Oktober 4th, 2011

TACKLEBERRY (#136, 06-2009)

Posted in interview by jörg

Es gab Zeiten da habe ich mich mehr für Musik interessiert, die im strengeren Sinne am Begriff Hardcore orientiert ist. Zu oft habe ich nun für den Grossteil der aktuell austauschbaren Bands mit beinahe monatlich wechselnden Namen, ihren Trendlabels, ihr Merchandise, ihre Preorderdeals und dem neuen Hype um Schuhe nur ein müdes Lächeln übrig.

So gehe ich nie auf Konzerte um Tackleberry zu sehen, trotzdem komme ich nicht umhin, Tackleberry aufgrund ihrer scheinbar unermüdlichen Liveaktivitäten regelmässig im Vorprogramm oder gelegentlich auch als Hauptact zu sehen.

Ohne Erwartungen werde ich immer wieder aufs Neue positiv von ihnen überrascht. Längst ist Tackleberry auf einem Showflyer zu einer Garantie für einen guten Auftritt gepaart mit enthusiastisch feierndem Publikum geworden, als handle es sich auf der Bühne um einen internationalen Act.

Genauer betrachtet passen sie auch gar nicht in das oben beschriebene Schema auch wenn sie machmal ein ähnliches Publikum anziehen. Dabei sind Tackleberry nicht nur live umtriebig wie hierzulande kaum eine weitere Band, sie brachten nun nach ihrem Debutalbum „Call Me Green“ Anfang 2008 Ende März schon ihr zweites Album „Reinventing Appetite For Destruction“ raus. Da beide Platten auch noch auf dem Label Zeitstrafe erscheinen, ist es für mich Grund genug genauer nachzufragen.

Ich war mit 2/5 von Tackleberry in ihrer Heimatstadt Kiel in einer gemütlichen, alternativen Kneipe rund vier Wochen vor Erscheinen der neuen Veröffentlichung zum Interview verabredet. Aufgrund meines Desinteresses an Fussball und dessen Spielterminen verweilte ich erst im Stau vorm hiesigen Stadion meiner Stadt, wenige Kilometer später wurde ich Zeuge eines blutigen Unfalles und musste einen Notarzt alarmieren. Mit 45 Minuten Verspätung konnten wir das Interview bei Kaffee endlich beginnen. Später gab es leckeres Essen und ein ehemaliges Mitglied von Kurhaus spielte im Kneipenbetrieb auf seiner Gitarre.

***

Oft heisst es, dass nur amerikanische Hardcorebands hier abgefeiert werden. Wie seht Ihr das? Oder muss eine deutsche Band eigentlich mehr leisten um gleichen Erfolg erziehen zu können?

Mäxchen (Bass): Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt auch öfters Amibands die herkommen und dann gar nicht so richtig abgefeiert werden. Wir veranstalten Montag hier in Kiel ein Konzert mit Gravemaker und Battle und da habe ich jetzt noch nichts von einem Hype mitbekommen.

Aber wenn Du jetzt von sowas wie Verse, Have Heart und Konsorten ausgehst, ist es bestimmt so. Selbst, wenn die einen nicht so geilen Support mitbringen würden, dann gäbe es bestimmt einen Hype, einfach weil die Band aus dem Umfeld kommt und es dann attraktiver für die Leute ist. Sie haben dann einen Startbonus eine geile Amiband zu sein, das Gefühl hat man auf jeden Fall manchmal.

Und fühlt Ihr Euch nachteilig behandelt, wenn Ihr einen Vergleich bestehen müsst oder mit ihnen zusammenspielt?

Hannes (Gesang): Solange man sich nicht mit denen vergleicht, ist das ziemlich egal! Es ist mir egal, ob eine amerikanische Band gleich auf ihrer ersten Tour mega den Erfolg einheimst. Gut, dann ist das so, aber das hat mit meiner Band nichts zu tun.

In Hinblick auf Euer kommendes zweites Album „Reinventing Appetite For Destruction“, dachte ich immer, dass sich 15 Minuten LPs nur US-Bands erlauben könnten.

