Mai 12th, 2019

30 Jahre Dischord Records in 2010 (# 149, 2011)

Posted in interview by Jan

„You can’t be what you were. So you better start being just what you are.“
2010: 30 Jahre DISCHORD RECORDS!!!
Ein Label-Special-Rückblick nach vorne

Wir haben Gastbeiträge von Dischord Mitarbeitern selber bzw. dem Washington DC Umfeld eingeholt, dazu gibt’s eine kurze Vorstellungen der jeweiligen Autoren/innen. Neben den best of 5 Dischord Platten bzw. Gedanken zum Label der Trust-Leute wurden verschiedene Dischord-Leute, Bands etc. interviewt. Es gibt neben der Einleitung eine Labelgeschichte, eine Diskografie und unveröffentlichte exklusive Fotos von Amy Pickering und Jeff Nelson.

Hier der Inhalt auf einen Blick:

-„I don’t give a damn ‚bout my reputation. You’re living in the past, it’s a new generation“ Einleitungsüberblick von Jan Röhlk
– Interview mit JEFF NELSON von Christian Unsinn
-„A Dischord sound doesn’t exist.“ Interview mit IAN MACKAYE von Jan Röhlk
– „Above all Dischord has thrived because we’ve always stayed true to what we believe is simply common sense, that labels can only amplify the energy and creativity that comes from bands and their supporters.“ Gastbeitrag von ALEC BOURGEOIS (Einleitung Jan Röhlk)
– Flex your head. Eine kurze Label Geschichte von der Gründung 1980 mit den Teen Idles über Fugazi’s Durchbruch Anfang der 90er hin zu dem 30 jährigen Geburtstag 2010 von Jan Röhlk
– „Do what you mean and mean what you do.“ Interview mit JOE LALLY von Oise Ronsberger
– „The Dischord Issue“ Gastbeitrag von ALEC MACKAYE (Einleitung Jan Röhlk)
– „You can’t make a silk purse out of a sow’s ear, but you can make bacon!!” Mmmmm! Bacon!!“ Gastbeitrag von SKIP GROFF (Einleitung Jan Röhlk)
– Best of 5 Dischord-Platten von Dolf Hermannstädter
– Best of 5 Dischord-Platten von Christian Unsinn
– „I remember mixing songs for Minor Threat in the furnace room of my basement…“
Gastbeitrag von DON ZIENTARA (Einleitung Jan Röhlk)
– „The only thing I gave a shit about was D.C.“ Interview mit BRENDAN CANTY von Oise Ronsberger
– Best of 5 Dischord Platten von Schippy
– „Slowdown and repeat – Daniel Higgs und Lungfish” von Schippy
– Best of five Dischord-Platten von Bela
– „For more than 22 years I worked at Dischord which is just about half of my life.“
Gastbeitrag von AMY PICKERING (Einleitung Jan Röhlk)
– Best of 5 Dischord-Songs von Mika Reckinnen
– Interview mit CYNTHIA CONNOLLY von Alva Dittrich
30 Jahre Dischords von Mika Reckinnen
– Best of 5 Dischord-Platten von Helge Schreiber
– Best of five Dischord-Platten von Oise Ronsberger
– „What about the forgotten damn darn hot co-releases of Dischord?” von Helge Schreiber
– „It was my pleasure. It did me good to give some thought to Dischord.“ Interview mit PETER CORTNER von Oise Ronsberger
Best of 5 Dischord-Platten von Jan Röhlk
– Meine fünf liebsten Dischord Platten (ohne spezielle Reihenfolge) von Joachim Gärtner
– Interview mit JASON FARELL von Dietmar Stork
– „I am a waiting room“ von Stone
– Meine Dischord Top 5 von Dietmar Stork
– „After 30 Years, Dischord’s Sparks Still Igniting Possibility” Gastbeitrag von MARK ANDERSEN (Einleitung Jan Röhlk)
– Diskografie

Zur Feier der Trust Ausgabe mit dem Dischord Special gibt es eine Release-Feier in Bremen in einer netten Gaststätte und den ganzen Abend (Trust-)DJs, die Dischord Musik spielen. Achtet auf die Ankündigung in unseren News. Kommt vorbei, wir freuen uns.

Special-Koordination: Michael „Schippy“ Schiplage und Jan Röhlk
Kontakt: dischord.com
Fotos: Amy Pickering, Jeff Nelson

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„I don’t give a damn ‚bout my reputation.
You’re living in the past, it’s a new generation“
Einleitungsüberblick von Jan Röhlk

Nachdem Köln Korrespondent Schippy im Oktober noch mal diese schon im Mai diskutierte Idee eines Specials zu dem 30 jährigen Geburtstag von Dischord Records in 2010 auf den Tisch brachte, koordinierten wir nun dieses doch mehr als würdige Special zum Thema. Anfangs sträubte ich mich etwas gegen die Idee, denn gerade die Washington D.C.- / Dischord- Szene ist so dermaßen gut dokumentiert. Und anders als bei unserem SST Records Special 2008 ist Dischord ja weiterhin aktiv, sei es auch „nur“ seit einiger Zeit durch digitale und Vinyl-Re-Releases. Zumindest tauchen immer wieder aktuelle Interviews mit Ian (auch im Trust mit The Evens) und anderen Protagonisten aus dem Umfeld auf, z.B. Mark Andersen von Positive Force DC in dem Ventil Verlag Buch über „Emo“. Ian ist (für den ein oder anderen schon zu oft) bei diversen DVDs als gerne interviewter Gast dabei. Ok, fast jeder Blog hat irgendwelche rare Konzertmitschnitte von Minor Threat oder Setlisten von Rites of Spring. Manche alte Bands, wie zum Beispiel Government Issue, spielen hier und da noch mal im 9:30 Club in der Stadt (interessanter Konzertbericht über ihren Auftritt Anfang Dezember 2010 in Washington DC unter tinyurl.com/2b8qxs4 bzw. zu finden auf der Seite von dem The Big Takeover Heft aus NYC, ich sage nur eins: Setliste von 38 Songs!!!).

Warum also die ganze Suppe noch mal aufkochen? Weil wir es können! Und: Relevanz Baby, pure Relevanz. Wir berichteten in der Vergangenheit schon über diverse Labels (und ihre Jubiläen), sein es Touch and Go Records, SST, Kill Rock Stars, Discorporate Records oder Noisolution gewesen. Taang! Records war mal in der Überlegung, aber dann doch keine Lust wg. zu doofer Streetpunk-Veröffentlichungen am Ende, aber das frühe Werk mit Hard-ons, Poison Idea, Lemonheads etc… vielleicht macht‘s ja wer anders; ebenso haben Alternative Tentacles Records auch ihr 30 jähriges Jubiläum, überhaupt könnte man auch zu Homestead oder In the Red… Und sowieso jubilierten jüngst Epitaph, Fat Wreck, BYO, Revelation, Lookout, Mystic, X-Claim, Bomp, Frontier, Wishing Well, Verniform, Slap-a-ham, Earache, X-mist, Crpyt, No Idea Records …

Dischord Records ist nicht nur durch den einzigartigen Ansatz, ausschließlich die lokale DC Bandszene zu dokumentieren, etwas besonders. Das Label veröffentliche in den 80er Jahren essentielle US-HC-Klassiker und brachte auch nach dem Boom um Fugazi Anfang der 90er bis hin zur jüngsten Zeit klasse Scheiben heraus, die vielleicht nicht mehr die geradeaus Punk – Musik brachte, aber dennoch von der Einstellung her eindeutig Punk waren. Integer, der Begriff fällt fast immer, wenn es um Dischord geht. Neben dem ganzen Underground-Ding fällt mir dazu hauptsächlich ein, dass es kein anderes Underground-Label gibt (denn wir reden hier über ein Haus, in dem ca. vier Festangestellte arbeiten) bei dem es keinerlei Skandale in Sachen Gerichtsstreits Band vs. Label bekannt sind, weil: es eben keine gibt. Nicht Dead Kennedys / Alternative Tentacles, nicht Butthole Surfers / Touch and Go, Screeching Weasel/Lookout, diverse Bands / SST…

Über die Bedeutung von Dischord für Punkrock und Hardcore müssen wir also nicht groß reden, ich tue es natürlich trotzdem. Das schwierige bei diesem Special war nicht, Material zu finden, sondern eher, sich zu beschränken. Alleine über Minor Threat könnte man leicht zehn Seiten schreiben (ich verspreche Euch aber, wir verschonen Euch hier mit Erkenntnissen zum Thema Straight Edge, dazu sind so viele Bücher erschienen, bei Interesse an diesem Strang der post-Minor Threat Geschichte da weiterlesen). Und über den Klassikerkanon – Flex your head Sampler, Embrace, Egg Hunt, Fugazi, Rites of Spring, Gray Matter, Void, Dag Nasty – wären diverse Trust Sonderhefte kein Problem. Und was ist mit Nation of Ulysses, The Make-Up? Und und und. Schaut euch die Diskografie an.

Verdammt, Artifical Peace laufen seit Wochen hier wieder zum ersten Mal seit gut 15 Jahren auf Dauerrotation… völlig unterschätzt, dabei ist ihr Einfluss auf D.R.I. oder Siege doch immens gewesen und wer würde schon behaupten, dass DRI oder Siege nicht ihrerseits Millionen von Bands beeinflussten? Aber diese kleine kurzlebige DC Band war eben ein Jahr vorher da. Wer was vom „Dischord Sound“ redet, der möge doch die 17 Songs von Artifical Peace und die „End Hits“ von Fugazi mal gegeneinander hören und dann noch mal nachdenken. Goverment Issue sind ja quasi die Entwicklung von Dischord in Miniaturform (genauso wie Black Flag / SST Records): vom kurzen, sau geilen, präzisen, aber auch da schon teilweise höchst melodischen Brechern der Anfangszeit hin zu immer ausgefeilteren Dingern (ok, nicht mehr auf Dischord selber) wie der Song „Strange Wine“ und die Platte „You“, das absolute, keine Wünsche offen lassende Spätwerk voller echter Emotionen, eine schöne Rockgitarre, aber nie lahm, sondern äußerst erregend.

Wie es sich für ein Pionier-Label wie SST, Touch and Go und eben Dischord gehört, wurden hier Platten veröffentlicht, die direkt ganze Punk-Genres begründet haben, selbstverständlich wurden diese dann bis zur Unkenntlichkeit weiterentwickelt, so dass die Urväter von den (Dischord) Bands oft nur völlig erstaunt Jahrzehnte später mit Verwunderung sagen können, dass das alles so ja überhaupt nicht gewollt oder gedacht war.

Denkt man hier direkt an den „GRADEN RAND“ von Minor Threat und der „Weiterentwicklung“ Richtung Vegan SE, Erdkrise, Hardline, muss natürlich auch der Einfluss von Rites of Spring als die angeblichen Erfinder von „emo“ fallen. Rites of Spring Sänger/Gitarrist Guy Picciotto (der später mit Fugazi sich selber ein Denkmal setzte, ihr kennt das Video von einem Fugazi-Konzert, wo er an einem Basketballkorb hängt? Nix da mit Fugazi, die lahmen Hippies, das ist spannender als Poison Idea es 1982 oder Negative Approach 1981 je hätten sein können) kann dazu nur den Kopf schütteln (Quelle: markprindle.com, ähnlich hat Guy das auch in Büssers Emo-Buch gesagt, zusammen mit Mark Andersen): „I’ve never recognized „emo“ as a genre of music. I always thought it was the most retarded term ever. I know there is this generic commonplace that every band that gets labeled with that term hates it. They feel scandalized by it. But honestly, I just thought that all the bands I played in were punk rock bands. The reason I think it’s so stupid is that – what, like the Bad Brains weren’t emotional? What – they were robots or something? It just doesn’t make any sense to me.“.

Und das war ja längst nicht alles. Fire Party gilt als die Blaupause für spätere Riot grrl Bands. Fugazi ja angeblich „die“ postpunk/postrock-ÜBER-Band schlechthin, überhaupt der „Dischord Sound“ als verkopfter Post-Punk. Ich weiß nicht. Was auf jeden Fall feststeht: Dischord waren zwar nicht die einzigen, die in den 80er Jahren HC-Punk durch melancholische, etwas langsamere Plattenveröffentlichungen total revolutionierten, lange bevor es Alternative Rock / Grunge etc gab und zu College Rock und Indie-Musik mutierte. Die Labels SST (Leaving Trains, Dinosaur jr, Hüsker Dü), Taang! (Lemonheads, Moving Targets) und Dischord (Gray Matter, Rites of Spring, Dag Nasty) – ihre Bands hätten alle auch auf jedem der drei Labels erschienen sein können, es hätte gepasst -, also, diese drei Labels (mit noch wenigen anderen wie Homestead) waren die Pioniere dafür, dass genau diese Form von Hardcore eine der wichtigsten Epochen in der Punkgeschichte geworden ist. Allein dafür ist Dischord nur zu danken. Das sie heute, 2010 (bei der Niederschrift des ganzen im verschneiten Frankfurt Anfang Dezember) bzw. 2011, wenn ihr es hoffentlich schön draußen im Biergarten lest, immer noch da sind, immer noch aktiv sind… das ist wirklich absolut großartig, fantastisch.

Gründe genug für dieses 30 Jahre Dischord-Special. Der Aufbau ist schön divers, die Label-Geschichte, die Gastbeiträge der Washington DC- bzw. Dischord-Szene bzw. dem Umfeld, die Amy Pickering und Jeff Nelson Fotos, die Diskografie, die best of fünf Dischord Platten der Trusties (aus dem SST Special geklaute Vorgabe, dass die am Special beteiligten Trust-Leute ihre fünf Lieblingsscheiben nennen müssten/könnten) und die Interviews, alles in sich verwoben, so bleibt es hoffentlich spannend, aber nicht chaotisch zu lesen. Der letzte Beitrag stammt vom „Dance of Days”-Buchautor Mark Andersen, seine Sätze zum Ende hin habe ich extra im englischen Original gelassen. Wenn ihr nicht spätestens da Gänsehaut bekommt, dann seid ihr entweder cool oder cold. Danke, Mark, für diese wunderschönen und wichtigen Gedanken. Wie es bei den Dischord-Platten immer so auf dem Backcover stand, möchte ich hier meinem Koordinationspartner Schippy, allen Trusties, allen Beteiligten danken und natürlich Dischord für seine Existenz: Thanks.

(Jan Röhlk)

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Interview mit Jeff Nelson

Jeff Nelson ist im Vergleich zu Ian sicherlich der ruhigere und medial weniger präsente der beiden Dischord-Gründer und -Inhaber. Und mag Jeff auf den ersten – und vielleicht sogar zweiten – Blick mitunter kauzig wirken, sind die vielen, untereinander mitunter widersprüchlich anmutenden, Facetten seiner Person nicht minder interessant. Der mittlerweile in Toledo (Ohio, USA) lebende ehemalige Schlagzeugers von Teen Idles, Minor Threat, Skewbald/Grand Union, Egg Hunt sowie Three (3) und Inhaber von Adult Swim Records nahm sich kurz vor Weihnachten 2010 Zeit, über sein Leben, seine Vorstellungen und seine Pläne zu plaudern.

Du bist vor einigen Jahren aus DC nach Toledo gezogen. Wie kam es dazu?
JEFF NELSON: Ich bin dorthin vor sieben Jahren gezogen, da ich mich nach Veränderung in meinem Leben sehnte. Die ersten 15 Jahre meines Lebens habe ich in Übersee verbracht, da mein Vater im auswärtigen Dienst und den Vereinten Nationen tätig war. Deswegen sind wir auch alle zwei Jahre umgezogen. Das ist wohl auch der Grund dafür gewesen, weshalb ich in meinem Leben seit jeher nach Stabilität suchte. Meine Familie kam 1976 nach DC zurück und blieb zunächst in der Gegend. Später verzog meine Familie dann wieder in andere Teile des Landes, ich jedoch blieb wegen Dischord, meinen Bands und Freunden. Irgendwann verspürte ich jedoch in mir den Wunsch, ein schönes, großes Haus zu besitzen. Aufgrund meiner Vorliebe für viktorianische Architektur spielte ich irgendwann jedoch mit dem Gedanken, mein Glück vielleicht auch in anderen, günstigeren Städten zu suchen. Weil ich mich außerdem für Jeeps aus den Jahren 1963 bis 1991 begeistere, besuchte ich 2002 in Toledo die Jeep-Fabrik.

Bei diesem Besuch entdeckte ich dann ein wunderschönes Stadtviertel in der Nähe des Kunstmuseums, das sich „Old West End“ nennt und das größte zusammenhängende Viertel mit Häusern aus der Zeit Edwards des VII. und der viktorianischen Epoche östlich des Mississippis ist: Straßenzug um Straßenzug voller fantastischer Häuser, die zudem alle im Vergleich zu DC noch sehr preisgünstig sind. Toledo ist eine mittelgroße Stadt (300.000 Einwohner – Anm. der Redaktion), die sich aber wie eine Kleinstadt anfühlt. Am Ende kaufte ich dann ein Haus aus dem Jahre 1890. Und auch wenn es sehr schön ist und es mir großen Spaß macht, das Haus zu renovieren, nehmen die Instandhaltungsarbeiten kein Ende und die Heizungsrechnungen sind extrem hoch – und das obgleich ich im Winter Tag und Nacht drei Pullis und lange Unterhosen trage.
Irgendwann war also das Bedürfnis nach Veränderung und dem Wunsch, ein bezahlbares Haus zu besitzen doch größer als ein stabiles soziales Umfeld zu haben. Würdest Du diese Entscheidung heute, also ex post betrachtet, wieder fällen?
Grund meines Umzuges war nicht allein der Wunsch ein Haus zu besitzen – ich hatte ja schon eines in Arlington. Aber das fand ich eben zu klein und architektonisch langweilig. Einige meiner besten Freunde sind damals zudem aus DC nach Nashville gezogen. Und auch wenn es mir schwer fiel aus DC wegzuziehen, hat mich beispielsweise die dortige überzogene politische Korrektheit irgendwann doch auch sehr genervt. Irgendwann juckte es mich eben einfach nach einer Veränderung. Und wäre es vielleicht auch klüger gewesen, in eine Stadt, die wirtschaftlich besser dasteht, zu ziehen, finde ich vieles an Toledo toll. Zudem fand ich hier auch sehr viele Freunde. Ich bin mir sicher, dass ich hier auch wieder viele Freunde finden würde, müsste ich jetzt nochmals hierher ziehen.
Die lokale Zeitung „Toledo Blade“ hatte damals berichtet, dass der Kaufpreis für Dein Haus den alten Rekordpreis im „Old West End“ brach. Das war vor der Finanzkrise…
…gemessen am lokalen Kaufpreisniveau habe ich wohl zu viel bezahlt, aber es war einfach das schönste Haus. Und verglichen mit dem Preisniveau von DC war es zudem wiederum sehr günstig. Leider haben hier seit der Krise alle Häuser im Viertel die Hälfte ihres Wertes verloren – auch meines. Stünde ich nochmals vor der Wahl, würde ich wohl ein kleineres viktorianisches Haus mit einem Schuppen oder einer Garage kaufen, wo ich basteln und handwerken könnte.
Inwiefern bist Du denn nach Deinem Umzug nach Toledo, was nahezu 800 km von DC entfernt liegt, noch Teil von Dischords Tagesgeschäft?
Ich bin trotz meines Umzuges noch immer Mitinhaber von Dischord und es hat sich in den letzten paar Jahren herauskristallisiert, welche Dinge ich von hier aus machen kann und welche man vor Ort in DC machen muss. Ich mache noch immer Grafikdesign für Dischord, gestalte etwa die Dischord-Anzeigen, und kümmere mich um Buchhaltungs- und Steuerthemen. Die Musikindustrie hat sich in der Zeit, seit ich aus DC weggezogen bin, geradezu dramatisch verändert und unzählige Labels, Plattenläden und -vertriebe haben aufgegeben oder mussten aufgeben. Und durch den Vertrieb digitaler Musik wurden an die Industrie neue Anforderungen gestellt. Ian hat diesbezüglich seine Hausaufgaben jedoch bestens gemacht, seit ich in DC weggezogen bin.
Was für andere Projekte gibt es denn derzeit sonst noch in Deinem Leben?
Hier in Toledo mache ich Grafikdesign und plane derzeit mit einem Freund zusammen zu arbeiten, der Einladungen für Hochzeiten und Bar Mitzwas auf alten Buchdruckmaschinen aus den 20ern und 30ern druckt. Außerdem engagiere ich mich in einigen Denkmalschutzkampagnen, unter anderem im Kampf um die Erhaltung der ältesten High School der Stadt, der „Scott High School“, die 1912 erbaut wurde, was natürlich im Vergleich mit Gebäuden bei Euch in Europa nicht sehr alt ist. Ich habe dafür den Arbeitskreis „Save our Scott“ gegründet, dafür ein Logo und viele große Protestplakate entworfen und diesem Engagement fast sechs Monate nonstop gewidmet. Der Erfolg der Aktion ist der, dass die Schule jetzt für US$ 41 Mio. renoviert wird, was Ende 2011 abgeschlossen sein soll.
Erzähl doch etwas über den genaueren Hintergrund der Aktion und der Schule.
Einige Jahre vor meinem Umzug nach Toledo wurde vom Staat Ohio ein schreckliches Programm verabschiedet, das leider auch vom Wähler bestätigt wurde. Danach sollte der Bau neuer Schulen staatlich gefördert und subventioniert werden, was fast allen der alten und schönen Schulgebäude zum Verhängnis wurde. Das ganze Programm war auf Neubauten ausgerichtet, da die Baulobby hier sehr stark ist. Anscheinend interessiert sich das Land Ohio und die Stadt Toledo nicht für seine eigene Geschichte. Jedenfalls war Teil des Deals, dass drei der schönsten alten Schulen erhalten und renoviert werden sollten – eine davon ist die Scott High School. Ich wohne nahe an der Schule und jeder im Viertel ging davon aus, dass die Scott High School irgendwann demnächst renoviert werden würde, als aber dann plötzlich und für alle überraschend verlautbart wurde, dass dafür nunmehr doch kein Geld mehr vorhanden sei und innerhalb von nur drei Monaten US$ 14 Mio. aus Spenden zusammen kommen müssten, um das Projekt überhaupt noch umzusetzen.

Das hat uns einen ganz schönen Schock versetzt und wütend gemacht. Und ich konnte dabei nicht nur tatenlos zusehen. Mir wurde klar, dass wenn die Schule nicht mit hauptsächlich staatlichen Geldern renoviert werden würde, die Scott nie renoviert und dann irgendwann geschlossen werden würde. Und dann wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis in das Gebäude eingebrochen, das dort noch Vorhandene gestohlen und das Schulgebäude dann als Konsequenz abgerissen werden würde. Und mir und ein paar wenigen anderen war eben schnell klar, dass dies der Lauf der Dinge sein würde, wenn wir uns nicht aktiv einbringen würden. Und so schlossen wir uns zusammen, kämpften energisch und haben das Gebäude gerettet.
Vor einigen Jahren las ich darüber, dass Du an einem Buch über eine Brücke in DC arbeitest.
Die Brücke in DC, die ich heiß und innig liebe, heißt „Dumbarton Bridge“ und wird auch die „Q Street Bridge“ oder „Buffalo Bridge“ genannt. Sie wurde 1915 gebaut und überquert den Rock Creek Park, der Washington teilt. Von unten sieht die Brücke aus wie ein römisches Aquädukt und man sieht von dort aus 56 Indianerköpfe aus Sandstein – und von oben sieht man vier große, bronzene Büffel, die die Brückenzugänge bewachen. Die Brücke wurde von dem berühmten Architekten Glenn Brown und dessen Sohn gezeichnet, die Büffel wurden von dem berühmten Bildhauer Alexander Phimister Proctor geschaffen und die Indianerköpfe sind einem Abdruck des Kopfes des Häuptlings „Kicking Bear“, der Anführer des „Sioux Ghost Dance“ (einer Glaubensrichtung innerhalb der Sioux – Anm. der Redaktion), die später unter anderem Auslöser für das Wounded-Knee-Massaker sein sollte. Näher werden wir in DC wohl nicht an ein römisches Aquädukt rankommen, die Brücke hat Indianer sowie Büffel und ist eine der wenigen Brücken im Lande, die einer Kurve folgt. Es ist eine wunderschöne kleine Brücke und seit 24 Jahren arbeite ich an dem Buch darüber. Ich bin sicherlich weltweit der Nummer-1-Experte über die Brücke. Das Buch soll zum 100. Jahrestag des Brückenbaus, an dem ich ein Fest ausrichten werde, fertig werden.
Ich habe einige Zeitungsartikel über Deine Anti-Kriegskampagnen gelesen und andererseits weiß ich, dass Du Kriegsuniformen sammelst. Natürlich kann man gegen Krieg und gleichzeitig von Kriegsuniformen fasziniert sein, allerdings ist das kein Faible, der auf der Hand liegt.
Ja, schon irgendwie seltsam: ich bin Pazifist und verabscheue das Pentagon und die Militär- und Rüstungsindustrie, vor der Eisenhower die Amerikaner gewarnt hat, gleichzeitig glorifiziere ich manche Konflikte der Vergangenheit. Und einerseits stehen in meinem Vorgarten Protestplakate gegen den Irakkrieg, und ich werde wohl auch welche gegen den Afghanistankrieg hinzufügen, andererseits faszinieren mich Uniformen und Ausrüstungen. Ich hasse Gewehre, aber ich bin fasziniert von so manchen Waffen, die die Menschen erfunden haben. Als Kind liebte ich Indianer, später Römer, die Ritter und dann die deutschen Truppen im 2. Weltkrieg.

Damals habe ich Modellpanzer und ähnliches gebaut und wollte sogar irgendwann alle Flugzeugmodelle der Luftwaffe nachbauen, aber dann habe in der 10. Klasse, ca. 1978, entdeckt, dass es Läden gibt, wo man die Originalhelme, -schuhe und -uniformen kaufen konnte. Danach war ich Feuer und Flamme und habe das Interesse an der Modellbauerei verloren. Militäruniformen sind für mich das Nonplusultra männlicher Couture und die Deutschen hatten einfach die besten Uniformen aller Zeiten. Ich bin sehr froh darüber, dass die Uniformen der Amerikaner so furchtbar hässlich sind, denn sonst würden sicherlich mehr junge Männer zum Militär gehen. Früher habe ich Dinge aus Zeiten des 3. Reiches gesammelt, aber man kann diese nicht auf- bzw. ausstellen oder anderen zeigen, ohne als Nazi verdächtigt zu werden. Deswegen bin ich auf Sammelstücke aus dem 1.Weltkrieg umgestiegen und bin nunmehr besessen von deutschen Uniformen aus der Kaiserzeit, vor allem den preußischen Uniformen.

