März 12th, 2018

16 (#108, 10-2004)

Posted in interview by Jan

16 – das war, als ich die Band 1994 oder 95 zum ersten Mal hörte, die dreckigere Variante von Bands wie Helmet. Wo letztere bei dem Versuch, kommerziellen Erfolg zu haben, immer langweiliger wurden, hatten die Kalifornier genau die richtige Mischung aus harten, präzisen Riffs und einer wohltuenden Dosis Krach. Das war für jemanden, der damals Bands wie Fudge Tunnel oder all diese Ampethamine-Reptile-Sachen mochte, perfekt.

Aber schon damals hatten 16 etwas Tragisches an sich. Ich weiss nicht, wie oft Bekannte, die Kontakt zu der Band hatten, erzählten, dass die Gruppe bald auf Europa-Tour kommen würde. Oder dass ein neues Album erscheinen sollte. Und so weiter. Es passierte fast nichts. 1998 erschien ein Album, danach war von der Band nur noch sporadisch zu hören. Bis jetzt endlich vor ein paar Monaten „Zoloft Smile“ erschienen ist. Ein tolles Album mit all den Zutaten, die die Musik schon früher ausmachten. Ob die Band nun mehr Erfolg hat? Ich wage es zu bezweifeln, aber es lohnt sich, die neue CD mal anzuhšren.

Die Fragen beantwortete Phil Vera, langjähriger Gitarrist und jetzt auch Sänger der Band. Aber dazu später mehr.

Ich muss sagen, dass ich ziemlich überrascht war, als ich plötzlich eine neue CD von euch bekommen habe. Ich hab nicht gedacht, dass ich jemals wieder von euch hören würde.

Das kann ich mir vorstellen.

Ich glaube, die letzte CD von euch, die ich gekauft habe, war diese EP „Fortune & Flames“, und das ist nun auch schon drei Jahre her.

Wir haben damals des öfteren Sachen aufgenommen, und das war eine dieser Sessions. Wie viele Lieder waren das noch gleich? Vier, oder…

…Ja, vier…

Wir hatten damals aber niemanden, der Interesse an unserer Band hatte. Keiner wollte die Lieder veröffentlichen. Also machten wir das selber über mp3.com. Dann meldete sich jemand von der Ostküste, der eine Split mit uns und Today Is The Day machen wollte. Das waren nochmal drei Lieder. Und das führte dann wiederum direkt zur „Zoloft Smile“ CD, die wir schon seit einer ganzen Weile veršffentlichen wollten.

Ich hab nie verstanden, warum ihr solche Probleme hattet, ein Label zu finden.

Wir haben ja anfangs mit Pessimiser und Theologian gearbeitet. Das lief sehr gut für uns. Sie waren unsere Freunde und mochten, was wir machten, und wir mochten ihre Sachen. Aber so circa 1999 hatten wir Probleme mit unserem Schlagzeuger, und genau zu diesem Zeitpunkt hörten Pessimiser auch auf, Platten zu veršffentlichen. Da landeten wir in einem ziemlichen Loch.

Ich glaube, wir haben uns zu sehr darauf verlassen, dass bestimmte Dinge einfach klappen würden. Ich hab bestimmt ein Jahr lang mit verschiedenen Labels geredet – es ging immer hin und her, aber dabei kam nie was heraus. Irgendwann hab ich zuerst ein Label in Japan gefunden, dann eines hier in den USA und schliesslich Bastardized Records in Deutschland. Da waren wir auch schon an dem Punkt, dass wir die Platte einfach nur noch veröffentlicht sehen wollten.

Wie alt ist das Album denn jetzt? Wann habt ihr die Songs aufgenommen?

Drei Jahre, mindestens. Ich glaube, die letzten Sessions sind aus dem Jahr 2001.

Auf den Aufnahmen seid ihr ein Trio. Ihr müsst ja unterwegs noch mehr Leute verloren haben…

Der Letzte, der uns verlassen hat, war unser Sänger Chris, kurz vor der Album-Veröffentlichung. Das war genau zwei Wochen, bevor wir auf eine sehr gute Tour mit Bands wie Bongzilla hätten gehen sollen. Au§erdem waren Shows mit Converge und so geplant. Aber Chris musste in Rehab, er war total fertig. Ich hab mit den anderen geredet, und wir entschieden uns, die Tour trotzdem zu machen. Es lief trotzdem sehr gut.

Wer ist denn jetzt in der Band?

Ich singe und spiele Gitarre. Mark Sanger, der auch schon auf dem Album gespielt hat, ist der Drummer. Und dann haben wir einen neuen Bassisten, Raphael Martinez. Unser langjähriger Gitarrist Bob ist nach San Diego gezogen, er spielt in einer Band namens Maxmillion. Und Tony, der auf der Platte Bass spielt, ist jetzt in einer Band namens Cutthroat 9, wo auch Unsane-Leute mitmachen.

Laufen die Dinge denn nun für euch?

Mein Ziel war von Anfang an, diese Platte zu veröffentlichen. Es ist ganz normal, dass Leute aussteigen und ersetzt werden. Aber als Band wollten wir, dass dieses Album erscheint, was ja auch passiert ist. Wir haben in den USA getourt und in Japan. Vielleicht schaffen wir es auch mal nach Europa, was bisher nie geklappt hat.

Und ich nehme an, dass ihr schon ein neues Album geplant habt, so alt wie diese Lieder sind.

