März 14th, 2007

STUDENTENPROTEST (#104, 02-2004)

Posted in artikel by andreas

Studenten protestieren gegen Haushaltskürzungen an den Unis und Studiengebühren – aber wie!? 

Ob Berlin oder Frankfurt, Göttingen, Marburg oder München: Seit Wochen gehen wütende Studenten auf die Strasse. Sie protestieren gegen überfüllte Hörsäle, über-forderte Professoren, gegen die Schliessung von Instituten „wegen der allerorts lee-ren Kassen“ und gegen drohende Studiengebühren. Für viele Politiker und Profes-soren sind Studiengebühren der einzige Weg, um die Qualität von Forschung und Lehre in Deutschland zu steigern, um wieder Anschluss zu finden ans Welt-Niveau.

Bildung, so argumentieren sie, sei schliesslich die einzige Ressource, auf die unser rohstoffarmes Land in Zukunft bauen kann. So wie bisher kann es also nicht weitergehen: „Ich glaube es ist viel fundamentaler, wir müssen grundsätz-lich an diese verkrusteten Strukturen in der deutschen Bildungslandschaft ran“ ! Um sich den Gehalt der derzeitig angestrebten Reformen klarzumachen, sollen an dieser Stelle zuerst einmal die „verkrusteten Strukturen“ – welche bislang als sehr passend und funktional angesehen wurden – angemessen gewürdigt werden.

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1. Wie der Staat die Ressource Bildung bewirtschaftet

Der Staat spart – und wenn er spart, dann schränkt er nicht sich ein, sondern ande-re. Er streicht Leistungen seiner Einrichtungen für die Bürger und verlangt ihnen grössere Beiträge für die Staatskasse ab. Da geht es den Unis und ihren Mitglie-dern nicht anders als all den anderen Bürgern. Die Studierenden bekommen ver-schlechterte Bedingungen serviert und müssen demnächst happige Gebühren fürs Studium entrichten. Mit der Parole „Wissen ist Zukunft“ pocht der Nachwuchs auf seine Unersetzlich-keit als Ressource für den Konkurrenzkampf der Nation. Eine so wichtige Produk-tivkraft, meinen die Studenten, könne der Staat doch nicht so schlecht behandeln. Da täuschen sie sich aber gewaltig.

Es ist gerade ihre Rolle als Ressource der Nation, die sie zu spüren bekommen. Mit Wissen wird in der „Wissensgesellschaft“ nämlich sehr sparsam umgegan-gen: Keineswegs sollen alle Leute möglichst viel lernen und wissen, damit sie gut unterrichtet am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, vernünftige Interessen bilden und die auch zweckmässig durchsetzen können. Jede Menge „dummer Kerle“ sind „unserer Wirtschaft“ gerade recht – für die Rolle als anspruchslose Arbeitskräfte, für die sie vorgesehen sind, braucht es nicht allzu viel Kenntnisse. Der Staat, der genau diesen Bedarf nach der Ressource Arbeit bedient, organisiert das Lernen als einen Selektionsprozess, in dem darüber entschieden wird, wie wenig oder wie viel der einzelne lernen darf:

„Ihre Gewalt setzen Lehrer ein, stellen Unterschiede an den Schülern her und schliessen so die Mehrheit von höherer Bildung aus. Dass sie ihnen damit eine Lebensperspektive in Lohnabhängigkeit mit eingebau-ter Arbeitslosigkeit eröffnen, ist bezweckt. So geht Erziehung ihren Gang.“ Je nachdem, wie leicht sich einer mit den Anforderungen tut und wie gut er in der schulischen Konkurrenz vorankommt – je weniger Hilfe und Förderung er also braucht, desto mehr bekommt er, desto länger darf er höhere und hohe Schulen be-suchen.

Umgekehrt umgekehrt – so dass halber und ganzer Analphabetismus zu den normalen Resultaten einer freiheitlichen Schulbildung gehören. Den relativ wenigen höher Gebildeten steht die ziemlich unwissende Masse gegenüber – und das Grössenverhältnis beider Kollektive wird in Reformen immer wieder einmal dem tatsächlichen Bedarf der Nation angepasst, der sich am Arbeitsmarkt heraus-stellt.

Der entscheidet auch darüber, was überhaupt als wissenswertes, nämlich wirt-schaftlich verwertbares Wissen gilt: Mancher mag manches gelernt haben; nütz-lich ist sein Wissen für ihn nur, wenn es nützlich für den Konkurrenzkampf des Kapitals ist. Ständig wird jede Menge Wissen entwertet, weil das Geschäft nicht im erwarteten Umfang wächst, sich auf andere Felder verlagert oder Kenntnisse durch ihre Objektivierung in neuer Technik überflüssig macht. Vor ein paar Jahren waren Informatiker, die Internet-Programmierung beherrschen, so dringend ge-sucht, dass man Inder zu importieren wünschte, heute sind sie zusammen mit deutschen Absolventen arbeitslos.