Ich mag außerdem vor allem Kavallerieuniformen, etwa die der Uhlanen, der Husaren und der französische Leibgarde, und die Uniformen der Schutztruppe der deutschen Kolonialtruppen in Afrika und Ostasien. Ich habe eine kleine Sammlung von Kinder-Schaufensterpuppen, die kleine Abbilder der Uniformen ihrer Väter tragen. Ich kann es mir nämlich gar nicht leisten, ernsthaft zu sammeln, denn das Zeug ist teilweise unfassbar teuer. Fast so wie das Sammeln von Autos. Ich habe auch ein paar Jeeps, aber ich kann es mir leider nicht leisten, sie fahrbereit und in gutem Zustand zu erhalten. Das Sammeln von Autos überlasse ich deswegen den Ärzten und Anwälten, die es sich leisten können, die Autos auch fahrbereit zu erhalten. Außerdem habe ich noch eine große Sammlung von Kaugummis aus aller Welt.
Über die letzten Monate und Jahre hast Du einen Teil Deiner Plattensammlung auf eBay veräußert. Wie schafft es ein Sammler wie Du, sich von solchen Sammelgegenständen zu trennen?
Nachdem ich Erfahrung im ersteigern und kaufen von Sammelobjekten auf eBay gemacht habe, nämlich mit Jeeps und Uniformen, habe ich auch damit begonnen, zu versteigern und zu verkaufen. Ich gebe aber nur Dinge her, die ich nicht mehr will oder doppelt oder mehrfach besitze. Für manche der alten Platten, die ich für nahezu 30 Jahre sorgsam aufbewahrt habe, habe ich sehr, sehr gute Preise erhalten. Es schmeichelt mir, wie sehr Dischord und Minor Threat noch geschätzt werden, und welches Interesse daran offensichtlich noch besteht.
Und manch einer gibt für eine dieser Platten sein Monatsgehalt aus. Ist das für Dich nicht irgendwie auch komisch?
Nicht wirklich. Die Leute sammeln halt verschiedene Sachen und wenn es nur wenige Exemplare eines Sammelobjekts gibt, sind manche eben gewillt mehr zu zahlen, um das Sammelobjekt besitzen zu können. Ich sammle ja selbst genügend Dinge, für die ich unvernünftige Geldsummen zu zahlen bereit bin. Und das Vermächtnis von Minor Threat ist eben weiter gewachsen. Was heute eine Art „Religion“ ist, also straight edge, beruht auf zwei unserer Songs, deswegen ist es wahrscheinlich nachvollziehbarer, dass deren Anhänger gewillt sind, viel Geld zu bezahlen, um in den Besitz der Originale dieser „heiligen Schriften“ zu kommen, hahaha. Es ist also eher schmeichelnd und verblüffend, aber für meinen Geschmack nicht komisch. Auch wenn wir damals nicht daran gedacht haben, mit unserer Musik Geld zu verdienen, muss ich zugeben, dass die Summen, die für unsere Platten in Auktionen geboten wurden, für mich eine Art Bestätigung sind.
1989 hast Du ja dann Adult Swim Records gegründet. Wie kam es dazu und inwiefern ist das Label noch aktiv?
Ich habe Adult Swim gegründet, um darauf Musik herauszugeben, die mir gefiel, die Ian aber nicht auf Dischord haben wollte. Es handelte sich dabei meist um Projektbands mit einem anderen Sound, der nicht sehr punkig ist, und Bands, die aus anderen Städten kamen. Dischord dokumentiert ja nur die DC-Szene, mit Ausahme von Lungfish, die aus Baltimore stammen. Ich glaube, die Bands auf Adult Swim bilden meinen musikalischen Geschmack und dessen Veränderung im Lauf der Jahre ab. Derzeit ist das Label nicht wirklich aktiv. Ich habe halt erkennen müssen, dass ich nicht die ausreichenden Mittel habe, um Bands angemessen zu promoten. Und die Kombination von unbekannten Bands auf einem unbekannten Label ist eben unter diesen Voraussetzungen nicht wirklich gut. Ich habe zuletzt die „Fast Piece of Furniture“-Platte als Split-Release mit Dischord und DC Jam Records, das von einem Freund aus Missouri betrieben wird, herausgegeben.
Ist denn Fast Piece of Furniture, also Deine aktuellste Band, noch aktiv? Und wir kam es eigentlich dazu, dass Du wieder zu spielen begonnen hast?
Als ich nach Toledo zog, hatte ich mein Drumkit seit 12 Jahren nicht mehr angefasst. Die zweite Person, die ich hier kennengelernt habe, Tony, wurde schließlich mein bester Freund und ich mochte Tonys Art Gitarre zu spielen und zu singen so sehr, dass ich wieder zu spielen anfing. Wir haben dann eben mit Fast Piece of Furniture angefangen. Unsere CD kam 2007 raus und eine Deluxe-LP-Version schließlich 2010. Weil Tony aber nach Kalifornien gezogen ist, kommen wir derzeit nicht wirklich zum Proben. Keine Ahnung, was mit der Band künftig passieren wird.
Wird es Dischord in 30 Jahren noch geben oder werden MP3s das Label killen?
Wird es Dischord in 30 Jahren noch geben? Wow, das ist hart vorherzusagen. Ian und ich wären dann beide fast 80 Jahre alt. MP3s werden sicherlich weitere Veränderungen in der Musikindustrie nach sich ziehen. Da digitale Files einzelner Songs in der Regel von einem Album und Songsammlungen losgelöst sind und zudem mit nur einem Mausklick von zuhause oder jedem anderen Ort der Welt gekauft werden können, ist vieles von dem, was ein Label klassischer Weise angeboten hat, irrelevant geworden. Vor allem als Grafikdesigner glaube ich aber, dass eine gute „Verpackung“ der Musik mit Fotos, Artwork und Texten für wahre Fans der jeweiligen Band immer interessant bleiben wird. Vielleicht zeigt die Zukunft ja, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege, aber ich denke eben auch, dass die Menschen gerne ein Produkt in ihren Händen halten und wahre Fans zudem das Gefühl haben werden, dass die digitale Dateien ihrer Lieblingsbands auf ihrem Rechner ihnen nicht genug sind. Aber das wird die Zeit wohl zeigen.
Danke für das Interview.

(Interview: Christian Unsinn)

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„A Dischord sound doesn’t exist.“
Interview mit IAN MACKAYE

Ein Interview zum 30 jährigen Geburtstag von Dischord Records mit Ian als Labelinhaber neben Jeff Nelson hat natürlich eine totale Berechtigung. Da denkt man sich „Ganz toll, mein erstes Telefon-Interview überhaupt und dann direkt mit Ian“. Nach zwei Testinterviews mit Peter bzw. Dolf einen Tag vorher (das Interview kommt auch noch irgendwann mal, ha) wurde ich am Abend des Geschehens zunehmend nervöser. Die Fragen standen seit einigen Wochen, Ian macht eben keine E-Mail Interviews, weil „It feels like Homework and fuck homework“… Nun, man ruft dann um 19:15 Uhr Ortszeit Frankfurt nach einem mehr als bescheidenen Arbeitstag in Washington DC (dort ist es dann 13:15 pm) an, Ian Mc Kaye ist an der Strippe und begrüßt einen dann (auf Deutsch) mit „Haben sie gut geschlafen, mein Freund?“. Ich meinte, ich hätte acht Fragen und das ganze wäre nach ca. zehn Minuten vorbei, er lachte und meinte, da hätte ich aber noch nie mit ihm gesprochen. Im Gegensatz zu Jello Biafra, dem man einfach ein Diktiergerät hinstellen und nach einer Stunde wieder kommen kann, hat Ian aber einfach substanzielles zu erzählen, straight (ja nee klar oder? Man verzeihe mir den Witz…) to the point und erfrischend idealistisch. Das es schwer ist, ihm ganz neue Fragen zu stellen, geschenkt, ich denke bei aller Bescheidenheit dennoch, dass ihr vielleicht die ein oder andere Info nicht wusstet, zum Beispiel die Sache mit „Stepping Stone“, Slayer und so.

Hi Ian, Dischord ist 30 Jahre alt geworden, herzlichen Glückwunsch. Nach der großartigen Box zu eurem zwanzigsten Geburtstag, gibt es Pläne, auch dieses Jubiläum durch was Spezielles zu feiern?
Nein. Ich feiere keine Geburtstage, ich mache meine Arbeit. Ich gehe auch auf keine Geburtstagsparty oder so was. Im Dezember 2010 werden wir genau 30 Jahre alt, das feiert man am besten dadurch, dass man dafür sorgt, dass es noch ein oder zwei oder drei Jahre weitergeht. In Bezug auf das Boxset gab es dafür zwei Absichten, die wir damit verfolgten. Zuerst mal wollten wir damit eine Aussagen treffen und einen Punkt machen: Zu Beginn von Dischord sagten uns die Leute in den USA, dass wir bald tot sein würden, dass wir zu idealistisch sind, es nie klappen wird, so wie wir – so kann man nicht ein Label betreiben…
So nach dem Motto „Ihr seid nicht professionell genug“?
Genau, ihr seid halt zu idealistisch und so weiter. Es hieß, das könntet ihr vielleicht jetzt schaffen, aber irgendwann müsst ihr Anwälte beschäftigen, irgendwann wird es ernst. Das hörten wir immer wieder. 2000 sind wir 20 Jahre alt geworden, wir haben Mitarbeiter, wir zahlen sie, wir zahlen Royalties an unsere Bands, keine verklagte uns. Das Boxset sollte die Frage aufwerfen „Are we fucking real yet? Can we work yet?“ Wird es möglich sein, etwas mit Punk zu machen, was nicht nur ein Witz oder nur temporär ist? Nach 20 Jahren stellten wir fest: Ja, so was ist möglich, es zu versuchen ein Label auf eine andere Art zu machen. Das war eine politische Sache für mich, diese Frage zu stellen, ob wir ein echtes Label sind. Die zweite Absicht war zu unterstreichen, wer wir als Label sind. Und das sind unsere Bands. Es gibt keine Band ohne einen Song…
Stimmt.
Ja, und du kannst kein Label machen ohne Bands.
Das Label kann das nur verstärken, was die Bands machen oder von ihnen kommt?
Wir wollten die Bands ehren, die sich uns mit ihrer Musik anvertraut haben, denn genau das ist es: Sie haben uns vertraut und uns ihre Musik gegeben. All die Jahre. Das Boxset hat von jeder Band einen Song, in dem Booklet geht es zwar ein bisschen um das Label, aber im Großteil um die einzelnen Bands. Die Leute sagen immer, es gibt den Dischord-Sound. Ich glaube, sie verstehen das falsch. Das ist Bullshit. Ein Dischord-Sound existiert nicht. Dischord war schon am Anfang experimenteller, als viele Leute denken. Ok, das ist meine Meinung dazu. Mit dem Boxset versuchten wir, darüber aufzuklären. Ansonsten gibt es keine Geburtstagsfeier. Und wenn du es bemerkt hast, die Box heißt nicht „20 years anniversary of Dischord Records“, sondern „20 years of Dischord“.
Ein Punkt für dich, klar. Also ist die Box einerseits historisch zu verstehen, und auf anderen Seite an die Zukunft gerichtet, ihr befindet Euch im Jetzt?
Ja, aber auch, um zu zeigen, dass diese Musik noch erhältlich ist und auch wieder entdeckt werden kann. Wenn man sich zum Beispiel eine Band wie Circus Lupus anhört, dann denkt man sich, Scheisse, waren die geil, also, ich fand sie großartig, aber man hörte nie viel über sie. Darauf wollten wir die Aufmerksamkeit richten.
Wie Dischord arbeitet finde ich echt toll, nur viele andere Labels funktionieren ja völlig anders.
Stimmt. Aber wir sind nicht „wie viele andere Labels“.
Ja, was mir bei Euch am meisten auffällt, dass es keine Rip-off-Vorwürfe seitens der Bands gibt. Wenn man sich Punk-Labels anschaut, die zur gleichen Zeit gestartet sind, überall hörst du so etwas. Wie z.B. SST und ihre Bands, Dead Kennedys und Alternative Tentacles, Butthole Surfers und Touch and Go…was ist das Geheimnis von Dischord? Oder hattet ihr einfach Glück? Echt super, aber auch echt selten.
Du meinst, dass sich Bands bei uns nie beschwert haben, so was?
Also, ich kenne keine.
Das stimmt auch, ok, es gab mal eine Person, die sauer auf uns war, aber…
Ich meine, sogar die Crass-Leute verklagen sich jetzt vor Gericht wegen deren Wiederveröffentlichungen.
Hahaha. Dischords Mission ist die Dokumentation der DC-Bands und das sind oft Freunde. Wir haben ja nie Verträge gemacht, es gab keine Anwälte, diesen Aspekt des Geschäftes lehnten wir immer ab. Es geht dort ja immer ums Geld. Und wir haben versucht, es anders zu machen. Am Anfang gab‘s ja auch gar kein Geld zu machen. Und dann: Wir haben immer gezahlt. An alle alten Bands. Immer noch, egal, ob es 28 Jahre her ist. Zweimal im Jahr schreibe ich 150 Schecks an alle Bands, jeden Profit bekommen sie. Ich weiß nicht, warum uns Leute verklagen sollten? Wir zahlen doch. Vielleicht wäre das ganze in anderen Situationen anders bei anderen Labels, zum Beispiel habe ich keine Ahnung, was da bei Crass los ist. Ich kenne die Situation nicht. Ich weiß, dass es vor Jahren dort eine Menge Konfusion gab.
Steve Ignorant spielte vor kurzem hier in Frankfurt und erzählte das mit dem Gericht…
Das ist echt Scheisse. Ich meine, das Dead Kennedys-Ding war eine Enttäuschung, Butthole Surfers eine echt noch größere. Aber ich habe keine Antwort dazu. Warum? Vielleicht… Wenn jemand bei uns wirklich Probleme hat und sagt „Ihr rippt mich ab“, dann würde ich sagen: OK, was willst du? Willst du deine Platte zurück? Hier, nimm sie. Wenn sie denken, dass ich sie abrippe und es ernst meinen: Ja, nehmt eure Platte.
Sehr gut.
Ich werde doch nicht mit ihnen deswegen kämpfen oder so. In anderen Situationen bei anderen Labels ist es vielleicht anders. Ich weiss es nicht. Die Sache ist: es ist doch nur Geschäft oder geht nur um Geld. Die Crass-Sache, ich kann mir kein Gericht der Welt vorstellen, dass das verhandeln würde, also, wenn es da um künstlerische Debatten geht. Es geht doch immer nur um das Geld. Die Butthole Surfers, als sie Touch and Go verklagt haben, das war lächerlich, Corey war immer aufrichtig zu ihnen. Touch and Go war zentral für den Erfolg der Band verantwortlich, denke ich.
Stimmt.
Ich glaube, das war dann so: Sie hatten dann einen Manager und die Beziehung von Band und Label war unverbindlich, der Manager wollte daran teilhaben, deshalb wurde neu verhandelt, es ging um mehr Geld und Einfluss. Die Band war 15 Jahre auf dem Label und Corey war perplex, warum ruft da jetzt ein Anwalts- oder Managertyp an, wenn die Butthole Surfers doch seine Freunde waren? Sie haben nicht gut nachgedacht. Der Typ, der einen Artikel dazu schrieb, schlug sich darin auf die Seite der Band. Nachdem sie denn Prozess gewonnen hatten, stelle er mir die Frage, ob sich die Idee von Touch and Go, ohne Verträge zu arbeiten, als eine nicht gute herausgestellt hätte und ich sagte „Nein, denn stell dir vor, du machst jeden Tag einen Spaziergang durch einen wunderschönen Park, und jeder Tag macht dich glücklich und es macht dir Spaß. Eines Tages springen vier Leute hinter einem Felsen hervor und schlagen dich zusammen und rauben dich aus und klauen dein ganzes Geld… War dann der Spaziergang in dem Park eine schlechte Idee?“
Guter Vergleich.
Das ist ja einfach das, was passiert ist. Du hast jahrelang den Park genossen und plötzlich wurdest du ausgeraubt.
Sag mal, du hast den Dischord-Ansatz, nur DC Bands zu veröffentlichen, schon erwähnt. Fühlst du dich so nicht manchmal auch limitiert? Normalerweise beginnen Labels mit lokalen Bands, dann nehmen sie später Internationale und expandieren geografisch gesehen. Dischord blieb bei seiner DC-Szene, hattest du je das Gefühl, du verpasst ne gute Band?
Häh? Ob ich was verpasst habe?
So nach dem Motto „Mist, die und die würde ich gerne nehmen, aber die wohnen in Los Angeles und wir machen nur DC Bands“?
Ah, verstehe. Ziemlich am Anfang war das bei mir so mit den 7 Seconds. Sie hatten schon ganz früh große Probleme Platten auf ihrem Label rauszubringen, und sie waren eine so großartige Band und Kevin ist ein toller Typ. Und da wünschte ich mir, ich könnte ihre Platten veröffentlichen, weil alles so desorganisiert war. (Anmerkung Jan: Ian war jedoch immerhin Produzent einer 7 Seconds Platte). Ansonsten hatte ich nie das Gefühl. Klar gibt es großartige Bands, mit denen ich gerne was gemacht hätte… Aber es gibt auch großartige Menschen, mit denen ich gerne mehr machen würde. Das ist Fluch und Segen vom technischen Zeitalter, es gibt Flugzeuge, aber wir brauchen sie nicht, damit wir beide jetzt diese Unterhaltung führen. Ich liebe Dolf. Würde ich Dolf gerne öfters sehen? Natürlich! Wir hätten uns nie getroffen, wenn ich nicht rübergeflogen wäre. Aber ich kann ihn nicht öfters sehen, als wie es eben jetzt geht, weil ich in Washington lebe und er in Bremen.
Haha, ja…
Deshalb, ja, klar, es gibt gute Bands da draußen, aber wenn sie nicht hier leben…
Sie müssten umziehen.
Jaaaa, aber so funktioniert das ja nicht.
Schon klar, kleiner Witz. Die Bad Brains hatten einen riesigen Einfluss auf die frühe DC Szene, mich wundert, warum sie nie auf Dischord waren, sie kamen ja aus der Stadt?
Sie zogen nach New York.
Häh?
Sie zogen nach New York.
Ach so, ja klar, aber sie kamen ja aus Washington?
Aber sie zogen 1980 weg. Und sie waren älter als wir. Sie nahmen uns auch nicht so ernst. Ok, wir waren Freunde, aber sie wollten schon auf ein echtes Label. Capitol Records oder so und nicht zu Dischord. Sie wollten groß werden und wir waren nur Kinder. Lustig aber, ich telefonierte vor kurzem mit ihrem Bassisten, Darryl, und er meinte „Immer wenn es um DC geht, heißt es immer Minor Threat hier, Fugazi da, Mensch Junge, sag doch mal, warum erwähnt keiner die Bad Brains?“ und ich sagte „Ja, weil ihr 1980 nach New York gezogen seid.“
Ok.
Ja fuck, aber er dann so „Warum habt ihr keine Platte von uns raus gebracht?“ und ich so „Alter, ich bitte dich. Ihr hättet doch nie auf Dischord sein wollen, wir waren doch kleine Kartoffeln.“
Das war Darryl Jenifer oder ?
Ja genau. Ich meine, die Bad Brains, noch mal, sie sind eine Band, die ich liebe und natürlich hätte ich es sau geil gefunden, eine Platte von ihnen zu machen. Aber ihre Geschäfte waren immer schon so eine Sache und ich wollte nie mit ihrer Business-Seite etwas zu tun haben, verstehst du? Das ist so eine Eigenschaft von mir. Wenn du Geld machen willst, dann bin ich nicht der richtige Gesprächspartner. Das ist mir echt so was von scheißegal und interessiert mich überhaupt nicht. Sie wollten von der Band leben und dazu ein Konzept machen. Das ist nicht mein Konzept. Die Leute sagen immer, ich lebe von der Musik. Das ist nicht wahr. Ich lebe von meiner Arbeit. Zurzeit mache ich keine Musik, ich arbeite. Ich arbeite die ganze Zeit. Ich buchte Touren von Evens, buchte Touren von Fugazi und Minor Threat, ich arbeite beim Label, ich arbeite die ganze Zeit und deshalb kann ich die Musik auf eine andere Art machen, verstehst du? Ich kann Musik machen, wo ich will, wie ich will, wann ich will und aus Gründen, die ich will. Ich lebe nicht von meiner Musik. Ich lebe von meiner Arbeit. Und diese ermöglicht es mir, meine Musik so zu machen, wie ich es will.
Guter Punkt, war mir vorher nicht ganz so klar.
Ja und wenn eine Band zu mir kommt und sagt „Wir brauchen mehr Geld“, dann sage ich, ihr müsst dahin gehen, wo mehr Geld ist.
Haha.
Haha. Ziemlich offensichtlich oder?
Ja.
Wenn du mehr Geld willst, dann musst du dahin gehen, wo es mehr Geld gibt. Aber wir können dir nicht weiterhelfen.
Yeah.
Oder die Band sagt, ihr müsst mehr traditionellen Promotion-Kram machen. Aber wir machen keinen traditionellen Promotion-Kram. Deshalb müssen sie dahin gehen, wo traditioneller Promotion-Kram gemacht wird! In den 90er wollten die Leute Videos machen. Und ich sagte „Macht es doch“, aber ich werde kein Video machen und dafür bezahlen.
Die guten alten Marketing Tools…
Ja, das ist Werbung. Wenn du das machen willst, super, aber wir machen es nicht. Mach es selber. Scheiss drauf. Geh zu einem Laden, wo so was gemacht wird, bei uns wird es nicht gemacht. Die Sache ist: Vielleicht bin ich apologetisch, wir sind Dischord und machen das auf unsere Art und Weise. Vielleicht bin ich da egozentrisch, altmodisch oder idealistisch: es ist mir total scheißegal. Ich will, dass es echt ist! Ich will nicht das machen, was die Industrie macht. Normalerweise werden da Jobs gemacht, die man eigentlich nicht machen sollte. Du bist mit dem Konzept „Band macht eine Tour, um die Platte zu supporten“ vertraut? Da entsteht der Eindruck, dass die Platte der Punkt ist. Aber das soll nur Einkommen generieren und Platten sind ja nur tote Waren. Platten sollten Touren supporten. Leute sollen die Songs kennen, Leute sollen sehen, wie die Musik sich anfühlt, vielleicht könnte man ein Konzert zusammen machen und so. Das ist einfach eine andere Denkweise. Das ist meine.
Gut, aber ungewöhnlich.
Ja, aber das ist echt wieder mein Punkt: Ich sag doch nicht, dass jemand wie ich sein soll. Ich sag nur, wenn jemand auf Dischord sein will, dass es so abläuft.
Dischord, guter Punkt. Warum ist die Szene so gut dokumentiert, die ganzen Fotobücher, wussten die Leute ganz früh schon, das hier was besonders passiert? Oder einfach wieder Glück? Die DC-Szene ist ja echt besser dokumentiert als die viel größere Los Angeles Szene?
Meinst du, größer als die L.A. Szene? Nun ja, kann sein. Wir wussten nicht, dass es wichtig war, aber wir wussten, dass es wichtig für uns war. Es war ja nicht so, dass wir das dokumentieren, damit Jan mich 2010 anruft…
Verstehe, ha.
Wir dachten, es ist für uns sehr wichtig. Die Platte der Teen Idles kam damals raus, als die Band sich schon aufgelöst hatte. Wir wollten sie aber machen, als Dokument für uns. Der Grund, warum die Leute damals Fotos usw. machten, ok, wir haben hier vielleicht eine starke Arbeitsethik, aber auch … Es war uns wichtig, die Leute lebten für das Ganze, wir haben für uns selber eine neue Familie erschaffen. Also, du als Musiksoziologe, der sich auskennt, kannst du eine populäre Metal-, Rock- oder so Band aus DC in den letzten 10 Jahren nennen?
Äh, ich jetzt oder was?
Ja.
In den letzten 10 Jahren?
Yeah.
Äh, ich würde sagen, Magrudergrind.
Wer?
Magrudergrind. Eine Grindcore-Band aus DC, ich habe sie letztes Jahr fürs Trust interviewt.
Wie hieß die noch mal?
Magrudergrind, Scheiße, ich kann den Namen echt schwer aussprechen, besonders auf Englisch. Ganz junge Leute, die halt Grind machen.
Ah okay, also, mein Punkt war, okay, du kennst jetzt eine Band aus DC der letzten zehn Jahre oder aus den 90er wie Fugazi…
Ich hörte von ihnen.
Genau, du kennst dann noch Bands aus den 80er, Minor Threat, vielleicht noch Bad Brains. Aber es gibt keine Musikszene, die man aus den 70er kennt, ha ha.
Stimmt.
Ja, weil: es gab hier damals einfach nichts.
Wobei, Pentagram…
Jaaa, aber das… Goddammit Dude, das ist ja Metal.
Na ja, Skip Groff erwähnte bei seinem Gast-Beitrag fürs Special, dass er die in den 70er produzierte.
Ja, ich hab das Demo.
Echt?
Ja, es ist unglaublich toll.
Großartige Band, sah sie letztes Jahr in Deutschland, toll.
Ok, sind klasse, ja. Aber sie waren keine Punker oder so, und man würde sie kaum kennen, eigentlich. Das Ding ist ja eher, wir mussten was machen, und etwas starten, es war ja so, dass keiner uns ernst nahm, außer wir uns selber. In Los Angeles, San Francisco und New York, das sind ja Orte, wo die Musikindustrie sitzt, es gibt da Traditionen und so. Eine Band dort ging ins Studio und nahm vielleicht zwei Songs auf. Und dann nahmen sie diese zu einem Label und sie zahlten für ein Album. Oder die Band machte mit ihren zwei Songs die Runde bei verschiedenen Labels. Aber in Washington gab es niemand, bei dem du eine Runde machen konntest! Wenn also eine Band ins Studio ging, dann nahmen sie so viele Songs auf, wie es nur ging. Artifical Peace zum Beispiel, einer unser letzten Releases…
Ja, klasse Band, hab mir die neue Platte heute bestellt.
Die Band habe ich selber 1981 aufgenommen. Drei der insgesamt 17 Songs landeten auf dem „Flex your head„- Sampler, aber es wurden halt 17 Songs gemacht… ein großartiges Demo. Lost and Found Records brachte es mal raus und…
Die hab ich, mit Marginal Man noch drauf.
Genau, aber die hat so ein scheiß Cover, doofe Veröffentlichung, auch sind da keine echten Infos dabei. Wir machen das schöner. Aber noch mal, wenn eine Band ins Studio ging, nahm sie alles auf, was sie hatte. Deshalb waren wir wohl dokumentarisch angelegt. Dokumentation nicht für die Welt, sondern für dich selber, für uns selber.
In einem älteren Interview, leider habe ich peinlicherweise vergessen wo, hast du gesagt, die Leute wären überrascht, was für uncoole Musik du so hörst, das interessiert mich natürlich, meintest du so was wie Abba, Boney M. oder Phil Collins?
Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass ich das gesagt habe, weil „uncool“ nicht zu meinen Wortschatz gehört und ich es nicht benutze.
Das war mehr so gemeint wahrscheinlich, dass es noch mehr als nur Punk gibt?
Ach, das war‘s, ja. Die Leute denken immer, dass ich konstant nur Hardcore höre und das stimmt halt gar nicht. Zum Beispiel, ich höre viel Punkrock, ja, aber auch Beatles, Al Green, ok, jetzt könnte man ’ne Liste mache und das ist irgendwie…
Ich verstehe, was du meinst.
Aber okay, ich höre auch Pentagram. Oder The Obsessed. Kommt auf den Tag an. Du verstehst, was ich meine. Was mich interessiert, die Musik, die ich mag, ist die, wo ich zumindest ansatzweise das Gefühl dabei habe, dass die Leute überhaupt keine andere Wahl hatten, außer genau diese Musik zu machen. Sie MUSSTEN es einfach machen. Punk für mich bedeutet free speech. Ich meine damit, Punk bedeutet neue Ideen, für neue Ideen gibt es anfangs kein Publikum. Punk ist kein Style, kein Look oder Sound, es könnte das sein, aber eben nicht nur. Es ist ein Platz für Leute, die zusammenkommen, um neue Ideen zu hören. Und Leute, die dazu eine Verbindung haben, die können gar nicht anders, die müssen genau ihre Musik machen, aus einem inneren Drang heraus, das hat mir, denke ich, bei Punk immer besonders gefallen.

