März 12th, 2007

TERRORGRUPPE (#104, 02-2004)

Posted in interview by andreas

Seit zehn Jahren nun tummelt sich die Terrorgruppe in der deutschen Punk-Szene. Gerade für die Jüngeren sind sie so ne Art weiche Einstiegsdroge in die Welt der Iroträger und liebevoll gestalteten Nietenjacken. Für viele der älteren sind sie nur Fun-Punks mit Zahnspangen-Humor.

Und da wird es interessant: Was veranlasst denn gestandene, Thirty-Somethings und langjährige Aufbauhelfer der hiesigen Szene (schliesslich reichen ihre Wurzeln vom Hardcore-Urgesetin Inferno bis zum heutigen Punk-Imperium Destiny) dazu, sich wie die Lümmel von der ersten Bank aufzuführen?

Und wie sehen die Terrorgrüppler ihre junge Fangemeinschaft – weshalb, wieso und überhaupt?! Lange Rede kurzer Sinn: Archie und Jacho sind einfach auch zwei saunette Typen und es war mal wieder an der Zeit mit ihnen ne Runde zu quatschen.Schliesslich war da ja auch noch die Jubiläumstour, ein neues Album und ein Abstecher nach Brasilien:

***

Die Terrorgruppe ist ja nicht gerade eine „typische“ Trust-Band! Habt ihr irgendwelche speziellen Erwartungen an dieses Interview?

Archie: Wir wollen auf jeden Fall, dass wir hinterher total intelligent rüberkommen. Weil, das ist total wichtig für die Trust-Leser – glaube ich.

Jacho: Und der Archie will gegen Ende des Interviews auch über gemeinsame Kindheitserinnerungen mit Dolf reden.

Wie läuft denn euere Jubiläumstour bisher?

A: Sehr gut und wir sind sehr zufrieden. Es kommen auch wieder sehr viele junge Leute, was uns immer am meisten Spass macht! Die Kids sind gut gelaunt und bisher war jede Show so ein richtiger Bringer. Vor allem singen sie schon die Lieder der neuen Platte und das ist ja eh was uns halt am meisten Spass macht: Uns auf die Bühne stellen und die Leute unterhalten.

Wo die netten Jungs von Bitume hier gerade rumlaufen, habt ihr euch die Supports alle gezielt ausgesucht?

A: Es ist uns wichtig, dass wir die Bands kennen, dass wir die selber gut finden und dass wir eben auch selber mit den spielen wollen. So suchen wir uns die eben immer selber aus und machen das dann so Blockweise. Ich denke für die Gruppen ist es cool, weil sie mal vor anderem Publikum als normalerweise spielen.

Fragen nach dem Gründungsjahr, eurem Stil und dem anderen Krams sind hier im Heft wohl eher egal – besonders beim zehnten Jubiläum! Aber trotzdem, vielleicht könnt ihr die zehn Jahre Terrorgruppe kurz im Brain-Storming-Verfahren zusammenfassen, ohne die ganz Geschichte Revue passieren zu lassen?

A: Mir fällt ein, dass wir wahnsinnig viele Konzerte gemacht haben. Und auf den Rückblick hin hätte es vielleicht ein drittel weniger sein können aber ansonsten ging die Zeit unglaublich schnell vorbei. Wir haben unglaublich viel gelernt.

Auch mit der Musikindustrie umzugehen und all solch ganz komischen Dinge, die wir uns vorher wohl nie gedacht hätten, dass wir mal damit konfrontiert werden. Wenn man zurückguckt ist das alles sehr lustig, aber es waren auch Zeiten dabei die waren gar nicht so lustig.

J: Die waren eher ganz schön anstrengend und ganz schön nervig.

Vor allem sieben Alben in zehn Jahren ist natürlich auch ein grosser Output. War das eigentlich von vornherein so gedacht oder seid ihr einfach so kreativ?

