März 16th, 2007

STELLA (#69, 04-1998)

Posted in interview by jörg

Dear God please.

Beware me of becoming a bourgeouis entity.

I`m so afraid I will be.

I`m so complete with my studies.

I feel so rid of me.

When the masses start a riot.

I will sit in a lantern. And be quiet.

It threatens me.

So dear God please beware me

Of becoming a bourgeouise entitiy.“

(„Extralife“)

Nach BLUMFELD, CPT KIRK & und DIE STERNE bekommt Hamburg, genauer gesagt L`Age d`Or mit STELLA ein ganz neues Outfit. Die Devise heisst da: locker werden.
***

Und zwar nicht locker im Stil von Siebziger-Funk-Schwitz-Soul-Manschettenknopf-Koteletten-Party (was ja bislang auch häufig nur Form von verkrampfter Hipness war), sondern im Sinne von Hauruck-Punk`n`Wave, der ebenso fröhlich offensiv wie politisch geschliffen ist, allerdings in all diesen Formen weder tauglich für den Bierdosen-Punker, dem neben Bier nur nach TERRORGRUPPE dürstet, noch intellektueller „Diskurspunk“ wie bei den GOLDENEN ZITRONEN, über die STELLA-Sängerin Elena nicht ohne Sympathie stöhnt: „Sie sind so verdammt beliebt! Sie werden bestimmt in die Popgeschichte eingehen. Scheisse, wir wollen auch in die Popgeschichte eingehen! Was machen wir ihnen gegenüber nur falsch?“

Eigentlich nichts. Oder vielleicht doch, was die öffentliche Erwartungshaltung in Sachen Hipness angeht. STELLA nämlich singen vorwiegend in Englisch (und nichts nervt sie mehr, wie ich bereits im Vorfeld von der „Rough Trade“-Promoterin erfahre, als die Frage, warum sie denn in Englisch singen), eine Tatsache, die allerdings kein bisschen stört, sondern im Gegenteil der Musik die lockere Verbindlichkeit (auch in Sachen politischer Vermittlung) verleiht, die dort oft ausbleibt, wo Texte über die deutsche Sprache sich allzu didaktisch in den Mittelpunkt stellen.

Ich zumindest fand es als Pop-Hörer immer sehr angenehm, Englisch nie so hundertprozent als Muttersprache zu beherrschen wie die deutsche Sprache: Gerade in der anderen Sprache vermitteln Texte eine stärkere Aussagekraft, da man den Sätzen mehr vertraut als den Floskeln, zu denen Redewendungen in der eigenen Sprache erstarrt sind. (Wie auch immer es den Briten diesbezüglich gehen mag – fragt mich bitte nicht). Zurecht merkten TOCOTRONIC einmal an, dass man über Sex nur in Englisch singen kann.

Vielleicht fällt es sogar leichter, über Politik in Englisch zu singen – zumindest (ich gebe das zu) ist es mir leichter, STELLA als die STERNE zu hören. STERNE-Ausdrücke wie „Themenläden“ sind schon von der Syntax her so sperrig, als ob mir da gerade jemand eine drei Meter lange, verglaste Schrankwand aus den Boxen schieben würde, um damit mein Zimmer zu versperren. STERNE erinnern mich an Deutschunterricht, weshalb ich nie verstanden habe, was an ihnen so hip sein soll. Gibt es denn unhippere Dinge als Henrich Böll-und Ingeborg Bachmann-Interpretationen in muffigen Klassensälen?

„Es muss echt mal wieder versucht werden“, sagt Thies von STELLA, „als deutsche Band auch gute englische Texte zu bringen, denn die passen einfach besser zu unserer Art von Musik.“ – ich krame derweil in meinem Gedächtnis, welche deutsche Band das in den letzten Jahren geschafft haben mag… spontan fällt mir unter all den in Englisch singenden Gruppen, die nicht einen auf drittklassigen Hardrock machen, nur NOTWIST ein. „Och nöö“, protestiert Thies, „die haben doch keine guten Texte.“ – Na ja, muss ich ihm recht geben, so sehr ich ihre Musik mag.