Sachen wie Bad Brains, die Musik musste aus ihnen heraus kommen, die schauten nicht vorher in einen Katalog und überlegten, was für Musik sie machen könnten, sie mussten das machen, was aus ihnen herauskommt. Später überlegten die Leute, „Oh wir könnten eine Popband, Punkband, eine Metalband oder so sein“ , das wurde wie Kleider von der Stange zu kaufen, derweil du früher die Kleider selber gemacht hast. Nachdem das gesagt ist, Punk wird niemals sterben, er wird nur ganz anderes aussehen, als die Leute es gewohnt sind. Punk war für mich immer, dass Leute zusammenkommen für neue Ideen. Neue Musik. Neue Wege, wie die Menschen sich treffen und eine Art Familie gründen.
Im Film „American Hardcore“ heißt es ja, dass Punk aus einem luftleeren Raum kam, „It came without a warning“, das stimmt ja gar nicht, du hattest ja immer in der Musikgeschichte Punk, nur halt jeweils auf ihre eigene Zeit bezogen, seien es durchgeknallte Blues-Leute, Free Jazzer und so. Die waren Punker in ihrer Zeit. Deshalb, Punk hat seine Wurzeln.
Ich würde sagen, der Punk der Leute, ihr Rock, ihr Pop, das ist alles das Gleiche. Hip Hop ist Punk. Irgendwann wird es zu einem Katalog. Unsere Konversation, was du mit Grind sagtest, ich verstehe, was du sagst, wir haben eine Art verbale Interaktion, dazu braucht man Wörter. Beim Marketing ist es etwas schwieriger. Grind höre ich nicht so, es ist intensiv, ja, aber ich muss das Gefühl haben, dass die Musik aus den Leuten herauskommt, das ist für mich wichtig.
Kommen wir zu was anderem. Einige alte DC-Bands haben das Monkees-Stück „Stepping Stone“ gecovert, ich habe mich immer gefragt, warum gerade die Band bzw. ihr Song so einen Stellenwert in der DC Szene hatte?
Lass mich dir Aufklärung zu teil werden! Es ging nicht um die Monkees, den Song „Stepping Stone“ lernten wir von den Sex Pistols.
Ah, ihr dachtet, ihr covert die Sex Pistols? Geil, über sie hab ich die Stooges kennengelernt, weil ich dachte, „No Fun“ wäre von den Sex Pistols.
Ganz genau, wir dachten, es wäre der geilste Song überhaupt, ich kannte den Monkees-Song gar nicht, es war einfach ein toller Song, außerdem waren die Texte relevant für uns. Es ist ein schöner Sing-a-long. Du hast doch bestimmt mit deinen Freunden eine eigene Sprache, einen Slang und wenn du sie triffst, habt ihr Insider Jokes und so, so verbindest du dich mit ihnen. Wenn wir früher „Stepping Stone“ spielten, das war einfach ein toller Song für alle, zusammenzukommen und so… Und die Monkees, ach, Scheiß auf sie.
Ian, ich habe noch drei Fragen übrig. Soweit erstmal alles okay mit dem Interview?
Ja. Ich glaube nur, wir sind etwas über deiner Zeit?
Macht nix, ich hab eine billige Telefon Flat. Die Frage hast du wahrscheinlich schon oft gehört, aber heute ist es ja echt extrem: Alle alten Bands gibt es wieder, Black Flag (Anmerkung Jan: ich meinte diese kurzlebige 2003 Reuion), Negative Approach, Jerry’s Kids etc. spielten oder spielen wieder. Würdest du je Reunion deiner Band vor Fugazi machen?
Was ist deine Frage jetzt noch mal?
Heute, alle alten Bands gibt es wieder, verschwendest du überhaupt eine Minute daran zu denken, mit Minor Threat eine Reunion zu machen?
Mit Minor Threat???
Äh, ja?
Nein nein, auf gar keinen Fall. Das wird nicht passieren.
Gut zu hören.
Ich weiß nicht, was die Motive der von dir genannten Bands waren, wieder zu spielen. Ich kann nicht für sie sprechen, es ist ihre Sache. Wenn das Geld aus der Gleichung draußen wäre, dann würden sie es wahrscheinlich nicht machen, in bestimmter Hinsicht spielen sie also für Geld. Minor Threat spielten nie ein Konzert wegen des Geldes. Deshalb, warum sollten wir es jetzt, 30 Jahre später, deswegen machen? Es für Geld machen? Das wäre eine besonders bittere Note.
Oder es für eine gute Sache machen, ein Benefiz für Amnesty International?
Ja gut, aber wie viel Geld können wir denn wirklich erzielen für eine gute Sache?
War auch nur ’ne Frage.
Ich weiß es nicht, wenn es uns wirklich um die gute Sache geht, dann würden wir uns doch zusammentun und Geld spenden, eben wegen der guten Sache.
Macht Sinn.
Bestimmte Sachen gehören in bestimmte Zeiten. Ich will Leute ja auch nicht extra draußen halten, so Motto „Ha, du bist zu spät geboren“, aber ich denke, wenn die Leute Minor Threat sehen wollen, dann sollten sie selber eine verfickte Band gründen. Ich habe damals, als ich 20 war und Chuck Berry verehrte, nicht erwartet, dass ich ihn je in meinem Haus sehen werde. So denke ich nicht über Sachen nach. Ich war von Jimi Hendrix inspiriert, von den Beatles und all den ganzen Leuten. Deshalb habe ich eine Band gemacht, das war meine Art. 1983 lösten sich Minor Threat auf, weil wir keine Ahnung hatten, was für Musik wir weitermachen sollten. Wir dachten, es war wichtig für uns, keine Kompromisse zu machen, das war‘s. Nix da mit Metal Versionen von Songs. Das ist ja mit vielen frühen HC Bands so. Sie machten eine unglaublich geile Platte. Und dann konnten sie besser spielen und wollten Rock machen. Wenn die sich wieder zusammen tun, dann geht’s nur um das frühere Material und keiner erwähnt mehr die andere Phase der Band.
Yeah, SS Decontrol kommen einem da in den Sinn…
Man sollte ein Special oder Buch darüber machen, „That weird third record.“
Gute Idee!
Minor Threat war typisch für die Zeit, wir waren Kids, wir wollten kein Geld, wir waren Kids, die über Kids sangen. Ich war damals 18 oder 19 Jahre und ich sang über denn, der ich damals mal war und wie ich damals lebte. Heute bin ich 48. Ich werde bestimmt NICHT Songs drüber singen, wie es mit 18 war. Ich werde darüber singen, wie es ist HEUTE zu leben, über den zu singen, der zum verfickten Mal ich jetzt bin.
Andere Frage, Slayers Version of „Guilty of being white“ verärgerte dich, ja?
Das Slayer Cover? Das Ding war etwas übertrieben dargestellt, ich glaube, Kerry sang am Ende „right“ anstelle von „white“ und dann sagte ein anderer irgendwie „Wie jetzt, die finden das richtig, weiß zu sein?“. Ich sagte in einem Interview, dass es für mich halt so anhörte, dass er am Ende „right“ singt, der Interviewer interviewte später Slayer und erzählte ihnen das ganze dann. Kerry war‘s, glaube ich, keine Ahnung, ich habe sie nie getroffen, also… Kerry sagte dann, dass diese Sache, dass sie denken würden von wegen „Es wäre geil, weiß zu sein“ und so dann: „Das ist total verrückt. Ich bin Mexikaner. Ich denke nicht, das es richtig ist, weiß zu sein!!!“ Warte mal, da ruft mich mein anderer Interviewer an, Scheisse, die wartet schon seit einer halben Stunde… warte mal kurz.
Sind auch echt jetzt gleich durch, wegen Slayer, gab es wenigstens Royalties für Dischord?
Natürlich. Also für Minor Threat, nicht Dischord. Sie sind aufrichtig, es war alles okay.
Ach so, logisch. Letzte Frage, gibt es schon Pläne für Veröffentlichungen 2011?
Wir arbeiten an Sachen. Wir werden sehen. Wenn es etwas interessantes gibt, werden wir es zur Verfügung stellen. Ich muss jetzt aufhören, sorry, sie wartet schon so lange. Ich hoffe, du konntest mit dem Interview irgendwas anfangen.
Vielen Dank, klaro.
Kein Thema, pass auf dich auf. Tschüss!

(Jan Röhlk)

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„Above all Dischord has thrived because we’ve always stayed true to what we believe is simply common sense, that labels can only amplify the energy and creativity that comes from bands and their supporters.“
Gastbeitrag von Alec Bourgeois

Alec ist bei Dischord für die Promo verantwortlich. Er spielte bei den Bands Severin und Capitol City Dusters mit und machte das Superbad Records Label. Mehr unter alecbourgeois.net. (Jan Röhlk)
„Die Ironie bei den ganzen 30 Jahren dabei sein liegt darin, dass diese Zeit den Beweis dafür darstellt, dass wir etwas geschaffen haben, was gleichzeitig stabil, bestandsfähig und andererseits dehnbar und elastisch ist. Diese Zeitspanne ist auch diejenige, seit der uns gesagt wird, dass das, was wir machen, weder praktisch noch professionell ist. Stell dir das mal vor! Der Hauptgrund unseres Gedeihen und Prosperieren liegt in allererste Linie darin begründet, dass wir immer uns selbst treu geblieben sind, in Bezug auf eine Sache, die wir einfach als gesunden Menschenverstand verstehen: das ein Label nur die Energie und Kreativität, die von Bands und ihren Fans kommt, verstärken kann. Diese gemeinsame Sensibilität verführt eher nicht dazu, den Fehler zu machen und ein „Scenemaker“ oder ein „Celebritiy Promoter“ zu werden, diese Zugänge überließen wir immer anderen. Unser Ziel ist die Dokumentation einer sehr speziellen Szene in Washington DC, respektvolle Kuratoren der Musik. Wenn wir mal eine Pause machen, dann erscheinen 30 Jahre wie eine wirklich lange Zeit, aber wir machen kaum eine Pause…“

***

Flex your head. Eine kurze Label-Geschichte von der Gründung 1980 mit den Teen Idles über Fugazi’s Durchbruch Anfang der 90er hin zu dem 30 jährigen Geburtstag 2010

Grundlage für diesen Text ist Ian’s Label-Geschichte, online zu finden unter dischord.com/history. Nachdem sich Ians zweite Band (die erste waren ja die kurzlebigen The Slinkees, die nur ein Konzert spielten), die Teen Idles, im Sommer 1980 aufgelöst hatten, ergab sich die Frage, was man mit der gut gefüllten Bandkasse ($ 600 aus 35 Konzerten) macht. Man entschied sich für die Veröffentlichung einer Platte und nahm den befreundeten Skip Groff (seines Zeichens Plattenladenbesitzer mit dem Namen „Yesterday and Today”) mit ins Boot und im Dezember 1980 erschien Dischord # 1, die EP „Minor Disturbance” der Teen Idles. Meiner Meinung nach wird Skip auch enthusiastisch auf dem „Stepping Stone”-Cover von Minor Threat gegrüßt („Skip, we love you”). Ian MacKaye und Jeff Nelson gründeten Minor Threat, mit Ian nun am Gesang statt am Bass.

Herny Garfield (wir kennen ihn besser als Rollins, das singend stampfende kurzbehoste Tattoo-Tier), ein Roadie der Teen Idles, gründete State of Altert, sensationelle Band („I hate the Kids” anyone?). Hier schon ins Bild kommt John Stabb, der in einer Band spielte, die bald unter dem Namen Government Issue (GI) bekannt wurde. Der Sänger der Teen Idles, Nathan, startete Youth Brigade (die kalifornische Band gleichen Namens stelle Jahrzehnte später in einem Song fest, dass sie eben saufen, ficken und rauchen täten, somit keine DC Band wären… Shawn von Youth Brigade / Los Angeles meinte jedoch in meinen Interview, dass beide Bands sich mehrmals trafen und gute Freunde waren). Ians Bruder Alec hatte schon seine Band the Untouchables am Start (ihren Hit “Nic Fit” coverten Sonic Youth Anfang der 90er auf der “Dirty”). Inspiration für Dischord stellte übrigens Dangerhouse Records aus Los Angeles dar, die zu der Zeit schon eine Serie von Singles einiger Los Angeles Punkbands veröffentlicht hatten, genau das plante man nun zu tun und veröffentlichte die “No Policy” EP von SOA (Rollins zahlte Aufnahmen und Produktion selber) als Dischord # 2. Auch hier gab’s vor einigen Jahren eine Coverversion, dieses Mal von einer Band (Brightside), die direkt die ganzen zehn Songs einspielte. Es folgten Singles von Minor Threat, GI und Youth Brigade.

Im Oktober 1981 zog man in ein Haus in Arlington, Virgina, im Großraum Washingtons, auch bekannt als das Dischord House, als neuer Labelstandort (siehe auch die legendären Büro-Fotos vorne und hinten bei der 20 Jahre Dischord Box mit Ian und Jeff 1980 und in den 2000er). Die Beecher Street- Adresse wurde beibehalten. Im Übrigen ist das nicht die Adresse des Dischord Hauses, das schnell zu einem Treffpunkt von Punks wurde, sondern Ians Elternadresse. Anfang 1982 gab es die erste 12 Inch, der legendäre Flex your head – Sampler, 32 Songs von 11 DC Bands. Zusammen mit dem Boston – und dem Beach Boulevard-Sampler einer der wenigen essentiellen HC-Punk-Sampler aus den USA, die man ohne Frage kennen muss. 1983 gab‘s Platten von Faith, Void, Scream und Marginal Man (in „American HC“ erzählte einer von MM, dass sein Vater Senator des Bundesstaates Hawaii wäre, die soziale Schicht der DC Bands ist hier schon mal klar: von der Straße und so). Und es gab die Veröffentlichung der Out of Step von Minor Threat. Sicher, Slayer haben auf ihrer „Undisputed Attitude“…

Pennywise coverten Minor Threat, NOFX brillierten mit einer barjazz-Version von „Straight Edge“ Probleme traten auf, Ian arbeitete in drei Jobs gleichzeitig, hinzu kam die Band und das Label, der Cash Flow stockte und man war pleite, was mit den zahlungs-unwilligen Vertrieben zu tun hatten. John Loder von den in London sich befindenden Southern Studios kam ins Spiel. Southern war das Label der Crass Platten und die Partnerschaft Southern-Dischord wurde vereinbart. Kurz zu der Geschichte von Southern: 1974 wurde das Aufnahmestudio Southern Studio von John Loder gegründet, ab Anfang der 80er kam das Label Southern Records und der Vertrieb Southern dazu.

Southern Records aus London ist also nicht zu verwechseln mit Southern Lord, dem in Los Angeles gegründeten Doom-Label der Sunn O)) Leute, wobei Southern Lord im Vertrieb von Southern sind. Kann man ja leicht verwechseln, die beiden, sind aber zwei Paar Schuhe. Zurück zum Thema: Die Partnerschaft von Dischord und Southern besteht seit Anfang Januar 2011 nicht mehr in dem Sinne, hier im Text am Ende mehr dazu.

Wir kommen zum legendären Revolution Summer… 1984 wurde die Szene u.a. gewalttätig, es kam 1985 zu einer Art new wave von neuen Bands: Rites of Spring, Lunchmeat (die ihren Namen später zu Soulside änderten), Gray Matter, Kingface, Beefeater, Mission Impossible, Fire Pary und Dag Nasty. Ian hatte auch eine neue Combo am Start, Embrace. Eine polit-Aktivsten Gruppe namens Postive Force DC gründete sich… Ende der 80er gab es wieder Familienzuwachs, Shudder to Think, Three, Jawbox, One Last Wish, Lungfish, Nation of Ulysses, Holy Rollers, Fidelity Jones, Ignition, The High Back Chairs, Severin und Fugazi. Laut Ian war diese Zeit die beschäftigungsintensivste Phase des Labels, die ein outsourcing einiger Bestandteile aus dem Dischord Haus zu Folge hatte. Man gründete eine zweite Firma namens Dischord Direct, um DC-Bands und Labels zusammen mit den eigenen Veröffentlichungen an andere Vertriebe und Läden zu vertreiben.

1991. Nirvana. Alles änderte sich. Plötzlich gab es ein riesiges Interesse an Undergroundmusik. Fugazi, 1988 zusammen von Ian, den ex-Rites of Spring Leuten Brendan und Guy plus Joe Lally gegründet, war eine der größten Bands im Underground und zog besonders Interesse viele Majorlabels auf sich. Fugazi entschied sich, auf Dischord zu bleiben, was dazu führte, dass es Angebote von Majors gab, die direkt das ganze Label kaufen wollten, was jedoch – so Ian – nie überhaupt in der Überlegung war. Wo früher Musik und Ideen den Underground bestimmten, kam jetzt das Geschäft und Geld ins Spiel, und vielen der alten bekannten Bands bekamen Angebote der Majors. Zwei Dischord-Bands, Jawbox und Shudder to Think, entschieden sich zu einem Vertrag bei einem Majorlabel, für sie erschien es als der beste Weg, vorwärts zu kommen. Ian schrieb dazu: „These were our friends and because we recognized that the bands came before the label (as there would be no label if there were no bands), we respected their decisions.“

Das Mainstream-Interesse an dem einstigen Underground hatte einen tiefen Effekt für das Label, plötzlich verkaufte man mehr Platten (als Nebeneffekt des gestiegenen Interesses an „Punk“Musik) und als die Industrie ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Genre fokussierte, verkaufte man dementsprechend weniger. Dischord veröffentlichte Platten von Slant 6, Hoover, Circus Lupus, Trusty, Bluetip, Branch Manager, The Crownhate Ruin, Smart Went Crazy und Make-Up.

In den späten 90er gab es Veröffentlichungen von Fugazi, Lungfish und BlueTip. Gleichzeitig konzentrierte Dischord sich auf den Vertrieb anderer DC Labels, Slowdime, DeSoto, Simple Machines, Teenbeat, Superbad, Resin, Lovitt, Ruffian, Exotic Fever etc. Sprechen wir über die Angestellten bei Dischord (es waren immer maximal fünf bis sechs Leute beim Label beschäftigt). Jeff Nelson und Ian führen das Label und alle anderen Mitarbeiter waren freiwillige Helfer, d.h. für ohne Geld. Seit den frühen 90er konnten Dischord seine Mitarbeiter bezahlen und ihnen eine Krankenversicherung sichern, was Ian als eines der größten Erfolge des Labels ansieht. Denn die meisten Geschäfte wie es eben auch Plattenlabels sind, orientieren sich in erster Linie am Profit bzw. der Angst vor fallendem Profit.

Dischord versuchte, mit ihrem Label eine fortlaufende Dokumentation zu etablieren und gleichzeitig integriert in der Community zu sein, ohne viele der gängigen Industrie-Standards zu übernehmen. Der Fakt, dass man die Angestellten bezahlen und den Bands Royaltys zahlen kann, zeigt laut Ian, dass so ein Ansatz machbar ist. Dischord feierte 2000 seinen 20 Jährigen Geburtstag, legt aber Wert darauf, dass ihre Arbeit nicht historisch, sondern kontinuierlich zu verstehen ist.

Nach 1999 gab es einen Kreativitätsschub in der DC Szene, neue Platten kamen von Faraquet, The Capitol City Dusters, Q and Not U, El Guapo und Black Eyes. Entgegen der ursprünglichen Erwartung, dass der Ansatz von Dischord – eben die Dokumentation einer Community – dazuführen wird, dass das Label eben ohne eine lebendige Community auch eingehen wird, gab es weiterhin neue Bands, die mit den Platten des Labels aufgewachsen sind, es gab in dieser Zeit neue Platten von Q and Not U, El Guapo und Black Eyes.

2001 erschien die Fugazi Platte „The Argument“ und die Band tourte 2002. Danach entschied man sich erstmal für eine unbegrenzte Pause, die leider bis heute andauert. Diese Pause hatte natürlich auch Folgen für Dischord, denn wenn der Haupt-Aktivposten des Labels nichts mehr macht… Im Jahr 2002 verließen nach 20 jähriger Zugehörigkeit die zwei Mitarbeiterinnen Amy Pickering und Cynthia Connolly das Label. Neue Bands stießen zum Label, Beauty Pill, French Toast, The Evens, und Antelope veröffentlichten Platten. In diese Zeit fällt auch das mit zwei jähriger Verspätung nun endlich fertige 20 Jahre Dischord Boxset, ein Hammer Teil mit ausführlichem Beiheft und drei CDs, sollte man sich unbedingt holen und wieso macht SST das nicht endlich auch?

Mit dem Boxset verbunden war die Aussage, dass es möglich ist, ein Geschäft „cool“ zu führen, im Sinne unorthodox und idealistisch, und immer noch lebendig und aktiv zu sein. 2004 starb Ian’s Mutter, Ginger MacKaye, sie war eine starke Unterstützerin des Labels auch in ihrer Funktion als Postempfängerin und -sortiererin von Anfang an und als Begrüßungsfigur für die stetig kommenden Leute, die an der Beecher Street Halt machen, weil sie dachten, dass dort das Dischord-Haus zu finden sei. Einige Bands lösten sich auf (Black Eyes, Q and Not U), El Guapo verließen das Label und Neuzugänge waren Medications (ex-Faraquet) und das neue Projekt von Ian und Amy, The Evens. Im Sommer 2005 starb John Loder von den Southern Studios.

Southern war seit 1983, als es um die Veröffentlichung der Minor Threat Platten in England ging, wie schon anfangs erwähnt, Freund, Unterstützer und Vertriebspartner, Southern ist es auch heute noch…dachte ich, als Anfang Januar 2011 die überraschende Nachricht von Dischord in ihrem Newsletter kam: „As of January 1st, for the first time in 25 years, all Dischord Records operations -production, distribution, and sales- will be run entirely out of the Dischord offices in Arlington, VA. In 1983 Ian and Jeff met John Loder and accepted his generous offer to help distribute Minor Threat records in Europe through his company, Southern Studios. This soon led to a 25 year partnership that eventually saw the entire label going through Southern’s production and distribution machine in the UK and later in Chicago as well. We’ve been well looked after by John and his lieutenants Allison, Jam, Danielle, Zespy and many, many others. But John’s passing in 2005 coincided with a major transformation in the nature of independent distribution and thus began the gradual unwinding of the partnership. We are grateful for the love, respect and hard work that the Loder/Southern/CID family gave to the label. We literally couldn’t have done it without them. But we are not done yet, in fact we are very excited for the future and as long as people find what we do valuable, we’ll keep doing it!“

2006 gab‘s Platten von Soccer Team und The Aquarium, French Toast und Channels. Joe Lally von Fugazi veröffentlichte das erste offizielle Solo-Album auf Dischord, „There to here“ Anfang Oktober des Jahres. Es folgte eine DVD der Make-Up, die letzte Veröffentlichung des Jahres war das zweite The Evens Album, aufgenommen von Ian und Amy im Dischord Haus. 2007 erschien das Debüt der Band Antelope.

Ab hier endet die offizielle Geschichtsschreibung, es folgten bis zum Jahre 2010 Platten von z.B. Edie Sedgwick, Medications, Deadline, dann als Dischord # 166 Government Issue – Boycott Stabb Complete Session, als # 167 Artificial Peace – Complete Session, November 1981 und als # 168 die Dag Nasty – Dag with Shawn-Veröffentlichung. Wie schon in einem anderen Text von mir für dieses Special erwähnt, die DC Szene / Dischord Geschichte ist gut dokumentiert: Man denke nur an die Bücher „Banned in DC“ und „Dance of Days“, das jüngst erschienende „Keep your eyes open. the FUGAZI photographs of Glen E. Friedman“, die erwähnte Dischord- Box (inkl. viel Lesestoff!), den Film „Fugazi „The Instrument“ (den ich vor Jahren persönlich als sehr und zu anstrengend empfand, jetzt 2011 noch mal gesehen, fucking wow!!!) und die Fugazi live Series.

(Jan Röhlk)

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Meine fünf liebsten Dischord Platten (ohne spezielle Reihenfolge) von Joachim Gärtner

FUGAZI – same (1988/Dischord 30). Was sollte man über diesen Klassiker schreiben, was nicht schon zig mal erwähnt wurde. Mit Sicherheit eine Konsens-Platte, die ich nicht alleine hier in diesem Umfeld erwähne. Und dies zurecht. Eine Platte, die seit meinen Mitt-Zwanzigern bis heute stets ein gerne gehörter Wegbegleiter ist. Erinnerungen werden wach an meinen Lieblingsveranstaltungs-Ort, wenn dann doch mal DJ-Abend war, meinen Plattenladen, in dem ei

nige Copies des guten Stücks runtergespielt wurden oder auch alleine unter der Dusche mit den Air-Bass-Riffen von „Waiting Room“. Was für den Hardrock-Hansel die Anfangsakkorde von „Smoke On The Water“ waren, fand für mich einen adäquaten Gegenpart in eben diesem Bass-Lauf. Ein Opener für eine Platte, wie er seinesgleichen sucht (und kaum findet). Die Platte jedoch an dem „Hit“ festzumachen wäre verwegen. Wer, der diese Platte gefressen hat, ist nicht mit der Textzeile „You can’t be what you were, so you better start being just what you are“ im Schädel durch die Strassen gelaufen. Lederjacke an, Bier in der Hand und nickend solche Zeilen im Hirn. Zeitgeist. Großes Kopfkino. Momente, um zu hinterfragen, ob man grade das Richtige macht. „Why can’t I walk down a street free of suggestion“. In dieser meiner Zeit genau der richtige Kopfsoundtrack für das Leben an sich und die Probleme in ihm. Man könnte die Platte sezieren, analysieren, ein halbes Buch schreiben, denn zwischen der musikalischen Reife der Aufnahmen und der Zeit Ende der 80er bestehen damals wie heute so viele Zusammenhänge, dass man sich fast erschreckt. Würde aber zu weit führen, an dieser Stelle fortzufahren. Wie aktuell diese Platte jedoch ist, merkt man spätestens daran, wie viele sogenannte Emo-Bands die ersten Sekunden von „Bulldog Front“ oft unvermögend zu ganzen Songs und Platten ausgetreten haben. Für Fugazi erstmal nur ein Intro. Tja, die einen können aus einem schlichten Stück Papier eben einen wunderbaren Schwan falten, die anderen sich damit nur den Hintern abwischen.

3 – Dark Days Coming (1989/Dischord 33). “Dark Days Coming” ist eine der wenigen Platten, auf die ich über das weibliche Geschlecht gekommen bin. Das soll nicht abwertend klingen, vielleicht kannte ich nur zuwenige. Auf jeden Fall hatte meine damalige Freundin die geniale Idee, diese Platte zum kuscheln aufzulegen, was sich als eher kontraproduktiv erwies, denn ich hatte mich mehr auf das Zuhören konzentriert als … auch lassen wir das. Was für eine Platte. Sie kam grade richtig zu der Zeit, als ich Bands wie die ersten Lemonheads, Moving Targets, Dinosaur oder Bullet Lavolta verkonsumiert hatte wie Kaffee und Zigaretten. Nicht zu vergessen Jawbreaker. Die hatten damals mit „Busy“ einen Jahrhundertsong, den Three mit „Swann Street“ grade noch toppten. Was für eine tolle Zeit mit was für genialen Bands. Seattle war noch nicht wirklich in Sichtweite und für fluffige Gitarren-Bands war das Feld offen. Wenn ich hier und heute zurückblicke bin ich sicher, dass „Dark Days Coming“ zu den fünf besten und von mir meistgehörten US-Gitarrenplatten vor 1990 gehört. Zwar hat
meine damalige Beziehung als solche nicht überlebt, aber aus dem geplanten Kuschel-Abend sind zwei bis heute bestehende Freundschaften geblieben.

