Mai 2nd, 2019

PLATTENLADENSPECIAL (#138, 2009 )

Posted in interview by Jan

Record Stores Are Pretentious Assholes

Plattenladenspecial mit…
Fischkopp Records, Perkoro Records, Drastic World, Lucky Star Records, Sick Wreckods, Bis aufs Messer, Underdog Records

Vielleicht gibt es in 20 Jahren gar keine Plattenläden mehr und solche Interviews werden dann mit Besitzern von online-Tauschportalen geführt? Das weiß ich nicht. Was ich weiss ist, dass jeder, der Musik hört, schon mal in einem Plattenladen war. Oder? Auf jeden Fall kennen wir alle die Stereotypen-Filme zum Thema, „High Fidelity“, wissen natürlich genau Bescheid, dass man selber viel geiler wäre als Plattenladenbesitzer und so-wie-so: Ey, früher, da gab´s noch geile Läden!!! Ich war da mal in Long Beach 1992 in einem Laden… usw.

Aber fernab davon: wie ist das jetzt eigentlich, in einem Punkplattenladen zu arbeiten? Geht das überhaupt heute noch angesichts der Download-Generation? Ist das wirklich ein Traumjob? Wie wird man das? Und kann man davon leben? Will man davon leben?

Fest steht doch wohl, dass Plattenläden eine der zentralen Szene-Infrakstrukturen-Einrichtungen sind. Ohne Plattenläden (zumindest war es früher so) hatte eine lokale Szene einen wichtigen Treffpunkt weniger. Plattenläden waren oder sind immer mehr als reine Kaufhäuser. Flyer und Konzertplakate hängen aus, Bandmusiker werden per Aushang gesucht, Kontakte entstehen beim Plausch über das neue Black Flag Bootleg und sowieso, hasse schon gehört, Faith no more spielen wieder und ach du scheisse, die neue Intro wieder, warum liegt die eigentlich bei euch aus… Oder sind das alles Berichte, die sich für einen heute 18 jährigen anhören, wie wenn Opa vom Krieg erzählt? „Junge, im Militär, nech, da war noch echte Kameradschaft, Unity!!!?“

Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben muss, dass mich das Internet ausgehfauler gemacht hat – und das ist noch untertrieben! In der Stadt, in der ich lebe – Frankfurt am Main – gibt’s mindestens zwei geile Läden (beide, Lucky Star Records und Sick Wreckords, werden hier interviewt): Bin ich oft da? Na gut, zum saufen bei Joachims Donnerstagsrunde, ja, aber wie oft war ich bei Sick Wreckords in meinen drei Jahren Frankfurt? Drei Mal? Alta, drei Mal. Als 1997 der Underdog Laden in Köln aufmachte, war ich als Leverkusener drei Mal im Monat da, Minimum! Oder so. Man musste in die Läden gehen, um mitzubekommen, wer wo spielt, da lagen die Flyer aus. Da konnte man sich die Fanzines auch direkt kaufen. Heute steht der ganze Scheiss im Internet, heute bestell ich regelmässig bei X-mist was, wenn ich nicht bei amazon (Oh Gott) bestelle.

Plattenläden sterben aus? Kann sein. Es wäre sehr schade!!! Band macht Musik – Vertrieb verkauft die an die Läden, dort warten wir. Die Kunden. Die Könige. Die Endverbraucher. Unterstützt die Läden. Ohne die hätten wir doch nix gehabt, früher!

Na, jetzt ist auch wirklich mal gut. Zum Special selber: die Auswahl erfolgte rein subjektiv und ein wenig mit dem Versuch, bundesweit ein Überblick zu geben. Ja ja, der „Osten“ fehlt, wird ein anderes Mal eventuell nachgeholt, sorry for that!!! Ansonsten sind mit Berlin (Bis aufs Messer Records), Hamburg (Fischkopp Records), Bielefeld (Perkoro Records), Köln (Underdog Records), Frankfurt am Main (Lucky Star Records und Sick Wreckords) und Stuttgart (Drastic World Store) doch schon recht große Gebiete abgedeckt. Die Läden selber sind auch nicht alles die gleichen – zwischen reinen DIY non-profit-Projekten und normalen Läden, zwischen Straight-Edge-HC, Grindgekloppe, Skate-Core und Garagen-Psych-Punk, zwischen Youth of Today und 13 Floor Elevators, zwischen 31 Jahre und 45 Jahre… Wenn mal ne Antwort auf ne Frage oder persönliche Fragen / Antworten fehlt, dann ist das alles so geplant gewesen. Die Reihenfolge der Antwortenblöcke und bei den persönlichen Fragen ist gleich.

Hi liebe Leute von Fischkopp Records (Hamburg), Perkoro Records (Bielefeld), Drastic World (Stuttgart), Lucky Star Records (Frankfurt am Main), Bis aufs Messer (Berlin), Underdog Records (Köln) und Sick Wreckords (Frankfurt am Main)…schön, dass ihr Bock auf das Plattenladenspecial habt. Weihnachtsgeschäft gut überstanden?

XMESSERX (im folgenden sind XMESSERX – Robert und XmesserIIX – Klose, bis aufs Messer): Ich weiß gar nicht, ob es ein direktes Weihnachtsgeschäft für uns gibt?! Aber wir haben diesen Zeitraum mit Kaffee und Kuchen gut überstanden. Es gibt nichts zu beklagen und Touristen sind doch in dieser Hinsicht eine schöne Sache.
Goran (Fischkopp Records): Haha. Wir haben ja sogar die Woche drauf beim Böllerreste wegräumen festgestellt, dass noch nicht mal dafür mehr genügend Geld da ist. Wer kauft dann noch Platten? Wir glauben, es war generell weniger Geld im Umlauf als im Vorjahr. Stichwort: Weltwirtschaftskrise…. bla bla, ich kann’s nicht mehr hören!
Ingo (Sick Wreckords): Weihnachtsgeschäft? Was ist das? Ich mach den Laden jetzt seit 1995 und hab in all den Jahren kein Weihnachtsgeschäft gehabt. Anfänglich gab’s noch so was wie ein Nach-Weihnachtsgeschäft, wo die weihnachtlichen Geldgeschenke in Platten umgesetzt wurden, aber das ist auch schon wieder lange vorbei. Da muss ich mich aber auch nicht wundern, da ich mich als atheistischer Weihnachtshasser strikt weigere, für so ein’ Schund zu werben.

Was war am Anfang bei euch die Motivation, einen Plattenladen aufzumachen? Was ist sie jetzt? Es gibt ja diesen Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt, kommt er dann nicht weiter, wird er Plattenladenleiter, und ist ihm das nicht gelungen, verkauft er Versicherungen“, ha ha, ja gut, eigentlich geht das mit „Sozialarbeiter“ statt „Plattenladenleiter“… was ich meine, sollte es je der Finanzierung des Lebensunterhalts dienen oder war es mehr so „wenn ja, super, wenn nicht, auch egal“?

