, die im Kongo gestorben seien, von seiner Flucht nach Tansania und davon, dass er am nächsten Tag erst einmal das Schulgeld bezahlen müsste, weil er ansonsten gar nicht erst zum Unterricht auftauchen müsste. Das war leider ein bisschen zu dick aufgetragen; hätte er nur eine dieser Geschichten erzählt, hätte er vielleicht ein paar Mark bekommen. Wie sich hinterher zeigte, stimmte nicht eine.

Aber solche Geschichten können nicht davon ablenken, wie gross das Flüchtlingsproblem im Westen Tansanias tatsächlich ist: Als ich Mitte September in dem Land unterwegs war, hatten die Kämpfe um die ostkongolesischen Hafenstädte gerade wieder begonnen. Die Behörden schätzten, dass ein paar hundert Menschen jeden Tag über den Tanganyika-See kamen. Genaue Zahlen gibt es nicht: Die Uferregion ist mit Ausnahme Kigomas kaum erschlossen. Nur im Süden gibt es überhaupt noch ein paar Dörfer, die eine Strassenverbindung ins Inland haben. Alle anderen Orte werden einzig und alleine über den See versorgt. Wer soll da also kontrollieren, ob in der extremen Dunkelheit afrikanischer Nächte ein paar Kongolesen an Land gehen und sich dort verstecken?

Der Krieg im Kongo ist also wieder entflammt – trotz aller Hoffnungen, als Joseph Kabila vor einer Weile Präsident geworden war und Bewegung in die stockenden Verhandlungen kam. Dafür ist das wirtschaftliche Interesse der Kriegsgegner zu gross: Diamanten, Gold, seltene Metalle – all das bringt eine Menge Geld in Europa. Deswegen überraschte es mich auch nicht, als mir ein Kongolese, den ich im Zug kennen gelernt hatte, davon erzählte, dass sehr viele amerikanische Firmen in seinem Land tätig seien. Trotz des Krieges. „Beteiligen sich eigentlich europäische Staaten an diesem Krieg?“, hatte er mich gefragt. „Eigentlich nicht“, antwortete ich bewusst zögerlich –

ich ahnte, dass er mir von den Kriegsprofiteuren erzählen würde. Der Kongolese lud mich ein, mit ihm zu kommen, damit ich mir die Situation selbst anschauen könne. Ich lehnte ab, aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen. Die Unternehmen können dort unten relativ unbehelligt arbeiten, denn kaum jemand weiss, was dort wirklich passiert. Selbst tansanische Zeitungen berichteten über den Krieg nur das, was sie per Telefon von Informanten erfahren hatten. In Europa dürfte kaum jemand wahrnehmen, dass es überhaupt einen Krieg gibt. Wie viele Menschen dort jeden Tag sterben? Wer weiss das schon? (Ich war in Kigoma wenige Tage nach dem 11. September; aber ich erspare mir die Frage, warum CNN auch noch Wochen nach dem Anschlag durchgehend über den „war on terrorism“ berichtete, während andere, ähnlich grosse Tragödien in Dritte-Welt-Ländern keine Rolle spielen. Wir kennen die Antwort ohnehin.)

Es war auch in Kigoma, wo ich erstmals ein vages Gefühl von Bedrohung empfand. Eine Woche, bevor ich an den Tanganyika-See kam, war in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis, eine tansanische Fähre angegriffen worden, die bis dahin zwischen den beiden Orten verkehrte. Glücklicherweise war niemand dabei getötet worden, es gab offenbar nur ein paar Verletzte und etwas Sachschaden. Trotzdem gab es überlegungen, einen Gegenschlag durchzuführen – die Angreifer kamen nämlich von der burundischen Armee. Wenn es aber dazu kommen würde, würde das zu einer Eskalation führen? Das war offenbar die grosse, nicht zu beantwortende Frage.

Jedenfalls hiess es, dass die „MV Liemba“ – das Boot, das die Dörfer entlang des Ufers verbindet und sie mit Lebensnotwendigem versorgt – in dieser Woche eventuell nicht ablegen würde. Meine gesamten Reisepläne wären durcheinander geraten, hatte ich doch zugesichert, nur eine Woche später in Malawi zu sein. Und da gab es nur zwei Wege: Entweder zurück mit dem Zug, um dann den Bus zu nehmen (woran ich beim besten Willen kein Interesse hatte), oder mit der Fähre bis zur sambischen Grenze zu fahren, um von dort aus in drei Busetappen Malawi zu erreichen – eine weit entspanntere und interessantere Alternative. Andererseits: Ob es so reizvoll ist, auf einer Fähre unter Beschuss zu geraten? Nicht wirklich. Die „Liemba“ fuhr dann doch, eben weil sie für die Versorgung der Menschen unverzichtbar ist. Und als wir so langsam am Ufer entlang fuhren, waren alle Sorgen schnell wieder verschwunden…

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Axel Klingenberg`s kleine Welt

Arbeit Arbeit Arbeit I

Ich habe schon viel Unsinn gemacht in meinem Leben. Zum Beispiel gearbeitet. Schon als Kind habe ich für wenig Geld viele Kirschen gepflückt und ein paar Jahre später Spargel gestochen, was soviel heisst wie geerntet, glaub ich. Weiss ich nämlich nicht mehr so genau, da es in dem Jahr zu viel geregnet hatte oder zu wenig oder wie auch immer. Jedenfalls gab`s kaum Spargel zu stechen, und nach zwei oder drei Tagen durfte ich wieder gehen, was mir nicht ungelegen kam, da es mir doch immer recht unangenehm war, die schweren Säcke auf den Rücken geladen zu bekommen und damit über den Hof zu wanken, zu schwanken und froh zu sein, nicht zu stürzen, bevor ich das rettende Scheunentor erreicht hatte und damit ausser Sichtweite war. Nein, dafür ist mein Rücken nicht gemacht, sondern eher dafür, auf dem selben zu liegen und ein Buch zu lesen – womit man allerdings nur sehr begrenzt Geld verdienen kann.