Und noch ein Grund, warum STELLA nicht gerade ins hippe Bild der Post-Post-Poplandschaft passen: Sie spielen klaren, eingängigen, aber auch sehr rotzigen Powerpop mit 1976-Flair satt. Früher hiess das mal New Wave. Bei STELLA ist es immer noch New – die Epoche allerdings, auf die sie sich berufen, hat sich doch stark aus der Musiklandschaft verflüchtigt und ist nur noch Plattensammlern ein Begriff, die inzwischen bereit sind, für SWELL MAPS- und WIRE-Singles dreissig Mark zu bezahlen.

Freunde, denen ich die STELLA-Platte vorgespielt habe, kategorisieren das sofort mit einem „klingt wie die B 52`s“. Das schreiben nebenbei auch fast alle Kritiker. Und: da ist schon etwas dran. Das mag zum Beispiel am Gesang liegen, am Zusammenspiel von kaltem, beinahe gesprochenem Männergesang mit Wave-Unterton und der schrägen Stimme von Elena.

Im Gegensatz zu den B 52`s klingen Elenas Bubblegum-Melodien zusätzlich dadurch schräg, weil sie sich nicht darum kümmert, ihren deutschen Akzent zu verbergen. Gerade dies haben die Briten ja auch immer an der Musik von KRAFTWERK und TRIO geschätzt.

Wer weiss – vielleicht sind STELLA ja auch bald die Stars im Kingdom? Ich würde es ihnen gönnen, denn genau jenes dilettantische Element, denke ich, unterscheidet sie von anderen deutschen Gruppen, die in Englisch singen: Sie machen nicht auf Rockstar, nicht auf „internationalen Markt“, sondern geben alle Blössen preis. Und wer Schwächen zeigt, das wissen wir ja, ist am Ende auch in seinen Urteilen fast immer glaubhafter.

Wo alle Welt derzeit den Siebziger Soul, Funk und die Disco plündern, beziehen sich STELLA – wie gesagt – unmissverständlich auf britischen Punk und Wave der Endsiebziger. Das mag (noch) nicht wahnsinnig hip sein – obwohl sich auch zu ihrer Musik tanzen lässt, gar kein Problem -, aber es hilft, dieser langsam auch schon verkrusteten Funky-Attitude, dieser „From Disco to Disco“-Coolness, einen in den letzten Jahren etwas vernachlässigten Strang der Pop history entgegenzuhalten.

Als Polarisierung sollte man das allerdings nicht verstehen: Schliesslich trägt Mense auf dem Pressephoto ein WHIRLPOOL-T-Shirt mit dem Aufdruck „From Disco To Disco“. Warum nicht? Wenn uns das ausgehende Jahrzehnt im Pop etwas Sinnvolles lehrte, dann wohl die Tatsache, wie borniert der Streit zwischen Punk/Wave und Disco/Dance gewesen ist, wie vollgestopft nebenbei von latentem Rassismus.

Zurück zum melodiösen, monotonen und aufmüpfigen Song zu gehen, ohne in einem öden Retro zu versumpfen, ist nicht einfach. Deshalb wird bei STELLA über Arrangements sehr viel debattiert. Stellenweise kam ich während des Interviews gar nicht zu Wort, wenn Mense und Elena sich nicht einig darüber werden konnten, wie schräg eine Nummer noch sein darf und wie unterhaltsam das Ergebnis auf die Hörer wirken soll. Die Referenzen sind klar: X RAY-SPEX, SLITS, THE FALL, AU PAIRS, THE CLASH… unter anderem. Aber wie lässt sich das miteinander verbinden und zeitgemäss rüberbringen?

