Februar 23rd, 2007

ZEN GUERILLA (#80, 02-2000)

Posted in interview by andreas

Als ich irgendwann Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal Blues-Platten hörte, waren das nicht gerade sehr aufregende Veröffentlichungen. Ich erinnere mich noch daran, dass ich Eric Clapton oder Robert Cray mochte. Im Laufe der Zeit entdeckte ich aber immer mehr intensive Blues-Songs von Musikern wie Blind Lemon Jefferson, der vor mehr als 60 Jahren Musik machte und den ich nur von alten 78er Platten kannte.

When I started listening to Blues records for the first time sometimes in the middle of the eighties, there weren´t very interesting releases. I remember, that I liked Eric Clapton or Robert Cray. Over the years I found more intensive blues-songs by muscians like Blind Lemon Jefferson who made music sixty years ago and who I knew only from old records from 1978.

Und jahrelang hörte ich vor allem solche Musik. Das hat sich im Laufe der Zeit mit Punk und Hardcore geändert. Trotzdem (oder gerade deswegen) war ich ziemlich begeistert über „Trance States in Tongues von Zen Guerilla, die ich irgendwie vorher nie beachtet habe. Die Band verbindet Blues mit Noise und ist die ideale Symbiose beider Stile.

For years I listened to such music. That changed with Punk and Hardcore. Maybe that was the reason that I was totally excited about the „Trancer States in Tongues“ of Zen Guerilla, a band that I did not consider before. The band mixes Blues with Noise and is a brilliant symbiosis of both styles.

Eigentlich war dieses Interview ja schon für die Drogen-Ausgabe geplant. Leider war Marcus Durant, Sänger von Zen Guerilla, nicht unbedingt der Meinung, über solche Dinge in aller Öffentlichkeit zu plaudern. „Das ist Privatsache, erklärte er kategorisch zu Beginn unseres Gesprächs – da war auch kein Widerspruch mehr möglich. Schade eigentlich, denn der noisige Blues der Band verspricht eigentlich, dass Marcus da Einiges zu sagen haben müsste…

This interview was actually planed for our drugs-special issue. Unfortunately, Marcus Durant, singer of Zen Guerilla, did not like to talk about those things in public. „That is private“, he said at the beginning of our talk – no protest possible. Too bad because the noisy blues of the band implies that Marcus sure had to say something interesting to that topic…

 

***

 

Ich frage trotzdem mal: Wenn ich an Blues denke, denke ich vor allem an Alkohol, aber nicht unbedingt an andere Drogen. Ist da für Euch was dran?

Anyway, my question is: when I think of Blues, I mainly think of alcohol and no other drugs. Makes that sense for you?

Marcus: Ich denke, dass Blues viel tiefer geht als Alkohol. Eigentlich bestraft Alkohol den Blues. Blues kommt aus dem Kern deines Daseins und nicht aus irgendwelchen äusseren Kräften. Es hat viel mit deiner Vergangenheit zu tun. Blues ist ein Weg, Deine Gefühle auszudrücken. Ich verstehe den Blues, ohne ein Schluck Alkohol zu trinken.

Marcus: In my opinon Blues goes deeper than alcohol.  Actually, alcohol punishes the blues. Blues comes from the core of you existence and not from some external mights. Blues is deeply related to your past. Blues is a way to express your feelings. I understand the Blues without drinking alcohol.

Wie hast Du überhaupt angefangen, Blues zu spielen?

How did you begin to play Blues?

Marcus: Wir haben Zuhause immer sehr viel Soul, Gospel und Blues gehört. Ich komme aus einer gemischten Familie, mein Vater ist schwarz und meine Mutter weiss. Mein Vater hatte einen sehr grossen Einfluss auf die Musik, die ich höre. Durch ihn lernte ich zum Beispiel Ray Charles oder Otis Redding kennen. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, Blues-Platten zu hören. Ich wollte diesem Stil etwas zurück geben, weil mir Blues durch sehr viele schwere Zeiten geholfen hat.

