März 16th, 2007

SUNNY DAY REAL ESTATE (#87, 04-2001)

Posted in interview by jörg

Neulich meldete sich ein junger Mann beim TRUST, der sich – löblich – für ein Abonnement entschieden hatte und zweitens anfragte – nicht minder löblich -, ob er auch für unser Organ schreiben könne. So weit, so gut. Er äusserte nun, er kenne da einige Punk-Bands, die sich ausdrücklich zum Christentum bekennten, und über die wolle er schreiben. Das mag erst einmal absonderlich erscheinen.

Punkrock und Christentum? Hiess es nicht einst „No Gods, No Masters“?“Against All Authorities“? „I am an antichrist“? Verträgt sich das denn mit unmiss-verständlichen Statements wie „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ oder „Du sollst keine an-deren Götter neben mir haben!“?

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Marx und Engels

Andererseits hat der Schwachsinn Tradition. Spinner wie die Cro-Mags, Shelter und andere bekannten sich schliesslich im Zusammenhang mit der Propaganda vom drogenfreien Leben bereits vor einer halben Ewigkeit zu Krishna. Ohne auf das gern – und oft – falsch zitierte Marx/Engels-Diktum einzugehen, demzufolge Religion das Opium des Volkes (also nicht: „für das Volk“) sei, gibt es in der Tat einen Widerspruch zwischen der Ablehnung von Autoritäten, gleichgültig ob weltlicher oder spiritueller Art, auf der einen Seite und dem Glauben an eine metaphysische Instanz auf der anderen, die es sich dezidiert verbittet, einmal nach dem guten Grund gefragt zu werden, warum man denn bitteschön ihre Existenz überhaupt annehmen und dann auch noch ihren Grillen folgen soll.

Der Wille, den Sinn von schlichtweg allem einschliesslich der eigenen Existenz zu finden, der sich so einfach nicht, besser: der sich in realiter einfach nicht finden lässt, findet sein Ziel nicht zufällig stets im jenseitig-luftleeren Raum, wie es auch schon in diesem Heft er-läutert wurde (siehe Michels Kolumne in der Nummer 84). In diesem puren Konstruktivis-mus, der auch Idealismus genannt werden darf, findet sich dann aber auch zuverlässig die Auflösung aller Widersprüche – mit Ausnahme der angedeuteten immanenten selbstredend.

Eine Erklärung der Dinge in der Welt, die man ja aus allerlei mehr oder minder guten Gründen als mangelhaft beurteilen kann, wird nämlich gar nicht angestrebt, wenn man die Gründe und Erscheinungen in besagter Welt überhaupt nicht in ihr sucht, sondern in reinen Phantasiegespin-sten, seien es eigene oder die von irgend-welchen, längst verstorbenen Leuten, die wir uns wahlweise gar nicht, mit Glatze und glück-seligem nirwahnsinnigem Lächeln, bekreuzt und dornengekrönt, als mütterliche Allnatur oder mit wallenden Bärten vorstellen sollen.

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Punk und Engel

Soviel zu dem gedanklichen Gehalt religiöser Ideen, die eben in der Praxis ganz offensichtlich auch in der ihnen vermeintlich fremden Sphäre des Punk-Rock bestens zurechtkommen. Dass nun aber mit dieser frommen Denkungsart gesäugte Kunst bei allem theoretischen überbau auch Materialisten gefallen kann, dafür mag jeder und jede selbst Beispiele finden.

Mit der Gedankenwelt des Johann Sebastian Bach kann zumindest ich so wenig anfangen, wie mir seine Musik bisweilen ein Genuss ist. Und Sunny Day Real Estate (SDRE), falls ihr auf die schon gewartet habt, sind ein ganz ähnlicher Fall.

Ich kenne zwar nur ihre letzten beiden Alben, aber die sind nun mal grossartige Rockmusik, wobei mich, nebenbei bemerkt, „How It Feels To Be Something On“ einst an Jane’s Addiction erinnerten, denen in Gestalt ihres Masterminds Perry Farrell ein ziemlich esoterischer Schwachkopf vorstand und deren Musik ich gleichfalls sehr schätze.

Jeremy Enigk, Gitarrist und Sänger von SDRE, ist angeblich bereits vor einigen Jahren zum Christenmenschen geworden. Dass bei SDRE dennoch kein Jesus-Freak davon singt, wie unheimlich geil und cool es ist, mit dem Lord zu leben, ist vermutlich für den weiteren Konsum seiner Musik äusserst förderlich.

In anderen Worten: Ein wenig bedeckt halten sie sich zumindest schon, mit dem immateriellen Stoff. Aus William Goldsmith, mit dem ich telephonierte, war jedenfalls nicht allzuviel zum Thema heraus zu pulen. Ansonsten übrigens auch recht wenig, weshalb ich mich der Stringenz wegen der Verwendung des Interviews hier gleich ganz enthalten werde.

