März 12th, 2007

TEEN IDOLS (#75, 04-1999)

Posted in interview by andreas

Anfang Oktober letzten Jahres spielten die Teen Idols im Schlepptau von NoFX in einer ziemlich ungastlichen, bürgerhäuslichen Mehrzweckhalle nahe Frankfurt. Das Konzert war Dank NoFX ausverkauft, und das Durchschnittsalter der anwesenden Konzertbesucher erwartungsgemäss bedrohlich an der Grenze zur Illegalität, hätte sich ein „altes Mädchen“ wie ich an einem jener Bubis vergreifen wollen und damit der Verführung Minderjähriger schuldig gemacht. Es war auch mal wieder ein soziologischer Genuss, zu beobachten, was es mit dem Hardcore-Nachwuchs auf sich hat.

At the beginning of October of the last year the Teen Idols played in the towrope of NoFX in a quite unhospitable, civil-domestic multipurpose hall close to Frankfurt. The concert was sold out thanks to NoFX, and the average age of the present concert-goers was as expected menacingly on the border to the illegality, an „old girl“ like myself who would have wanted to make out with one of those sonnies would have been guilty to the seduction of persons under age. It also was once more a sociological pleasure to observe what the hardcore younger generation is all about.

Und der fügte sich in diese grässliche Konzerthalle ebenso wunderbar ein wie in seine diversen NoFX, Offspring oder Bad Religion T-Shirts, die aus der Zeit Anfang bis Mitte der 90er Jahre stammten. Das Geschlechterverhältnis wurde natürlich wieder durch einen massgeblichen Männeranteil geprägt, aber rein zahlenmässig war nach meinen Beobachtungen die Kluft zwischen Männlein und Weiblein zumindest an diesem Abend etwas kleiner als auf den üblichen Konzerten.

And they adapted himself in this hideous concert hall as wonderfully like in their various NoFX, Offspring or Bad Religion T-shirts which came from the time beginning till the middle of the 90s.

Während des gesamten Abends ging es zu wie im Taubenschlag und immer wieder mussten sich abgekämpfte, oberkörperfreie und schwach behaarte männliche Teenager im Stimmbruch in die Toiletten schlagen, um sich an den Waschbecken abzukühlen. Sowas kannte ich auch noch vom Schulsportunterricht in grauer Vorzeit…

Beim Interview waren alle vier Teen Idols anwesend, Keith, der Sänger, eher wortkarg, unterhielt sich etwas abseits mit ein paar Jungs von einem anderen Fanzine, die am Abend zuvor ein Interview gemacht hatten. Der Drummer Matt bekam die Zähne auch nicht recht auseinander, so dass das Gespräch in erster Linie von Phillip, dem Gitarristen, und Heather, der Basserin, bestritten wurde.

Es war saulustig und die gute Laune von Heather, Phillip und Matt ziemlich ansteckend, so dass neben den Informationen, die ich im nachfolgenden zusammengerafft habe, jede Menge Gegiggel im Spiel war. Was mich natürlich wieder vor das unlösbare Problem stellt, dies im Rahmen eines Interviewabdrucks zu vermitteln. Tja, geneigte Leser, so ist das nun mal mit diesem Medium. Ich kann nur tausend Eide schwören, dass das Interview superamüsant war und mir die Backen (nicht die, auf denen ich gesessen habe) danach ziemlich weh taten….

***

Ich habe euch ’97 in San Francisco gesehen und bin seitdem euer Fan, aber informationsmässig eher eine Teen Idols Jungfrau…. (Gelächter) Ihr seid von Nashville, Tennessee. Warum spielt ihr keine Countrymusik?

Phillip: It sucks! Shit!

Heather: Ich mag ’ne Menge von der alten Countrymusik….

Phillip: Ja, Hank Williams und so…..

Heather: …aber die neuen Sachen überhaupt nicht. Und es ist nichts, was ich spielen möchte. Philipp ist das einzige Originalmitglied in unserer Band, er hat die Band mitbegründet. Er hatte vorher auch bei vielen anderen Bands mitgespielt und als er älter wurde, wollte er mit seinen Freunden einfach mehr Punk spielen.

Wann haben die Teen Idols angefangen?

Phillip: Im Frühjahr 1992, aber unser erstes Album ist nicht mal ein Jahr alt. In diesem Line up spielen wir seit fast drei Jahren zusammen.

