März 12th, 2007

TU DO HOSPITAL (#88, 06-2001)

Posted in interview by andreas

1986 – das erste TRUST erscheint. Die deutsche Hardcore-Szene liegt noch in ihren Anfängen. Einige von Euch werden sich noch lebhaft erinnern und ein paar sentimentale Tränen nicht unterdrücken können, für andere hatte da der Ernst des Lebens noch nicht mal ansatzweise begonnen.

Eine der bekannteren Bands damals waren TU DO HOSPITAL. Im ersten TRUST gab es eine Art Bericht über die. 15 Jahre später frage ich Winni, der damals bei TU DO HOSPITAL gesungen hat, zu seinen Erinnerun-gen an damals und dazu wie sein Leben jetzt aussieht….

***

hi, stell dich erstmal vor, wie heisst du? wie alt bist du? was machst du?

Winni: Hi – ich bin der Winni, seit 34 Jahren auf diesem Planeten, hocke zur Zeit in San Francisco, California, wo ich als Grafikdesigner arbeite.

winni, du hast früher bei TU DO HOSPITAL gesungen. im ersten TRUST war ein bericht über euch und 2 konzerte, die ihr in leutkirch und linz gespielt habt. das ist jetzt 15 jahre her. welche erinnerungen verbindest du heute noch mit der band und der „szene“ in deutsch-land damals?

Winni: Ich fand die Szene zu der Zeit sehr aufregend. Die ganze Punk Rock Geschichte schien sich im Umbruch zu befinden und viele neue Leute kamen in die Szene, die sehr aktiv waren und Punk Rock neu definierten.

Ich glaube viele Kids kamen dazu, die sehr beeinflusst waren von der US Hardcore Szene und das brachte neuen Schwung in die Bewegung. Auf einmal sah man jede Menge neuer Leute auf den Kon-zerten, die sich nicht darum scherten wie „Punk“ sie aussahen oder ob sie ausgelacht wurden wenn sie mit ihren Skateboards durch die Gegend zogen.

Das mag alles eine sehr persönliche Erfahrung sein, aber so gegen Mitte der 80er war auf einmal ’ne Menge los. Viele neue Bands & Zines starteten, mehr Konzerte wurden organisiert und es gab auf einmal ein Netzwerk durch ganz Deutschland und ande-ren Ländern, das Bands wie unserer es er-möglichte überall zu spielen.

Man traf auf Konzerten häufig die selben Leute, die sehr aktiv waren, ob das nun ein Kuhdorf in Holland war oder Kreuzberg – man reiste damals riesige Strecken um Bands zu sehen und viele Leute in Bands waren auch engagiert mit dem Organi-sieren von Konzerten und schrieben für Zines. Ich denke mir, dass sich das heute nicht unbe-dingt geändert hat, nur ist die „Szene“ wahr-scheinlich heute viel grösser und professioneller verglichen mit damals.

um noch ein wenig in der vergangenheit zu bleiben: TU DO HOSPITAL war eine band mit sehr persönlichen texten, die wahrscheinlich von dir geschrieben wurden. „du denkst du kennst mich, aber das ist nicht wahr. du siehst meine kleidung und hörst was ich sage, aber was ich fühle ist in meinem inneren vor dir versteckt. meine gedanken aendern sich sehr oft, denn ich lerne jeden tag dazu, aber du hast dieses bild von mir und du denkst ich bin immer noch so“ (aus „wrong image“). was denkst du heute über deine alten texte? und, um mal bei wrong image zu bleiben, was ist winni wintermeier heute für ein mensch?

Winni: Ich habe schon lange nicht mehr auf die alten Texte zurückgeschaut und kann auch jetzt gar nicht mehr die alte Platte finden um das alles nochmal nachzulesen. An ein paar Bruchstücke kann ich mich noch erinnern und ich denke mir, dass viele der Dinge die ich damals geschrieben habe heute ein wenig naiv erscheinen. Anderer-seits hat vieles davon auch heute noch dieselbe Gültigkeit und einige Gedanken haben sich nicht unbedingt geändert. Was für ein Mensch ich heute bin kann ich hier auch gar nicht in ein paar Worten beschreiben.

