Februar 27th, 2011

SST RECORDS (#133, 12-2008)

Posted in interview by jörg

Um was es hier geht, stand schon mal im Newsletter von Joe Carducci im Oktober 2008: „Ich hörte es gerade von dem TRUST-Fanzine aus Deutschland: Sie sind die einzigen, die den dreissig jährigen Geburtstag von sst Records im Jahr 2008 bemerkten. Jan schrieb, dass es ihnen auffiel, weil jede grosse Musikzeitschrift in Deutschland dermassen viel über das 20-jährige Jubiläum von SubPop-Records berichtete. Es scheint, dass das TRUST gute Zeitzeugenberichte von damaligen Label-Mitarbeitern und Bands bekommt. Aus Gregs sst Electronics wurde im Januar 1978 sst Records, als er entschied, dass Black Flag (die damals noch Panic hiessen) bereit waren, die „Nervous Breakdown“-EP aufzunehmen. Ein Jahr, nachdem ich sst verlassen hatte, das war 1986, schrieb ich Greg und schlug vor, dass man für das zehnjährige Jubiläum 1988 doch verschiedene Kompilation-Platten machen könnte, die jeweils exklusiv von einem anderen Vertrieb und mit verschiedenem Zusatz-Material und jeweils anderen Linernotes vertrieben werden. Der Markt würde dann über die Zukunft von sst entscheiden – Ah, die 80er – Reagan, Wanniski, Hayek, Derrida, Foucault, Stallone… Greg entschied sich dagegen, er war schon in den 90ern.“


2008: 20 Jahre SubPop-Records, was hat“s gebracht? Im Prinzip nur Mist, echt jetzt, Junge. 2008 aber auch: 30 Jahre sst Records, was hat“s gebracht? Eigentlich – muss man sagen – noch viel mehr Mist, unschöne Geschäftspraktiken, angebliche Rip-offs. Bevor ihr ganzen Langweiler und Am-Puls-der-Zeit-Seier wieder ankommt mit: „Was soll das, 30 Jahre sst Records???“:

sst ist mein Lieblingslabel, auch wenn ich die wenigsten Bands davon kenne (besonders die 90 000 Jazz-Bands der Spätzeit), keine sst-Band jemals live gesehen habe, als sie auf sst waren – ich kann dafür nix, weil zu jung – ich bewundere die Releases aufgrund der reichhaltigen Stilmittel, ich finde das Logo total geil, ich hab mir immer schon überlegt, wie es in in Lawndale, Kalifornien, an der PO BOX 1 so aussieht usw. Gerade weil sst dann komplett abgetaucht ist – als das Label eines ganzen Jahrzehnts – und heute, nochmal 10, 13 Jahre später, aus Texas heraus plötzlich wieder neue CDs herausbringt und wahrscheinlich immer noch mit vier Angestellten den Backkatalog verschickt.

Ich finde das einfach so richtig schön tragisch. Das ist eine Geschichte voller totaler Brüche und wahrscheinlich auch – muss man wohl sagen – eines der grossen noch aufzuwickelnden Punk Swindles, wenn man denn fast allen sst-Bands glauben mag, die von unseriösen Geschäftspraktiken erzählen (to say the least).

Das ist so voller Widersprüche, Brüche, Kontraste, Farben und Wandlungen von geil bis scheisse bis tot bis halb lebendig. Total super und total spannend, diese 30 Jahre Geschichte auch nur ansatzweise durch ein Special anzureissen – für mich! Wenn ich ein Label hätte, würde ich es sofort vor die Wand fahren. Aber es so gekonnt zu machen wie Greg Ginn, da kann ich nur sagen: „Hut ab, Junge. Du hast es geschafft, mit Black Flag eine der geilsten Punkbands zu machen, du hast ein Label gegründet, was 10 Jahre lang den heissen Scheiss herausgebracht hatte und dann hast du das Label fast pleite gemacht, mist Musik gemacht (ok, deine Solosachen in den 90ern waren super, aber Screw Radio???) und heute machst du das Label immer noch und wiedervereinigst deine Band für ein Benefiz für Katzen? Wo bekomme ich diese Drogen her?“

So emsige Arbeitsbienchen-Labels sind doch langweilig, nein, der totale Zusammenbruch muss her, alles verjubeln, dann die obskurste Kacke rausbringen, dann alles auf null runterfahren und plötzlich wieder da sein. Klasse! Noch Fragen?

Die Langweiler-Fakten: 1991 machte ich im Alter von 13 Jahren meine erste grosse Reise alleine, mit dem Zug von Köln nach Berlin, um meine Schwester zu besuchen. Ihr damaliger Freund spielte mir die „First four years“ vor. 2003 bewarb ich mich bei der Spex in Köln für ein Praktikum, beim Bewerbungsgespräch in der Redaktion mit gleich drei Spex-Checkern dann die Frage „Und, was hörst du so für Musik?“ beantwortet mit „AC/DC und sst Records“, dann eine Pause, Gegenantwort: „Hmh, ach so, aber du weisst schon, dass wir hier andere Musik machen.“ 2004 besuchte ich sst-Records in Long Beach, Kalifornien, wandelte durch die heiligen Hallen und unterhielt mich mit Greg Ginn eine gute halbe Stunde. Ein Interview wollte er nicht machen mit der Begründung, dass „es nichts Neues zu erzählen gibt“.

Natürlich, wenn ich sage, ich kenne die wenigsten Bands des Labels, so ist damit gemeint: sst hat mehr als 350 Platten, CDs, Tapes, Spoken Words etc. herausgebracht. Die allgemein bekannten Klassiker liebe und schätze ich, aber was das Label ja so skurril / interessant / bizarr macht, ist – aus meiner Sicht – nicht der geile Backkatalog der Descendents etc., sondern die obskursten Kleinstauflagen von Millionen von Jazzbands Ende der 89er und Anfang der 90er. Davon kenne ich kaum was, und das waren bestimmt mehr als 200 CDs, die da gemacht worden sind. Ansonsten, klar Alter, Descendents natürlich (restlos alles, wobei mein Herz an dem Song „Bikeage“ auf der „Milo Goes To College“ hängt), HüSKA Baby („Metal Circus“, besonders („Diane“) und natürlich die „New Day Rising“-LP, „I apologize“, aber natürlich auch so Scherze wie „Tired Of Doing Things“ auf der ersten oder „In A Free Land“ natürlich), auf jeden Fall die Bad-Brains-LP „I Against I“ und die HR-Solosachen wie „Shame In Da Game“, yeah!, restlos alles von Meat Puppets (besonders „Up On The Sun“ und „Look At The Rain“), Bl’ast! ALTA, bei „Surf And Destroy“ oder „Time To Think“ wackelt aber immer noch meine Gehirnwand, Sonic Youth immer wieder gerne, die Sreaming Trees und ihre „Invisible Lantern“, hallo Wahnsinn mit St. Vitus, guten Morgen Irrenanstalt mit Angst und Würm, Gott lebt mit „A Human Certainty“ von Saccharine Trust – und die Minutemen nicht zu vergessen.

Und Dinosaur jr.!!! Scheisse, ich hätte doch jetzt fast gerade Black Flag vergessen! ‚Türlich, alles von denen, die Band ist ja gerade der sst-Output im Miniaturformat, wenn man „The Process Of Weeding Out“ im Vergleich zu den Punkbrechern auf der „Everything Went Black“ hört, das finde ich immer wieder faszinierend, da liegen nicht nur Welten dazwischen.

Meine fünf sst-Lieblingsplatten:

1. Black Flag – Slip It In

2. Descendents – Milo Goes To College

3. Meat Puppets – Up On The Sun

4. BL’AST! – The Power Of Expression

5. Hüsker Dü – New Day Rising

So, nachdem der Beweis eines Vinyl-Penis erbrachte wurde, noch der Hinweis: Für sst-Einsteiger lohnt sich der Sampler „Blasting Concept Vol. I“. Gute Bücher über sst sind meiner Meinung nach die zwei Bücher von Joe Carducci selber, „Rock And The Pop Narcotic“ und „Enter Naomi: sst, LA And All That“, die Abschnitte über sst-Bands in den Büchern „Our Band Could Be Your Life“ von Michael Azerrad und in „Hardcore California“, das Buch von Negativland „The Letter U And The Numeral 2“.

Zum Aufbau des Specials:

Normalerweise kommen bei Label-Interviews die Labeldiskographien immer am Ende. Aber hier geht`s um sst und damit ihr seht, über welchen Zeitraum wir reden und über welche schier unglaubliche Menge Releases, kommt zu Anfang Joachims exklusiv zur Verfügung gestellte sst-Diskographie nach Bestellnummern. Es gibt keine sst-Diskographie im Netz bzw. schon gar nicht nach Bestellnummern (bei denen im Netz vorhandenen merkt man auch recht schnell, von wo die abgeschrieben haben, nämlich von der zeitweise offen im Netz zu sehenden sst Discografie von Joachims Buch), das hier wurde handrecherchiert.

Dann folgen Joachim und Stone mit ihren Artikeln, dann die Beiträge / Interviews von sst-Leuten, Ex-Bands, ausgewählten Bands und Labels, wo wir einen Bezug zu dem sst-Schaffen vermutet haben oder einfach da ist. Das hier in erster Linie die Mitarbeiter von sst zur Sprache kommen, ist meines Wissens so noch nie gemacht worden (und mit alten sst-Bands und deren neuen Projekten etc. gab es in alten Ausgaben schon so einige Interviews, z.B. Greg Ginn, Kira Roessler, sst-Records, Dinosaur jr, Greg Norton, Wino etc). Die Interviewfragen gehen auf meine Kappe. sst-Records hat sich übrigens nicht gemeldet.

