März 16th, 2007

Kolumnen Dolf, Stone, Dietmar, Stone/Daniel, Jan (#115, 12-2005)

Posted in kolumne by jörg

DOLF

Erinnert sich noch jemand daran das ich ich im letzten Monat noch auf den „Abschluss“ wartete? Deshalb also hier jetzt die Geschichte, die beinahe schon in der letzten Ausgabe erschienen wäre. Dann wäre sie auch noch „topaktuell“ gewesen – nicht das dies in dem Fall hier von Wichtigkeit wäre – denn just die Woche vor Erscheinen von TRUST 114 hat in Hannover eine Zweigstelle von „Dignitas“ eröffnet, an dem Montag war ich auf dem Weg nach Augsburg, da am Dienstag die Beisetzung meiner Mutter stattfand. Somit ging die erste deutsche Pressewelle an mir vorbei, bzw. konnte ich die grösstenteils gequirlte Scheisse dann einen Tag später nachlesen. Für die Leute die sowas nicht mitbekommen: „Dignitas“ ist eine Sterbehilfe-Organisation aus der Schweiz.

Dort ist die passive Beihilfe zum Sterben in bestimmten Fällen legal. Hier in Deutschland ist das Thema leider völlig tabuisiert und natürlich ist Sterbehilfe auch nicht erlaubt. Es ist zwar erlaubt sich umzubringen, aber wenn man dabei erwischt wird, kommt man in die Psychatrie. Ebenso ist es nicht illegal jemand beim Suizid „zu helfen“ (natürlich nicht aktiv!) – dabei macht man sich aber dennoch schuldig, da es unterlassene Hilfeleistung ist und somit ist man doch wieder schuldig. Faktisch ist es nicht legal, auch wenn die einem vorgaukeln wollen das es das schon sein könnte. Selbstmord ist ein ernstes Thema, weil es eine entgültige Entscheidung ist – muss also wohl überlegt sein. Das es erstmal wichtig ist den Leuten, deren Gründe nicht wirklich gut sind, zu helfen ihren Plan wieder zu verwerfen ist ja wohl hoffentlich klar.

Darum geht es bei dem Thema auch nicht. Es geht um menschenwürdiges Sterben, bzw. um menschenunwürdiges Leben. Jetzt fragt man sich „wer“ das denn entscheiden soll. Das kann immer nur jedes Individium für sich selbst entscheiden und es darf nie von Leuten über andere entschieden werden (das hatte dieses Land ja schonmal). Normalerweise sagen ja die meisten normal denkenden Menschen „Klar, wenn jemand nicht mehr leben will und gute Gründe hat, dann soll er sich eben umbringen“. Das ist die Theorie. Die Praxis ist wenn deine Mutter dich anruft und sagt das sie sterben will. Als sich meine Anfang des Jahres telefonisch mit ihrem Anliegen bei mir meldete, dachte ich mir „ja, ja abwarten“, mit der Zeit wurde mir aber klar das es ihr ernst war. Todernst.

Nachdem ich sie nochmal besucht hatte und einige Gespräche führte (im Vorfeld hatte ich schon mit vielen guten Freunden über das Thema gesprochen, die mich nach bestem Wissen und Gewissen unterstützten – oft war da aber „nicht viel“, weil niemand mit der Thematik Erfahrung hat) wurde mir klar, es ist ihr Wunsch das ich sie nach Zürich bringe damit sie sich dort unter der Aufsicht von „Dignitas“ selbst töten kann. Schluck. Ich soll meine Mutter nach Zürich bringen und dann zusehen wie sie ein Glas mit Natrium-Pentobarbital trinkt und kurz darauf stirbt? Ja.

Das war ihr Wunsch. Meine Mutter war ja nur 26 Jahre älter als ich, also noch nicht wirklich „alt“. Leider war sie aber an Rollstuhl gefesselt, also konnte sie den Weg nach Zürich nicht allein gehen… soll man seiner Mutter einen der letzten Wünsche aussschlagen? Natürlich nicht. Vor allem dann nicht, wenn man davon überzeugt ist das sie für sich die richtige Entscheidung getroffen hat, auch wenn es noch so traurig ist. Die Realität ist eben oft traurig und soll man von einem Menschen verlangen, nur damit es „für die anderen“ nicht so traurig ist, weiterzuleben? Nein. Leben erhalten um jeden Preis ist eine überholte Einstellung, eben nicht um jeden Preis, wenn der Patient nicht mehr will, dann muss er das Recht haben und ebenso wie andere nicht entscheiden können wer wann stirbt kann in so einem Fall kein anderer Entscheiden das es weitergehen soll.

In der Schweiz gibt es ja schon seit 40 Jahen Exit, das ist auch eine Sterbehilfeorganisation mit vielen 10.000 Mitgliedern, allerdings alles Schweizer, da sich Exit drauf beschränkt die Sterbehilfe nur Schweizern anzubieten. Was also tun, wenn man sich töten will, aber zum einen vielleicht keinen Internetanschluss hat um sich über die neuesten und sichersten Methoden zu informieren (so wie es wohl bei vielen alten Leuten der Fall ist) oder aber einfach Angst davor hat, weil es schief gehen kann. Man glaubt ja gar nicht wie viele Selbstmorde nicht klappen und die Leute dannach unter den Folgen noch mehr zu leiden haben.

Und vor den Zug werfen ist auch asozial, zum einen sind mit dieser zwar ziemlich sicheren Methode schon einige Lokführer frühzeitig pensioniert worden, weil sie ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten, zum anderen ist es auch nicht besonders schön für die Leute die den Kram dannach einsammeln müssen und sauber machen. Glaubt mir, ich hab das schonmal gesehen. Aber hier geht es gar nicht darum wie man sich tötet, sondern vielmehr darum das man eigentlich keine vernünftige Möglichkeit hat, sein Leben selbst, sicher und schmerzfrei zu beenden.

Dafür gibt es „Dignitas“, auch in der Schweiz und noch keine zehn Jahre lang. Die bieten die Sterbehilfe auch für Nicht-Schweizer an. Super Sache. Kostet eine Stange Geld, aber dafür übernehmen die auch die ganzen Formalitäten bis zur Urnenüberführung. In der Schweiz waren die schon immer umstritten, Stichwort: „Sterbetourismus“ Soweit so gut. Die letzten Tage mit meiner Mutter waren komisch und schön, eine krude Mischung. Mein Bruder war auch angereist, da sie auch ihn darum gebeten hatte. Da es nur ein paar hundert Meter vom Hotel in die Gertrudstrasse waren konnten wir kurz vor dem Termin los.