XMESSERX (bis aufs Messer): Ich (Robert) habe ja mit dem Mailorderkram schon 1996/97 angefangen und von da an ist die Sache in kleinen Schritten gewachsen. Irgendwann kamen dann auch immer mal diese Träume und Gedanken von einem eigenen Plattenladen. Damals war noch die Idee, diesen in Leipzig aufzumachen und die Pläne wurden auch relativ konkret mit einem Kollegen diesen in die Tat umzusetzen, aber er hat dann kurz davor kalte Füße bekommen und wohnt nun wieder in einem Bauwagen im Garten seiner Eltern. Hahaha. Na ja, das habe ich zumindest gehört. Danach ist der Gedanke erst einmal wieder auf Zwischenspeicher geschoben worden, weil ich allein einfach den Mut nicht hatte. Irgendwann haben Klose und ich mal bei ner Cola rumgealbert und von da an ging alles plötzlich total schnell und Pläne wurden in kürzester Zeit in die Tat umgesetzt. Wir haben uns damals halt überlegt, dass es egal ist ob wir jetzt Hartz IV bekommen oder erst in paar Jahren und frei nach dem Motto „wer nichts wagt, der nichts gewinnt“ haben wir aus Träumen eine Realität erschaffen. Die Motivation war damals sehr groß und ist es immer noch, auch wenn manche Dinge natürlich immer mehr mit einer gewissen Ernüchterung gesehen werden.
XmesserIIx (bis aufs Messer): Das mit dem Laden hat sich eigentlich eher zufällig ergeben, ursprünglich wollten wir die beiden Labels und den Mailorder an einem gemeinsamen Ort unterbringen, um zu Hause nicht mehr zwischen Plattenkartons zu leben, dann haben wir diese schönen Räume gefunden, und da die ein Schaufenster hatten, lag das mit dem Laden dann nahe… Es ging alles dann irgendwie Hand in Hand.
Goran (Fischkopp Records): Alles nach dem Wirt hast du dir doch selber ausgedacht, oder?! Also, bis auf einen aus der aktuellen Ladencrew sind alle erst so nach und nach mit eingestiegen bzw. reingerutscht. Aber die Motivation war doch die gleiche: gute Musik zu guten Preisen, Laden als Treffpunkt, Bands unterstützen… zur Finanzierung des Lebensunterhaltes war der Laden von Anfang an nicht gedacht, da sind wir uns alle einig. Hier gibt es auch keinen „Lohn“ für die Arbeit im Laden, alles was reinkommt dient zur Deckung der laufenden Kosten, wie Miete oder Telefon, und natürlich neue Bestellungen.
Ingo (Sick Wreckords): Am Anfang war schon die Intention, mit etwas, das Spaß macht, seine Brötchen (oder Stullen) zu verdienen. Das ging in den 90ern noch einigermaßen, wenn man keine großen Ansprüche hatte. Seit einigen Jahren ist es mehr oder minder ein liebgewonnenes Hobby, das sich selbst (mehr oder minder) trägt, ohne das es viel zum Lebensunterhalt beiträgt (leider), außer dass es hilft, die eigene Plattensammlung zu vergrößern (das ist ja auch schon was).
Matze und Tassilo (Drastic World): Am Anfang dieser Idee „Plattenladen“ stand wie immer bei uns 2 ein Hirnfurz, der sich dann ruck zuck in das entwickelt hat, was es heute ist. Wir wollten so was in der Art schon immer mal machen (Laden / Club), hatten aber nie so den Zugang dazu. Wir würden gerne etwas mehr Zeit investieren, aber da wir beide normale Jobs haben, lässt sich das nicht wirklich realisieren.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Die größte Motivation ist die Musik an sich. Immer neue und alte Songs und Bands zu entdecken, diese anderen gleichgesinnten Nerds und Interessierten nahezubringen und sich auszutauschen. Deswegen sollte unser Plattenladen ein Treffpunkt für Musikinteressierte sein. Deswegen machen wir eine Sendung auf RadioX (UKW 91,8 Mhz und Kabel 99,85 Mhz; jeden 3. Samstag im Monat von 21-23 Uhr). Und deswegen verbringt Günner seine Wochenenden auf diversen Plattenbörsen. Der Laden muss sich selbst finanzieren- und unsere Sammlung. Unseren Lebensunterhalt verdienen wir uns in anderen Jobs.
Markus (Per Koro): Hm, muss ich etwas ausholen. Seit 1995 habe ich offiziell den Mailorder und das Label PER KORO hauptberuflich ausgeübt. Den Wunsch mal einen Plattenladen zu betreiben hatte ich eigentlich schon seit meiner frühsten Jugendzeit gehegt, aber über all die Jahre nicht getraut in die Tat umzusetzen. Es lief halt auch für mich mit dem genannten Label/Mailorder zufrieden stellend, so dass ich mir nicht noch zusätzlich einen Laden ans Bein binden wollte. Hatte auch ehrlich gesagt immer selbst vorbehalte in Bezug auf die Kundenpflege und Kontakt. Im Mailorder und beim Label läuft der Kontakt ja zumeist in schriftlicher Form ab und mensch bestimmt selbst, wann es zur Kommunikation kommt – im Laden hingegen läuft dies ja zwangsweise anders ab und der Zeitpunkt der Kommunikation ist nicht mehr (von mir alleinig) selbst bestimmt. Als alter Griesgram hatte ich schlichtweg bedenken, dass ich mit meiner Art die Leute vergraule. Zu dem Ladenlokal in Bielefeld bin ich dann auch eher zufällig gekommen, da der Vorbesitzer, für den ich eine kurze Zeit tätig war diesen schließen wollte und ich mir dann dachte… “hm, wenn nicht jetzt wann dann“. Das Risiko war also etwas minimiert, da ich ein Laden mit bestehender Laufkundschaft über Nacht übernehmen konnte.
Lars (Underdog): Die Idee kam 1997 nach einem Konzert im Juze Immenhausen (bei Kassel). Ich war dort Teil einer Konzertgruppe und wir haben dort von Sick Of It All über NOFX, Yuppicide bis Samiam regelmäßig Punk und Hardcore Konzerte veranstaltet.  Ich war damals 24 und hab mich mehr schlecht als recht mit Konzerten und als Tourbegleiter/Fahrer durchgeschlagen.  Aber mir war zu dem Zeitpunkt klar, dass ich mein Geld auf jeden Fall mit Musik verdienen wollte. Die Jungens von Green Hell Records waren bei jedem Konzert mit Ihrem Plattenstand vertreten und beim obligatorischen Biertrinken nach dem Konzert erzählten mir Burkhard und Frank, dass sie überlegen, neben dem Laden in Münster einen 2. Laden aufzumachen. Da bei mir auch unbedingt eine Veränderung her musste, habe ich vorgeschlagen, gemeinsame Sache zu machen und wir haben uns recht schnell auf Köln geeinigt. Zum einen, weil ich dort diverse Leute kannte und zum anderen weil es dort keinen Laden gab, der ein ordentliches Programm Punk/Hardcore Scheiben im Angebot hat.  Danach ging eigentlich alles recht schnell. Ich bin eine Woche später zu meinem Kumpel Jochen nach Köln gefahren und hab mich nach einem geeigneten Ladenlokal umgeschaut und 2 Monate später habe ich am 3.3.1997 den Underdog Recordstore eröffnet. Begleitend zum Laden mache ich noch das Plattenlabel Defiance Records und bin Konzertveranstalter. Die Motivation war und ist immer noch was eigenes zu schaffen, mein eigener Chef zu sein, mich täglich mit Musik beschäftigen zu können und davon vernünftig leben zu können. Daran hat sich und wird sich hoffentlich nie was ändern. Ich freu mich halt immer noch wie ein kleines Kind, wenn Freitags die Pakete mit den Neuheiten bei uns eintrudeln.

Was kann man bei euch neben Platten, CDs noch kaufen? Ist ja heute extrem wichtig, individuell aufgestellt zu sein im Weltmarkt : ), also gibt’s T-Shirts, Konzerttickets, Skateboards, Bier, kann man bei euch rauchen usw. ? Bei Klamotten geht ja auch viel mehr Geld über den Tisch…

XMESSERX (bis aufs Messer): Also wir haben von Anfang an versucht, über den „Tellerrand“ hinweg zu blicken und eben nicht nur Platten etc. anzubieten, auch wenn da natürlich der Schwerpunkt drauf liegt. Uns war es wichtig, auch andere KuenstlerINNEN mit einzubinden, zu denen wir uns verbunden fühlen oder welche Bestandteil unsere Subkultur sind. Somit haben wir wechselnde Ausstellungen im Laden, Lesungen und ab und an Konzerte. Ebenso bieten wir Bücher, Siebdrucke, DvDs, Unmengen an Kassetten und einen Haufen Nippes an.
XmesserIIX (bis aufs Messer) : Ein weiterer großer Schwerpunkt, von dem was wir tun, sind die Labels. Wobei wir versuchen, neben Platten für die Bands rauszubringen, auch ab und an eine Tour zu buchen oder ne Show zu machen oder eben auch Mal T-Shirts für die zu drucken etc. Was eben alles dabei noch neben bei anfällt.
Goran (Fischkopp Records): Also jetzt aktuell hat sich bei uns geändert, dass wir fast nur noch Tonträger im Programm haben. Unser ehemaliges Ladenmitglied Colt hat sich gerade in unseren alten Räumlichkeiten (wir sind seit Anfang Februar unter der selben Adresse, nur 10 Meter weiter, in einem etwas größeren Raum anzutreffen) selbstständig gemacht. Ab jetzt wird es Shirts, Aufnäher, Nieten und allerlei Trashkram ebenfalls für korrekte Preise dort bei “Colturschock” zu kaufen geben. Wir beschränken uns nun auf das Wesentliche : Musik!
Ingo (Sick Wreckords): Da bin ich ‚wertkonservativ’, bei mir gibt’s Platten (ca. 80%) und auch CDs (ca. 20%) und auch paar Fanzines (das Trust musste ich leider einstellen, da es in FFM keiner kaufte…). Konzerttickets gibt es auch, seit ich an Reservix angeschlossen bin (aber nur die darüber laufenden Locations). Bier gibt’s nur dann, wenn ich mal dazu komme, den Kühlschrank zu füllen, Rauchen im Laden LÄUFT GAR NICHT! Für die Straight Edge-Fraktion: ich hab einen Gratis-Wasserspender!
Matze und Tassilo (Drastic World): LPs und 7″ sind uns wichtig, den Rest betrachten wir als „Füllmaterial“. Ein wenig hiervon, ein wenig davon, CDs, Tapes, Magazine, Skateboards, Second Hand Stuff und Band Merch – eben das, worauf wir Bock und Zugang haben. Klar kann man bei uns rauchen, aber eben vor der Tür, macht ja auch was her, wenn mal Leute vor dem Store stehen, hahaha.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Wir verkaufen LPs – keine CDs; und LPs und LPs. Außerdem bieten wir batteriebetreibare Plattenspieler; T-Shirts, von Freunden designt, Kunst von befreundeten Künstlern, Buttons, Schmuck und Schnickschnack an.
Markus (Per Koro): Auf Grund dessen, dass ich den Laden erst seit relativ kurzer Zeit (Juli 2006) führe und die Waren komplett selbst einbringen musste, liegt das Hauptaugenmerk derzeit nur auf Tonträger (Vinyl, CD, DVD). Ich habe das Ladenlokal ohne große finanzielle Rücklagen übernommen und das Warenprogramm soll halt in Zukunft stetig Weiterwachsen – was seit meiner Übernahme auch glücklicherweise sehr gut funktioniert. Bin da eher der Sicherheitstyp, der nicht größenwahnsinnig 50.000,- € Kredit aufnimmt, um sich die Bude von heut auf morgen komplett Vollzustellen, sondern das Programm soll Step-by-step kontinuierlich anwachsen. Neben Kartenvorverkauf für die örtlichen Veranstaltungen machen wir dann z.B. auch Bestellservice (hauptsächlich Merchandise), was eigentlich recht gut funktioniert und von den Kunden gut angenommen wird. Wie geschrieben; das Programm wächst kontinuierlich an und das langfristige Ziel ist schon auch eine große Auswahl an Merchandise direkt im Laden anzubieten.
Lars (Underdog): Neben Platten und Cd´s gibt es bei und noch Konzertkarten, Musik-DVDs, Shirts, Button, Bücher. Geraucht werden darf nicht.