(Jan)

***

sst Records Diskographie

Abkürzung für: „Solid State Transmitter“. Die Diskographie ist Bestandteil des „They Could Have Been Bigger Than EMI“-Projekts von Joachim Gaertner, ein Buch über nicht mehr existente Independent-Labels (vorwiegend) aus dem Vinyl-Bereich.

Zweite Auflage erhältlich, zu finden über: www.ppfnp.com. sst ist seit der zweiten Auflage nicht mehr erwähnt, da es das Label ja wieder gibt (sic!). Von vielen Releases gibt es auch CD-Ausgaben, die hier nicht erwähnt sind. Nachträge immer herzlich willkommen. Mailadresse siehe Impressum.

sst 001 BLACK FLAG – Nervous Breakdown 7″ (1978)

sst 002 MINUTEMEN – Paranoid Time 7″ (1980)

sst 003 BLACK FLAG – Jealous Again 12″

sst 004 MINUTEMEN – The Punch Line MLP (1981)

sst 005 BLACK FLAG – Six Pack 7″/12″ (1981)

sst 006 SACCHARINE TRUST – Pagan Icons MLP (1981)

sst 007 BLACK FLAG – Damaged LP (1981)

sst 008 OVERKILL – Hell`s Getting Hotter 7″ (1981)

sst 009 MEAT PUPPETS – Meat Muppets MLP (1981)

sst 010 STAINS – Stains LP (1983)

sst 011 WüRM – I`m Dead 7″

sst 012 BLACK FLAG – TV Party 7″

sst 013 V/A – The Blasting Concept LP (1983)

sst 014 MINUTEMEN – What Makes A Man Start Fires? LP (1983)

sst 015 BLACK FLAG – Everything Went Black DoLP (1982)

sst 016 MINUTEMEN – Burr Or Howl Under The Influence Of HeatMLP (1983)

sst 017 DICKS – Kill >From The Heart LP

sst 018 SUBHUMANS – No Wishs No Prayer LP (1982)

sst 019 MEAT PUPPETS – Meat Puppets 2 LP (1983)

sst 020 HüSKER Dü – Metal Circus MLP (1983)

sst 021 BLACK FLAG – The First Four Years LP

sst 022 SAINT VITUS – Saint Vitus LP (1984)

sst 023 BLACK FLAG – My War LP (1983)

sst 024 SACCHARINE TRUST – Surviving You, Always LP (1984)

sst 025 HüSKER Dü – Eight Miles High 7″ (1983)

sst 026 BLACK FLAG – Family Man LP (1984)

sst 027 HüSKER Dü – Zen Arcade DoLP (1984)

sst 028 MINUTEMEN – Double Nickels On The Dime DoLP

sst 029 BLACK FLAG – Slip It In LP (1984)

sst 030 BLACK FLAG – Live`84 LP (1985)

sst 031 HüSKER Dü – New Day Rising LP (1985)

sst 032 MINUTEMEN – 1980-83 My First Bells MC (1985)

sst 033 D.C.3 – This Is The Dream LP (1985)

sst 034 MINUTEMEN – Project Mersh MLP (1985)

sst 035 BLACK FLAG – Loose Nut LP (1985)

sst 036 OCTOBER FACTION – Live LP (1985)

sst 037 BLACK FLAG – The Process Of Weeding Out MLP (1985)

sst 038 OVERKILL – Triumph Of The Will LP (1985)

sst 039 MEAT PUPPETS – Up On The Sun LP (1985)

sst 040 DAS DAMEN – Das Damen MLP (1985)

sst 041 WüRM – Feast LP (1985)

sst 042 SAINT VITUS – The Walking Dead MLP (1985)

sst 043 V/A – The Blasting Concept Vol.2 LP (1985)

sst 044 MEAT PUPPETS – In A Car 7″ (1985)

sst 045 BLACK FLAG – In My Head LP (1985)

sst 046 SACCHARINE TRUST – Worldbroken LP (1985)

sst 047 TOM TROCCOLI`S DOG – Tom Troccoli`s Dog LP (1985)

sst 048 SACCHARINE TRUST – We Became Snakes LP (1986)

sst 049 MEAT PUPPETS – Out My Way MLP (1986)

sst 050 MINUTEFLAG – Minuteflag MLP (1986)

sst 051 HüSKER Dü – Makes No Sense At All 7″ (1985)

sst 052 SAINT VITUS – Hallow`s Victim LP (1985)

sst 053 SWA – Your Future If You Have One LP (1985)

sst 054 ANGST – Lite Life LP (1985)

sst 055 HüSKER Dü – Flip Your Wig LP (1985)

sst 056 OCTOBER FACTION – Second Factionalization LP (1985)

sst 057 PAINTED WILLIE – Mind Bowling LP (1985)

sst 058 MINUTEMEN – 3-Way Tie LP (1985)

sst 059 SONIC YOUTH – Evol LP (1986)

sst 060 BLACK FLAG – Who`s Got The 10 1/2 LP (1986)

sst 061 GONE – Let`s Get Real LP (1986)

sst 062 V/A – Lovedolls Superstar Soundtrack LP (1986)

sst 063 D.C.3 – The Good Hex LP (1986)

sst 064 ANGST – Angst MLP (1986)

sst 065 BAD BRAINS – I Against I LP (1986)

sst 066 V/A – Programm: Annihilator -(LP?)/MC (1986)

sst 067 SLOVENLY – Thinking Of Empire LP

sst 068 MINUTEMEN – Ballot Result DoLP (1987)

sst 069 V/A – Chunks LP

sst 070 V/A – The 7 inch Wonders Of The World (LP?)/MC

sst 071 LEAVING TRAINS – Kill Tunes LP (1986)

sst 072 V/A – Desperate Teenage Lovedolls Soundtrack LP (1986)

sst 073 SWA – Sex Doctor LP (1986)

sst 074 ANGST – Mending Wall LP (1987)

sst 075 ALTER-NATIVES – Hold Your Tongue LP (1986)

sst 076 PAPER BAG – Ticket To Trauma LP

sst 077 ZOOGZ RIFT – Island Of Living Puke LP

sst 078 ALWAYS AUGUST – Black Pyramid LP

sst 079 fIREHOSE – Ragin`Full-On LP (1986)

sst 080 SONIC YOUTH – Starpower MLP

sst 081 BLACK FLAG – Annihilate This Week – Live MLP (1986)

sst 082 SAINT VITUS – Born Too Late LP (1986)

sst 083 D.C.3 – You`re Only As Blind As Your Mind Can Be LP (1986)

sst 084 SACCHARINE TRUST – The Sacramental Element MC (1986)

sst 085 PAINTED WILLIE – Live From Van Nuys MLP (1986)

sst 086 GONE – Gone II, But Never Too Gone LP (1986)

sst 087 LAWNDALE – Beyond Barbeque LP (1986)

sst 088 ZOOGZ RIFT – Looser Than Clams LP (1986)

sst 089 SLOVENLY – Riposte LP (1987)

sst 090 DIVINE HORSEMEN – Middle Of The Night MLP (1986)

sst 091 DIVINE HORSEMEN – Devil`s River LP (1986)

sst 092 V/A – Cracks In The Sidewalk LP

sst 093 SWA – XCIII LP (1987)

sst 094 FLESHEATERS – Destroyed By Fire LP (1987)

sst 095 DAS DAMEN – Jupiter Eye LP (1987)

sst 096 SONIC YOUTH – Confusion Is Sex LP (1987)

sst 097 SONIC YOUTH – Sonic Youth MLP

sst 098 PAINTED WILLIE – Upsidedowntown LP

sst 099 ZOOGZ RIFT – Water LP (1987)

sst 100 MEAT PUPPETS – Mirage LP (1987)

sst 101 TAR BABIES – Fried Milk LP (1987)

sst 102 V/A – No Age: A Compilation Of sst Instrumental MusicDoLP(1987)

sst 103 OPAL – Happy Nightmare Baby LP (1987)

sst 104 BLIND IDIOT GOD – Blind Idiot God LP (1987)

sst 105 SCREAMING TREES – Other Worlds MLP (1988)

sst 106 BL`AST – It`s In My Blood LP (1987)

sst 107 PAINTED WILLIE – My Fellow Americans LP (1987)

sst 108 PAINTED WILLIE – Painted Willie 7″ (1987)

sst 109 UNIVERSAL CONGREss OF – Universal Congress Of LP (1987)

sst 110 CRAZY BACKWARDS ALPHABET – Crazy Backwards Alphabet LP (1987)

sst 111 ANGST – Mystery Spot LP (1987)

sst 112 DESCENDENTS – All LP (1987)

sst 113 LEE RANALDO – >From Here To Infinity LP (1987)

sst 114 LEAVING TRAINS – Fuck LP (1987)

sst 115 fIREHOSE – If`n LP (1987)

sst 116 BLOOD ON THE SADDLE – Fresh Blood LP (1987)

sst 117 HR – Human Rights LP (1987)

sst 118 HENRY KAISER – Devil In The Drain LP (1987)

sst 119 SAINT VITUS – Thirsty And Miserable MLP (1987)

sst 120 ZOOGZ RIFT – Ipecac LP (1987)

sst 121 ZOOGZ RIFT – Interim Resurgence LP (1987)

sst 122 ZOOGZ RIFT – Amputees In Limbo LP (1987)

sst 123 ZOOGZ RIFT – Idiots On The Miniature Golf Course LP (1987)

sst 124 BL`AST – School`s Out 7″ (1987)

sst 125 LAWNDALE – Sasquatsch Rock LP (1987)

sst 126 TREACHEROUS JAYWALKERS – Sunrise MLP (1987)

sst 127 CRUEL FREDERICK – The Birth Of The Cruel LP (1987)

sst 128 ELLIOTT SHARP – In The Land Of The Yahoos LP (1987)

sst 129 ELLIOTT SHARP / SOLDIER STRING QUARTET – Tessalation Row LP (1987)

sst 130 DINOSAUR JR. – You`re Living All Over Me LP (1987)

sst 131 fIREHOSE – Sometimes MLP (1987)

sst 132 SCREAMING TREES – Even If And especially When LP (1987)

sst 133 NEGATIVLAND – Escape From Noise LP (1987)

sst 134 SONIC YOUTH – Sister LP (1987)

sst 135 ALWAYS AUGUST – Largeness With (W)holes MLP (1987)

sst 136 GLENN PHILLIPS – Elevator LP (1987)

sst 137 ZOOGS RIFT – Water II LP (1987)

sst 138 MINUTEMEN – CD Post-Mersh Vol.1 MC/CD (1987)

sst 139 MINUTEMEN – CD Post-Mersh Vol.2 MC/CD (1987)

sst 140 DIVINE HORSEMEN – Snake Handler LP (1987)

sst 141 BRIAN RITCHIE – The Blend LP (1987)

sst 142 DESCENDENTS – Milo Goes To College LP (1987)

sst 143 DESCENDENTS – Bonus Fat MLP (1987)

sst 144 DESCENDENTS – Two Things At Once MC/CD (1987)

sst 145 DESCENDENTS – I Dont`s Want To Grow Up LP ?? unsure!