Auch meinem Vadder hab ich mal auf`m Bau geholfen. Allerdings hatte ich da ein ähnliches Problem wie beim Phallusgemüsestechen: nur war`s eben die mit Fliesen oder Ziegelsteinen gefüllte Schubkarre, die ich immer wieder über ein schmales Brett in ein Haus fahren musste – natürlich bergauf. Wenn ich ihm und seinen Kollegen erzählt hätte, dass ihre Schubkarren ziemlich dämlich konstruiert sind, da der Schwerpunkt nicht auf dem Rad liegt, sondern davor, so dass der Körper das ganze Gewicht tragen muss, anstatt diese Tätigkeit einem Stück Gummi zu überlassen, wäre mir wahrscheinlich eine Bildzeitung im gerollten Zustand um die Ohren gepfeffert worden.

Oder eine Bierflasche. Aber so ist es nunmal. Wenige tausend Jahre, nachdem in China angefangen worden ist, derartige Schubkarren zu benutzen, steht diese Erfindung in der westlichen Welt immer noch aus. Na ja, immerhin können wir zum Mond fliegen (es sei denn, das war auch nur eine Fälschung unserer amerikanischen Freunde).
Jedenfalls hatte sich so schon früh gezeigt, dass mir körperliche Arbeit doch nicht so liegt, weshalb ich beschloss, im Büro zu arbeiten. Das tat ich dann auch, nämlich beim Fernmeldeamt, das damals noch diesen gewissen staatssozialistischen Charme versprühte. Allerdings wurde ich schon recht schnell desillusioniert.

Ich kam in die Rechenstelle und hatte die Aufgabe, Fernmelderechnungen zu betreuen, was sich als eine ziemlich öde Aufgabe herausstellte. Ich war von Zahlen umgeben, von Ziffern, von Nummern, die alle eine Bedeutung hatten, die mich so rein gar nicht interessieren wollte. Und ich hatte gedacht, ich muss bloss Kaffee trinken. Schade.
Nach einem Jahr kam ich in die Telefonauskunft. Dort war ich eine Platznummer, die Rufnummern an irgendwelche Nullen herausgab. Auch nicht so toll. Man liess mich da auch nur wieder raus, weil ich mich von Uelzen nach Wolfsburg versetzen liess.

Das heisst, von einer Provinzstadt in eine andere. Wolfsburg – die Stadt, die der Führer seinen Klonen geschenkt hatte – hat den Nachteil, dass sie lediglich das Anhängsel des VW-Werks war – und sie hatte damals den Vorteil, dass die Zentrale eben in Uelzen war, und somit hier im Aussenposten geradezu anarchische Verhältnisse herrschten. Es war grossartig! In romantischen Augenblicken kam ich mir fast vor, wie ein russischer Dissident in der sibirischen Verbannung, nur ganz so kalt war`s nicht. Kein Boss, der sich wirklich so nennen durfte, und kein Kundenverkehr, der mich beim Ausruhen störte. Ich hatte nur die Aufgabe, irgendwelche Handwerker von der Ortsvermittlungsstelle A in die Knotenvermittlungsstelle B zu schicken, und von dort in den Feierabend. Schön. Und die Mittagspause am Freitag nutzten wir, um früher ins Wochenende zu gehen. Noch schöner.

Nur mein Vorgesetzter, der mit mir in einem Büro sass, war ein bisschen lästig. Obwohl ich morgens um 9, also bis zur Frühstückspause, schon mit meiner Arbeit fertig war – danach musste ich nur gelegentlich telefonieren – durfte ich nicht den Rest des Tages Zeitung lesen. Und wenn er zu Mittag ging, musste ich aufpassen, nicht zu schlafen, wenn er zurückkam. Einmal ging, während ich eingenickt war, die Tür auf und ich fiel fast vom Stuhl vor Schreck. Doch war es nur unser dritter Kollege, der eine ähnliche Einstellung zur Arbeit hatte wie ich, nur dass er sie besser tarnen konnte. Beleidigt waren die beiden nur, wenn ich morgens zu spät kam, was eigentlich täglich vorkam.

Nur einmal, ein einziges Mal, war ich richtig stolz auf mich, weil ich pünktlich war. Punkt 7 hatte ich das Büro betreten, grüsste freundlich und setzte mich mit vor Stolz geschwellter Brust auf meinen Drehstuhl. Meine Kollegen antworteten mit einem vorwurfsvollen „Mahlzeit!“. Es brauchte nicht lange, dann hatte ich herausgefunden, dass mein Wecker eine Stunde zu spät geklingelt hatte. Wieder nix mit der Pünktlichkeit! Trotz dieser fast paradiesisch anmutenden Zustände war ich nicht wirklich zufrieden. Wie gesagt, durfte ich auch hier nicht lesen, weder Zeitungen noch Bücher. Und das war ja eigentlich das, was ich machen wollte. Ausserdem bekamen wir eines Tages einen jungen smarten Nachwuchsmanager vorgesetzt, der meinte, unbedingt aufräumen zu müssen.

Ständig suchte er irgendwas, was er einsparen oder irgendjemanden, den er wegkürzen konnte. Und dann latschte noch eine unserer Kolleginnen zu ihm, um freitags noch eine Viertelstunde früher gehen zu können, weil sie meinte, die Mittagspause wäre ja eigentlich länger. Tja, daraufhin hat er sie natürlich gleich weggekürzt. Leider nicht die Kollegin, sondern die Möglichkeit, früher ins Wochenende zu gehen. Never touch a running system! Und dann war da noch die Sache mit der Beamtenprüfung. Es war mir einfach nicht gelungen, mich angemessen darauf vorzubereiten. Ich versuchte das Schulungsmaterial zu lesen, doch ich konnte es nicht aufnehmen.

Manchmal schlief ich sogar dabei ein. Bei der Prüfung fiel ich dann durch sämtliche Fächer, ausser durch Staatsbürgerkunde. Das hatte ich drauf. Anschliessend schüttelte ich die, mich bemitleidenden Kolleginnen und Kollegen ab, ging in die City, kaufte mir einen tollen, heruntergesetzten Kapuzenpulli, den ich noch heute trage, obwohl er inzwischen rosa verfärbt ist …und ich fühlte mich grossartig. Fast hätte ich vor Erleichterung auf der Strasse getanzt. Nach wenigen Monaten rief die Personalstelle bei mir an und wollte mir den Termin geben, an dem ich die Prüfung nachholen konnte. Ich verzichtete grosszügig darauf, blieb vorerst Angestellter und reichte etwas später die Kündigung ein.