Ihr habt nur eine Woche gebraucht, um das Album fertigzustellen. Wie kam’s, waren die Songs alle schon vorher fertig?

Phillip: Die eine Hälfte waren alte Song, die andere neue, deswegen ging es ganz schön schnell.

Und gibt es schon neue Releases?

Philipp: Wir nehmen gerade ein neues Album auf, das ungefähr nächsten Februar rauskommen soll. Im Januar erscheint eine Split-CD auf Panic Button Records mit uns, Screeching Weasel, Enemy You und Moral Crux.

Wie seid ihr mit Ben Weasel zusammengekommen?

Phillip: Wir haben 1994 eine Show mit den Riverdales gespielt. Und wir haben ihm unsere Singles geschickt sowie jede neue Platte, die wir rausbrachten und hofften, dass er sie sich anhören würde. Er hat sich nie gemeldet und dann haben wir zusammen den Auftritt gehabt, ihn kennengelernt.

Eines Tages kam ich von der Arbeit und hatte eine Nachricht von ihm auf dem Anrufbeantworter, dass er anfinge, ein paar neue Bands zu produzieren und wir die ersten seien, mit denen er zusammenarbeiten wollte. Wir waren natürlich ziemlich aufgeregt… Seitdem sind wir gut befreundet und auf dem Weg nach Europa hatten wir in Chicago einen fünfstündigen Aufenthalt, da hat er uns zu sich nach Hause eingeladen.

Ist es das erste Mal für euch, so weit weg zu spielen?

Alle: Ja.

Welche Eindrücke habt ihr?

Phillip: Es macht Spass, aber ist eigentlich kein so grosser Unterschied zum amerikanischen Publikum.

Heather: Die Toiletten sind anders…. Die Leute sind anders….

Phillip: Was die Punk-Crowd angeht… die ist gleich… Bis jetzt ist hier jeder ziemlich cool.

Heather: Abgesehen von dem Typen, der mich gestern angespuckt hat…

Hast du ihm dafür wenigstens eine geballert?

Heather: Ich musste singen und dachte nur würg, wenn ich aufgehört hätte, hätte ihn das wahrscheinlich nur gefreut, so habe ich getan, als ob nichts geschehen wäre und dann hat er wieder gespuckt. Ich bin innerlich vor Wut fast geplatzt und wollte ihm eine reinhauen…

Freut ihr euch über das Package mit NoFX?

Alle: Oh ja.

Phillip: Es ist unsere zweite Tour mit NoFX, aber unsere erste mit Hi-Standard, und die sind wirklich in Ordnung, wir teilen den Tourbus mit ihnen und hängen jeden Abend zusammen ab. Ich freue mich, sie mir jeden Abend anzuschauen, denn sie sind wirklich gut.

Heather: Das sind lustige Typen. Ja, und sie sind ziemliche gute Musiker, spielen immer Gitarre im Tourbus.

Wie bekannt seid ihr in den Staaten, wieviel Schallplatten verkauft ihr dort?

Philipp: Wir sind noch nicht so bekannt, aber wir kommen langsam dahin. Mit jeder Tour werden wir etwas bekannter, denn zur Zeit sind wir für viele Leute noch eine recht neue Band. Es wird immer besser….

Wie ist die Punkszene in Nashville?

Phillip: Ziemlich klein, die Kids in Nashville wissen nicht wirklich, was ausserhalb Nashvilles vor sich geht. Es gibt nur wenige Bands aus Nashville, die ausserhalb bekannt sind.

Heather: Nicht viele Punkbands treten in Nashville auf, die Misfits waren mal dort und einige andere, aber das ist ziemlich selten, dass bekanntere Punkbands dort auftreten. Wenn sie dort auftreten, ist das eine grosse Sache, weil’s eben nicht oft passiert.

Phillip: Normalerweise musst du nach Atlanta, Georgia, fahren oder Cincinnatti, Ohio, und wir sind direkt in der Mitte davon, aber wenn du Bands sehen willst, musst du dorthin fahren.

Habt ihr keine besetzten Häuser in Nashville oder Clubs wie den Gilman’s?

Philipp: Nein, die meisten Punkkids sind Kinder aus reichem Haus, die ziehen sich nur am Wochenende als Punks an.

Wie die Kids heute Abend….?