Hannes: (zögert) Nö, wir auch. (Gelächter) Wir hatten nicht mehr Sachen und wollten was rausbringen. Eigentlich dachten wir auch, es ist eine EP und (zögert) ist es ja eigentlich auch.

Für eine 7″ ist es zu lang und eine 10″ ist im Vergleich zu einer LP fast sogar teurer. Renke [Zeitstrafe] wollte dann lieber eine LP veröffentlichen und die auf 45 RPM laufen lassen. Wollen wir mal sehen, ob er sich da verkalkuliert hat.

Mäxchen: Mir ist es auch egal. Beim ersten Album waren es auch nur sechs Minuten mehr und das macht den Braten auch nicht fett.

Ihr hättet noch warten können, Eurer erstes Album „Call Me Green“ ist erst 14 Monate her!

Hannes: Die Songs damals von der „Call Me Green“ waren zum Teil halt echt sehr alt, da waren Songs drauf, die zur Veröffentlichung schon zwei Jahre alt waren. Wir waren mit dem Sound nicht mehr zufrieden und vor allem wollten wir immer gleich die neuen Songs live spielen.

Dann ist es halt blöd, wenn sich jemand gerade eine neue Platte von einer Band gekauft hat und die auf dem Konzert nur noch drei oder vier Lieder davon spielen und ansonsten nur neuen Scheiss, weil die Band vom Album schon die Fresse voll hat.

Mäxchen: Die neue Platte jetzt ist vor allem in einem Schaffensprozess entstanden, der nach den Aufnahmen der „Call Me Green“ begann. Alle neuen Songs sind mit den gleichen Leuten geschrieben worden, also haben wir jetzt, was für uns ungewöhnlich ist, keinen Lineupwechsel gehabt und es lief einfach gut.

Die Songs flutschten mehr oder weniger einfach heraus, jedenfalls für unsere Verhältnisse. Hätten wir jetzt nochmal drei oder sechs Monate mit der neuen Platte gewartet, hätten wir möglicherweise selber schon keine Lust mehr auf ein paar der Songs gehabt.

Hannes: Zwei Songs auf dem neuen Ding sind jetzt auch schon wieder ein Jahr alt, also vor einem Jahr geschrieben.

Mäxchen: Aufgenommen haben wir jetzt alles im Januar und Ende März erscheint die Platte dann. Bei der ersten LP dagegen hatten wir bereits im Juli aufgenommen und letztendlich ist die Platte erst im Januar erschienen. Dieses Mal dagegen war es eine ganz andere Dynamik. Bei „Call Me Green“ ging eigentlich alles schief, was schiefgehen konnte.

Wir waren ewig unzufrieden mit dem Sound, haben dann recht schnell bemerkt, dass wir im falschen Studio waren und jetzt passte irgendwie alles. Die Songs waren da, es gab eine klare Linie, die sich durch alle Songs zieht, das Aufnehmen lief perfekt und dass Renke [Zeitstrafe] die Platte veröffentlicht, war auch von vornherein klar. Es sollte schnell gehen, damit die Songs noch frisch sind.

Ihr habt meine nächste Frage gerade schon angeschnitten, aber inwieweit war der Songwritingprozess jetzt bei „Reinventing Appetite For Destruction“ mit der Erfahrung von der ersten LP eigentlich anders?

Hannes: Wir haben nicht mit Klick aufgenommen, das war schon geiler. (lacht)

Mäxchen: Bei der letzten Platte stammten die Songs halt aus ganz verschiedenen Zeiträumen, in denen wir sehr viele Besetzungswechsel hatten. Wir hatten teilweise Phasen, wo wir uns selber gegenseitig alle auf die Nerven gegangen sind. Dieses Mal haben wir die Songs sehr stetig geschrieben. Man kam mit etwas an und dann wurde es schnell ausgearbeitet. Dass wir fast nichts verworfen haben, war auch anders als bei der ersten Platte.

