März 16th, 2007

SWINGING UTTERS (#73, 12-1998)

Posted in interview by jörg

Das Inti wurde nach dem Auftritt der Utters im Stattbahnhof zu Schweinfurth geführt. Leider konnte ich im Nachhinein nicht mehr feststellen, von wem im einzelnen die Antworten kamen, da es schon leicht chaotisch zuging, was bei der Menge an Leuten, die am Tatort rumlungerten, eigentlich kein Wunder ist.

Unter anderem, waren auch Martin und Judith (Danke für die Bilder) die für das Zine des Bahnhofs schreiben.

***

M(artin): Stellt euch doch bitte erst mal den Lesern vor. Wer ist wer?

– Ich heisse Johnny und singe bei den Swingin` Utters.

– Ich heisse Max und spiele Gitarre.

– Ich bin Darius, der Bassist.

M: Fehlt da nicht noch einer?

– Der Drummer, aber den lassen wir nicht reden…

– Den haben wir im Klo eingesperrt.

– Der wixt…

M: Würdet ihr Drummer als Musiker bezeichnen, oder sind die was anderes?

SWINGING UTTERS: WAS ANDERES!!!

S(ebastian): Wie läuft die Tour? Ihr seid ja schon eine ganze Weile unterwegs.

– Wir sind jetzt schon fast 2 Monate unterwegs. Bald ist es geschafft, aber es war klasse. Die meisten Shows waren riesig. Allerdings nicht, weil wir die Headliner waren: Wir haben einige Shows im Rahmen der Warp Tour in den Staaten gespielt. Vor 12.000 bis 15.000 Leuten.

– Hier haben wir mit der Fat Stage angefangen. War echt spassig! OK, gestern waren wir in Frankfurt, was ziemlich beschissen war, aber wir haben eine gute Zeit. Es war bis jetzt eine grossartige Tour!

S: Heute waren ja nicht richtig viele Leute da, die dazu auch noch eher langweilig waren…

SWINGING UTTERS: Ja, es hätten schon mehr sein können… (der Rest ging in Fremdgeräuschen unter, da sich jetzt auch der Schlagwerker zur Runde gesellte)

S: Gibt es irgendwelche coolen Stories?

– Haufenweise!!

– Tonnen…

S: Ja, dann erzählt doch mal… (Muss ich Euch alles aus der Nase ziehen???)

SWINGING UTTERS: Naja, die sind leider geheim.

S: 🙁

M: Gibt es irgendwelche Pläne, ein Buch zu schreiben, wenn ihr tonnenweise Geschichten habt?

– Naja, ich hab schon ein paar mal mit dieser Idee gespielt. Könnte schon recht spassig sein, das alles in nem Tagebuch fest zu halten. Wie bei ner Henry Rollins Doku. Aber wer will schon was über nen Typen lesen, der Backstage Gewichte stemmt? Das ist doch langweilig….

– Hey, seine Touren müssen echt langweilig sein.

S: Wenn seine Bücher langweilig sind, wieso schreibst du dann nicht dein eigenes Buch, das nicht langweilig ist?

– Naja, mir hat halt einfach die nötige Motivation gefehlt. Ich hab noch nie ein Buch geschrieben…

– Ich hab einige geschrieben….

S: Ich hab euch schon mal im Rahmen der Europatour mit Social D. und den Backyard Babies gesehen.

SWINGING UTTERS: Backyard Babies!!!

(Offensichtlich haben die es den Utters ziemlich angetan, da deren Name auch später noch einige Male fiel und jedesmal die Augen der Jungs zu leuchten anfingen)

S: Ich hatte den Eindruck, dass dies ein sehr gutes Package war…

– They got cool packages?

– Oh! Yeah, wir beabsichtigen mit denen (B. B. schätze ich mal) noch ein paar Shows zu spielen. Wir wollen Norwegen und Schweden mit ihnen touren. Es ist halt so, dass wir eine Band brauchen, die dort oben einige Leute zieht. Sogar die Konzerte von Social D. waren eher klein!

S: Echt?