Philipp: Ja, das hören wir schon die ganze Tour und wenn wir in Interviews gefragt werden, was wir vom Publikum halten würden, weil die meisten davon keine richtigen Punks sind und nicht zu den kleineren Shows gehen, keine einzige der kleineren Bands kennen, sondern nur zu den riesigen Auftritte von den bekannten Bands gehen. Aber das ist in den Staaten auch so.

Also: Wieviele T-Shirts habt ihr gestern verkauft….?

Philipp: Nicht besonders viele….

Heather: Warte… Beim ersten Auftritt der Tour in Paris haben wir 4 T-Shirts und 4 CDs verkauft, am zweiten Abend waren es 5, 6, 7 T-Shirts…

Und wieviel hundert haben die (NoFX ist natürlich gemeint) verkauft?

Alle: Oh God…

(Gelächter)

Heather: Gestern haben wir 14 CDs verkauft!

Matt: Und weisst du warum? Ich habe mit dem Typen vom Merchandise geredet, und der sagte mir, dass viele Leute die Sachen von Hi-Standard kaufen würden, nur weil da Fat Wreckords draufsteht. Denen wäre egal, was das ist, hauptsache Fat Wreckords steht hinten drauf.

Heather: Das nächste Mal bringen wir T-Shirts mit, wo Fat Wreckords drauf steht…

Phillip: Oh ja, da würden wir eine Menge verkaufen….

Heather: Niemand scheint zu wissen, dass Honest Don’s Fat Wreckords ist, zur Zeit scheint das noch ein Geheimnis zu sein… aber eines Tages….

Das wusste ich auch nicht….

Heather & Phillip: Ja, Honest Don’s ist Fat Wreckords.

Philipp: Es ist ein bisschen kleiner als Fat, aber es sind die gleichen Leute.

Heather: Die haben zwei eigene Leute, die das machen, denn die anderen machen Fat, aber grundsätzlich sind es die gleichen Leute…

Das überrascht mich, denn die einzige Platte auf diesem Label, die ich kenne, ist die mit Pig Champion und Government DC, und die ist echt brutal. Also dachte ich, weil ich es da zum ersten Mal gesehen habe, dass das ein neues Label für ultrabrutalen Hardcore sei, und dann seid ihr darauf rausgekommen…

Philipp: Oh ja, das Bekannteste, was auf dem Label rausgekommen ist, sind die Dancehall Crashers, das erste Album von ihnen, dann die Riverdales undundund. Es wird immer bekannter und ziemlich bald werden die Leute mitbekommen, dass es Fat Wreckords Junior ist.

Könnt ihr von der Musik leben?

Philipp: Ja, wir haben keine anderen Jobs nebenher, und wir sind die ganze Zeit auf Tour. Eigentlich hören wir nie auf zu touren….

Heather: Wir können nur von der Band leben, wenn wir touren. Würden wir zum Beispiel drei Monate zu Hause rumsitzen, könnten wir nicht davon leben.

Philipp: Wir werden nicht reich, aber sind an dem Punkt, wo wir nicht arbeiten müssen und trotzdem was zum Essen haben.

Heather: Ja, denn wenn wir auf Tour sind, leben wir recht genügsam, übernachten nicht im Hotel, und so können wir uns dann recht leicht vom Touren über Wasser halten. Unsere Touren in den Staaten sind nicht vergleichbar mit dieser Tour. Wenn wir wie jetzt zusammen mit NoFX spielen, ist das eher schlecht für uns, nicht wirklich schlecht, aber wir verkaufen nicht besonders viel Merch, denn die Leute sind nicht wirklich interessiert an uns. Bei Auftritten mit Bands wie Mr. T-Experience, wo mehr unsere Art von Publikum vertreten ist, verkaufen wir besser.

Philipp: Unsere letzte Tour in den Staaten dauerte acht Monate, weil wir zuerst mit der einen Band zusammen auftraten und dann sofort mit der nächsten weitertourten. In dieser Zeit waren wir gerade mal drei Wochen Zuhause, aber nicht am Stück!

Ihr seid noch jung, aber geht das nicht an die Substanz?

Alle: Wir lieben es.

Was heisst eigentlich Zuhause?

Alle: Nashville, Tennessee…

Ja, ja, ich weiss, aber wie lebt ihr dort?

Heather: Ich und Philipp und Matt leben im Haus seiner Mutter, die sich um uns kümmert…

Philipp: Ja, wir müssen keine Miete zahlen…(lacht)

Heather: Keith ist aus New Jersey und fährt da immer hin, wenn Zeit ist.