Ihr Wissen ist keine Ressource, weil das Kapi-tal es im Augenblick nicht braucht. Damit sie wieder brauchbar werden, wird ihre Qualifikation beschleunigt vernichtet: Nach neuen Regeln der Arbeitslosenverwal-tung muss, wer nicht binnen höchstens eines Jahres wieder eine Anstellung findet, „jede legale Arbeit“ annehmen und für Dumpinglöhne antreten – sein Wissen kann er für sich behalten.

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2. Hochschulreform: Die Produktion der Ressource wird ihrem aktuellen Zweck angepasst

Derzeit betrachten die Politiker das Sparen, das sie den Universitäten aufzwingen, und die Studiengebühren, die sie den Studenten abknöpfen, nicht als bedauerliche Folgen staatlicher Geldnot, sondern als wünschenswerte Hebel für längst fällige Reformen: „Da ist ein dringender Reformstau entstanden, der muss aufgelöst werden.“ Geldnot soll die Institution und die Studenten zu der Sorte Vernunft zwingen, die ein kapitalistischer Staat von Bildungseinrichtungen eben sehen will. Rückblickend erscheint den Bildungspolitikern das kostenlose Studium und der Beamtenstatus der Lehrenden wie eine einzige Einladung zur Faulheit.

„Zu wenig Konkurrenz“, „zu wenig Zwang zur Leistung“, „zu lange Studienzeiten“, „zu wenig ökonomische Effektivität“! Die Institution, die Lehrer und Lernende von der Kon-kurrenz ums Geld ein Stück weit freigesetzt hat, damit sie Wissen erarbeiten und sich aneignen, gilt inzwischen als eine Fehlentwicklung, ein unkapitalistischer Fremdkörper in unserer besten aller Welten. „Bezeichnend allerdings die Reform, die aus dieser Diagnose folgt.

Da ist dann nicht von mehr Wissen, sondern von mehr Wettbewerb die Rede. Effiziente Hochschulen sind nicht etwa solche, die den akademischen Nachwuchs solide und umfassend mit dem in der Wissensge-sellschaft akkumulierten Wissen vertraut machen, sondern solche, die nach den Massstäben betriebswirtschaftlicher Vernunft und internationaler Hochschulpra-xis durchrationalisiert sind. „Mehr Wettbewerb` lautet das Reformrezept: weni-ger staatliche Geldzuweisungen, dafür aber mehr Freiheiten der Hochschulen bei der Einwerbung von Sponsorengeldern und Drittmitteln, mehr Kurzstudien-gänge mit Bachelor-Abschluss, aber auch mehr Elitekurse mit entsprechenden Studiengebühren, mehr Konkurrenz der Hochschulen um Studierende, inklusive der Schliessung ganzer Fachbereiche, wenn sie keine „Leistung` bringen.“

Stu-denten sollen gefälligst billiger und schneller studieren, jünger in die Berufe oder in die Arbeitslosigkeit drängen. Wissenschaftler sollen mehr Forschungsergebnis-se liefern, sie schneller der Industrie verfügbar machen und in Produkte umsetzen. Und was führt all diese Leistungen zuverlässiger herbei als konsequenter Zwang durch mehr Konkurrenz? Professoren werden nächstens einem Leistungsvergleich ausgesetzt, bekommen Leistungslöhne bezahlt, und haben sich aus Drittmitteln privater Geldgeber zu finanzieren. Studenten sollen durch den Schuldenberg, den sie im Lauf ihrer Lehrjahre anhäufen, klug werden und schneller studieren, damit ihr Studium den Staat weniger kostet und sich zugleich das Verhältnis von „un-produktiver“, aber nötiger Ausbildungszeit zugunsten der „produktiven“ Benut-zungszeit durch den Arbeitgeber verschiebt.

Wer früher und damit länger arbeitet, kostet weniger. Derselbe Schuldenberg wird andere Studierwillige darüber beleh-ren, dass es besser ist gar nicht zu studieren, wenn das Studium sich nicht als ab-sehbar lohnendes Investment ins eigene Humankapital kalkulieren lässt. Da wird die Kapazitätsüberlastung der Unis gleich ein wenig kleiner und der Platz in Se-minaren, Labors und Bibliotheken ein wenig grösser ausfallen. Auch so lassen sich Studienbedingungen verbessern!

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3. Ein neuer „sozialer numerus clausus“? Gewiss! – Wie eben der ganze Bildungssektor.

Wenn das Studium mehr noch als bisher zum finanziellen Risiko und zur drohen-den Schuldenfalle ausgebaut wird, dann wird selbstverständlich der finanzielle Hintergrund der Familien, aus denen die Studenten kommen, mehr noch als bisher darüber entscheiden, ob man das Risiko eines Studiums eingehen will. Kinder aus „einkommensschwachen Schichten“ werden verstärkt von wissenschaftlicher Aus-bildung sowie von angenehmeren Berufen und Einkommen ausgeschlossen. Bil-dungspolitiker stehen eben auf dem Standpunkt, dass Leute, die das finanzielle Risiko nicht tragen wollen, ohnehin nicht mit der rechten ökonomischen Motivati-on studieren, also auf der Universität auch nichts verloren haben – es sei denn, ihr Vater kann sich den Luxus eines womöglich nicht zielgerichteten Studierens oder nicht verwertbaren Wissens leisten.