Ich könnte versuchen meine Persönlichkeit zu beschreiben, aber das klingt dann wahrschein-lich wie so eine sülzige Kontaktanzeige. Wer ich bin und was ich in dieser Welt mache ist eine Frage, die ich mit grossem Interesse weiterhin erforsche und vielleicht nie beantworten kann. Das reflektiert sich auch teilweise in den alten Texten wieder.

welche bedeutung hatte die band jetzt zu-rückblickend in deinem leben. warum und wie habt ihr euch aufgelöst?

Winni: Zu der Zeit damals war die Band schon ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich habe dadurch relevante Erfahrungen gemacht und viele Leute getroffen, die auch mein Leben geprägt haben. Aufgelöst haben wir uns wegen musikalischen und persönlichen Differenzen ohne grosses Drama. Wir waren einfach an einem Punkt angekommen, wo es nicht leicht gewesen wäre als Band weiterzumachen.

und hat sie heute noch bedeutung? bist du mit deinen bandkollegen noch irgendwie in kontakt? hast du überhaupt mit irgendwem „von früher“ kontakt?

Winni:  Bedeutung hat sie nicht verloren, aber zurück-blickend war sie halt nur eine der vielen wichti-gen Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Kontakt zu den alten Kollegen habe ich verloren, aber letztens hat mir eine Freundin ’ne CD von den Carnival of Souls geschickt, die Band vom Achim, dem alten Gitarristen.

Die fand ich auch echt klasse und es würde mich schon interessieren was mit den Leuten von früher so geschehen ist. Leute aus der alten San Francisco Szene sehe ich halt ab und zu mal hier, aber Leute aus Deutschland sehr, sehr selten mal.

wünschst du dir manchmal, die „alte zeit“ noch einmal erleben zu können?

Winni: NEIN! Ich finde es viel wichtiger und aufregender in die Zukunft zu schauen und neue Ehrfahrungen zu machen.

du lebst inzwischen in san francisco und betreibst das ein-mann-unternehmen 3AM (www.3am.net). wie kam es zu deinem umzug?

Winni: Die grosse Langeweile trieb mich ’92 nach San Francisco. Ich hatte in Deutschland zwei Jahre lang Photografie studiert und das brachte mir auch gar nicht soviel. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen das für 2-3 Jahre weiter durchzuziehen. San Francisco hatte ich halt öfters besucht und war so eine Art zweite Heimat geworden.

Ich kannte ’ne Menge Leute, die interessante Sachen machen und kulturmässig ging auch viel ab. Für mich war das sehr inspirierend den grossen Sprung zu machen um mich auf die Sachen zu konzentrieren, die mich interessieren (Musik, Photografie, Design, Kunst, etc….)

siehst du einen zusammenhang zwischen den punk/hardcore-idealen, die du seinerzeit auch in deinen texten von TU DO HOSPITAL pro-pagiert hast und dem was du jetzt tust? „es ist ok, wenn du unsere musik nicht magst, weil wir nicht spielen was du hören willst. wenn du die dinge über die wir singen nicht magst, hör hin und versuch uns zu verstehen. mich stört das nicht, wenn du unsere musik nicht magst. wir stecken unsere energie rein und mögen es, sie zu spielen“ (aus „our music“) „ich fühle mich jung und stark, voller energie. ich weiss meine kraft zu gebrauchen, werde sie nicht verstecken. ich lebe, um kreativ zu sein und nicht um meine zeit zu verschwenden. ich weiss es gibt ein ende, aber ich fürchte mich nicht zu sterben.“ (aus „1-2-tu-do“)

Winni: Teilweise ja, ich bin da schon ein wenig „punk rock geschädigt“. Ich besitze immer noch viele Ideale von früher, die sich in meiner Arbeit wiederfinden. Mit „3 am“ arbeite ich halt an vielen Plattencovern für verschiedene kleine Indie/Punk Rock labels oder einfach für Freunde für wenig Geld.