Deckt sich das musikalische Angebot 100 % mit eurem Geschmack, wahrscheinlich würde man am liebsten nur die Platten und CDs verkaufen, auf die man selber voll abfährt…. Ich könnte mir auch vorstellen, dass man manchmal sehr befriedigt ist nach dem Motto „eine gute Tat getan“, wenn man einem ganz jungen Käufer ne Crass, Fugazi oder Elvis-Platte verkauft, so in die Richtung „Ah, schon wieder eine bürgerliche Laufbahn verhindert“, ha?

XMESSERX (bis aufs Messer): Natürlich sind wir bemüht, nur Sachen zu nehmen, die wir mögen – aber dann würde unser Angebot merklich kleiner werden. Hahaha. Also wir sind bemüht, gezielt auszuwählen und ein gewissen qualitativen Standard zu halten, auch wenn wir jetzt nicht auf jede Platte „total abfahren“. Wenn du zu uns kommst, versuchen wir natürlich, den Leuten einen Tipp zu geben und neue Sachen in die Hand zu drücken, von denen wir denken, das sie gut sind und ihnen gefallen könnten. Und wir versuchen, die Sachen zu besorgen, die Leute suchen usw. Aber wir sehen uns nicht als Samariter des guten Geschmacks oder so etwas und manchen Leuten können wir einfach helfen. Also wenn die Empfehlungen des Fuze Heftes deinen Nerv treffen, bist du wohl falsch bei uns.
XmesserIIx (bis aufs Messer): Ein großer Vorteil für uns ist, glaube ich, dass wir beide sehr unterschiedliche Geschmäcker haben, und dadurch das Ausgangsspektrum schon weit gefächerter war. Klar haben wir Dinge, die uns beiden viel bedeuten, und da liegen auch unsere Schwerpunkte, aber zusätzlich hat jeder von uns so seine speziellen Gebiete die er versucht abzudecken, so lernen wir beide immer neue Sachen kennen und lieben, und eröffnen auch unserem „Publikum“ oft ganz neue Welten.
Goran (Fischkopp Records): Nein, tut es leider nicht! Bei acht Leuten in der Crew geht das auch nicht. Was einerseits persönlich nerven kann, aber natürlich auch eine Bereicherung für den Laden ist. So kann man eine gewisse Vielfalt wahren, da der eine sich zwar mit 80iger ami Hardcore gut auskennt, aber von Grindcore keine Ahnung hat, und umgekehrt. … Natürlich bleibt einem das eine oder andere mal ein schmunzeln nicht erspart, wenn der letzte Rotz aus alten Ladenbeständen über’n Tresen geht, hehe.
Ingo (Sick Wreckords): Das musikalische Angebot deckt sich nicht zu 100% mit meinem Musikgeschmack, ich will niemanden missionieren. Natürlich freu ich mich, wenn sich jemand Platten kauft, die ich auch mag, aber ich gestehe jedem seinen eigenen Musikgeschmack zu (gibt eh nix subjektiveres als einen Musikgeschmack – auch wenn meiner selbstverständlich der Beste ist, höhö!). Ich texte auch niemanden zu, um ihn zu bestimmten Platten zu ‚leiten’. Bei mir gibt’s Beratung, aber nur für die, die sie auch wollen (Ich hasse es selber, von anderen Händlern zugeblubbert zu werden).
Matze und Tassilo (Drastic World): Wir sind da breit gefächert und legen uns nicht wirklich fest. Super stumpfes Zeugs und Kram, den wir wohl eh nicht verkaufen, kommt klaro nicht ins Programm. Im Second Hand Bereich kann das aber schon mal vorkommen und im bürgerlichen Laufbahnen verhindern sind wir gaaaanz groß.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Zu 90% können wir hinter unserem Angebot stehen. Was nicht gefällt, kommt in die Billig-Kiste.
Markus (Per Koro): NEIN, funktioniert nicht…zumindest nicht in Bielefeld. Bin auch nicht so naiv um dies auf lange Sicht anzustreben. Hier vor Ort sind wir leider gezwungen ein (wie ich es selbst immer umschreibe) „Kraut & Rübenprogramm“ anzubieten. Es gibt hier keine riesige homogene Hardcore, Punk, Garage, Indie oder wasweisich-Szene, mit deren alleiniger Stilrichtung mensch sein Ladenprogramm bestreiten könnte. Spezialisierung auf einen musikalischen Bereich funktioniert halt wohl nur in größeren Metropolen, die auch vom „Punk“-Tourismus profitieren. Liebster Jan, beeinflussen lassen sich die meisten Kids heute ohnehin nicht mehr, da sie vorab schon genau wissen, was sie kaufen wollen. Ich kann denen bestenfalls was (Unbekanntes) empfehlen, was ihrem Geschmack am nahe liegend kommt. Konnte z.B. noch keinen einzigen HATEBREED-höhrer für eine WIPERS Scheibe gewinnen…hahaha…. Sehe dies auch NICHT als mein (Lebens)aufgabe an, dem Kunden meinen Geschmack aufzudrücken. Bin da eher in der beratenden Funktion tätig.
Lars (Underdog): Natürlich verkauft man nicht nur Sachen, die einem gefallen, das fänd ich ehrlich gesagt auch langweilig. Am Anfang war das für mich natürlich sehr wichtig, da ich eingefleischter Hardcore/Punker war, aber heute schau ich schon über den Tellerrand hinaus und habe meinen Musikgeschmack auch ordentlich erweitert.  Wichtig ist für mich, das wir einfach gute Musik jenseits des Mainstreams anbieten, sei es 60s, Ska, HC, Punk, Indie oder gar Classic Rock Sachen.  Befriedigung finde ich darin, unser Programm durchzustöbern und das Gefühl zu haben, gut sortiert zu sein. Das macht einen dann schon ein bißchen stolz. Nach dem Motto, wenn ich keinen eigenen Plattenladen hätte würde ich hier einkaufen gehen.  Natürlich ist es auch immer super, wenn du die Platte verkaufst, die du gerade laut über Boxen hörst.

Wie ist die Situation in eurer Stadt oder im Umland? Seid ihr die einzigen Läden, die Musik neben der Mainstream anbieten oder so in der Form das machen, wie ihr das macht? Falls nicht, sehr ihr die anderen Läden als Konkurrenten oder sind das alles Kumpels usw.?

