März 14th, 2007

Kolumnen Dolf, Torsten, Daniel, Stone, Dietmar, Tom (#105, 04-2004)

Posted in kolumne by andreas

DOLF

ICH GLAUB ICH KOTZ so hiess nicht nur die Kolumne vom ehemaligen Mitstreiter Tomasso, so geht es auch mir, täglich, immer öfter. Stündlich, sozusagen. Und damit meine ich jetzt gar nicht die Scheisse die täglich durch die Nachrichtenkanäle gespült wird, von den andauernden Attentaten geistig umnachteter religiöser Fanatiker bis zu der Verschwendung von Millionen Euros oder anderer Währungen für unsinnigen Quatsch oder eben in die eigene Tasche. Und die ganze andere Gülle an Nachrichten die man dazwischen noch mitbekommt – hab ihr gehört, Ken & Barbie haben sich getrennt…. Nein, ICH GLAUB ICH KOTZ wenn ich mir die Musiklandschaft ansehe.

Hier meine ich nicht die Mainstream-Musiktagesgeschäft Industrie, weil es mich halt nicht interessiert ob ein Tim Renner seinen „Kampf“ aufgibt oder ob ein Thomas M. Stein gefeuert wird. Auch wenn ich zugeben muss das im Nachfeld dann doch ganz sympathische Texte in der Tages/Wochenpresse auftauchten die sich mit der Thematik auf „professinonelle“ Weise beschäftigten. Hüettlin im „Spiegel“ bekleckerte sich zwar nicht grade mit Kritik am Business, dafür sagt aber Niemczyk in der „taz“ wirklich klare Worte:

„Mit dem derzeitigen Personalexodus verschwindet – rein strukturell betrachtet – auch die Generation der Puffgänger und Föhnfrisuren im Popgeschäft“ und Bruckmaier in der „Süddeutschen“ bringt eine klasse Analyse des Tonträgermarktes aus historischer Sichtweise „Das gesungene Wort in seiner aufgezeichneten Form befand sich also von Anfang an in den Händen von Krämern und Technokraten, denen es herzlich egal war, was aus den Trichtern ihrer Talking Machines trötete.“ Besorgt euch mal die Artikel, kann ich empfehlen. Kommen wir aber zu dem Teil der Musiklandschaft den ich meine, die Szene, oder meine Szene oder wie auch immer.

Ihr wisst schon: Punk, Hardcore, Underground. Hier war ja noch nie Platz für Krämer und Puffgänger – zumindest sollte der hier nicht sein. Aber der Reihe nach: Band, Konzert, Label, Fanzine. Das sind die 4 Hauptausdrucksformen im Musik-Underground mit denen Gefühle, Wut, Ideen, Meinung, Revolution, Andersein, Haltung, Politik, Kreativität, Leben, Ethos und Spass zum Ausdruck gebracht werden. Warum gründet man eine Band? Weil man Bock hat Musik zu machen und der Welt mitzuteilen was sich im Kopf abspielt, oder um die Hörer vor den Kopf zu stossen. Warum veranstaltet man Konzerte? Weil kein anderer die Bands die man gerne sehen will macht, oder weil man Konzerte in einem nichkommerziellen Rahmen, dem Rahmen einer Gegenkultur machen will, weil man dabei Spass hat.

Warum gründet man ein Label? Weil man Bock hat wirklich geile Bands, die sonst keinen interessieren, Bands mit einer Message und einem Anspruch an kreativiät unter die Leute zu bringen und zwar ohne sich an geltende Regeln zu halten. Warum macht man ein Fanzine? Weil man Bock hat seine Meinung kund zu tun, Leuten Bands, Künstler, Themen näher zu bringen über die sonst nirgends berichtet wird, weil man Lust hat auf kreativtiät und Spass über Musik zu schreiben. Letztendlich dreht es sich immer um das selbe: Herzblut und Leidenschaft gepaart mit Charakter und Stil für etwas was einem wichtig ist.

Zeit und Geld investieren in die Kunst, die Idee. Das klingt ja erstmal alles prima, im Laufe der Zeit geschieht dann mit der investierten Zeit und dem Geld was – oder eben nicht, aber das ist ja sowieso erstmal nebensächlich – es geht ja um, sagen wir mal: das Projekt. Sollte man denken, leider scheint auch unsere Szene immer mehr von „Krämern und Puffgängern“ durchzogen zu sein. Das ist nichts neues, dennoch kotz es mich immer noch und grade derzeit an. Band, Konzert, Label, Fanzine all das kann man nämlich auch aus einem anderen Grund machen, einer Hauptintention: Geld verdienen -und das ist die falsche Motivation. Denn wenn Geld an erster Stelle steht dann stehen Gefühle, Wut, Ideen, Meinung, Revolution, Andersein, Haltung, Politik, Kreativität, Leben, Ethos und Spass allerhöchstens an zweiter Stelle und meistens kommt nach Geld erstmal Geld, dann lange nichts und – wenn überhaupt – erst dann alles andere.

Hey, versteht mich nicht falsch, ich hab erstmal nichts gegen junge, oder alte Jung- Unternehmer die erstmal (oder mittlerweile) ans Geld verdienen denken, aber diese Rendite-Typen sollen sich aus der Szene verpissen. Genausowenig hab ich was gegen Bands die mit ihrer Musik Kohle verdienen oder Labels damit das sie Musik veröffentlichen – wenn sich das so entwickelt – umso besser. Das sind dann meist die Leute mit Charakter, Geschmack und Stil – während die Geschäftsleute eben erstmal an Geld denken und dabei bleibt alles andere auf der Strecke. Aber der Geschäftsmann muss ja Geschäfte machen und deshalb macht er immer weiter, egal wie, Hauptsache im Geschäft bleiben.