SLANT 6 – Soda Pop Rip Off (1994/Dischord 91). Seit jeher mag ich Frauenbands. Nein, sie machen nicht die bessere Musik, aber eben doch irgend etwas anders. Egal, ob Bands wie Chin-Chin oder Kleenex aus der Schweiz, die Slits, oder eben Slant 6. Da wird nicht groß ein Fass aufgemacht. Frau schnappt sich die Instrumente und macht genau den Spagat von Vermögen, Spaß und Songs, der einem unter die Haut gehen kann. Kein Gepose, kein Rumgehampel. „Soda Pop Rip Off“ ist eine verdammt ehrliche Platte mit kleinen Songs, irgendwo zwischen Punk, Rock und Gitarrenpop angesiedelt, die von Ideen strotzt und nie irgendwas darstellen will, was sie nicht erreichen kann. Vielleicht etwas untypisch für das Label, aber auch grade deshalb eine Perle unter vielen glitzernden Steinen.

HOLY ROLLERS – As Is (1990/Dischord 42). “As Is” ist vielleicht die Kompromiss-Platte auf Dischord, die zwei meiner Herzen in der Brust am besten vereint: Hardcore und Psychedelischer Rock. Ich weiß, dass die Platte von vielen als Schweinerock abgestempelt und ihre gleichnamige LP von 1993 bevorzugt wird. Dies aber nahezu ausschließlich von Menschen, die von Dischord immer den Hardcore und DC-Aspekt geboten bekommen wollen. Ich habe die Platte damals wegen des psychedelischen Covers gekauft und bin niemals enttäuscht worden. Den „Psych“-Aspekt muss man etwas in Klammern sehen, denn die teils recht vertrackten Songstrukturen schöpfen eher aus progressiven Rock-Elementen. Der DC-Aspekt ist für mich jederzeit hörbar. Wenn man das Erscheinungsdatum der Band nimmt und sich vorstellt, dass das auch schon 20 Jahre her ist, war die Platte in vieler Hinsicht ihrer Zeit voraus, vor allem was die Arrangements von Rock-Elementen angeht. Einiges ist später unter anderem bei sogenannten Stoner-Bands aufgetaucht, hie und da (z.B. bei Dahlia) auch gerne im Bereich Spacerock. Ich habe mit Sicherheit viele Platten auf Dischord öfter gehört als diese, aber „As Is“ war und ist immer eine Art „nach Hause kommen“ von „zu lauter“, „zu schneller“ oder „zu aggressiver“ Musik.

SCREAM – Still Screaming (1982/Dischord 9). Warum die fünfte und letzte Platte in diesem Bunde nicht Minor Threat, Gray Matter oder Faith ist, wird für immer mein Geheimnis bleiben. Alles erstklassige Bands mit ebenso Top Dischord 10 Platten, oft gehört, oft geliebt. Die Scream LP ist mir aber irgendwie besonders ans Herz gewachsen. Vor vielen, vielen Jahren gekauft und stets im Schrank „links liegen“ gelassen. Irgendwie so, wie ein alter Käse, den man im Schrank liegen hat und denkt, dass die Zeit kommen wird. Ich selbst habe die Platte erst vor ca. 5 Jahren aus ihrem Dämmerschlaf ans Tageslicht geholt und sie hat vom ersten Ton an gewonnen. Wunderbarer unverbrauchter Hardcore. Rau, direkt und vor allem nicht abgedroschen. Ich wünschte, ich hätte noch mehr solche Platten seit über 20 Jahren hier liegen, um mal wieder was so fantastisches zu entdecken.

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„Do what you mean and mean what you do.“
INTERVIEW MIT JOE LALLY

Ich erreiche den FUGAZI Bassisten und Solo Künstler, kurz bevor er sich mit seiner Familie von Rom in die italienischen Provinz aufmacht, um dort mit Verwandten das Wochenende zu verbringen. Joe Lally spricht wie immer mit ruhiger Stimme, überlegt genau, was er sagt und kommt so bescheiden, aber auch entschlossen rüber, wie auch sein Bass-Spiel ist.

Wann hast du zum ersten Mal von Dischord Records gehört? Hast du zuerst die Labelbetreiber persönlich kennengelernt oder die Platten, die sie veröffentlicht haben?
Ich habe damals mit Wino von THE OBSESSED / ST VITUS zusammen gelebt. Ich war einfach nur ein langhaariger Typ aus der Vorstadt, der keine Ahnung hatte, was so abging. Ich war Teil der Obsessed-„Gang“. Band, Roadies und eine Menge Leute, die einfach nur saufen und Drogen nehmen wollten. Wino nahm mich eines Tages mit zu einer CRAMPS-Show und die Vorband waren die TEEN IDLES. Ich war ganz baff, dass da Kids auf der Bühne standen, die so alt waren wie ich und eine eigene Band und kurz darauf ihr eigenes Label hatten.
War Dischord etwas, zu dem du aufgeblickt hast? War es als Label schon etabliert genug, um in dir den Wunsch zu wecken, etwas auf Dischord zu veröffentlichen?
Um ehrlich zu sein, ich dachte niemals, dass ich jemals Platten auf Dischord veröffentlichen könnte. Also fing ich an, Roadie zu werden. Das war damals nicht besonders schwer. Aber ich nahm es sehr, sehr ernst. Ich arbeite hart. Deshalb boten BEEFEATER mir an, mich mit auf Tour zu nehmen. Es war eine leichte Entscheidung. Ich hasste meinen Job, ich hasste mein Leben und ich nahm Drogen, weil ich so unzufrieden mit mir war. Ich kündigte und wurde so etwas wie das sechste Mitglied der Band. BEEFEATER haben mein Leben gerettet. Ich ging total darin auf, für die Band zu arbeiten. Und hätte Ian mich nicht irgendwann gefragt, ob ich mit ihm Musik spielen möchte, dann wäre ich bis zum Ende meiner Tage mit dieser Rolle zufrieden gewesen.
Welches war die erste Platte, die du auf Dischord veröffentlicht hast? Kannst du dich an das Gefühl erinnern? Wie involviert warst du in die Produktion und die Herstellung der Platte?
FUGAZI’s Mini LP, die später mit den Bonus-Songs als „13 Songs“ veröffentlicht wurde, war mein erstes Dischord Release. Ich war noch immer dabei zu lernen, überhaupt Bass zu spielen. Ich schrieb einige der Basslinien, z.B. die für „Waiting room“. Ich kann mich daran erinnern, dass es ein großartiges Gefühl, war mit drei Leuten Musik zu machen, die das so ernst nahmen.
Was ist die wichtigste Lektion, die du durch die Zusammenarbeit mit Dischord gelernt hast?
„Do what you mean and mean what you do. No matter what it takes to get it done, go out and do it!“ Wenn es etwas gibt, an das du glaubst, dann tue es, gehe keine Kompromisse ein. Es ist egal, ob es ein finanzieller Erfolg ist oder nicht. Wenn du daran glaubst, ist es bereits ein Erfolg.
Wenn du auf 30 Jahre Dischord zurückblickst: Was ist deiner Meinung nach die größte Leistung des Labels?
Die Tatsache, dass es sie noch immer gibt. Das sie es noch immer schaffen, alle diese großartigen Platten permanent erhältlich zu machen. Etwas, was heutzutage nicht gerade einfach ist. Das es fast alle Platten noch immer oder wieder auf Vinyl gibt, ist wirklich großartig.
Was ist deine Dischord-Lieblingsveröffentlichung, welche magst du am wenigsten und warum?
Von den Klassikern liebe ich die VOID/FAITH LP. Von den neueren Bands mag ich besonders die Alben von MEDICATIONS und ANTELOPE. Wenn es wirklich Alben gab, die ich nicht mochte, dann habe ich das verdrängt, haha.
Hattest du als Mitglied von FUGAZI eigentlich das Gefühl, dass euch Dischord als Label und Vertrieb limitiert? Hätte die Band in Zusammenarbeit mit einem anderen (Major-)Label erfolgreicher sein können?
Erfolg ist etwas so relatives und ich habe Erfolg nie über Geld oder die Anzahl verkaufter Alben definiert. Ich war mit meinen Freunden unterwegs, saß mit ihnen in einem Van oder stand mit ihnen auf einer Bühne. Wir haben fast die ganze Welt bereist. Meiner Meinung nach haben wir alles erreicht, was wir wollten und was im Rahmen unserer Möglichkeiten war. Ich wünschte, wir hätten mehr Konzerte im Raum D.C. gegeben. Wir haben, wenn wir hier aufgetreten sind, ausschließlich Benefiz Konzerte gespielt und es hat sich immer sehr gut angefühlt, Geld für eine gute Sache zu sammeln.
Du hast ja jahrelang im Dischord Haus gelebt. Wie hat dich das beeinflusst? Hattest du mehr mit der täglichen Labelarbeit zu tun?
Nun, ich habe Arbeiten übernommen, wenn jemand anders dafür keine Zeit hatte oder z.B. auf Tour war. Platten verpacken und der ganze tägliche Kram, der zum Betreiben eines Labels dazugehört. Ansonsten bin ich im Dischord Haus und mit den Menschen, die dort über die Jahre gelebt haben, erwachsen geworden. Bevor ich eingezogen bin, hatte mich Ian schon mit nach Hause zu seiner Familie genommen. Ich möchte noch unbedingt betonen, wie wichtig Ian’s Mutter Ginger MacKaye für Dischord war. Eine wundervolle Frau und Ian und seine ganze Familie haben mich so willkommen geheißen, wie ich war. Ein Pillen nehmender, Gras rauchender Langhaariger. Aber das störte sie alle nicht im geringsten. Als ich dann von der BEEFEATER Tour nach Hause kam, hatte ich keine Bleibe und mir wurde angeboten, in ein freies Zimmer hinter Ian’s Büro zu ziehen. Und das hat mein Leben auf unglaubliche Weise verändert.

(Oise Ronsberger)

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„The Dischord Issue“
Gastbeitrag von Alec MacKaye

Zwar hatte ich Alec auch angesprochen, aber auch nach drei Remindern kam keine Antwort. In der Werbepause von „Lara Croft“ noch mal eine am PC rauchen und E-Mails checken, sooo oft passiert es nicht, dass man da in der Inbox eine Mail von Alec MacKaye bekommt, ich dachte, es wäre vielleicht eine Abwesenheitsemail, klickte auf öffnen, und dann das! Ich bin echt selten sprachlos, aber hier ja! Geil! Danke! Das der kleine Bruder von Ian MacKaye auch selber eine eigenständige Punkbandmusik-Geschichte mit The Untouchables, The Faith, Ignition und The Warmers hat und er der sitzende Skin auf der Minor Threat-Platte ist und es seine Hände mit den X’en auf dem Cover der Dischord # 1 Teen Idles Single waren, das wollte ich noch erwähnt haben. (Jan Röhlk)

„Wenn wir uns an Dischord erinnern, warum nicht direkt am Anfang mit der ersten Single beginnen? Jeff Nelson machte die Hülle, natürlich, bzw. machte er mit Sicherheit das Design. Einige Leute, u.a. auch ich, hatten sie auf jeden Fall GEMACHT. Mit der Absicht auf gute Qualität hatte Jeff das Single-Sleeve umgekehrt angefertigt und so das Artwork für die Teen Idles „Too Young to Rock“ Single im selben Layout gestaltet und es auf großen Fotopapieren gedruckt. Die ganzen schweren Bündel von bedrucktem Papier wurden zu unserem Haus in der Beecher Strasse und dann in Ian’s Zimmer im Keller gebracht, dazu gab es noch Pizza und viele Colas. Die besten Workshops findet man immer in Kellern. Wir verbrachten Stunden damit, laute Musik zu hören, Witze zu machen und vorsichtig per Hand die Cover zu schneiden, alles zusammenzuleimen, und wir wurden gegen Ende hin immer verrückter. Das glatte Papier trug die Tinte nicht besonders gut und wir versanken in dem Kram. Irgendwann schrieb jemand seinem Namen auf die Innenseite einer der Sleeves, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Es dauerte nicht lange, als es in einer wilden Signatur ausartete, wir schrieben absurden und wahrscheinlich sehr stumpfen Quatsch drauf.

Ich frage mich, wer die Platten jetzt hat, wobei sich ein Teil von mir wünscht, dass sie nie gefunden werden. Ich glaube, ein Großteil der originalen Sleeves wanderten in den Müll, weil die Tinte beim Transport abging und die Läden sie so nicht verkaufen konnten. Qualität und Haltbarkeit sind manchmal zwei verschiedene Dinge, denke ich. Die anderen frühen Singles wie von SOA, Minor Threat und Government Issue bekamen die gleiche Behandlung, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich weiß, dass ich meine Handarbeit auf einer Minor Threat Single im Schwarzwald 1987 sah (Anmerkung Jan: Schwarzwald 1987? Das kann doch eigentlich nur einer sein, eine Nachfrage bei Armin Xmist, ob er es mit der Single und Alec war, ergab: „Stimmt: IGNITION waren auf Tour mit SO MUCH HATE und haben damals insgesamt dreimal bei uns übernachtet. Wir hatten uns recht gut angefreundet und ich hab ihm dann irgendwann meine erste MINOR THREAT 7″ gezeigt mit dem Textblatt, auf dem stand “alec wrote on this“ – so klein ist die Welt.“).

So einen Kram mache ich heute noch. Wer auch immer heute meinen 1967 Mercury Comet fährt, wird da Visitenkarten und Rezepte mit meinem Namen auf der inneren Karosseriefläche der Tür finden. In dem Kunstmuseum, in dem ich arbeite, verbergen sich Kunstwerke von mir in den Böden und Wänden. Irgendwann wird jemand über einen Schatz von seltsamen Zeug stolpern, den ich in den letzten zwanzig Jahren in den Rohrschächten versenkt habe.

Dischord hat Zeit und Gezeiten überlebt, glücklicherweise, für alle Mitarbeiter, Freunde und Fans. Das Label ist historisch und gleichzeitig aktuell, im Jetzt. Deshalb kommt die Musik – der wichtige und zweckdienliche Teil des Pakets- auch immer noch nach draußen und erscheint auf frischen Plattformen, aber liegt auch noch unvollständig herum, und harrt ihrer Entdeckung… auf alten krachigen Mixtapes, auf welligem Vinyl, das sich in Boxen voller Katzenpisse in irgend jemands Keller befindet oder verkeilt auf digitalen Bibliotheken liegt und für viel Laufwerkverkehr auf der ganzen Welt sorgt. Ziemlich geil.
Und anders betrachtet, jeder, der Dischord Records kennt, weiß, dass es viel mehr als nur Platten oder Aufnahmen bedeutet. Neben anderen Sachen denke ich besonders an „Die Liste“. Es war eine Übersicht von persönlichen Kontakten und Konzertläden, die wir sammelten, aktualisierten und jahrelang von Dischord mit allen draußen geteilt wurde. Damals mussten wir unsere Touren selber buchen, in öffentlichen Telefonzellen auf Parkplätzen, wir standen da mit einer Rolle von Münzen, wählten verrückte gebührenfreie Nummern oder knackten in Heimarbeit das bezahlbare Telefonieren.

Damals war es unersetzlich wichtig und bedeutete für uns alles, wenn wir den Kontakt zu einer vertrauenswürdigen Person bekamen und aufbauen konnten. Eine Band konnte eine Kopie der Liste von Dischord bekommen, unter einer Bedingung: Sie mussten diese unterwegs aktualisieren, die ungültigen Nummern streichen und Notizen darüber machen, welche Leute und Konzertorte verdächtig sind und um alles in der Welt vermieden werden sollten. Durch diese organische Art tourten wir alle durch die ganzen Vereinigten Staaten. Ich könnte wahrscheinlich morgen einfach losfahren und einen Monat oder mehr durch die Gegend fahren und Leute besuchen, die ich durch das Touren in einer Dischord-Band getroffen, aber jahrelang nicht mehr gesprochen habe. Ich habe das schon mal gemacht.“

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„I am a waiting room“ von Stone

Es ist Zufall, aber kein allzu verwunderlicher. Während ich mir Gedanken über Dischord mache, läuft ein Album, das mehr als andeutungsweise Spuren jenes Art-Core trägt, der in Washington DC nach der Sturm- und Drangphase geprägt wurde. In diesem Fall kommt die Band aus Schweden und hat in einem der Songs ihres neuen Albums sogar irgendwo das Wörtchen „waiting room“ untergebracht – auch wenn das wohl ein weiterer, eher noch zufälligerer Zufall ist.

Eine kleine Suche in meinem Textarchiv zeigt an, dass Dischord musikalisch eine Referenzgröße ist. Natürlich auch sonst, wie wir ja alle wissen. Und hier liegen auch die Gründe dafür, dass in entscheidenden Phasen meines Musiklebens SST weit wichtiger war. Erstens sprengten die schon bald, im Grunde ja von Anfang an, den Hardcore-Rahmen mit Leichtigkeit und visionärer Attitüde. Bei Dischord hingegen ging es – die grandiose Zusammenstellung „Flex Your Head“ legt davon ein beredtes Zeugnis ab – in den ersten Jahren um eine musikalische Auffassung, die mir immer im Schatten einer Philosophie zu stehen schien, die hier nicht weiter ausgeführt werden soll. Weshalb ich einmal die Heimstatt des Labels (und ca. 99 Prozent seiner Bands) in Washington PC umtaufte.

Dabei nahm ich natürlich immer mal wieder Konzerte von Dischord-Bands mit – aber gepackt hat mich der Ausstoß des Labels eher punktuell (siehe unten), gemessen zumindest an dem Katalog von SST. Es ist müßig zu erwähnen, dass die Unermüdlichkeit der Betreiber dafür sorgte, dass der Laden eben nicht glorreich an die Wand fuhr. Es ist müßig zu erwähnen, dass die Geschichte von Hardcore wohl anders verlaufen wäre, hätte es nicht diesen Haufen Leute in der Hauptstadt gegeben. Es ist müßig zu erwähnen, dass nicht alles gut war, was sich darauf berief, ebenso wie es müßig zu erwähnen ist, dass das Personal von Minor Threat dafür wenig kann.

Was an Dischord auch jenseits von Historie und Gegenwart gut und wichtig ist, hat ein gewisser Rich Ivey mal auf den Punkt gebracht: „Excepting the extreme D.I.Y. ethos, it’s Dischord’s slow and steady stylistic shifts that have kept things so interesting. The ’80s were defined by fierce 4/4 punk, the ’90s perfected heavy, anomalous grooves, and the ’00s have had a thing for cerebrally fetching rock. Each Dischord band draws so much from its label predecessors, though, that it’s difficult to spot the exact progression as opposed to a gradual morph. But the continuum certainly explains how, in 155 releases, Dischord has moved from blistering hardcore to sing-along pop.“
Warten wir ab, was in den Zehnerjahren passiert.

Meine fünf größten Dischord-Platten in zufälliger Reihenfolge:
Beefeater – „Plays For Lovers“
Rites Of Spring – std
Faraquet – „The View From This Tower“
Fugazi – „End Hits“
Make-up – „Save Yourself“
Shudder To Think – „Get Your Goat“

(stone)

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„You can’t make a silk purse out of a sow’s ear, but you can make bacon!!” Mmmmm! Bacon!!“
Gastbeitrag von Skip Groff

Ohne die Hilfe von Skip Groff, der 1977 den Yesterday and Today-Plattenladen in der DC Gegend gründete und der mal Limp Records machte, wäre die erste Dischord # 1 Platte 1980 wahrscheinlich nicht erschienen. Seit einigen Jahren betreibt Skip seinen Laden nur noch als online Shop: yesterdayandtodayrecords.com. Er war in den 70er auch der Produzent von Pentagram (Ja, „die“)… (Jan Röhlk)

„Ian und Jeff lernte ich kennen, bevor es mit Dischord los ging. Sie waren Besucher und Kunden in meinem Plattenladen, Yesterday and Today Records. Von den Slinkees hörte ich erst viel später, aber als die Teen Idles aufnehmen wollten, fragten sie mich, ob ich helfen könnte. In den frühen 70er produzierte ich die örtliche Heavy Metal Band Pentagram und in den späten 70er Jahren The Slickee Boys, Nurses, The Dark, Velvet Monkeys und Black Market Baby. Don Zientara hatte all die spät 70er Sessions für mich in seinen Inner Ear Studios in Virginia in die Wege geleitet, deshalb ging ich mit den Teen Idles auch dorthin, um ihre erste EP aufzunehmen. Als die Zeit der Veröffentlichung anstand, hatte ich mit meinen Unternehmungen auf dem Limp Label aufgehört und schlug der Band vor, dass sie es doch auf eigene Faust veröffentlichen können und brachte sie mit dem verwendetem Presswerk, Nashville Record Productions, in Kontakt.

Diese Platte wurde dann die erste von so vielen Dischord Releases. Später produzierte ich Dischord – Veröffentlichungen von Minor Threat, SOA und Youth Brigade und brachte eine Split-Veröffentlichung von Dischord/Limp heraus, das war die „In my eyes” EP von Minor Threat. In den nächsten Jahren arbeiteten viele mit Dischord verbundene Künstler und Musiker mit mir in meinem Laden: Ian, Alec und Amanda MacKaye, Mike Hampton, Henry Rollins, Bert Queiroz, Danny Ingram, Sharon Cheslow, Nick Pelliciotto, Amy Pickering, Zac Eller, Chris Thompson, Natalie Avery, Guy Picciotto, Brendan Canty, Jamie Canty und wir alle lernten sehr viel von dem jeweils anderen, nicht zuletzt auch, wie eine gute Platte klingen kann und wie sie klingen soll. Wie heißt es doch in dem Sprichwort „Aus dem Ohr einer Sau kannst du kein seidenes Portemonnaie machen – aber Speck!“ Mmh, Speck!!“.

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Best of 5 Dischord Platten von Dolf Hermannstädter

Ich bin ja kein Freund von „Top-Listen“, besonders dann nicht, wenn es um eines der – wenn nicht dem – integersten Label überhaupt geht, dass in den vergangenen 30 Jahren weit über 150 Veröffentlichungen rausgebracht hat… grade nochmal die Discographie angesehen… da fehlt immer was… das geht gar nicht. Also hab ich mir ein paar Scheiben ausgesucht, zu denen mir „Geschichten“ einfallen.

Ich glaube, mein erster Kontakt mit Dischord bzw. Ian MacKaye war, als ich Anfang der 80er ein Tape von Nuclear (das war die Band von Mitch, unserem langjährigen Layouter aus Augsburg) nach Washington DC schickte und mit ihm gegen das Demo von Embrace tauschen wollte. Wahrscheinlich hab ich den Brief von ihm noch irgendwo, aber sinngemäß stand da: „Danke für das Tape, ich konnte nur Krach hören und hab dir das Embrace Demo einfach über dein Tape gespielt“, das Nuclear-Tape, das nun das Embrace Demo enthielt, lag anbei. Anfangs war ich doch etwas angepisst ob der Frechheit bzw. geringen Wertschätzung der Band meines Freundes, hab dann aber natürlich irgendwann verstanden, dass die da ständig Demos bekommen und das auch schon etwas länger. Es dauerte ja dann noch ein wenig, bis das Embrace-Album erschien.

War es der „Flex Your Head„-Sampler oder die Teen Idles 7″, auf jeden Fall kann ich mich noch gut erinnern, dass wir Anfang der 80er völlig besoffen mit dicken schwarzen Kreuzen vom Filzstift auf den Händen im Siedlerhof (da gingen die Punks in Augsburg ne ganze Zeit lang hin) abgehangen sind. Und, da es mir zu ungesund für die Haut war, hab ich mir im Bioladen einen tierversuchsfreien Kajal-Stift gekauft, um damit „korrekte“ Kreuze zu malen… wir wussten ja überhaupt nicht, um was es ging, damals. Aber mit dem Kajal-Stift war ich schon ganz vorne mit bei….

Ganz geil fand ich auch die Faith/Void Scheibe, leider fällt mir dazu keine Geschichte ein, außer das mir Chris Bald, den ich dann Jahre später in den Usa kennenlernte, mit Erstaunen berichtete, dass seit dem er sich die Zehennägel nicht mehr schneidet, er immer Löcher in den Socken hat…. aber das zählt nicht für eine Geschichte…..

Tolle Band war auch Soulside, zu deren Sänger Bobby Sullivan verband mich immer so eine Art „Hassliebe“, einerseits fand ich seinen Gesang irgendwie zu „softie“ mässig, andererseits kam die Scheibe aber doch schon ziemlich gewaltig daher. Umsomehr musste ich schmunzeln, als wir mal in irgendeiner WG in irgendeinem Jahr zusammen pennten und sich einer der Amis oder WG-Bewohner die Haare schnitten. Well, Bobby hatte die schlaue Idee, dass alles in der Toilette runterzuspülen, was aber nicht klappte und er dann mit dem Arm bis übern Ellenbogen in der Pampe drinstecke, mit den Worten „It is all natural“ und die Haare und so einiges andere dazugekommene wieder herausfischte. Soviel zum Thema „softie“.

Natürlich muss ich hier auch Fugazi erwähnen und deren phantastischen Scheiben bzw. die immer wieder umwerfenden Live-Auftritte…. ich hatte das Vergnügen, die Band in Ulm zu sehen, als bei einem eher „ruhigen“ Lied plötzlich eine halbvolle Wein-Flasche auf die Bühne geflogen kam und Guy Picciotto fast am Kopf traf. Der forderte den Werfer auf, vor an die Bühne zu kommen, was dieser Betrunkene auch tat, jene erklomm, sich entschuldigte und mitteilte, er hat die Flasche geworfen, weil ihm das Konzert so gut gefällt…. die Band lies ihn unverletzt ziehen. Es wäre schön, wenn die wieder spielen würden bzw. es mal wieder eine Band geben würde, die genauso konsequent korrekt ist wie Fugazi.

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Best of 5 Dischord-Platten von Christian Unsinn

Dag Nasty ‚Can I Say’. In Kalifornien war Punk schon immer melodischer als andernorts. Für die Punk-Szene außerhalb Kaliforniens jedoch war wahrscheinlich erst diese Platte der Beginn einer gegenläufigen Entwicklung: Versuchten bis zu „Can I Say“ alle noch härter und schneller zu werden, übertrafen sich nach dessen Veröffentlichung plötzlich überall Bands darin, möglichst poppig daher zu kommen. Gab es dabei auch viele gute Nachahmer, so hat es bislang für mich noch keine Band geschafft, aus dem Schatten dieses Meisterwerks herauszutreten.

Embrace ‚s/t’. Das ist für mein Dafürhalten die vielleicht beste Platte und „Dance of Days“ der vielleicht beste Song aller Zeiten. Wann immer ich diese Scheibe anhöre und dabei die Augen schließe, fühlt sich für mich plötzlich alles nach Sommer an. Und auch wenn Ians Texte auf diesem Album alles andere als nur von Sonnenschein berichten, sind sie für mich ausschließlich positiv besetzt. Von den unzähligen heraus stechend guten Revolution-Summer-Bands schaffen es jedoch nur Embrace, mir vom ersten bis zum letzten Song ihres Werkschaffens eine Gänsehaut zu verpassen.

Gray Matter ‚Take It Back’. Mein Plattenlabel ist nach dieser Platte benannt und auch der Schriftzug desselben ist von Gray Matter geklaut (myspace.com/takeitbackrec). Neben Dutzender guter Songs (vor allem die Spätphase der Band ist toll), haben Gray Matter sich bereits mit dem Song „Take It Back“ unsterblich gemacht: Diese Mischung aus Verzweiflung, Harmonie und großartigem Punk-Rock, die der Song transportiert, bleibt meines Erachtens unerreicht.