Da mussten wir einfach alles Aufnehmen, was wir hatten und die Songs waren teilweise von 2006. Songs, auf die wir auch keinen Bock mehr hatten, weil sie aus einer Phase stammten, auf die wir keinen Bock mehr hatten. Vielleicht hört man das auf der neuen Platte auch, dass es jetzt alles homogener ist.

Der Plattentitel „Reinventing Appetite For Destruction“ greift Guns’n’Roses auf… (Gelächter) Warum lacht Ihr?

Hannes: Ist doch ein geiler Titel, oder?

Trotzdem musste ich im zweiten Moment auch an Against Me denken. Ist das beabsichtigt?

Hannes: Ja schon, obwohl mir das eigentlich relativ egal ist. Wir haben halt nachgedacht, wie wir die Platte nennen wollen und kamen dabei immer wieder auf welche von unseren vielen Insiderjokes, die wir als Band über die Jahre entwickelt haben. Wir hatten gesagt, dass wir keinen Titel von einem Song für die Platte nehmen wollten, sondern was eigenes zusammenbasteln wollten.

Mäxchen: Das Stichwort Basteln passt ganz gut. Ich glaube der Plattentitel ist entstanden, als wir im Studio waren…

Hannes: Nee, da haben wir geprobt.

Mäxchen: Egal. (zögert) In meinen Augen war das im Studio.

Hannes: Also ich habe da geprobt…

Mäxchen: Auf jeden Fall ist es Bastelei gewesen. Wir sind alle die-hard Heinz Strunk Fans und bei ihm kommt es vor, dass er ein Wort sagt und alle lachen.

Hannes: Irgendein Insiderjoke halt, dann hatten wir die ganze Zeit schon „es muss irgendwas mit Appetite“ sein. Nachdem wir in den letzten zwei Jahren sehr viel live gespielt haben, hat sich auch herauskristallisiert, dass wir einen ganz schönen Hang zur Selbstzerstörung haben.

„Appetite For Destruction“ konnten wir aber nicht so nehmen. Deshalb haben wir uns für „Reinventing Appetite For Destruction“ entschieden. In Anlehnung an Against Me und natürlich an Pantera mit „Reinventing the Steel“.

Mäxchen: Das beschreibt auch die Einflüsse in der Band. Es gibt Leute, die hören viel Against Me und es gibt Leute, die hören megaviel Pantera und wir alle hören ganz, ganz viel Heinz Strunk.

Hannes: Irgendwer sagte plötzlich „Reinventing Appetite for Destruction“ und alle grinsten nur.

Und Ihr könnt Euch alle auf Guns’n’Roses einigen?

Mäxchen: Das ist glaube ich vor meiner Zeit gewesen. Aber die anderen, die ja alle 10 Jahre älter sind als ich, die standen hammermässig auf Guns’n’Roses. übrigens ist Renke [Zeitstrafe] der erste gewesen, der sich die neue Platte gekauft hat. Megaluxus-Vinyl für 99 Euro oder sowas. Dafür muss er 40 Zeitstrafe-Veröffentlichungen verkaufen.

Scheisse, nur wegen Guns’n’Roses musstet Ihr Eure Platte jetzt schon rausbringen und nicht erst in sechs Monaten.

Hannes: Der Dispo halt… Eigentlich hätten wir unser Ding ankündigen sollen und es müsste dann erst so in drei, vier Jahren erscheinen. So wie halt bei „Chinese Democracy“, zehn Jahre behaupten, dass die Platte bald erscheint, dabei regelmässig das Line-up wechseln und am Ende bin nur noch ich über. (Gelächter)

Welche Bedeutung haben Guns’n’Roses für Euch?

Mäxchen: Gar keine.

Hannes: Eigentlich sind die ziemlich egal. (Gelächter)

Mir sowieso. Auf der Platte gibt es weiterhin viele Referenzen auf andere Bands? Modern Life Is War, Sinking Ships…

Hannes: Das ist doch witzig. Das „sinking ships“ in einer Textzeile ist aber kein Bezug auf die Band, sondern hat was mit dem Mystery Science Theater 3000 Film zu tun, von dem wir „Ich hacke ein Loch in unser Raumschiff…“ auf der Platte samplen.