Ja, und dann ging ich auf`s Braunschweig-Kolleg, wo ich 1. mein Abi nachholen konnte, und 2. ganz viele Leute traf, die so waren wie ich. Nichtsnutze, die auf Punk- und Hardcore-Konzerte gingen, tranken, sich Zigaretten teilten, Nazis zum Kotzen fanden und philosophische Diskussionen über die Wupptitiät der Erdatmosphäre einem Gespräch über die Vor- und Nachteile des neuen Golfmodells vorzogen. Das Geld für meinen Lebensunterhalt bekam ich in Form von Bafög vom Staat. Das fand ich auch schön. Nachdem ich die drei Jahre erfolgreich hinter mich gebracht hatte, begann ich zu studieren: Politologie, Neuere Geschichte und Deutsche Literaturwissenschaf. Hier fand ich keine Nichtsnutze, sondern ekelhafte Spiesser, die mich ernsthaft in der ersten Stunde fragten, wie ich mich auf die Zwischenprüfung vorbereiten will. Gar nicht, dachte ich mir so, und ging wieder.

Und jobbte…Lesen Sie in der nächsten Ausgabe, warum es besser ist, Bier zu trinken als Bier zu brauen und warum es auch besser ist, Pizza zu essen als Pizza auszuliefern. Und warum Bus fahren mehr Spass macht, wenn man dafür Geld bekommt, als wenn man dafür bezahlt.

 

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Put On Your Shitkickers…

-Alle die war da sind, sind wir Amerikaner-

Hat sich die Welt nach dem 11.09.01 wirklich verändert? Oder war sie vorher nicht genauso voll Scheisse? Hat die amerikanische Politik in Afghanistan einzig einen Grund gesucht zuzuschlagen, im Sinne der Resourcenzugangssicherung? Warum kann niemand schlüssige Beweise gegen Bin Laden vorlegen? Und waren vielleicht sogar Amerikaner an den Anschlägen beteiligt? (Hat nicht schon Nero über Nacht Rom anzünden lassen, um seine Christenhatz zu starten?)

„In Zeiten des Krieges gibt es keine Opposition mehr“, sagt der Führer der Demokraten im Repräsentantenhaus und fällt dem Präsidenten um den Hals. Der wiederum vergleicht im Fernsehen den 11.09.01 mit dem Angriff auf Pearl Harbour und ruft den Kriegsfall aus. „Weil wir alle Amerikaner sind“, und weil es um die „Verteidigung unserer Leitkultur“ geht. Halleluja! Mit Fernlenkwaffen, die im Stück 2 Mio und mehr Dollar kosten gegen ein Volk, das ausser dem nackten überleben nichts mehr zu verlieren hat. Das sich Fresspakete aus Minenfeldern angeln darf, die bis vor kurzem noch genauso aussahen wie Clusterbomben, die mit den gleichen Flugzeugen kamen.

Wie wäre es für die New Yorker, wenn die Taliban wirklich einmal ihre Stadt aus der Luft angreifen würden und es in den Feuerpausen Kebap- und Falafelpakete regnete? Zusammen mit Handbüchern für Koran-Interessierte. Die essentiellen zehn goldenen Lebensregeln in Comic-Format. Schaue ich auf Deutschland wird mir auch nur schwarz vor Augen. Deutsche Soldaten in Afghanistan herumrobben zu sehen, scheint 56 Jahre nach dem letzten verlorenen Krieg hierzulande keine Schreckensvorstellung mehr zu sein, die allgemeines Entsetzen und Widerstand hervorruft.

Der Himmel verdunkelt sich und die Kälte ist immer deutlicher zu spüren. Viele Dinge erscheinen jetzt noch illusorischer, als sie es ohnehin schon waren. Es gibt Momente, wo der Ekel vor alles und allem wieder übermächtig zu werden droht. Wo ich mich frage, wie dieser sinnlosen Negativität standzuhalten ist. Und warum?

Manchmal verhärten sich die Arterien in diesen Zeiten. Trotzdem ziehe ich am nächsten Morgen leise die Haustür hinter mir zu und latsche fröstelnd, mit hochgezogenen Schultern und leicht gesenktem Blick zur Bushaltestelle.
Solange der Herzschlag in den Ohren hallt.

tom dreyer

Die meist-konsumierten Tonträger dieser Tage:

EELS – „Souljacker“LP

NEW ORDER – „Get Ready“LP

ROLLINS BAND – „Nice“CD

MANOREXIA – „Volvox Turbo“CD

SLAYER – „God Hates Us All“CD

FUGAZI – „The Argument“LP

 

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BREMEN BOUNCER
Hi, meine lieben potentiellen Abgewiesenen, seid Ihr auch schon mal an einer Diskothekentür abgewiesen worden und darüber so richtig wahnsinnig geworden, ich meine so richtig weltvernichtend wahnsinnig….

Tja, nach dem 11.September wissen wir was aus kleinen Fubunesen werden kann, die man zu oft abgewiesen hat. Sie werden wahnsinnig vor Wut auf den gemeinen Westen, der sie nicht zu den begehrten Perlen lässt, um diese so richtig cool anzugrabschen. Sie lassen sich einen Rauschebart wachsen, um ihren dicken Hals zu verbergen und wickeln sich nasse Handtücher um den Kopf, um einen kühlen solchen zu behalten.

So dann starten sie ihren Rachefeldzug gegen die Allgemeinheit. Und wer hat wieder mal Schuld….die Türsteher, wer denn auch sonst! Also, lasst also bitte in Zukunft alle ausländischen Asis in die Diskotheken. Und wenn sich reihenweise die Mädels beschweren kommen, weil ihnen einer dieser goldkettchentragenden Versuchsmänner, zwischen die Beine gepackt hat, macht ihnen klar, dass dies durchaus das kleinere übel sein kann.

So wie meine Grossraumdisco: Die hat sich vor kurzem zur ersten offiziellen Schläferdisco von Bremen aufgeschwungen und hat ihre allwöchendliche Tanzveranstaltung zum „Schläferstündchen“ umbenannt. Am Eingang hängt jetzt ein Schild: „Heute: Own-Risk-Entry für Frauen!“ Ich sag Euch, der Laden boomt.

An dieser Stelle möchte ich im Namen aller meiner antiamerikanistischen Freunde ein grossen „DANKE OSAMA!“ verkünden. Was hatte der New Yorker Fehlflug, mal abgesehen von der „recht überschaubaren“ Menge unschuldiger Toter, für Konsequenzen. George Bush ist nicht mehr der Depp des Westens, alle fühlen sich ungemein verbunden mit den USA, im Namen der Terrorismusbekämpfung werden die Bürgerrechte abgebaut und, last but not least, DIE SCHEIss KIRCHEN SIND WIEDER VOLL! Danke, Osama, echt tolle Leistung.