Es gibt ein paar neue Songfragmente, aber weil wir so viel auf Tour waren, haben wir vor allem die alten Lieder gespielt und einige Ideen gesammelt. Es gibt noch keine wirklichen neuen Songs. Das müssen wir wohl diesen Sommer machen. Wir müssen natürlich sehen, was mit all den Labels passiert. Die Platte war so eine Art „one-off-thing“, aber ich hoffe, dass wir eine stabile Verbindung zu ihnen aufbauen können.

Ich kenne euch nun schon seit 8 oder 10 Jahren. Diese Mischung aus Helmet-Riffs und Sludgecore hat mich ziemlich fasziniert. Die Musik hat sich ja nie sehr geändert.

Wir sind eben mit bestimmter Musik aufgewachsen, vor allem mit diesen Bands Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger: Helmet, die du ja schon erwähnt hast, Unsane oder auch Fudge Tunnel und die Melvins. In den vergangenen Jahren haben wir während der Touren viele dieser jungen, schnellen Metalcore-Bands gesehen. Das ist offensichtlich, was diese jüngere Generation beeinflusst. Und ich denke, dass solche Einflüsse einem erhalten bleiben.

Seht ihr euch denn als eine „alte Band“? Immerhin sind eure ältesten Lieder von 1991. Oder seid ihr eine jüngere Bands, weil jüngere Musikfans noch nie etwas von euch gehört haben? Immerhin ist das letzte Album sechs Jahre alt.

Das ist schon ganz interessant zu sehen, wenn wir auf Tour sind: Da kommen Leute, die schon ewig Fans sind, aber noch nie bei einem Konzert von uns waren, oder Jüngere, die uns überhaupt nicht kannten, dann aber CDs kaufen.

Es kšnnte ja auch sein, dass dieser Stil langsam wieder zurückkehrt. Alex Newport von Fudge Tunnel hatte eine grossartige neue Band namens Theory Of Ruin, Helmet reden darüber, ein neues Album zu machen.

Schau dir doch diese Death-Metal-Bands an. Da war es eine zeitlang gang und gebe, so viele Riffs wie möglich in einem Song unterzubekommen. Und dann drehten Bands um und vereinfachten Lieder, machten sie catchier. So etwas passiert einfach. Insofern magst du Recht haben. Ich denke, jüngere Musikhšrer suchen immer etwas Neues, was auch bedeuten kann, dass sie dahin zurückkehren, was ein paar Jahre früher passiert ist.

Was für einen Job hast du eigentlich?

Ich arbeite für eine Filmproduktion als Produktionsassistent.

Hast du je darüber nachgedacht, dass die Musik für dich in den Hintergrund rutscht?

Klar. Als ich jünger war, hab ich viel mehr Chancen ergriffen. Ich wollte ganz einfach alles ausprobieren, was sich anbot. Jetzt denke ich natürlich eher über die Sicherheit meines Jobs nach. Aber wenn sich jetzt eine richtige Chance ergeben sollte, werden wir sie auf alle Fälle ergreifen.

Habt ihr jemals daran gedacht, dass ihr mit dieser Musik erfolgreich sein kšnntet?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich habe diese Musik immer geliebt, egal in welcher Band ich gespielt habe. Ich bin ja auch jetzt noch in mehreren Bands aktiv. Aber das war immer ein Hobby, mehr nicht. Natürlich gab es im Hinterkopf diesen Gedanken, dass Helmet erfolgreich waren. Aber dafür muss man wohl die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt haben.

Ich möchte gerne über die Texte reden. Der Mensch, der „Zoloft Smile“ damals für das Trust rezensiert hat, schrieb, dass er die Musik gut findet. Aber die Texte seien über die üblichen depressiven Dinge. Also: Schreibt ihr solche Texte, weil ihr das so empfindet oder weil ihr glaubt, dass das zur Musik passt?

Ich habe auf „Zoloft Smile“ vielleicht anderthalb Texte geschrieben. Der erste Text „Damone“ ist von mir, und der ist anders. Da geht es eher um Filmcharaktere. Chris hat die meisten Texte geschrieben, und ich glaube, dass er wegen dieser Dinge in Rehab ist. Wenn man das so sagen möchte… Er hatte einen ziemlich extremen Zusammenbruch damals. Ich hab vor kurzem mal wieder mit ihm geredet, da ging es ihm viel besser. Aber die Texte reflektieren auf alle Fälle seine Gefühle. Ich glaube, dass er einfach eine Grenze überschritten hat.

Was ist denn mit ihm passiert?

Er hatte ziemlich schwere Depressionen und nahm ein Antidepressiva. Er hat wohl ziemlich schwere Zeiten durchgemacht, er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Dann kündigte er seinen Job, blieb Zuhause, trank zu viel und nahm sehr viele Tabletten. Er kam zu den Bandproben und war vollkommen fertig, vergass Dinge, wusste nicht mehr, was er tat. Dann haben wir uns hingesetzt und mit ihm geredet. Irgendwann hat er es eingesehen und ist selber für drei Monate in eine Klinik gegangen. Mittlerweile ist er wieder draussen und seitdem clean. Er versucht, die Dinge wieder auf die Reihe zu bekommen.

Wird er denn irgendwann in die Band zurückkehren?

Ich glaube nicht. Ich denke, dass Touren und solche Sachen nichts sind für jemanden, der seine Depressionen, Drogen und Alkohol zu überwinden versucht. Das ist nicht sehr hilfreich.

Interview: Dietmar Stork

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