sst 146 SYLVIA JUNCOSA – Nature LP (1988)

sst 147 FRITH & KAISER – With Enemies Like These… CD

sst 148 BL`AST – The Power Of Expression LP (1987)

sst 149 SACCHARINE TRUST – Past Lives DoLP (1987)

sst 150 MEAT PUPPETS – Huevos LP (1987)

sst 151 SCOTT COLBY – Slide Of Hand LP (1987)

sst 152 DINOSAUR JR. – Dinosaur jr. LP (1987)

sst 153 SWA – Arroyo 12″

sst 154 PAT RUTHENSMEAR – Ruthensmear LP (1988)

sst 155 SONIC YOUTH – Master Dik MLP

sst 156 D.C.3 – Vida LP (1989)

sst 157 SWA – Evolution 1985 – 1987 CD

sst 158 PELL MELL – The Bumper Crop LP

sst 159 STEVE FISK – 448 Deathless Days LP

sst 160 BAD BRAINS – Live LP

sst 161 SAINT VITUS – Mournful Cries LP (1988)

sst 162 SISTER DOUBLE HAPPINEss – Sister Double Happiness LP(1988)

sst 163 DESCENDENTS – Liveage LP (1988)

sst 164 THESE IMMORTAL SOULS – Get Lost (Don`t Lie) LP

sst 165 MINUTEMEN – Post-Mersh Vol.3 -MC/CD

sst 166 BLACK FLAG – Wasted Again LP (1987)

sst 167 SEMANTICS – Bone Of Contention LP

sst 168 RAS MICHAEL-ZION TRAIN – Ras Michael-Zion Train LP

sst 169 TAR BABIES – No Contest LP

sst 170 PAPER BAG – A Land Without Fences LP (1987)

sst 171 HR – The HR Tapes CD (1988)

sst 172 FRED FRITH – The Technology Of Tears DoLP

sst 173 HR – Now You Say 12″

sst 174 ZOOGZ RIFT – Son Of Puke MC

sst 175 BLACK FLAG – Louie Louie 7″

sst 176 DIVINE HORSEMEN – Handful Of Sand MLP

sst 177 HR – Keep Out Of Reach 12″ (1988)

sst 178 PAINTED WILLIE – Relics LP (1988)

sst 179 HR – It`s About Luv MLP

sst 180 UNIVERSAL CONGREss OF – Prosperous And Qualified LP

sst 181 SONIC YOUTH – Sonic Death Live MC/CD

sst 182 EVERETT SHOCK – Ghost Boys LP

sst 183 THESE IMMORTAL SOULS – Marry Me (Lie! Lie!) LP

sst 184 ZOOGZ RIFT – Nonentity: Water III LP

sst 185 ALTER-NATIVES – Group Therapy LP

sst 186 BRIAN RITCHIE – Nuclear War 12″

sst 187 BRIAN RITCHIE – Atomkrieg 12″

sst 188 SCREAMING TREES – Invisible Lantern LP (1988)

sst 189 THE LAST – Confession LP

sst 190 DAS DAMEN – Triskaidekaphobe LP

sst 191 MOFUNGO – Bugged LP

sst 192 RUN WESTY RUN – Hardly, Not Even LP

sst 193 ALWAYS AUGUST – Geography MLP (1988)

sst 194 ELLIOT SHARP / CARBON – Larynx LP

sst 195 HüSKER Dü – Land Speed Record LP

sst 196 PAUL ROEssLER – Abominable LP (1988)

sst 197 TROTZKY ICEPICK – Baby LP (1988)

sst 198 HENRY KAISER – Those Who Know History Are Doomed To Repeat It LP

sst 199 RUN WESTY RUN – Run Westy Run LP

sst 200 PAPER BAG – Music To Trash MC/CD

sst 201 SOUNDGARDEN – Ultramega OK LP

sst 202 BRIAN RITCHIE – Sonic Temple And Court Of Babylon LP

sst 203 ROGER MANNING – same LP

sst 204 UNIVERSAL CONGREss OF – This Is Mecolodics MLP

sst 205 DESCENDENTS – Hallraker – Live LP

sst 206 ANGST – Cry For Happy LP

sst 207 TREACHEROUS JAYWALKERS – Good Medicine LP

sst 208 ELLIOTT SHARP / CARBON – Monster Curve CD

sst 209 SLOVENLY – We Shoot For The Moon LP (1989)

sst 210 VOLCANO SUNS – Farced LP

sst 211 ZOOGZ RIFT – Murdering Hell`s Happy CRETINS LP

sst 212 DESCENDENTS – Fat EP -12″

sst 213 V/A – Program: Annihilator 2 (LP?)/MC

sst 214 MINUTEMEN – Joy 7″

sst 215 GRANT HART – Intolerance LP

sst 216 DINOSAUR JR. – Bug LP

sst 217 TREACHEROUS JAYWALKERS – La Isla Bonita MLP

sst 218 DAS DAMEN – Marshmellow Conspiracy 12″ (1988)

sst 219 GRANT HART – 2541 12″

sst 220 DINOSAUR JR. – Freak Scene 7″

sst 221 LEAVING TRAINS – Transportional D.Vices LP

sst 222 HENRY KAISER – Re-Marrying For Money CD

sst 223 KIRK KELLY – Go Man Go LP

sst 224 HR – Singin`In The Heart LP (1989)

sst 225 BL`AST – Take The Manic Ride LP (1989)

sst 226 BLACK FLAG – I Can See You MLP (1990)

sst 227 BRIAN RITCHIE – Sun Ra – Man From Outer Space MC/CDsi

sst 228 BAD BRAINS – Spirit Electricity Live CD (1991)

sst 229 PAPER BAG – Improvised…My Ass LP (1989)

sst 230 THE LAST – Awakening LP (1989)

sst 231 SOUNDGARDEN – Flower MLP (1989)

sst 232 ELLIOTT SHARP / SOLDIER STRING QUARTET – Hammer Anvil, Stirrup (LP?)/CD

sst 233 NEGATIVLAND – Jam Con`84 MC

sst 234 V/A – Mini Plot CDsi

sst 235 fIREHOSE – fROMOHIO LP

sst 236 TAR BABIES – Honey Bubble LP

sst 237 HENRY KAISER – Alternate Versions CDsi

sst 238 SWA – Winter LP

sst 239 TROTZKY ICEPICK – Poison Summer LP (1989)

sst 240 MOFUNGO – Work LP

sst 241 PELL MELL – Rhyming Guitars LP (1990)

sst 242 DESCENDENTS – Enjoy LP/CD (1989)

sst 243 NO MAN IS ROGER MILLER – Win! Instantly! LP

sst 244 DINOSAUR JR. – Just Like Heaven MLP

sst 245 ALTER-NATIVES – Buzz LP (1989)

sst 246 TROTZKY ICEPICK – El Kabong LP (1989)

sst 247 STONE BY STONE – I Pass For Human LP (1989)

sst 248 SCREAMING TREES – Buzz Factory LP (1989)

sst 249 V/A – The Melting Pot LP (1989)

sst 250 BUFFALO TOM – Buffalo Tom LP (1989)

sst 251 ZOOGS RIFT – Torment LP (1989

sst 252 NEGATIVLAND – Helter Stupid LP (1989)

sst 253 MEAT PUPPETS – Monsters LP (1989)

sst 254 TROTZKY ICEPICK – Presents Danny And The DoorknobsLP (1989)

sst 255 (unreleased)

sst 256 HR – Charge LP (1990)

sst 257 VOLCANO SUNS – Things Of Beauty DoLP (1989)

sst 258 (unreleased)

sst 259 DESCENDENTS – Somery – Greatest Hits LP

sst 260 SCREAMING TREES – Anthology DoLP

sst 261 (unreleased)

sst 262 GRANT HEART – All Of My Senses LP (1990)

sst 263 V/A Duck And Cover LP

sst 264 FLESH EATERS- Prehistoric Fits Vol.2 LP (1990)

sst 265 MEAT PUPPETS – No Strings Attached DoLP

sst 266 SAINT VITUS – Heavier Than Thou DoLP

sst 267 NO MAN – Whamon Express LP (1990)

sst 268 (unreleased)

sst 269 (unreleased)

sst 270 HüSKER Dü – Eight Miles High MC/MCD

sst 271 LEAVING TRAINS – Sleeping Underwater Survivor LP (1990)

sst 272 NEGATIVLAND – U 2 12″ (1991)

sst 273 FLESHEATERS – Dragstrip Riot DoLP (1991)

sst 274 HR – Rock Of Enoch MCD

sst 275 DINOSAUR JR. – Fossils MLP

sst 276 V/A – sst Acoustic LP

sst 277 MINUTEMEN – The Politics Of Time LP

sst 278 PELL MELL – Flow LP

sst 279 TROTZKY ICEPICK – The Ultraviolet Catastrophe LP (1990)

sst 280 (unreleased)

sst 281 NO MAN – How The West Was Won LP

sst 282 SWA – Volume LP (1991)

sst 283 LEAVING TRAINS – Rock`n`Roll Murder 7″

sst 284 LEAVING TRAINS – Loser Illusion Pt. 0 12″ (1991)

sst 285 (unreleased)

sst 286 TROTZKY ICEPICK – Hot Pop Hello CD released ?