Aber der Song „Modern Wife is Law“ hat sicher was mit dem ähnlich klingenden Bandnamen zu tun! Musikalisch geht der Song ja auch ein wenig in die Richtung.

Mäxchen: Es ist auf jeden Fall der harcore’igste Song auf der Platte, der new melodic hardcore-mässigste oder so. Es ist der älteste Song auf der neuen Platte und geht schon noch eher in Richtung unserer ersten Platte. Irgendwann kam bei uns mal dieses Wortspiel „Modern Wife is War“ anstatt „Modern Life is War“ auf.

Ich glaube ich bin der einzige bei Tackleberry, der diese Band hört, aber der Titel soll sicherlich nicht als Dis zu verstehen sein. Es handelt sich einfach um ein Wortspiel.

Ich habe hier das Artwork liegen. Was hat es damit auf sich? Und offensichtlich hat es dieses Mal auch jemand anders gestaltet als letztes Mal.

Hannes: Das stimmt. Das erste Artwork hat damals Benni von Black Ink auf den letzten Drücker innerhalb von drei Tagen erstellt.

Mäxchen: Dieses Artwork jetzt war ein langes Stück Arbeit.

Hannes: Wir hatten letztes Jahr auf der Tour einen Typen [Seb Winter] in Trier kennengelernt und haben bei dem gepennt, der später das Artwork für diese Platte gemacht hat. Die Taube auf dem Cover kommt bei uns immer wieder, sie ist auch sowas wie ein bandinterner Running-Gag geworden, weil unser Schlagzeuger eine Taubenphobie hat.

Mäxchen: Wenn irgendwo Tauben sitzen, geht er da nicht lang. Oft sehr witzig, ähm für ihn nicht so…

Hannes: Aber für uns natürlich hammerkomisch. Deshalb wollten wir eine Bonzentaube auf unserem Cover haben, die mit Geld um sich wirft.

Mäxchen: Da sitzt so eine Taube in einem Nest aus Geld. Es gab am Anfang nur ein paar Eckdaten, dass es irgendwas mit Geld und mit einer Taube zu tun haben muss und Seb, so heisst der Typ, hat das wirklich famos umgesetzt. Die ganze Zeit hatten wir nur Zeichnungen von ihm, also der studiert auch sowas in der Richtung, hat viel umgemodelt und alles auf dem Artwork ist handgemalt. Wir hatten uns das eigentlich alle anders vorgestellt, aber als er es dann rumgeschickt hat, wollten wir es unbedingt so nehmen. Dann hat er es noch hier und da etwas verfeinert und jetzt haben wir eine Bonzentaube mit einem Wrack.

Soweit ich mich entsinne war auf der „Call Me Green“ aber auch schon eine Taube abgebildet?

Hannes: Ja, es ist eben ein Running-Gag bei uns.

Mäxchen: Es ist kein Muss, aber Tauben haben ja in gewisser Weise auch etwas räudiges. Stichwort Ratte der Lüfte oder so…

Hannes: Tauben haben ein zu gutes Image, ein viel zu gutes Image.

Mäxchen: Obwohl sie nichts anderes als Ratten sind!

Hannes: Alle mögen Tauben, das ist das erste, was Du mitbekommst. Bert aus der Sesamstrasse füttert Tauben und keine Ratten. Tauben sind immer dreckige Scheissviecher, die Bakterien übertragen und es sind Ratten mit Flügeln. Und um diesem Image entgegenzuwirken haben wir Tauben auf unseren Covern.

(Gelächter)

Das ist also eine der Hauptaussagen von Tackleberry?

Mäxchen: Nein, das ist keine Kernaussage, aber es sieht schön aus.

Hannes: Was, dass Tauben scheisse sind?

(Gelächter)

Mäxchen: Doch, das ist eine Kernaussage, auf jeden Fall.

Ich meine ja nur, weil Du mir genau das auch schon im letzten Interview erzählt hattest.