Ein ziemlich abgeschrabbeltes, unansehliches Haus, aber immerhin eine Sterbebegleiterin die einen kompetenten Eindruck machte. Nochmalige Aufklärung meiner Mutter über ihr Vorhaben, noch ein paar Unterschriften. Eine gute Stunde später trank sie den Giftbecher – natürlich selbst. Noch ein kurzer Impuls aus dem Gehirn, vermutlich aus dem Sprachzentrum. Dann legte sie sich ruhig hin, hustete noch ein paarmal, schloss irgendwann die Augen, die Atmung wurde flacher und nach ca. 5 Minuten war sie tot. Mein Bruder und ich sassen sprachlos daneben. Aber was soll man auch schon sagen, es wahr ihr Wunsch. Dann kamen nacheinander Polizei, Staatanwaltschaft, Gerichtsmediziner und abschliessend die Totengräber.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit alten Freunden aus Zürich, für deren Unterstützung ich mich auch nochmal bedanken will. Das war der eine Teil der Geschichte, eine Erfahrung wie man sie nirgendwo sonst machen kann, das wünsche ich auch niemanden, letztendlich bin ich aber irgendwie gestärkt aus der Sache rausgekommen und auch klar. Hilfreich dabei war sicherlich das Verhältnis zu meiner Mutter, welches gut aber nicht innig war. Was ich aber noch berichten wollte war was ganz anderes…. denn im Nachhinein erfuhr ich aus gut unterrichteter Quelle so einige Unzulänglichkeiten, die ich euch nicht vorenthalten will.

Denn es ist eben leider so, das man „Dignitas“ nicht uneingeschränkt empfehlen kann. Das geht damit los, was für Leute da teilweise arbeiten. So wurden wir von einem Arzt durch die Gegend gefahren, der seine Zulassung verloren hatte – er ist Päderast. Das Haus in der Getrudstrasse wird praktisch nur von Prostituierten und Junkies bewohnt (weil ja niemand eine Nachbarschaft haben will wo ständig der Totengräber kommt), was mich jetzt so nicht störte, aber doch ein wenig unglücklich gelöst ist. Dann hörte ich von Sterbegeleitern die mit Bierfahne auflaufen, oder, noch besser, dem Toten dann Morphium aus dem Gepäck klauen, weil sie selber ein Drogenproblem haben.

Ganz schrecklich die Geschichte eines Begleiters der es wohl eilig hatte und nicht lange genug wartete bis der Tod eingetreten war… und das entscheidende Telefonat ein paar Minuten zu früh führte. Dummerweise waren Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichtsmedizin zufällig direkt ums Eck, stellten noch fest das die Patientin lebte und ab mit ihr ins Krankenhaus, wo sie noch 3 Wochen im Koma lag. Oder administrative „Fehler“ wie sie überall tagtäglich vorkommen aber eben hingenommen werden. Wenn z.b. der Name des Toten nicht mit dem Etikett auf der Giftflasche übereinstimmt, oder ein ganz anderer Name auf dem Rezept steht.

Zu all dem kommt dann noch, das die Preise letztendlich überteuert sind und sich der „Dignitas“ Generalsekretär Ludwig Minelli immer wieder Vorwürfen ausgesetzt sieht, sich an der Geschichte zu bereichern. Letztendlich ist mir das egal. Aber es geht natürlich nicht. Es ist hier wie „überall“ sobald Geld ins Spiel kommt, ist es vorbei mit der ansich guten Idee… in diesem Fall der Sterbehilfe. Denn dann haben die beteiligten Menschen einfach nicht mehr in erster Linie im Kopf das es darum geht, schwerkranken Menschen die nicht mehr weiter leiden wollen, zu helfen. Sondern es geht eben ums Geldverdienen.

In letzter Zeit häufen sich auch die Vorwürfe Richtung „Dignitas“ das sie zu leicht „grünes Licht“ (also das ja zum begleiteten Suizid) geben, bzw. dieses auch bei psychisch Kranken tun…. das ist nochmal ein ganz anderes Thema, aber ähnlich brisant. Alles in allem kann man sagen das offensichtlich bei „Dignitas“ nicht ganz sauber gearbeitet wird, wie man ja auch schon verschiedenen Medien entnehmen konnte… haltet die Augen offen, da passiert noch einiges an Enthüllung!

Hier sei noch gesagt das es überhaupt kein Problem darstellen darf das eine begleiteter Suizid Geld kostet. Oder das es gar ein moralisches Problem wäre mit dem Tod von Menschen „Geld zu machen“. Ich finde es viel schlimmer das mit Schwerkranken, die in Krankenhäusern liegen und Intensiv behandelt werden, jeden Tag immer und immer wieder viel Geld verdient wird. Und was da für eine Lobby dahintersteht kann sich jeder selbst denken…..

Letzendlich geht es darum sich mit dem Thema vernünftig auseinanderzusetzten und hoffentlich in Zukunft überall in Europa Einrichtungen zu schaffen die frei von finanziellen und sonstigen Zwängen Menschen die nicht mehr Leben wollen helfen zu sterben – dies natürlich unter einer funktionierenden Kontrolle.

Zum Abschluss noch diese kleine Geschichte: Anfang des Jahres war eine Filmcrew vom Zdf/Hallo Deutschland bei meiner Mutter um einen Kurzbeitrag über ihr Schicksal zu drehen (also über ihre Krankheit, ihre Situation usw. hatte nichts mit dem Sterbewunsch zu tun). 2 Tage nach der Beisetzung kam der Beitrag, mit einer leicht geänderten Anmoderation „Katharina Hermannstädter ist tot…..“. Somit ging die Nachricht des ablebens meiner unglaublichen Mutter auch nochmal eben über das Zdf. Was das alles mit Musik zu tun hat, nichts natürlich, aber Hardcore ist es dennoch.