sst 287 SLOVENLY – Highway To Hanno`s LP (1992)

sst 288 LEAVING TRAINS – The Lump In My Forehead LP

sst 289 (unreleased)

sst 290 CRUEL FREDERICK – We Are The Music We Play LP

sst 291 NEGATIVLAND – Guns MLP

sst 292 FLESH EATERS – Sex Diary Of Mr.Vampire (LP?)/CD

sst 293 LEAVING TRAINS – The Big Jinx LP

sst 294 PAT SMEAR – So You Fell In Love With A Musician CD

sst 295 TROTZKY ICEPICK – Carpetbomb The Riff CD (1992)

sst 296 BAZOOKA – Perfectly Square CD

sst 297 FLESH EATERS – Crucified Lovers In Women Hell MCD

sst 298 HOTEL X – A Random History Of The Avant-Groove CD

sst 299 POINDEXTER STEWART – College Rock MC

sst 300 GONE – The Criminal Mind LP

sst 301 HOTEL X – Residential Suite CD

sst 302 TRANSITION – Spine LP

sst 303 GONE – Smoking Gun 12″

sst 304 HOTEL X – Engendered Species CD

sst 305 CONFRONT JAMES – Test One Reality

sst 306 GONE – All The Dirt That`s Fit To Print LP

sst 307 ROGER MILLER`S EXQUISITE CORPSE – Unfold CD

sst 308 BAZOOKA – Blowhole CD

sst 309 CONFRONT JAMES – Just Do It MLP

sst 310 MUDDLE – same CD

sst 311 LEAVING TRAINS – Drowned And Dragged CD

sst 312 (seems to be unreleased)

sst 313 GONE – Best Left Unsaid CD

sst 314 COONFRONT JAMES – Ill Gotten Hatred CD

sst 315 THE SORT OF QUARTET – Planet Mamon CD

sst 316 HOR – House CD

sst 317 HOTEL X – Ladders CD

sst 318 ROGER MILLER – Experimental Guitar CD

sst 319 GONE – Damage Control CD

sst 320 MOJACK – Merchandising Murder CD

sst 321 FATSO JETSON – Stinky Little Gods CD

sst 322 CONFRONT JAMES – Chemical Exposure CD

sst 323 LAST – Gin & Innuendoes CD

sst 324 SCREW RADIO – Talk Radio Violence CD

sst 325 BAZOOKA – Cigars, Oysters & Booze CD

sst 326 HOR – Slo ’n‘ Sleazy CD

sst 327 (seems to be unreleased)

sst 328 HOTEL X – Uncommon Grounds CD

sst 329 THE SORT OF QUARTET – Kiss Me Twice, I’m Schitzo CD

sst 330 EL BAD – Bad Motherfucker CD

sst 331 ROGER MILLER – The Belevolent Distruptive Ray CD

sst 332 THE SORT OF QUARTET – Bombas De Amor CD

sst 333 SCREW RADIO – I’m A Generation X… CD

sst 334 LEAVING TRAINS – Favorite Mood Swings CD

sst 335 BROTHER WEASEL – Brother Weasel CD

sst 336 BAZOOKA – Poor Mr. Rock Star CD

sst 337 HOTEL X – Routes Music CD

sst 338 LEAVING TRAINS – Smoke Follows Beauty CD

sst 339 (seems to be unreleased)

sst 340 OXBOW – Serenade In Red CD

sst 341 FATSO JETSON – Power Of Three CD

sst 342 SCREW RADIO – Best Of Screw Radio CD

sst 343 CONFRONT JAMES – Black Bomb Mountain CD

sst 344 GONE – Country Dumb CD

sst 345 KILLER TWEEKER BEES – Tweeker Blues CD

sst 346 (seems to be unreleased)

sst 347 HOR – A Faster, More Aggressive Hor CD

sst 348 EL BAD – Trick Or Treat CD

sst 349 ROGER MILLER w/ LARRY DERSCH – The Binary System – Live At The Idea Room CD

sst 350 (unreleased)

(Joachim)

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Surviving You, Always

Natürlich ist es nahezu unmöglich, aus dem sst-Fundus von über 350 Releases mal fünf rauszuklauben, an denen das Herz und die Ohren am meisten hängen. Ich schätze, dass ich als Musikliebhaber, Ex-Plattenladenbesitzer und Hobby-An- und Verkäufer ca. zwei Drittel der sst-Platten schon mal auf dem Teller hatte und einiges ist auch in die Sammlung geflossen … Doch was sind die Besten? Die, die man am meisten gehört hat? Hmm, da würde wahrscheinlich die „Fossils“ 10″ von Dinosaur jr. ziemlich weit vorne stehen.

Ist aber eben nur ein Singles-Sampler. Oder „Destroyed By Fire“ von meinen heiss geliebten Flesheaters? Geht auch nicht, ist auch ein Sampler, meist mit Non-sst-Material drauf. Oder ist es generell eine Platte auf sst? Da würde wahrscheinlich die erste Dinosaur-LP auf Platz eins sein. Klappt auch nicht, kam original (ohne jr.) auf Homestead raus. Geht es um wegweisende Klassiker? Bands, die alle lieben?

Platten, die alle haben? Negativland, weil`s cool klingt? Natürlich mag ich Descendents, Black Flag, Meat Puppets und Minutemen. Zoogz Rift habe ich nie verstanden, Saint Vitus und Soundgarden sind mir am Arsch vorbei. Was denn nun? Hmm. Ich möchte es einfach auf rein persönlichen Platten beruhen lassen, die mir subjektiv am Herzen liegen und die ihre kleine Story in meinem kleinen Herzen haben:

HüSKER Dü – New Day Rising (sst 031)

Vielleicht war „Landspeed Records-von Hüsker Dü eine der Platten, die mich in meinem kleinen Punk-Leben damals am meisten wachgerüttelt haben. ähnlich wie Teenage Jesus & The Jerks aus New York kam das Debüt von HüDü so brachial und damals ungehört daher, dass ich es sofort fasziniert gehasst habe. Ich konnte und wollte mich damals mit der Band nicht auseinander setzen, deshalb habe ich auch „Zen Arcade“ einfach verpasst, die Band damals in Frankfurt auch nicht live gesehen.

Erst um 1987 hörte ich zum ersten mal als „Blind Date“ auf einem Tape „I Apologize“ und den Titel-Song der LP „New Day Rising“. Was war das? Muss ich haben! Eine Platte wie aus einem Guss. Waren zu der Zeit die Wipers meine Gitarren-Helden, haben sie mit dieser Platte harte Konkurrenz bekommen. Verdammt, wie konnte mir das passieren, wie konnte ich die Band so unterschätzen? Vielleicht hat mich grade dieser Zorn so in die Platte verlieben lassen, dass sie, mittlerweile tausendmal gehört, für mich persönlich das Aushängeschild des Labels wurde. Es muss nicht immer die beste Platte einer Band sein, die kickt, es muss nur eine sein, die im rechten Moment kommt.

TROTZKY ICEPICK – El Kabong (sst 246)

Zugegeben, als die Platte 1989 rauskam, wusste ich zwar, dass es Mitglieder der legendären Urinals waren, hatte die aber nie gehört. Auch ist es nicht die erste Platte der Band, aber vieles auf sst kam irgendwie erst zur grossen Cut-Out Zeit ramsch-mässig daher. Allerdings war ich ein grosser Fan der Band 100 Flowers, aus denen sich Trotzky Icepick rekrutierte. Vertrackte Pop-Songs, die nach zweimaligem Hören nicht mehr aus der Birne gehen. Das war für mich „El Kabong“. Eigentlich wollte ich hier die Platte „Baby“ der Band erwähnen, doch beim heutigen parallelhören ist „El Kabong“ die bessere Platte mit den besseren Erinnerungen. Ein Zäpfchen vor dem Herrn, von dem ich mir gewünscht hätte, mehr Leute wären auf die Musik aufmerksam geworden. Vielleicht würde es die Band dann noch geben.

SONIC YOUTH – Evol (sst 059)

Die grosse Frage: „Sister-oder „Evol-von Sonic Youth. O.K., ich oute mich hier, aber die Wahrheit ist, dass ich Sonic Youth über Jahre hinweg schlicht ignoriert habe. Womöglich, weil es mir auf den Nerv ging, dass jeder, wirklich jeder in meinem Umkreis die Band heilig gesprochen hat und man kaum eine Bier-Runde hatte, wo die Band nicht zur Sprache kam. Ich konnte nie mitreden, da ich die Band ja ignorierte. Irgendwann kam das Jahr 1991. Ich hatte einen Plattenladen und die Offerte, einen Karton (25 Stück) Sonic Youth „Evol“ für ziemlich kleines Geld zu kaufen. Alles neuwertig, alles verschweisst. Na ja, Sonic Youth waren damals ziemlich „sell-able“, also her damit.