Hannes: Worüber reden wir dann? (Gelächter)

Nochmal zurück zum Design, hat der Typ [Seb Winter] noch andere Artworks gemacht? Ist er sonst auch in der HC-Szene aktiv? Zumindest mir ist er bisher nicht aufgefallen.

Hannes: Er hat wohl schon mehrere Sachen für Hardcorebands gemacht.

Mäxchen: Er hat ein Homefront-Shirtdesign gemacht, oder nicht?

Hannes: Ja und ein Tourplakat für Ceremony oder so?

Mäxchen: Irgendwie sowas. Bei graphischen Sachen ist er echt bewandert und macht das die-hard. Er macht auch Tätowiervorlagen und würde die auch selber gern stechen, aber er kann es bisher nicht und malt deshalb nur. Wir waren jedenfalls alle ziemlich begeistert davon, was er so kann. Und da er sich auch dachte „die Band ist jetzt nicht so scheisse, dass ich da keinen Bock drauf habe“, hat er es gemacht.

Ich glaube unser Artwork wird auf Vinyl dann schön aussehen. Die Leute, die das irgendwann mal kaufen wollen, werden das bestimmt auch ganz gut finden. Das „Call Me Green“ Design wurde öfters als zu arty-farty kritisiert, dass es besser zu einer Indieband passe als zu einer fetten Hardcoreband. Und da wir weder Indie noch eine fette Hardcoreband sind, fand ich eigentlich immer, dass es gut passt.

Hannes: (gebeugt über das Papier mit dem Ausdruck des neuen Artworks) Und hier sind ganz kleine umgedrehte Kreuze auf der Tapete abgebildet.

Was? Das habe ich noch nicht gesehen.

Hannes: Doch, sieh mal da oben. Und Christen sind scheisse.

Mäxchen: Da gibt es viele Details im Artwork.

Tackleberry haben viele gesellschaftskritische Texte. Deshalb die Frage, wo ihr Euch persönlich, weniger als Band, in 15 Jahren seht?

Mäxchen: Also unseren Schlagzeuger sehe ich jedenfalls in 15 Jahren kurz bevor er sich zur Magisterarbeit anmeldet. (Gelächter) Unserer anderer Gitarrist wird immer noch hammermässig versuchen in irgendeinem Musikinstitut eine Promotionsstelle zu bekommen.

Hannes: Die wird er bis dahin haben, aber da wird er versauern.

Mäxchen: Und ewig die Texte für seine Professoren kopieren. Hannes wird so ein Kindergärtner, der irgendwann total frustriert ist und säuft und raucht. Bei unserem anderen Gitarristen, unserem Nerdgitarristen, dessen Name nicht genannt werden darf, der macht irgendwann mal was mit einer Doppelhaushälfte. Und ich…

Hannes: Spiesser!

Mäxchen: Ich werde auch Spiesser. Ich weiss es gar nicht, cool wäre es natürlich einer von den „älteren“ Leuten zu sein, die immer noch eine Punkverbindung haben. Das ist natürlich erstrebenswert. Inwiefern dass dann auf alle auch zutrifft, die Frage ist ja in dieser Szene immanent. Viele 17jährige die-hard Typen sind mit 25 nicht mehr da. Wenn wir 35 sind, hoffe ich dass man vielleicht immer noch Shows macht oder auf Shows geht. Da war gerade unsere Tour im September mit Paint It Black ein cooles Erlebnis.

Dan Yemin hat in der Vergangenheit sauviele geile Sachen gemacht [Lifetime, Kid Dynamite], wirkt dabei immer noch total authentisch und ist jetzt 41. Dem können die meisten 20jährigen einfach nicht das Wasser reichen. Das sind Beweise dass es durchaus funktionieren kann, ein Berufsleben mit Punk/Hardcore zu verbinden. Ob man dann noch 80 Konzerte im Jahr spielen kann, ist eine andere Sache. Oder auch Just Went Black die ja teilweise auch eher gestandene Leute sind, machen grossartige Musik und sind auch sonst grossartig. Das kann man nicht aufs Alter schieben.