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Der zärtliche Zyniker

Big in Japan

Zwei Wochen Japan – aufregend, to say the least. Vorbereitung mit Reise- und Sprachführer, letzteres aussichtslos. Nach Nagoya soll es gehen. Fast niemand, den ich kenne, war je in Japan, geschweige denn Nagoya. Im Internet finde ich das Urteil, die Zeit, die der Schnellzug „Shinkansen“ dort halte, sei die Zeit, die die meisten Menschen in Nagoya verbrächten – und das genüge eigentlich auch. Auch wenn Expo ist, während ich dort bin. Es sei teuer, ist zu hören, jemand weiss immerhin, wo man in Tokyo billig technische Geräte kaufen kann. Und Sabine, die schon da ist, sieht wenig von Nagoya, weil sie eine Ausstellung vorbereiten muss und der Taifun in der Nähe vorbeizieht und man nicht hinauskann und und und.

Also hinfliegen. Was ist das immer langweilig. Ich schaue mir in Hamburg noch Wilco an und laufe durch den Regen vorbei an Sex-Shops, Dönerbuden, Sexshops, Spielhallen, Dönerbuden und Sexshops. Am nächsten Morgen am Flughafen treffe ich mich mit einer Freundin zum Frühstück, die mich später, als ich schon vorm Zöllner stehe, noch einmal anruft und fragt, was sie meiner Meinung nach den kommenden Sonntag wählen sollte. Ich sage: „Gar nichts“. Sie fragt warum. Ich schaue dem Zöllner ins Gesicht. „Weil es nicht dein Mittel ist.“ Was er wohl glaubt? „Und wenn ich doch etwas wählen will?“

Dann solle sie etwas nehmen, was garantiert nicht hineinkomme, das würde sie vor enttäuschtem Idealismus bewahren. Sie sagt, so habe sie sich das auch gedacht. Für den Flug nach London kriegen wir nur ein Tüte mit Plastiksandwiches. Irgendein Stress zwischen Fluggesellschaft und Cateringfirma.

Dann nach Tokyo. Zuerst ist alles noch ganz normal. Irgendwelche Leute aus irgendwelchen Ecken der Welt rennen emsig herum, telefonieren, kaufen Zugtickets, wollen ihre Anschlussflüge erwischen oder begrüssen jemanden, der sie abholt. Mich holt niemand ab, ich muss weiter nach Nagoya. Noch sprechen die Leute Englisch, die Schilder sind immer auch in lateinischen Buchstaben gedruckt, man kann an jeder Ecke Geld aus dem Automaten ziehen.

Der Zug nach Nagoya kostet ein Schweinegeld, dafür braucht der Shinkansen gerade mal eine Stunde und 45 Minuten für die Strecke, die in etwa der Distanz Berlin – Bremen entspricht. Und halten tut er auf dem Weg nur einmal. In Yokohama, einem Vorort von Tokyo, wie es mir vorkommt.

Dass es mit 3,5 Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Landes ist, lese ich erst später. Stadt fliegt an mir vorbei. Sie hört gar nicht auf, ausser dass zwischendurch mal ein Reisfeld kommt, aber das ist auch Stadt, im Norden erheben sich dann die Berge, aber es ist diesig, weshalb man davon nicht so viel sieht.

Der Schaffner kommt ins Abteil, verbeugt sich vielfach und geht dann seinem schmutzigen Handwerk nach. Als ich in Nagoya aussteige, merke ich erst, wie heiss es hier ist. Nach einer Weile erreiche ich endlich jemanden unter der Nummer, der einzigen, die ich habe, und warte vor dem Bahnhof.

Sie hat sich schon so an den körperlosen Umgang der Japaner miteinander gewöhnt, dass sie mich zuerst nicht in den Arm nimmt oder gar küsst. Später erzählt sie mir von einem japanischen Pärchen, dass sich nach monatelanger Trennung das erste Mal wiedersah und lächelnd voreinander einen kuriosen Hüpftanz ausführte. Das höchste der Gefühlsäusserung.

„Hinab in die weissen Schlünde der Unterwelt“, wie es mein alter Kumpel Horst einmal nannte, fuhren wir, ab in die Vorstadtbahn, die nach Nishiharu fährt, welches von den Deutschen, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde, Delmenhorst getauft.

Die Hitze, diese ganzen Menschen, die nicht aussehen wie wir, alle viel kleiner sind als ich und mich mit Neugier mustern (und manchmal vielleicht auch mit Widerwillen, als ich einmal mein schulterfreies Herrenunterhemd trage). In Nagoya am Bahnhof habe ich vielleicht noch drei weitere Langnasen, Gaijin oder wie immer sie die anderen nennen, gesehen. In Nishiharu? Keine. Ausser meiner Liebsten natürlich und den anderen Deutschen, die hier an einem Kunststudentenaustausch teilnehmen.

Die nächsten Tage helfe ich Sabine, ihre Ausstellung zu vollenden und gewöhne mich so langsam an diese komischen kleinen Leute, die sich ständig verbeugen „wie ein Reishalm im Wind“, wie es mein Sprachführer poetisch formuliert. Ein paar Ausflüge in die Stadt, der Flohmarkt, auf dem es ganz ungeniert Pornos zu kaufen gibt, allerdings ausschliesslich mit asiatischen Darstellerinnen, zum Teil vielleicht eigentlich zu jung dafür, das nimmt man möglicherweise hier nicht so genau.

Rohes Rind, komische Bohnen, Hühnerherzen (wie ihr wisst, überlebt auch der Vogelgrippevirus das ganze Kochen und Grillen nicht), Sake, japanisches Bier, das so einigermassen trinkbar ist, nette Irakaras, das japanische Pendant zur hiesigen Eckkneipe, in denen es zu den Drinks auch immer kleine Snacks gibt, natürlich nicht umsonst.

Ausser der Toilettenbenutzung ist hier nichts umsonst. Aber immerhin die. Ein Zeichen für den relativen Wohlstand in Japan? Anderes zumindest scheint darauf zu deuten: Weniger Zäune und Schlösser und Ab- und Ausschluss zumindest der vordergründigen Art. Die Obdachlosigkeit hält sich in Grenzen, gebettelt wird nicht, aber das kann schliesslich auch andere Gründe haben – wie dass es vielleicht verboten ist.

Oder es ist noch die Hilfsbereitschaft, die hier – womöglich Gebot der Höflichkeit, trotz ihrer prinzipiellen Verlogenheit eine bisweilen angenehme Sache – durchgesetzt ist. Die gehen wirklich einen Kilometer mehr mit dir, um dich vor dem Postamt abzustellen, nach dem du sie gefragt hast.