Minor Threat ‚Out of Step’. Ich bin straight edge! Und auch wenn Youth of Today, Judge und Chain of Strength gegenüber Minor Threat auf meinem Plattenteller stets den Vorzug genießen, kann ich mich mit Ian MacKayes Verständnis dieser persönlichen Entscheidung für ein Konsumverhalten deutlich besser identifizieren, da ich von niemandem einen belehrenden Zeigefinger sehen will. Es dürfte nur wenige Bands geben, die derart prägend für das Leben vieler ihrer Fans waren, geschweige denn eine neue Bewegung geschaffen haben. Natürlich gibt es von Minor Threat keinen einzig schlechten Song, „Out of Step“ bildet jedoch die perfekte Schnittmenge aus den drei EPs der Band und ist damit für mich der Höhepunkt deren musikalischen Schaffens.

Rites of Spring ‚s/t’. Ohne diese Platte gäbe es wohl keine Fußgängerzonen-Emos, die ich ehrlicher Weise auch nicht vermissen würde. Aber ohne diese Platte gäbe es mit ziemlicher Sicherheit auch nicht das, was die 90er-Hardcore-Szene für mich so aufregend gemacht hat: den Bruch mit den bereits gefundenen Konventionen innerhalb der Szene sowie den Mut zu Emotionen. Und damit hätte es ohne Rites of Spring Bands wie Heroin, Downcast, Sawhorse und Navio Forge oder Labels wie Gravity, Ebullition und Old Glory sowie Fanzines wie No Anwers, Heart Attack und Anti-Matter wahrscheinlich nie gegeben. Mögen die 90er irgendwann an Hysterie, Fakeness und Selbstbetrug kaum mehr zu überbieten gewesen sein, möchte ich keine Sekunde davon vermisst haben. Denn sie waren so aufregend, wie Rites of Springs einziges Album es heute noch ist: jugendlich, wild, ungestüm und doch verletzlich.

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„I remember mixing songs for Minor Threat in the furnace room of my basement…“
Gastbeitrag von Don Zientara

Don Zientara ist der Hausproduzent vieler Dischord Scheiben (arbeitete aber auch für Bob Mould, Vic Chesnutt oder Bikini Kill). Sein Studio befindet sich in Arlington, Virginia, außerhalb von Washington DC und im Netz hier: innerearstudio.com (Jan Röhlk)

„Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als Dischord noch sehr jung war, ich Songs für Minor Threat mixte. Das war in meinem Keller, und zwar in dem Raum, in dem mein Heizofen stand. Da gab es eben den Ofen, den Wasserboiler und eine Menge Aufnahmekram, alles in einem sehr kleinem Raum zusammen geräumt. Die Tür war enger als gewöhnlich und es gab auch keine Fenster. Unnötig zu sagen, dass es sehr heiß darin wurde, ob mit oder ohne Ventilator (und die machen ja auch Krach)! Wir haben die Songs so lange gemixt, bis allen etwas schwindelig von der Hitze wurde. An dem Punkt war dann der Song „fertig“. Das ist vielleicht nicht der beste Weg, wie man ein Album zusammenstellt, aber es förderte auf jeden Fall unsere Konzentration auf den Mix!“.

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„The only thing I gave a shit about was D.C.“
INTERVIEW MIT BRENDAN CANTY

Könnte Brendan Canty nach Ian MacKaye wohl der Mann sein, der auf den meisten Dischord Veröffentlichungen gespielt hat? Gut möglich, denn er saß u.a. bei DEADLINE, RITES OF SPRING, HAPPY GO LICKY, ONE LAST WISH und nicht zuletzt bei FUGAZI hinter dem Schlagzeug. Er unterbricht seine Arbeit an einem Discovery Channel Soundtrack, um mit mir zu telefonieren. Wie alle meine Gesprächspartner bisher ist auch er sehr freundlich, ausgesprochen humorvoll und selbstironisch.

Wann hast du zum ersten Mal von Dischord Records gehört? Hast du zuerst die Labelbetreiber persönlich kennen gelernt oder die Platten, die sie veröffentlicht haben?
Ich bin ja vier Jahre jünger als Ian und ich war in der Junior High, als ich die TEEN IDLES Platte kaufte, ich muss so ca. 13 Jahre alt gewesen sein. Ich hing zu dem Zeitpunkt den ganzen Tag in einem Plattenladen in unserer Nachbarschaft rum, spielte Pinball und interessierte mich schon für Punkrock, aber mir war noch nicht bewusst, dass es eine lokale Szene gab. Erst nachdem ich die Platte gekauft hatte, habe ich angefangen, zu so vielen Shows wie möglich zu gehen. Ich habe z.B. die TEEN IDLES gesehen, als sie im Vorprogramm der CRAMPS gespielt haben. Dann sah ich die UNTOUCHABLES, die BAD BRAINS und ich stieß auf eine Anzeige von Ian, in der er mitteilte, das er einen Sampler mit D.C. Bands veröffentlichen möchte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Band namens DEADLINE gegründet, die anderen Mitglieder waren bloß High School Kids, die gar kein Teil der Dischord Szene waren, da sie alle auf eine katholische Schule gingen. Wir schrieben ein paar schreckliche Lieder und als der Film „The decline of western civilisation“ das erste Mal hier gezeigt wurde, ging ich auf Ian zu und fragte ihn, ob wir auf die Compilation mit drauf könnten. Und er meinte „Klar, schickt mir eure Aufnahmen“. Ein paar Wochen später – ich hatte noch gar nicht gelernt, wie man die Kick Drum richtig spielt – gingen wir dann ins Studio, nahmen auf und Ian nahm drei Songs für seinen Sampler.
Welches war die erste Platte, die du auf Dischord veröffentlicht hast? Kannst du dich an das Gefühl erinnern? Wie involviert warst du in die Produktion und die Herstellung der Platte?
Diese drei besagten DEADLINE Songs für „Flex your head“ waren meine erste Dischord Veröffentlichung und auch gleichzeitig das erste Mal, das ich jemals etwas im Studio aufgenommen hatte. Da es auch das erste Mal war, dass ich jemals wirklich Schlagzeug gespielt habe, war ich damit genug beschäftigt und deshalb auch in nicht viel mehr involviert, haha.
War Dischord etwas, zu dem du aufgeblickt hast? War es als Label schon etabliert genug, um in dir den Wunsch zu wecken, etwas auf Dischord zu veröffentlichen?
Ganz ehrlich, der Gedanke kam bei mir nie auf. Für mich war es schon Wahnsinn, mit jemand Kontakt aufzunehmen, der nicht im gleichen Viertel wohnte, D.C. war für mich damals ein riesiger Ort. Es war so viel los, all diese verschiedenen Plattenläden und Musikszenen, die ich gerade erst entdeckte. Und ich hatte immer das Gefühl, dass D.C. immer ganz eigenständig war, egal ob es TROUBLEFUNK, BAD BRAINS oder die TEEN IDLES waren. Ich scherte mich also fast ausschließlich darum, was hier abging. Klar, ab und zu kam mal eine Platte wie BLACK FLAG in unsere Richtung, aber das einzige, was in meinem Leben wirklich eine Rolle spielte, waren Bands aus England oder eben die lokale Szene hier. Und die Leute hinter Dischord waren eben ca. vier Jahre älter als ich und wenn du vierzehn bist, ist das ein RIESIGER Unterschied. Ich dachte also anfangs nicht wirklich, dass ich ein Teil davon sein könnte.
Was ist die wichtigste Lektion, die du durch die Zusammenarbeit mit Dischord gelernt hast?
Mit Leuten zusammen zu arbeiten, denen du vertraust. Ian hat es auf sich genommen, diese Platten zu veröffentlichen und dafür zu sorgen, dass sie erhältlich bleiben. Für FUGAZI z.B. gab es einige Möglichkeiten, schnell Geld zu machen. Firmen wie Atlantic oder wie sie alle heißen, haben uns mehrfach sehr große Geldsummen angeboten, wenn wir bei ihnen unterschreiben. Und ich kann dir nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass wir bei Dischord blieben. Denn viele Bands haben bei eben diesen Labels unterschrieben und irgendwann haben diese Firmen entschieden, dass diese Bands nicht erfolgreich genug waren. Und bei Dischord gab es nie diese Erwartungen, dass du eine gewisse Anzahl an Platten verkaufen musst. Diese Alben bleiben erhältlich, die Leute sprechen noch immer darüber und haben auch die Möglichkeit, sie zu kaufen, sie leben weiter und bleiben relevant. Und andere Bands warten bis zu 20 Jahre, um die Rechte an ihrer Platte zurück zu bekommen, um sie wieder veröffentlichen zu können. Und wer weiß, ob sich dann überhaupt noch jemand an die Band erinnert? Und ich schätze Ian – ganz abgesehen von seiner unglaublichen Arbeitsethik – so sehr dafür, dass ihm das alles so wichtig ist und er dafür sorgt, das diese Musik weiterhin erhältlich bleibt.
Die Frage hast du ja oben schon fast beantwortet: Hattest du als Mitglied von FUGAZI eigentlich das Gefühl, dass euch Dischord als Label und Vertrieb limitiert? Hätte die Band in Zusammenarbeit mit einem anderen (Major-)Label erfolgreicher sein können?
Ich bin mir sicher, wir hätten noch mehr Platten verkaufen können, wenn wir die Vertriebs- und Promotionstrukturen eines Majorlabels genutzt hätten. Aber wenn man sieht, wie sich die Plattenindustrie seither verändert hat, dann wäre ich mir gar nicht sicher, ob unsere Platten überhaupt noch erhältlich wären, egal, wie viel wir damals davon verkauft hätten. Ich bereue deshalb absolut nicht, dass wir damals all diese Angebote abgelehnt haben.
Wenn du auf 30 Jahre Dischord zurückblickst: Was ist deiner Meinung nach die größte Leistung des Labels? Wo hat das Label versagt?
Die größte Leistung des Labels ist wohl, dass Dischord im richtigen Moment auf die „Aufnahme“-Taste gedrückt hat, um meine lokale Szene hier so zu dokumentieren. Bands, die sonst so schnell in Vergessenheit geraten wären, wie sie damals aufgetaucht sind. Und dafür zu sorgen, dass diese Platten bis heute Menschen erreichen und begeistern. Und was Fehlschläge des Labels angeht? Ich wünschte – und das ist jetzt nicht unbedingt die Schuld von Dischord – , dass es einen Weg gegeben hätte, Bands wie SHUDDER TO THINK oder JAWBOX davon abzuhalten, das Label zu verlassen. Das waren Bands, die jeder sehr liebte und obwohl sie Dischord verließen, ist nicht wirklich viel für sie passiert. Es wäre schön gewesen, wenn diese Bands geblieben wären. Aber die Bands hatten wohl auch zu hohe Erwartungen an Dischord, was Promo oder Aufnahmebudgets anging. Und Ian’s Priorität war es immer, die Maschine am Laufen zu halten. Er ist nicht dumm und hätte niemals riskiert, das Label in den Sand zu setzen, nur um viel Geld in eine Band zu investieren, die dann VIELLEICHT sehr, sehr erfolgreich gewesen wäre.
Was ist deine Dischord Lieblingsveröffentlichung, welche magst du am wenigsten und warum?
Kann ich eine meiner eigenen Platten als schlechteste Platten angeben? (lacht)
Du weißt, dass du es dir da sehr einfach machst oder?
Ja, haha. Fangen wir mit meiner Lieblingsplatte an. Auch wenn es eine meiner eigenen ist. Für mich ist es das RITES OF SPRING Album. Diese Band war so speziell und diese Aufnahme war das einzige Mal, dass wir alles richtig gemacht und das so dokumentiert haben. Es ist ein Erinnerungsstück an mein eigenes Leben. Ansonsten müsste ich sehr sehr weit zurück gehen, die ganzen frühen Dischord Releases waren so unglaublich wichtig für mich. Eine Platte, die ich wirklich nicht mochte? Kann ich mal kurz online gehen und überhaupt nachsehen, was Dischord so alles veröffentlicht hat?
Ja klar, wir haben Zeit.
Oh Mann, Dischord hat ne Menge Platten veröffentlicht, die ich nie gehört habe, haha. Ich will hier nicht wirklich jemand auf die Füße treten… Sagen wir einfach mal IRON CROSS. Auf mich wirkten sie immer mehr wie ein Witz, es schien, als würden sie ihre eigene Musik nicht besonders ernst nehmen. Und diese vagen faschistoiden Untertöne in den Texten schätze ich auch nicht gerade sehr.

(Oise Ronsberger)

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Best of five Dischord-Platten von Bela

Wer den weltoffenen und innovativen Punkrock und Hardcore der 80er und 90er schätzt, für den müsste es im Grunde sehr leicht fallen bzw. dem bleibt eigentlich kaum eine andere Möglichkeit, als Dischord, SST und Alternative Tentacles als seine drei Lieblingslabels zu benennen. Denn welches Label brachte sonst noch eine solch breitgefächerte Anzahl an essentiellen Klassikern, an eindrucksvollen Geheimtipps und zukunftsweisenden Bands ans Tageslicht. Natürlich gab es (meines Erachtens) bei allen Labels auch viel Durchschnitt, oder zumindest kam es irgendwann zu einer Wiederholung der einstigen Innovation. Aber genau diese Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen und stilvielfältigen Experimenten machte die drei Labels zu etwas besonderem, zu etwas wegweisendem. Nicht nur den festgefahrenen Geschmack einer bestimmten Szene zu bedienen, stattdessen Szeneübergreifend zu handeln und denken und einen weiteren musikalischen Horizont zu übermitteln, der für eine unberechenbare Spannung sorgt und in Zukunft Maßstäbe setzten sollte.

Hört man sich bewusst Teile der Indie und Punkmusik ab den 90ern an, kann dabei schnell der Entschluss entstehen, das Dischord Records den aktuellen Zeitgeist am meisten wiedergibt (obwohl SST mit Hüsker Dü, Dinosaur jr., Bad Brains, Sonic Youth etc. auch nicht zu unterschätzen ist). Die Rede ist von diesem kopflastigen, emotionalen, verhackten und vertrackten Rhythmus, der seit den 90ern mit Crossover die Musiklandschaft pflegte oder in den 2000ern der so genante Emo-Core. Wer weiß? Vielleicht ist FUGAZI einer der letzten innovativen Meilensteine in der Gitarrenmusik. Und waren es nicht neben BLACK FLAG und MIDDLE CLASS auch die aus Washington D.C. stammenden BAD BRAINS, die den weltweiten Hardcoreboom loslegten? Und auch was die Attitüde betrifft, gibt es wohl kaum ein Label das so viele erfrischende Lebensinhalte übermittelte und diesen letztendlich auch treu blieb. Straight Edge, Riot Grrrls… aber vor allem das D.I.Y.-Prinzip auch noch im großen Rahmen, ohne sich zu verkaufen, beizubehalten ist sehr bemerkenswert.

So und nun soll ich meine fünf Lieblingsalben auf Dischord zusammenfassen, was sich als eine überaus schwere Angelegenheit heraus-kristallisiert. Als würde man die fünf schönsten Tage mit seiner großen Liebe zu reduzieren versuchen. Da ich SCREAM mit ‚This Side Up‘ schon in der vorletzten Ausgabe besprach und DAG NASTY’s Meisterwerk ‚Can I Say‘ mit Sicherheit schon an anderer Stelle seine Erwähnung finden wird, fallen die beiden Alben schon mal weg, soweit so gut, dann kommen wir zum „Rest“.

V/A – Flex your Head. (Dischord Records 1982). Nachdem Dischord Records innerhalb eines Jahres sechs Singles von THE TEEN IDLES, S.O.A., GOVERNMENT ISSUE, YOUTH BRIGADE und MINOR THREAT veröffentlichten, die später allesamt auf der Singles-Compilation ‚DISCHORD 1981: The Year in Seven Inches‘ erschienen sind, folgte im Jahr 1982 die Compilation ‚FLEX YOUR HEAD‘, die ursprünglich schlicht und einfach auf den Namen ‚Hardcore‘ hören sollte. Denn schließlich entwickelte sich Hardcore langsam aber sicher zu einem Verkaufsargument, Alben, die mit „Hardcore“ angepriesen wurden, waren keine Seltenheit mehr. Gegen diese Vermarktung stellte sich Ian Mac Kaye und so kam der Sampler unter den Namen ‚FLEX YOUR HEAD‘ heraus, was als Widerlegung von Robert Christgaus Beschreibung der D.C. Punks als „Muscleheads“ entsprach. Die D.C.-Szene wuchs unaufhaltsam und so gesellten sich neben den bereits genannten Bands noch die wahnsinnigen VOID, die Oi-lastigen IRON CROSS, die eher rumpelnden UNTOUCHABLES, DEADLINE, die zukunftsweisenden und gleichzeitig unterschätzten ARTIFICIAL PEACE. Mein persönlicher Höhepunkt neben S.O.A., MINOR TREATH, G.I. und YOUTH BRIGADE waren RED C., die wie es der Songtitel ‚Jimi 45‘ schon erwähnt mit einer Jimi Hendrix angehauchten Dubpunkversion begannen, um darauf im Midtempo bis rasanten HC-Songs drauflos zu brettern. FLEX YOUR HEAD verkaufte sich in der Erstauflage von 4000 Stück innerhalb von einer Woche und ich habe keine Ahnung, wie hoch die Stückzahl insgesamt war, aber mit Sicherheit ist sie rekordverdächtig, denn wenn zwei Sampler den Hardcore der frühen 80er prägten, dann waren es ‚THIS IS BOSTON NOT L.A.‘ und ‚FLEX YOUR HEAD‘. Beide Sampler übten weltweit einen erheblichen Einfluss aus und waren nicht für wenige, so was wie der Anbeginn einer neuen Ära. Denn sie ließen die Euphorie der frühen 77er und OI-Punkbands erblassen bzw. alt aussehen. Im erhöhtem Geschwindigkeitspegel wurden neue Maßstäbe in Punkto Energie und Aggression gesetzt. Und schon bald sollte all den festgefahrenen Punks der ersten Stunde, die gerne die irrtümliche Auffassung pflegten, das Punk tot sei, ein musikalisches sowie ideologisches Manifest vor ihre Stirn geknallt werden, denn jetzt ging es erst richtig los.

Three – Dark Days Coming. (Dischord Records 1989 / 2010). Nach der Aufnahme der EGG HUNT – EP setzten sich Ian Mac Kaye und Jeff Nelson als Ziel, eine neue Band zu gründen. Zusammen mit Geoff Turner und Steve Niles von GRAY MATTER nahmen sie ein Projekt in Angriff, von dem Ian Mac Kaye aber nicht ausreichend überzeugt war, folge dessen entschied er sich anderweitig um Mitmusiker umzuschauen, woraus dann FUGAZI entstanden. Die anderen Mitstreiter fuhren fort und Mark Haggerty, ebenfalls GRAY MATTER, kam hinzu. Aus dieser Konstellation entstanden THREE, welche den Begriff, des in den Mitte der 80er in Washington D.C. aufgerufenen Revolution Summers mit Abstand am nähsten kamen. Der hochmelodische Punkrock von GRAY MATTER gewann noch mehr an Eingängigkeit dazu, indem er sich mit Folkrock vermischte. Daraus resultieren hochkarätige, zeitlose Ohrwürmer, die insbesondere von Geoff Turners ergreifender Stimme getragen werden. Aber auch die Soundwall ist so was von druckvoll das keine Wünsche offen bleiben. Es gibt meines Erachtens nur wenige Platten, welche die Energie und Eingängigkeit so perfekt miteinander verbinden wie ‚Dark Days Coming‘. THREE existierten gerade mal vom Sommer 1986 bis zum Winter 87/88. Auf dem aktuellen Dischord Re-Release dürften alle Songs aus dieser Schaffensperiode enthalten sein. Was bedeutet das neben der regulären Platte noch 10 Bonussongs aufwarten, die von absoluter Großartigkeit gesegnet wären, doch anhand des fehlenden Gesangs sind sie nun mal leider unvollständig.

Shudder to Think- Ten Spot. (Dischord Records 1990). SHUDDER TO THINK mögen die wohl einzigartigste Band auf Dischord Records sein. Zwar spielten sie wie viele andere Dischordbands Ende der 80er, diesen D.C.-typischen, verkopften und verhakten Emo-HC/Punkrhythmus, der im Falle von SHUDDER TO THINK mit Hardcore jedoch weniger gemeinsam hatte, als vielmehr mit einer theatralischen Punk/Waveoper. Der Sound spielte sich in einer eher gedrosselten Geschwindigkeit ab und bewegte sich durch Craig Wedrens dominanten Gesangsstil ohnehin etwas im Hintergrund. Ihre musikalische Hypnose ist vielleicht am ehesten noch zu vergleichen mit einer Mischung aus FUGAZI und JANES ADDICTION, nur das Craigs Ausnahmestimme noch viel höher, theatralischer und verletzter zu Werke ging. Ein Sänger, der die Grenze zur Vollkommenheit längst schon überschritten hat und mit einer Leichtigkeit die Tonleiter auf und absteigt, wie kein anderer. Mehr Emotionen kann man Gesangstechnisch eigentlich gar nicht unterbringen. Ein Jahr nach ‚Ten Spot‘ erschien das etwas ausgereiftere und technisch frisiertere Album ‚Funeral at the Movies‘, das mindestens auf gleich hohem Niveau anzusiedeln ist und mit ‚Red House‘ gelang ihnen meines Erachtens einer der grandiosesten Songs der gesamten Dischord-Schaffensphase, der mir auch heute noch ein Schauern über den Rücken jagt. Doch im Gesamteindruck punktet ‚Ten Spot‘ ein wenig mehr, wenn sich dazwischen auch nicht viel schenkt. Von dem holt euch am besten die CD-Version mit beiden Alben.

Gray Matter – Thog. (Dischord Records 1992). Waren GRAY MATTER in ihrer Anfangsphase, als sie fesselnden, melodischen Punkrock spielten, schon überragend, so übertrafen sie sich mit ihrem 90er Reunionsalbum ‚Thog‘ selbst. Die Band erschien wie neu, wie ausgewechselt und war eigentlich nur noch am Gesang wiederzuerkennen, der von nun an in seiner melodiösen Höchstform auflief. Beim anfänglichen Hören erkennt man erst ein paar Überhits, bei mehrmaligem Konsum erweißt sich jedoch jeder einzelne Song als ein gottverdammter Hit. Denn umso öfter man sich „Thog“ zu Gute führt, umso mehr fesseln einen diese göttlichen Gesangschöre, diese packende Atmosphäre, diese brennende Leidenschaft, dieses impulsive, ausgereifte Songwriting. Das klingt wie DAG NASTY und SCREAM am Höhepunkt ihres Erschaffens, bloß mit mehr Rock und einer Prise Folk. Dem zahlenden Publikum war diese Entwicklung anscheinend doch zu melodiös und eingängig und GRAY MATTER beendeten nach ‚Thog‘ ihr Dasein. Dabei ist ‚Thog‘ für mich einer der besten Dischord-Alben ever, ebenbürtig mit DAG NASTY’s ‚Can i Say‘, nur eben mehr Stimmbezogen. Höchste Zeit, diesen Punkrockdiamant wieder zu veröffentlichen und öffentliche Tagträume verlangen nach einem Revival, das höchstwahrscheinlich nie zu Stande kommen wird.

V/A – 20 Years of Dischord. (Dischord Records 2002). Und abschließend sei für all diejenigen, die sich über das reichhaltige Schaffenswerk von Dischord Records einen Überblick erschaffen wollen, der 20 YEARS OF DISCHORD-Labelsampler wärmstens ans Herz zu legen. Aber selbst für diejenigen, die schon alles besitzen, macht die Anschaffung des Samplers durchaus Sinn, da auf der dritten CD 23 unveröffentlichte Songs aus der Dischord-Ära der 80er und 90er aufwarten, 6 nicht gerade professionelle, aber dennoch authentische Videomitschnitte aus der frühen HC-Ära um TEEN IDLES, FAITH, VOID, S.O.A. etc. und nicht zu vergessen das höchstinformative 130 Seitenreiche Beiheft. Wo nicht nur der gesamte Dischordkatalog mit Coverabbildungen, sondern auch alle Dischordbands von THE TEEN IDLES bis Q AND NOT U in einem Bandportrait Erwähnung finden. Vielleicht einer der liebevollsten Labelsampler, der mir jemals in die Hände geraten ist. Definitiv besser als FLEX YOUR HEAD, da hier der Verwandlungsprozess vom straighten Hardcore, zum rockigen HC-Punk, bis hin zum rhythmischen und verkopften Prä-Indierock bestens dargestellt wird. Letzterer Entwicklungsstand fand in seiner Frühphase mit FUGAZI, LUNGFISH, HOLY ROLLERS, JAWBOX, THE HIGH-BACK CHAIRS, SLANT 6, BRANCH MANAGER und CIRCUS LUPUS noch einige hervorragende Wegbereiter, die ihren Vorgängern in nichts nachstanden. Bloß wird es meines Erachtens ab THE CROWNRUIN HATE eher langweilig im Hause Dischord, da die einstige Innovation langsam aber sicher seinen Nullpunkt erreicht und die Kopfwindungen immer noch komplizierter werden, um folgerichtig jegliche Eingängigkeit zu verlieren. Zwar mögen sie ihrer Zeit immer noch voraus gewesen sein, doch am Ende erscheint Dischord Records wie ein Retro-Vorzeigelabel für Studenten-HC-Crossover. Oder nenne es erwachsene Musik, die unbedingt versuchen möchte, zuvor noch nie da gewesene Akkorde zu spielen. Egal! Es ist relativ! Ein grandioser Sampler mit mind. 70 % Hits!

(Bela)

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„For more than 22 years I worked at Dischord which is just about half of my life.“
Gastbeitrag von Amy Pickering

Amy ist eine alte DC HC Aktivistin, spielte bei der Band FIRE PARTY (die erste „all female“ Punkband lange vor Riot Grrrl (ok, ja, Frightwig waren früher)) und noch bei einigen anderen Bands, siehe discogs.com/artist/Amy+Pickering. Sie arbeitete von 1982 bis 2002 bei Dischord und war für den Mailorder verantwortlich. (Jan)

„30 Jahre ist eine lange Zeit. Wenn man das im Kontext betrachtet, ich hab über 22 Jahre bei Dischord gearbeitet, das ist fast die Hälfte meines Lebens. Für mich und viele andere war diese Gemeinschaft ein Fokus für eine sonst ziellose Jugend: Wie bei den Eltern gab es hier eine Bezugsgruppe, und auch die gleichen Ratschläge, nur auf eine freundlichere Weise. Hinter all den jugendlichen Animositäten und Urteilen vergab man sich mit all den Jahren die Fehler, das verstärkte die Verbindungen, die wir erschufen. Umgeben von den Mauern des Dischord-Hauses nahmen unsere Beziehungen ihre eigenen Formen an und führten ein Eigenleben, aber was wir von der größeren Gemeinschaft lernten, hatte einen viel stärkeren Einfluss auf mich, als ich es je vorhersehen hätte können. Und damit bin ich nicht alleine. Vor fast zehn Jahren war ich das letzte Mal innerhalb der Büromauren und seitdem fühle ich, dass all das viel mehr war, also das, was wir bei Dischord machten.