A: Wie haben jetzt nie nen Album aufgenommen und hatten vorher noch keine Songs oder keine Ideen dafür. Die Alben kamen einfach immer dann raus, wenn wir wieder zu viel im Kopp hatten. Man hätte manche Alben sicher auch später rausbringen können, aber das weiss man jetzt. Der Output ist halt immer da – wir schreiben einfach so viel.

J: Die Lieder die auf so ein Album kommen entstehen meist so in einem Zeitraum von einem oder zwei Jahren. Wir hatten allerdings auch eine Platte da sind fast alle Lieder innerhalb von nur einem Monat entstanden und das war die Melodien für Milliarden. Aber das ist ja eigentlich ne super coole Platte. Das war die einzige Ausnahme. Das war da aber auch so das Ziel: „komm wir machen jetzt ganz schnell Lieder und wir machen daraus sofort nen Album.“

A: Das lag wohl auch daran, dass unser erstes Album so lange gedauert hat. Da hatten wir von unserem Gründungsjahr 93 bis 95 einfach Zeit für die Platte. Bei der zweiten haben wir dann gesagt, vielleicht ist es ja ganz cool, wenn man alle Ideen einfach auf einen Haufen schmeisst und die in einem Monat zusammenschustert. Dann ist man da auch einfach ein bisschen kompromissloser und so war es dann ja letztendlich auch.

Obwohl die Platte jetzt gar nicht so kompakt klingt. Da sind auch viele unterschiedliche Sachen drauf. Aber so geht das halt mit Platten machen – manchmal so und manchmal so. Immer die Platten nach dem gleichen Schema aufzunehmen wäre nicht zu unser Ding.

So wie der sympathische Kopierschutz auf der neuen Promo-Platte auch ein neues Ding war?

A: Die Plattenindustrie hat mit dem Kopieren scheinbar ein Problem, wir eigentlich weniger. Wenn Leute unsere Sachen kopieren, so wie sie es früher zum Beispiel getapet haben, ist das nich so das Problem. Unser Problem ist, dass Sachen vor dem Veröffentlichungsdatum einfach unzusammenhängend und weg vom Album, weg vom Artwork und weg von allem ins Netz gestellt wurden. Das hat uns halt nicht gepasst, denn für uns ist ein Album alles zusammen.

Ein Gesamtkunstwerk und nicht nur einige Stücke oder sogar nur ein Stück wie man es im Netz halt findet. Und das andere war leider, dass wir bestimmten Leuten nicht mehr so trauen können die dann anfangen so Promo-Cd`s vorab bei Ebay zu versteigern. Die nutzen die Geilheit der Fans aus um damit dann ordentlich Geld machen. Mit dieser Idee konnten wir der Sache etwas vorbeugen und es hat auch funktioniert. Wir wollten uns auch nicht hinsetzen und jetzt so Pieps-Töne oder irgendwas liebloses machen.

J: Das ist schlimmste ist, was die Majors machen, da bekommt dann jeder Schreiber so codierte CD`s und die muss man dann zurückschicken.

A: Oder sogar verplombte CD-Spieler und der Journalist muss den dann an den Nächsten weiterschicken. Das ist doch alles Quatsch!

Aber meint ihr nicht, gerade bei euer sonstigen Art von Humor, könnte da nicht diese besprochene Promo-CD besonders den Anreiz bieten ein absolutes Sammlerobjekt unter den Fans zu werden?

A: Man muss aber dazu sagen, dass die Sachen ja nur Sammlerobjekte werden, wen sie rar werden und wir haben gesorgt dafür, dass sie nicht rar werden. Wir halten immer einige zurück und wenn dann die Preise bei Ebay steigen, kommen wir und bieten die Alben zu unseren Billigpreisen an: „Leute wer das Sammlerding haben möchte kann sich das bei uns für einen Euro kaufen“ – und dann ist wieder gut!

