März 12th, 2007

UNITAS (#90, 10-2001)

Posted in interview by andreas

…We`ll sit out on the porch and play records through an open window. We`ll talk about Rockville and the countless years we`ve wasted. What`s your favorite Uncle Tupelo Song? We`ll talk about your job, I know you hate your boss… (Porch Life)

GAINESVILLE, FLORIDA, USA, PLANET EARTH… hatten wir doch schonmal sagst du? mehrfach sogar? nun, dann sollte dir einer der nun folgenden namen ja ein begriff sein:

JASON ROCKHILL

TODD ROCKHILL

JASON BLACK

BILL NESPER

weiter eingehen wollen wir auf diese, im UNITAS zusammenhang, belanglose detailfrage allerdings nicht weiter. denn es würde einer wirklichen phantastischen band nicht gerecht, sie auf ein ex-dies ex-das, members of-dies members of-das zu reduzieren. dieses so gerne und freizügig eingesetzte marketing instrument wollen wir jenen not- und hilfsbedürftigen musikussen überlassen, deren einzige heilsbringung von eben diesem abhängt.

zugegebenerweise mag der durchschnittlich musikinteressierte erst einmal nur wenig aussergewöhnliches an dieser viererformation entdecken. songs zwischen straightem TURBONEGRO rock und REM ähnlichen college radio sound sind eines mal ganz sicher nicht, neu und revolutionär. aber das ist das TRUST nun bei leibe auch nicht mehr. mag es sich hier wohl um eine sympathie weckende parallele handeln, die durch eine weitere komponente noch um ein vielfaches verstärkt wird? ja, das spürbar zum tragen kommende herzblut ist gemeint.

bei UNITAS sicherlich sehr viel deutlicher zu erkennen als bei tante TRUST, sorgt der emotionsstrom im gesamten album verlauf immer wieder für grosse melancholische momente, ohne dabei in weinerlichen flussnebenläufen zum stocken zu geraten. eine kunst, die in zeiten einer grassierenden, als drei buchstaben seuche bekannten szenekrankheit, nur noch selten vorzufinden ist.

bei all dem soundperfektionismus der viele bands in die arme grosser konzerne treibt, erscheint ein roher, ungeschliffener vollrausch wie eine verdiente dusche nach stundenlanger schweisstreibender arbeit. zum zwecke der entkalkung deines verstopften duschkopfes, solltest du also nicht zögern, diesem TRUST zertifizierten reinigungsmittel deine aufmerksamkeit zu schenken.

als eigentlicher einstieg aber, soll hier ein textauszug aus dem UNITAS booklet dienen, zu dem wir den guten Jason Rockhill als verantwortlichen texter und sänger im nachfolgenden dann natürlich auch gleich mal ein bisschen ins TRUST-kreuzfeuer genommen haben. dass bei so komplexen themen, die materie lediglich angekratzt werden kann, sollte klar sein.

trotzdem denke ich, dass die antworten genügend licht in das dunkel des fragen dickichts bringen konnten, so dass ein grobes verständnis für die intentionen und motivationen UNITAS möglich sein sollte.

rock n roll, suckah!

TORSTEN

KOMMANDO FRIESISCHE WIESE

***

aus dem UNITAS booklet:

You`re in the habit of issuing manifestoes…

What the hell is Unitas about? Why are we here? What message are we trying to ram down your throat? Well I guess it started like many things do, to cure boredom. Boredom with our lives but mostly with the never-ending stream of bands, fashion punk rock, and half-asses-ness (sometimes our own) that we`ve all been exposed to over the years. We`ve had it and we`re not taking it any more. You shouldn`t take it anymore either.

I was under the impression that we were supposed to take what we learned at shows and from memorizing lyric sheets out into the streets, into our lives, and into our relationships with other people. I`m not seeing a whole lot of that going on. Obviously, I`m not about to advocate forming a committee to go out and confiscate copies of Start Today and the Minor Thread discography, but it almost sounds like a good idea. Don`t fly the flag if you haven`t done your homework. What would that deep dark truthful mirror say to you? Of course, the record you currently hold in your hands is far from perfect, but that`s not the point.

I could launch into some of my prepared material regarding the pursuit of perfection and where it has gotten us, but I`ll spare you this time. There`s a spirit missing in a lot of the crap that gets lumped into the punk/indie/whatever underground rock scene these days. It doesn`t matter whether you call it guts or heart or passion; it`s sorely lacking. Maybe it`s due to the U.S. economic boom of the late 90`s or the internet or the failure of public school systems or our parents, but it`s not there.