– Ja, absolut! Das ist echt der härteste Markt in Europa. Skandinavien…

– Entweder es ist den Leuten scheissegal oder sie sind so durch den Wind, dass sie nicht wissen, was sie hören… Wir hatten Shows, bei denen das Publikum schon vorher völlig platt war… Wir waren der Opener und die Leute sind schon umgefallen und haben rum gekotzt…

S: Lasst uns mal über euere letzte Scheibe reden: Der Titel lautet ja „Five lessons learned“: Was waren denn die 5 Lektionen, die ihr gelernt habt?

SWINGING UTTERS: Das ist der Titel des ersten Stücks. Also wenn du den Text liesst…

S: Naja, ich hab den Text gelesen, aber das hat bei der Beantwortung dieser Frage auch nicht weiter geholfen… (So blöd bin ich ja auch wieder nicht!)

SWINGING UTTERS: Thou shalt not lie. Thou shalt not steal. Thou shalt not kill. Don`t fuckin`drink my beer…..

S: Ich hatte bei den Texten oft den Eindruck, dass sie eher traurig und düster sind. Kein Partyzeug, was ja in den letzten Jahren eher im Trend lag.

SWINGING UTTERS: Wir fahren diese Spassschiene nicht.

S: Den Eindruck hatte ich auch…

– Ich weiss nicht. Das ist halt einfach die Art, wie jeder in der Band schreibt. Das ist halt die Stimmung, in der die Band immer ist. Wir haben keine lustigen Cover. Ich sehe auch gar keinen Sinn darin, fröhliche Texte zu schreiben…

– Ich steh auf viele Bands, die Spasstexte haben. Hey ich trage ein verdammtes Queers Shirt!

S: Sind die Texte wichtig für euch?

SWINGING UTTERS: Ja…

S: Habt ihr eine Message in eueren Texten?

– Jeder Text ist eine Art Kurzgeschichte.

– Die Songs sind Kurzgeschichten. Wir erzählen den Leuten nicht, was sie machen sollen.

– Wir stehen nicht aufs predigen.

– Die Songs an sich sind keine „Unterrichtsstunden“. Es sind einfach Geschichten, aus denen jeder das für sich rausholen kann, was er will.

M: Apropos Musik. Seht ihr euere Wurzeln im Rock`n`Roll oder im Punk Rock? Und wie kommt es, dass euer Sound fast anachronistisch ist.

– Wir sind in den 70ern aufgewachsen. R`n`R ist immer noch wichtig. Jede Musikrichtung basiert doch heutzutage auf R`n`R: Metal, Punk Rock und das ganze Zeug stammt doch alles vom R`n`R ab.

– Ich hab den Eindruck, dass Rock`n`Roll die kommende Musik in Europa ist. Es schaut so aus, als würde er zurück kommen. Schau dir doch nur Bands wie Turbonegro und die Hellacopters an. Die Schwedenszene ist einfach riesig.

– Wir stehen auf total verschiedene Richtungen. We could easyly be a fuckin` Country band!

M: Apropos Turbonegro und The Hellacopters: Was wisst ihr über die europäische Szene?

– Nicht so viel.

– Ich mag The Hellacopters. Das ganze Zeug ist einfach geil!

– Und sie werden hier alle immer grösser.

– Aber das ist in Schweden! Wenn du dir Europa als Ganzes anschaust, gibt es tonnenweise gute Bands.

– Aber im Bereich des 77 – Style Punk, gibt es nicht so viele tollen Sachen. In den Staaten dagegen gibt es jede Menge Bands die in unsere Richtung gehen. Hier steckt das alles eher in den Kinderschuhen. Ich mag diese Musik einfach.

M: Melodic Punk war ja ein recht grosses Ding über die letzten Jahre und er wächst immer noch, glaub ich. Was haltet ihr davon?

– Nee, da wächst nix mehr…

– Die Flut ebbt ab. Seit 90 oder 88 oder wann immer das alles angefangen hat, war jeder auf Melodic Punk.

– Es ist doch eigentlich Zeitverschwendung, sich über die Szene nen Kopf zu machen… Ob sie nun so oder so ist. Wenn was gut ist, ist es gut. Das geht mir echt am Arsch vorbei. Es gibt guten HC und es gibt schlechten HC; es gibt guten Punk Rock und es gibt schlechten Punk Rock; es gibt schlechten Skapunk und einfach miesen Skapunk

(Gelächter)…

– Es gibt gute Boy Groups und es gibt schlechte Boygroups!!!