Ich lerne von persönlichen Geschichten, die woanders aber zeitgleich mit unserer verliefen, so können wir trotzdem die gleichen Erinnerungen in unserer Community teilen. Ich höre immer noch von Leuten, mit denen ich mich anfreundete, durch ihre Notizen, die sie bei Bestellungen im Mailorder beilegten, von Leuten, die ich von der High School hin in ihr Erwachsenwerden begleitete, deren Leben sich ähnlich an dem „Core“ orientierte, so wie ich es tat. Ich fand eine Art Erleuchtung oder besser Erkenntnis in den Wechseln, die ich in dem Leben anderer betrachten konnte – es waren ja auch unsere – und das reflektierte sich in mir selber. Ich hab mitgelitten, mit anderen, die viel zu früh starben – es waren unsere – und das spiegelte sich in mir wieder. Mit all dem will ich sagen, dass das Leben von Dischord und seiner Gemeinschaft, alle von euch, ein großer Teil meines eigenen Lebens darstellt. MEHR als die Hälfte meines Lebens. Danke.“

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Best of 5 Dischord-Songs von Mika Reckinnen

Wie wählt man fünf Alben aus dem Repertoire eines Labels aus, das 30 Jahre alt wird? Wie wählt man fünf Singles aus dem Schaffenswerk eines Labels, das 30 Jahre lang Stile wie Punkrock, Hardcore, Postpunk und Posthardcore mit geprägt hat? Wie kann man weit über 200 Veröffentlichungen mit unzähligen Songs auf die fünf besten reduzieren? Ein unmöglicher Versuch, vor allem, da ich bei Weitem nicht alle Songs kenne, und dennoch ist dies hier ein Versuch, das Unmögliche doch möglich zu machen, aus meiner persönlichen Vita heraus habe ich mich entschieden, nicht fünf Alben oder Singles auszuwählen, sondern, da ich immer ein großer Fan von Mixtapes war und noch bin, auf alte Tapes zu schauen und zu sehen, was mich vom Dischord-Kram scheinbar am meisten geprägt hat. Leider ist das nicht vollständig, Dag Nasty, Q and not U und so viele weitere Bands, die hier auch erwähnt werden müssten, fehlen. Nevertheless, here we go:

Minor Threat – Filler. Als jemand, der in einem ostwestfälischen Dorf in den 1990ern ohne ältere Geschwister mit gutem Musikgeschmack aufgewachsen ist, begann die Sozialisation mit Punkrock natürlich mit Radio und dementsprechend Toten Hosen, Abstürzenden Brieftauben, etc. Eine gleich bleibende Melange aus Funpunk und Deutschpunk, wie ihn wohl noch heute Heranwachsende in ländlichen Regionen in sich aufsaugen (müssen). Hardcore in Jugendzentren war Mitte / Ende der 1990er immer etwas für die Leute mit Kinnbärten, die eigentlich eher H-Blockx meinten und beschissenen Crossover spielten. Als ein Freund mir dann Minor Threat vorspielte, war ich wie erschossen und überfahren zugleich. Die Wut, die Energie, die Power auf der einen Seite, auf der anderen Seite Texte, die sich von dem 0815 abhoben und dennoch nicht kryptisch waren. Selbst mit meinem Schulenglisch war klar, diese Jungs sind angepisst, aber nicht angepasst. Da Filler der erste Song war, den ich hörte, wanderte auch er immer wieder auf Mixtapes, obwohl ich „Seeing Red“ oder „Small man, big mouth“ mindestens genauso gerne höre. Jahre später hat mir „Filler“ dann „The Robocop Kraus“ näher gebracht und über den Umweg wieder „Q and not U“. Die Robocop Kraus Coverversion als tanzbare, deutsche Version auf dem „Tribute to Dischord“ von Millipede Records begeistert mich noch heute!

Gray Matter – Oscar’s Eye. Gray Matter habe ich leider erst sehr, sehr spät kennen und dennoch sofort lieben gelernt. Werden ja häufig zusammen mit Rites of Spring in einem Atemzug genannt, wenn es um das Genre „Emo“ geht. Von beiden Bands sind Gray Matter definitiv meine Favoriten, vor allem die „Food for Thought“, auf der auch dieser Song ist. Kennen gelernt habe ich ihn allerdings auf der „20 Years Dischord“ CD-Compilation, die mir ein damaligen Freund / Mitbewohner geliehen hat. Dort hat es sich gleich in mein Ohr gefräst. Die Intensität und die Wut, gepaart mit guten Lyrics, begeistern mich noch heute! „There’s nothing wrong with me it must be all of you – Cause I’m feeling rejected no matter what I do”.

Fugazi – Waiting Room. Die Frage bei Fugazi ist doch immer, ob „Waiting Room“ als Song zu nennen, einen selbst nicht diskreditiert. Ehrliche Antwort wäre wohl: „Ja!“, aber dennoch ist und bleibt das der Song, den ich am häufigsten gehört habe. Allein die unzähligen Abende in diversen „Indie-Kneipen“ in Münster und anderswo, wo man dann doch irgendwann auf Fugazi hoffen durfte, während ansonsten niveaulose Rockmusik den Abend dahin plätschern ließ. „Waiting Room“ war und ist wohl der Konsenssong von Fugazi. Als Album würde ich mich dennoch eher für „In on the kill taker“ entscheiden, vielleicht, weil es das punkigste ist, vielleicht, weil es nicht so sperrig ist, vielleicht aber auch, weil mit „public witness program“ der Song da drauf ist, der eigentlich als Lieblingssong genannt werden müsste. Was übrigens für „Filler“ und „The Robocop Kraus“ gilt, gilt bei „Waiting Room“ auch für „Atom & His Package“. Eine großartige, trashige Coverversion des US-Barden.

Teen Idles – Get up and Go! Der Song ist einfach nur groß! Ohne irgendwie eine große Besonderheit zu haben. Einfacher, schneller, trashiger Hardcore, die Pause, der Refrain, das Durchzählen … ach was sage ich, einfach alles! Gute Nummer um mit zu schreien, um in die Luft zu springen, um …

Jawbox – Tongues. Jawbox haben sich nie wirklich lange auf meiner persönlichen Playlist halten können, bis, ja bis, zu diesem Song „Tongues“. Zwar befand sich mit „Mirrorful“ schon ein Jawbox-Song auf älteren Mixtapes, die ich fast zu Tode nudelte, doch erst durch die „Tongues“-Single habe ich die Band wirklich schätzen gelernt. Die Single fand ich in einem Berner-Second-Hand-Plattenladen und war eigentlich als Geschenk für einen Freund gedacht. Schande über mein Haupt, aber diesen Song finde ich so großartig, der konnte nicht aus meinem Besitz wechseln. Auch auf der Split-LP mit Leatherface (Your choice life series) ist dieser Song drauf! Großartig!

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Interview mit CYNTHIA CONNOLLY

Auch wer vielleicht noch nie von dieser Frau gehört hat, kennt mindestens eines ihrer Bilder. Das ausbrechende Schaf auf Minor Threats Out of Step zeichnete die damals 19-Jährige. „Du musst verstehen, dass mein Bezug zu und meine Konzentration auf Dischord in den 1980ern und 90ern liegt. Ich verschrieb mich der Ehrlichkeit der Menschen und der Wichtigkeit des freien Ausdrucks. Ich höre mir keine Musik von 1981 an oder suche nach Musik, die heute noch so klingt, weil Musik Kultur ist und sich diese über die Zeit entwickelt. Mich interessiert Nahrung, Tanz und Folk-Traditionen, und für mich ist Dischord und Punk eigentlich Folk“ erklärt mir Cynthia, die 1988 das legendäre Fotobuch Banned In DC herausbrachte. In diesem Buch ist die Geisteshaltung und Energie dokumentiert, die heute noch viele Menschen mit Washington, DC und im speziellen Dischord zusammenbringen. Sie trug somit zu der Verbreitung des Mythos bei, der diese Einheit annimmt.

„Ich kann zu diesem Phänomen, von dem du sprichst, irgendwie kein Kommentar abgeben, weil ich das so nicht erlebe als Künstlerin und Musik- und Tanzliebhaberin. Ich werde mich jetzt mal aufmachen, um ein paar Stücke zu tanzen. Ich hoffe, das ergibt irgendwie Sinn. Die wichtigste Sache in meinem Leben war es immer schon die Freiheit zu haben auszudrücken, was mensch will und sich mit Leuten zu umgeben, die deine Visionen respektieren und die dir helfen diese zu finden, was auch immer sie sein mögen“ fasst die 46-jährige ein Ideal zusammen, dass sich auch durch den Katalog des Labels zieht.

„Ihr macht also eine ganze Ausgabe über Dischord und den DC-Sound? Ich weiß nicht so genau, was du mit „Mythos“ meinst. Was Dischord tatsächlich macht, ist etwas zu dokumentieren, das echt und wirklich passiert ist. Wie kann das ein Mythos sein? Ich denke, die DC-Szene der frühen 80er und ihr Sound beeinflusst immer noch viele Musiker_innen weltweit und es ist interessant, zu untersuchen, warum das so ist“ verteidigt sie die Relevanz einer Operation, die sie aus mehr oder weniger ungeklärten Gründen verlassen hat. Es ist kein Geheimnis, dass Cynthia lange Zeit mit Labelchef Ian MacKaye zusammen war, und es kann vermutet werden, dass auch der Bruch mit ihm zu ihrem Weggang beitrug. „Ich arbeite an Projekten, an die ich glaube. Ich würde bei einer Plattenfirma arbeiten, wenn es dafür einen Grund gäbe. Im Moment liegt mein Schwerpunkt auf der Kunst, aber ich habe das Gefühl, ich muss zu etwas andrem übergehen. Ich bin mir nicht sicher was, vielleicht etwas in Verbindung mit Essen, Tanz und etwas das gemeinschaftsbezogen ist“ lässt sie eine Interpretation zwischen den Zeilen zu.

So eindeutig und strikt war die Trennung dann aber wohl doch nicht so sagt sie: „Ab und an gehe ich zu Dischord, weil ich dort immer noch alle kenne und Pakete für mich dorthin geliefert werden. Die Musikszene hat sich seit 2002 stark verändert und deshalb macht sich dieser Wandel auch bei Dischord bemerkbar. Ich verbringe allerdings mehr Zeit damit, mir Kunst oder Tanz anzusehen als Bands. Ich habe gehört, dass mittlerweile viele Leute, die sich früher Musik angesehen haben, damit aufgehört haben. Ich frage mich, was die jetzt stattdessen machen“ gibt sie zu bedenken, und deutet damit eine inhaltliche Krise an, die sie vorher noch angefochten hatte.

Eins der interessantesten Projekte, das die Fotografin mit starkem Bezug zu Dischord realisierte, war die Serie über Musiker_innen und deren Autos, mit Fotos von Kathi Wilcox (Bikini Kill) oder Guy Picciotto (Fugazi) vor deren schmucken alten durchweg us-amerikanischen Fortbewegungsmitteln. Zunächst scheint die Kombination paradox; sollten so aufgeklärte politische Individuen nicht eher vor Fahrrädern fotografiert werden? Cynthia aber verteidigt ihren Ansatz so: „Ich denke in der Tat, dass ein gutes Foto eines ist das wirklich die Essenz der Persönlichkeit eines Menschen und wer er_sie ist zeigt. Ich habe viel Zeit damit verbracht darüber nachzudenken als ich die Bilder für People from DC in Bands with their cars machte. Ich habe darum gebeten, die Fotos neu aufnehmen zu dürfen, wenn ich das Gefühl hatte, dass sie die Person nicht auf die Art und Weise darstellten, wie ich sie wahrnahm. Ich halte das für einen wichtigen Aspekt der Fotografie den mensch erfassen und verstehen muss. Ich meine, dass ich das tue aber glaube dennoch, dass mensch daran arbeiten muss diese Gabe zu behalten. Es ist nicht leicht. Wenn mensch diesen Ausdruck einfängt ist es das was mensch ‚Wahrheit‘ nennen könnte“ philosophiert Cynthia über ihr vielleicht eigentliches Talent.

Cynthia ist eine der wenigen Frauen, die in dieser Ausgabe auftauchen werden. Das spiegelt aber nicht unbedingt wieder, wie die Realität in DC aussieht. „Tatsächlich ist es so, dass als ich bei Dischord arbeitete, dort mehr Frauen als Männer angestellt waren. Ich würde sagen, dass das einer der Gründe war, warum es so erfolgreich war. Wir waren sehr konzentriert und gute Arbeiter_innen. Ich war zu keiner Zeit eine Quotenfrau bei Dischord. Ich war eine Angestellte, eine Teilnehmerin und eine Macherin. Bei Dischord herrschte immer ein Geschlechterbewusstsein. Ich weiß, dass Ian sich dessen bewusst war und sicherstellte, dass sowohl Frauen als auch Männer bei Dischord arbeiteten. Das kann ich von anderen Teilen der Szene nicht behaupten“ macht sie einen vagen Vorwurf. Wenn sie auch nicht explizit feministische Inhalte transportierte, so war sie doch mit der sich später entwickelnden Riot-Grrrl-Bewegung insofern verknüpft, dass ihr Buch mit Sharon Cheslow eine Mitbegründerin dieser Szene als Mitherausgeberin an Bord hatte.

Zu der Frage, wo sie jetzt ihren Lebensmittelpunkt sieht sagt sie: „Ich bin eine Fotografin und eine Künstlerin. Ich interessierte mich seit ungefähr 20 Jahren für das lokale Nahrungsnetzwerk, als ich anfing für einen örtlichen Bauern am Wochenende und anderen Tagen, an denen ich nicht bei Dischord arbeitete, zu arbeiten. Ich arbeite immer noch auf dem Bauer-innenmarkt mit verschiedenen Bauer-innen. Das ist etwas was viele Menschen nicht wissen, aber es war das Gemüse von diesen örtlichen Anbauer-innen, das ich und Ian über Jahre hinweg aßen. Im Jahre 1992 war ich für ungefähr zwei Monate in China und dort wurde mir klar, wie wichtig es ist, örtliche Sachen zu essen, als ich merkte, wie schwer es in China war Erzeugnisse von außerhalb der Region in der ich reiste zu bekommen. Ich habe jetzt einen Vollzeitjob bei dem County Arlington, Virginia, dem selben County, wo sich auch das Dischord-Büro befindet, als Vollzeitkunstkuratorin.

Ich fotografiere und mache Buchdruck. Ich liebe es die Gemeinde in meine Arbeit zu integrieren, sowohl in meine Kunst als auch in die Ausstellungen, die ich kuratiere. Ich nehme immer noch auf Film auf, und das ist mittlerweile sehr verwunderlich für die Leute. Wenn ich mal zum Reisen komme, erlaubt es mir, mit Menschen zu sprechen, die ich sonst vielleicht nie kennenlernen würde. Ich beschäftige mich gerade nicht so viel mit Fotografie wie mit dem Kuratieren. Ich bin sehr daran interessiert, Gemeinschaften zu erreichen, Leute zu inspirieren und ein Verständnis für die Wichtigkeit von Kreativität im täglichen Leben anzustoßen. Ich finde, dass die Punk Szene in den frühen 80ern so toll war, weil wir alle so kreativ und der freien Form verschrieben waren.“

Bei diesen Prinzipien könnten man meinen, dass Cynthia auch straightedge noch einiges abgewinnen kann, tatsächlich konstatiert sie aber: „Straightedge hat für mich keinerlei Bedeutung außer in dem Sinne, dass es immer noch ein Stück ist, dass Menschen beeinflusst. Kultur reflektiert die Gemeinde auf so vielen Ebenen und nicht nur bei dem Lied Straight Edge. Allgemein gesprochen beobachte ich, dass Alkohol weiter verbreitet ist als jemals zuvor“, schließt sie dann aber doch ihre Ausführungen zu einer Lebensphilosophie, die auch gewissermaßen mit Dischord und DC verbunden zu sein scheint. Die Band, mit der sich Cynthia am meisten identifiziert, ist dann auch nicht Minor Threat. „Ich bin mir nicht sicher, da müsste ich etwas Zeit investieren um zurückzudenken und ein paar Platten anzuhören. Ich habe mich heute Abend erst mit jemanden darüber unterhalten, wie großartig Shudder To Think waren, aber ich weiß nicht, ob mein Lieblingszitat von denen stammen würde“ überlegt sie und bedankt sich dann ganz bescheiden für das Gespräch.

(Alva Dittrich)

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Best of 5 Dischord-Platten von Helge Schreiber

Gray Matter “Take it back” EP. 1986 erschien diese geniale EP, die mit ihren sechs Songs komplett zu begeistern weiß. Es ist einfach unglaublich, welche Energie in dieser Platte steckt. Von den sechs Songs sind zwei Songs richtig gute Songs, wobei ich hiermit “Walk the line” und “4 a.m.” meine. Die restlichen vier Songs dagegen sind absolute Oberknaller, die mich jedes Mal mitreißen, wenn ich sie höre. “Chutes and Ladders”, “Burn no bridges”, “Take it back” und “Head” sind das Lebenselexier, welches ich für mein kleines schleimiges Punk Herz benötige, damit es weiter schlägt.

S.O.A. “No policy EP” 7”. Dies ist die zweite Veröffentlichung auf Dischord aus dem Jahr 1981. Ein enger Freund von Ian MacKaye, Henry Garfield, war zu diesem Zeitpunkt als Roadie von Minor Threat unterwegs. Henry Garfield, der später seinen Nachnamen in Rollins änderte und fortan Sänger von Black Flag wurde, ging hier auf den Songs der S.O.A. 7” ab wie Schmitz‘ Katze, soll heißen, hier auf dieser 7” gibt es zehn rasend schnelle Hardcore Kracher zu hören. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlag direkt in die Fresse, denn anders kann man diese raue und rumpelige Musik nicht bezeichnen. Bei der Studioaufnahme hatten damals Don Zientara und Skip Groff von den Inner Ear Studios ihre Hände im Spiel, die für den markanten guten Sound vieler Bands aus Washington, DC verantwortlich sind. Diese 7” ist nichts für Feingeister oder Liebhaber des heutigen Dischord Sounds. Das hier hört sich an wie pure Energie gepaart mit wilder Wut und reinem Ungestüm.

Scream “It came without a warning” LP. Alter Schwede, hier hatte mich erstmals eine Band aus Washington, DC mit ihrem Hardcore Punk so richtig begeistern können. 1982 erschien diese LP, bei welcher man regelrecht fühlen konnte, wie der Sänger der Band seine Wut gegen die Welt da draußen heraus schrie. 17 Songs befinden sich auf der LP, die richtig toll, schnell und packend geschrieben wurden. Scream kamen Mitte der 80er Jahre mehrfach nach Deutschland auf Tour und bewiesen, das sie großartige und freundliche Menschen sind, die sehr interessiert an der europäischen Underground Szene waren. Das war ein echtes Geben und Nehmen. Diese Band wird immer einen festen Platz in meinem Herzen haben, denn dazu waren die Scream-Konzerte einfach zu prägnant, als das man sie jemals vergessen könnte. Unter anderem hatte während der späteren Scream-Tour Dave Grohl Drums gespielt, der später Drummer bei Nirvana wurde, bzw. heute mit seiner Band Foo Fighters zu den großen Bands in den USA gehört.

Marginal Man “Identity” LP. Die Ende ’83 aufgenommene LP belegt eindeutig, das es NICHT den typischen Dischord Sound gibt. Wenn man jemanden, der Marginal Man noch nicht kennt, diese LP vorspielt, wird er vermutlich sofort äußern, das es sich hier um eine Band aus Kalifornien handeln muß. Der Opener “Missing rungs” hört sich stark nach frühen 7 Seconds an, während der zweite Songs “Friends” mit seiner supermelodischen Melodie sich stark nach Bands wie Adolescents oder Agent Orange anhört. Marginal Man waren eine großartige Band, die ich leider nie live sehen konnte.

Faith “Subject to change” LP. Ist mir schon klar, das die meisten bei FAITH an die ’82er Split LP mit VOID denken. Diese Split LP findet man in so gut wie jeder Best-of-Playlist. Mir gefällt die ’83 veröffentlichte “Subject to change” 12” aber wesentlich besser als die Songs von der Split LP. “Aware” ist ein großartiger Song, der für mich lange Jahre gleichbedeutend für den typischen geilen Sound der Bands aus Washington, DC war. Alec MacKaye am Gesang beweißt eindeutig, wie viel Wucht und Energie in der gesamten Familie MacKaye steckt.

(Helge Schreiber)

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Interview mit Jason Farell

Jason Farrell mag Dischord-Fans vor allem als Sänger und Gitarrist von Bluetip (und natürlich durch Swiz sowie Retisonic) bekannt sein – aber er hat in den vergangenen fast 20 Jahren auch immer wieder als Cover-Designer für das Label gearbeitet. Jason war in irgendeiner Form an zahlreichen Veröffentlichungen für Lungfish und Fugazi beteiligt, er hat die Rereleases von Dag Nasty oder Rites of Spring mit einem aktuelleren Design versehen, aber er war auch für größere Produktionen andernorts verantwortlich. Das Cover von At The Drive-Ins „Relationship of Command“ stammt von ihm. Es dürfte also keinen Trust-Leser geben, der nicht mindestens (!!!) eine Platte zuhause stehen hat, dessen Design von Jason Farrell stammt. Jason, der zwischenzeitlich beim Magazin „Variety“ tätig war, arbeitet mittlerweile im Film-Bereich. Angesichts des 30. Geburtstags von Dischord habe ich ihm ein paar Fragen zum Design und Stil des Labels gestellt.

Erkennst du ein eindeutiges Design in Dischords ersten Veröffentlichungen? Inwiefern unterscheidet sich das von anderen Labels jener Zeit? Oder haben halt ein paar junge Punks ganz einfach den typische Schwarzweiß-Stil übernommen, den andere Punk-Veröffentlichungen schon genutzt haben? Inwiefern hat das Dischord-Design andere Labels beeinflusst?
In den frühen Achtzigern gab es scheinbar eine Menge Labels und Bands überall im Land, die einen ähnlichen Look bei ihren Platten teilten. Das hatte zunächst einmal eine Menge damit zu tun, was ihnen zur Verfügung stand. 4-Farb-CMYK-Druck war damals noch nicht der Standard / die Norm wie heute. Die Kosten für Film, für Druckplatten, für das Drucken und das Schneiden… Der Preis für die Farbtrennung von einer 12“ konnte mehr kosten, als der komplette Druck von Schwarz-Weiß-Covern. Also war es einfach verdammt billiger, mit Schwarzweiß (und eventuell einer Zusatzfarbe) zu arbeiten. Einige entschieden sich auch dafür, lieber billige Hochkontrast-Drucke oder Fotokopien (die eigentlich nicht für das „endgültige“ Artwork gedacht waren) zu benutzen als für Halbtöne zu bezahlen. Zum Glück verkörperten diese ökonomischen Entscheidungen auch das DIY-Gefühl und passten gut zur Unmittelbarkeit der Musik.

Insofern passte es zur Gesamtästhetik. Bands (und Kids) vereinnahmten diesen Stil noch als ihre Identität oder was auch immer, als der Kostenfaktor schon lange vernachlässigt werden konnte. Ich erinnere mich noch gut, dass ich damals dachte, dass die Circle Jerks und andere Bands aus Kalifornien mit ihren schicken farbigen Platten wie Mainstream-Bands wirkten, als ich mit dieser Welt so wenig wie möglich zu tun haben wollte. Das Artwork (und die Musik) von Negative Approach, Discharge, TSOL und den frühen Dischord-Veröffentlichungen teilten diese „neue“ Hardcore-Ästhetik; sie waren roh, unmittelbar… und viel interessanter für mich.

Egal. Ich habe keine Ahnung, wer das zuerst benutzt hat (ich schätze Discharge), aber Dischord haben das sehr gut gemacht. Jeff Nelson war vermutlich der erste Grafikdesigner, der es innerhalb der Punk-Welt zu einem gewissen Bekanntheitsgrad brachte. Er war definitiv mein erster Einfluss als Designer. Und die Zeit hat gezeigt, dass einige dieser Cover zu Ikonen geworden sind; guck dir nur die ganzen Minor-Threat-Cover an.

Ich find es auch irgendwie großartig, dass Dischord gleich mit dem ersten Cover fast exakt den typischen Look trafen: Teen Idles „Minor Disturbance“. Verdammt großartig, und ein tolles Beispiel für den ästhetischen Einfluss von Dischord – eine zehn Jahre alte Blaupause für tonnenweise Straight-Edge-Bands in den Achtzigern und Neunzigern. Andere Dischord-Cover, die ein einfaches, aber zugleich bemerkenswertes Layout hatten, wurden ebenfalls von massenhaft Bands kopiert. Etwa das von The Faiths „Subject To Change“ (Verbal Assault – „Trial“, Marginal Man – „Double Image“,  Swiz – 12″, etc) oder Minor Threat (Rancid – „And Out Come the Wolves“, Nike, etc).
Wie findest du das Logo? Aus der Sicht eines Designers – ist es gelungen? Würdest du es ändern?
Es ist ein großartiges Logo. Ich bezweifle, dass meine Meinung dazu objektiv ist, da so viele Platten so viel für mich bedeuten, aber ich liebe es und kann mir nicht vorstellen, dass es verändert werden sollte. Ich möchte es nicht einmal in einer anderen Farbe sehen.
Was ist deiner Meinung nach das beste Dischord-Cover?
Vielleicht „Salad Days“ – es ist einfach, stark, eine Veröffentlichung zum richtigen Zeitpunkt.
Um auf deine Arbeit für Dischord zu kommen. Wie kam das, dass du für Dischord als Designer gearbeitet hast? Wenn ich das richtig sehe, hast du erst nach Swiz für das Label gearbeitet und bevor du Bluetip gestartet hast. Oder ist meine Frage falsch und du hast für Bands gearbeitet, die auf Dischord veröffentlicht haben?
Einige Zeit, nachdem sich Swiz aufgelöst hatten, bekam ich einen Job in einer Druckvorstufe, wo ich alles über Druck und Design lernte. 1992 designte ich das CD-Layout für eine Swiz-CD auf Jadetree und eine 7“ für Desiderata (zur Hälfte auf Dischord). Die Leute schienen mein Layout zu mögen, inklusive Severin, die mich fragten, ob ich ihr Dischord-Debüt designen würde. Kurz danach kamen Circus Lupus und Lungfish. Fugazi fragten mich, ob ich dem Künstler Jem Cohen helfen könnte, das Album „In On The Killtaker“ zu layouten, was mein Arbeitsverhältnis mit Dischord bis heute gefestigt hat. Ich bin kein Angestellter, und ich war nie ihr einziger Designer – wir arbeiten von Projekt zu Projekt. Manchmal fragen mich die Bands, manchmal schlagen Dischord mich vor.
Was ist der Unterschied zwischen Fugazi oder Lungfish auf der einen Seite und einer Major-Label-Band wie At The Drive-In?
At The Drive-In sind vielleicht nicht das beste Beispiel für eine typische Erfahrung mit einem Major-Label. Die Jungs von ATDI haben sich sehr bemüht, ihren künstlerischen Stil beizubehalten und wurden dabei sehr von Fugazi beeinflusst. Es ist lustig, dass du Lungfish und Fugazi erwähnst, weil ich bei beiden Bands vermutlich den geringsten Einfluss auf ihre Cover hatte. Asa und Daniel von Lungfish hatten immer ein sehr klares Konzept, wie ihre Cover aussehen sollten, Fugazi haben immer mit Jem Cohen gearbeitet. Auch wenn ich einige der kleinen Details eingebracht habe, war die generelle „Vision“ dahinter nicht in meinen Händen. Ich spielte eher die Rolle eines „Cover-Mechanikers“, der sicherstellte, dass die künstlerischen Ideen korrekt für den Druck übersetzt wurden. „Relationship of Command“ von At The Drive-In war viel mehr eine Reflektion meiner eigenen Ästhetik und insofern eine größere Herausforderung und Befriedigung. Aber mir hat es sehr viel Spaß gemacht, den „Cover-Mechaniker“ für Lungfish und Fugazi zu spielen; das sind zwei Bands, deren Musik ich sehr liebe.
Kannst du als Designer einen Unterschied zwischen der Philosophie von Dischord und einem Major-Label erkennen? Kannst du dich bei kleineren Labels mehr „trauen“? (Ich denke da insbesondere auch an die Cover deiner eigenen Bands)
Ich habe wenige Projekte für Majorlabels gemacht. Ich glaube, der große Unterschied liegt im Arbeitsablauf. Kein Label (Indie oder Major) möchte Geld wegen der Verpackung einer Veröffentlichung verlieren. Selbst Dischord weiß, dass man bei so etwas praktisch denken muss, aber sie versuchen das auszubalancieren und lassen Bands ihre eigene künstlerische Vision ausprobieren. Die Veröffentlichungen von Fugazi haben eine Tür für alternative Verpackungen (innerhalb eines Jewel-Case) geöffnet. Bei Bluetip wollte ich etwas weiter gehen – metallene Farben, Die-Cut-Einlagen usw. Das sind alles Dinge, die ein Major-Label (und manche Indies) direkt ablehnen würde. Ich bin Dischord (und meinen Bandkollegen) ausgesprochen dankbar, dass sie mich glänzende oder komplizierte Verpackungen gegen die Hoffnung auf künftige Lizenzeinnahmen eintauschen ließen.
Noch eine grundsätzliche Frage: Du unterscheidest zwischen Design, Layout und Produktion. Kannst du mir das erklären?
Ich kann‘s versuchen, aber ich habe mir dabei oft widersprochen. Design heißt, du du das grundsätzliche Konzept entwickelt (und es vielleicht auch als Layout umgesetzt) hast. Layout heißt, dass du ein existierendes Konzept genommen und auf einer Seite umgesetzt hast. Dabei hast du auch die Feinarbeiten gemacht, wo genau Dinge platziert werden sollen (wobei manchmal das Wort „Layout“ nur die bescheidene Variante von „Design“ ist). Produktion bedeutet, dass du das Design oder Layout von jemandem anderen aufgeräumt hast (auch wenn manche Leute meinen, dass Produktion das gleiche ist wie Layout und umgekehrt).
Erzähl mir noch ein bisschen zu deinem Hintergrund. Wie bist du zum Design gekommen?
Ich war schon immer an Zeichnen, Siebdruck und Fotografie interessiert. Als meine erste Band (Swiz) T-Shirts brauchte und Plattencover gemacht werden mussten, war das immer meine Aufgabe. Als sich Swiz auflösten, war ich halbwegs mit dem College fertig und hatte keinen richtigen Fluchtplan, also wählte ich Design als mein Schwerpunkt. Ich bekam einen Job im Bereich Druckvorstufe/Druckerei (siehe oben) und lernte dabei alles über den Druckvorgang, blieb lange da und arbeitete die Nacht über an meinen eigenen Projekten. Ziemlich bald fragten mich andere Bands, ob sie mir ein Cover gestalten könnten. Ich schloss die Schule 1993 ab und machte dann jahrelang Plattencover, bis ich meine Tätigkeit auf Magazine, Werbung und nun Video/Film ausweitete.
Zum Abschluss: Welche fünf Dischord-Platten sind für dich die wichtigsten?
1) Minor Threat – „Out of Step“
2) The Faith – „Subject to Change“
3) Rites of Spring
4) Minor Threat – „Salad Days“
5) Ignition – „Machination“
Eine ehrenhafte Erwähnung geht an die Bluetip Platten (nicht, dass ich glaube, sie würden mit den anderen auf einer Stufe stehen, aber es war unsere Chance, ein Teil der Dischord-Familie zu sein).
www.jasonfarrelldesign.com

(Dietmar Stork)

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Best of five Dischord-Platten von Oise Ronsberger

Joe Lally – from here to there (DISCHORD 153). Joe Lally, der unscheinbare Bassist von FUGAZI, ist nach der Quasi-Auflösung seiner Band orientierungslos. Musiziert mit Mitgliedern von FRODUS oder den RED HOT CHILI PEPPERS. Und – nachdem er bei FUGAZI ca. 4,5 mal den Gesang zu einem Song beigesteuert hat – liefert sein erstes Soloalbum ab, auf dem er sich komplett für Bass/Gesang/Songwriting verantwortlich zeigt. Und wie schon bei Ian MacKaye/THE EVENS wird einem auch erst bei dem Solo-Album klar, was die Rolle von Lally bei FUGAZI war: Simple, hypnotische Basslinien, die den Song tragen. So bescheiden, freundlich und zurückhaltend Lally im echten Leben ist, so ist auch seine Musik. Das seine Stimme eigentlich nicht prägnant oder stark genug ist, um ein ganzes Album zu tragen, verzeiht man ihm gerne, weil es so unprätentiös und ehrlich rüberkommt.