Merkwürdigerweise ging die Platte schneller weg, als man Preisschilder draufkleben konnte. Also hüpfte ich über meinen Schatten, ignorierte meine Ignoranz und behielt die letzte Copy. Sie lag dann irgendwie ein halbes Jahr auf den „Zu hören“-Stapel neben dem Plattenspieler. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich denkt: Du musst mal aufräumen, und „Evol“ kam auf den Plattenspieler, um mir selbst zu beweisen, dass die Band einfach nur der Geschmack von irgendwelchen Freunden, aber nicht der eigene ist. Damit hatte ich mir so ziemlich selbst ins Knie geschossen. Lief der erste Song noch bei Aufräumarbeiten nebenher, rannte ich bei „Star Power“ schon zum Stereo, ums lauter zu machen. Ende der Geschichte: Aufräumen war nicht, die Platte lief und lief mit dem Fazit: Manchmal haben Freunde auch Recht mit Musikgeschmack. Dammit. Ende vom Spiel: Sonic Youth nachgekauft und festgestellt, dass „Sister“ meine Lieblingsplatte ist, doch das grosse Aha-Erlebnis, der ganze Kick, mein persönlicher Einstig war eben „Evol“, die zweitbeste Platte der Band.

THE LAST – Awakening (sst 230)

Mein Gott, hatte ich Anfang der 80er die Platte „L.A.Explosion-von The Last runtergedaddelt. Mag man heute nicht mehr nachvollziehen können, Ende der 70er gab es nicht so viel an Sixties Retro-Garage, wie man heute glauben mag. Im Original auf Bomp erschienen, war grade dieses Label zu der Zeit in den Startlöchern, einen neuen Sound, den wir heute gerne Neo-Garage nennen, mitzugestalten. An „L.A.Explosion“ kam ich eigentlich nur, da es eine britische Lizenzpressung auf London Records gab, die man damals hier kaufen konnte.

Wer ausser zwei Maxis damals mehr wollte von der Band, blieb im Regen. Die (heute) legendäre zweite LP „Look Again“ von 1980 war angekündigt und ich war dahinter her, wie die hungrige Katze hinter einer Maus. Erst 15 Jahre später habe ich erfahren, dass die Platte nur als Testpressung erschienen ist. Egal. 1988 veröffentlichte sst die Platte „Confession“ von The Last, die mich zutiefst enttäuschte. Ich hatte das Gefühl, dass eine Band in den letzten acht Jahren alles verloren hatte, was mir Spass machte. Ein Jahr später erschien „Awakening“.

Und als wäre der Titel Programm, gleich Phönix aus der Asche, hat es mich wieder gepackt. Erstklassiger, an die Sechziger angelehnter Gitarren-Sound, der zwar im Jahre 1989 von vielen Bands mittlerweile zelebriert wurde, nur hatten The Last nicht mehr die angesagte Härte, sondern schlicht die besseren Songs. Es hat lange gedauert, bis ich eine Copy der Platte ohne Cut-out gefunden habe, denn sie ist ausschliesslich auf dem Ramsch gelandet. Verdammt! DIE Platte hat es nicht verdient.

LEAVING TRAINS – Fuck (sst 114)

Diese Platte hat mich Ende der 80er genau auf dem richtigen Bein erwischt. Der Plattentitel und Songs wie „So Fucked Up“, „How Can I Explode“ oder „I Don`t Know What I`m Doing Here-entsprachen exakt meiner Stimmung. Freundin weg, Wohnung gekündigt, Studium ohne Perspektive. Eben: das grosse Loch! Aber irgendwie war ich nicht bereit, mich unter dem Kopfhörer der musikalischen Brutalität hinzugeben, sondern dem schlichten Song zwischen Punk und Melancholie. Ein bisschen mehr runterreissen und etwas mehr Schmerz fühlen als aktuell angesagt wäre.

Wehmut, rumseufzen, Weltschmerz. Da gab es grosse Bands zu der Zeit, die das alles unterstützt haben. Moving Targets, Lemonheads und eben Leaving Trains. Diese Platte „Fuck“, auch wenn der provozierende Titel resignierender klingt als ich es jemals für mich zulassen würde, war genau das, was mich aus dem ganzen Sumpf wieder rausgezogen hat. Heute aufgelegt, ist es genau die Melange von Musik, von der ich hoffe, dass es das nächste mal wieder eine neue Band gibt, die mir exakt das Feeling für den Moment beschert.

Hier noch fünf sst-Platten, die ich ohne Kommentar empfehlen möchte und die ähnliche Stories verdient hätten (und auch haben):

SACCHARINE TRUST – Surviving You, Always (sst 024)

SLOVENLY – Thinking Of Empire (sst 067)

OPAL – Happy Nightmare Baby (sst 103)

GRANT HART – Intolerance (sst 215)

ANGST – Cry For Happy (sst 206)

(Joachim)

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sst – Riddle Of The Eighties

Die ersten waren die Minutemen: „Punch Line“ und „What Makes A Man Start Fires?“. Das heisst, das waren meine ersten sst-Platten. Ich hatte ja keine Ahnung. In einem Buch voller Plattenbesprechungen (hab vergessen von wem, aber es war keines dieser coolen „Diederichsen-entdeckt-Napalm-Death“-Dinger) hatte ich alles angekreuzt, was nach Ramones und den zwei, drei anderen Bands klingen sollte, die ich neu entdeckt hatte, damals in den Jahren zwischen 1983 und 1985. Und die Minutemen, so schrieb der gute Mann, spielten „in a Ramones-like frenzy“ oder so – und wer war ich, dass ich widersprochen hätte?!

Auf einer Plattenbörse erstand ich also die beiden guten Stücke – und liess sie nach dem ersten Durchlauf erstmal im Regal stehen. Nach den Ramones klang es ja nun wirklich nicht, auch wenn die Songs schnell und kurz waren. Keine Bratgitarren und keine Pop-Melodien, das war mir dann doch etwas zu spröde. Etwas bewog mich aber dazu, sie nicht auf dem nächsten Flohmarkt wieder zu verhökern. Es war wohl letztlich der Spex geschuldet (pardon, wir wussten es damals eben nicht besser), dass ich eines Tages das Label sst erst wirklich entdeckte. Von da an wurde alles anders, soviel steht nun fest.

Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich schon damals viel für den guten alten Neil Young übrig. Und der tauchte in einer Plattenbesprechung zu Giant Sand auf, mit dem Verweis, bislang habe man Howie Gelb für die nächstmögliche genetische Kombination zu jenem gehalten, bis J. Mascis die Szene betrat. Das interessierte mich dann doch, dieser Mascis. Musste ja ein Teufelskerl sein.

Dann kam jener denkwürdige Tag, da ich in Delmenhorst, wo ich den Zivildienst leistete, mir das gerade erschienene Album „You’re Living All Over Me“ auflegen liess. Schnell die Kopfhörer auf und voller Spannung den neuen Neil Young erwartet. Ich schilderte – so meine ich jedenfalls – an dieser Stelle schon einmal, welch weiche Knie ich bekam, die Schweissausbrüche und so weiter. Ich war am Haken. Und in dem Label-Katalog, der dem Album beilag, fand sich manches, was ich hören wollte. Da waren die Descendents, die Meat Puppets, Black Flag selbstverständlich auch, Würm, Saint Vitus, Overkill, Bl’ast!, Angst, SWA, Bad Brains, Slovenly, DC 3 – so müsste meine Bestellung direkt beim Label gewesen sein. Vielleicht wäre es interessant, was ich nicht bestellte (Hüsker Dü, Universal Congress Of, Sonic Youth, whatever….).

Ich schätze, dass hatte damit zu tun, dass ich mit einem Bein tief in schwerem Metall stand und meine Musik brutal wollte, zum anderen immer noch meiner Liebe zu Country und Folk frönte, die ich wiederum gern mit Punk im Bette sah. Jazz fand nicht statt. Und allzu arty mochte ich es auch nicht. Klar jedenfalls: Das Label stand in voller Blüte und hatte im Grunde seine grösstmögliche sinnvolle Ausbreitung erreicht. Irre wie Zoogs Rift und Cruel Frederick konnte man locker mit durchziehen, weil Hüsker Dü, Black Flag und so weiter sich gut verkauften.

Slovenly waren so eine Band, die ich erst gar nicht begriff. Komischer Gesang. Auch wenn ich die gelegentlichen freien Saxophon-Soli ganz cool fand, die Lynn Johnston (UCO) als Gast blies. Jazz indes harrte noch seiner Entdeckung durch mich, hatte aber später Glück, was er vor allem John Zorn verdankte. Meine Beschäftigung damit begann dank Naked City furios, erlahmte ein wenig bei Charlie Parker, auf den ich wegen Kerouac gekommen war und nahm mit „Giant Steps“ von Coltrane Fahrt auf. Erst dann erforschte ich auch die entsprechenden Winkel des sst-Repertoires.

Dave Lang, der einen ganz lesenswerten Aufsatz über sst auf der Internetseite www.furious.com veröffentlicht hat, sortiert zwar beispielsweise Cruel Frederick unter die Nieten ein, aber das geht definitiv zu weit. Schon bis jetzt dürfte klar sein, dass zumindest vor sst kein Label eine derartige stilistische Offenheit wagte (auch wenn später die Grenze zur Beliebigkeit mehr als einmal überschritten wurde). Die Zahl derer, die sich davon inspirieren liess, ist immens.

Und was ist heute? Ein kleines Kontingent Neuveröffentlichungen gab es dann nach langem Warten doch noch – ausschliesslich Platten, auf denen Greg Ginn selbst Gitarre spielt, was mich daran erinnert, wie Joe Baiza mal sagte, heute sei es leicht, auf sst zu sein: Man müsse nur eine Band gründen, in der Greg Ginn spielt. Als Quell einer auch nur ansatzweise ähnlich bedeutsamen Musik ist sst heute getrost zu vernachlässigen.

Die grossen Helden sind nicht mehr existent, ihre Mitglieder indes sorgen gelegentlich noch für Höhepunkte. Allen voran natürlich Mike Watt mit unterschiedlichsten Projekten, die beweisen, dass er sich genau die musikalische Offenheit bewahrt hat, die konstituierend für die grossen sst-Tage war.