XMESSERX (bis aufs Messer): Berlin ist schon relativ groß und es gibt tausende Läden, die hier Unwesen treiben. Von manchen haben wir sicher noch nicht einmal gehört und so geht es denen vielleicht auch im Bezug auf uns. Ich denke, wir haben eine ganz gute Nische gefunden und da wir relativ versteckt sind, kommen auch wirklich Leute, die nach uns gesucht haben. Am Anfang gab es schon ein wenig Streit mit den anderen „etablierten“ Hardcore/ Punk Läden – die einfach eine engere und andere Definition der Begriffe haben. Inzwischen hat sich das schon wieder beruhigt, weil ich denke, das eben diese beiden Läden zum grossteil in anderen Gewässern fischen als wir und somit sich eigentlich keiner das Leben wirklich schwer macht. Und irgendwer hat auch mal gesagt, dass die Konkurrenz das Geschäft belebt. Wer weiß.
XmesserIIx (bis aufs Messer): Da der Grossteil unserer Kunden nicht aus Berlin ist, kümmert uns die „Konkurrenz“ hier eigentlich recht wenig. Ich denke, wir sind bei vielen Sachen die wir anbieten, die einzigen in Deutschland, dadurch sehen wir die anderen Läden nicht als Konkurrenz an und umgekehrt die uns auch nicht, einige von den anderen meinen sogar, dass sie seit es uns gibt bessere Umsätze haben… Ob das stimmt, ist ne andere Frage. Es gibt halt den großen Kuchen, den wir uns alle irgendwie teilen müssen.
Goran (Fischkopp Records): Also unseres Wissens sind wir der einzige unkommerzielle Plattenladen in Hamburg und Umgebung. Dann gibt’s da noch einige Leute, die mit ihren Distros ab und zu auf Konzerten auftauchen. Hamburg an sich hat schon einige Plattenläden zu bieten, in die es sich durchaus lohnt, mal einen Blick zu werfen, aber als Konkurrenten würden wir die nicht sehen.Vereinzelt kennt man sich auch untereinander. Bei uns ist, wie gesagt, auch der Laden als Treffpunkt sehr wichtig. Hier kann man auch gemütlich rumhängen, ohne konsumieren zu müssen.
Ingo (Sick Wreckords): Hier in der Stadt gibt’s natürlich noch den ‚Lucky Star’ Laden vom Günner, aber der ist in eurem Special ja auch drin. Der ist ein alter Kumpel, wir haben den Laden bis 2003 gemeinsam betrieben. Alle anderen Läden in FFM sind (aus meiner Sicht) kommerzieller orientiert, oder haben zumindest andere Schwerpunkte. Die anderen Dealer als ‚Kumpels’ zu bezeichnen, wäre ein bisschen übertrieben. Man kennt sich, man verträgt sich (mit dem einen mehr, mit dem anderen weniger). Ich seh’ die anderen nicht als Konkurrenten an, viel mehr als Kollegen – man schickt sich gegenseitig die Kunden, wenn man weiß, wo der Kunde das, was er sucht, bekommen könnte. Ich finde, jeder hat ein Existenzrecht, ein Recht auf ein ‚Stückchen vom Kuchen’. Es ist in der heutigen Zeit schwierig genug, so einen Plattenladen zu machen, da muss man sich nicht seine Schwierigkeiten noch selbst herstellen.
Matze und Tassilo (Drastic World): Im, ich nenn es mal „Underground Bereich“, sind wir wohl in Stuttgart die einzigen, die so was betreiben wie einen Laden. Im Second Hand- und Indie- Bereich gibt‘s noch jeweils einen Großen in Stuttgart, die das aber auch schon sehr sehr lange machen und daran wird sich hoffentlich auch nichts ändern.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Wir sind einzigartig und sehen andere Läden nicht als Konkurrenz. Im Gegenteil!
Markus (Per Koro): Wir stehen eigentlich auf weiter Flur alleinig da. Neben unserem Laden gibt es noch einen einzigen weiteren Laden, der sich aber hauptsächlich auf den Second-Hand Markt beschränkt. Das ist eigentlich ein Witz…da Bielefeld zu den 20 größten Städten in Deutschland gezählt werden kann. Wir haben zudem ein relativ großes Einzugsgebiet mit Herford, Gütersloh, Detmold und auch einige Kunden aus Osnabrück, die regelmäßig vorbeischauen.
Lars (Underdog): Im Punk und Hardcore Bereich sind wir die einzigen in Köln. Im Indie-Sektor gibt es noch 2 weitere Läden. Konkurrenzkampf gibt es nicht, wir sind alle nett zueinander. Ich glaube einfach, je mehr Szeneläden, Clubs etc. es in einer Stadt gibt, umso gesünder und stärker ist die örtliche Szene. Ich wünsche wirklich keinem, dass er sein Geschäft wegen mangelndem Umsatz aufgeben muss.

Stichwort Downloads, Internet… ist jeder, der bei amazon sich ne CD von Dischord Records bestellt, euer Feind? Hat das Internet nur negative Folgen für die Plattenindustrie und somit auch euch, also das die Leute sich den Scheiss im Netz frei herunterladen und nicht mehr in die Läden gehen und kaufen?

XMESSERX (bis aufs Messer): Alle jammern über Downloads, aber ich denke, das diese unsere Nische kaum beeinflussen, sondern im Gegenteil noch unterstützen. Ich meine, zum einen kann ich den Konsumenten verstehen, dass er bei der FLUT an neuen Releases einfach nicht alles kaufen kann/ will und er natürlich die Chance nutzt, Sachen vorher anzuhören, zu testen usw. und zweites besteht unsere „Szene“ auch aus Leuten, die von Sammlern und Nerds dominiert ist. Zumindest ist es bei uns so. Wir verkaufen vielleicht 100 CDs im Jahr und tausende Platten. Der Vinylkäufer will einfach das Endprodukt in der Hand halten und es in sein/ ihr Regal einsortieren. Auch haben wir angefangen, manche unserer eigenen Releases vor der Veröffentlichung online zum kostenlosen Download zu stellen und wir konnten beobachten, dass danach mehr Leute die Platten gekauft haben und ihr Interesse bekundet haben.
XmesserIIX (bis aufs Messer): Ich denke, unsere Szene basiert immer noch auf der Unterstützung für die „Musikschaffenden“, also Bands, Labels…, deshalb kaufen die Leute weiterhin Tonträger, oder, wenn nicht ne Platte, dann ein T-Shirt oder ähnliches. Dazu kommt, dass es immer noch viel gibt, was man nicht downloaden oder bei amazon kaufen kann, das führt sie dann wieder in Läden wie unseren; auch glaube ich, wollen mittlerweile viele Leute diesem download-Trend entgegensteuern und kaufen bewusst wieder tapes, Platten… Auch, weil diese als Identifikationsmittel viel besser geeignet sind als eine Festplatte. Und teilweise sehen wir uns auch als sozialer Anlaufpunkt.
Goran (Fischkopp Records): Also prinzipiell sind Downloads schon okay. Wir selber tun`s auch. Wenn ne Platte es aber verdient hat, gekauft zu werden, sollte man das auch tun. Abgesehen davon kann man sich im Internet ja auch einiges runterladen, was auf Vinyl gar nicht mehr erhältlich ist. Außerdem denken wir, dass das Internet gerade kleineren Bands viel mehr Möglichkeiten bietet, die eigene Musik zu verbreiten, Kontakte zu knüpfen usw. Das Metallica deswegen jetzt die ein oder andere Million weniger verdienen, is uns schnuppe! Wir haben momentan nicht das Gefühl, dass es wegen des Internets weniger Punkplatten gibt. Vielleicht sogar im Gegenteil. Ob das jetzt positiv oder negativ bewertet wird, dass jede drittklassige Kellerkombo aufgrund ihrer myspacekontakte ne Platte raus bringen kann, sei mal jedem selbst überlassen… auf absehbare Zeit ist nicht geplant, den Plattenladen in ein Internetcafe umzubauen! Natürlich lebt das ganze von Liebhabern, die trotz mp3s lieber ne LP mit Cover in den Händen halten und dafür auch bereit sind, ihren Unkostenbeitrag zu leisten. Und wir denken und hoffen, dass diese Spezies auch nicht so schnell aussterben wird.
Ingo (Sick Wreckords): Da hab ich eine ambivalente Haltung zu. Sicher ist klar, dass die ganze Internet-Chose den Läden einen Haufen Umsatz genommen hat. Auf der anderen Seite hat jeder Laden die Möglichkeit, sich übers Internet selbst ein zweites (oder drittes) Standbein aufzubauen. Ich selbst hab meinen gesamten Warenbestand, der im Laden steht, auf einer Internet-Seite (sickwreckords.de) stehen und verschicke alles weltweit. Wenn ich meinen Arsch hochbekommen würde, könnte ich mir selbst einen ebay- oder amazon-shop einrichten – auch wenn ich gewisse Antipathien dagegen nicht verhehlen kann. Für den Sammler-Markt mit raren Platten ist die ganze download-Geschichte auch eine Chance. Ich hab die Erfahrung gemacht, wenn die Leute sich per download rare Platten ANHÖREN können, die sie vorher nicht kannten, ist danach die Hemmschwelle natürlich auch niedriger, sich eine teure Platte zu kaufen, sofern einem das Teil gefällt (das betrifft natürlich nicht die reinen CD-Käufer).
Matze und Tassilo (Drastic World): Wir nutzen das Internet natürlich auch mit allen Möglichkeiten, aber generell ist‘s nur Mittel zum Zweck. Kaufen, verkaufen und Tauschs klar machen ist da ganz weit oben. Downloads usw. treffen uns nicht wirklich, da der Freundeskreis trotz der Downloads bei uns die LP Versionen kauft.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Das Internet ist eine Bereicherung. Da wir nur Vinyl verkaufen, ärgern uns die „Downloader“ nicht.
Markus (Per Koro): Da unser Laden oftmals selbst nur als teures Lager fungiert und wir locker über 50% des Umsatzes Online einfahren ist das Internet, bzw. unser Onlinestore grundsätzlich kein „Fluch“ oder das „Böse“ für uns. Um ehrlich zu sein sehe ich speziell der ganzen (wegen mir illegalen) Download-Geschichte und der Konkurrenz im Internet eigentlich relativ entspannt entgegen, da wir ohnehin mehrgleisig (Laden, Mailorder, Label) fahren. Der Umsatz im Mailorder steigt eigentlich seit einem Jahr kontinuierlich an und auch Labelmässig sind wir jüngst mit unseren Releases (was die Verkäufe anbelangt) mehr als zufrieden. Könnte jetzt wahrscheinlich Seitenweise darüber lamentieren, dass die „illegalen“ Downloads negative Folgen für die Plattenindustrie und teilweise auch für uns als Kleinstunternehmen mit sich bringen; das hilft aber letztlich nicht wirklich aus der Misere. Versuchen da eher unser eigenes Konzept zu fahren. Pauschalisiert…es wird letztlich immer einen physischen (Vinyl, CD, DVD) Tonträgermarkt, Sammler usw. geben, die das Original erwerben möchten…das dieser Markt in Zukunft umkämpfter wird…keine Frage. Aber wie geschrieben sehe ich der Zukunft da nicht mit schrecken entgegen.
Lars (Underdog): Es ist natürlich schon deutlich merkbar, dass durch die Internetpiraterie der Umsatz deutlich zurück geht. Vor allem im CD Bereich merken wir das deutlich. Hauptsache ist, dass die Leute kapierten müssen, dass Musik einen Wert hat, dass Leute dafür täglich arbeiten, genauso wie sie es selber täglich tun. Dann sollte es doch eigentlich jedem klar sein, das Musik nicht umsonst sein kann und darf.  Von daher finde ich, solange jemand Geld für Musik ausgibt ist er auf dem richtigen Weg, egal ob er das bei Amazon, iTunes oder bei uns tut. Es ist halt eine Einstellungssache. Man muss und kann sich ja auch nicht alles kaufen, was wöchentlich auf den Markt geworfen wird, aber wenn du dir eine Platte runterlädst und sie gefällt dir, dann geh gefälligst in den nächsten Laden und kauf sie dir!