We`re not here to say that this little band is filling the passion gap of the year 2001 but we`ve got our shovels out and we`re trying. You`re welcome to join in. Get in the game. You may ask, HOW IS THIS A PUNK ROCK RECORD? If you don`t know, I`m not telling. But don`t worry, it`s new to us too. Cheers to the young idea!

***

textlich kommen UNITAS ja schon, hmm sagen wir mal, ziemlich erwachsen rüber. gottlob scheint ihr weit entfernt von college- oder high school kids zu sein, die einem mal wieder ihre unlängst entdeckten, neuen und hippen weltanschauungen als DAS neue ding verkaufen wollen. vielmehr scheinen die texte ausdruck eines gewissen erfahrungsschatzes zu sein. eben geschrieben von leuten, die schon einiges im leben erlebt haben, und die nicht mehr so mir nichts dir nichts auf die wieder mal brandneue revolutionstheorie hereinfallen. würdest du dem so im grossen und ganzen zustimmen?

Jason: auf jeden fall. ich bin jetzt 26, und für mein alter wohl auch erwachsen genug, denke ich mal. vor 9 jahren habe ich bereits die high school abgeschlossen, und seit 5 jahren bin ich aus dem college raus, was rückblickend wohl ein ausreichend langer zeitraum für die feststellung ist, dass ich dort über weite strecken sowieso nur sinnlos meine zeit verplempert habe. aber gut, dafür habe ich jetzt 2 fetzen papier, die belegen, dass ich es 8 jahre erfolgreich mit diesem bullshit aufgenommen habe, und zudem meine eltern glücklich machen.

die letzten 5 jahre habe ich mindestens zur hälfte damit verbracht, in kleinbussen auf tour durch die weltgeschichte zu gondeln. das wiederum macht meine eltern nicht gerade sehr glücklich. aber es interessiert mich nun einmal nicht was HIP und ANGESAGT ist. I`m into what works for me.

mir ist schon klar, dass man nicht mit einer einstellung wie ICH BIN SO VERDAMMT ERWACHSEN UND WEISE, UND MEINE SICHT DER DINGE IST DIE EINZIG WAHRE, UND ICH WEIss SOWIESO ALLES nicht durchs leben gehen kann. ich bin schon auch auf der suche nach neuen ideen und perspektiven, um diese mit in meine weltanschauung einzubinden. allerdings falle ich dabei sicher nicht mal eben auf den letzten mist rein.

das wird jetzt vielleicht nicht ganz einfach zu erklären sein, aber da ihr in eurem UNITAS „manifest“ diesen punkt selbst angeschnitten habt, muss ich diese frage einfach stellen. ich kann mir gut vorstellen, dass eine menge leute es als arrogant betrachten, eine platte herauszubringen und im gleichen atemzug grossen teilen der punk- und hardcore szene fehlendes herzblut und einen mangel an aufrichtigkeit zu unterstellen. was genau unterscheidet UNITAS in deinen augen von dem halbherzigen output derer, an die sich dieser besagte booklet abschnitt richtet?

Jason: selbstverständlich ist das total arrogant. und mir ist auch klar, dass ich mich mit einer solchen position sicherlich herber kritik aussetze. aber ich hätte das so nicht gesagt, wenn ich diese dinge nicht wirklich so sehen würde. von daher bin ich natürlich auf kritik vorbereitet. die wahrheit hinter der ganzen sache ist natürlich, dass mich vieles von dem shit da draussen einfach anödet.

und ich möchte einfach glauben, dass UNITAS sich dahingehend von dieser toten masse unterscheidet, als das es sich hier eben um eine aufrichtige band handelt, die einzig und alleine das tut, was sie am meisten liebt. und genau das ist letztlich auch alles, was du von jemandem erwarten kannst. wir sind natürlich weit davon entfernt, die beste band der welt zu sein (*ironie mode on* geht ja auch gar nicht, schliesslich sind das bekanntermassen DIE äRZTE! *ironie mode off* und ende der durchsage des tippers).

und so sonderlich originell sind wir sicher auch nicht. we really fucking care about what we`re doing though. in der vergangenheit waren wir alle mal an halbherzigen projekten beteiligt. von daher liegt uns fast nichts so sehr am herzen, wie diese fehler auf gar keinen fall zu wiederholen.

