März 16th, 2007

THE NOTWIST (#92, 04-2002)

Posted in interview by sebastian

Die erste Platte von The Notwist hören, und lesen, was im TRUST vor neun Jahren über diese Band zu lesen war…

Das Album hatte seinerzeit unser Schlagzeuger gegen ein Exemplar des unseren eingetauscht, das ein paar Monate später herausgekommen war. The Notwist waren damals (wahrscheinlich mit den Speedniggs und Naked Lunch) im kleinen Freizeitheim am Ende des Deichs zu Gast, in dem nicht nur ich einen Teil meiner Jugend verschwendet habe.                        

Auf dem Notwist-Album gab es nicht nur einen ganz stumpfen Hardcore-Song mit melodischem Mittelteil, sondern auch vor allem diesen einen Song, „Nothing Like You“, den ich ziemlich gross fand, zumindest, bis dann diese gemeinen Metal-Riffs einsetzten, die damals typisch für die Band waren. Aber ansonsten: so ein lapidar romantischer Song, von dem immerhin ein Teil des Textes auf dem Beiblatt abgedruckt war, als einer von dreien, denen diese Ehre zuteil wurde.

Auf der anderen Seite des Beiblatts waren vor allem Haare zu sehen. Im Hintergrund das Banner einer Hardcore-Band aus Bremen namens Die Schlacht, die ihren Ruhm im Wesentlichen einer Split-LP und einer Tour mit Christ On Parade verdankten.

Auf „Nook“, dem zweiten Album hatten The Notwist mit „The Incredible Change Of Our Alien“ dann immerhin einen echten kleinen Hit. Auch verzichteten sie auf den allzu ungehemmten Einsatz grobmotorischer Metal-Riffs und verfeinerten gleichzeitig ihre melancholische Liedkunst, wobei sich in den Arrangements bereits allerlei komisches Gerät wiederfand:

Und wieder nur ausgewählte Texte im Beiheft, diese wiederum liebevoll hingeschmiert, also nicht bloss als reine lyrische Information, sondern zumindest auch noch zum optischen Mittel stilisiert. Akö widmete der Band daraufhin eine dreieinhalbseitige Geschichte im TRUST (#37) mit dem Titel „Gegensätzlichkeit des Landmaschinenrocks“.

Besagter Autor trug sich seinerzeit mit einem verquasten Verständnis postmoderner Poptheorie herum und zitierte alle Nase lang aus Douglas Couplands „Generation X“. Bei Notwist hält er sich zwar damit zurück, aber immerhin macht er bei der Band einen gewissen „Me-Ism“ aus, was soviel wie die übereinkunft bedeuten soll, dass es „nicht mehr um die Wahrheit gehe, sondern dass jeder seine eigene hat.“ Der Artikel schliesst mit den Worten: „Irgendwo auf dem Weg von Landsberg an den Ammersee steht ein Unikum von landwirtschaftlicher Maschine in einem Acker am Strassenrand. Sie steht da schon lange, rostet vor sich hin. Die Maschine, von der niemand so genau weiss, für was sie nun eigentlich gut ist, hat riesige Räder und gigantische Ausmasse. Fast der gesamte Körper ist rot, bis auf einen viereckigen, kleinen Ausschnitt, wo einige Laufketten über Zahnräder laufen. Dieser kleine Ausschnitt ziert das Cover von „Nook“. Und wer die Landmaschine einmal gesehen hat, kann sich vorstellen, wie schwer das Ungetüm aufzuhalten ist, wenn es erst einmal rollt. Und genau da steckt die Gemeinsamkeit von The Notwist und diesem Berg alten Eisens“.

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One Step Inside Doesn’t Mean You Understand

Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, was danach kam: Mit „12“ sagten The Notwist dem Heavy Metal Lebewohl, hatten ihre eigene Stimme gefunden, experimentierten mit elektronischen Verfahren, legten Remixe nach. „Shrink“ war dann so etwas wie der Durchbruch. Erweitert um ein viertes Bandmitglied, Martin Gretschmann (auch als CONSOLE aktiv), hatten sie sich musikalisch endgültig vom Modell des Indie-Gitarren-Pop verabschiedet.

Dafür wurden sie einigermassen spontan von der Musikpresse umarmt, die seit längerem ihre eigentümlichen Probleme mit Gitarren hatte. Zwischendurch und nebenher machten die Mitglieder ausserdem mit unzähligen Projekten von sich reden oder halfen befreundeten Bands aus. Das Tied & Tickled Trio, Console und Lali Puna seien hier als die bekanntesten beispielhaft genannt.

Und jetzt „Neon Golden“, auf dem fort- und zur Reife geführt wird, was auf „Shrink“ begonnen wurde. Ich finde es einigermassen bemerkenswert, dass der Unterschied zwischen den letzten beiden Alben zwar beträchtlich ist, aber nicht grösser als es die jeweiligen Unterschiede zwischen zwei aufeinanderfolgenden Notwist-Alben eigentlich immer schon waren.

Da ist die Unaufhaltsamkeit, die zu Zeiten von „Nook“ der Musik vielleicht noch metaphorisch attestiert werden konnte: work in progress, wie man so schön sagt, aber eben möglichst immer auf einen Stand gebracht, der dem Ergebnis der Entwicklung auch technisch gerecht wird.