„Wenn man sich eine STRANGLERS-Platte von damals oder THE POP GROUP anhört“, erzählt Elena, „merkt man, dass das gar nicht mal unbedingt Musik ist, die energetisch nach vorne losgeht. Da geht auch viel nach hinten los. Nichts dagegen, aber wir versuchen eigentlich, nach vorne zu gehen, also unsere Musik eher von negativen, schleppenden Elementen freizuhalten.“  Mense hakt ein: „Na ja, darüber hatten wir ja schon häufig Diskussionen. Ich für meinen Geschmack hätte die Platte ja noch viel monotoner aufgenommen.“ Elena: „Ich denke, es ist für uns ganz wichtig, nicht einfach nur monoton zu sein. Es gibt für meine Begriffe nichts Schwierigeres, als eine Nummer simpel zu halten, ohne dass sie langweilig klingt. Es gibt doch schon so viel monotone Musik, bei der du einfach nur denkst: Da hätte noch etwas rein gemusst.“

Aus der bandinternen Unschlüssigkeit darüber, in welche Richtung das Kind geschaukelt werden soll, eine Unschlüssigeit, die zwischen Monotonie, Tanzflur und schrägen Elementen pendelt, auf dass dem Kind beim Schaukeln schön übel wird, ergibt sich eine Spannung in der STELLA-Musik, die auch auf die Texte abfärbt. „Leider ist ja nichts mehr so sehr out wie sich als linksradikal zu bezeichnen“, sagt Thies. „Und es ist als Band natürlich auch verdammt schwer, politische Texte zu machen, die nicht nach stumpfen Parolen klingen.“

Elena: „Ich denke auch, dass so etwas wie die Texte von ATARI TEENAGE RIOT einfach nicht unser Ding sind, dass sie zu platt sind, obwohl ich es andererseits auch völlig okay finde, was Alec Empire macht, denn zu ATARI passt das – zu uns würde „Tötet die Faschisten“ als Textzeile eher nicht passen.“ „Auch wenn wir oft dasselbe denken wie ATARI TEENAGE RIOT“, ergänzt Mense.

Ich habe einen Textausschnitt der Titelnummer „Extralife“ als Intro diesem Artikel vorangestellt, weil er sehr gut zeigt, wie unprätentiös STELLA auch texlich vorgehen, ebenfalls nachzuhören auf „ID Please“, einer Nummer, die sich scheinbar profan, damit aber sehr einprägsam mit der leidigen Frage nach (nationaler und sonstiger) Identität auseinandersetzt. „ID Please“ verdeutlicht, dass sogenannte Identität nichts anderes ist als ein Stück Papier, ein Ausweis, der Menschen auf zumeist unangenehme Weise national festlegt.

Entgegen wohlig nationaler Heimatgefühle wird die „ID“ in dieser Nummer zum bloss schaurigen Sinnbild der Bürokratie. „Extralife“ dagegen, das der Platte den Titel gab und quasi als Motto allen anderen Nummern voransteht, ist ironisch selbstkritisches Zeugnis: Bitte gibt mir ein zweites Leben, heisst es da sinngemäss, denn als Popmusiker mit Abitur – ich weiss es jetzt schon – verpenne ich die Revolution, bin nur ein kleiner bürgerlicher Spiesser, der sich als Boheme aufspielt. Als Statement, das sich mehr oder weniger auf die gesamte weisse Pop-Subkultur und ihre Hörer anwenden lässt, benutzen STELLA – ähnlich wie die GOLDENEN ZITRONEN mit ihrer Nummer „Meine kleine Welt“ das taten – sehr erfrischende Selbstkritik, genauer: Popkritik.

Weil weder Musik noch Texte von STELLA mit dem Dampfhammer sich behaupten, können sie helfen, den politischen Standort Pop in genau die Position zu bringen, die ihm gebührt. STELLA-Musik macht klar, dass Pop nicht mit Politik oder gar Rebellion/Subversion gleichgesetzt werden kann, weil Pop primär Unterhaltung ist –

„natürlich wollen wir unterhalten!“, protestiert Elena auf irgendeine meiner schlaumeierischen Fragen -, aber dass Pop doch zumindest Kritikbewusstsein schärfen kann. – Ich gebe zu, dass diese hier von mir geäusserten Sätze nach dem klingen, was ich ein paar Abschnitte zuvor den STERNEN vorgeworfen habe. Sie klingen nach „Fazit“ in einer Klassenarbeit Deutsch-Leistungskurs. Aber sie treffen es halt.

***

Text/ Interview: Martin Büsser

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

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