Allerdings kommt die auf Demonstrationen vorgetragene Anklage des „sozialen NC“, etwas spät, wenn der erst beim Zugang zum Hochschulstudium bemerkt wird. Von der Grundschule an ist der gesamte Wissenserwerb dem Zweck der Selektion untergeordnet. überall sollen die Besten herausgefunden und weiter geför-dert, die anderen abgestuft auf mittlere Schulen verteilt und der Rest von allem, was über Grundbildung hinausgeht, ausgeschlossen werden – und das in etwa den Proportionen, die das nationale Unternehmertum nachfragt. Weil der Wissenser-werb umfassend zur Auslese unter den Schülern benutzt wird, ist es kein Zufall, dass sich durch die Schule an den Kindern in etwa die Klassenlage ihrer Eltern re-produziert. Wie sollte es auch anders sein, wenn Kinder rücksichtslos gegenüber der materiellen Ausstattung ihres Elternhauses und der Vorbildung, die sie von dort mitbringen, dem einheitlichen Leistungstest in Sachen Wissenserwerb unterworfen werden.

Das ist eben die Gerechtigkeit einer Wirtschaftsweise, die viele „dumme“ Menschen für schlecht entlohnte einfache Arbeiten braucht, und relativ dazu wenige andere für deren Anleitung und überwachung, sowie für anspruchs-vollere Tätigkeiten. Das ist im übrigen der Skandal – und nicht der Umstand, dass bei der Verteilung der Menschen auf die miesen und die besseren Posten nicht per-fekte Chancengleichheit herrscht.

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4. Mangelhafter Protest – kein Kommentar!

Je gnadenloser die politischen Standort-Verwalter die wirklich gültigen Rech-nungsweisen in Anschlag bringen, wenn sie den ganzen grossen Rest ihres Ladens gnadenlos der überwindung der „Wachstumsschwäche“ ihrer kapitalistischen Wirtschaft unterordnen, desto „verzweifelter“ wird der Protest:

– „Kreative Protestformen“ wie das Herumtragen von Pappsärgen, womit schon Generationen von Gewerkschaftern und Sozialberuflern das Zusperren von Fabri-ken, Sozialstationen oder Bibliotheken total folgenlos begleitet haben sollen die politisch Verantwortlichen veranlassen, zu erschrecken, ihren „Missgriff“ zu be-kennen, sich zu bessern und zur Abwechslung mal den halben Rüstungshaushalt in „Bildung = Zukunft“ zu investieren

– damit der Protest beim geneigten Publikum gut ankommt, werben Studenten mit ihren guten Diensten, ihrer Dienstbereitschaft fürs zukünftige Gelingen des Standort D – scheinbar gleichgültig gegenüber dem, wie dieser beschaffen ist

– der Aufschrei gegen derzeitige Kürzungsvorhaben mündet in dem Aufruf „Frei-heiten verteidigen ), die einst von Studenten so hart erkämpft wurden“ – so als sei das Konkurrieren um die Jobs der Elite bisher ein einziger Segen bzw. ein Dienst am Studenten gewesen

– oder man bietet sich gleich als Reformberater an, wie ein Studentensprecher der TU München, demzufolge „vor allem die Hochschulverwaltungen schlanker werden“ sollen: „Ein Beispiel hierfür ist der Immatrikulationsprozess, wel-cher an jeder Hochschule einzeln durchgeführt werden muss und daher sehr personalintensiv sei.“ So hilft man laut Studentensprecher Klotzenbücher den Universitäten „ihre Profilbildung“ voranzutreiben und die Staatskasse zu entlasten – indem man „ganz nebenbei“ ein paar Leute aus den Hochschulverwaltungen ent-lässt. Wie so „neben der Betreuung der Studenten“ auch „der Arbeitsmarkt von seinen Leiden erlöst“ werden soll, bleibt das Geheimnis Klotzenbüchers

Wie gesagt, wenn der Staat spart, dann schränkt er nicht sich ein, sondern andere. Laut Selbstauskunft von Schröder, Stoiber, Westerwelle & Co. ist das überhaupt ihr letztes Wort in Sachen Soziales: Dass die Standortinsassen ärmer werden, ist die Waffe der Nation in ihrem kapitalistischen ‚Lebenskampf‘.

Und diesem Laden soll man seine Dienste antragen bzw. mit seiner Dienstbereit-schaft Werbung machen? Diesem Laden will man alternative Reformvorschläge machen? Das soll das letzte Wort seitens der Leute sein, die dafür die Manövrier-masse abgeben?

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Text: Michèl

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