Marcus: At home we always listened to a lot of Soul, Gospel and Blues. I came from a mixed family, my father is black and my mother is white. My dad hat s ahuge influence on the music that I listen to. Thorgh him I got to know for example Ray Charles or Otis Redding. I spent a lot of time listening to Blues-Records. I wanted to give that style something back because the Blues helped me through many hard times.

Was heisst das?

What does that mean?

Marcus: Wie gesagt, ich komme aus einer gemischtrassigen Familie. In den 70er Jahren, als ich gross geworden bin, war das nicht immer einfach. Diese Musik half mir zu verstehen, woher ich eigentlich komme und welchen Platz ich in dieser Welt habe.

Marcus: Like I said, I come from a mixed family. I grew up in the seventies, it was not easy back then. This music helped me to understand where I come from and where my place in this world is.

Überraschend finde ich, dass Du solche Musik machst, aber Zen Guerilla immer auf Labels gewesen ist, die nicht unbedingt für diesen Stil sehen: Alternative Tentacles früher und heute Sub Pop in den USA und Epitaph hier in Europa.

It is kind of a surprise that you make such music and Zen Guerilla were always on record labels who were not so known for that style of music: Alternative Tentacles back then and today Sub Pop in the USA and Epitaph here in Europe.

Marcus: Wir haben unsere Platten erst auf unserem eigenen Label rausgebracht, was Spass machte und eine Herausforderung war. Dann lernte ich Jello Biafra kennen und durch ihn Alternative Tentacles. Das war mit ihnen genauso wie anschliessend mit Sub Pop: Sie waren an der Band interessiert. Der Stil war nicht so wichtig. Beide Labels haben Rock`n`Roll-Platten rausgebracht.

Und unsere Musik ist genauso Rock wie Soul oder Blues. Epitaph sind sehr begeistert, mit uns zusammenarbeiten zu können. Und das ist das Einzige, was zählt. Dass wir anders sind als Offspring oder Bad Religion, ist doch klasse. Das gibt dem Label doch noch ein weiteres Feld. Abgesehen davon sind auch Bad Religion Rock“n`Roll – und wie gesagt, der ist beeinflusst durch Blues.

Marcus: In the beginning we released our records on our own label, that was fun, but also quite a challenge. Then I got to know Jello Biafra and through him Alternative Tentacles. It was the same with Sub Pop later: they were interested in our band. The style was not so improtant. Both labels released rocknroll records. And our music is also Rock, just like soul or blues. Epitaph are very excited to work with us. And that is the only thing that matters. Yes, we are different than Offspring or Bad Religion, but thats great. That gives the label another huge field. Another thing is: Bad Religion are also Rock´n´Roll and Rock´n´Roll is – like I said – influenced by the blues.

Kannst Du Dir vorstellen, dass sich die jungen Hörer, die viele Epitaph-Bands haben, bewusst über solche Traditionen sind?

Do you think that young listeners, who own lots of Epitaph-Bands, are aware of these traditions?

Marcus: Ich weiss nicht, ob jeder Blues verstehen kann. Aber es gibt mit Sicherheit welche, die sich dafür interessieren und die herausfinden wollen, was das eigentlich für Musik ist. Genauso wie ich das in meiner Kindheit getan habe. Wenn man neugierig ist, dann wird man sich schon damit beschäftigen.

Marcus: I don´t know if everybody can understand the Blues. But I am sure that there are some people who are interested in blues and who want to find out what kind of music blues is. Just like I did in my childhood. If someone is curious, then they are gonna go for it.

Als ich vor fast 15 Jahren zum ersten Mal Blues gehört habe, gab es fast niemanden in meinem Freundeskreis, der sich dafür interessiert hat. Ein älterer Bekannter hat mir überhaupt erst Blues-Platten aufgenommen. Ich weiss nicht, ob das heute so viel anders ist.

When I started listening to blues for the first time 15 years ago, there were almost nobody in my circle of friends who was interested in Blues. An older friend taped blues-records for me. I don´t know if the situation changed today that much.