Von dem Internet sind ja auch gedruckte Hefte betroffen… falls ja, verkauft ihr Fanzines oder Bücher, (wie stark) gehen die Verkäufe zurück?

XMESSERX (bis aufs Messer): Ich habe das Gefühl, dass es wieder mehr Leute gibt die nach Fanzines fragen und auch Bücher bei uns kaufen. Allerdings verkaufen wir mehr Egofanzines und eben Hefte, die sich mit Nischen beschäftigen – also eben alles wieder eher speziell. Bei uns sind Verkaufsschlager eben Hefte wie das Z GUN, ROCK A ROLLA, WIRE & SKYSCRAPER. Und eben Bücher.
Goran (Fischkopp Records): Drucksachen sind davon wohl stärker betroffen. Es ist eben einfacher, statt einem Fanzine einfach in so einem Internetblog zu schreiben, als sich die Mühe zu machen, das Ganze auch noch zu layouten, kopieren, zusammenzuheften und zu verkaufen, um am Ende dann doch auf den Unkosten sitzenzubleiben, weil es dann doch nicht so interessant ist, wie man gedacht hat. Wahrscheinlich bleiben da auch ein paar gute Sachen auf der Strecke, weil es einfach angenehmer ist, ein Heft zu lesen und dabei gemütlich auf dem Sofa zu liegen, als das ganze am Schreibtisch an einem für die Augen tierisch anstrengenden Bildschirm zu lesen. Außerdem kann man sich einen Internetblog nur sehr schwer mit aufs Klo nehmen! Wir glauben, dass das einer der Gründe ist, dass wir nicht allzu viele Fanzines im Angebot haben, da diese sich doch sehr stark ins weltweite Netz zurückgezogen haben.
Ingo (Sick Wreckords): Die Umsätze für Fanzines und Bücher sind sehr stark zurückgegangen, ich hab schon Hefte aus dem Verkauf genommen und bei anderen die Abnahmezahlen drastisch gesenkt. In Zukunft werde ich wohl weitere Hefte aus dem Programm nehmen müssen…
Matze und Tassilo (Drastic World): Gedruckte Fanzines gibt es auch bei uns zu erwerben, aber generell sind wir nicht so die Lesehöhle! Da sind so Dinge wie Bücher oder Magazine eh nicht so der Renner.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Fanzines haben wir bisher nicht im Angebot; hat sich noch nicht ergeben. Ansonsten verkaufen wir nur Second-Hand Musik-Bücher und Biographien. Hier haben wir keinen Rücklauf bemerkt.
Markus (Per Koro): Der Fanzinemarkt ist neben dem CD-Markt völlig am Einbrechen. Ehrlich gesagt besteht bei unseren Kunden (auch nach gezielter Anfrage unsereins) im Laden kaum Interesse an Fanzines & Magazinen. Selbst bei etablierten, wie dem Ox und dem Plastic Bomb gehen die Stückzahlen bei uns rapide runter. Liegt aber wohl auch hauptsächlich daran, dass eben genannte Teile jahrelang wegen der beiliegenden CD gekauft wurden, für die es heute auf Grund von Myspace und anderen Plattformen, auf denen mensch die Sachen Gratis anhören kann, keine große Notwendigkeit mehr gibt.
Lars (Underdog): Der Verkauf von Fanzines ist dramatisch eingebrochen. Früher haben wir z.B. jeden Monat 20- bis 30-mal das Maximum Rock `n` Roll verkauft. Heute haben wir es noch nicht mal mehr im Programm, weil wir teilweise kein einziges mehr verkauft haben. Ich glaube das sagt eigentlich alles, oder?

Ursprünglich hatte ich noch mehr Läden auf meiner Liste für dieses Special, aber nicht alle haben geantwortet… aber auch da wären es ausschließlich Männer gewesen, die den jeweiligen Laden geführt hätten, was ja auch ein wenig dem Klischee – High Fidelity – entspricht, also der männliche Musikauskenner hinterm Tresen, dem man bloss nicht mit der falschen Aussprache der gerade aktuellen In-Band kommen darf, sonst direkt Ladenverbot… äh ja… glaubt ihr, dass ist Zufall, dass jetzt nur Männer dabei sind, oder „ist das eben so“ bei Punk-HC-Plattenläden?

XMESSERX (bis aufs Messer): Das kann schon sein. Der Grossteil der Kundschaft ist bei uns auch männlich und leider können wir auch beobachten, dass die Freundinnen immer wieder ihre Freunde daran hindern, ihr ganzes schwer verdientes Geld bei uns auszugeben. Klischee hin oder her, vielleicht sind Frauen vernünftiger und geben ihr Geld ausgewählter aus. Keine Ahnung. Wir freuen uns über jede Person, ob männlich oder weiblich, die bei uns fündig wird. THE END.
Goran (Fischkopp Records): Wir glauben, dass unsere Subkultur generell eine Männerdomäne ist. Ds ist natürlich schade, aber woran genau das liegt, wissen wir nicht. Man kann ja nicht generell, wie z.B. in der Politik, eine Frauenquote festlegen. Aber da braucht man sich nur das nächste Punk/Hardcore- Konzert in der eigenen Stadt anschauen, wer steht auf der Bühne, wer springt vor der Bühne rum? Der Anteil an Frauen ist immer (oder meistens) geringer. Zu beobachten ist das natürlich auch hier im Laden. Wir schätzen mal, 90-95% unserer Kunden sind männlich. Aber jeder/jedem das ihre/seine!
Ingo (Sick Wreckords): Ich denke, das hat mit Punk/HC-Läden nix zu tun, das hat auch mit Platten-Läden per se nicht ausschließlich was zu tun. Das hat eher was mit dem Phänomen des Sammelns im Allgemeinen zu tun. Das wird erfahrungsgemäß von deutlich mehr Männern als Frauen betrieben (die Geschichte aus der Fernsehwerbung taugt da als Synonym: mein Haus, mein Auto, meine Briefmarken-, meine Plattensammlung…). Also obliegt die ‚Versorgung’ der sammelnden Männer auch eher denjenigen, die es selbst betreiben, oder sich damit identifizieren können – also auch wieder überwiegend Männer! Was da jetzt die Ursache für ist, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen, möglicherweise hat das was mit archaischem Jäger- und Sammlertum zu tun…? Warum alle möglichen Leute Passagen aus ‚Hi Fidelity’ zitieren, entzieht sich meinem Verständnis. Das Buch halte ich für so was von überbewertet. Eine Story von verkorkstem Beziehungsleben wird nicht dadurch besser, dass man sie im Umfeld von Musikbegeisterten und Plattensammmlern ansiedelt. Die Szene, die du da ansprichst, dürfte – auch für dieses Buch – als krass überspitzt anzusehen sein. Es gibt sicherlich solche Typen, die ihr Fachidiotentum auf solch krasse Weise mit sich herumtragen, dass sie anderen damit derart ‚auf den Sack’ gehen, aber mir geht das ab. Wenn jemand von mir aus meinem Wissensgebiet Informationen haben möchte, bitteschön: dann kriegt er sie, aber auf unaufgeregte Art und Weise. Wenn ich bei anderen mein Wissen erweitern will, mag ich auch keinen erhobenen Zeigefinger entgegen gereckt bekommen (es könnte sonst passieren, dass ich mit einem anderen Finger antworte, you know what I mean…).
Matze und Tassilo (Drastic World): Ist uns wohl generell egal. Bei uns darf vor und hinterm Tresen stehen, wer gerade Bock hat. Diskutiert wird eh immer und die Frau / Mann-Frequenz in unserem Laden ist beinahe 50/50. Ladenverbot gibt‘s bei uns nicht, aber wenn mal einer dumm kommt, kann er gleich wieder die Strasse runter zur Eck Kneipe und sich da ein abgestandenes Bier zur Beruhigung gönnen.
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Es ist doch auch bei der Musik, den Labels und Vertrieben so, dass hier hauptsächlich Männer vertreten sind. Warum sollte es dann in den Läden anders sein??
Markus (Per Koro): Zufall ist dies bestimmt nicht! Warum sollten gerade in dem Bereich (Laden, Mailorder, Label) mehr Frauen aktiv sein, wenn die ganze Hardcore/Punk usw. Szene mehr oder minder von den Männern dominiert wird? Gründe dafür gibt’s bekanntlich ja zuhauf.