J: Wir haben ja auch mal Ticket-CD`s zu unserer zehn Jahre Show gemacht wo ein Song drauf war, der wirklich nur da drauf war. Natürlich gab es auch Leute die nicht zu dem Konzert nach Berlin kommen konnten aber gerne den Song haben wollten. Da gab es dann auch schon so Geschäftemacher die angefangen haben diese CD für 20 Euro zu verkaufen die ja eigentlich nen Herstellungswert von einem Euro hatte mit ner kleinen billigen Papphülle. Sind wir halt einfach zu den sämtlichen Vorverkaufsschaltern, die Show war nicht ganz ausverkauft, und haben die restlichen CD`s eingesammelt und haben die jetzt auch auf unserer Web-Site angeboten für 2 Euro.

A: Musik muss nicht so teuer sein – das ist mehr nach unserem Sinne.

Auch wenn es einige anders sehen, wäre es für mich völliger Quatsch über eure Integrität oder Credibility zu quatschen. Dennoch lässt mich die Frage nicht los, wie ihr immer noch in der Lage seid, euch mit diesem pubertären Humor und Nachwuchs-Punk-Thematiken auseinanderzusetzen. Geht“s da manchmal nicht auch um so marktstrategische Hintergründe, dass ihr auf die vermeintliche Zielgruppe blickt?

A: Nachwuchs-Punk-Humor ist ja etwas gemein, dass kann man ja so nicht stehen lassen.

J: Nein, es ist grundsätzlich so, wenn wir auf Tour sind und im Bus rumalbern, wenn wir zu Hause in Kneipen sind oder so kann man sagen dass wir definitiv noch nicht richtig erwachsen geworden sind in den letzten zehn Jahren – so sind wir halt alle.

Ich find ehrlich gesagt so Texte, die so nen jugendlichen oder kindlichen Charme haben, auch bei anderen Bands, immer viel besser als so die aufklärerische Professorenschiene und die mitleidige Jammerschiene. Ich find das so wie wir das machen hat es ein wenig was aufklärerisches und in Anführungszeichen ist es auch politisch und gesellschaftskritisch aber eben immer mit diesem Teenager-Charme – weil wir eben auch jung in der Birne geblieben sind.

A: So eine einfache, infantile Sprache ist eben auch sehr klar. Du kannst damit Sachen ausdrücken und auf den Punkt bringen, die du mit einem besonderen „erwachsenen“ Anspruch nie ausdrücken kannst. Das wird dann immer alles zu kompliziert und darum geht`s ja bei uns nicht.

J: Das beste Beispiel wo jetzt jemand immer eine kindliche oder zumindest einfach Sprache genommen hat ist ja Brecht. Wir als Punk-Band sollten das irgendwie erst recht machen. Ich versteh keine Punk-Bands die nur Jammertexte machen.

A: Ausserdem bin ich auch grosser Fan von Bubble-Gum-Punk wie Ramones und alles was da mehr in so fast schon DaDaIstische Richtung geht. Das find ich für mich viel aufregender und cooler als wenn das alles wieder zu ernst wird. Das andere Ding ist natürlich auch, wer bestimmt überhaupt wie erwachsen man mit welchem Alter sein muss?

Ich glaub das ist auch so ne gesellschaftliche Frage wie die Gesellschaft gerade möchte, wie ein 38 jähriger Mensch wie ich sich verhalten muss. Ich glaub nicht, dass ich mich so verhalten muss, wie die meisten Leute es von mir erwarten – weil, warum?!

Aber steckt nicht schon eine bestimmte Absicht und Kalkül dahinter diese Spassnummer auf der einen Seite und auf der anderen eure etwas lockere Art über Nazis, Spiessertum, Kirche, etc. zu singen? Eben nicht dieses Ding jeden Abend vor den selben 100 Crusties „Nazis Raus“ zu schreien, sondern gezielt die ganz jungen Kids anzusprechen?