Es gab wohl noch nie soviele Bands wie heute, aber noch nie gab es so viele „Punk“-Bands bei deren Gründung schon daran gedacht wurde davon mal zu leben und reich und berühmt zu werden – dementsprechend ist die Zahl vollkommen überflüssiger Bands heute auch so hoch. Denn ihre Intension ist Berühmtheit und Reichtum und nicht individuelle kreativität. Ausserdem machen die meisten Bands viel zu früh Cds, bzw. proben nicht lange genug, bevor sie sich auf die Bühne wagen.

Viele Bands sollten mal länger im übungbunker bleiben und Demos für ihre Freunde aufnehmen, bevor eine weitere unausgegorne „echte“ Scheibe rausgebracht wird. Etwas anders sieht es auf dem Fanzine „Markt“ aus, hier scheinen sich die „Krämer“ nicht so recht zu trauen, da kein schnelles Geschäft möglich ist bzw. der Markt abgedeckt und aufgeteilt ist. (im Internet sieht das wieder anders aus, aber das lass ich hier mal weg) Aber auch hier gibt es Ausnahmen, wenige, aber doch immer wieder. Ich mein, mal ehrlich, wenn sich junge Leute heutzutage vornehmen ein „Musikfanzine“ zu machen und sofort dran denken wie und ob sie damit Geld verdienen, oder gar damit ihren Lebensunterhalt finanzieren wollen – dann muss doch Müll dabei rauskommen – oder eben nur ein weiteres „Mainstreamblatt“ in diesem Fall könnte es einem egal sein, überflüssig ist es aber dennoch.

Und die Konzerte? Im letzten Trust wurden für den Zeitraum ab Februar über 150 Tourneen angekündigt. Alle Bands, von Underground bis zu Alternative an Spielorten von Stadthalle bis ins kleinste Dorfjuz. Selbstgebucht oder von sogenannten „Agenturen“ – allein im letzten Heft sind das über 30 dieser „Agenturen“ -deutlich am meisten (im vergleich zu Labels und Fanzines, am meisten gibt`s natürlich Bands) und es scheint auch das in der Rubrik Konzerte die Anzahl an „Krämern“ am höchsten ist – warum? Liegt auf der Hand, weil man hier – vermeintlich – am schnellsten Geld verdienen kann und sich im günstigsten Fall auch noch profilieren kann – denn, der Krämer ist ja auch Kaufmann und somit was besonderes.

Und so machen dann unzählige Bands Musik, finden immer Krämer die aus den falschen Gründen die Musik veröffentlichen oder die Band auf Tour schicken und das wird dann begeleitet von der gesamten Musikpresse und schon haben wir, was keiner will. Musikbusiness – wo es sicher auch mal nicht ums Geld geht, aber eben immer vorrangig. Die Frage ist ja auch was diese ganzen Musik-Krämer qualifiziert, wie werden Bands für das Label, die Tour oder das Heft ausgewählt?

Die Antwort ist ganz einfach – nichts, niemand braucht eine Qualifikation – wäre ja auch noch schöner, wenn man zuerst ne Lehre machen müsste um in einer Punkband zu spielen oder die Scheibe ’ner befreundeten Band rausbringen will. Dennoch, weil die Krämer Geld verdienen wollen gibt es so viele überflüssige Bands, Labels und logischweise auch Konzerte. Und weil es den Geschäftsleuten auch egal ist mit wem sie wie zu welchen Bedingungen arbeiten – Hauptsache der Umsatz läuft – wird das ganze beliebig.

Von loyalität ist höchtens im zusammenhang mit Geld die rede. Es kommen immer mehr Krämer hinzu und alle sind schön am verkaufen. ICH GLAUB ICH KOTZ, kann ich dann hier nochmal einwerfen. Durch diese Beliebigkeit gibt es keine Grenzen mehr, Genrefremde Krämer (hallo Alcopopsverkäufer, Zigarettenverkäufer, Sportartikelverkäufer & co) kommen ins Spiel und plötzlich ist die „Punkband“ umgeben von Aktiengesellschaftern und spielt dennoch im „alternativen“ Juz. Das ist nun wirklich ein grosser Haufen scheisse, denn hier wachsen Dinge zumsammen, die nicht zusammengehören.

Da sie aber letzendlich alles nur Krämer sind, macht es schon Sinn das die alle zusammengehören – nur eben leider auf kosten unserer Szene. Gefühle, Wut, Ideen, Meinung, Revolution, Andersein, Haltung, Politik, Kreativität, Leben, Ethos und Spass bleiben auf der Strecke, was zählt ist im günstigsten Fall neben dem Geld noch der Spass – aber letztendlich machen doch alle nur ihren Job. Ich wollte noch nie jemand auf einer Bühne sehen der das was er da tut in erster Line als seine Arbeit betrachtet. Geld mit seiner Leidernschaft zu verdienen ist wieder was anderes, nur damit mich niemand falsch versteht. Wichtig ist die Reihenfolge der Prioritäten.

Ich will wieder mehr Charakter, mehr Ehrlichkeit, weniger Geschäftsmänner in der Szene. Bands müssen verstehen das sie nicht – nur weil sie Musik machen – auch ein „recht“ haben ihren Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Labels müssen wieder mehr Geschmack beweisen und Bands die aus Geschäftsleuten bestehen gleich rausfiltern, damit die nirgendwo landen, oder eben da wo sie hingehören, bei der Musikindustrie. Dann gibt es auch nicht mehr so viele Konzerte mit überflüssigen Rendite-Typen als Veranstalter die Unmengen von Bands hierherspülen die letztendlich auch nichts anderes wollen als Geld verdienen.

Oder anders, weniger Labels und weniger Veranstalter bedeutet auch automatisch weniger schlechte Bands – die sich im günstigsten Fall dann auflösen und mit Aktien handeln, oder so. Genau, alle die alles aus den falschen Gründen machen hören damit jetzt auf, oder verpissen sich ins Musikbusiness. Vielleicht brauchen die dort eine neue Generation von „Puffgängern und Krämer“ – wir hier brauchen die nämlich in jedem Fall nicht. ICH GLAUB ICH KOTZ! Wer sind diese windigen Typen überhaupt, sind das die Kinder von Essner und Ackermann, oder eher deren potentielle Nachfolger?