Ich denke, ihr könnt aus einem reichhaltigen Fundus von schrägen Erlebnissen mit eurer Kundschaft berichten und natürlich will ich das wissen…. was waren die schönsten, die unangenehmsten und die skurrilsten Erlebnisse mit eurer Kundschaft?

XMESSERX (bis aufs Messer): Natürlich gibt es einen Haufen obskure Erlebnisse und komische Leute, aber mir fallen im Moment keine wirklich krassen Beispiele ein, um diese hier breit zutreten. Im Großen und Ganzen haben wir es gemütlich und respektieren die Eigenheiten unsere Kunden mit eleganter Distanz.
Goran (Fischkopp Records): Oha, da gibt’s natürlich einige Situationen, das fängt an bei Leuten, die total besoffen beim reinhören auf dem Plattenspieler abkacken, oder ehemalige (!) Crewmitglieder, die während ihrer Ladenschicht im Delirium, schlafend vor der Eingangstür aufgefunden werden (Die Zeiten sind, ein Glück, vorbei!). Dann hatten wir mal einen Kanadier im Laden, der sich für 850€ mit Platten eingedeckt hat (so einen bräuchten wir alle 2 Wochen mal!).
Ingo (Sick Wreckords): Skurril war sicherlich die Geschichte mit jenem russischen Kunden, der übers Internet eine ordentliche Menge Platten bestellt hat. Daraufhin hat er mich gebeten, mich an einem Autobahnzubringer mit einem LKW-Fahrer zu treffen, dem ich die Platten übergeben sollte und der mir das Geld dafür in die Hand gedrückt hat. So stellt man sich ja landläufig einen Drogendeal vor, aber mit Platten geht das auch… Unangenehm sind immer die Leute, die versuchen, einen stundenlang smalltalkmäßig und substanzlos zuzutexten ohne was kaufen zu wollen, so was würg ich mittlerweile im Vorfeld ab. BESONDERS unangenehm fand ich jenen ungarischen Kunden, der zum ersten (und letzten!) Mal bei mir im Laden auftauchte, sich stundenlang irgendwelche Sachen anschaute, an allem möglichen etwas rumzumäkeln hatte und schließlich eine 10-Euro Platte präsentierte und diese für 5 Euro haben wollte. Er fuchtelte mit dem 5er vor meiner Nase rum, in dem festen Glauben, mir damit auch noch einen Gefallen zu tun. Darauf erklärte ich ihm in meinem nicht gerade perfekten Englisch, er möge seinen 5er nehmen, sich diesen in den Ar… stecken, meinen Laden verlassen und nicht wiederkommen, da ich auf Leute wie ihn verzichten kann. Darauf konnte man sehen, wie ihm der Unterkiefer bis auf den Boden klappte, er um Luft rang und daraufhin, nicht wissend, wie ihm eben geschah, meinen Laden verließ (und nicht wiederkam.. glücklicherweise).
Matze und Tassilo (Drastic World): Da der Store an einer sehr gut belaufenen Strasse zu ner wichtigen U-Bahn Haltestelle liegt, schauen viele Leute durchs Fenster. Reintrauen tut sich aber von den „Normalos“ kaum jemand. Geht die Tür dann mal auf, sind es meistens Kids, die so Sachen fragen wie „Ab welchem Alter dürfen wir denn hier rein?“, oder “ können wir nen kleinen Flohmarkt auf der Strasse vor eurer Tür machen?“. Bei den Erwachsenen sind so Sachen dabei wie “ verrückter Scheiss hier“ oder “ Ich hab auch noch alte Maiden Platten zu Hause – die bring ich mal vorbei“… Walks! Danke Jan für das Inteview! Matze und Tassilo 2009.
Markus (Per Koro): Puh, es gibt fast täglich skurrile, unangenehme Erlebnisse und Situationen die ich aufführen könnte; würde hier aber wohl den Rahmen komplett sprengen. Nur kurz dazu…als Ladeninhaber ist mensch neben der eigentlichen beratenden Verkäufer-Tätigkeit auch gleichzeitig Sozialarbeiter und Sorgentelefon für alle Lebenslagen. Dies ist zeitweilig auch extrem nervenaufreibend aber macht gleichzeitig auch den Reiz im Kundenkontakt aus, ohne den der tägliche Wahnsinn wohl zu langweilig wäre. (Jan, du kannst ja gerne auf den eigens dafür eingerichteten Thread beim MAFIA-Forum hinweisen (Anmerkung Jan: was hiermit getan werden soll, einer der besten Threads im Netz).
Lars (Underdog): Super war es natürlich, als Henry Rollins bei uns im Laden eingekauft hat und sich mit The Fall Platten eingedeckt hat. Unangenehme Erlebnisse, über die es zu berichten lohnt, hatte ich zum Glück noch nicht wirklich. Skurril? Das ist schwierig zu Papier zu bringen, es gibt unglaublich viele schräge Vögel, die sich bei uns in den Laden verirren, aber das ist meistens Situationskomik die man schlecht wiedergeben kann.  Da gab’s z.B. den Dieter Bohlen-in den 80ern – Look-alike (der sah wirklich 1:1 so aus!), der sich per Handschlag als größter Dieter Bohlen Fan Deutschlands vorstellt und nach Blue System Platten sucht, eine ältere Dame, die sich bei uns eine Rose auf die Brust tätowieren lassen wollte und sich ohne zu zögern vor der Ladentheke ihr Bluse aufknöpft (kein schöner Anblick!), ein besoffener Black Metal Typ, der beim reinkommen die Hände mit der obligatorischen Metal-Pose in die Luft streckt und mit tief grunzender Stimme schreit: „Habt ihr Angst vor Black Metal!!!!!!“ Nachdem ich das verneinte, sagt er nur kleinlaut „Schade, dann geh ich halt wieder“ dreht sich um und geht. Aber wie gesagt, schwer das alles in würdiger Form wiederzugeben, das muss man selber erlebt haben.