A: Es ist auf jeden Fall sehr wichtig immer neue Leue dazuzukriegen und die quasi mit Unterhaltung zu fangen. Es geht darum eine Message gut und einfach zu verpacken. Verpackt für den Christian Hohlhuber der jetzt gerade 13 ist und sein ganzes Leben eigentlich nur gehört hat was er in der Bravo vorgesetzt bekommen hat.Wenn der durch nen Zufall, weil wir bei seinem Freund IN sind oder mit den ärzten oder Hosen gespielt haben, oder auch nen Artikel in der Bravo hatten, auf uns stösst und sich da so nen bisschen reinschmust und durch uns auf neue Ideen und auch auf andere Bands kommt, dann ist der für uns ein gewonnener Mensch!

Es geht also darum immer wieder neue Leute dazuzukriegen. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit der Rock-a-Billy-Szene, die sich so dermassen abkapselt und für sich allein steht, dass sie immer mehr zusammenschrumpft. Als Band spielst du dann ja auch immer vor den 30 gleichen Leuten und das langweilt ja auch mal.

J: Ich glaub jetzt aber auch nicht, dass wir mit unser Einstellung so viel mehr erreichen können. Verändern möchte ich mit der Musik jetzt auch nichts grosses.

A: Aber für uns ist es halt der beste Ansatz den Leuten zumindest mal ne Alternative zu geben und sie irgendwie auf den Weg zu bringen sich mal andere Bands anzuhören, das ist ja auch wichtig.

J: Aber ohne dabei zu predigen! Sondern einfach indem wir Fragen stellen oder uns über Sachen lustig machen – das reicht!

Bleiben wir bei den Texten. Auf dem neuen Album „Fundamental“ macht ihr euch z.B. über Angela Merkel oder Barbara Salesch her und das erinnert doch schon sehr stark an alte Songs über Linda de Mol oder so. Ist das nicht doch eine Art Baukastenprinzip, das ihr in einem solchen Fall verwendet?

J: Purer Zufall! Ich schau nur selten Fernsehen und hab diese Salesch Sendung einmal gesehen. Kurz danach kam auf einem Konzert in Bonn ein völlig breiter „lustiger“ Skinhead zu mir und fing an über Barbara Salesch zu quatschen und hat auch immer so Reime gemacht.

Einer von seinen Sprüchen war dann eben auch „Barbara Salesch hat Recht – lebenslänglich zack wech!“. Das war dann wirklich der Anlass für diesen Text. Bei Angela war der konkrete Anlass ein ganz anderer. 1997 haben wir ein Lied über Claudia Nolte gemacht. Nolte wurde aber 98 abgewählt und so hatten wir ein sehr gutes Lied auf Halde und wussten nicht so recht wohin damit.

A: Das mit dem Pisspot-Schnitt kam dann eben wieder zu Sprache durch die Merkel und war eben um einiges aktueller. Jeder kennt sie und die meisten mögen sie auch nicht und wir mögen sie auch nicht. Angela ist so mittelmässig, mittelmässiger kann man gar nicht sein. Die ist allein durch ihre Mittelmässigkeit schon so absolut gefährlich – todbringend gefährlich! Na ja, und dann kam eben die Idee den Nolte-Song entsprechend umzuschreiben.

J: Die Grundidee zum Nolte Lied, das ja auch in der neuen Fassung immer noch so 60ies-Punk mässig kommt, war eigentlich noch ne andere. Diese ganzen frühen Bands wie Music Machine oder auch frühe MC5 hatten immer so einen Song der mit der Zeile „see that girl with the…“ begann. Das war dann meist so eines der traurigen Liebeslieder oder wo sich der Texter über seine Ex-Freundin beschwert. Diese Idee hab ich eigentlich nur eins zu eins ins Deutsche übertragen aber eben mit diesem Spot-Hintergrund.