Und ein Gastwirt rief eigens per Mobiltelephon einen Bekannten an, der Englisch konnte (zumindest besser als der Wirt mitsamt Belegschaft), auf dass der uns die Speisekarte erkläre. Unzählige Höflichkeitsfloskeln, mehrere Funklöcher und einige Missverständnisse später, und zur Freude des gesamten Lokals hatten wir einen Berg Köstlichkeiten auf dem Tisch und liessen es uns wohlgehen.

Die Ausstellung wurde jedenfalls mit einem Riesenfest eröffnet. Es ist nämlich nicht so, dass alle Japaner keinen Alkohol vertragen. Es sind nur einige. Und auch die lassen sich manchmal durchaus hinreissen, es trotzdem zu tun. Sie trinken allerdings ganz allgemein weniger als wir. Dafür haben sie Schirme dabei, die wechselweise gegen den Regen oder die Sonne aufspannen, und wenn sie Rad fahren, zwingen sie die Schirme in eine eigens dafür angebrachte Halterung am Lenker.

Nachdem die Feierlichkeiten vollbracht waren – es ging heiter zu – luden einige Professoren noch in ein Lokal namens Mr. Bonbon, wo einer von ihnen sich glatt schlafen legen wollte. Schuhe ausziehen ist übrigens obligatorisch, sobald man ein Lokal betritt. Man bekommt dann Schlappen zugewiesen, manchmal gibt es noch eigens Schuhe für die Toilette.

Nach der Pflicht kam die Kür: Wir erkundeten die Umgebung. Nach Inuyama ging der erste Ausflug. Dort gibt es ein Schloss, einen Tempel und Kormoranfischer, die ihre dressierten Kormorane des Nachts nach Fischen jagen lassen. Und einen Affenzoo mit Achterbahn. Fahrräder kann man sich umsonst ausleihen. Allerdings sollte man dafür nicht allzu gross sein. Am nächsten Tag fuhren wir nach Gujo-Hachiman, wo gepflasterte Strassen, hölzerne Häuser, mehrere Bergflüsse und ein Jungbrunnen sich ins hohe Tal ducken.

Ein weiterer Abend in Nishiharu endete beinahe fatal. Endlich einmal wollten wir in das Lokal um die Ecke, das mit einem in Deutsch geschriebenen Schild lockte: „Bar und Restaurant“, dazu ein Bitburger-Logo. Wir hinein, an die Bar gesetzt und erstmal Bier bestellt. Eine kuriose Choreographie fand statt. Ganz offensichtlich wollten wir Bier, sonst hätten wir keines bestellt. Da waren die Gläser, dort die Flasche.

Und anstatt nun einzugiessen, was wir begehrten, lächelte die Frau hinterm Tresen uns an und goss nicht. Nickte nur fragend und wir nickten antwortend. Der Trick: Du musst ihnen die Gläser hinhalten, schräg, sebstredend, sonst tun sie es nicht. Und sich selbst einzuschenken, schickt sich schon gar nicht.

Der Mann neben mir sagte etwas, das die Dame hinter der Bar übersetzte. Ich sei „handsome“. Und ich sagte brav „arrigato“. Dann bekamen wir eine Schüssel mit etwas stark Gurkenartigem vorgesetzt, das wir nicht zu essen wagten. Wer weiss, es war vielleicht eine jener gefürchteten Seegurken, die angeblich der Chinesen schärfste Waffe gegen Fremde sind. Dann ging das Singen los. Wir waren nämlich in einer Karaoke-Bar gelandet. Wir wurden bedrängt, bekamen ein Verzeichnis von der Dicke eines Telefonbuchs, das sogar „Angel Of Death“ von Slayer beinhaltete. Wir einigten uns schliesslich auf „House Of The Rising Sun“.

Das passte schliesslich ins Land der aufgehenden Sonne. Wir wurden gefeiert, auf Händen getragen, sie küssten uns die Füsse. Sie wollten wissen, wer wir waren, woher wir kamen, wohin wir gingen. Die Besitzerin des Etablissements konnte nur unter Einsatz des eigenen Lebens davon abgehalten werden, Harakiri zu begehen, weil wir erzählt hatten, dass wir am nächsten Tag nach Tokyo wollten. Sie sei einsam, sagte ihre Kollegin aus Indonesien, die auch hinter der Bar arbeitete. Es wurden Lokalrunden für die ersten Deutschen geschmissen, die sich in die Bar verirrt hatten, seit man sich erinnern konnte. Ein Gast war selbst vor vierzig Jahren in Deutschland gewesen.

Er wusste, was es bedeutet, ein Fremder zu sein. Ich sang für sie alle „Have You Ever Seen The Rain“, das hatte ich noch von den Minutemen im Ohr. Sie gerieten ausser Rand und Band. Die thailändische Frau, die vor der Bar, nun ja, arbeitete? Sie wollte mit mir etwas von den Carpenters singen. Sie hing an mir, wie es nur eine Betrunkene kann. Meine Liebste eröffnete ihr den Blick auf meine behaarte Brust, worin sie sich verfing. Sie flehten um eine Zugabe.

Sie bekamen eine erschütternde Fassung von „Under The Bridge“, die sie dann allerdings schon etwas routinierter bejubelten. Zu Abschied – es musste ja doch sein – gaben uns die Damen noch Geleit bis vor die Tür, allerdings nicht bevor sie uns ein Sümmchen abgeknöpft hatten, das unverschämt zu nennen kaum untertrieben wäre. Aber wie das so ist: Sie rechnen es einem bei Nachfrage stets akribisch und so plausibel vor, dass Widerstand zwecklos ist. Betrunken gingen wir heim ins Heim.

Am nächsten Tag, es blieben mir nur noch vier, ging es dann endlich nach Tokyo, wo wir Etsuko besuchen wollten, die meine Liebste in Tabor kennen gelernt hatte. Aber darüber erzähle ich euch vielleicht nächstes Mal mehr.

(stone)

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Dietmar

Ich möchte erst gar nicht zurückblättern in alten Trust-Ausgaben – ich weiss ohnehin, was ich damals geschrieben habe. Ich kann mich auch noch genau entsinnen, wie stolz ich darauf war, als ich endlich mein Label starten konnte. Und mein lang gehegter Wunsch in Erfüllung ging. Auch wenn es durchaus sein könnte, dass es damit weitergeht – mittlerweile bin ich ziemlich ernüchtert.