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Eine Frage habe ich noch…

Bis aufs Messer

Hi Robert und Stefan, ihr hattet doch vor 1-2 Jahren mit Sam McPheeters eine Ausstellung gemacht, wie ist die gelaufen, war der persönlich anwesend, wie kam der auf euch?
XMESSERX: Ja das stimmt. Wie schon vorher erwähnt, versuchen wir halt auch Leuten eine Plattform zugeben, die wir indirekt mit uns und dem ganzen Kram verbunden sehen. Am Anfang haben wir einfach ein paar Leute angeschrieben, wo wir beiden dachten, das es gut passen würde usw.. Sam McPheeters & Neil Burke haben zugesagt und dann haben wir Nägel mit Köpfen gemacht. Leider ist das Interesse bei Kunst und all dem doch geringer als erhofft und so haben auch bekannte Namen wenig geholfen. Es ist schon manchmal schade wie ignorant die Leute mit dem „Kunstteil“ in unserem Laden umgehen.
Wie ihr schon gesagt habt, ihr macht ja nicht nur euren Plattenladen, sondern auch noch zwei Labels, Vendetta und Adagio830, Stefan spielt noch bei der äußerst tourfreudigen Band Zann mit und dann macht ihr auch noch Booking für z.B. Comrade oder TOWNCRAFT und GALENA. Ich denke mir, gerade in Berlin kann man noch locker einen draufsetzten, indem man z.B. auch noch in einer Punker-Wg in einem besetzten Haus wohnt, alle Lebensmittel beim korrekten Bioladen – natürlich geführt von Punks – kauft usw., also ein Leben ausschließlich innerhalb der Szene führt. Das hat Vorteile – billig, fortschrittliches Umfeld, das hat Nachteile – fehlender Kontakt zur real world. Oder?
XMESSERX: Also, um dir gleich mal noch einen weiteren Zacken aus der Krone zu brechen, welche für gute Recherche stand. Klose aka Stefan war nie bei ZANN. Er hat sein Unwesen bei Battle Royale getrieben. Das nur so nebenbei. Ich weiß nicht, ob wir den Kontakt zu realen Welt verloren haben oder verlieren. Natürlich bewegt man sich in seinem Mikrokosmos, weil man sich da meisten am wohlsten fühlt und man sich nicht ständig neu erklären muss. Das macht ja das Leben auch angenehmer und angenehm sollte es ja schon sein, oder!? Das Buchen von Touren hat sich über die Jahre ergeben, wo bei wir/ ich aber nur Bands buchen mit denen wir befreundet sind oder die auf unserem Label sind und wir haben auch keine Lust darauf noch eine weitere semi- professionelle Booking“agentur“ zu gründen. Und mit ZANN ist es halt so, dass wir immer gerne wissen mit wem wir zusammen arbeiten und der persönliche Kontakt mir wichtig ist. Ich denke damit fährt man immer am besten (und das kann ich auch allen Bands nur raten, dass wenn sie von hier sind einfach mal ihre faulen Ärsche bewegen und es selber in die Hand nehmen und nicht immer gleich zu einem Heini rennen, der sich Booker nennt. Natürlich ist es am Anfang nicht einfach – aber „who said it would be easy?“) Das WG Konzept haben wir auch beide aufgegeben, von daher sind wir auch da in der von dir erfragten „Realität“ angekommen und wohnen mit unseren Freundinnen zusammen (und Klose hat sogar noch eine Göre mit dabei) und am liebsten Einkaufen tue ich bei PLUS – weil die Cola von denen gut schmeckt.
Speaking of das Label ADAGIO830.. Was bedeutet eigentlich der Labelname, ist das ein Computerspiel?
XMESSERX: Also ADAGIO830 ist der Name von meinem ersten Radio. Das war ein super RFT HIFI kasten und der hieß so. Das Ding steht immer noch bei meinen Eltern im Keller. Man kann sagen, dass Ding hat meine Liebe zur Musik geweckt. Hahahahaha.

Das Label hat zusätzlich noch den Slogan „straight edge since 1995“. Vermisst ihr die Edge-Schule um 1995 und die Jahre danach? Ich bin eigentlich sehr froh, so Deppen wie Ten Yard Fight nicht mehr live sehen zu wollen. Nein, ich komme jetzt nicht mit der Gähnfrage „was heisst straight edge for you and me“, aber findet ihr nicht, dass straight edge das Genre ist, wo am meisten schief gegangen ist, wenn man sich die ursprüngliche Intention „Positive thinking for yourself, clean mind etc.“ anschaut und was draus geworden ist, Stichwort Hardline, Earth Crisis, anti-homosexuelle Texte bei Bands? Einfach Edge zu sein reicht (e) doch einfach nie, man wollte doch edge sein, um was zu schaffen, um was zu erreichen, also es sollte doch nur ein Mittel sein, heute kommt es mir so vor, dass es ein Selbstziel ist nach dem Motto „geil, ich bin drogefrei, vegan, spiele PC, bums aus die Maus.“
XMESSERX: Ich denke ich habe mich nie mit Bands wie TENYARDFIGHT oder solchen Kram in einem Schwimmbad zusammen gesehen. Natürlich habe ich es früher immer plakativer nach Außen getragen, als in den letzten Jahren, auch wenn ich mir aus Spaß immer noch manchmal X’e auf die Hände schmiere, wenn wir spielen. Für mich waren X Bands eher Bands wir Chokehold, Minor Threat, Frail usw… Nenn es KnierutschebullitionXpcschule oder was auch immer, aber ich sehe es für mich immer noch als „Positive thinking for yourself, clean mind etc.“ an. Ich habe mich nie als was „besseres“ angesehen, nur weil ich XXX bin usw.. Viel mehr geht es mir auf den Geist, wenn Leute straight edge sind, weil es mal eben Mode ist und dann danach so „Abiabschlussfahrt“ Säufer werden, gar nichts mehr auf die Reihe bekommen. Denn wie es eben so ist, sind es genau die Leute die am lautesten geschrien haben, die am ehesten alles hinwerfen und das genaue Gegenteil werden und eben das geht dann eher sehr peinlich aus.
xmesserIIx: Es geht für mich schon lange nicht mehr darum, dadurch dass ich straight edge bin die Welt verändern zu wollen (insofern ist mir auch egal was aus der „Bewegung“ geworden ist), ich sehe es als das Beste was mir in meiner Sozialisation passiert ist, für mich selbst. Ich denke unter anderem ist straight edge mit einer der Gründe warum wir zwei „bis aufs messer“ ganz gut hinbekommen; viele der Leute die ich kenne bekommen nicht die Hälfte von dem auf die Reihe was sie sich vornehmen und stehen sich in ihrem Konsum andauernd im Weg, ich will mir nicht im Weg stehen.

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Eine Frage habe ich noch…

Lucky Star Records

Birgit und Günther, glaubt ihr, in ein paar Jahren gibt‘s überhaupt noch Plattenläden? Ist das Phänomen „Ich will die Platte in der Hand haben wegen dem toller Cover / Booklet etc.“ nicht etwas, was heutzutage 15 jährige, die alles downloaden im Netz, gar nicht mehr interessiert?
Birgit und Günther (Lucky Star Records): Solange es Schallplatten gibt, wird es auch immer Plattenläden geben. Wir haben durchaus auch sehr junge Kundschaft, die entweder sagt, ich möchte etwas in der Hand haben, mir genügt mp3 als Medium nicht; oder, ich habe bei meinen Eltern / Freunden Platten gehört und finde es cool.

Ihr habt aufgrund eures biblisch hohen Alters schon jede Menge Leute kommen und gehen gesehen und bestimmt auch schon viele Plattenläden… habt ihr einen Vorbildladen, so nach dem Motto „Damals als ich 1991 in Los Angeles war, da gab‘s nen Laden, Junge Junge“?
Einen sehr kuriosen Laden haben wir in Barcelona gesehen, er war in einem Hauseingang, die Ladentheke stand mit ca. 6-7 Kisten gegenüber der Briefkästen. Der gesamte Bereich war mit Lps voll gehängt, von denen allerdings höchstens 1/4 zu kaufen war. Das genaue Gegenteil fanden wir in Dallas: Hier war eine sportplatzgroße Lagerhalle, eine hälfte LPs, die andere Cds, und unter den Tischen standen überall noch volle Kisten.