***

TORSTEN

VON INNEN NACH AUssEN

Neulich habe ich mal wieder ALMOST FAMOUS gesehen, ein ganz hervorragender film wie ich finde, aber das soll hier nicht das thema sein. Vielmehr wurde ich an etwas erinnert, über das ich mich schon länger mal auslassen wollte. Das verhältnis musiker vs fan nämlich, sowie der universelle irrglaube, man könne als fan, fanziner oder anderweitig bekloppter eine real existierende freundschaft zu jenen menschen aufbauen, denen man mehr als einmal durch die halbe republik nachgereist ist.

gerne wird sich ja zum beispiel eingebildet, man sei down mit dieser oder jener band, da man im band bus auf tour mitgefahren ist, seit jahren die shows oder die ganze tour bucht, immer mit herzerwärmenden begrüssungsriten empfangen wird, den eigenen namen auf irgendwelchen THANK YOU listen wieder findet, schon seit jahr und tag auf der gästeliste steht, ständig sülz wie MY BEST FRIEND aufgetischt bekommt und mehr als einmal so viel backstage bier in sich hinein geschüttet hat, wie die ganze band zusammen nicht.

Klar, ihr seit total down mit XXXX (hier die band deines vertrauens eintragen). Nur was bedeutet das unterm strich? Darf man dieses `down sein` tatsächlich mit jener art von freundschaft verwechseln, wie man sie zum beispiel in seinem engsten sozialen umfeld pflegt? Ich denke nicht. Natürlich klingt das immer gut vor anderen, wenn man seine mickrige wenigkeit damit aufzupolieren versucht, dass man sagt: „Hey, band xy spielt heute im xyxz. Das sind freunde von mir“. So so , das sind also freunde von dir. Interessant.

Melden die sich denn mal bei dir ausserhalb einer tour? So ganz von selbst meine ich, ohne `business` bezogene hintergründe versteht sich. Bekommst du hier und da e-mails oder wirst angerufen? Nein, natürlich nicht! Wenn überhaupt ein lebenszeichen von deinen `freunden` kommt, dann ist es, darauf gebe ich dir brief und siegel, eine Reaktion auf eine von dir initiierte kontaktaufnahme. Oh, du meinst bei dir sei das aber ganz anders. in diesem fall gibt es nur drei möglichkeiten:

A) Du bist zu blind zu erkennen wie es wirklich ist.
B) Du bist teil der business- oder underground infrastruktur und somit auch zu blind.
C) Du stellst tatsächlich die ausnahme dar, die bekanntlich noch jede regel zu bestätigen wusste.

Machen wir uns also nichts vor. Freundschaften, wirkliche freundschaften, entstehen nicht zwischen tür und angel. Sie entstehen nicht auf tour, wo man schnapsnasig ein bis zwei wochen mit einander um die häuser zieht, und auch nicht in der virtuellen welt, wo man mal ein interview macht oder anderweitig kontakt pflegt. Vor allem aber entstehen freundschaften nicht mit leuten, für die man, wir erinnern uns an FIGHT CLUB, ein `single serving friend`, ein `einwegfreund` ist. jemand, der einem für eine absehbare, fest definierte zeit das gefühl von sozialer geborgenheit verschafft. Quasi die tankstelle mütterlicher nestwärme in stadt A darfst du diesen job übernehmen, möglicherweise auch in stadt B, so du denn die mühsal auf dich nimmst, auch dort präsent zu sein.

Was ist aber mit den restlichen buchstaben des alphabets? Dort wirst du durch andere tankwarte ersetzt, ob es dir gefällt oder nicht, ob du es einsiehst oder nicht, es ist so, glaub`s mir. du bist lediglich eine nette erinnerung, ein weiteres glied in einer endlosen kette aus tourbekanntschaften, die in ihrer essenz so bedeutsam sind wie jährliche urlaubsphotos. Verstaubt, vergilbt, vergessen und bestenfalls hin und wieder mal hervorgekramt, um mit den worten `ach weisst du noch, damals` genau so schnell wieder ad acta gelegt zu werden wie der schnee von gestern. Out of sight out of mind eben. Wirklich verwunderlich ist das natürlich nicht.

Für eine band heisst es schliesslich: rein in die stadt – raus aus der stadt – rein in die stadt – raus aus der stadt – rein ein routinierter kreislauf, bei dem es gilt, die anflüge von isolation und tristesse so gut es geht durch örtliche zugehörigkeitsgefühle in den hintergrund zu drängen. Du bist also nur mittel zum zweck, der buddy, der die lebensqualität erhält. Ein bisschen so wie der animateur auf einer billigen partyinsel im mittelmeer. Ein wirkliches interesse an dir, deinem leben, deinen aktivitäten, deinen gefühlen, deinen ansichten, deinen ängsten, deinen perspektiven etc. besteht auf dauer nicht. Alles ist beschränkt auf die kurze zeit des gemeinsamen exzesses. Und das, obwohl du so viele gemeinsamkeiten siehst zwischen dir und der band.

Diese texte, die genau das sagen, was du fühlst und denkst. Diese musik, die besagte inhalte perfekt zu tragen weiss. Dieser impuls, der dich tief innen pakt und dir weiss machen will, dass du und die menschen hinter dieser musik im wirklichen leben die besten freunde sein könnten. Ich kann dazu nur sagen, mach dir nichts vor. Du bist fan, du liebst das was andere tun. Du bist glücklich mit einer band auf den putz hauen zu können, gemeinsam mit ihnen dinge zu erleben: für kurze zeit dazuzugehören.