Vielleicht hätte ich auch auf meinen Bauch hören sollen, als ich mit Psycho-Path über einen Vertrag verhandelte. Wem das zu böse, zu geschäftlich klingt: Ich halte Verträge grundsätzlich für eine gute Sache, solange sie dem Zweck dienen, schriftlich etwas zu fixieren, was nicht vergessen gehen soll. Sonst hat womöglich jede eine andere Erinnerung, und der Streit bricht los.

Also schreibt man lieber auf, wer was bezahlt und ab wann man sich die Einnahmen aus den Verkäufen teilt. Beide unterschreiben das, und fertig ist der Vertrag. (Das ist mir auch bei Konzerten lieber, es ist schon vorgekommen, dass ein süddeutscher Hardcore-Booker seiner Band andere Garantien aufgeschrieben hat als vereinbart. Da zeig ich dann lieber einen Vertrag vor.)

Trotzdem: Zweieinhalb Monate über einen Vertrag zu reden, das kam meinem Bauch verdammt lang vor. Ständig kamen Nachforderungen, und als ich eine Bedingung stellte und was verlangte, wurde das mit einer bösen E-Mail der Sängerin quittiert. Musste das so sein? Andererseits wollte ich unbedingt diese Platte machen, ich wollte ein Label starten, hatte es in meiner Gesprächigkeit auch schon jedem erzählt, der es hören wollte, und einigen, die es gar nicht unbedingt interessiert hätte.

Und ausserdem: War ich nicht mit der Band befreundet, sollte ich so etwas wie Böswilligkeit nicht von vorne herein ausschliessen? Mein Bauch war damals ganz schön weise und ich ziemlich blöd. Zumal mich diese „Vertragsverhandlungen“ auch gesundheitlich runterzogen, ich damals – zum Glück zum bislang letzten Mal – echte Depressionen bekam. Da hätte ich die Reissleine ziehen müssen, und zwar ganz unbedingt. Dennoch sagte ich meinem Bauch, er soll jetzt endlich mal den Mund halten.

Das Album erschien – und entwickelte sich zu einem ziemlichen Flop (es ist also kein Wunder, wenn der geneigte Leser die Platte noch nicht gehört hat). Das Album ist durchaus gut, keine Frage. Ich jedenfalls habe die CD damals rauf und runter gehört. Trotzdem hätte ich mir vielleicht denken können, das aus „Désinvoltura“ kein echter Renner werden würde. Warum hätte es auch anders sein sollen, in diesen Zeiten der CD-Brennerei und des Downloadings – wer kauft sich da schon das erste in Deutschland erhältliche Album irgendeiner slowenischen Band?

Natürlich hätte es auch ein bisschen besser laufen können, hätten Psycho-Path in Deutschland getourt. Aber für eine erste Tour, kurz nach Veröffentlichung der Platte, fanden sich nicht genügend Veranstalter. Also spielte die Band in Berlin und in Prag und fuhr dann wieder nach Hause. Schuld war – „natürlich“ – der Tourbooker, sagte die Band, und wollte einen anderen. Ich schlug einen anderen vor, doch das Ergebnis im September war ganz ähnlich: Es gab zwei, drei Shows in Deutschland, und das war’s dann auch.

Langsam wurde die Band ungehalten, erzählte mir von den blöden, ignoranten Deutschen, die eine Band nur deswegen nicht hören, weil sie aus Slowenien kommt (halt, warf ich vorsichtig ein, vielleicht ist es genauso ignorant, alle deutschen Musikhörer gleichzusetzen). Und überhaupt: Warum habe ich ihnen, schrieben sie, denn schon wieder solch einen schlechten Booker vorgeschlagen, der seine Arbeit nicht gut macht? Komisch, dass beide Booker mit anderen Bands viel mehr Erfolg haben. Könnte es an der Band selber liegen?

Ich habe das damals noch nicht begriffen, auch wenn ich das aus meiner Erfahrung als Konzertveranstalter schon hätte können müssen: Bands gehen mit Niederlagen ganz anders um. Es geht ja schliesslich um ihr ganz persönliche kreative Arbeit, die da ignoriert wird oder zumindest nicht die Anerkennung findet, die eine Band glaubt verdient zu haben. Das geht dann ganz tief ins Persönliche, bis hin zu der Frage, ob man vielleicht nicht gut genug ist.

Als Aussenstehender hat man es einfacher: Läuft ein Konzert nicht, kann man nach logischen Erklärungen suchen. Es war vielleicht zu heiss, um in einen Club statt in den Biergarten zu gehen. Oder es war so kalt, dass die potenziellen Besucher lieber Zuhause eine DVD gucken. Oder es spielen morgen Hot Water Music für 20 Euro in der Stadt, und die Leute sparen sich deswegen heute die sieben Euro für die noch nicht so angesagte Hardcore-Punk, die eigentlich viel aufregender ist als das letzte HWM-Album. Und so weiter. Oder auf eine CD-Veröffentlichung bezogen:

Vielleicht hätte es doch ein Label gebraucht, das 10.000 Euro in die Werbung steckt, in der Hoffnung, das was kleben bleibt. Vielleicht (mit Sicherheit) ist das Visions nicht so wichtig, wie es gerne möchte, und ein Artikel in dem Heft bringt nur bedingt was. Oder die Leute haben einfach keine 15 Euro mehr, um sich das Album einer unbekannten Band zu kaufen, weil in dieser Woche drei Platten von Bands erscheinen, die überall abgefeiert werden, und sie die unbedingt kaufen müssen. Vielleicht hätte die Band aber auch nicht monatelang so viele Ecken und Kanten an ihrem Sound abschleifen müssen, dass am Ende irgendwie jeder das Demo besser findet. Wer weiss. Das Geld ist nun eh verbrannt, woran es auch letztlich lag.