meine nächste frage gründet sich ebenfalls wieder auf eine passage aus euren booklet. wenn du der szene in gewisser weise absprichst, die in songs und texten vermittelten ideen und ideologien auch im wahren leben umzusetzen, scheinst du allen ernstes der überzeugung zu sein, songtexte sollten einen gewissen lerneffekt beim zuhörer nach sich ziehen. also einen lerneffekt, der über die vermittlung der neusten trends, der angesagtesten klamotten und die genaue körperteildefiniton, wo man sich lustelige X`e hinzuschmieren hat, hinausgeht. in diesem zusammenhang möchte ich einfach mal die band ONION zitieren, PLEASE NOTE: THIS RECORD CONTAINS NO LYRIC SHEET. IF YOU WANT WORDS OF WISDOM READ A BOOK. mein eigentlicher punkt ist folgender, welcher inhaltliche einfluss kann wohl von einem 2-3 minütigen song ausgehen, wenn die notwendigkeit einer reflektion überhaupt nicht gegeben ist. ernsthafte lernprozesse erfordern doch immer ein gewisses mass an kommunikation, oder nicht?! und ENTERTAINMENT nötigt dem zuhörer diese kommunikation nun einmal nicht notwendigerweise ab, richtig?! und der knackpunkt ist doch nun einmal, dass punk und hardcore zu weiten teilen als genau eben jenes verkauft wird, als E-N-T-E-R-T-A-I-N-M-E-N-T. überall zu bekommen, leicht zu entsorgen, ohne die notwendigkeit zur reflektion oder gar kommunikation. so, wie war das jetzt gleich mit dem impact der lyrics…?

Jason: vielleicht ist es ein wenig idealistisch. aber ich möchte ENTERTAINED und HERAUSGEFORDERT werden. und als resultat der herausforderung steht dann hoffentlich ein positiver nutzen für mein leben zu buche. entertainment muss nicht zwangsläufig für jeden immer eine herausforderung darstellen.

aber ich finde es einfach sehr viel befriedigender, meine freizeit in etwas zu investieren, dass mir auf gewisse art und weise etwas zurück gibt. genau das suche ich in bands, filmen und büchern zu finden. aus entertainment provider sicht, aus der ich als jemand, der lyrics für 2-3 minütige songs schreibt, ja spreche, kann ich nur sagen, dass es einfach sehr viel befriedigender ist, seine freiheiten als textschreiber voll auszunutzen, und das ganze mit etwas tiefe zu versehen. wenn sich andere leute dann durch meine bemühungen unterhalten fühlen, ist das klasse.

und wenn sie sich sogar irgendwie, durch eine von mir zum ausdruck gebrachte idee, ermutigt fühlen, diese aufzunehmen und für sich umzusetzen, dann ist das doch grossartig. ich bin mir gar nicht mal sicher, ob meine texte so etwas bewirken können. aber den versuch ist es auf jedenfall wert. da das gesagt ist, der song PORCH LIFE dreht sich um zeit mit seinen freunden verbringen und football auf der strasse spielen. there`s a place for it all I guess.

was ich bei der betrachtung des album layouts ein wenig bereue ist, dass es so ernst rüber kommt. dabei war unsere bandintention doch eigentlich, eine sich selbst treue fun rock band zu sein, die aber dennoch einige inhalte zu transportieren weiss. und diesen anspruch meine ich auch bei der art von punk rock zu entdecken, die mir etwas bedeutet. der grundstein hierfür liegt glaube ich in MINOR THREAT, 7 SECONDS und GORILLA BISCUITS platten. und bands wie AVAIL führen diese tradition heutzutage fort. das ist es ja auch, was mich an der ganzen sache so fasziniert.

sich selbst an diesem höheren massstab zu orientieren. dabei geht`s mir nicht um den straight edge aspekt. ich rede davon, wie wir mit anderen menschen umgehen. für mich ist dies eine gottgegebene sache, die ich nicht jeden tag nach aussen kehren brauche. vielleicht bin ich auch einfach schon zu alt, aber die dinge, die für mich unabdingbar wichtig sind, scheinen den sprung in die nachfolgende generation nicht geschafft zu haben.

meine kommentare in platten und texten sind wohl eine reaktion darauf. in meinen augen ergibt es daher überhaupt keinen sinn, wenn jemand behauptet lyrics könnten die zuhörer NICHT bewegen, inspirieren etc.. ich stelle mich da gerne als lebenden gegenbeweis zur verfügung. schliesslich habe ich mein leben dieser aufgabe verschrieben. und ich werde sobald auch sicher nicht damit aufhören.

ok, dann lass uns wieder über die musik reden. wer von euch hat eigentlich diesen hang zum college rock lastigen REM sound, welcher zu songs wie PORCH LIFE führt? ich war doch sehr überrascht, auf einem no idea release songs zu finden, die sich in keinster weise von radio kompatiblen bands wie 3 DOORS DOWN unterscheiden. Uh, no offense here, UNITAS sind natürlich fraglos besser ? aber dennoch lässt sich eine musikalische verwandtschaft doch nicht leugnen, oder?! und mal so ganz nebenbei, ich persönlich finde diese college rockigen tunes ja auch sehr viel besser als die straighten rocker. die sind zwar auch nicht schlecht, haben letztlich aber nicht so diesen SO, AN DIESEM WARMEN SOMMERABEND SITZE ICH MAL WIEDER MIT MEINEM BUDDY TRAVIS AUF DEM BALKON UND SINNIERE TIEFGRüNDIG üBER DAS LEBEN touch….