Das sind oft Projekte, die sehr unkommerziell sind und wo keiner was materiell verdient. Andererseits mache ich auch viele Sachen für Bands, die sich als Punk bezeichnen, aber im Grunde nichts anderes als jede andere Rockband sind, die populär und erfolgreich sein möchten.

Ich muss da halt oft Kompromisse schliessen, damit ich meine Miete bezahlen kann. Um zu den Zitaten zu kommen – ich wünschte mir schon manchmal wieder dieselbe Energie zu besitzen, die ich im jungen Alter von 18 jahren hatte – mein Körper kann da heute nicht mehr so einfach mithalten, mit dem was ich mir im Kopf vornehme, ha, ha.

mit 3AM machst du einige grafik/layout-sa-chen fuer diverse punk/hardcore-sachen. wie sind diese zusammenarbeiten entstanden?

Winni: Ein Freund von mir arbeitete damals bei einem kleinen Punklabel, das gerade mal zwei Platten veröffentlicht hatte und einen Grafiker für ihre neuen Projekte brauchten. Ich hatte damals schon in Deutschland ein paar CD covers ge-staltet, die ich ihnen zeigte und auf einmal bekam ich ’ne Menge Arbeit.

Das Label (Fat Wreck Chords) wuchs dann recht schnell und andere Labels (Hopeless, Side 1, etc…) sahen meine Sachen und auf einmal wurde das mein Vollzeitjob. Das war schon recht hektisch, da ich mir alles selbst beibringen musste und auch kaum eine Ahnung hatte wie man einen Com-puter benutzt.

kannst du von 3AM leben?

Winni: Bisher bin ich über die Runden gekommen, doch im Augenblick muss ich mich ein wenig nach neuer Arbeit umschauen. Das Etat für viele Plattencover ist recht klein und die letzten zwei Jahre habe ich oft bei einem Hi-Tech Magazin ausgeholfen, das mich recht gut bezahlte, doch die gehen gerade den Bach herunter.

San Francisco ist schweineteuer geworden und die neue Internet-ökonomie hat die Stadt fast erschlagen, was das überleben für viele Leute hier sehr schwierig gemacht hat. Ich möchte mich im Augenblick auch wieder mehr auf meine Photografie konzentrieren, da ich keinen Bock habe ständig vor dem Computer zu hocken.

siehst du deine arbeit eigentlich auch als politisch? versuchst du in dem was du machst bestimmte aussagen zu machen? oder ist das eher „art for art`s sake“?

Winni: Meine Grafiksachen weniger, obwohl ich oft für Bands arbeite, die in ihren Texten politisch orientiert sind. Einige meiner Photosachen sind da schon eher politisch, weil ich interessiert bin zu dokumentieren, welchen Einfluss der Mensch auf seine Umwelt hat. Das schlägt dann schon mehr in Richtung Photojournalismus und als Künstler würde ich mich nicht unbedingt beschreiben, weil mir dieser Begriff nicht wich-tig ist.

Ich denke mir, dass ich mit 3am versuche mir einen Freiraum zu schaffen, in dem ich halt für Leute arbeiten kann, die ähnliche Standtpunkte besitzen und ausserhalb des grossen Systems arbeiten und das ist schon politisch motiviert.

was motiviert dich heutzutage noch?

Winni: Der Drang das Leben zu erforschen. Inspiration dafür finde ich überall, ob das nun Musik ist, Kunst, Literatur oder der alte Mann, der in meinem Café um die Ecke sitzt.

was tust du wenn wir dieses interview in 15 jahren wiederholen?

Winni:  Keine Ahnung – ich habe mich immer noch nicht auf einen grossen Plan für die Zukunft festgesetzt. Das werde ich dir dann in 15 Jahren erzählen können.

dank für deine antworten!

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interview: jobst

plattencover design & layout: winni

Links (2015):
Discogs

 

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