Für eine Band ist das nicht so einfach. Da wird dann alles dafür getan, den Schuldigen wonanders, beim Label, zu suchen: Warum hast du nicht mehr für Promotion getan? (Naja, ich hab doch…) Warum gibst du uns nicht 500 Euro für eine Touranzeige in England? (Weil ihr dort 20 CDs verkauft habt, und ich nochmal 80 CDs obendrauf verkaufen müsste, um das Geld wieder einzuspielen.) Warum gibst du das Album auf halbem Wege auf? (Mach ich ja gar nicht, aber wenn der Vertrieb 800 CDs Retour schickt, weil die Läden sie partout nicht – auch nicht zum Sonderpreis – verkaufen können, hat die wohl irgendjemand anderes aufgegeben.

Jemand der mehr vom Geschäft weiss.) Und so kam es, dass irgendwann die Freundschaft zerbrach. Vielleicht war es auch gar keine, vielleicht war ich tatsächlich nur Mittel zum Zweck, nämlich die einzige verbliebene Möglichkeit, ein Album herauszubringen, weil sonst keiner Interesse hatte. Das wäre vielleicht sogar okay gewesen, wenn wir alle damit Geld verdient hätten. Aber eigentlich wäre es auch das nicht: Eigentlich wollte ich immer ein Label machen, wo ich gute Musik von Freunden veröffentliche. Nicht nur einfach gute Musik von irgendjemanden. Aber natürlich auch nicht die schlechte Musik von Freunden. Deswegen bleibt da auch ein bitterer Beigeschmack. Und das Gefühl, etwas gelernt zu haben: Das nächste Mal höre ich auf meinen Bauch und breche solche Aktionen rechtzeitig ab.

Dietmar

Playlist für den Herbst:

Sopranos – DVD-Boxen

Angela McCluskey – ‚The Things We Do‘ CD

Wolf Parade – ‚Apologies To The Queen Mary‘ CD

Naked Raygun – alles

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STUFF IT

KAPITALISMUSDEBATTE TEIL 2:

Aber damit nicht genug! Zunächst hatten wir ja klammheimlich gehofft, die arrogante und selbstverliebte Tonträgerindustire würde an ihrer eigenen Profitgier ersticken. Leider kam dann das Jamba Spar-Abo und der Rest der Telephon-Kli(ü?)ngelei, der unseren Freunden bei der Sony etc. den Arsch gerettet hat. Offensichtlich von Mutter Natur aus mit hochinnovativen Visionen gerüstet beschliesst die Branche nun gerade:

„1. Der Veröffentlichungstag von Tonträgern wird von Montag auf Freitag verlegt.“

Wir sind begeistert und fragen an dieser Stelle, ob ein andauerndes Vorverlegen der Vö-Termine – vgl. Auszahlungstermin der Renten an die ältere Bevölkerung und dessen Verlegung nach hinten zur Rettung des Staatshaushaltes – zu einer Beschädigung des Raum-Zeit-Kontinuums führen wird, da dann tatsächlich die Hits von morgen bereits letzte Woche veröffentlicht worden sein werden. Ebenso brillant vermeldet Sony/BMG die zweite Säule der Strukturreform:

„2. Die Verkaufscharts werden anstatt freitags bereits donnerstags veröffentlicht.“

Erst einmal sind wir begeistert, wie einfach das Leben doch erfolgreich durchzuführen ist. Da wir alle aufgrund unserer vermaledeit guten Vorbildung wissen, dass die Verkaufscharts sowieso nur sehr wenig mit verkauften Exemplaren und sehr viel mehr mit Schmiergeldern, Radio und Video-Airplay in Verbindung zu bringen sind, stellt sich die Frage, was das denn nun soll. Die Auflösung bietet uns natürlich wieder unsere Freundin von der Sony:

„Für die Arbeit der Promotionabteilungen bedeuten die Neuerungen u.a. eine Verschiebung einiger Abläufe: So werden neue Produkte künftig statt bisher montags ebenfalls () am Freitag bemustert – auch hier ab 23.09.05. Möglicherweise möchten sie die Veränderungen, die in den nächsten Wochen unter dem Motto „Freitag ist Musiktag“ kommuniziert werden, mit eigenen Aktionen begleiten, um die Musikfans (bzw. ihre Hörer, Leser und Zuschauer) auf den neuen Vö-Tag einzustimmen?“

Stellt sich die Frage, wann denn nun ein guter Musiktag sei, wo doch Montag mal Kinotag war, jetzt aber Mittwoch ist – und ob man nicht die ganze Woche Musik hören sollte und ob tatsächlich Menschen dann am freitags in die Paläste stürmen, um neue Silberling als erste im Hinterhof zu besitzen. Und ist das aber letztlich latte, statt dessen freuen wir uns mit der Arbeiterschaft des Branche, die nun bereits das Tagwerk des Montages am Freitag erledigen konnte und daher montags zuhause bleiben sollte – finden wir zumindest – bei vollem Lohnausgleich.

NASENPROBLEME im Rock Teil 1,2 und 3:

In Berlin hat ein Ramones-Museum eröffnet, das habet Ihr sicher alle mitbekommen. Da gibt es dann einen Original Bühnenhandschuh von Joey („oh-oh-oh / sha-la-la-la / I don`t care) oder „eine Original-Bühnenjeans von Johnny Ramone“ (müffel), „die Sneaker von Marky Ramone“ (müffel zweiter Teil) und hoffentlich rein gar nichts von CJ Ramone (wer war das noch gleich?) zu bewundern. Das erinnert uns an Jon Waters gescheiterten Versuch, das Geruchskino einzuführen, da – sollten sich unsere Nasen noch richtig entsinnen – dann das ganze Kino nach dem Furz gerochen hat, der die anderen Gerüche dominierte.

Sinnvoller wäre es natürlich gewesen, die Ramones zu Lebzeiten zu Dottore Hans Richard Hoffmann zu schicken. Uns alten Allesfressern natürlich längst geläufig, hat sich jener mit einer neuen Marketingkampagne ins Rampenlicht gequetscht. Was das mit den Ramones zu tun hat? Nun, „Stars, Prominente und Spitzenführungskräfte können sich nun in Piemont einer speziellen Kokain-Therapie unterziehen, um der gefährlichen Droge zu entkommen. Bereits zahlreiche Prominente Italiens haben sich in der Privatklinik Centro Ippocrate von Doktor Hans Richard Hoffmann wegen Ihrer Kokainsucht behandeln lassen.