Es gibt keinen grund dich dafür zu lieben oder gar eine freundschaft mit dir aufzubauen. Man mag dir vielleicht das gefühl geben, respektiert zu werden, aber das ändert auch nichts daran, dass es sich zu 99,99% um eine reine zweckgemeinschaft handelt, die, abhängig von deinen infrastrukturellen szene aktivitäten, von beiderseitigem nutzen sein kann. abseits der musik aber bist du als freund irrelevant. Und wenn du ganz ehrlich zu dir selbst bist, dann wären auch die musiker ohne ihr schaffen für dich kaum einen pfifferling wert. überhaupt ist dies eine recht interessante frage, die man sich mal bei all seinen `freundschaften` stellen sollte. Was bleibt unterm strich noch übrig, wenn man die offensichtliche gemeinsamkeit, das eigentlich bindende element, ausklammern würde? es sollte mich nicht wundern, wenn das ergebnis bei vielen ziemlich erschreckend ausfällt.

Plötzlich nämlich erkennt man, auf welch wackligen bzw. fragwürdigen füssen eine so genannte freundschaft doch steht. Mitunter tun sich sogar abgründe auf, die so manche beziehung auf einen reinen kosten/nutzen effekt beschränken. Frei nach dem motto, wenn ich kontakt zu dir halte, bringt mir das diesen und jenen vorteil. Alles nicht unbedingt verwerflich, nur hat das eben mehr mit vernetzung und positionierung als mit freundschaft zu tun. jeder bringt sich in stellung, sucht sich das spotlight, dass ihm am vorteilhaftesten erscheint, gut getarnt als freundschaft natürlich. Im günstigsten fall geschieht dies noch aus einer unbewussten wie grenzenlosen naivität heraus. Meistens jedoch dürfte es eiskaltes egoistisches kalkühl sein.

Ich hatte auch gerade wieder so ein erlebnis in New York, wo ich jemanden aus einer band nach etlichen jahren der funkstille wieder getroffen habe. Es folgte natürlich das übliche geschwalle von HEY MAN, GOOD TO SEE YOU. HOW ARE YOU? WE NEED TO STAY IN TOUCH. SEND ME AN E-MAIL blablabla ach ja? müssen wir wirklich in touch bleiben? So wie die letzten 6 jahre, in denen du dich auch nicht gemeldet hast, obwohl nun nichts leichter gewesen wäre, als kontakt mit mir aufzunehmen?… Nee schon klar, jetzt wo du eine neue band hast, müssen wir selbstverständlich unbedingt kontakt halten. Vor allem weil du gerade erfahren hast, dass ich noch immer regelmässig meinen senf in ein fanzine ergiesse. Ich hab`s so dicke, das glaubt kein mensch. Dieser ganze mist, diese substanzlosen szene- oder partybekanntschaften mit ihrer auf momentaufnahmen beschränkten halbwertzeit von mikrosekunden, sollen abhauen, verschwinden, einfach weg damit.

Ich spreche hier übrigens immer noch von der punk und hardcore szene, die oftmals für sich in anspruch nimmt, persönlicher strukturiert zu sein als der ganze mainstream rotz. Ganz schön traurig eigentlich, dass dem nicht so ist. oder anders herum gesagt, dass die in ihr aktiven kräfte sich diesbezüglich einen scheiss vom rest der welt unterscheiden.

So, und nun erzähl mir doch noch mal mit welcher tollen band du gerade befreundet bist

…WALK TOGETHER ROCK TOGETHER…

Epilog

HWM Konzert Bielefeld JZ Kamp 09.03.2004. eine einzige katastrophe: rockidiotenscheisse für 14 eintritt! wir sind nach 20 minuten abgehauen. Axel wäre glaube ich schon früher gegangen. die vorband namens Christiansen war auch unerträglich. wollten sich so bewegen wie Omar und Cedric von At the Drive-In und waren doch nur hartrockstümpah. beim ersten song fand ich`s noch interessant, weil es etwas hätte werden können, was es letztlich nicht war: gut nämlich… egal, viel schlimmer: HWM haben ihre songs verändert und hatten nahezu perfekten ROCK sound. jetzt weiss ich endlich was die leute bei der letzten platte meinten, wenn sie von stadion rock sprachen. diesmal wars genau das: rockmüll.

da war nichts, kein funke, kein feuer, keine verbindung zwischen band und publikum. alles wirkte zwanghaft bemüht, künstlich zusammengeflickt mit pritt. nur hält pritt eben nicht sonderlich gut, was die band bereits während des ersten songs komplett in ihre bestandteile zerbrechen liess. schon komisch, denn eigentlich wollte ich das konzert ja gut finden und bin positiv in den abend gegangen. hatte zuvor sogar nochmal die alten platten gehört, die ihre wirkung nicht verfehlten. ich war bereit für eine satte prise ungeschliffener herzlichkeit, in froher hoffnung, meinen kleinen arsch ordentlich gerockt zu bekommen. letztlich hat es das wohl nur noch schlimmer gemacht, denn ich hatte erwartungen. das ist echt `n scheiss gefühl.

du stehst da, kennst die songs und versuchst reinzukommen. aber es klappt nicht. ein krampfhaftes mitwippen folgt aufs nächste und du weisst genau, dass du eigentlich gerade gar nichts spürst. du denkst, es liegt an dir und schaust zu deinem nächsten rüber. das gleiche bild. ratlose verzweiflung, die das bemühen nicht verbergen kann, den alten jahrelang erspielten credit über das jetzt und heute zu stellen. vergeblich, es klappt nicht. die realität ist mächtiger als verklärende nostalgie, und plötzlich wird dir klar, dass der einzige noch mögliche weg der heimweg ist die band haben wir übrigens den ganzen abend nicht gesehen, das erste mal in mehr als 40 konzertabenden. man lief sich nicht über den weg und wir haben auch nicht nach ihnen gesucht, warum auch…

Es ist schon eigenartig wie man plötzlich kritisch anfängt alte beziehungen auf ihre eigentliche bedeutung hin zu überprüfen, wenn absehbar ist, dass man sein soziales umfeld in naher zukunft verlassen wird. Ich schreibe dies, um noch einmal deutlich zu machen, dass es nicht enttäuschtes oder gekränktes ego war, was zu dieser kolumne geführt hat. Schon gar nicht war es das HWM konzerterlebnis, denn es fand weit nach der eigentlichen kolumnenniederschrift statt. Seltsamerweise braucht es aber anscheinend wirklich diese situation von `ablaufender gemeinsamer zeit`, um bestimmte denkprozesse in gang zu setzen.