The Evens – s/t (DISCHORD 150). Nach dem vorläufigen Ende von FUGAZI fragte sich jeder, was wohl jetzt von den einzelnen Mitglieder kommen würde. MacKaye griff sich die Barritone Gitarre und fand in Amy Farina eine extrem eigene, sehr verspielte Drummerin. Die Lautstärke wurde reduziert, MacKaye presst seinen Gesang nicht mehr so heraus, sondern zeigt, dass er in seinem limitierten Spektrum doch ein sehr guter Sänger ist. Farina’s wunderschöne Stimme ist dazu ein guter Gegenpol. Die Musik ist reduziert und rhythmisch. Die Texte Protestsongs, die wieder einmal das persönliche zum politischen machen und umgekehrt. Ein guter Schritt in die Richtung „als Punk in Würde altern“.

One Last Wish – 1986 (DISCHORD 118). Die Platte, die es erst 12 Jahre nach dem Aufnehmen offiziell geben sollte. Der Grossteil von RITES OF SPRING plus ein EMBRACE Mitglied spielt vier Shows und nimmt ein Demo auf, um sich dann anschließend in typischer DC-Tradition aufzulösen. Großartiger Post-Revolution-Summer Post-Punk-Emo-Indie-Rock. Jahrelang verschickte Guy Picciotto auf
Anfrage Tapes dieses verloren geglaubten Kleinods, bis es dann zu späten Würden und einer Dischord Serien Nummer kam. Genauso wichtig wie die Vorgänger Bands. Weniger dringlich und verzweifelt, aber dafür um Längen besseres Songwriting.

Fugazi – instrument VHS (DISCHORD 080). Können sich junge Leute in Zeiten von Internet „streamings“ und „leaks“ eigentlich noch daran erinnern, wie es war, über Wochen auf eine Platte zu warten?! So ging es mir, als FUGAZI den „instrument“ Film ankündigten. Als es endlich soweit war, legte ich ehrfürchtig die Videokassette in den Rekorder und wurde sofort in den Bann dieses unchronologischen, keiner Zeitlinie folgenden Films über meine absolute Lieblingsband gezogen. Live-mitschnitte aus allen Phasen der Band, Tankstellenbesuche, Interviewaufzeichnungen, Proberaumaufnahmen und surreale Sequenzen vermischen sich zu einem dreistündigen Musikfilm, wie er inspirierender und bewegender nicht sein könnte. Dazu kam ein Soundtrack, der aus unveröffentlichten Songs oder (sich SEHR vom Original unterscheidenden) Versionen bereits bekannter Lieder bestand. Unter anderem das wunderschöne „I am so tired“ – ein trauriges, von MacKaye am Piano vorgetragenes Liebeslied. Mindestens 1,5 Jahre verging kein Tag, an dem ich „instrument“ nicht zumindest ausschnittsweise gesehen habe. Und als der Film dann auf DVD veröffentlich wurde, konnte meine schon dreimal geklebte und extrem strapazierte VHS Kassette endlich in den verdienten Ruhestand gehen.

Dag Nasty – wig out at denkos (DISCHORD 023). Klar, jeder aber auch jeder, liebt „Can I say‘ und ja, Dave Smalley ist einer der besten melodischen Hardcore Sänger aller Zeiten. Was aber viele nicht verstanden haben, ist, dass DAG NASTY es mit dem gesanglich wesentlich limitierteren Peter Cortner geschafft haben, einen Schritt vom alles niederdrückenden Hardcore in Richtung introvertierten Post-Hardcore zu gehen. Liegt es daran, dass Cortner genau wusste, dass er Smalley das Wasser nicht reichen konnte und seine Stimme in ganz anderen Lagen glänzte? Hatte Brian Baker sowieso vor, den Sound der Band zu ändern? Wir wissen es nicht. Aber ich weiß, das „Wig out‘ eine großartige, nach innen gewandte, von Selbstzweifeln zerfressene Platte ist, die für mich ganz klar gezeigt hat, das Punk/HC nichts, aber auch gar nichts, mit der schneller, härter, lauter Regel zu tun hat.

(Oise Ronsberger)

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Best of 5 Dischord Platten von Schippy

Rites of Spring (1985 – Dischord 16). Nun, die „Flex Your Head“, Minor Threat, die „Can I say“ von Dag Nasty und ganz besonders Rites of Spring dröhnten praktisch pausenlos aus meinem ersten WG-Zimmer. Das ist „verdamp lang her“, ziemlich genau 25 Jahre. Damals waren die frühen Dischord-Alben – neben SST-Göttern wie Hüsker Dü und Black Flag – der Soundtrack zu meinem Leben. Über die Jahre passierte dann das, was häufig mit Platten geschieht, die in einer bestimmten Phase deines Lebens besonders wichtig sind. Die Bedeutung verblasst schleichend, die Platten verschwinden in den Untiefen deiner Sammlung und werden nur noch selten aus ihrem Schattendasein geholt. An den Platten klebt dein Lebensgefühl von vor vielen Jahren, das macht es schwierig. Das Auflegen schickt dich – ob du willst, oder nicht – immer auch auf eine Zeitreise. Die Rites of Spring verschafft mir auch heute noch, spätestens bei „Persistent Vision“, eine Gänsehaut. Großartige, mitreißende Musik, keine Frage, aber der zuweilen verklärend, sentimentale Blick auf meine eigene Adoleszenz, den die Platte auslöst, schiebt sich vor die Musik. Und das ist die angenehme „Schön-war-die-Zeit“ – Variante. Im auch möglichen „Du-warst-früher-total-Scheiße“ – Modus erweckt die Platte höchst unangenehme Gefühlslagen wieder zum Leben. Ist biografisch kontaminiert. Funktioniert wie ein „Gefühlsspeicher“. Ist aber genau deshalb so großartig, weil sie das kann. Trägt das Prädikat „Emo“ vollkommen zu Recht.

Faith – Subject to change (1983 – Dischord 11). Klar gab es am Anfang einen „Dischord-Sound“. Eine überschaubare Gruppe von Menschen, die in verschiedenen Kombinationen neue Bands gründeten und wieder auflösten, sich gegenseitig beeinflussten, „Recorded at Inner Ear Studios, Engineered by Don Zientara, Produced by Ian MacKaye“, da können Ähnlichkeiten nicht ausbleiben. In der „Subject to change“ verdichtet sich das, was ich am frühen Dischord-Sound so mag. Sehr rau produziert. Bass und Schlagzeug weit vorne. Kein Ton zu viel, reduziert. Ich liebe den Gesang von Alec MacKaye. Neben aller Hardcore-typischen Aggressivität auch melancholisch. Mit „Aware“ und „Slowdown“ sind hier zwei meiner all time favourites zu finden. Wenn ich irgendwo auflege immer im Gepäck.

Ignition – The orafying mysticle of Ignition (1989 – Dischord 39). Schon wieder Alec MacKaye. Die Platte löst immer noch und immer wieder ein paradoxes Gefühl von angenehmer Traurigkeit in mir aus. Hier klingt nicht nur Alec MacKaye melancholisch, sondern auch die Gitarre (check „Bullets in mind“). Ganz große Textzeile in “Revision”: „Can you accept the imperfection in your revision?” Stoff zum Nachdenken. Herbstplatte. Nach innen gekehrt.

Scream – This side up (1985 – Dischord 15,5). Für viele ist „Still screaming“ „die“ Scream-Platte. Bin ich nie richtig warm mit geworden. Die „This side up“ gefällt mir viel besser. Schon noch Punk, schielt aber rüber zum Rock (die Andeutungen von Gitarren-Soli) und hat vor allem Pop-Appeal. Bei „Bet you never thought“, „A no money down“ und “I look when you walk“ wird’s Sommer, egal, was für ein Scheißwetter gerade draußen ist. Durfte ich 1986 in Amsterdam im “Emma” Live erleben, noch mit Kent Stax an den Drums. Neben Hüsker Dü im Luxor/Köln bis heute meine schönste Konzert-Erinnerung. Peter Stahl am Gesang war 100 % Inbrunst, Seele und Euphorie. Sind in Original-Besetzung wieder aktiv.

Lungfish – Artifical horizon (1997 – Dischord 115). Statt „Artifical horizon“ könnte hier auch „Alles“ stehen. Die ganz große Liebe der letzten Jahre. Hat sich mir spät offenbart und missionarischen Eifer ausgelöst. Mein musikinteressiertes Umfeld kann ein Lied davon singen. Kaum einer – „Die musst du unbedingt hören“ – ist ohne Mix-CD geblieben. Ein Zitat aus dem „Putting DC on the map“ – Begleitbuch zur „20 Years of Dischord“ – Veröffentlichung zeigt die Richtung: „Critics have complained that Lungfish seem to only play one song over and over, but those in the know say this: yeah, but what an incredible song!“ Totale Entschleunigung und Wiederholung, fast hypnotisch.
(Schippy)

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„What about the forgotten damn darn hot co-releases of Dischord?” von Helge Schreiber

Bitte erlaubt mir hier eine Ergänzung zur Geschichte von Dischord Records einzubringen. Fast jeder der beteiligten Leute des Dischord – Specials hier im TRUST ging auf die alten Klassiker des Labels ein. Sozusagen auf die puren Veröffentlichungen von Dischord, rein und unverfälscht und ausschließlich auf die Bands aus Washington, DC beschränkt. Mit dem Wissen, das es Dischord Co-Releases gegeben hat, entsteht natürlich zwangsläufig die Frage, welche weiteren Split Releases es gegeben hat, als diejenigen, die in der Discographie auf dischord.com offiziell aufgeführt sind, wie die erste United Mutation 7” (Dischord 10 7/8; in Kooperation mit DSI Rec.), Government Issue “Boycott stabb” LP von ’83 (Dischord 10 ¾; in Kooperation mit Fountain of Youth Rec.) und die vielleicht bekannteste Co-Produktion Scream “This side up” LP von ’85 (Dischord 15 ½; Sixth International). Aber es gab auch ein paar Co-Releases, die eben NICHT in der Dischord Discographie verzeichnet sind, daher laßt mich pretentious record collecting arsehole euch ein wenig auf die Sprünge helfen.

Wie in den bisher erschienenen Bücher über die Punk Szene in Washington, DC beschrieben, pflegten die Bands der Dischord-Familie einen regen Austausch mit allen möglichen anderen Szenen in den USA, wobei u.a. speziell auch der Kontakt zu den Bands aus Detroit zu nennen ist, wie z.B. zu den Necros, Negative Approach als auch zum Touch & Go Label. Die Freundschaft Ian MacKayes zum Bassisten der Necros, Corey Rusk (der zum führenden Mann hinter dem Touch & Go Label wurde), führte 1981 zur ersten Co-Veröffentlichung in Form der selbst betitelten Necros 7” (Dischord. 4 ½ ). Direkt als nächstes Co-Release fällt die SS Decontrol “The kids will have their say” LP von ’82 (Dischord. 7 ½) ins Auge, wobei als Kontaktperson Al Barile, Gitarrist von SSD aus Boston, auszumachen ist. Al gründete kurz zuvor das umtriebige X-Claim Plattenlabel, deren sechs Veröffentlichungen heute als Klassiker gelten. Anschließend erfolgte Dischords Kooperation mit Skinflint Records in Form der “Skinhead Glory” 7” von Iron Cross, einer Band ebenfalls aus Washington, DC (Dischord 8 ½).

Die letzte mir bekannte NICHT auf dischord.com gelistete Co-Release erfolgte 1983 mit R&B Records aus Washington bezüglich der selbst-betitelten Double-O 7” (Dischord 10 ½), die für mich ebenfalls zu den fähigsten Ami Punk 7” der 80er Jahre gehört. R&B Records veröffentlichten 1984 übrigens die grandiose SECOND WIND 12” aus Washington, DC, die heutzutage leider zu Unrecht so gut wie unbekannt ist. Dabei spielte hier der Minor Threat Gitarrist Steve Hansgen mit, der mit Second Wind einen derart geilen Hardcore Sound spielt, der sehr nahe an die coolen Minor Threat Sound heran kommt.

Es bleibt festzuhalten, das Dischord Records einer ganzen Reihe von anderen Plattenlabels bei ihren ersten Veröffentlichungen mit Rat und Tat zur Seite standen und es diesen Labels ermöglichten, einen guten Start in die Szene zu haben.

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„It was my pleasure. It did me good to give some thought to Dischord.“
INTERVIEW MIT PETER CORTNER

Es ist immer eine Freude, mit Peter Cortner zu sprechen. Ein scharfsinniger, witziger Gesprächspartner, der sich seiner kontroversen Rolle als dritter DAG NASTY Sänger durchaus bewusst ist und nie vergisst, zu betonen, wie unglaublich es für ihn war, als iugendlicher Punk aus Maryland plötzlich zum Sänger einer der einflussreichsten Bands zu werden, die Dischord jemals veröffentlichte.
Wann hast du zum ersten Mal von Dischord Records gehört? Hast du zuerst die Labelbetreiber persönlich kennen gelernt oder die Platten, die sie veröffentlicht haben?
Ich habe 1982 das erste Mal von Dischord gehört. Ein Freund hatte vorgeschlagen, dass wir uns ein paar Alben aus der Kollektion seines großen Bruders anhören. Unter den großartigen EPs und Singles waren u.a. TEEN IDLES, SOA und MINOR THREAT. Ich habe in den Suburbs von Maryland gelebt, kam ganz selten nach D.C. und hatte noch nie von diesen Bands oder dem Label gehört. Von Ian, Jeff oder allen anderen Leuten, die das Label auf die Beine gestellt haben, ganz zu schweigen.
War Dischord etwas, zu dem du aufgeblickt hast? War es als Label schon etabliert genug, um in dir den Wunsch zu wecken, etwas auf Dischord zu veröffentlichen?
Ich war von den Platten, die Dischord veröffentlichte, sehr begeistert. Bevor ich bei DAG NASTY einstieg, war ich ja schon an mehreren anderen Bands beteiligt und es wäre der Wahnsinn gewesen, wenn wir unsere Musik aufnehmen und von Dischord veröffentlichen hätten können.
Welches war die erste Platte, die du auf Dischord veröffentlicht hast? Kannst du dich an das Gefühl erinnern? Wie involviert warst du in die Produktion und die Herstellung der Platte?
DAG NASTY ist die einzige Band, in der ich war, die jemals auf Dischord Platten veröffentlich hat. Das erste Release mit mir hätte eine 4-Song 7“ sein sollen, die wir im Herbst nach „Can I say“ aufnahmen. Die Band löste sich nach den Sessions auf, Dischord nannte die Aufnahme immer „Dag Nasty Lasty“. Die 7“ wurde damals leider nicht veröffentlicht, die Lieder sind jetzt aber auf der Wiederveröffentlichung von „Wig out at Denkos“ zu finden.
Was ist die wichtigste Lektion, die du durch die Zusammenarbeit mit Dischord gelernt hast?
Das erste Mal im Studio zu sein, war sehr aufregend für mich. Und ich war sehr glücklich, dass meine ersten Aufnahmen auch noch mit Ian als Produzent stattfanden. Er war sehr unterstützend und hat in allen Aspekten sehr eng mit der Band zusammen gearbeitet. Leider änderte sich das, als wir dann wieder mit Ian als Produzent „Wig out at Denkos“ aufnahmen. Ich glaube nicht, dass er wirklich glücklich mit der musikalischen und personellen Entwicklung der Band war. Außerdem weigerte er sich, unserem Wunsch nachzukommen, die Studiotechnik zu nutzen, um die Aufnahmen künstlich fetter zu machen, speziell den Gesang. Ich glaube, Ian war immer sehr entschlossen, Bands so aufzunehmen, wie sie live klangen, inklusive aller Schwächen. Und das war es auch, was bei den Aufnahmen zu „wig out“ passierte, was uns damals wahnsinnig störte. Doch im Nachhinein habe ich von Dischord gelernt, dass es von enormer Wichtigkeit ist, eine Band so zu dokumentieren, wie sie wirklich klang. Es hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe und wenn ich das Album heute höre, genieße und respektiere ich die Entscheidungen sehr, die Ian damals getroffen hat.
Wenn du auf 30 Jahre Dischord zurückblickst: Was ist deiner Meinung nach die größte Leistung des Labels?
Ich denke, die größte Leistung des Labels ist die Tatsache, dass die einen sehr strikten Ansatz haben, was das Aufnehmen und Verkaufen von Musik angeht. Die Preise sind sehr niedrig und die Qualität der veröffentlichten Platten konstant sehr hoch, gut gemastered und verpackt. Ihr Kundenservice ist unschlagbar. Dischord wird aus gutem Grund so respektiert.
Was ist deine Dischord Lieblingsveröffentlichung, welche magst du am wenigsten und warum?
Mein Favorit ist nach all den Jahren noch immer die erste MINOR THREAT EP. Genauso wie SOA’s „no policy“ kann ich sie von Anfang bis Ende durchhören und langweile mich nie. Es ist eine Inspiration, schon fast eine Bauanleitung für Hardcore und vor allem ganz großartige Musik, um sich dazu zu betrinken! Das Release, das ich am wenigsten mag? Ganz ehrlich – DAG NASTY’s „can i say“. Natürlich ist die Platte großartig, aber es ist auch die einzige Platte, die ein echter „pain in the ass“ für mich war. Einfach, weil es eine so große Platte war, um ihr wirklich gerecht zu werden.
Von außen betrachtet hatte DAG NASTY immer einen sehr speziellen, auch kontroversen Platz, wenn die Geschichte von D.C. Hardcore erzählt wird. Mehrere Sänger, die Band machte trotz Line Up-Wechseln immer weiter, zog am Ende sogar aus D.C. weg… Als du in die Band eingestiegen bist – fühltest du dich willkommen von den Fans, aber auch von den Labelbetreibern?
Das Lustige ist, dass die Leute in D.C. bei meinem Einstieg sehr unterstützend waren. Niemand schien etwas dagegen zu haben, das die Band schon wieder einen Sängerwechsel hatte und sich trotzdem nicht umbenannte, wie das ansonsten in D.C. so üblich war. Ian und Dischord waren mehr als glücklich, weiterhin mit uns zu arbeiten. Aber als wir dann „wig out“ aufnahmen, verloren wir ganz sicher Fans. Zu viel hatte sich nach ihrem Geschmack seit „Can i say“ geändert. Und wir haben auch den Respekt von Dischord und anderen aus der D.C. Szene verloren, als wir nach einem Label Ausschau hielten, dass Tour-Support bezahlen wollte, etwas, dass Dischord niemals getan hat. Das und die Veränderungen in der Musik sorgte dafür, dass die Leute glaubten, unser primäres Ziel wäre es, Geld zu machen. In anderen Worten: Sie dachten, wir hätten uns verkauft.
Wessen Idee war es eigentlich, dass die ganze Band nach L.A. ziehen sollte und was waren die Gründe dafür?
Der Umzug nach Kalifornien war ein weiterer großer Schlag für unseren Ruf in D.C. Wie jeder weiß, zieht man nur nach L.A., weil man sich ausverkauft hat. Die Wahrheit ist jedoch, dass sich sowohl Brian als auch Doug in D.C. immer unwohler fühlten und da Doug ein Haus in L.A. hatte (und dadurch auch einen Fußboden, auf dem wir schlafen konnten), verließen wir die Stadt. Das war der Grund. Der letzte Nagel im Sarg unserer Glaubwürdigkeit in D.C. war dann unser Album „Field day“, dass fast von allen, die etwas mit Dischord zu tun hatten, einstimmig verachtet wurde.
Wie kann man sich den Bruch zwischen DAG NASTY und Dischord vorstellen? Habt ihr oder Ian/Jeff das Gespräch gesucht? Gab es böses Blut?
Gab es böses Blut? Wahrscheinlich ja, aber alle Mitglieder der Band haben mittlerweile wieder ein sehr herzliches Verhältnis zu Dischord. Wenn ich jetzt nur Ian davon überzeugen könnte, „Field day“ zu remixen und wieder zuveröffentlichen….
(Oise Ronsberger)

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„Slowdown and repeat – Daniel Higgs und Lungfish” von Schippy

„Lungfish (1988 – present)“ verrät die Dischord-Homepage. Offiziell aufgelöst sind Lungfish also noch nicht. Die letzte Veröffentlichung „Feral Hymns“ liegt aber leider schon sechs lange Jahre zurück. Lungfish sind in vielerlei Hinsicht die große Ausnahme von eisernen „Dischord-Regeln“. Lungfish kommen nicht aus Washington, sondern aus dem rund 65 Kilometern entfernten Baltimore und Lungfish sind nicht – wie so viele Dischord-Bands – nach kurzer Zeit verglüht, sondern haben seit 1989 zwölf Tonträger auf Dischord oder in Kooperation mit Dischord veröffentlicht (nur so am Rande: Wer verkauft mir seine „10 East“-Single?). Neben Fugazi sind sie somit die langlebigste und aktivste Band auf Dischord (gewesen).

Vorläufiges Ende des Faktenteils. Zeit für die Liebeserklärung: Lungfish sind nicht weniger als großartig, einmalig und leider noch immer viel zu unbekannt. Großartig, einmalig und leider noch immer viel zu unbekannt. Großartig, einmalig und leider noch immer viel zu unbekannt [Repeat 12x] ….

Wiederholung, ein Grundprinzip der Lungfish-Musik. Loops in traditioneller Bandbesetzung gespielt. Daniel Higgs, Sänger und Dichter der Band, benutzt in einem Radio-Interview den Begriff der minimal variierten Muster („Pattern“), um den musikalischen Ansatz von Lungfish zu erklären. Minimal Music oder Ambient sind weitere Bezugspunkte, die einem einfallen und eine Nähe zur Folkmusik schimmert durch. Das starke repetitive Element verweist auf die Rolle von Musik bei religiösen Riten. Chanting.
Ein Widerspruch tut sich auf, beim Versuch, die Musik von Lungfish zu beschreiben: Lungfish wirken seltsam vertraut, „irgendwo hab ich das schon mal gehört“, gleichzeitig funktioniert die „Klingt wie“ – Referenzmethode nicht. Im Rock-, Postpunk- oder Indie-Kontext (nenn es, wie immer du willst) gibt’s nichts Vergleichbares. Lungfish klingen wie Lungfish. Einmalig.

Aber Obacht, du musst ihnen eine Chance geben. „Langweilig“ war meine erste Reaktion, als ich mir vor vielen Jahren in meinem damaligen Dischord-Komplettierungswahn „Rainbows from atoms“ zugelegt hatte. „Zu langsam“ und „da passiert ja nix“ und die CD wurde vergraben und vergessen. Ich war einfach noch nicht bereit für die Offenbarung. Vor zwei, drei Jahren – irgendwo hatte ich etwas über Lungfish gelesen – ein neuer Anlauf und bei „Creation Story“ eine äußerst sparsam instrumentierte Meditation von Daniel Higgs über, ich weiß nicht genau was (der Mann ist wortmächtiger Poet und mein Englisch ist dafür zu limitiert), hat’s plötzlich *Klick* gemacht. Mund offen und „Wow!“. Baum der Erkenntnis und so. Danach eine längere Jäger und Sammler-Phase (siehe „Komplettierungswahn). Eintritt in die Myspace-Gruppe „Church of Lungfish“, Zugang zur Facebook-Gruppe „Lungfish Appreciation Society“ gefunden (ein simples „Gefällt mir“ reicht da nicht als Eintrittskarte). Austausch mit Gleichgesinnten. Suche nach mehr Informationen. Lungfish wirken eher im Verborgenen. Kaum Interviews, kaum Internetpräsenz. Muss man sich erarbeiten. Für Eingeweihte („Those in the know“).