Marcus: Es gibt halt einige Leute, die sozusagen mit dem Löffel gefüttert werden, und andere, die anfangen, selber etwas herausfinden zu wollen. Vielleicht findet jemand heraus, was das für Musik ist und beeinflusst dann Freunde. So wie Dir das passiert ist. Es hängt halt davon ab, wie selbständig man ist.

Marcus: You have people who already know everything and then you have people who start to explore new things. Maybe someone finds out what music Blues is and then he influences his friends just like in your situation. It depends how independent you are.

Was für Leute kommen denn überhaupt zu euren Shows?

What kind of people came to your shows?

Marcus: Wir haben genauso Leute, die sich seit Jahren für diese Art von Musik interessieren, wie junge Kids, die gerade angefangen haben, das zu entdecken.

Marcus: We have both kinds of people: there are people who are interested in these kind of music since years and also young kids who just started to explore the music.

Wie wird denn eure Musik von Leute aufgenommen, die echte Puritaner sind. Ihr seid ja doch extrem noisig…

How do real puritans react to your music because you are extermly noisy…

Marcus: Richtig. Ich sagte ja schon, dass ich dem Blues etwas zurückgeben will. Nichts von dem, was wir machen, entspricht dem ursprünglichen Stil. Wir geben unserer Musik eine eigene Persönlichkeit. Es ist eine Herausforderung, wenn man mit der Musik experimentiert und etwas eigenes versucht. Aber abgesehen davon, respektiere ich zwar unser Publikum, aber mich interessiert wenig, was die Leute erwarten.

Marcus: Correct. Like I said, I want to give something back to the Blues. None of the things we do corresponds to the real original style. We give our music an own personality. It is a challenge when you experiment woth the music and try to do something on your own. I respect our audience but I do not care so much what people expect.

Ich frage, weil die erste Blues-LP, die ich je gekauft habe, von Robert Cray war. Das ist was vollkommen anderes als Deine Musik, hören würde ich es heute aber wohl nicht mehr.

I ask because the first Blues-record that I bought was by Robert Cray. That music is totally different than your music.

Marcus: Es mag ein paar Puristen geben, die unsere Musik nicht verstehen wollen. Aber nun ja… Es gibt halt auch Leute, die unsere Musik sehr mögen.

Marcus: It could be that there exist a few purists who don´t want to understand our music. But then again there are also people who very much like our music.

Ich würde gerne mal über das Layout der neuen Platte sprechen. Irgendwie sieht die Platte völlig wie eine Sub-Pop-Veröffenlichung der späten 80er oder frühen 90er Jahre aus. Noch dazu wurde sie von Jack Endino produziert…

I would like to talk about the layout of the new record. It looks very much like a Sub-Pop-release of the late eighties or early nineties. And it was even produced by Jack Endino…

Marcus: Ich habe das Layout gemacht, insofern sind das ganz alleine meine Ideen. Jack Endino ist ein grossartiger Mensch und Produzent, also wollte ich mit ihm zusammenarbeiten. Ich respektiere alte Sub-Pop-Bands wie Mudhoney oder Soundgarden sehr.

Marcus: I did the layout, these are all my own ideas alone. Jack Endino is a great human and producer, that it is why I wanted to work with him. I totally respect old Sub-Pop-bands like Mudhoney or Soundgarden.

Ich dachte, dass es das Label überhaupt nicht mehr gibt. Zumal viele der letzten Platten, die ich gehört habe grottenschlecht waren.

I thought the label did not exist anymore. Lots of the last records they did and which I heard did really suck.

Marcus: Ich denke, dass sich bei ihnen gerade ein Kreis schliesst. Sie bringen jetzt wieder vermehrt Rock“n`Roll raus. Deswegen waren sie ja auch so interessiert an uns. Wir wiederum waren wir an ihnen interessiert, weil sie genauso enthusiastisch sind wie Alternative Tentacles, aber einfach mehr Möglichkeiten haben.

Marcus: I think a circle ends at Sub Pop. These days they are realesing more Rock´n´Roll again. And thats why they were so interested in us. And we were also interested in them because they are just as enthusiastic as Alternative Tentacles, but Sub Pop really offers more options.

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Interview: Dietmar Stork

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