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Tod durch Engel

Mich hat interessiert, wie sich denn die band-eigene Religiosität im Werk nun niederschlägt, womit wir wieder beim leidigen Thema der Lyrik wären, weil es mir unergiebig erscheint, in den Harmonien, in den Melodien nach der Metaphysik zu suchen. Und man muss gar nicht lange suchen, bis man überdeutliche Hinweise darauf findet, wes Geistes Kind der Texter ist, vielleicht sollten wir sagen: zu sein glaubt.

Schon die erste Zeile von „Killed By An Angel“, dem bilderreichen ersten Song auf „The Rising Tide“, weist biblische Bilder auf, wenn wir in der „einsamen Welt Abels“ Willkommen ge-heissen werden. „One“ wird dann noch etwas deutlicher.

Everything and everyone and in the end we all are one. Das ist schon direkt aus der Apokalypse abgeschrieben. Der „Rain Song“ wieder scheint eine deutliche Liebeserklärung an den Messias zu sein, auf den Enigk natürlich wartet, wie seine mutmasslichen Glaubensgenossen, denn ohne die Verheissung einer Erlösung durch die überirdische Macht macht das ganze Entsagen und Verzichten, das jeder Religion unverzichtbar zu eigen ist, keinen Sinn, und gerade den soll die Chose ja bringen.

When they show me the evidence and they’re talking down your memory/nevermind the words they waste/they can’t see you’re mine/waiting here until words run out/dreaming of the day when you open your arms in the light of our love… Singt so jemand eine geliebte Person an? Zugegeben, bisweilen schon, allerdings handelt es sich dann um einen Liebesidealismus, der, auch wenn er ein Wesen aus Fleisch und Blut zum Gegenstand hat und zumindest auch einen äusserst weltlichen und fleischlichen Genuss beinhaltet, schliesslich so einiges mit der ange-sprochenen religiösen Sinnsuche gemein hat.

Dort wird nämlich einer so schlichten und vergänglichen Sache wie der Neigung zweier (oder mehr) Menschen zueinander etwas zuge-sprochen, was sie für gewöhnlich gar nicht „leistet“. Ewig soll sie schliesslich sein, die Liebe, ausschliesslich, die Garantie für Glück, der Zufluchtspunkt vor den Unbilden des schnöden Alltags, weshalb sie dann doch wieder die Sphäre des Realen verlässt, bzw. transzendiert. Dürfte ich noch einmal SDRE zitieren?

I long to take you to a secret place/where we could lay aside our past/we’d throw the world away with all it’s pain/to shine like stars through storm and clouds and rain („Faces In Disguise“).

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Engel gegen Engels

Auch wenn diese Geisteshaltung so manches auszusetzen hat, betätigt sie sich zumeist doch ganz konform zu den Verhältnissen. Die sind nämlich von einer höheren Macht bestellt – damit ist hier nicht ein Staat gemeint – und unterliegen deshalb nicht dem Zugriff dieser göttlichen Geschöpfe.

Mit der Option auf ein besseres Leben im Jenseits, Nirvana oder wie es eben heissen mag, erduldet man die Prüfungen in Demut, auch wenn die Herrschaften, die es einem so ungemütlich machen, Kreuzzüge oder andere heilige Kriege beschliessen. Dann ist es natürlich gottgefällig, auch noch dieses Elend mitzumachen, selbst wenn es da zur Abwechs-lung gegen eine weltliche Obrigkeit geht.

Der Mensch indes, mit diesen Aufgaben betraut, hat sich lediglich als Untertan zu betätigen, während die Geschicke der Menschheit in göttlichen oder anderen uns steuernden Händen liegen: so the story’s told beyond our grasp/we were climbing forever an infinite task/shoulders straining with the endless toil/we’re nothing more than a feather moving in the wind („Every Shining Time You Arrive“ auf „How It Feels To Be Something On“).

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„Ich will kein Engel sein“

Das vermeintliche Gegenteil geht übrigens von der gleichen gedanklichen Prämisse aus. Ohne „das Gute“ ist „das Böse“ nunmal nicht zu haben. Wer sich mit dem Antipoden des Herrn der Schöpfung verbünden will, muss schliesslich erst die Existenz des Herrn der Schöpfung voraussetzen. Wer sich „Antichrist“ nennt, schliesst mit ein, dass es auch einen „Christ“ gibt. Deshalb sind selbst scheinbare Absurditäten wie eine White-Blackmetal-Band schon gesichtet worden.

Deshalb, und weil eben auch Rassisten Jazz toll finden können, weil auch Christen Rockmusik mögen können, weil auch ich gern Johann Sebastian Bach höre und Sunny Day Real Estate – weil Musikgeschmack nicht so viel damit zu tun hat, wie man sich die Welt erklärt. Aber das ist auch so eine Sache, über die an dieser Stelle schon zu lesen war…

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(stone)

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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