Hannes: Die sind echt derbe alt. Also sag ich jetzt mal…

So viel älter als ich sind die auch nicht.

Mäxchen: So viel älter als Hannes und Peder sind die auch nicht. Aber…

Hannes: (lenkt ab) Das ist doch völlig egal… die sehen zumindest so alt aus und reden immer so alte Scheisse.

Wollt Ihr an dieser Stelle vielleicht noch einen Gruss an Just Went Black loswerden?

Mäxchen: Ja, Bier ist das Wort.

Hannes: Bier!

Themenwechsel, wie definiert sich Erfolg für Euch, eher auf persönlicher Ebene als auf Bandebene?

Hannes: Jedenfalls ist es nicht finanziell.

Mäxchen: Erfolg hat was mit Zufriedenheit zu tun und damit dass man sich mit den Dingen, die man macht, nicht unbedingt identifizieren, aber dass man es jedenfalls nicht scheisse findet, was man macht. Sonst verbiegt man sich soweit, dass es ein Verleugnen der eigenen Persönlichkeit ist.

Hannes: Musikalisch ist es schön zu wissen, dass viele Leute die Band geil finden ohne dass wir uns dafür anbiedern müssen. Das finde ich eine ziemlich coole Sache.

Mäxchen: Eine andere Sache, die ich auch mit Erfolg gleichsetzten würde, ist dass wir in den letzten drei Jahren einfach so viele Leute kennengelernt haben, die total nett sind und auf die man sich ein stückweit in mancher Hinsicht auch verlassen kann. Wenn es nur so was doofes ist, wie ich fahre nach Darmstadt und besuche meine Tante, aber bei der will ich nicht pennen, dann penne ich lieber bei jemand anders. überhaupt mal Leute kennengelernt zu haben, ist eine Form von Erfolg für mich.

Hannes: Wir sind mit allem, was wir mit der Band erreichen wollten, schon lange durch. Als wir uns gegründet haben, wollten wir mal eine Deutschlandtour spielen. Nach einem Jahr hatten wir das durch und seitdem steht die Band eigentlich permanent kurz vor der Auflösung, weil wir uns immer neue Ziele stecken müssen.

Was sind denn die aktuellen Ziele?

Hannes: Momentan… keine Ahnung! Insbesondere in Sachen Konzerten haben wir glaube ich schon alles gemacht.

Mäxchen: Das heisst natürlich nicht, dass wenn jetzt ein Kumpel aus Weimar anruft, dass wir dann sagen würden „wir haben da schon zweimal gespielt und das ist jetzt unter unserem Karriereplan“. Wir haben 2007 einfach so viele Sachen gemacht. Aber demnächst spielen wir eine Tour mit Static Radio.

Da gibt es Sachen, die wir bisher noch nicht gemacht haben. Wir waren zum Beispiel vorher noch nie in Kroatien oder Ungarn. In anderen europäischen Ländern waren wir schon. Das sind immer noch Fortschritte.

Hannes: Ich will auch wieder in die Länder, in denen wir schon waren. Aber ich sehe es halt so, dass alles was wir jetzt machen, was noch kommt, das ist Bonus! Ich sehe uns immer noch als kleine, schrottige Kellerband und wir haben Glück gehabt, mit dem was wir gemacht haben. Wir haben superviele Konzerte gespielt, total viele tolle Touren gemacht und das ist einfach ein Geschenk.

Wisst Ihr wie viele Konzerte Ihr mittlerweile gespielt habt?

Mäxchen: 280? Zwischen 250 und 300?

Hannes: Ja, irgendwie so.

Mäxchen: 2004 haben wir uns gegründet, wobei wir erst später richtig losgelegt haben. Letztendlich kann man von zweieinhalb hammeraktiven Jahren reden.

Hannes: 2007 haben wir rund 140 Konzerte gespielt.

Mäxchen: Nein, nicht 140!

Hannes: Doch, wir haben in einem Jahr 140 Konzerte gespielt.