Jason: wenn ich wirklich eine band bestimmen müsste, die seit ich mich für musik interessiere, was seit der 7th grade der fall ist, einen dauerhaften einfluss auf mich hatte, hätte ich verdammte probleme mich zwischen REM und FUGAZI zu entscheiden. ich finde das auch gar nicht so seltsam. ich mag sehr viele verschiedene sachen, die letztlich natürlich alle in meinen eigenen musikalischen schaffensdrang einfliessen.

aber selbst wenn du mich schlagen würdest könnte ich nicht sagen, warum ich die REPLACEMENTS liebe und im gleichen atemzug diese von dir genannte band, THREE DOORS DOWN, hasse wie die pest. ein mittel bis mässig interessierter musikhörer hätte wahrscheinlich wirklich schwierigkeiten, diese beiden bands von einander zu trennen. möglicherweise würde er 3 DOORS DOWN sogar als die besseren ansehen. für mich aber verbinden sich mit den REPLACEMENTS unermesslich viele immaterielle werte, die ich gar nicht in worte fassen kann.

ich liebe diese band ganz einfach. insgeheim hoffe ich natürlich, dass auch wir einige dieser immateriellen werte haben, die uns von den derzeitigen top40 bands unterscheiden. nun ja, und was die musikalische `vielfalt` angeht… warum sollte ich mich als musikalisch weitläufig interessierter in einer band bewegen, die den selben song immer und immer wieder variiert?

es gibt ganz einfach dinge, die ich ausdrücken möchte ohne zu schreien. und auf der anderen seite wiederum genau so viele, die laut zum ausdruck gebracht werden müssen. der erste song, den ich während unserer recording session einsang, war THE ONE ABOUT MY FRIENDS. eine dieser UNCLE TUPELOesquen introvertierten nummern. das war eigentlich das erste mal, dass mich wirklich jemand hat SINGEN hören.

und da meinte dann auch gleich wer, „DAS IST COOL, ABER ICH BIN NICHT SICHER OB VAR (no idea head honcho) DA SO BEGEISTERT VON SEIN WIRD“. zu seiner ehrenrettung muss ich aber gleich anmerken, dass Var diese ruhigen nummern sehr wohl mag, und uns in jedweder hinsicht unterstützt wo er nur kann. unsere platte wird sich weiss gott nicht so gut verkaufen wie viele seiner anderen releases. dennoch dürfte sie aber eine interessante und gute ergänzung des no idea kataloges sein.

welche kleinen gainesville typischen dinge vermisst ihr am meisten wenn ihr zum beispiel auf tour seid? was ist das besondere etwas dieser stadt, dass einen hundertprozentigen schutz vor heimweh unmöglich macht?

Jason: ach, das sind ganz naheliegende sachen wie mein bett, meine freunde, meine stereo anlage. danach sehnt man sich einfach nach einer gewissen zeit auf tour. aber jetzt gerade ist es zum beispiel fürchterlich heiss hier. und das vermisse ich ganz sicher nicht auf tour. in der regel habe ich nach zwei drei tagen zu hause auch schon wieder den drang auf tour zu gehen.

ok, abschliessend noch eine frage. auf dem cd inlay ist ein handschriftlicher `plattenvertrag` zwischen UNITAS und NO IDEA abgebildet. ist das einer von Var`s layout jokes, oder ein wirklich existentes dokument? ich meine, was auch immer es ist, scheiss lustig ist es auf jeden fall!

Jason:  Var regelt bei No Idea eigentlich alles auf einer freundschaftlichen vertrauensbasis. er lässt bands keine verträge unterschreiben. er veröffentlicht ausschliesslich platten von bands die er mag und respektiert. aber kürzlich ist dieses vertrauen mal von ein paar leuten ausgenutzt worden.

und als ich da zu ihm kam, um nach etwas geld für die plattenaufnahmen zu fragen, meinte er: „ICH WERDE DIESE PLATTE DOCH DEFINITIV RAUSBRINGEN, ODER?!“. also bot ich auf der stelle einen handschriftlichen vertrag an. und da wir alle das super lustig fanden, haben sie den wisch auch prompt im büro an die wand gepinnt. und als es dann ans cover artwork ging war eigentlich schon klar, dass ohne diesen zettel gar nichts geht. es war einfach zu lustig um links liegen gelassen zu werden.

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Interview: Torsten Meayer

The south is a place. East, West and North are merely directions.

 

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