Naive „Linke“ in der ganzen Welt wissen es Dir zu danken, denn sie freuen sich ja über jeden Angriff auf das böse Amerika. Ha,Ha,Ha! Aber immerhin, in der allgemeinen Milzbrandpanik sind die Cops wahrscheinlich mittlerweile sogar froh, wenn es sich bei der aufgefundenen weissen Substanz nur um Kokain handelt. (Nichts für ungut, schönen Tag noch!) Dann schon leiber Nasenbrand, was? Vielleicht ist diese ganze Bin-Laden-Geschichte ja auch nur so ein Aufstand übermütiger, im tieftsten Herzen jedoch frustrierter Kleinwüchsiger

(Wie gross ist der Kerl denn eigentlich?). Dieser Eindruck könnte entstehen, denn in letzter Zeit habe ich es an der Tür sehr oft mit kleinen Grossmäulern zu tun, die, einem Zwergpinscher gleich, ihre Körpergrösse mit übermütiger Schnauze zu kompensieren versuchen. Im Gegensatz zu Zwergpinschern brüstet sich der Mensch allerdings mit etwas was er Verstand nennt, dessen Besitz er aber offensichtlich meist nur vortäuscht.

Denn während der Zwergpinscher Situationen durchaus erkennen kann, in denen die Gefahr zu gross wird eingemacht zu werden, hielten die jüngsten Beispiele menschlicher Kleingeistigkeit noch nicht einmal die Fresse, als sechs ausgewachsene Türsteher sich um sie positionierten. Das Problem: ZWERGPINSCHER HABEN KEINE ANWäLTE! Wenn der kleine Hund immer weiter muckt, wird ihm ganz simpel vom grösseren und stärkeren Gegenüber der Körper zerschunden.

Der kleine Mensch hingegen kann provozieren und beleidigen bis nach Meppen, denn sobald er die Quittung für sein Verhalten kassiert, schreit er nach der Polizei und lässt Papi ’nen guten Anwalt besorgen (Komm, Papi, besorg^s mir! -Höh,Hö!), damit der böse, brutale und menschenverachtende Türsteher die Haushaltskasse auffüllen darf. Aus diesem Grund sind kleine Menschen, meist Männchen, meiner Berufsgattung gegenüber, nicht selten von einem Grössenwahn befallen, der ihnen ein schnelles Plätzchen in der Klappse bringen sollte, aber kein Schmerzensgeld.
Was gab denn der Veranstaltungsmarkt in den vergangenen Monaten so her?

Nicht viel eigentlich. Trotz allgemeiner Trauerstimmung wegen der Flugzeuge in NYC wurde der Bremer Freimarkt eröffnet. Und auch Euer Damien begab sich mit der Belegschaft seiner Kleinraumdiskothek in tiefstes Feindesland der spiessigen Bürgerlichkeit. Wie eigentlich jedes Jahr wünschte ich mir im Bayernzelt einen Walkman mit BLACK FLAG-Beschallung herbei. Aber die ersehnte Rettung blieb aus, und so musste ich einer zehntklassigen Coverband lauschen, die ein ums andere mal für verächtlichste Lacher sorgte. Zwischen den Tischen rannten immer wieder komische, weibliche Wesen umher, die versuchten skurilste Fanware an den besoffenen Pöbel zu bringen.

Der neue Hit in diesem Jahr waren blinkende Bunny-Ohren. Sehr witzig, aber welchen Zweck diese Dinger erfüllen sollten, konnte mir keine der Ramschverkäuferinnen erklären. Die dreisteste Tante wollte mir sogar Teufelshörnchen andrehen, weil das ja so witzig zu meiner Mütze passen würde. Ich wollte sie schon darüber aufklären, dass ich aufgrund meiner Herkunft so lächerliche Imitate garnicht nötig hätte, aber da wir in einer sehr klerikalen Zeit leben, zog ich es vor, diese Anmassung mit einer simplen, süffisant eingeschobenen Beleidigung abzustrafen. Ein anderes Highlight, welches ich Euch nicht vorenthalten möchte, war das Gastspiel der American Dreammen (Nein, nicht Ignite, sondern das Original.) in einer Veranstaltungshalle im Bremer Hafengebiet.

Während sich nicht nur sexuell frustriete Hausfrauen, sondern seltsamerweise auch jüngere Mädels (so jung und schon so nötig?) in der Halle aufgeilten, fiel mir schlagartig ein, dass ich als Haustechniker (über diese neue Tätigkeit berichte ich das näxte Mal) vergessen haben muss die Bühne zuheizen, denn was man hinter vorgehaltener Hand erahnen und einmal auch sehen konnte, waren Konfirmandenkrüllis feinster Sorte. Und das bei so einem grossen gestählten Körper. Schade, meine Damen, tut mir richtig leid für Euch.

Irgendwann kam der Oberschrank aus der Backstagetoilette auf seinen Roadmanager zugerannt und schrie. „Ich kann aus dem dritten Sackhaar pissen, Chef!“ Mit Worten der persönlichen Enttäuschung über die Männerschaft ziehe ich mich hiermit aus der Affäre und werde Euch das nächste Mal mit so asexuellen Kalibern wie Echt, Bap und der Kelly Family beliefern. Bis dahin befehle ich euch, quasi als Hausaufgabe, die frisch aufgemöbelte Seite www.damiensatanson.de zu besuchen und meine Sklaven zu werden. YieeeeHaaaa!
Damien Satanson

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JöRG was forced to think

Man, ist ja schon lange her, dass ich ne Kolumne geschrieben habe! Egal, ist ausser mir wahrscheinlich eh niemanden aufgefallen hehe. Ja, ausserdem hatte ich mir mal vorgenommen nur dann eine Kolumne zu schreiben, wenn mir was am Herzen liegt, ich was am Herzen hab oder was interessantes passiert ist. Letzteres war der Fall. Naja, fand ich jedenfalls. Also lange Rede kurzer Sinn: ich machte mich in weiblicher Begleitung auf den Weg, um per Bahn zu einer Party nach Hamburg City zu reisen. Normalerweise eine ziemlich entspannte Sache. Ich hatte mir deshalb auch nett was zu lesen mitgenommen, aber den Schmöker konnte ich getrost in der Tasche lassen.