Bob Mould und Grant Hart veröffentlichen gelegentlich durchaus schöne Platten und Greg Norton beendete seine musikalische Pause mit dem höchst interessanten Projekt The Gang Font feat. Interloper. George Hurley spielte bei Red Krayola, was tut er heute?

Joe Baiza scheint untergetaucht, die UCO-Kollegen Steve Moss und Steve Gaeta machen in Deutschland den „Kool Aid Acid Test“, Saccharine Trust scheinen noch zu spielen, haben vor nun fast zehn Jahren ein sehr schönes Album bei Hazelwood gemacht, und die Mecolodiacs sind wohl schon wieder Geschichte.

Chuck Dukowski überraschte uns mit zwei Alben seines neuen Sextetts, bei dem auch Lynn Johnston spielt. J. Mascis ist Dinosaur jr. – ob er nun unter altem Namen oder mit anderen Begleitern spielt. Und, pardon, das ist gut so. Die Bad Brains haben immerhin doch noch eine gute Platte hingekriegt, aber live scheinen die Tage der Band definitiv gezählt zu sein.

Mark Lanegan verdankt seine Karriere nicht zuletzt auch sst; die damals an seine alte Band Screaming Trees glaubten. Dass er eine Weile eng mit den Queens Of The Stone Age verbandelt war, passt daher ganz gut: Nick Oliveri gab nämlich einst zu Protokoll, dass Mario Lalli und seine Band Fatso Jetson ihn zum Musizieren brachten, damals in Palm Springs. Und Fatso Jetson haben ebenfalls auf sst veröffentlicht – übrigens eine formidable Rock-Band mit reizvollen Beefheart-Anklängen. Im Nachhinein ist dem Manne zu danken für seinen seltsamen Vergleich – wer immer er war…

Meine Lieblingsplatten auf sst?

You’re Living All Over Me – Dinosaur jr.

New Day Rising – Hüsker Dü

I Against I – Bad Brains

Damaged – Black Flag

Double Nickels On The Dime – Minutemen…

Ach, und noch ein ganzer Schwung andere – ich krieg’s nicht reduziert… Wo blieben die Meat Puppets, erstes Album? Wo bliebe Bl’ast!, wo fIREHOSE?, Sonic Youth, Slovenly, Tar Babies, UCO? Nee, da müsst ihr selber durch.

(sst-one)

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„sst has a mixed Legacy“ – Interview mit Chuck Dukowski

Wie lange hast du bei sst gearbeitet, was waren deine Aufgaben?

Chuck: Ich war von Anfang an, also ab 1978, Mitbesitzer von sst-Records und blieb das bis ca. 1990, als ich meinen Teil der Firma verkauft habe. Ich machte alle Arten von Arbeiten, die anfielen, von Bandverträgen aufsetzen bis den Boden putzen

Was hast du musikalisch zwischen UGM 1994 und dem Start des CHUCK DUKOWSKI SEXTET gemacht?

Chuck: 1995 hatte ich einen Autounfall and brach mir meine Hand. Das begleitete mich ein paar Jahre beim Musikmachen-1998 startete ich für meinen guten Freund Phil VanDuyne ein kleines Projekt namens FISHCAMP, das half mir wirklich sehr, meine spielerischen Fähigkeiten nach dem Unfall wiederzuentwickeln.

Wenn 19-Jährige heute ein Label starten wollen, was können sie aus der 30-jährigen Geschichte von sst lernen, im positiven wie im negativen Sinne?

Chuck: Die erste wichtige Sache ist, überhaupt mal anzufangen. Zweitens: Mach weiter. Drittens sollte man an das Label glauben und eher seinen Instinkten vertrauen als irgendwelche Spiele zu spielen. Viertens: Bleib fair und ehrlich. Fünftens: Arbeite dir den Arsch ab.

sst ist wieder zurück mit einer Handvoll neuer Veröffentlichungen und ist von Long Beach nach Texas umgezogen, in eine Kleinstadt in der Nähe von Austin. Hast du irgendwelche Geburtstagswünsche?

Chuck: sst hinterlässt ein gemischtes Vermächtnis, wenn man es so sagen kann. Wir waren wirklich eine „groundbreaking company“ und hatten das Privileg, mit vielen grossartigen und sehr einflussreichen Künstlern und Denkern zusammenzuarbeiten. Unglücklicherweise glaube ich nicht, dass du heute einen einzigen dieser Künstler finden wirst, der nicht etwas Schlechtes über sst zu sagen hätte-Leute wurden nicht bezahlt, es gab Gerichtsverhandlungen.

Es ist eine Schande. Und deshalb hat sst heute nicht mehr den ästhetischen und kulturellen Einfluss, den es einmal hatte. Aber ich bin sehr sehr stolz auf die kreative Rolle, die ich bei Black Flag und sst hatte. Es ist wirklich eine sehr grosse Ehre, dass diese Musik für Leute immer noch wichtig ist und dass ich dabei mithalf, etwas zu kreieren, was eine echte Bedeutung hat.

Bist du noch in Kontakt mit alten Labelleuten, Bandmitgliedern?

Chuck: Klar, ich rede oft mit Henry, wobei er viel reist, und auch mit Bill Stevenson, er war und ist ein hilfreicher Freund. Das Chuck Dukowski Sextet spielte diesen Sommer in Belgien ein Konzert mit den Meat Puppets. Es war grossartig zu sehen, dass sie so gut sind. Wir spielen relativ oft mit Saccharine Trust und manchmal mit Mike Watt.

Ich bin immer noch mit einigen Hinter-den-Kulissen-sst-Leuten befreundet, mit dem Künstler Victor Gastelum, der viele der grossartigen sst-Albumcovers designte (und in letzter Zeit auch welche für Calexico, deren Joey Burns einst auch bei sst arbeitete – Anm. des Korrektors) und Craig Ibarra, auch ein Künstler, der jetzt das „The Rise And Fall“-Magazin herausbringt.

Scheisse, euer CD6-Konzert mit Saccharine Trust in Los Angeles vor drei Wochen habe ich leider verpasst, obwohl ich in der Stadt war, aber es ging irgendwie nicht-Wie war“s?

Chuck: Es war ein lustiges Konzert, es ist immer grossartig, Saccharine zu sehen, und ich denke, dass CD6 an diesem Abend ein gutes Konzert gespielt haben. Ich wünschte, du hättest kommen können.

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„It was a mix of blue collar and bohemia built on the surf culture“ – Joe Carducci

Im Spätsommer 1977 zog ich von Los Angeles nach Portland. Ich hielt es in Hollywood nicht mehr aus, und es war irgendwie sinnlos, dort zu bleiben und meine Drehbuchautor-Karriere weiterzuverfolgen, da ich noch kein guter Schreiber war – damals war ich 22 Jahre alt – und die Filmindustrie war wie eine privilegierte Klasse, völlig abgeschottet von der Aussenwelt. Punkrock aus der Gegend lief mir in meinem Jahr dort auch nicht über den Weg. Aber als ich schnell Teil in der Punkrock-Szene in Portland wurde, erinnerte ich mich daran, wie offen die Radiostationen und Plattenläden in Los Angeles Punk gegenüber waren.

Ich arbeitete bei dem Systematic-Records-Vertrieb, als er noch ein Importplattenladen in Portland mit dem Namen Renaissance war, der sich stark auf deutsche Underground-Bands wie TD, Neu! oder Cluster konzentrierte. Der Laden wurde ein Zentrum für Punk, als diese Platten herauskamen. Bei Renaissance/Systematic begann ich, nach den besten amerikanischen Independent-Veröffentlichungen zu suchen und diese für unseren Laden / Mailorder / Vertrieb anzukaufen. Diese wurden dann im Rough-Trade-Katalog aufgenommen, den wir in den USA vertrieben und promotet haben. Wir nahmen auch noch andere Sachen mit rein, sowas wie die LP der Plastic People Of The Universe, das Slash-Magazine, Reggae etc.

Kurz bevor wir anfingen, ein Plattenlabel zu starten, entschieden wir uns, dahin umzuziehen, wo Rough Trade seine Zelte in Amerika aufschlagen würde. Sie wollten entweder nach San Francisco oder nach Austin, Texas, ich schlug Los Angeles als besseren Platz vor, aber keiner wollte dort leben! Also zogen wir in die Nähe von San Francisco, nach Berkeley. Wir knüpften von dort aus weiter unser Netzwerk mit Plattenläden in den USA und starteten unser Label Optional Music mit Veröffentlichungen der Dead Kennedys, Pink Section, Negativland und Voice Farm. Keine dieser Bands – mit Ausnahme der DK, die schon vor Black Flag ein wenig tourten – sind je viel auf Tour gewesen. Als die Aktivitäten von Option etwas einschliefen, starteten ein Freund und ich das Label Thermidor, und wir haben eine Menge guter Veröffentlichungen gemacht: Ono, Oil Tasters, Toiling Midgets, etc. Aber wieder sind diese Bands nicht auf Tour gegangen.

Ich wollte wieder mit dem Schreiben beginnen und zurück nach Los Angeles, deshalb dachte ich darüber nach, wie ich einen Job in der dortigen Musikindustrie finden könnte. Es waren vier Jahre seit meinem letzten Aufenthalt in L.A. vergangen. Ich wurde auf Black Flag aufmerksam, weil sie eine der zielorientiertesten und open-minded Bands waren, mit denen ich je zusammengearbeitet habe.

Seit den 80er hatte ich von ihnen sst Releases für unseren Vertrieb gekauft, und ich sah sie in dem Film „Decline of Western Civilization“. Dann trafen wir uns, ich zeigte ihnen Systematic und sah sie live auf einem Konzert im Februar 1981. Was für ein Gig! Black Flag und Flipper spielten in dem winzigen Keller des scheiss Studentenwohnheims der Uni von Berkeley namens Barrington Hall-Eine Schwitzhütte mit einer vier Zoll hohen Bühne! Black Flag waren gerade auf Tour an der Ostküste gewesen und sahen, dass wann immer ein Plattenladen ihre Scheiben verkaufte, sie diese von Systematic bekamen.