Das hat – wie immer – gedauert. Fünfzehn Monate bastelten The Notwist mit Unterbrechungen an „Neon Golden“. Schon immer waren die Pausen lang, schon immer war da diese Weiterentwicklung, ohne, dass es zu grossen Brüchen oder stilistischen Sprüngen gekommen wäre.

Und es scheint auch kaum Anschlusspunkte an einen Strom der Entwicklung zu geben, wie er von Menschen beschrieben wird, die an die richtige Musik zur richtigen Zeit in einem Avantgarde-Sinn glauben.

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Markus Acher meint dazu: „Wir haben versucht, zu einer eigenen musikalischen Sprache zu finden, die sich aus verschiedensten dann allerdings doch zeitgemässen Musikarten und Diskursen speist, die um uns herum stattfinden. Das versuchen wir dann in unsere Musik, unseren Stil einzubinden. Vielleicht kommt es dir deswegen immer ähnlich vor“.

Wenn ich mich recht entsinne gab es eure Texte immer nur zum Teil zu den Platten geliefert, was ich so verstanden habe, dass die Texte auch entsprechend eher auf ihren Klang hin gewichtet wurden. Zu „Neon Golden“ gibt es nun alle Texte zu den Songs. „Es geht natürlich auch um Musikalität von Sprache, aber genauso um das, was es sagt oder in der Konsequenz bedeutet. Das hab ich jetzt teilweise konkretisiert, war aber immer schon da. Keine wolkigen Klangmalereien oder Assoziationskette, sondern es ging schon immer in jedem Text um konkrete Aussagen und Bilder. Das ist bei dieser Platte noch deutlicher, weil eine bestimmte Situation in der „indie-sozialisierten Pop-Welt“ uns eben auch besonders im Vorfeld der Platte genervt, aufgeregt und aufgestachelt hat. Deshalb waren wir sehr sensibilisiert gegenüber Bands, die harte Gitarren haben und Tralala-Texte und vorrangig in die Charts wollen und viel Geld verdienen. Deswegen war es uns wichtig, uns zu positionieren, abzugrenzen und in den Texten konkrete Sachen anzusprechen und das auch abzudrucken, weil die Texte einen Teil dessen sind, was wir kommunizieren wollen, wobei sie immer noch keine Parolen oder Slogans beinhalten. Mir ging es, wie einem Songwriter, der seine Stücke hat, denen man eine Zeitlang zuhört, bei denen man zuerst nicht unbedingt alles versteht, die einem aber in bestimmten Situationen in Erinnerung sind und weiterhelfen. Das sind Aspekte, die mir in letzter Zeit oft abgegangen sind. Es betonte alles sehr Lifestyle, Schick und äusserlichkeiten, sehr glatt… Das ist nicht unser Leben, so eine Popwelt, da bewegen wir uns nicht. Das wäre nach wie vor eine Lüge, sowas zu transportieren. Deswegen ist es so wichtig, solche Brüche auch in den Texten zu thematisieren. Scheitern, Fehler, irgendwelche Sachen, die schieflaufen, Konflikte und so’n Kram. Dass man mitsingt und sich dann auch überlegt, worum es eigentlich geht.“

You cannot walk with us

Das ist jetzt aber nicht die viel beschworene Repolitisierung der Pop-Musik, oder? „Es war immer in gewisser Weise politisch oder nicht politisch. Wir sind keine politische Band in dem Sinn, aber wir versuchen Sachen, die wir machen, politisch zu machen. Ich glaube, jeder Schritt und jede Entscheidung, wie man Musik angeht und wie man sich selber versteht, ist in seiner Reichweite auch eine politische Entscheidung. Insofern würde ich auch nicht sagen, dass es jetzt darum geht, etwas zu politisieren, sondern es ist ein ständiger Prozess, sich dessen auch bewusst zu sein, bestimmte Ideen, die man hatte, nicht zu vergessen und immer wieder anhand der Situation zu überprüfen. Das Musikgeschäft verändert sich, und viele Nischen und Subkulturen brechen weg. Das ist ein Prozess hin zu immer mehr Oberflächlichkeit und ganz schrecklichen Pop-Images. Wir haben uns vorhin über „Pop-Stars“ unterhalten und solche Sachen, wo immer mehr Musik und Popkultur auf ein Handwerk und eine komische Vorgehensweise reduziert wird: Wenn du da anfängst und das und das machst, landest du in den Charts. So eine komische Ein-Schritt-Politik. Ich finde, das sollte nicht das Thema von Musik sein, mit der man sein Leben verbringt“.

Im organisatorischen Zusammenhang bedeutet das für The Notwist, mit Leuten zusammenzuarbeiten, von denen wir wissen: Die machen gute Sachen, die sind nett, auf die kann man sich verlassen und die haben auch eine andere Idee davon, denen geht es nicht um den grossen Reibach. So baut man sich ein Netz auf. Das lief bei uns bis jetzt ganz gut. Auch hier sind The Notwist trotz aller ökonomischer (Virgin-Vertrieb, Einzug in die Album-Charts) wie musikalischer Entwicklung (Pop, Folk, Jazz, Elektronik anstatt Metal und Gitarrenlärm) ganz bei sich selbst geblieben.

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(stone)

Album-Diskographie:

„The Notwist“ – Subway Records, 1990

„Nook“ – Big Store Records, 1992

„12“ – Big Store Records, 1995

„Shrink“ – City Slang, 1997

„Neon Golden“ – City Slang/Labels, 2002

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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