Denn bevor wir den Zug in Bremen betreten konnten wurden wir von einer grösseren Ansammlung von Polizisten in die eine Ecke des Bahnsteigs geschickt, warum war mir da noch nicht klar. Im Zug war mir das dann schon klar, denn neben uns waren noch so ca. 100 Hooligans aus Lübeck mit im Zug. Hallo? Wieso hat ne Regionalligamanschaft Hooligans? Ich bau doch auch keine Spoiler an einen Smart, tststs. Ok, zum Glück hat sich dann noch eine Gruppe Motorrad Rocker (ja, so haben sie sich lauthals singend selber genannt) vor uns gesetzt.

Die fanden es dann ziemlich lustig sich über die Lübeck Fans lustig zu machen und ich fand das irgendwie unentspannt so genau dazwischen. Als dann so die üblichen Sachen passierten, wie Notbremse ziehen und von den Polizisten durch den Zug gejagt werden, waren wir ehrlich gesagt noch nicht weit gekommen. Prima, denn der Stopp hatte auch zur Folge, dass wir in Hamburg Harburg alle raus mussten um per S Bahn weiterzufahren. Tja, was soll ich sagen die S Bahnen sind viel kleiner als die wagons der Bundesbahn.

Nur wurden dadurch die Hools nicht weniger und wie das nun mal so ist, wenn sooo viele Menschen auf einen kleinen Fleck stehen rastet einer aus. Genau das passierte, nur ganz anders als ihr vielleicht vermutet. Eine ca. 25jährige, ich sag mal Lehramtsstudentin, fing an durch den Wagon zu schreien „Jesus liebt Euch!“ Ich bezweifle, das irgendjemand Hools in Bomberjacken liebt und ich glaube auch nicht, dass die Hools oft so angeschrien werden. Die guckten dann auch erst mal komisch, bis einer anfing Fussball Sprechchöre auf Jesus um zutexten, was nicht nur bei der verirrten Jesuitin tierisch gut ankam, nein auch die Fussball-Freunde aus Lübeck fanden das toll.

So tönte es dann aus 40 Kehlen „Ole super Jesus ole ole ole“ oder „Jesus vor, schiess ein Tor!“. Die beiden besten Sprüche waren aber von solch einer Tiefgründigkeit, das war den Chorknaben aber sicher nicht bewusst als sie „Ohne Jesus habt ihr keine Chance!“ sangen. Aber nun mein absoluter Fav „2te Liga Jesus ist dabei!“. Soweit ist das schon, das Jesus nur Zweitliganiveau hat. Naja die Kirche hat ja auch nicht soviel Kohle wie der FC Bayern und vor allem haben Sie Petrus und nicht Olli Kahn im Tor. HEHE! Naja, dieses kollektive Singen hat aber zum Glück stark deeskalierende Wirkung.

Am HBF angekommen, verabschiedeten sich alle Hools schön brav von der Initiatorin dieses Events und ich verliess die Bahn mit dem Gedanken, dass Religion anscheinend doch zu was gut sein kann.

Bei mir schwer in Rotation:

1. STRIKE ANYWHERE `change is a sound`

2. BLUETIP `post mortem anthem`

3. AS FRIENDS RUST `won`

4. NICOLA CONTE `fast alles`

SCARED OF CHAKA `crossing with….`

 

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JOBST

trotz schilys 1984-esquem „sicherheits“-paket kann man im alltag schnell vergessen, im interesse der staatsmacht zu stehen, wenn man nur ansatzweise meinungen vertritt, die abseits von verblödung und vernebelung stehen. nun brauchen sich die meisten leute, die ich kenne und wohl auch die meisten, die dieses heft lesen, nicht die grössten sorgen machen, bald in den knast zu kommen. aber darum gehts ja primär gar nicht. letztlich geht es ja um das prinzip eines staates, der kontrolliert und manipuliert, um gleichzuschalten und existierende globale und nationale wirtschafts- und gesellschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten.

muss ich noch extra erwähnen, dass eben diese verhältnisse verantwortlich für ausbeutung und ein grossteil der gemeinen -ismen in der welt sind? wisst ihr ja, oder? nun denn, meine direkten und indirekten erfahrungen mit dem staatsschutz in aller erdenklichen form beschränken sich auf verkehrskontrollen und ärger mit polizei auf dieser oder jener veranstaltung. nichts grosses. nichts spannendes.

folgende sache passierte einer freundin. nennen wir sie mal julia. julia arbeitet 20 stunden die woche, studiert nebenbei und ist redakteurin eines lokalen strassenmagazins. da ihr job nicht super bezahlt ist, suchte sie einen nebenjob. auf eine anzeige, in der eine studentin für leichte pc-arbeiten gesucht wurde, meldete sie sich und verabredete mit nennen wir ihn mal herrn müller ein treffen in der stadt. dieses treffen kam jedoch nicht zustande und julia rief herrn müller nochmal an. ein neues treffen wurde abgemacht und julia ging hin.

statt des erwarteten müller wurde sie doch von einem anderen typen angesprochen, der fragte, ob sie die studentin sei, die einen job sucht. er wäre zwar nicht herr müller, kann ihr aber einen job anbieten. 10 stunden recherche über lokalpolitische ereignisse im monat für dm 600 (plus spesen). das klang für julia verständlicherweise gut. der typ, herr schulz, stellte sich als privatdozent an einer bundesbildungsstelle für erwachsene vor und wirkte mit seiner sekretärin durchaus seriös. julia und herr schulz verabredeten ein weiteres treffen, zu dem julia ein arbeitsbeispiel über ein vereinbartes thema mitbringen sollte.

das nächste treffen war mit schulzes sekretärin allein und julia wollte diesmal mehr infos über die bundesbildungsstelle bekommen, für die sie in zukunft arbeiten wollte. julia machte es stutzig, dass schulzes sekretärin auf die frage was für menschen denn da weitergebildet werden, ausweichend mit „naja, menschen“ antwortete. julia bohrte nach. „naja, primär bka und polizei“ gab schulzes sekretärin zu. bei julia fiel der groschen und sie lehnte das arbeitsangebot dankend ab.