Hinter eurem neuen Album Fundamental steckt ja die Auseinandersetzung mit dem Thema Fundamentalismus. In diesem Zusammenhang sprecht ihr aber auch von eurem Umfeld und nicht unbedingt nur von dem derzeitigen Weltgeschehen – fühlt ihr euch persönlich von dieser Thematik erdrückt?

A: Beides! Aber letztendlich sind die Songs ja langsam entstanden. Man hat irgendwann einen Haufen Texte und sieht dann wie viele sich auf einmal um ein Thema drehen. Dann kam Jacho mit dem Titel und wir waren uns halt einig, dass der am besten zu allem passen würde.

Das Konzept wurde also eigentlich eher hinterher zusammengestellt, nachdem man die Songs hatte. So passiert das bei uns eigentlich immer. Ich glaub nicht, dass wir uns jetzt hinsetzen könnten um ein Konzeptalbum zu machen. Aber ansonsten fühlt man sich seit diesem 11. September von bestimmten Dingen einfach erdrückt und beobachtet Strömungen, die man wirklich nicht gut findet.

Da schreibt man dann natürlich auch Lieder drüber und schon hat man Thematiken wie religiöser Grössenwahnsinn und Rückkehr von konservativen Traditionen, bestimmten Moralvorstellungen oder Aberglauben.

J: Oder auch Abschied von Aufklärung und Vernunft. Weil die Fundamentalisten oder Kriegstreiber haben sich halt völlig von der menschlichen Vernunft verabschiedet.

In den nächsten Minuten drehte sich das Gespräch um fast schon Hype-mässige, stark christliche Tendenzen bei jungen Punk- oder Emo-Bands was mit dem schönen Abschlusssatz endete: „Christentum ist auch wieder nur so ne Welle – die vorbei geht!“

A: Aber wenn jetzt Bands so den Street-Punk wieder ausgraben und sich benehmen und anziehen als wäre es Anfang der 80er, mit all seinen Bewegungen und den Texten, das hat ja auch absolut keinen Bezug zum Heute und Jetzt – das ist so das andere Gegenteil. Alles in allem wie immer ne Fashion-Geschichte, die mich überhaupt nicht interessiert. Obwohl auch da ab und zu ganz nette Sachen bei sind.

J: Es gibt eben sechs oder sieben verschiedene Punk-Genre, die ja alle mehr oder weniger Retro sind. Natürlich gibt`s da auch immer drei oder vier gute Bands – der Rest ist oft Crap!

Wo wir schon bei anderen Bands sind. Auf eurem Album gibt`s ja auch ne Menge an Gästen. Sind das nur so Freundschaftsdinger gewesen oder schon eine gezielte Zusammenarbeit?

A: Zum Beispiel die Francoise Cactus wurde ganz gezielt ausgewählt. Weil wir gerade für dieses Gedicht, das sie da kurz aufsagen muss in dem Lied „Zusammenrücken“, haben wir uns gedacht, dass es eigentlich besser ist, wenn das jemand macht der halt nen ausländischen Akzent hat.

Da sie ja so einen völlig sexy französischen Akzent hat, passte das einfach total. Unser Produzent hat halt viel mit ihr gearbeitet und kam halt sofort auf sie und dann hat sie auch gleich mitgemacht. Die Gäste werden also schon gezielt ausgesucht, das haben wir eigentlich immer so gemacht. So für`s Name-dropping brauchten wir die wirklich nicht.

So zu der Sache mit den Freunden und Gästen passt dann ja auch die besondere Promotion zu eurem Album. Ihr habt euch „Strassenwerbepunks“ gesucht – was steckt dahinter?

A: Na ja, es ist in der Musikindustrie zurzeit ja ziemlich IN zu erzählen, dass man nichts mehr richtig bewerben kann, weil keine Platten mehr verkauft werden. So weit ich weiss hat z.B. die Universal für alle Newcomer die Werbekosten auf 3000 Euro runtergestrichen – was in den Bereichen so ziemlich überhaupt nichts ist. Wir haben uns dann halt überlegt, was man machen kann um ne Band wie uns unter den Kids zu verbreiten und Aufmerksamkeit zu kriegen.