Einige Alben sind leider „out of print“. Über dischord.com ist zwar mittlerweile fast der gesamte Backkatalog als MP3 verfügbar, aber welcher Vinyl-Junkie will schon MP3? Die „Pass and stow“ zumindest wurde Ende letzten Jahres auf Vinyl re-issued. Ich hoffe, Dischord kann sich hier zu weiteren Vinyl Re-Issues durchringen (über die üblichen Internet-Kanäle kommt man leider nur an die „out of print“ CDs noch mit Glück dran.)

Erkenntnis nach dem Hören des Gesamtwerks: Lungfish werden über die Jahre besser und besser. Und „besser“ meint hier noch langsamer und noch repetitiver. Auf den späteren Alben nehmen Instrumentals mehr und mehr Raum ein. In Bandbesetzung gespielte, wie zum Beispiel das majestätische (abgedroschenes Adjektiv, passt aber) „Black Helicopters“ auf der „artifical horizon“ und Soundexperimenten – elektronische Miniaturen – die Gitarrist Asa Osborne beisteuert. Auf dem bisher letztem Album „Feral Hymns“ passiert in der Kategorie „Abwechslung“ noch weniger als auf den Vorgängeralben, so also wollten Lungfish in einem endlosen, hypnotischen Sound der Wiederholung langsam verschwinden … Fade out.

„Durch den Spiegel gehen und Krishna sehen“
Wenig Hoffnung auf weitere Lungfish-Alben machen die vielfältigen anderen Aktivitäten des Sängers Daniel Higgs. Higgs ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein anerkannter Tattoo-Artist (anscheinend da aber nur noch wenig bis gar nicht aktiv) und Maler. Unter www.higgsgallery.com gibt es eine Auswahl seiner Bilder zu sehen oder check die Seite www.soundscreendesign.com, im Rahmen des Projektes „Artist Music Journals“ wurde ein limitiertes Heft mit Arbeiten von Daniel Higgs in einem 10-inch-Cover veröffentlicht. Weitere Einblicke in die malerischen Arbeiten verschafft das Buch (mit beigelegter CD) „Atomic Yggdrasil Tarot“.

Vor allem aber, hat er in den letzten Jahren zahlreiche Alben als Solo-Künstler auf Labels wie Thrill Jockey oder Holy Mountain veröffentlicht. Und hier reden wir von wirklichem „weird stuff“. Ein Album voller Maultrommel-Musik (Magic Alphabet), ausgedehnte Banjo-Improvisationen (zum Beispiel „metempsychotic melodies“) oder mittelalterlich anmutender Bänkelsang (ganz groß: „Living in the kingdom of death“ auf der „Interdimensional Song-Seamstress“). Auf dem Doppel-Album „Say god“ aus 2010 geht dann endgültig die spirituelle Kuh fliegen. Higgs sprechsingt unterstützt von einer Shruti-Box, einem traditionellen indischen Instrument und einen sparsam eingesetzten Harmonium angereichert mit zahlreichen „Amen“ über Gott. Ob Higgs seinen Gott tatsächlich gefunden hat oder mit religiösen Themen textlich wie musikalisch experimentiert scheint dabei unklar.

Higgs ist viel als fahrender Sänger unterwegs. Sein Hab und Gut ist untergestellt und Higgs bereist die Welt. Keine Touren wie wir sie kennen, selten Auftritte in Clubs, keine Werbung. Du musst ihn suchen. Selten spielt er auf Festivals, wie z. B. vor einigen Jahren auf dem Kraak-Festival in Belgien oder vor kurzem auf dem all tomorrow’s parties (ATP) – Festival in England. Finden wirst du ihn eher bei kleinen Auftritten in Plattenläden, Buchläden oder – as seen on YouTube – in Kirchen. Ende letzten Jahres ist er auch in Deutschland aufgetreten, öfter war er schon in Belgien und den Niederlanden unterwegs. Für dieses Jahr plant Higgs Auftritte oder musikalische Erkundungen in Ost-Europa und Afrika.
Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, Higgs in einem Theater in Utrecht/NL sehen zu können.

Der Mann ist ein Charismatiker vor dem Herrn. Verschroben. Mit geschlossenen Augen versunken in seiner Musik. Gern wird auch das Wort „Schamane“ im Zusammenhang mit Higgs benutzt. Higgs spielt Maultrommel, durch Effekt-Geräte verfremdet, erzeugt einen Loop, greift zum Banjo, beginnt zum Loop „zu klimpern“, irgendwann entsteht eine einfache Melodie und Higgs singt über den Tod, Gott, die Liebe, Lucifer. Danach erzählt er uns die Geschichte eines Traumes, bei dem er durch einen Spiegel gehen musste und – welche Überraschung – auf der anderen Seite des Spiegels hatte Krishna schon auf ihn gewartet … und das erzählt Higgs nicht als, nun ja, „religiöser Spinner“, sondern humorvoll im Stile eines Unterhalters. Es ist nicht ganz auszuloten, Higgs spielt mit seiner schamanenhaften Ausstrahlung, wie ernst es ihm mit seinen spirituellen Themen ist, bleibt offen.

Die Dischord-Discografie mit all den Lungfish-Platten und der Zusammenarbeit von Osborne und Higgs unter dem Namen „The Pupils“ gibt es an anderer Stelle im Heft.

Nachfolgend eine – nicht vollständige – Liste anderer Veröffentlichungen von Daniel Higgs, Asa Osborne und Nathan Bell.

Daniel Higgs
Atomic Yggdrasil Tarot – Thrill Jockey
Metempsychotic melodies – Holy Mountain
Ancestral Songs – Holy Mountain
Plays the mirror of the apocalypse and other songs – Open mouth records
Say God – Thrill Jockey
Magic Alphabet – Northern Liberties

Asa Osborne
Zomes – Holy Mountain
Eine rein instrumentale Platte voll mit “hypnotischen Miniaturen”. Unbedingt auschecken! Waren letztes Jahr für ein paar Dates in England. Wer erbarmt sich und organisiert eine kleine Tour durch unsere Gefilde?

Nathan Bell
Human Bell – Thrill Jockey
Nathan Bell hat auf einigen Lungfish-Platten, wie z. B. der „artifical horizon“ Bass gespielt und unter Human Bell ein wunderschönes Album mit Gitarren-Instrumentals rausgebracht. Auch hier gilt: Unbedingt auschecken!
(Schippy)

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Best of 5 Dischord-Platten von Jan Röhlk

Was hat mich am meisten geprägt als Teenager? Das waren ja…

Void. Klar, die Split-LP Seite mit Faith. Alleine die Songs „Organized Sports“ und „My Rules“, von Menschen oder von Außerirdischen gespielt? Im Film „American HC“ dann zum ersten Mal (bewegte) Bilder der Band gesehen, totaler Abriss. Trommler Sean Finnegan starb 2008 an einem Herzanfall, RIP.

Dag Nasty – Can I say? Schade, dass Dave Smalley sich für die 2004er conservative-punk (cp) Nummer nicht zu doof war, alle seine Bands – ob der Krach bei DYS, die posi-Stimme bei Dag Nasty, melancholisch bei All und Down by Law – bewunderte ich. Seine für mich beste Veröffentlichung kurz vor dem DBL- Debüt ist jedoch die erste Dag Nasty. 2004 interviewte ich ihn auch fürs Trust bezüglich der Geschichte mit cp, sehr seltsam und ärgerliches Ding. Ok, mir wumpe, das Dischord jetzt die selbe LP mit dem originalen Sänger Ende 2010 raus bringt. Als ich mit 13 in dem Kölner Plattenladen Normal in diese Scheibe reinhörte, noch ziemlich mit Hals und Ohren (!) im deutschsprachigen Punk, kalifornischen Melodic HC und NYC HC Marke Judge drin, wurde mir – ähnlich, wie es Trustkollege Stone mit seinem Hörerlebnis beim ersten Mal Dinosaur jr hören schilderte – schwindelig. (I wish I could learn to) „Never Go Back“ ist seit 1992 auf fast jedem Mixtage drauf, und überhaupt ist diese LP die Überplatte, ein schönes Bindeglied zwischen edge-igen posi-Core (wie ihn Gorilla Bisquits dann auf der „Start Today“ perfektionierten) und SST post Punk shit. Das Artwort (Flammending) stammt übrigens von dem amerikanischen Künstler Virgil Finlay (1914-1971), mehr dazu unter doublecrosswebzine.blogspot.com, in der Suche oben links einfach „Dischord Records“ eingeben, da kommen x (xxx besser, ha!) Links zur eigenen Blogberichterstattung zum Dischord Label, von eben genannten Infos über alte Flyer und alte Dag Nasty- und Minor Threat-Fotos, aber auch Schnappschüsse wie Profiskater Mike V überreicht Ian MacKaye im Dischord House 2001 ein Skateboard mit dem Sheep-Logo hin zu best of Minor Threat Songs Polls – also alles Infos, die man unbedingt braucht!

Wegen dem schwarzen Schaaf, was ja außer der Reihe tanzt und auch als Logo auf der Dischord-Seite prangt, fiel mir letztens noch mal ein schöner Th’Inbred Text ein, in dem es eigentlich darum ging, das Christen und Satanisten das gleiche sind, denn wer an Gott oder an den Anti-Gott in Form von Satan glaubt, das ist ja das gleiche, es wurde in dem schönen Bild ausgedrückt: „A black sheep is still a sheep“. Vielleicht ein ganz gutes Bild generell für die Rolle von Dischord in dem Musikbusiness? Zwar ganz andere Methoden als Universal, EMI, AOL Time Warner, aber eben auch Teil der kapitalistischen Gesellschaft und insofern halt auch ein Schaf, aber lassen wir diese Adorno-eske „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ hier mal beiseite. Ach so, mit aller gebotenen Zurückhaltung hier noch die Gerüchteküche: Weil die Band die Songs auf „Can I Say“ veröffentlicht hatte, ohne dabei Shawn Credits für die Texte zu geben, gab‘s Streit, worauf Dag Nasty auf ihrer zweiten LP mit einem dämlichen Text zu „Lies are exercises“ reagierten und Shawn Brown mit seiner Band SWIZ wiederum wütend zurück geschlagen hatte mit der Textzeile „Lies aren’t exercises“. Dag Nasty meinten dann, sie müssten das ganze ins Lächerliche ziehen, und spielten für ihre dritte LP „Field Day“ eine Verarschungsversion von „Under Your Influence“ ein…

Gray Matter – Food for thought. GM waren das, auf einem Foto in „Banned in DC“, mit ihrem Abschiedskonzert auf einem Hochhaus in Washington DC, Beatles Style, oder? Auf jeden Fall, Vera, wenn du dein Abo noch nicht gekündigt hast und das hier in deiner Berliner Wohnung liest, danke für den Tipp mit Gray Matter 1991. „Seein things in retrospect“, „Oscars eye“, „You are only here to fill a void“… alleine dieses Triple auf der A-Seite reicht vollkommen aus. Unfassbar.

Fugazi – Repeater. Überraschend, Fugazi kennt ihr vielleicht nicht, ist so eine neue Band aus … ja klar, gerne würde ich sagen „Ich bin in meinem Leben zweimal Punk geworden, einmal Anfang der 80er und dann noch mal durch die Touren von Fugazi Ende der 80er“, dieser – schon oft gehörten – Aussage der heutigen Ü40 Generation – kann ich altersbedingt nicht zustimmen, auch bin ich kein Punk, verdammt. Aber ich werde es nie vergessen, als bei einem Schulausflug in der achten Klasse mir jemand (fucking Peter Starke baby) ein Tape gab, A-Seite „Suffer“ von Bad Religion, B-Seite „Repeater“ von Fugazi. Heilige Mutter Gottes, beides total unterschiedlich, aber doch so verbindend, erregend, wahnsinnig, geil!!! Fugazi live zweimal verpasst, The Evens dann 2006 in Berlin in einem Zirkuszelt gesehen, nun ja. Meine (11 Jahre ältere) Schwester schwärmte immer von einem Fugazi-Konzert Anfang der 90er in der TU Mensa Berlin. Lustig, dass ich durchs Trust Jahre später die Veranstalter kennenlernte. Als denn, One two three repeater. Sieve-Fisted Find. Turnover. Man möchte diese Songs jeder verkackten Indie money making Band in ihre Scheitelfressen tätowieren. Aber dafür ist diese Musik zu groß.

Fugazi – s/t EP. Zusammen mit der „Repeater“ sollte diese Scheibe schnellst-möglich in die Voyagersonde gebracht werden, ihr wisst schon, die Voyagersonde ist diejenige von Menschen ins Weltall geschossene, die am entferntesten ins Universum vorgedrungen ist. An Bord befinden sich alle menschlichen Kultur- und Zivilisations-güter und falls die Sonde von Außerirdischen geöffnet wird, ertönt Musik. Klassische Musik und Chuck Berry. Es sollte „Waiting Room“ kommen. Oder „Bad mouth“. Der Groove von Chuck Berry ist jedenfalls da. Und wer hätte, so sagte es Armin Xmist mal in Büssers „If the kids are united..“-Buch, je gedacht, dass aus Minor Threat so eine Band wie Fugazi entstehen wird? Wir sind alle schuldig oder, im Sinne von „Wer hat nicht in seiner Dorfdisco zu „Waiting Room“ getanzt?“ Vor einigen Jahren schrieb ich total betrunken eine hoch peinliche Email an Dischord/Ian, Motto „Bad mouth, der Text, nach 15 Jahren endlich verstanden, passt voll gerade auf meine Situation, weil ….“

Am nächsten Morgen las ich das in meinem E-Mail -Fach nach, Gott, hab ich mich geschämt, was für ein Stuss doch rauskommt, wenn man 6 Bier und 1 Flasche Rotwein abpumpt und dann Fugazi auflegt. Drei Wochen später kam eine sehr freundliche Mail von Ian, paar Sätze Motto „Danke und so“. Scheisse, macht dieser Typ keine Fehler??? Unvergessen diesbezüglich auch die Geschichte, nachdem Reiner Gott vom seligen Out of Step Fanzine mal die Problematik der Peinlichkeit beschrieb, mit diesem Fanzine Namen ein Ian MacKaye Interview in Köln zu machen. Das mein Name mal in einem Vorwörter-Zusammenhang mit Ian stehen würde, hätte ich auch nie jemals gehofft zu denken, aber so war‘s bei Dolfs Kolumnenbuch. Hammer.

Alleine diese subjektive Auswahl zeigt hoffentlich: Wer Dischord nur mit Straight Edge in Verbindung bringt, der verpasst einiges an toller Musik. Es gibt ein Leben nach Minor Threat (deren Nennung mir jetzt einfach zu billig erschien, genauso wie die von Rites of Spring, gleichwohl natürlich: EY! Mehr geiler geht’s ja nicht!). Hier noch kleine Ergänzung, vor einiger Zeit ist eine wunderschön aufgemachte leckere Doppel-Vinyl-Singel einer Ami-Band um Mitglieder der old school Metaller Nunslaughter erschienen. Nicht nur der Name (und das Logo) der Band – Satantic Threat – erinnert an die guten alten Edger, sondern auch die lustigen Songtitel, die sich alle mit Atheismus in einer, äh, primitiven, aber witzigen Art beschäftigen, Songtitel wie „Guilty Of Hating Christ“, „Small God, Big Cross“, „Satanic Threat“ oder „Don’t Follow Him“ sind jedoch keine reinen Coverversionen (ok, hier und da mal kleine Chöre), sondern eigenständige thrashige Hardcore Perlen und eindeutig eine schöne Hommage aus einer anti-religiösen Haltung. Very nice.

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Meine Dischord Top 5 von Dietmar Stork

Fugazi – ’13 Songs‘ & ‚Repeater‘. Dazu muss man wahrscheinlich nicht viel sagen. Da ich beide Platten innerhalb sehr kurzer Zeit für mich entdeckte, möchte ich ’13 Songs‘ und ‚Repeater‘ gleichrangig nennen. Fakt ist, dass Fugazi vor 20 Jahren einen Offenbarung für mich waren wie nur wenige andere Platten. ‚Infected‘ von The The, At The Drive-Ins ‚In/Casino/Out‘ und ‚Symphony of Sickness‘ von Carcass stehen auf der gleichen Stufe.

Three – ‚Dark Days Coming‘. Habe ich neulich zum zweiten Mal auf Vinyl gekauft – ganz einfach, weil die Platte nun – sehr ordentlich, was nicht oft passiert! – neu gemastert ist und mit einem Download-Code kommt, mit dem man einige Bonustracks bei Dischord herunterladen kann. „Sometimes I feel Iike living with a stranger / walking by myself“, ist eine Textzeile, die ich heute noch genauso liebe wie vor 20 Jahren, als ich die Platte erstmals kaufte. (An dieser Stelle hätte ich übrigens genauso gut Gray Matter aufzählen können)

Shudder To Think – ‚Ten Spot‘. Die dritte Platte aus meinem 89/90-Trio. Ich habe Shudder To Think zu Beginn nicht verstanden – die Stimme war ungewöhnlich, die Texte ebenso. Aber die Platte hat von Anfang an eine besondere Faszination ausgestrahlt, eben weil sie so anders war. Ich war dann sehr froh, als ich die Band zwei Jahren später live sah (lustigerweise in Essen mit Yuppicide, wenn ich mich richtig erinnere). Das letzte Album, ‚50,000 BC‘, ist übrigens meiner Meinung nach schmählich unterbewertet.

Q And Not U – ‚No Kill No Beep Beep‘. In den späten Neunzigern hatte Dischord eine etwas schwächere Phase, die mit dem Jahrtausend-Wechsel gleich mit einer ganzen Reihe großartiger Bands beendet wurde. Sowohl El Guapo als auch Black Eyes und Q And Not U klangen aufregend und machten Dischord damals wieder zu einem der spannendsten Labels jener Zeit. (Ich war auch sehr stolz, alle drei Bands veranstaltet zu haben). Die vielleicht beste Platte aus jener Zeit ist auch die erste: ‚No Kill No Beep Beep‘. Plötzlich war Postpunk tanzbar und überaus melodisch. Schade, dass sich die Gruppe so schnell auflöste.

United Mutation – ‚Fugitive Family‘. Eigentlich nur eine Halbveröffentlichung, die 1983 gemeinsam mit DSI Records veröffentlicht wurde. Ich habe United Mutation schon lange nicht mehr gehört, aber als ich mich für Bands wie Heresy, Septic Death und Thrash/Death zu interessieren begann, war diese EP gern gesehener Gast auf meinem Plattenteller.

(Diese Platten/Bands hätten hier eigentlich noch hingehört: Make-up, wobei mein Favorit ‚Save Yourself nicht auf Dischord erschienen ist, Beefeater, Nation Of Ulysses und Dag Nasty – aber dann müsste ich auch noch so viele andere nennen….)

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„After 30 Years, Dischord’s Sparks Still Igniting Possibility”
Gastbeitrag von Mark Andersen

Mark Andersen gründete 1985 die Positive Force DC Abteilung (die Ursprungszelle war ja Reno, Nevada, von den 7 Seconds) und schrieb zusammen mit Mark Jenkins das absolute Buch über die Punk-HC-Szene von Washington DC, „Dance of Days“. Mitte der 90er erschienen, ist da alles drin, von den Anfängen Mitte der 70er Jahre, bis hin zu den Anfängen der Rrrriot-Grrrl Bewegung Mitte der 90er. Zusammen mit dem Photobuch „Banned in DC“ von Cynthia Connolly das essentielle Buch für alle an DC / Dischord interessierten. Infos hier: danceofdays.com. (Jan Röhlk)

„To live outside the law/you must be honest…” (Bob Dylan). Als ich im Sommer 1984 nach DC zog, war ich schon seit knapp 10 Jahren ein begieriger Student bzw. leidenschaftlicher Aktivist in Punk. Aber als ich die Dischord-Gemeinschaft traf, wurde mir bewiesen, dass ich noch verdammt viel zu lernen hatte. Sie schulten mich von Anfang an in der Kunst des Möglichen und zeigten mir die Macht einer beharrlichen Vision. Aus meiner Sicht gestalteten die Bands und Menschen um Dischord herum aus Punk einen lebendigen und atmenden Spirit, sie waren ein Ansporn zu einem tieferen Bekenntnis, zu einer profunderen Vision, ein Wille, Stellung zu beziehen, alles zu riskieren, immer und immer wieder. 30 Jahre später sind sie immer noch ein Inspiration. Nachfolgend einige Ideen, die ich mit Dischord assoziiere, aus der Perspektive eines unterstützenden Beobachters und Bündnispartners, aber nicht als jemand Autorisierter, der hier offiziell seine Stimme erhebt. Das sind Funken, die wieder das vor Jahren entzündete Feuer neu entfachen und mir immer noch helfen, das Feuer am brennen zu erhalten, jetzt, tief im 21. Jahrhundert drin.

Stay Local: Eine zentrale Idee schon früh am Anfang von Dischord war, dass sie nur mit Bands aus der DC-Gegend arbeiteten. Sie blieben dabei, auch dann, als es viele Möglichkeiten und hier und da auch Druck gab, es anders zu machen. Dieses bescheidene, aber beharrliche Bekenntnis zu einer lokalen Vision hat Dischord geholfen, den Fokus auf Musik beizubehalten und sich nicht in dem tödlichen Hirngespinst von kommerziellem Erfolg zu verlieren. Ehrlich jetzt, es ist auch wichtig, zu bemerken, dass bei Dischord niemand sagte, das jemand es so wie sie machen muss: Sie bekannten sich nur dazu, es für sie selber so zu machen, wie sie dachten, was richtig für sie in ihrem eigenen Kontext war.
Build Community: Dischord wurde mal als „elitär” kritisiert, da sie nur Platten ihrer Freunde herausbringen. Ich dachte immer, das ist total zusammenhangslos, weil das Label nie mit falschen Karten spielte: Sie wollten nie etwas für alle sein, siehe auch den Punkt vorher. Von Anfang an gab Dischord anderen Labels Starthilfe und teilte ihr Wissen und Geschick. Als das Label dann ziemlich unerwartet „erfolgreich” in kommerzieller Hinsicht wurde (wegen der Popularität von Bands wie Minor Threat, Dag Nasty und, natürlich, Fugazi), benutzten sie diese Ressourcen, Strukturen wie Dischord Direct aufzubauen, um damit anderen Bands und Labels zu helfen. Gemeinschaft, kein Kommerz, das war immer die Priorität. Und für mich erscheint so, dass es immer noch so ist.

Do It Yourself: Offensichtlich hat Dischord die DIY-Idee von Anfang an mit Leben gefüllt. Sie ermutigen sich und führten das auch kontinuierlich weiter, einmal subtil und dann auch ziemlich sichtbar. Zum Beispiel wurde neuen Bands geraten, ihr erstes Material auf ihrem eigenem Label herauszubringen und Dischord würde ihnen dabei helfen. Nur nach dieser ausschlaggebenden ersten Erfahrung tendierte Dischord dazu, darüber nachzudenken, eine ganze Platte mit der Band zu machen. Hätten sie es anders gemacht, dann hätten sie riskiert, das man sie als ununterscheidbar zu anderen großen indie- oder Majorlabels angesehen hätte, die es nur gibt, damit es nicht mehr notwendig wird für die Band, es selber zu machen. Damit soll nicht gesagt sein, dass dieser Ansatz, in Richtung Spezialisierung und Arbeitsteilung zu gehen, „schlecht” ist. Aber wenn er sich selbstverständigt (und Geldgründe werden beinahe unausweichlich dazu führen), dann ist dieser Gedanke gefährlich für die Gesundheit einer DIY-Szene, die Gründe sind ja klar.

Expand Possibility: Eine Plattenfirma, die ohne Verträge arbeitet? Das erschien mir zunächst verrückt, aber es stellte sich heraus, dass es mehr bedeutet, mehr als ich jemals in Wörtern ausdrücken könnte. In der Essenz ging es darum, auszuwählen, mit wem du arbeitest und eine Welt zu erschaffen, die die juristischen Zwangsneurosen in eine Realität von „Dein Wort ist deine Verpflichtung” transzendiert. “Revolution by example”, wie Ian es mir einmal sagte, nicht RocknRoll als solchen zerstören, aber diesen sleazy Abstieg in ein reines Geschäftsunternehmen irrelevant zu machen, indem man eine Alternative erschafft, die andere Menschen je nach Lust einbeziehen kann.

Music First: Ian war sich lange darüber klar, das er Dischord nicht für die Ewigkeit sieht. Nur, solange es einen lebendigen DC Untergrund gibt, den man dokumentieren kann. Die Idee, dass die Existenz von wertvoller einheimischer Musik das Label antreibt, nicht das Streben nach kommerziellen Möglichkeiten, erlaubt es dem Label – und die Szene, die sich von der selben Ethik einbezogen fühlt – zu atmen und nicht in kommerziellen Zwängen gefangen zu sein, die dazu führen, dass man sich zwanghaft in erster Linie an ein zahlendes Publikum richten muss und nicht künstlerische Möglichkeiten und Wachstum zählen. Es bleibt festzuhalten: es gibt wirklich keinen Dischord Sound, es gibt eine Ethik.

Attraction, Not Promotion: Dischord entschied sich früh dafür, dass der Hype und Image, die ja Hauptbestandteil der Musikindustrie, ihr Brot und Butter, darstellt, nicht etwas für sie ist. Die Musik sollte für sich selber sprechen und Dischord’s Aufgabe ist, diese erhältlich zu machen, nicht jemand die Kehle runterzupressen, sie zu überzeugen, dass es wichtig ist, diese zu kaufen. Im Verlauf wurde natürlich die “No bullshit”-Reputation des Labels für einige zum Kaufargument, zu einem “selling point”. Aber das war Zufall und das Resultat von dem Bekenntnis zu einer Vision, nicht aus einem kommerziell kalkuliertem Design heraus.

Music is Currency, But not Product: All das bislang geschriebene lässt vermuten, das Dischord Musik ernst nahm, nicht nur als Kunstform, sondern darüber hinaus, als eine der mächtigsten und klangvollsten Formen der Kommunikation der Menschheitsgeschichte, die noch vor der Sprache kam. Deshalb kann Musik die Herzen und die Gehirne berühren und erreichen, wie eine Art Zauberei. Wenn man ignoriert, welche Rolle Musik dabei spielen kann, das Bewusstsein zu transformieren und sogar das tief vergrabene Potential der Menschheit herauskitzeln kann, das wäre echt völlig das Thema verfehlt.

Aber es einfach als kaufbares, besitz- und konsumierbares Merchandise zu betrachten, das ist noch viel schlimmer. Es kommt für die Menschheit entschieden darauf an, dass der Kapitalismus abtritt und mit ihm die hässliche Welt, die das Ökosystem zerstört und Illusionen erschafft.

Musik kann dazu ein Schlüssel sein, nicht nur unsere Herzen aufzuschließen, sondern auch eine völlig neue Welt an Möglichkeiten und so unsere Gedanken zu erleichtern, Menschen zu motivieren, sich zu erheben, sich zusammen zu schließen. Musik kann helfen, Trägheit abzuschütteln und unsere Kraft und Ziele zu Tage zu fördern. Sie kann ein Funke sein, um die Dunkelheit zu verbannen, unsere Träume in Gang zu setzen, so dass wir sie realisieren, sie verwirklichen und Bewegung schaffen.

Mit anderen Wörtern, Musik ist dazu gemacht, in den Umlauf zu kommen, als ein Weg, Menschen zu verbinden, den Austausch von Ideen zu fördern, das Wachstum von Verbindungen, die Veränderung sowohl von persönlichem als auch Politischem – aber Musik ist niemals eine einfache Ware.

Thanks to Dischord for helping remind me of this saving truth for more than 30 years, over and over and over again… with word, beat, voice, and melody, yes, but most of all, by the simple, humble, invincible power of example.”

 

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