Philipp: Wenn wir nicht Zuhause sind, sind wir auf der Strasse. Ich denke, unser wirkliches Zuhause ist unser Tourbus bzw. unser Van.

Das erinnert mich an Black Flag… Kommt ihr da nicht an den Punkt, wo ihr verrückt spielt und euch gegenseitig umbringen wollt…?

Philipp: Nein, nein so ist das nicht. Wir leben in Nashville ja auch zusammen.

Matt: Wir kommen gut miteinander aus…

Heather: Manchmal ist es nicht ganz so toll….

Philipp: Ich meine, du gerätst immer mal in Streit mit anderen Leuten wie untereinander, aber das sind bei uns dann nur Meinungsverschiedenheiten. Wir sind wie eine Familie, wie Brüder und Schwester, weil wir auch die ganze Zeit zusammenleben.

Heather: Wir bekämpfen uns auch nicht wirklich untereinander, das sind nur so Sachen wie „deine Füsse stinken, schieb‘ sie gefälligst in deine Schuhe zurück“.

Welche anderen Interessen habt ihr neben der Musik?

Philipp: Alte Horrorfilme wie Dracula, Frankenstein…

Matt: Ich denke, das mögen wir alle.

Heather: Keith mag Hockey, und er spielt Golf. Hey Keith, ich mache gerade dein Interview für dich….Ich hatte immer Pferde und so, aber das geht jetzt nicht mehr. Im Grunde genommen mögen wir alle, vor dem Fernseher zu sitzen und zu essen…. Wir lieben es, zu essen.

Aber ihr seid alle schlank, wie geht das?

Philipp: Weil wir jeden Abend auf der Bühne stehen…

Was esst ihr am liebsten?

Heather: Alles.

Seid ihr eher Biertrinker oder Weintrinker?

Heather: Ich mag keinen Wein, ich trinke Bier und Whisky.

Matt: Ich mag Wodka und Whisky.

Philipp: Ich bin eher ein Biertrinker.

Matt. Ja, Bier trinke ich auch.

Eine Freundin bat mich, dich, Heather, zu fragen, ob du eine Menge männlicher Groupies…

Heather: Nein!

Matt & Philipp (im Chor): Doch! Hat sie!

Heather: Hab‘ ich nicht! Wo denn?

Philipp: überall!

Werden Männer nicht von Frauen, die in Bands spielen, eingeschüchert…?

Heather: Ich habe keine Groupies. Groupies sind Leute, die auf die Konzerte kommen und mit dir dann abhängen wollen und so…

Band & Interviewer: Das meinen wir ja!!!

(Grosses Tohuwabohu: Heather wird von ihren Bandkollegen auf die Schippe genommen und wehrt sich…)

Philipp: Ziemlich bald wird sie ihre eigene Homepage haben… (grosses Gelächter)

Heather: Oh nein! (lacht, wendet sich an die Interviewer) Die wissen rein gar nichts….! (Gelächter) Die wissen überhaupt nicht, was abgeht. Die sind nur die ganze Zeit um mich herum….!

***


Al stellte dann noch die Röhnert-Frage, welche Person in der Musikgeschichte die einzelnen Teen Idols ersetzen würden, wenn das möglich wäre, und Philipp meinte sofort, dass Heather Fat Mike sein würde (um euch ihre Art von Humor zu veranschaulichen. Fat Mike hatte sich mittlerweile im Backstage breitgemacht und mindestens 4 Minuten Aufmerksamkeit an sich gerissen…)

Zum Schluss bleibt eigentlich nur noch zu sagen, dass – wie auch schon aus dem Interview zu erkennen ist – die Teen Idols absolut sympathische, ehrliche und direkte Menschen sind, die ebensolche Musik spielen. Es gibt bei ihnen keinen ideologischen überbau, keinen Dogmatismus oder angestrengte musikalische Innovationen, ohne dabei jedoch gesichts- und meinungslose Langweiler zu sein.

Und im Gegensatz zu obenbeschriebenem Hardcore-Nachwuchs, bei dem Musik und im besten Fall auch Ideologie wahrscheinlich nur Ausdruck einer kurzen Rebellionsphase in der Pubertät bleibt, nehmen die Teen Idols den Spass am Punkrock ziemlich ernst!

Interview/Fotos: Andrea Stork und Alexander Schulha

Text: Andrea Stork

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.