– Meiner Ansicht nach wurde diese ganze Melodic Punk Szene mit der Zeit stink langweilig. Klar gibt es ein paar gute Bands.

– Jedesmal, wenn etwas trendig wird, gibt es Millionen Bands, die genau diesem Trend nacheifern. Und die meisten fangen dann an, sich zu verändern. Ich hab Bands gesehen, die haben mit Melodic Punk angefangen. Mittlerweile machen sie einen auf Mike Ness und sind auf dem Social D. Trip oder sonst was.

M: Hat euch dieser Boom irgendwelche Vorteile gebracht? Euere CD kam ja auf Fat Wreck raus…

– Unsere letzten 2 CDs wurden auf Fat Wreck veröffentlicht. Was uns das alles gebracht hat, ist der Umstand, dass wir mit den meisten Bands befreundet sind. Wir waren auf einigen guten Tourneen und das Label hat unsere Musik veröffentlicht und blablabla. Wir sind mit diesen Bands befreundet. Manche von denen sind klasse und die werden klasse bleiben. Aber alle, die Bands, die sie imitieren, fangen jetzt an old styled Punk Rock.

– Rock`n`Roll never died!!!

S: Ihr habt ja den Song „Unpopular again“, bei dem es ja offensichtlich genau darum geht.

– Ja, das ist genau das, worum es mir ging, als ich den Song geschrieben hab. Ich hatte einige bestimmte Bands im Hinterkopf, aber ich werde keine Namen nennen. Es gibt Bands, die passen ihren Style an… Es gibt grössere Bands, die verändern ihren Style immer wenn sich der allgemeine Musikgeschmack ändert. Es ist nichts besonderes über sowas zu schreiben…

– Was übrig bleibt, wenn alles vorbei ist, ist nichts. Das ist alles nur ein Witz. Du wirst einfach ein Witz.

S: Die Bilder im Booklet: Ich schätze mal, die sind echt, oder etwa nicht?

– Die schauen echt aus.

– Die könnten echt sein! Der Typ, Steven, der die Bilder gemacht hat, ist ein Freund von uns. Er war in einer Ausstellung, die durch die USA gereist ist – Ich glaube nicht, dass sie auch hier war -, bei der alte Tatortbilder gezeigt wurden.

Die war zu dem Zeitpunkt in San Francisco im Museum für moderne Kunst und da waren echt beeindruckende Bilder dabei. Daher hatten wir auch die Idee. Er hat dann diese Bilder nachgestellt. Sie sind also nicht echt. In manchen Bildern ist er sogar selber zu sehen.

– Aber ich finde, sie sind echt gut! These photos are fuckin` authentic.

M: Ihr wart ja in vielen verschiedenen Städten während euerer Tour. Gibt es irgendwelche Unterschiede zwischen den Städten, den Ländern und den Szenen?

SWINGING UTTERS: Completely. It`s like fuckin`night and day.

M: In welchen Ländern habt ihr schon gespielt?

SWINGING UTTERS: Bis jetzt haben wir schon in jedem Land in Europa gespielt. Meistes in Mitteleuropa… We`ve jumped around all across Europe. Naja, wir waren noch nicht in Griechenland, aber um dort zu spielen musst du echt ziemlich gross sein.

M: Und wie waren euere Erfahrungen?

– Naja, wie gesagt; es ist alles total verschieden. Es ist wie in den Staaten: jeder Staat ist anders..

– Ja, aber hier ist es zehn mal auffälliger.

– Ja, weil die Kulturen tausende von Jahren individuell zurück reichen. Aber in vielen Bereichen gibt es ähnlichkeiten. Gerade für uns, weil für uns eh alles fremd ist.

– Alle benutzen das PAL/VHS Format… Das ist die Gemeinsamkeit, die alle teilen.

– Boy Groups sind riesig in Europa.

– Ich glaube das Boy Group Movement ist auf dem Vormarsch.