Der Klinikaufenthalt wird den individuellen Ansprüchen angepasst: Die wählbaren Kategorien reichen von Standard über Luxus bis Exklusiv, die ausgesuchten Mahlzeiten entsprechen ebenfalls den Wünschen des einzelnen Patienten. Das ganzheitliche Behandlungskonzept umfasst u. a. Laserohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll, ein Wellness und Fitnessprogramm zur weiteren Entgiftung. Verschiedene psychotherapeutische Methoden werden situationsadäquat eingesetzt. Die Kosten einer Behandlung belaufen sich pro Woche ab 5000 plus Extras. Die Therapiedauer richtet sich nach der individuellen Situation“ Gerade letzteres scheint im Hinblick auf die Kosten natürlich ein entscheidender Faktor zu sein.

Die Teilnahmegebühren an Dottore Hoffmanns Therapie dürften die Sieger des INNOVATION ROCKS Bandwettbewerbs wahrscheinlich noch nicht aufbringen können. Unsere stille Hoffnung, die subtile Lobby-Plattform „Forum Neue Soziale Marktwirtschaft`, die ansonsten ja jedes denkbare Medium bestens unterminiert hat, sei an diesem Klasse-Slogan schuld, wurde leider entkräftet, als wir dankenswerterweise erfahren durften, dass unser aller Superkonzern Siemens dahinter steckt, genauer dessen „Brandingplattform www.si-q.com“.

Wir wissen leider nicht, worum es sich bei einer Brandingplattform im Genaueren handelt, aber eine gewisse Angst vor den körperlichen Schmerzen der „Modern Primitives` entlockt uns ein „Autsch`. Worum geht`s? „Es werden sich Bands aus den Mitgliedsstaaten der EU um die 20 Votingplätze bewerben .

Hier kämpfen die neuen musikalischen Talente um die Gunst der Besucher und der Fans und versuchen möglichst viele Stimmen zu sammeln, denn am Ende werden die besten Vier in einem Finale in München Ende Januar vor einer ausgewählten Jury ihr Können und eigenen Stil unter Beweis stellen.“ Sofort horchen wie auf, wenn das böse Wort „Jury` fällt und betrachten Schindl- , pardon, Siemens Liste des Grauens:

-Mario Thaler – Produzent, Verhalf in seinem Uphon Studio bei Weilheim schon u.a. The Notwist, Slut, Sportfreunde Stiller, Conic und Console zu gutem Sound.

-Gregor Stöckl – Ehemaliger Geschäftsführer von Virgin Records und jetzt A&R Manager bei Pirate Records.

-Rainer Schaller – Girarrist der Band Slut und Pelzig.

-Stephanie Schönberger – JOY-Magazin Ressort Leitung Musik

-Natascha Augustin – A&R Warner/Chappell Music Publishing

-Achim Bogdahn – Bayern 2 – Zündfunk

Hier fällt vor allem auf, dass alle Jury Mitglieder – den Ramones somit nicht unänhlich – ihre besten Tage eigentlich hinter sich gelassen haben dürften. Vom Geschäftsführer zum A&R Manager, von den Notwist zu Console, vom Zündfunk zum Zündfunk, gut auch wir sind nicht immer Herr der Lage.

KEINE GEWALT KEINE GEWALT KEINE GEWALT Vol. 1

„our idea is to bring our interests in music, blood sports and survival to a radio program“

Wenn das kein Zitat ist, welches uns Althippies vor Angst am Kamin erschaudern lässt! Die Pressemitteilung erläutert das Konzept: Phil Anselmo(Superjoint Ritual) , Scott Kelly (Neurosis) & Eugene Robinson (ein jahrelanger Fighter).

Scott Kelly übernimmt die musikalische gestaltung und wird ausserdem news und interwies zum thema bloodsports beitragen. musikalisch werden sowohl alte als auch aktuelle erscheinungen im underground metal, punk und noise gefeatured.

Eugene Robinson, ein praktizierender kämpfer der seit jahren im „kampf spiel mitmischt und auch für das magazin „Grappling die monatliche „Damage Ink“ kolumne schreibt, wird sich auf die NHB, gemischte martial arts, und street fighting konzentrieren.

Phil Anselmo, eine „encyclopedia of boxing knowledge wird sich um alle belange des guten alten boxens kümmern.

Eigentlich dachten WIR immer, dass die Mitglieder von Neurosis fürs Haschrauchen und ähnliches Tätigkeiten taugen, nicht notwendigerweise aber fürs Survival (oder doch? I and I survive?). Schillernd die Person des Eugene R., eines echt miesen Masserfaggers, der sich in den Ghettos der Nord- Und Südhalbkugel einen schaurigen Ruhm erarbeitet hat. Wir ersparen uns eine genaue Nennung der Internetseite, schliesslich ist das Verlinken von solch bösem, unartigen Zeugs garantiert irgendwo unter Strafe gestellt.

Wer auch mit solchem Müll belästigt wird, darf es vertrauensvoll an pj1@gute-stute.com schicken.

***

What part of „amount of shit“ you don`t understand?

95% aller Menschen, die studieren, sind scheisse. 95% aller Menschen, die Lohnarbeit machen, sind scheisse. Fünfundneunzig Prozent aller Menschen, die Männer sind, sind genauso Mist wie 95% aller Menschen, die Frauen sind. 95% aller Menschen, die sich vegetarisch ernähren, 95% aller Menschen, die HCSKAREAGGAERASTAFARISCHLAGER-HEAVYTECHNOELECTRO-GRIND-SURFMOSHPSYCHOBLITYCOREGABBA-PUNKHIPHOPSLAYERACDC-Musik hören, 95% aller Menschen, die Konzerte in AJZ`s veranstalten dito.

Fünfundneunzig Prozent aller Menschen, die gleichgeschlechtliche Liebe bevorzugen, sind scheisse. Fünfundneunzig Prozent aller Menschen, die aus anderen Nationen kommen, fünfundneunzig Prozent aller Menschen, die Behinderungen haben, sind scheisse. 95% Prozent aller Menschen, die aus finanziell schwachen Schichten kommen sind genauso scheisse wie 95% aller Menschen, die aus reichen Schichten kommen, und genauso scheisse wie 95% aller Menschen, die eine weisse oder eine schwarze oder eine sonstige Hautfarbe haben. 95% aller Eltern sind scheisse, genauso wie fünfundneunzig Prozent ihrer Kinder. 95% aller Geschwister = Mist. 100% aller rechtsradikalen denkenden und handelnden Menschen sind Mist.