Als sie sich Systematic anschauten, fragte ich Chuck, ob er schon die Dicks-Single gehört hatte, eine ihrer besten Veröffentlichungen, und es stellte sich heraus, dass Chuck und ich auf der selben Wellenlänge waren. Bei einem Konzert von Black Flag in Chicago im Juli 1981, wo sie Henry Rollins mitbrachten, bot ich ihnen an, nach LA zu kommen und im sst- Büro zu arbeiten. So konnte ich nach LA zurückkehren und mein Musikinteresse vertiefen, weil ich näher an den Musikern dran war. Und ich wusste, dass um Black Flag herum Sachen passierten.

Deshalb dachte ich, da passiert was, kulturell und politisch, das wird keine Zeitverschwendung sein. Sie brauchten jemanden, der sich um das Labelgeschäft kümmerte, wenn sie alle – plus Spot und Mugger – in den Van sprangen, um teilweise wochenlang auf Tour zu sein. Sie spielten so viele Auftritte, wie sie konnten, und mit mir im Büro und mit Henry als neuem Sänger konnten sie im Rahmen der „Damaged“-Veröffentlichung viel längere Touren machen. Klar, alles war eine viel grössere Erfahrung, als ich mir das jemals vorstellen konnte.

Dieser Stil und die Politik von Bands aus dem Süden von Los Angeles wie Black Flag, Minutemen, Descendents, Saccharine Trust, Saint Vitus, Overkill, Red Cross, Secret Hate etc., das war völlig frei von Angst. Es war ein Mix aus Arbeiterklasse und Boheme auf dem Fundament der Surfkultur. Diesen Mix gab es nirgendwo anders auf der Welt, zumindest hatte ich keinen gesehen. Und weil diese Musiker und Bands sich gegenseitig kannten und miteinander Konzerte spielten und sich die Konzerte der anderen anschauten und zusammen wieder andere Konzerte besuchten, gab es sehr schnell Fortschritte in Sachen Musik schreiben, live spielen und die Bandaussagen zu entwickeln.

Spot war Teil der Black-Flag-Crew, und deshalb konnten sie in feindliche Gebiete gehen wie Aufnahmestudios oder Rockclubs und dort ihren Sound direkt spielen. Damals gab es in vielen Clubs und Studios eine feindliche Haltung gegenüber allem, was mit Punk zu tun hatte, und Studioleute ruinierten aus Absicht oder Unwissenheit den Sound von Band total.

Black Flag trafen überall auf Leute, die gerade überall im Land Bands gründeten, deshalb lernten die Leute von sst viele Bands wie die Meat Puppets, Hüsker Dü, Bad Brains, Butthole Surfers, die Dicks, Angst, Minor Threat etc. kennen, wenn diese in der Stadt waren, und viele von ihnen veröffentlichen dann auf dem Label.

In meiner sst-Zeit lernte ich unglaublich viel über Musik, wie diese gemacht und vermarktet wird-Es war ein perfektes Labor für mich, meine Nebenkarriere in Musik zu komplettieren.

Die Zeit, die ich mit Greg Ginn oder seinem Bruder Raymond Pettibon verbracht habe, war ein Genuss und wirklich reiner Profit für mich selber. Genauso wie die Arbeit mit all den Bands und natürlich der sst-Crew: Mugger, Spot, Davo Claasen, Naomi Petersen, Jordan Schwartz, Jeannine Garfias, Ray Farrell, Tom Troccoli, Kara Nicks, Linda Trudnich, Mike Whittaker und die Leute, die nach mir gekommen sind, bestimmt auch, ich bin da echt verwöhnt worden-Ich habe nie wieder eine Gruppe von Menschen getroffen, die so entschieden war, etwas auf die Beine zu stellen. Als ich kürzlich das Buch „Enter Naomi-schrieb, wurde mir wieder bewusst, wie rar das alles war. I`m not sure the kids are alright anymore.

Die ganze Punk-ära von 1975 bis 1985 wurde unterdrückt von einem kleinen Klüngel Spät-60er-Charaktere, die es geschafft habe, ihren Underground in ein grosses Geschäft zu verwandeln. So konnten sich einige wenige Supergruppen als Geschäftsleute verhalten und geile Bands wie The Stooges aus dem Radio und der Presse verbannen. Ich schrieb „Rock And The Pop Narcotic-nur aus dem Grunde, damit diese ära und diese grossartigen Bands in der Rock’n’Roll-Geschichte nicht vergessen werden, das machte zu der Zeit kein einziger Musikschreiber.

Und ich habe immer noch nichts dagegen, diese Geschichte jedem, der daran interessiert ist, wieder zu erzählen. Es juckt mich nicht, aber all die grossartigen Bands der damaligen Zeit wurden abgezockt von den Eagles, Fleetwood Mac, Boston, Jan Wenner, Lee Abrams und einigen wenigen anderen Rekruten und Chefs der Rock and Roll Hall of Fame.

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„30 Years. Power comes in threes!“ – Interview mit Ray Farrell

Du hast von 1985 bis 1988 bei sst gearbeitet, kannst du dich an die Anzahl der beim Label Beschäftigten erinnern? Fühlte es sich damals wie ein „Kollektiv“ an, also in dem Sinne, dass die Leute auch nach der Arbeit zusammen etwas unternommen haben etc.?

Ray: Als ich bei sst anfing, gab es dort nur drei Leute im Büro, Joe, Mugger und Janie. Mike Watt kam ein paar Mal die Woche rein, er hatte den Spitznamen „Spaceman“ – er kümmerte sich um die Einzelhandel-Bemusterung. D. Boon kam vorbei, um Plattenboxen in das Büro zu tragen. Chuck und Greg waren an einem separaten Ort bei „Global Booking“, dort kümmerten sie sich um all die Touren. Das Label ist schnell gewachsen.

1986 und 1987 sind wir zweimal umgezogen, und 1987 arbeiteten sst und Global Booking unter einem Dach. An dem Punkt, denke ich, waren wir so um die 10 bis 12 Leute. Es war kein Kollektiv im sozialistischen Sinne, also in dem Sinne, dass wir alle gleich waren. Wir wussten, für wenn wir arbeiteten. Aber wir waren alle sehr stolz, dort zu sein. Es war vielleicht eher das Gefühl eines Kollektivs, weil wir alle zusammen, ausserhalb des Mainstream, für ein wirklich stilbildendes Label gearbeitet haben. Und wir liebten unsere Jobs. Arbeit überschnitt sich mit dem Privatleben, und es gab immer eine Menge Gigs in der Stadt. Du konntest dein soziales Leben total locker rund um die lokalen sst-Konzerte planen, und wir mussten dort nie Eintritt zahlen.

Was waren deine Aufgaben bei sst?

Ray: Ich war für die Promotion national und regional verantwortlich. Die USA sind ein grosses Land, und einige sst-Bands waren viel auf Tour, besonders Black Flag und Minutemen. Es gab ein öko-System aus Fanzines, Indie-Plattenläden, regionalen Zeitungen, Clubs, College Radio and Video-Shows. Es existierte eine grosse Kameradschaft zwischen sst, den lokalen Bands und den Fans in vielen Gegenden. Es war schwer zu sagen, wie gross dieser Einfluss auf die Plattenverkäufe war. Das Ziel war, die Leute zu den Konzerten zu bewegen, was dann wiederum mehr Plattenverkäufe bedeutete.

Konzerte liefen gut, einfach weil die Leute etwas tun wollen oder sst-Bands in tertiären Märkten in einer Stadt das sein konnten, was Watt „Hahdcaw band of the month-(tja, was das heisst? Wir tippen auf Hardcore Anm. d. Korr.) nennen würde. Meine Aufgabe war es, all diese Elemente zu verbinden. Und in dieser Zeit gab es eine kleine Gruppe kommerzieller Radiostationen, die neue spezielle Musikshows hatten. MTV gründete die Sendung „120 Minutes“ für neue aufregende Bands. Ich bekam viele Ausschnitte aus dieser Sendung für unsere Videos.

Du schriebst mir, dass du verstärkt mit Bands wie Minutemen, Meat Puppets, Slovenly, Opal gearbeitet hast. Bist du mit denen noch in Kontakt?

Ray: Ich bin vor einigen Jahren aus Südkalifornien nach New York umgezogen, deshalb bin ich nicht mehr so auf dem Laufenden. Ich schreibe immer noch mit Mike Watt, Sonic Youth und den Pell-Mell-Leuten. Vor kurzem habe ich einige Zeit mit den Meat Puppets in New York verbracht. Opal war für viele Jahre keine echte Band und entwickelte sich zu Mazzy Star. Ich kannte Kendra schon, als sie noch Studentin an der Uni in Davis, Kalifornien, war, lange bevor sich Dream Syndicate gründeten. Seit einigen Jahren bin ich wieder stärker mit einigen Leuten in Kontakt, das ergab sich bei der Premiere der Minutemen-Dokumentation in San Pedro und bei einem Event an der UCLA – Uni Los Angeles -, das Sonic Youth kuratierten.

Du hast die instrumentalen Bands für sst ausfindig gemacht wie Blind Idiot God, Pell Mell, Negativland. Als dieser Trubel mit sst-Negativland-U2 Anfang der 90er begann, fühltest du dich da scheisse oder so, weil du ja Negativland zu sst brachtest?

Ray: Jedem Künstler bei sst wurde ein Labelvertrag angeboten. Wenn sie diesen gelesen hätten, dann hätten sie ihre Pflichten in Hinsicht auf den Gebrauch von urheberrechtlich geschütztem Material verstanden. 1987 und 1988 veröffentlichte sst eine Menge Platten. Ich kann mir vorstellen, dass einige Bands sich irgendwie verloren in diesem Riesenoutput fühlten, aber das kann bei jedem Label passieren.