Mäxchen: Ich dachte jetzt eher sowas wie 100, auf jeden Fall derbe viel.

Hannes: Jedenfalls hat Renke [Zeitstrafe] das behauptet! Aber Renke ist auch ein Wicht, der wirft nur mit Zahlen um sich, für den zählen echt nur Zahlen. Erfolg sind für ihn nur Zahlen, für uns ist das ein Feeling. Wir sind Künstler, wir sind irgendwie auch Prinzessinnen. Ich jedenfalls. Nein, also Zahlen sind nicht mein Ding. (Gelächter)

Mäxchen: Also ich unterschreibe das nicht! Aber ist schön, dass Hannes das so sieht. (Gelächter)

Habt Ihr vielleicht noch eine andere Aussage über Renke [Zeitstrafe], wenn er gerade schon nicht anwesend ist?

Mäxchen: Wir haben ihn alle sehr gern. Wir hatten gerade erst wieder leichte Spannungen weil wir manchmal ein unprofessioneller Haufen sind. Wenn solche Sachen wie „Benni vom Trust, der will jetzt Samstag ein Interview machen“ sind, dann sind die ersten drei Antworten, die Renke von uns bekommt „ich kann nicht“, „ich kann nicht“ und „ich will HSV kucken.“ Bei sowas muss er glaube ich manchmal viel mitmachen mit uns, dass er das alles so durchsteht, dass spricht für ihn.

Hannes: Er ist total engagiert, macht eigentlich alles was wir wollen also die Platte und die CD.

Mäxchen: Vor allem macht er ja auch das, worauf er Bock hat. Das empfinde ich als sehr bewundernswert. Ich weiss ja nicht, ob Du mal in seiner Wohnung warst, aber er kann ja nichtmal beim Duschen stehen. Und das ist richtig Punk!

Wieso kann er nicht beim Duschen stehen?

Mäxchen: Er wohnt in einer Dachgeschosswohnung, wo die Dachschräge über der Badewanne verläuft. Das Waschbecken ist auf dem Flur. Die Wohnung unterstreicht das, was er tut.

Was macht einen guten Hardcoresong aus?

Hannes: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Solo, Ende… noch ein Solo.

Mäxchen: Das Gleiche, was einen anderen guten Song ausmacht. Ob es nun als Hardcore gelabelt ist oder nicht, ist scheissegal. Wir wollen uns auch eigentlich nicht als voll die Hardcoreband labeln, damit schränkt man sich nur ein.

Hannes: Wenn jemand fragt, sage ich „wir sind eine Punkband“.

Mäxchen: Ich erkläre immer, dass es so Rockmusik ist. Meine Mutti sagt dann immer „Nee, nee – das ist ’ne Hardcoreband!“, das hat sie irgendwo mal gelesen und ist jetzt stolz, dass sie das Wort kennt.

Welche Einflüsse gibt es auf Tackleberry abseits von Musik?

Mäxchen: (überlegt) Die Tatsache, dass wir ein fauler Haufen sind, dass es meist an wenigen hängen bleibt, sich um irgendwas zu kümmern.

Hannes: Wir sind eine ziemlich unorganisierte Band.

Dafür macht Ihr aber schnell neue Platten und spielt zu viele Shows!

Hannes: Wir hatten einfach Glück, dass wir mit Niclas von Field Of Hope Booking einen Booker bekommen haben. Der hat sich ganz zu Anfang unser angenommen und sich dann den Arsch aufgerissen. Er hat gesagt, dass er Bock hat für Bands Konzerte zu buchen und hat uns gefragt, ob er mit uns anfangen darf.

Dann hat er gemacht und gemacht und wir mussten halt immer dahin die Konzerte spielen. Wir kümmern uns nicht darum einen Bus für Touren zu besorgen und wir drucken uns generell keine Wegbeschreibungen zu Konzertorten aus.