im nachspiel wurde sie noch 2-3mal von schulzes auf ihrem handy genervt, der wissen wollte, warum sie den job abgelehnt hat und beteuerte, dass sie ganz seriös sind. aber das schien es jetzt auch gewesen zu sein.
vielleicht kein grosses ding, aber julia ist weder mitglied einer terroristischen vereinigung noch sonst irgendwie kriminell, sondern wahrscheinlich genau wie die meisten von euch mehr oder weniger in „alternative“ strukturen involviert. genau wie du. was das alles bedeutet kannst du dir ja mal selbst überlegen. mir hat es zu denken gegeben. aber was gibt einem in dieser zeit nicht zu denken. endlich ist wieder krieg und deutschland darf auch bald mitmachen. alles wird gut.

top 10, 11.2001

1. durango 95 – destroy. fuck you. lp

2. afroman – „cause i got high“

3. farin urlaub – endlich urlaub lp

4. bad religion – the new america lp

5. newborn – alles

6. the dismemberment plan – live

7. force of change – demo 2001

8. sasha – „here she comes again“

9. eins zwo – alles

10. mad minority – vorabtape zur lp

 

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DOLF

Ungläubig war ich als der Plan war am 12.6.1998 zu einem Konzert der Brooklyn Bums ins World Trade Center zu gehen. Zum einen befürchtete ich das es wohl für uns ein wenig zu teuer wäre, (was es dann aber gar nicht war, wenn ich mich recht entsinne war der Eintritt 5-7 $ [Abc No Rio Niveau oder?]) zum anderen hatte ich natürlich von der „Venue“ ‚Windows of the World‘ im 101 Stock des WTC davor noch nichts gehört, es war ein schöner Abend die Brooklyn Bums haben gerockt – oder soll ich sagen geswingt.

Das Bier war auch bezahlbar und als wir spät Nachts mit dem Express Aufzug wieder nach unten düsten hatte ich die Entscheidung dort hin zu gehen nicht bereut. Ungläubig war ich auch als mir Jörg an Nachmitag des 11.9.2001 am Telefon mitteilte ich solle doch mal die Glotze anmachen weil ein Flugzeug in einen der beiden Türme des WTC gestürzt sei. Zum einen konnte ich mir das nicht so richtig vorstellen, zum anderen passieren ja Flugzeugunglücke des öfteren.

Nun, die restlichen Stunden vor der Glotze waren dann natürlich eine Erfahrung der anderen Art – in Echtzeit dabei. Wir alle haben genügend über den Tag gelesen, über die Tage dannach. Ich war in jedem Fall froh das es nicht zu einem unüberlegten „Erstschlag“ der Amis gekommen ist, das – sowie weitere Aktionen der Fanatiker – war irgendwie meine grösste Befürchtung. Ob natürlich der jetzt bereits seit vielen Wochen laufende vermeintlich „überlegte“ Angriff auf Afgahnistan der richtige Weg ist, wage ich zu bezweifeln.

Sicher ist das die Zahl der unschuldigen Opfer des Anschlags vom 11.9. mit Beginn der Bombardierung am 7.10. täglich gestiegen ist und immer noch steigt und das bereits in Trümmer gelegte Land nun zu feinem Staub zerrieben wird. Ob mit diesen Mitteln das Ziel, der Kampf gegen den Terrorismus, bzw. dessen Zerschlagung tatsächlich erreicht werden kann bezweifle ich noch viel mehr. Genausowenig wie sich die amerikanische Bevölkerung nach den Angriffen vom 11.9. den Angreifern unterwirft und gegen die eigene Regierung stellt, wird das die Bevölkerung in Afgahnistan tun.

überhaupt fragt man sich gegen was oder wen sich der Kampf denn eigentlich richtet, bisher hat der Einsatz der Amis über 2 Milliarden Dollar gekostet – das alles nur um ein paar Spinner – ja, was denn eigentlich, töten, bestrafen, unterwerfen? Wenn man sich den „Gegner“ mal ansieht stellt man fest das er in der klaren Form gar nicht existiert. Heute Taliban, morgen Nordallianz übermorgen dann doch wieder Taliban.

Es scheint sehr beliebig. Kein Wunder, diese Leute kennen oft seit ihrere Kindheit nichts als Krieg, eine Gesellschaft die so verwüstet ist kann nichts anderes hervorbringen als skrupellose Individuen, die geschürt von religiösen Fanatikern und rücksichtslosen, machtgeilen Kriminellen sich so verhalten das „wir“ es nicht verstehen können. Das die Leute die nun von den Usa unterstützt werden – also die Nordallianz – kein Stück besser sind als die derzeitigen Machthaber, ist ja genausowenig neu, wie die Tatsache das die Usa Osama Bin Laden und „seine“ Taliban über Jahre ebenso unterstützt hat und somit Mitverantwortung trägt, nicht nur in Betracht auf ihn und seine Organisation.

Man darf ja auch nicht vergessen das die Situation in einigen Teilen der Welt auch vor dem 11.9. schon Scheisse war – nur hat es damals eben nicht so viele Leute interessiert. Was die Leute jetzt interessiert ist wie es dazu kommen konnte und wie eine Wiederholung verhindert werden kann. Bei aller berechtigter Kritik an den Usa darf natürlich nicht vergessen werden das es sich bei dem Anschlag vom 11.9. um ein grausames Attentat handelte.

Das von Leuten durchgeführt und geplant wurde die in ihrem Denken, ihrer Weltanschauung so verwirrt sind, das es für sie eigentlich keinen Platz auf der Welt geben dürfte. Gibt es aber doch, zum Teil auch im zivilisierten, toleranten Deutschland. Multikulti? Der Piercingshop neben dem rituellen Mädchenbeschneider, die Tee-Trinkstube neben der Bier-Trinkhalle? Ich zumindest habe weder ein Problem mit Tee oder Bier, wohl aber hab ich ein Problem wenn Menschen durch Religion verblödet werden – das gleiche könnte man natürlich auch über „uns“ sagen.

Böse westliche Welt, mit all ihren Freiheiten und Sünden. Ich würde auch keinen Urlaub bei Menschen machen wollen die Leute steinigen, geschweige denn würde ich dort Leben wollen. Warum auch, ist ja schon hier schlimm genug. Dann muss aber auch die Frage erlaubt sein was jemand der nichts von der hier praktizierten Lebenskultur hält, sie vielleicht sogar zerstören will, in dieser eigentlich will. Könnte also alles ganz einfach sein – bleibt jeder in seiner Region und es gilt das Leben und Leben lassen Prinzip. Tut es ja auch, leider nur sehr einseitig – was auch erstmal kein generelles Problem ist, das ist zu verkraften. Problematisch wird es dann natürlich wenn die tolerierten Spinner auf einmal Dinge tun die andere Menschen töten.