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Eine Frage habe ich noch…

Perkoro Records

Yo Markus, du hattest ja Per Koro erst als Label gemacht, und warst ja schon für einen bestimmten Gernestil ne zeitlang „das“ Label oder, du weißt schon, klimper klimper schrei schrei SYSTRAL, MÖRSER, CAROL, FORCED TO DECAY, LOXIRAN usw. Ja ja, ich weiß, QUEERFISH, MUFF POTTER waren etwas „anders musikalisch“ : ). Wenn ich das richtig verstanden habe, bist du dann von Bremen der Liebe wegen nach Bielefeld umgezogen und hast dort erst bei einem anderen Plattenladen/Mailorder mitgearbeitet… war es dann da doch zu „greedy„?
Im Prinzip hast Du „ALLES“ wissenswerte schon angeschnitten! Will auf das Thema auch nicht groß eingehen, da es mir doch…sagen wir mal gelinde viel Ärger (auch juristischer Art) eingebracht hat. Da ich mit dem PER KORO Label/Mailorder ja nicht ortsgebunden war, wollte ich der Liebe wegen nach Bielefeld umziehen, da meine Freundin dort vor Ort nach dem Studium ein gutes Jobangebot erhalten hat. Parallel zu meinem Vorhaben wurde mir dann eine Festanstellung bei einem ortsansässigen Mailorder/Laden (den ich wie eingangs erwähnt dann auch übernommen habe) angeboten, was für mich als Zukunftsperspektive auch interessant erschien – so von wegen: raus aus der Selbständigkeit, rein in eine „gesicherte“ Festanstellung. PER KORO als Label wollte ich zu dem Zeitpunkt dann parallel weiterführen. Ist dann letztlich alles anders gekommen (im Nachhinein bin ich sehr dankbar darüber) und habe dann nach einem Jahr Gastspiel und darauf folgender Übernahme des Ladens dann PER KORO als Mailorder wieder ins Leben gerufen!
Ursprünglich bist ja aus Stuttgart… Vermisst du deine alte Heimat Schwabistan ?
Kurz und schmerzlos: Nein, vermisse ich kein Stück! Für mich ist die kulturelle Vielfalt und Abwechslung (ja klingt hochgestochen) und mein persönliches Umfeld (Beziehung, paar Freundschaften) wichtiger als geographische Örtlichkeiten (z.B. schöne Landschaft) und nostalgische Vertrautheit aus der Kindheit.
Wie war das mit deinem Comeback als Label, das war durch die Hammerhead Platte oder? Machst du weiter, auch evt. mit neuen Bands oder alten Diskografie Releases? Bist du eigentlich wirklich mal von der KISS- Rechtsabteilung verklagt worden ??? Irre!
Nein stimmt nicht ganz. Neben PER KORO habe ich noch 2 weitere Sublabels (ONrush und BARFIGHT Records) ins Leben berufen. Auf Onrush habe ich schon zuvor eine LP der amerikanischen Kapelle THE HOMEFRONT veröffentlicht. Auf Grund dessen, dass nach meiner Übernahme des Ladenlokales mein gesamtes Geld ausnahmslos in den Aufbau und die Erweiterung des Warensortiments gewandert ist, hatte ich für Veröffentlichungen nicht das nötige Geld über. Ich musste mehr oder minder im Laden bei „Null“ anfangen und die gesamten Einnahmen sind direkt in Waren für den Laden geflossen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Laden gut bestückt und gefüllt, so dass ich das übrige Geld anderweitig, sprich für Releases investieren kann. Die HAMMERHEAD LP war für PER KORO Records ein gelungenes Comeback, da ich mit dem Release in aller Munde war/bin und ohne große extra Bemühungen werbewirksam auf mich aufmerksam machen konnte. Geplant sind natürlich weitere Releases, sowohl unter BARFIGHT (aktuell die neue Sniffing Glue MLP) als auch auf PER KORO (PATSY O HARA LP). Im Turnus von circa 2 Monaten soll nach Möglichkeit (sofern mir Bands musikalisch und persönlich Zusagen) Releases folgen. Setzen uns da aber nicht unter zeitlichen Druck. Bzgl. KISS Rechtsabteilung. Meine erste PER KORO Webseite von 1998 oder 1999 hat ein damaliger Freund im KISS-Design entworfen (mit Masken, Logo und dem typischen KISS-Schrifttypus) und ich hab mir damals in meiner blauäugigen Naivität nichts dabei gedacht, bis auf einmal ein Fax mit einer Abmahnung von der KISS Rechtsabteilung (mit Original Logo und Pipapo…) ins Haus flatterte. Natürlich habe ich den Kram in Windeseile Offline gepackt und alles geändert. Die Mahnung habe ich hier „stolz“ feinsäuberlich in meinem Archiv verwahrt…haha…
Das ist ja schon eine sehr interessante Mischung bei dir: einerseits seit Jahrzehnten straight edge und vegan, andererseits grosser KISS-Fan, die ja dann doch eine eher – sagen wir – offene Haltung zu Alkohol und dem anderen Geschlecht vertreten. Sind das so Jugendhelden von dir, oder wie passt das alles zusammen?
Um ehrlich zu sein mach ich mir darüber keinerlei Gedanken – warum auch? Bereitwillig mach ich ja auch mit Dir dieses interview, obwohl du eher zur Dosenbier & Biffi-Roll Fastfood Fraktion angehörst..haha… Ich versuch halt lapidar und schlichtweg gesagt mein Leben so zu führen, wie ich es für mich persönlich richtig und angenehm halte. Zu KISS….kann ich gar nicht soooo rational beantworten. Ist halt die erste Band für die ich mich „ernsthaft“ im zarten Alter von 9-10 interessiert habe. Deren Original-Tapes ich damals vom Taschengeld gekauft hatte, deren Bravo- und Poprocky-Poster mein Jugendzimmer schmückten…von denen ich halt schlichtweg komplett fasziniert war! Hat sich halt über all die Jahre so gefestigt und manifestiert….
Du warst ja ab der Trust Ausgabe # 3 / 1987 als Wiederverkäufer vom Trust aufgeführt. Jetzt haben wir zwei ja schon ein paar Mal kontrovers (aber immer angenehm fair) über das Für und Wieder vom Trust heute diskutiert. Du hast u. a. mal gesagt, dass du als Konzertveranstalter in Bremen immer die Nichtanwesenheit von den zwei Trust-Bremern Dolf und Stone als Konzertbesucher deiner Shows als Zeichen dafür gesehen hast, dass das Trust nicht mehr den Kontakt zur Basis hat. Kann man so sehen, natürlich. Man könnte natürlich auch sagen „Wieso sollst du bestimmen, was sich Fanziner anzusehen haben, das ist ja ganz was neues und totaler Quatsch, hättest du Konzerte gemacht, die Stone oder Dolf interessiert hätten, wären die da auch sicher hin. Ein Fanziner sollte sich natürlich soviel wie möglich ansehen, aber er „muss“ sich halt nichts ansehen und wenn dann nur das was er selbst bestimmt.“ Du meintest wahrscheinlich eher, dass der echte HC im Trust nicht mehr so stattfindet. Aber auch da… Was war und ist der echte HC? Negazione? Spermbirds? Cro Mags? Fugazi? Black Flag? Waren ja alle drin im Heft, aber bei jeder Band sieht das ja jeder anders… Mich interessiert einfach nur mal deine Meinung zum Trust früher und heute, hau rein, immer raus mit der Kritik.
Ich gebe dir in deinen Zeilen im Grunde Recht (was selten genug vorkommt!!!). Du hast mich auch z.T. missverstanden. Zu meiner aktiven Konzertveranstalter Zeit in Bremen (1993-1999) habe ich die von Dir genannten Leute halt nie auf einem meiner Konzerte angetroffen. Das ist aber nicht unbedingt als negativ zu verstehen. Habe auch nie für mich beansprucht (auch heutzutage nicht), dass ich mit den damaligen MitstreiterInnen für den „wahren Hardcore bla bla“ stand und alles andere keinerlei Relevanz hatte. Es verdeutlicht halt nur, dass ich mich schlichtweg in einer komplett anderen Szene bewegte; mich haben andere musikalische Strömungen, Labels, politische Themen usw. interessiert, die vom Trust halt nicht sonderlich oder gar nicht wahrgenommen/bedient wurden, was ja auch letztlich nicht tragisch war/ist. Einzig allein darauf basierend hat sich halt mein Interesse dem Trust gegenüber minimiert und das Fanzine hatte zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg für mich keinerlei Relevanz mehr. Hat sich bis heute halt leider auch nicht groß geändert, obwohl ich Fairerweise erwähnen muss, dass ich das Teil bestimmt schon seit locker 5 Jahren NICHT mehr gelesen habe (keine Panik – Ox, Plastic Bomb u.a. lese ich genauso wenig). Ich will dem Trust auch keinesfalls eine Berechtigung absprechen – finde es letztlich ja löblich, dass es noch Leute gibt die ein Fanzine machen und die eine Fanzinekultur am Leben halten. Im Gespräch mit vielen jüngeren fällt mir halt auf, wenn es um Thema Fanzines geht, dass das Trust keinerlei Relevanz hat, weil es zum Großteil nicht einmal gekannt wird. Hab auch keinen Plan, was das Ziel (ob es überhaupt eines gibt), die Zielgruppe des Heftes sein soll. So, wie ich es aus der Ferne (wie geschrieben, bin ich zu wenig am Ball, da ich das Teil nicht lese…ja ja Mutmaßungen) betrachte, besteht die treue Leserschaft des Heftes halt aus den Leuten, die mit dem Trust auf/mitgewachsen und gealtert sind. Mein persönlicher Anspruch an ein Fanzine sieht schlichtweg halt anders aus und kennzeichnet sich halt durch andere Themen… nicht mehr und nicht weniger!

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Interviews: Jan Röhlk
Foto-Kredits: bei den einzelnen Läden
Kontakte: Bis aufs Messer (bisaufsmesser.com), Underdog Records (underdogrecordstore.de), Perkoro Records (perkororecords.com), Drastic World (drastic-actions.com), Lucky Star Records (myspace.com/luckystarrecords), Fischkopp Records (myspace.com/fischkopp_plattenshop?), Sick Wreckords (www.sickwreckords.de)

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