Klar, ich hätte in Bielefeld eigeninitiativ nach der band suchen können. Schliesslich haben wir in den letzten jahren verdammt viel spass miteinander gehabt. Nur warum hätte ich das tun sollen. Ich war schliesslich mit Axel unterwegs, also jener person, die man gemeinhin als BESTEN FREUND bezeichnet. Wir hatten einen super abend, haben uns unterhalten, gekrökelt, noch mehr unterhalten usw. Sprich, keiner von uns brauchte ablenkung vom anderen, oder war auch nur ansatzweise geneigt, das was wir hatten durch die präsenz dritter zu verwässern. Wir haben uns aufs wesentliche konzentriert und uns nicht in irgend welchem zeitvertreiberischen firlefanz verloren. Und genau dieses wesentliche ist es, was mir wohl schon sehr bald sehr fehlen wird.

Es wird nicht mehr so leicht sein mit Axel auf den putz zu hauen, mit Daniel Coyote Ugly zu gucken, Destinys Child zu hören oder auf den Kaliberg zu krabbeln, mit Anja tee zu trinken, bei Dolf an einem sonntagmorgen auf der couch mit einem polnischen porno neben mir aufzuwachen, der gerüchten zu folge ein tschechischer spielfilm mit RICHTIGER handlung sei, mit Olli und Addy volltrunkene filmabende zu zelebrieren, mit Ulf und Eileen autobahnraser zu imitieren, mit Mirko fussballassi zu sein oder bei Schlupp`s Martin ganz einfach nur gegen Werdah zu stänkern. Der verlust all dessen ist teil meiner ängste, die mich in letzter zeit immer häufiger schlecht schlafen lassen. Die trullah aus`m fernsehen hat natürlich trotzdem recht, wenn sie täglich verkündet, dass alles gut wird. Nur ändert das eben auch nichts daran, dass man vieles überdenkt, wenn einem die zeit buchstäblich zwischen den fingern zerrinnt

Kommando Rotation:

These Arms Are Snakes – This Is Meant To Hurt You (Jade Tree / CD)

Pretty Girls Make Graves – New Romance (Matador / CD)

On The Might Of Princess – Sirens (Revelation / CD)

Shai Hulud – With Blood Ill (Revelation / CD)

Aeronauten – Zu gut für diese Welt (Lado / CD)

Challenger – Lethal Doses (Jade Tree / CD)

Kristofer Aström – Northern Blues (V2 / CD)

Grails – The Burdon Of Hope (Neurot / CD)

Envy – A Dead Sinking Story (Pias / CD)

Denali – The Instinct (Jade Tree / CD)

Black Eyes – s/t (Dischord / CD)

Kommando Flimmern

Verschwende Deine Jugend (Benjamin Quabeck)

A Tale Of Two Sisters (Kim-Ji Wun)

Donnie Darko (Richard Kelly)

Spider (David Cronenberg)

25th Hour (Spike Lee)

Uncoolster HC/Punk Fact der Saison

Ein deutscher underground booker geht dazu über, shows per höchstgebot zu vergeben. Welcome to ebAGE…

***

 

DANIEL

Montag vor zwei Wochen traf ich mich mit einem alten Freund, wir tranken Bier und Apfelwein, redeten über persönliches Unglück hier und ungewisse Zukunft dort. Ich kenne ihn seit über 20 Jahren und auch wenn wir uns in den letzten Jahren seltener sahen war unser Gespräch offen und beiderseits wohlgesonnen. Er war Zeit seines Lebens grosser Fussballfan und -spieler, wobei Letzteres durch einen Kreuzbandriss und wenn ich mich richtig erinnere noch weitere Knieprobleme beendet wurde, spielte aber immerhin mal mit dem derzeitigen deutschen Aussenminister und hat ihn garantiert auch einmal umgetreten.

Auch als Kind war er ständig im örtlichen Stadion, so dass es mich nicht verwunderte, dass er im Rahmen seines Jurastudiums auch Arbeiten über Fussball und rechtliche Probleme bei Spielertransfers ausleuchtete. Da er sehr zielstrebig und erfolgsorientiert denkt war es zwar schon eine grosse überraschung, aber kein Ding der Unmöglichkeit, dass er mit 30 Lenzen dann den Weg in das Business fand und dort an einer verantwortlichen Stelle sein Hobby zum Berufsumfeld gemacht hat. Da stand ich also wie schon so lange immer noch mit meinem Bier vorm Stadion und Freunde hatten den Laden schon infiltriert.

Ich nahm an, dass dies nicht von Fehler sein könne, da ich zwar keinerlei Interesse an den daraus sogar für mich vielleicht erwachsenden Vorteilen beanspruchen wollte und will, sondern so hier und da ein paar kleine „Zusatzinformationen` über die ach so heile Welt des Profisports erhaschen zu können. Nicht, dass ich damit selbst ein Teil davon werden würde, aber eine gewisse Informiertheit, die auch meinem persönlichen Hang zum runden Leder (ein Jever ins Phrasenschwein) unterstreichen könnte.

So hörte und höre ich interessiert den Aussagen meines alten Freundes, der mich selbstredend bediente und mit einigen grossen Schnorren nach Hause torkeln liess. Wie er da so sass und von Notwendigkeiten erzählte, mit den unterschiedlichen Interessensgruppen zu jonglieren, welchen Bärendienst wer wem erwies und welche Zeitung aufgrund der Schmutzkampagne gegen Verantwortliche mit ganzseitigen Anzeigen der anderen Verantwortlichen geschmiert wurden. Dass mein Lieblingsspieler eine menschliche Katastrophe sei, dass konnte er mir auch berichten, glücklicherweise wusste ich davon bereits durch einen anderen Freund, der mit selbigem Star die Schulbank drückte und selbigen auf der ein oder anderen Reunion-Feier sah.