Das kann die Horde tumber Glatzen sein, die ihren starken Sprüchen auch mal Taten folgen lässt, oder der radikale Muslim – der gleiches im Auftrag seines Gottes tut. (Nur um ganz sicher zu gehen, natürlich sind nicht alle Glatzen Ausländerverprügler und natürlich sind nicht alle Muslime Attentäter….) In dem Zusammenhang fällt mir noch was ein, mittlerweile ist ja „jeder“ in Deutschland, wenn nicht gleich Antifaschist, dann zumindest „Gegen Nazis“, vom Pfarrer bis zum Punker, alles Distanzieren sich von den „hässlichen Deutschen“. Ist ja auch gut so! Leider habe ich ähnliche Reaktionen von Muslimen in der Form noch nicht mitbekommen.

Klar, viele Distanzieren sich sebstverständlich von Attentätern, bezeichnen sich als „gemässigt“, aber irgendwie fehlt mir da so eine klare Distanzierung, nicht nur von den grausamen Attentaten, sondern auch von dem Gedankengut. Oder tun sie das und ich habe es einfach noch nicht regiestriert? Es wäre in jedem Fall wichtig, denn eine „änderung“ von aussen ist meistens keine gute Idee.

In den ersten 2-3 Tagen nach dem Attentat von New York ertappte ich mich häufig dabei wie ich des öfteren von „uns“ (also wir deutschen, in unserem Land mit unserer Regierung und unserer Stellung in der Welt) gesprochen habe. Das lag wohl daran das sich der Chefpolitiker gleich für das Land in dem er wohnt und regiert mit den Amis in ein Boot gesetzt hat. Was er ja eigentlich gerne tun kann, aber in diesem Fall hat er mich einfach – wie auch sonst immer – ungefragt in etwas hineingezogen. Diesmal eben nicht irgendeine politische Entscheidung, sondern in einen potentiellen Krieg. Mittlerweile konnte ich das wieder abstellen, fühle mich genauso wenig verantwortlich für die Politik „meines“ Landes und „meiner“ Regierung wie zuvor, denn ich lebe zwar hier – aber das ist auch schon alles.

Das ist nicht neu, es wird auch nicht neuer wenn Fugazi das in so schöne Worte fassen (…I’m not a citizien), aber es ist ärgerlich wenn es von gewissen Personen dann als etwas neues verkauft wird und damit meine ich jetzt nicht die Band. Aber ich schweife ab – vielleicht ist das auch ganz gut so, denn die Welt erklären kann ich hier sowieso nicht, es sind noch soviele ungeklärte Fragen da, es passiert noch so viel Mist. Wenn Nazis raus schon nicht funktioniert, dann funktioniert das auch für andere Gruppen die man ablehnt nicht. Was also tun? Reicht es wenn unser Bremen Bouncer die Fubunesen einfach nicht in die Disco lässt, weil sie sich benehmen wie die letzen Asis.

Ist das Problem aus der Welt wenn Afgahnistan in Schutt und Asche – pardon, das ist es ja bereits – Staub und Staubkörnchen gebombt wird. Wenn der Speckgürtel (sagt man das dort?) von NYC zum Patriot Shopping Day (!!) in die Stadt geladen wird? Ein Ende in Sicht wenn Israel einfach geschlossen wird? Man sich einfach raushält bzw. einmischt? Vorläufig abschliessend würde ich dann sagen das es nichts gibt was einen terroristischen Akt rechtfertigen oder entschuldigen kann, scheissegal ob er von Widerstandsbewegungnen, Milizen, religiösen Fundamentalisten, selbsternannten Freiheitskämpfern oder eben von einer anerkannten Regierung in Form von Vergeltungskrieg daherkommt.

Ich wurde eines besseren belehrt, natürlich bin ich niemals- wie in meiner letzten Kolumne behautet von den Merkschen Höfen zum Friedrichshain geradelt, keine Ahnung wie ich auf Merkschen komme, richtig hätte es Hackesche Höfe heissen müssen. Ich bedanke mich für den Hinweis aus der Leserschaft.

 

***

 

Ich habe das Licht gesehen

„Das Licht!“, sagte der Typ auf dem Hocker neben mir. „Das Licht!“ Eine Geste des Einverständnisses, das er mir unterstellte. Nur das: Sich über die Vor- und Nachteile von Reisen in die dritte Welt zu unterhalten schien nicht sinnvoll. Dabei hatte ich ihm ja auch gar nichts unterstellen wollen, was er etwa an Thailand finden könnte – man weiss ja, was die Leut‘ so reden. Das war mir herzlich egal. Und wer weiss, vielleicht gibt es sie ja wirklich: die Leute, die gewissermassen den Playboy wegen der Kurzgeschichten kaufen. Von mir hätte er keinen moralischen Tadel erhalten. Und was für einen hätte es denn auch sonst geben sollen?

Einfach nur: „Das Licht!“ Es war ein Licht, das er meinte, wie er es in der Gegend von San Francisco gesehen hatte. Keine Metaphysik. Ich verstand das, auch wenn ich im Scherz den Nebel erwähnte, den es dort gibt. Es war ohnehin nicht die richtige Situation, da irgendwas Weitergehendes zu besprechen. Bald kam jemand anders und setzte sich auf den anderen Hocker neben mir. Es fiel mir bereits schwer, meine Gedanken zu ordnen, zumindest anders als dem einen unter, dass ich morgen nichts besseres zu tun hätte als auszuschlafen, auf den Trödelmarkt zu gehen, abends dann auf eine Party und wo weiter.

Das Licht am nächsten Tag tauchte auch noch die trüberen Gedanken in einen milden Schein von Indifferenz, so klar war es, das Licht. Ich kaufte mir auf dem Trödelmarkt eine Winterjacke. Die erste, die ich je besessen. Eine ähnliche wie die, die meinem Mitbewohner gehörte, der mich seinerzeit kraft seines Hauptmieterstatus‘ kurzerhand meiner Heimstatt entledigte, woraufhin ich eine Nacht lang obdachlos war. Es war Silvester. Also musste ich ohnehin nicht nach Haus, in jener Nacht. Meine Habe war am anderen Ende der Stadt vorübergehend untergestellt.