Mäxchen: Weil es halt einfach keiner macht. Sonst würde es immer an wenigen hängenbleiben und die denken immer „das können auch die anderen machen“. Das hatte vielleicht Einfluss auf das Songwriting, denn dieses Mal sind die Songideen grossteils von einer Partei gekommen, die sind gemeinsam ausgearbeitet worden und das trägt dazu bei, dass es dieses Mal eine klare Linie hat.

Hannes: Und Einfluss? Alles was ich dazu sagen kann, das steht in den Texten! Die stehen ja extra im Booklet und sind ziemlich deutlich.

Mäxchen: Beeinflusst hat uns 2007 sicher die Tatsache dass wir, gefühlt, mehr weg waren als dass wir hier waren. Tourerfahrungen und dieses Aufeinanderhocken mit allen Spannungen, die sich zwischen Menschen aufbauen können, das würde ich noch als Einfluss nehmen, was vielleicht auch wieder zu unserer Unorganisiertheit führt.

Wer ist denn dieser Niclas überhaupt? Ich kenne den nicht.

Mäxchen: Als wir Niclas kennenlernten, war er ein geschätzt elf- bis zwölfjähriger pickeliger Junge aus Lütjenwestedt – das liegt zwischen Wacken, Itzehoe und Heide. Irgendwie hatte er mal einen Einblick ins Showbuchen bekommen, hatte da Bock drauf und hat Hannes und Peder mal angeschrieben.

Zuerst lief es unter dem Label Crime Booking, irgendwann hat er sich mit Volker von Fields Of Hope Records zusammengetan, weil so auch ein bekannterer Name dabei ist. Er hat Fields Of Hope Booking, was in Anführungsstrichen durch die Decke gegangen ist. Er macht jetzt ziemlich viel, auch Amibands. Niclas ist jemand, der für sein Alter wirklich sehr viel Energie, Klassenversetzung und ähnliches investiert um ein bisschen auch Punk zu leben.

Bei der Menge an Touren, klingt das nach einem hohen Zeitaufwand.

Mäxchen: Es ist wirklich so gewesen, dass er versetztungsgefährdet für die neunte Klasse war, vielleicht war es auch die elfte Klasse, weil er halt nicht morgens in die Schule gegangen ist, sondern ins Internetcafe und heimlich Touren gebucht hat. Das ist echt kein Scheiss.

Hannes: Er hat mittlerweile einen ganzen Haufen Touren für uns gebucht – einfach so!

Das heisst, er erzählt seiner Mutter morgens, dass er zur Schule geht, aber in Wirklichkeit geht er dann ins Internetcafe?

Mäxchen: Richtig. Ist er nicht gerade hängengeblieben?

Hannes: Ich weiss nicht genau.

Mäxchen: Er hat jetzt einen Führerschein, das ist auch heftig. Ich musste ihm neulich 220 Euro für Tourplakate vorstrecken, weil er auf der letzten Tour, nachdem er zwei Wochen seinen Führerschein hatte, gleich eine Tour mitgefahren ist und erstmal einen Sprinter irgendwogegen gesetzt hat. Ja, das ist Niclas – ein cooler Typ und bestimmt auch ein lohnenswerter Interviewpartner.

Hannes, im letzten Interview, das wir vor einem Jahr geführt haben, hast Du mir von den zahlreichen Verletzungen bei Tackleberry erzählt. Wie viele Verletzungen gab es denn seit der letzten LP?

Hannes: Man hat immer mal Verletzungen, aber nichts erwähnenswertes.

Ist ja langweilig!

Mäxchen: Vorhin hast Du noch gross von Selbstzerstörung rumgetönt!

Hannes: Ja, keine Ahnung. Es ist einfach nichts aussergewöhnliches mehr, wenn jemand blutend von der Bühne kommt.

***

Interview & Einleitung: Benjamin Schlüter

Alben:

Tackleberry – Call Me Green LP/CD (Zeitstrafe, 2008)

Tackleberry – Reinventing Apetite For Destruction LP/CD (Zeitstrafe, 2009)

Weitere Informationen:

www.myspace.com/tackleberryhc

www.zeitstrafe.de

www.seb-winter.com

Links (2015):
Wikipedia
Facebook
Discogs

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