Also sagte ich meinem Gegenüber, dass es demzufolge besser sei, an diese Details nicht zu denken, ginge es doch irgendwo um die Freude am Fussballgucken, die Emotionen, die kollektive Erfahrung, den Lärm (mit Ohrstöpseln, wie ich bereits den Zeilen diese Gazette anvertrauen durfte) und – das Bier. Die üblichen Kritikersprüche aus christlichen oder linksseitigen Zirkeln seien hier erwähnt, dass man echtes „Erfahren` in einem solch passiven Moment nicht verinnerlichen könne: Ja, ich mache lieber Kopfballtore selber als sie mir anzuschauen, nur um Euch zu beruhigen. Dass man so schnell nach dem Spiel auseinander ginge, dass kein Hahn nach einem krähen würde, wenn man dort nicht mehr hinginge: Alles richtig, alles gehört, alles unwichtig.

Was bleibt ist ein gefühlsmässiges Hoch, welches man sich aber, wie mein Gegenüber mir glaubhaft versicherte, die Klospülung herunterjagen könne, habe man erst seine Position erreicht. Mit jedem Härchen Information, die den genauen Ablauf des Brot-und-Spiele-Prinzips blossstellt, verliere man das bisschen Glanz in den Augen, welches nach dem Marsch durch die Institutionen noch übrig geblieben sei.

Das leuchtete mir sofort ein. Und da ich mich hier dann erst einmal als Individuum mit keinem übermässigen Hang zur Selbstkasteiung betrachte, bedeutet dies, in Zukunft um meinen Kumpel fachspezifisch den weitest möglichen Bogen zu machen. Mit jedem in der Bildzeitung veröffentlichten Gehaltsdetail eines brasilianischen Superstars fällt meine Hochachtung vor der sportlichen Leistung, und wenn sie nicht bei mir fällt, weil ich neulich im Spiegel gelesen habe, welch kolossale Netzwerke in ihrer Heimat diese meist aus der Gosse stammenden Schnicker unterhalten, so wird sie es bei Dir tun, wenn Du erfährst, wie ein rattenschwänziger Spielerberater zur persönlichen Bereicherung einen eher tumben Star zum Bankdrücker der Konkurrenten gemacht hat oder welche Vorlieben deutsche Linienrichter im Rotlichtmillieu verspüren.

Ich habe mich bei unseren Diskussionen entschlossen, dem Fussball weiter treu zu bleiben und meine Ignoranz der Wahrheit gegenüber meiner Freude beim Erleben zu opfern. Dies scheint mir der einzige Weg, mit Freude alt zu werden und mich nicht nervtötenden Theorie-Zerfleischungen über sweat-shop produzierte Hi-tech Fussballschuhe zu ergehen. Trinkpartner sagte, dass er in Zukunft gerne im gleichen Millieu arbeiten möchte, in dem er schon soviel für sich erreicht habe, aber doch ein wenig weiter weg vom Fussball, der läge ihm zu sehr am Herz, und der Einblick in die echte Welt wirke oft sehr verstörend und abschreckend. Das kann ich gut verstehen. Eben habe ich Torsten diese Kolumne testlesen lassen, aber er meinte, dass niemand darauf kommt, dass dies hier von Musik handelt. Deshalb habe ich das jetzt noch angefügt.

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Der zärtliche Zyniker II

29. Jan. 04

Spiegel Online auf Linie: „Ein fusionierter französischer Pharmagigant könnte es endlich mit den Amerikanern aufnehmen.“

Ein neues Jahr, und abgesehen von Dingen wie anderen, höheren Beiträgssätzen für Versicherungen und der erstmaligen Veranlagung (doch, so heisst es wohl) beim Finanzamt hat sich nichts geändert, zumindest nicht deswegen. Geändert haben sich in den letzten zwei Monaten immerhin wieder einmal meine Einkommensverhältnisse. Prekärer sind sie geworden. Gestern brachte ich deswegen wieder einmal CDs aus dem Haus und ward sie nur mit Mühe los. Weil der Tauschtarif immer noch günstiger als die Barauszahlung war, zog ich es vor, ein wenig altes Vinyl mitzunehmen.

Das Damens „Marshmallow Conspiracy“, Dylans „Desire“, „Rockin‘ Ethereal“ von der Jack Brewer Band, eine Compilation von Hourglass (eine Band von Duane und Gregg Allman vor der Allman Brothers Band), „Tantamount To Treason“ von Michael Nesmith, der auf der Rückseite statt Liner Notes lieber schreibt, wie man daheim Bier brauen kann, und „Iron Path“ von Last Exit waren mein Lohn. „Desire“ ist nicht so gut wie „Blood On The Tracks“, aber immerhin singt Emmylou Harris darauf. Mit Dylans Stimme klingt sie nicht so ätherisch, wie wenn sie mit Gram Parsons sang, dessen Organ auch weit weniger markant war.

„Arbeit Sonne Freiheit“ steht über einem Gartentor im Parzellengebiet zwischen grosser und kleiner Weser, durch das ich neulich spazierte. Von wegen Ficken und besoffen sein… Die unfreiwillige Askese macht mich wahnsinnig – manchmal jedenfalls fast. Dylan hörend fällt mir ein, dass ich mal dem einen Amendt gegenüber an so einem Tischchen im Zug sass, wie er gerade die Korrekturfahnen für ein Buch über Dylan durchging. „Blood On The Tracks“ beginnt, mir ans Herz zu wachsen.