Wir haben uns dann halt gedacht, dass man doch die Fans an der Sache beteiligen kann, mit Mitteln die wir uns eben erlauben können. Man gibt den Leuten halt Spuckis, Aufkleber oder Poster damit sie in der Schule oder bei Leuten von denen sie denken die könnten drauf abfahren, Werbung für uns machen. Dafür geben wir den Verteilern dann wieder Tickets oder Tonträger etc., damit sie das nicht umsonst machen.

Wenn sie motiviert sind kann man damit sicher was erreichen – eben an Schulen vor allem, wo man ja sonst nicht hinkommt. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert. Das waren letztendlich 500 Kids die da mit gemacht haben und in Deutschland, österreich und der Schweiz 100 000 Aufkleber und einige tausend Poster verteilt haben. Die Reaktionen waren der Hammer. Wir haben sogar so Anzeigen gefaxt bekommen von Leuten die beim Kleben in der U-Bahn erwischt wurden.

J: Ich hab gerade mit einem gesprochen, der hat ein Bussgeld für eine Ordnungswidrigkeit bekommen. Die Strafe gab es für das Aufkleben von Terrorgruppe-Aufklebern auf städtische Mülleimer. Und er hat eine Bussgeldandrohung von 50.000 Euro vom Senat der Stadt Hamburg bekommen.

A: Aber die waren eben alle cool dabei. So konnte man der Plattenindustrie mal wieder zeigen: „hey guck mal, haste ne gute Idee – dann geht das auch!“ Die Firmen holen sich dann ja irgendwelche „Street-Teams“ und die haben natürlich gar nichts mit den Bands zu tun. Das sollten halt schon Leute sein, die deine Musik hören. Die können dann auch beim werben erklären warum sie das überhaupt gut finden – und darum geht`s ja.

Wer sich für die Geschehnisse auf eurer letzt jährigen Brasilientour interessiert kann das ja auf eurer Seite nachlesen. Mich würde deshalb eher interessieren wie ihr als Band, Punk-Rock in diesem Land, das ja auch geprägt ist von den Gegensätzen zwischen Arm und Reich, erlebt habt. Ist Punk dort eher ein reines Style-Ding, für Kids aus der Mittel- und Oberschicht und keine Sache für die Underdogs?

J: Das hab ich zuerst gedacht. Ich hab viele Kids auf den Shows gesehen, die sahen wirklich mehr aus wie auch bei uns die Skate-Popper. Mit dem Unterschied, dass es dort nur wenige von diesen typischen amerikanischen Mode-Labels zu sehen gab sondern die haben da komplett ihr eigenes Zeug in dem Land. Dann hab ich aber mal mit den Kids unterhalten, von denen ich eben so dachte die sind bestimmt so Mittelklasse. Dann ging“s aber so los, dass sie mir mal ihren Tagesablauf geschildert haben: Morgens aufstehen, acht Uhr zur Arbeit, acht Stunden arbeiten, nach der Arbeit erst in die Schule!

Denn auch schon bei diesen Kids war es so, dass wenn die ältesten Kinder nicht arbeiten, kommt die Familie nicht durch. Und das war eben echt die Mittelklasse, die eben doch schon eher nen schicken Eindruck gemacht haben. Da hast du ungefähr ne Vorstellung, wie die Relationen sind. So als Europäer ist es natürlich ganz „toll“ da, vieles kostet dich eben nur nen Drittel von unseren Preisen und Konzerttickets oder CD`s oft sogar nur ein Viertel. Trotzdem ist es für die Mehrheit der Teenager aber noch unbezahlbar.

A: So mit Ghetto-Leuten kommst du gar nicht in Kontakt. Die wirklich Armen können es sich auch gar nicht leisten und das ist einfach auch nicht ihre Kultur. Die tanzen dann doch eher zu Salsa wenn sie Musik hören wollen.