– Ja, nächstes Jahr sind wir alle 18 Jahre alt. (allgemeines Gelächter und Gerede)

S: Wie verdient ihr eueren Lebensunterhalt?

– Ich arbeite in nem Pizza Laden

– Das hier ist unser Job. Hiervon leben wir.

– Zum Grossteil zumindest..

– Meine Freundin arbeitet recht hart. Sie arbeitet für zwei…

– Meine Freundin arbeitet auch die ganze Zeit. So ist das nun mal: Manchmal haben sie Geld, manchmal wir. Wir teilen unsere Einkünfte halt. Bei zwei Leuten klappt das natürlich besser… da ist das Einkommen grösser…

S: Seit ihr noch anderweitig in der Punk „Szene“ aktiv?

– We do some horseback riding with the punk scene, haha

– We do Limbo dancing… haha

– Er (Darius) produziert ein paar Bands.

– Ich hab für ein paar Bands Backup – Vokals eingesungen. (begeisterter Applaus von allen Seiten)

S: Nennt mir drei gute Gründe, warum sollte jemand auf ein Konzert von euch gehen?

– SEX!!! Wir haben Sex Appeal!!!

– We`re raw, throbbing, posing and sweating… smelling, vomitting… rascals. Weasels, haha

– Party ohne Ende.

– Es gibt keine guten Gründe… I mean FUCK OFF!!! Haha

– Niemand kommt zu unseren Shows…

S: Stellt euch vor, ihr wollt eine Gartenparty machen und ihr könnt drei Bands einladen. Wer wäre das? (Tote Musiker und verblichene Bands sind auch möglich). – Zugegeben, diese Frage hab ich von nem Bekannten geklaut… Ich frage mich nur, warum bei dem nie wer über diese Frage lacht???

– Uahaha! Warte mal ne Sekunde! Das muss ich mir vorstellen…. What the fuck`s a GARDEN PARTY?!?!?

– haha

– Bar-B-Q!!!

(Wieder mal fettes Gelächter und Gerede)

– John Lennon…

– Ich würde gerne die Toten sehen, die Lebendigen sieht man ja eh…

– Willst du ne gute Party?

S: Ja klar!

– New York Dolls, Stooges, Suede

– That`s definitley a boy party….

S: Was habt ihr für Zukunftspläne?

– Keine!

– Naja, er (?) wird Vater.

– Wir werden noch mehr touren.

– Wir werden zwei EPs auf Fat veröffentlichen. Mit nem Haufen neuem Zeug. Die eine heisst „Sounds raw EP“.

– Ich beabsichtige meine Cunilingus Technik zu verbessern, damit meine Freundin mich weiterhin mit Kohle überschüttet, wenn ich daheim und pleite bin.

S: Irgendwelche letzten Worte?

– San Francisco, Rock City USA

– Es ist eine Männer-Stadt …brabbel, brabbel…..

– We`re body benders.. I bend my body..

– Wenn ich in S.F. keinen Job hab, dann besorg ich`s kahlen Männern mit Schnauzern, die mich mit Geld und Geschenken überhäufen.

So, das sind also die grossen Geheimnisse der Swingin` Utters…

***

Später haben wir dann noch etwas weiter gelabert, was sicherlich auch noch recht interessant gewesen wäre, aber da hatte ich mein Aufnahmegerät schon in die Heia geschickt. Der Sänger hat sich später noch entschuldigt, dass alles so chaotisch gewesen ist. Es wäre wohl besser gewesen, das Interview nur mit einem zu führen. Aber ich find`s so einfach viel spassiger.

Er hat sich dann auch noch über Clinton („Der beste Präsident den die USA je hatten“ – ist aber ja auch nicht schwer), die US Aussenpolitik („Scheisse“) und jede Menge Bands (unter anderem über Sheer Terror: Deren Sänger soll auf Zeug wie The Cure – wohl keine überraschung – und Morrissey stehen und vor den Shows Kakao gurgeln, damit die Stimme krasser kommt) und und und… Jedenfalls sind es echt nette Typen, die mensch sich auf alle Fälle mal geben sollte, auch wenn sie nicht gerade die Ausgeburt der Originalität sind, aber das ist auch gut so.

Interview/Text: Sebastian Wiedemann (& Martin)

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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