„Wo steht der Dollar denn?“, fragt einer der Geschäftsmänner nebenan und schaut konzentriert auf einen Punkt einige Parsec überm Horizont. Es entspinnt sich eine Diskussion über die Konsequenzen des aktuellen Kurses für das eigene Geschäft. Ich höre einerseits extrem unauffällig zu, weil ich Kopfhörer aufhabe (um Dylan zu hören), verstehe aber auch nur wenig (weil ich Dylan höre).

Diesmal schien die Sonne auf die Schneeflecken, die es überall in der Stadt gab. Und ich musste nur wenig draussen herumlaufen. Und hatte trotz der ganzen Drinks gestern, drei Merlot nach dem Interview, drei Vodka im Anschluss, und eine halbe Flasche Crianza aus Navarra, keinen nennenswerten Kater heute Morgen. Jedenfalls war Berlin bei weitem nicht so deprimierenswert wie beim letzten Mal.

Jetzt kommt „You’re A Big Girl Now“, und das ist so ein verdammt schöner Song, dass ich versucht bin, ihn mir immer wieder anzuhören, Augen zu. „Our conversation was short and sweet…“ Einerseits sind diese Ge-chef-tsleute ja nicht anders als ich unterwegs, weil sie nämlich Geld verdienen müssen. Andererseits haben wohl die meisten ein anderes Verhältnis zu ihrer und Arbeit im Allgemeinen. Von der Wichtigkeit des eigenen Tuns überzeugt fällt ihnen die ganze Scheisse wahrscheinlich leichter als mir.

Die verspiegelten Fenster des ICE auf meiner Seite warfen das Sonnenlicht, das ungefähr von Osten oder Süden kam, direkt zurück auf den Wald am Schienenstrang, der ansonsten ganz schwarz und weiss da lag, dürr und transparent, kaum imstande überhaupt Licht zu halten (und es sogar wieder zu reflektieren – sonst hätte ich es nicht gesehen…).

(stone)

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DIETMAR

Es war wie Geburtstag und Weihnachten zusammen – wie damals als Kind, als man noch ganz aufgeregt war, obwohl man doch sowieso schon wusste, welche Geschenke es geben würde, weil man vorher die elterlichen Schränke durchsucht hatte. Dennoch war die Freude gross. Auch diesmal wusste ich, was es geben würde. Und vor allem, dass ich vor dem „Auspacken“ noch 32 Kisten von je neun Kilo aus dem Auto in meine Hinterhof-Wohnung tragen müsste. Aber das machte die Aufregung nur umso grösser. Da war sie also, die erste CD auf meinem neuen Label, völlig „antizyklisch“ (ich bin ja jetzt Labelboss, da darf ich solch ein Wort wählen) mitten in die Krise der Musikindustrie hinein gegründet.

Ein eigenes Label: Das wollte ich schon so lange haben. Als ich vor gut fünf Jahren das erste Mal At The Drive-In veranstaltete, dachte ich nur, ‚die müsste man jetzt fragen, ob sie nicht eine Single auf deinem noch zu gründenden Label machen wollen‘. Naja, ich habe noch ein halbes Jahrzehnt gebraucht, und vielleicht eine historische Chance vertan, tatsächlich damit Geld verdienen zu können… Es blieb stattdessen bei dem Wunsch, der wohl nie Wirklichkeit werden würde.

Und dann kam ich tatsächlich durch einen simplen Satz in einer Mail zu meinem vierten, vermutlich genauso unbezahlten Nebenjob. „Am liebsten würde ich euch ja anbieten, dass ich die Platte rausbringe“, schrieb ich Melée, der Sängerin von Psycho-Path, als sie mir vor ziemlich genau einem Jahr davon erzählte, dass ihr Ausflug in Major-Label-Gefilde schneller als gedacht endete. Da war die Industrie tatsächlich schon mitten in der Krise, und Universal in Berlin warfen rund 150 Leute an einem Montag einfach so vor die Tür, nachdem sie ihnen Monate vorher noch den Umzug aus Hamburg bezahlt hatten.

Klar, dass sie sich da von jeder kleinen Band trennen wollten. Also stand die Band, deren Demo ich damals schon seit ein paar Wochen rauf und runter gehört hatte, plötzlich ohne Label da. Und ich nutzte die Chance – erst etwas gedankenlos (wie sollte ich das alles bezahlen?), aber dann ganz bewusst.

Ein ganzes Jahr dauerte es danach, bis die CD endlich fertig wurde; wo ich das hier schreibe, sind es noch zwei Wochen hin, bis sie tatsächlich auch in den Läden steht. Ich ahnte ja, dass es viel Arbeit werden würde, solch eine CD zu veröffentlichen – so viel hätte ich dann doch nicht gedacht. Da muss ich an einem Samstagabend stundenlang das Artwork nach Fehlern durchchecken, weil das Booklet nun in den Druck soll. Meine Freunde sind da stattdessen im Franken oder im Wild at Heart.

Dann ruft Andreas (von Exile On Mainstream / Southern Records), ohne den das alles nicht möglich wäre, weil er mir bei wirklich allem hilft, freitags an, ich möge doch bis zum Montag 70 CDs brennen, damit wir ausländische Vertriebe bemustern können. Und das mit meinem Brenner, der es mit gutem Willen mal auf achtfache Geschwindigkeit bringt. Also hab ich mich das ganze Wochenende hingesetzt, leere CDs in den Brenner gesteckt und die fertigen auf einen langsam grösser werdenden Haufen gelegt. Ständig klappt irgendetwas nicht und löst sich dann mit einigem Bemühen doch in Wohlgefallen auf. Auch jetzt, so kurz vor Veröffentlichung, sind noch einige Probleme zu lösen, und ich ahne schon, dass das danach nicht besser wird.