Neben ein paar Schallplatten, darunter eine Kassette mit Tafelmusik aus dem 17. Jahrhundert und eine billige Zusammenstellung mit Stücken von Albert Ayler, wollte ich eigentlich noch als Unterpfand seiner Ignoranz eben diese Winterjacke mitnehmen. Es war ein kalter Winter. War es ein Anflug von Rücksichtnahme? Vielleicht. Ich liess die Jacke dort. Ebenso wie die Hoffnung, das Geld, was er sich von mir geliehen und in einem mehrwöchigen Ausbruch durch seine Nase gepulvert hatte, jemals zurückzubekommen.

Das nächste Zimmer, in das ich einzog, hatte wenigstens Zentralheizung. Und es war wirklich ein unangenehm kalter Winter. Falls dieses Jahr der Winter wieder so unangenehm kalt würde, konnte ich ihm immerhin mit einer Winterjacke begegnen. Trotzig den Kragen hochgeschlagen, die Hände tief in die Taschen verbgraben, ein paar Schlafmünzen umklammernd.

Das Licht jedenfalls, schon nach wenigen Stunden weitergezogen, überzog nicht nur trübe Gedanken, sondern auch den Fluss und die Ruderbote und den Mann, der in einem Motorboot mal neben, mal hinter den Ruderbooten herfuhr und Anweisungen durch ein Megaphon sprach: „Die rechte Hand höher – und durchziehen – beide Hände hoch“, und die Frau, in die ich mal sehr verliebt war und die mit einem jungen Mann, der wahrscheinlich ihr derzeitiger Geliebter war, ein paar Kleinigkeiten verkaufen wollte, nebst anderem eine Taschenbuchausgabe von Douglas Couplands „Generation X“, das als wir uns kannten eine gewisse Rolle gespielt hatte, wenn auch nicht für uns.

Offenbar brauchte sie es nun nicht mehr, aber vielleicht hatten die beiden auch einen gemeinsamen Hausstand gegründet und jetzt eine Ausgabe zuviel. Mir war nicht danach, sie zu fragen. Bei unserem letzten Treffen hatte ich festgestellt, dass mir ihre Ansichten zu verschiedenen Dingen missfielen. Sie spielte Roulette mit ihrer Gebärmutter. „Wenn ich schwanger werde, dann soll es wohl so sein“, sagte sie gleichmütig. Dabei wusste sie durchaus, wie das zu vermeiden wäre. Und über das „Warum“ hatte ich ihr auch einiges mitgeteilt. Von mir hätte sie es sowieso nicht haben können.

Im Vorübergehen sah ich eine andere Frau, mit der ich die Bettstatt geteilt hatte – ich lebe in einer kleinen Stadt… Neben einigen anderen Dingen war mir von ihr vor allem in Erinnerung geblieben, was sie zum Selbstschutz vorschlug, nämlich „die Kirche vor dem Segen zu verlassen“, womit sie meinte, ich solle meinen Schwanz vor dem Erguss aus ihrem Leib nehmen, um mich anderweitig zu verspritzen. Es ging nicht um die Vermeidung von Empfängnis, dafür war anderweitig gesorgt, sondern um eine berüchtigte Immunschwäche.

„Aber der Lusttropfen…“, gab ich zu bedenken, auch wenn ich an dessen Existenz bisweilen scherzhaft zweifelte, weil ich ihn für eine Erfindung der katholischen Kirche zu halten geneigt war. Den gäbe es durchaus, aber er sei in dieser Hinsicht keineswegs gefährlich, gab sie mir in überzeugtem Ton zu verstehen. Ich weiss nicht, ob das stimmt.
Das Licht überzog ferner: die Auslagen der Händler, Batterien und Rasierapparate, Bekleidungsstücke und Sachen, für die ich keine Bezeichnung kenne. Möglicherweise hätte ein Klempner hier sein Eldorado gefunden. Für mich war es Babylon. Ein Russe, der Abzeichen der roten Armee verkaufte. Ein Türke, der die populäre Musik aus dem Land seiner Väter und Mütter feilbot. Ein Deutscher, der Briefmarken aller Herren Länder führte. Ein Stand, an dem Crepes hergestellt und verkauft wurden, auf Wunsch sogar mit Mettwurst belegt. Ungelogen.

Tags zuvor hatte eine Professorin, der ich meine Arbeit über Erich Mühsams Kritik an Ehe, Eifersucht und Monogamie vorgelegt hatte, gesagt, sie habe an mir eine über die Jahre beträchtlich gewachsene Fertigkeit bemerkt, meine Gedanken zu ordnen. Sie sollte mich hier mal denken sehen…

Man mag es meiner Eitelkeit zuschreiben, dass ich mich hier in aus vielerlei sogenannt schöngeistiger Literatur bekannter Weise durch die Tage assoziiere. Mag sein. Ich erachte es eher als einen Luxus, an dem ich nichts auszusetzen habe, so es doch um nichts anderes als meinen Zeitvertreib geht. Man mag einwenden, schon allein, dies niederzuschreiben, widerspräche dieser Behauptung. Dem wiederum ist kaum zu widersprechen. Es muss schon einen gesonderten Grund auch hierfür geben. Etwas wie die hier geschriebenen Zeilen sind schliesslich immer ein Mitteilung, zumal, wenn ich sie nicht für mich behalte.

Ich teile hiermit mit, dass es eine Differenz gibt, zwischen den Gedanken, die ich mir zum Zeitvertreib mache, und jenen, mit denen ich mir etwas erklären möchte. Beides hat einen gemeinsamen Grund: Mir mein Leben angenehmer zu machen. Mag sein, dass bisweilen die Wahl der gedanklichen Mittel kritisierbar wäre – mich also in einem Augenblick, in dem es förderlicher wäre, sich einen klaren Gedanken zu machen, um einen Nachteil abzuwenden, lieber in hübschen Pirouetten des Geistes zu ergehen, oder eben andersherum: An Nichtigkeiten die Aufmerksamkeit ohne Not zu strapazieren. Das ist aber kein Einwand gegen die Sache.

Die Mitteilung ist gemacht, weshalb ich mich damit auch nicht weiter herum schlagen möchte. Wofür? Lieber denke ich noch ein wenig in der Gegend herum, während ich das Charlie Haden Quartet West höre. Vielleicht masturbiere ich noch ein wenig. Der Gedanke an ehemalige Geliebte verursacht bisweilen Geilheit. Bis später also.

stone

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