5% aller Menschen, die Eltern sind, sind toll. 5% aller Uni Profs sind super. 5% aller HC Bands und Punk Bands früher und heute sind super. 5% der Menschen, die sich vegetarisch ernähren sind super. 5% der Menschen, die Lohnarbeit als Polizist machen, sind super. 5% aller derjenigen, die sich vegan ernähren, sind super. 5% aller Fanzines sind gut. 5% aller Labels sind toll. 5% aller Frauen sind super. 5% aller Männer sind super. 5% aller behinderten Menschen, Lesben, Schwulen, AIDS Kranken, Flüchtlingen, Migranten, sind super. 5% aller Menschen, die studieren, sind super, 5% der Menschen, die Lohnarbeit machen, sind super. Und was macht man mit den anderen 95%? Akzeptieren. Und was heisst überhaupt „super“?

Kritikfähigkeit, geerdete Menschen, im positiven Sinne „normale“ Menschen, die normal behandelt werden wollen und andere normal behandeln. Mit Respekt. Gleichberechtigung. FITT IN DER BIRNE. ALLES andere, die Hautfarbe, die Behinderung, die Kurz- oder Weitsichtigkeit ihrer Augen, ihr Geschlecht etc,, ist Egal, bzw. macht sie weder besser (im Sinne von positiven Rassismus) oder schlechter (im Sinne von Rassismus). Merkt euch das! Und handelt danach! Seid Teil des Problems oder Teil der Lösung und die Entscheidung dafür dauert nicht „5 Seconds“, wie es MC 5 1969 noch meinten, sondern z.B. bei mir mal eben 27 Jahre, bis ich in der Lage gewesen bin, soweit wie hier im Denken konsequent zu kommen.

Wenn ein Bandkollektiv aus Kolumbien im Leverkusener AZ auftritt, und alle so gutmenschenartig dazu tanzen, weil „Die sind ja so nett“ und „kommen alle aus dem harten Ghetto“ und wenn diese Band im Hintergrund sicherlich wichtige Videoprojektionen über die imperialistische US amerikanische Drogenpolitik in Kolumbien laufen lassen, dann kann ich mir diesen idyllischen Haufen maximal 15 Minuten angucken, ohne mir zu denken, dass bei meiner eigener Band im Hintergrund eine Videoprojektion mit Pornos von Gina Wild laufen muss, allerdings ist die Idee nur in der Theorie gut, denn man denke an die australische Band Rupture, die vor einer Hakenkreuzflagge aufgetreten sind, um zu provozieren, aber so einfach geht`s auch wieder nicht.

95% deren, die diese zeitlose Kolumne lesen, denken, dass der Verfasser menschenverachtend und intolerant ist. 5% wissen, dass der Verfasser eine begrenzte Auswahl an Zahlen getroffen hat, die nie in einer sozialwissenschaftlich empirisch durchgeführten Statistik auftauchen werden und dass eine realistische Sicht der Dinge wichtig ist. 5% wissen, dass Tolerant sein der Kern der Erziehung im Kapitalismus ist: man soll zu allen und jedem tolerant sein, immer Ja sagen, immer gut drauf sein, immer positiv denken, immer immer immer.

Und man soll bloss keine Werturteile fällen, denn sonst würde man gar nie mehr die Rolle ausfüllen können, die man seit Kindergarten / Schule / Uni oder Ausbildung im Betrieb / im Leben jeden Tag in die Fresse gedrückt bekommt: Schnauze halten und kaufen. Bloss nicht nachdenken, dass man viele Sachen nicht braucht, weil sie totaler Schund sind. Fange nie an aufzuhören.

In der Endsumme ergeben alle 5% aller oben aufgeführten super Menschen insgesamt wieder 100%. The Kids are the future, you can see it in their eyes, we must overcome this world if a better world is to survive. Rock for light and flex your life! Talk – action = 0. Action without thinking = 0. Think and act and think about your acts and act bewusster.

Dazu passt auch folgende hübsche Rand-Anekdote: zwei ausgeführte Interviews fürs Trust wurden abgelehnt: mit Willi Wucher führte ich Ende April diesen Jahres in Dinslaken ein schönes und geerdetes Gespräch. Trust intern wurde jedoch bekundet, dass man sich sicher ist, dass „Bodychecks“ doch mehr war, als eine nach rechts offene Skinheadband und letztendlich es halt nicht interessant ist, ein Willi Wucher Interview im Trust zu haben, was ich allerdings sehr interessant gefunden hätte, ein eher dem Plastic Bomb (vom Musikgeschmack her) zuzuordnendes Interview im HC-Heft Trust zu haben.

Aber akzeptiert. Nicht akzeptieren konnte ich das am selben Abend im Tourbus von Rambo neben dem AZ Mühlheim an der Ruhr geführte Interview mit eben jenen Rambo, polit-hc aus USA. Mitten im Interview bekundete der Sänger seine Antipathie gegen die Raucher in den europäischen Konzertsälen so vehement, dass ich meinte: „if you can’t stand that people in europe smoke inside clubs, then don’t tour in europe“.

Er verdeutlichte mir dann den Effekt, den Zigarettenrauch auf ihn als Nichtraucher hat, in dem er mit spontan den Inhalt seiner Bierflasche über dem Kopf entleerte. Leider war ich zu dicht, um das Interview konsequent abzubrechen, aber mal ehrlich: das Bild war schon gut, nur, bei Drogen die nicht so einen direkten Effekt auf den haben, der diese Droge nicht nimmt, sind aber doch ganz andere Effekte zu konstatieren, als das heisere Rostkehlchen: wenn wir alle Heroin nehmen würden, dann hätte Rambo eher das Problem, dass ihr Tourbus wegen Beschaffungskriminalität geklaut werden würde.

Rauchfreie Konzerte unterstütze ich als Raucher selber, wenn es denn darum gehen sollte. Aber hey, es gibt auch sowas wie social skills oder eben keine und Rambo, finde ich jetzt, haben keine. Am witzigsten ist doch, dass man so eine Aktion von Willi Wucher erwarten würde, der völlig geerdet rüber kam, und nicht von der Politfraktion. But that’s life, ya know? Never judge a book by its cover. Ich wünsche euch ein schönes Leben.

Lieben Gruss
Jan Röhlk

 

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