Trotzdem: Das Gefühl, das eigene Logo zum ersten Mal auf so einer CD zu sehen, ist unbeschreiblich. Zu hören, dass die Band mit der bisherigen Arbeit absolut zufrieden ist, entschädigt für alle Mühen. Und dann die ersten Rezensionen zu bekommen und zu lesen, dass ich nicht der einzige bin, der die Platte toll findet, ist Balsam fürs Ego. Vor ein paar Monaten hatte ich noch gesagt, dass ich mir kaum vorstellen kann, noch eine Platte zu veröffentlichen. Schliesslich musste ich ja fünf Jahre auf die erste warten; warum soll es nun schneller gehen? Aber nun gibt es schon mehr Bands, die mich interessieren würden, als ich machen könnte… Im Spätsommer oder Herbst die nächste – das ist jedenfalls der Zeitplan. Und ich weiss, dass ich da genauso aufgeregt sein werde.
*
Ich habe nach meiner letzten Kolumne einige nette E-Mails bekommen, über die ich mich sehr gefreut habe, die ich aber aus verschiedenen Gründen (Berlinale-Stress, die Technik) bislang nicht beantwortet habe. Dennoch vielen Dank an diejenigen, die sich die Mühe gemacht haben, mir zu schreiben. Das hat mir eine Menge bedeutet!

Dietmar

Playlist:

(abgesehen von der Psycho-Path natürlich 🙂 )

Big Boy Crudup – ‚Crudup’s After Hours‘ CD

Boxcar Satan – ‚Upstanding And Indigent‘ CD

Pilot To Gunner – ‚Get Saved‘ CD

90 Day Men – live im Wild at Heart

Pläne machen für meine erste USA-Reise seit acht Jahren…

***

PUT ON YOUR SHITKICKERS AND KICK SOME SHIT

Sie muss unbedingt noch eine Postkarte an ihre Grossmutter abschicken. Die arme Frau hat ja sonst nichts zu lesen. Die Schlange im Postamt will derweil kein Ende nehmen. Beamte sind eine Spezies; in keinem Land der Welt grundsaetzlich anders. Drehen dir das „Schalter nicht besetzt“-Schild zur vollen Stunde ins Gesicht und lassen abrupt den Stempel fallen, weil die Zeit fuer die gewerkschaftlich geregelte Kekspause gekommen ist. Meine Zeit in dieser Stadt hingegen laeuft unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Der Schneesturm hat sich ein wenig gelegt, doch noch immer ist es bitterkalt. Menschen eilen gesenkten Blickes von A nach B, waehrend meine Hand sich um eine Flasche Brooklyn-Lager in brauner Papiertuete krallt, die Augen immer wieder die Uhr suchen und ich, wie ein gehetztes Tier in einem scheinbar grenzenlosen Kaefig, die Strasse auf- und abmarschiere.

„Komme nie zu spaet“, schiesst es mir durch den Kopf, TOM WAITS auf seinem „Alice“-Album, „welch` Glueck, stets einen passenden Song parat zu haben.“ Kurz muss ich an den chinesichen Undercover-Hilfspolizisten von gestern Nacht denken, der mich ruede anrempelte und am liebsten gleich eingebuchtet haette, weil ich ihm und seinem Vorgesetztem um halbzwei in der Fruehe in der U-Bahn-Station des Time-Square rauchend und trinkend ueber den Weg lief. Ihm auf seine Bemerkung, dass ich mich in Deutschland respektierlicher benehmen wuerde, entgegnete, dass er dort wahrscheinlich kein Polizist, sondern Koch gewesen sei.

Da zuckten die Haende schon gewaltig in Richtung Handschellen. Oh, Bruder, in welchen geistigen Gefilden befindet du dich so manches Mal? „I am a free citizen of the European Community“, hoerte ich meine Stimme fremdartig von der nahegelegenen Rolltreppe zurueckhallen. Wann ich die Stadt zu verlassen gedenke, wurde ich vom Vorgesetzten gefragt und ich musste nicht zweimal ueberlegen. „Gleich Morgen!“, worauf er mich beiseite zu einem Muelleimer fuehrte und mir ins Ohr raunte, „Du unterschreibst mir jetzt diesen Strafbescheid. 100 Dollars.

Was Du damit machst, bleibt Dir ueberlassen. Greifen wir Dich hier noch mal auf, bedeutet das U-Bahn-Verbot. You`re banned from the underground! Gute Nacht.“ Wieder schaue ich auf meine Uhr. Frage mich, „sind das die kleinen persoenlichen Revolten, die da bleiben“, frage mich, wann sie endlich aus dem Postamt kommt, noch Zeit fuer ein letztes Bier ist, wir lieber Taxi oder doch U-Bahn nehmen sollten, ich eigentlich gar nicht zurueck will, was passiert, wenn ich den Rueckflug einfach sausen, Job und Gleichschritt, Gleichschritt und Job sein lasse, frage mich, welche Anzeichen wohl der Himmel birgt, schaue hinauf, sehe nur Wolken, schaue hinab auf den Gehweg und kann gerade noch einem ueppiggen Haufen Hundekots aus dem Wege gehen.

Zwei Stunden spaeter sitze ich als letzter Eintrudelnder in der Abendmaschine nach Europa. Als Zeitueberbrueckung bis zum servierten Abendmahl und bevor das Atlantik-ueberbrueckende Hollywood-Programm anlaueft, bieten die Bordmonitore Allgemeinwissensfragen zum Mitraetseln an. Ich scheitere schon am ersten Hindernis:
„Welches Land hatte 1903 seine erste Nacktenkolonie? a) USA b) Frankreich c) Peru d) Deutschland ?

Was Dich auch rocken koennte:

DEPARTMENT OF EAGLES – „The Whitey On The Moon UK“ LP

PROBOT – DLP

FIREWATER – live im „Cox 18″/Mailand/22.02.03

RED EYED LEGENDS – s/t LP

ONEIDA – live im „Velvet“/bei Pordenone/26.02.03

THE FALL – „The Real New Fall: Formerly Country On The Click“ LP

URSULA RUCKER – „Silver Or Lead“ DLP

CATTLE DECAPITATION – „To Serve Man“ LP

JOHNNY CASH – „Unearthed“ 5-CD-Box

Tom Dreyer

 

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