Ich glaub aber, dass Bands wie Sepultura sehr viel Arbeit geleistet haben auch in die Armenviertel reinzukommen und dort teilweise umsonst gespielt haben, damit die Leute dort auch solche Musik hören konnten. Aber ansonsten ist da wirklich nichts – eine Armut die wir uns wohl nur schwer vorstellen können.

Ach ja, mich hat ja aus den Socken gehauen, dass dort ein Mitglied von Ratos de Poaro ne fette Sendung auf MTV hat!

A: Ha ha ja, uns zwar ne richtig fette mit so 10 Mio. Zuschauern im Schnitt.

Da würd ich ja gern mal hören wie deren typischen Fans hier bei uns auf so eine Nachricht reagieren?

A: Na ja, die Show dort ist schon Chaos. Er lässt politische Statements ab, wirft CD`s durch die Gegend, zeigt seinen Fuck-Finger hoch…

J: schimpft auf die Bullen und lädt in eine Sendung, ausser die kleine deutsche Punk-Band Terrorgruppe noch nen Porno-Star und ne gecastete Boy-Group ein. Das verwurstet der eben alles in einer Sendung, macht seine Jokes und politische Aussagen und hat wohl auch mal öfter Zoff mit den Redakteuren – aber es wird echt nichts zensiert. So ne Sendung wäre bei uns nicht denkbar.

A: Vielleicht aus Angst, dass einem der Werbekunde abspringen können wenn ne Band wie unsere auf MTV läuft. Dort sagen die halt einfach: Na ja, wir haben ne Szene und so und so viel Kids hören Punk und Hardcore – also gehört es dazu. Die sind da scheinbar sehr autark.

Dieses ganze Ami-MTV-Ding ist so weit wie möglich ausgelöscht – die haben da wohl nichts mehr zu sagen. Dagegen sind die Europäer echt die Untergebenen der Amis mit bestimmten Vorgaben zum Zielpublikum, Musik uns so.

Ich komme zum Ende mit meinem Fragen, würd aber gern noch was über nen Song auf dem Album wissen. Bei „Kleinstadt-Lied“ geht es da um eine bestimmte Person oder Erfahrungen mit Bekannten von euch?

J: Um uns selber! Wir sind ja nicht immer Kreuzberger gewesen, sondern kommen ja aus Kleinstädten. Wenn du sieht wie deine Freunde an Drogen verrecken oder zu totalen Spiessern werden, fragst du dich: „Scheisse, was mach ich denn jetzt? Ich bin ja noch der Einzige hier!“ Da passiert es dann schon, dass du eher eben nach Berlin, Hamburg oder eine andere Grossstadt ziehst.

A: Der Herausgeber des Heftes in dem dieses Interview erscheinen soll der hat ja quasi das selbe Schicksal wie ich gehabt. Der Dolf ist ja später weggegangen und das war sicher auch höchste Zeit.

Wieso?

A: Von meiner ersten Band Inferno war Dolf ja der Manager und wir hatten immer so nen kleinen Witz über Dolf. Er hatte halt wirklich immer ne Bieflasche in der Hand. Wir haben uns dann sorgen gemacht, dass seine Finger an der Unterseite der Hand ja gar keine Luft mehr bekommen, kaum noch Haut haben und verwachsen mit der Bierflasche sind!

So entstand der Spruch: „Da kommt der Typ mit den rosaroten Fingern!“ Wenn Dolf nicht nach Bremen gezogen wäre aus Augsburg, was ja wirklich ne ganz üble Kleinstadt ist wo man echt nur sterben kann, dann wäre er vielleicht auch schon längst tot – und ich auch!

Na, dann dann können wir ja wieder mal von Glück sagen, dass es den Punk-Rock gibt 😉

***

Interview: Malte Prieser

 

Links (2015):

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