Du hast sst 1989 verlassen, um bei Blast First weiterhin mit Sonic Youth zu arbeiten, und bist dann zu Geffen Records gegangen-Wie lange warst du bei Geffen?

Ray: Von 1989 bis 1999.

Du warst ja auch in der Gründungsmannschaft des „Maximum Rock’n’Roll“. Wann und warum hast du dort aufgehört?

Ray: Ich war eines der frühen Mitglieder der MRR-Radio-Show, lange vor dem Heft. Mit dem Heft hatte ich nichts zu tun ausser Platten zu besprechen und meine Top-Ten-Liste einzureichen. Ich habe MRR 1983 verlassen, weil ich auf der gleichen Radiostation meine eigene Show bekommen hatte. Es war sehr schwierig, da eine Show zu bekommen. Tim Yohannon hatte mich für diese Stelle empfohlen. Powerful wattage – 100 000 Watt.

Ich habe eine breiten Musikgeschmack und wollte eine Möglichkeit haben, wo ich meine Vorlieben für experimentelle Musik, Industrial und Punk oder was auch immer miteinander verbinden konnte. Ich hatte Zugang zu allen möglichen obskursten Platten. Ich ersetzte eine New-Age-Show namens „Night Sky“ (weil sie ab Mitternacht begann). Ich änderte den Namen um in „No More Mr. Night Sky-und später in „Assasinatin` Rhythm“. Negativlands „Over The Edge-kam nach meinen Programm. Ich kannte Mark Hosler sehr gut, und Don Joyce war ein brillanter DJ in einer College-Station namens KALX. Ich blieb mit Yohannon auch während meiner sst-Zeit in Kontakt. Er war der erste, der mir von Blind Idiot God erzählte, und die schlug ich dann ich Greg vor.

Wenn du auf sst zurückschaust und die Tatsache berücksichtigst, dass es das Label immer noch gibt, denkst du, dass sst irgendeine Relevanz hat?

Ray: Natürlich. Ich bin glücklich, dass viele Leute über Black Flag, Minutemen oder egal wen zu sst finden. Ich hatte eine echte emotionale Erfahrung vor einigen Jahren in Long Beach, Kalifornien, bei dem „All Tomorrows Parties“-Festival: Mike Watt und George Hurley spielten ein Set von Minutemen-Songs, das war, als ob D. Boon mit ihnen auf der Bühne stand. Ich konnte mich an alle Songtexte erinnern, und eine Menge Kids im Publikum sangen mit. Sie waren zu jung, um die Band live gesehen zu haben, aber sie kannten jedes Wort auswendig!

Über die Jahre hinweg habe ich Musiker wie Steve Earle und Jose Gonzalez getroffen, die zumindest eine Zeitlang voll auf sst oder eine der Bands abgefahren sind. Kürzlich las ich, dass die Band No Age ihren Namen von der sst-Kompilation hat.

Ich habe eben die Linernotes für einen „Smalltown Superjazz“-Sampler namens „The Blasting Concept“ geschrieben, der deshalb so heisst, weil der Besitzer totaler Fan der ersten „Blasting Concept“-Kompilation auf sst war. Ich weiss nicht, wie aktiv Greg Ginn heute abgesehen von seiner eigenen Musik mit sst ist. Aber es war sehr oft so, dass die Auftritte viel wichtiger als die Platten waren. Die Platten und CDs sind mehr als eine Art Dokumente zu sehen. Ginn ist ein Wahnsinns-Gitarrist. Ich hörte, dass er mit seiner neuen Band tourt, und das ist grossartig.

Stell dir vor, junge Hüpfer kommen zu dir und fragen dich nach deinen Ratschlägen, wie es ist, bei einem Label zu arbeiten, weil du ja bei „dem“ Label der 80er gearbeitet hast – was würdest du ihnen antworten?

Ray: Ich denke nicht, dass die ära, aus der ein Label kommt, wichtig ist. Es gab Independent Labels seit dem Zeitpunkt, als der Zylinder das Medium für das Musikhören wurde. Die wichtigste Sache ist DIY. Joakim Haugland, der Besitzer von Smalltown Superland, startete sein Label, als er 15 Jahre alt war.

Für einige ist die Musik die Motivation, für andere ist es das Geschäft oder der Kick, alles, was sie über soziale Netzwerke wissen im Internet für etwas Gutes zu benutzen. DIY ist heute viel wichtiger als jemals zuvor. Jeder kann ein digitales Label fast ohne finanzielle Investitionen starten. Arbeite für egal was für ein Label und du wirst verstehen, was die Abläufe sind. Du musst noch nichtmal deren Musik mögen, um den Job zu machen. Aber was du für Erkenntnisse und Erfahrungen dort sammeln kannst, das kann sehr gut sein.

Es gibt ja den Satz „Traue keinem über 30“. Ich bin sicher, einige alte Bands würden sagen „Traue sst nie, egal welches Alter“, was denkst du über die Anschuldigungen alter sst-Bands gegenüber dem Label?

Ray: Wow! Diesen Satz mit „Traue keinem über 30“ habe ich ja das letzte Mal gehört, als ich 11 Jahre alt. Okay, jetzt traue ich keinem mehr unter 30, kleiner Scherz. Ich weiss wirklich nicht viel über die Anschuldigungen. Vielleicht wurden einige Bands nicht bezahlt, wer weiss. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass der Grossteil des Backkatalogs vergriffen ist.

Hast du einen Geburtstagsgruss?

Ray: 30 years. Power comes in threes!

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„A couple of truly righteous and insane folks polluting the minds of thousands of kids around the world“- Interview mit Michael Whittaker

Du warst von 1984 bis 1987 beim Label-wie kamst du zu sst?

Michael: Greg Ginn und Chuck Dukowski von der „Global Booking“-Abteilung von sst wollten, dass ich mitmache, um Mike Watt zu ersetzten und die Musik-Business-Tendenzen von Ray Farrell – der damalige Radio- und Presse-Mensch – abzufedern. Watt hat in den paar Wochen, in denen die Minutemen nicht auf Tour waren, die Läden angerufen, um sicherzustellen, dass sie unseren Platten etwas Platz einräumten, deshalb sein Spitzname „Spaceman“.

In genau der selben Art und Weise, wie Ginn im Stande war, die echten wilden Männer zu entdecken, kam ich zum Label und hatte keine Probleme, meine Identität der von „Spaceman“ anzugleichen, die ich dann für einige Jahre auch ausfüllte.

Was machst du heute?

Michael: Ich bin Bibliothekar in Portland, Maine, wo ist jeden Tag die Hirne vieler junger Kinder verdrehe. In der Tat ist es die „Goodbye Mr. Chips“-Phase meines Lebens, wo es immer heisst: „Sie, Sir, haben mich die Anarchie gelehrt“ (Er bezieht sich hier auf einen Film über die Entwicklung eines Lehrers – Anm. d. Korr.)

Was hast du bei sst gemacht?

Michael: Nun, wie ich sagte, ich habe den den Einzelhandels-Promo-Scheiss gemacht. Dann, als Carducci gegangen ist und Farrell sich mehr auf das „Mersh“-Radio konzentrieren wollte, übernahm ich all den Presse-Kran und wurde de facto irgendwie die schriftliche Stimme des Labels, da ich den meisten schriftlichen Kram für unseren Katalog oder für Conventions verfasst habe.

Wie viele Leute arbeiteten beim Label in den „Heydays“, so 30?

Michael: Was? Bist du high? Das ist genau das, was die Leute nicht verstehen. In den „Heydays“ von sst gab es wirklich nur ganz wenige echte gesetzlose und verrückte Leute, die die Gehirne von tausenden von Kids weltweit verschmutzt haben. Da war Mugger, der sicherstellte, dass wir unser Gehalt bekamen, der schon erwähnte Farrell, der die Promo machte, Jeanine für den Mailorder, Ford kümmerte sich um die Produktionen und den Art Shit, während Carducci den philosophischen Leim lieferte, der die rauflustige Vergangenheit mit der aufstrebenden Zukunft verband, Trudnich (so ein wirklich zauberhaftes alkoholgetränktes Rock-Huhn – leider verstorben – kann echt nur aus dem südkalifornischen-Punk-Schmelztiegel kommen) und ich. Später wuchs die Zahl der Leute bei sst. Als ich dort aufhörte, waren es – glaube ich – 17 Leute.

Denkst du oft an deine Zeit dort zurück, oder erscheint es – nicht nur weil es 20 Jahre her ist – als etwas völlig Bizarres, Unwirkliches?

Michael: Ich denke daran, wenn mich irgendwas daran erinnert, was fast jeden Tag ist. Worüber ich oft nachdenke, ist die Sache, wie vorausschauend Greg Ginn war. Wenn es eine Sache gibt, die durch die ganze Wäsche bei sst herauskommen sollte, zumindest hoffe ich das, ist die Tatsache, dass Greg Ginn der einzig echte Prophet, das wirkliche Genie ist, dass die ganze Alternativ- und Punkgeschichte hervorgebracht hat.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr der Typ mir geholfen hat, meine Gedanken zu formen, und mir die Möglichkeit gab (und wirklich auch jedem anderen, mit dem Greg in Kontakt kam und der nicht bescheuert war), wirklich revolutionär sowohl in Gedanken als auch in der Praxis zu sein.

sst wurde beschuldigt, einige Bands nicht augezahlt zu haben, das ist ein Teil der Geschichte. Der andere Teil ist dieser geile und wahnwitzige Musikausstoss und der dritte Teil ist das totale Verschwinden in den 90ern. Das Bild der Labelgeschichte ist also alles andere als linear und klar, sondern schwierig. Was sollte aus deiner Sicht überleben von sst? Was hoffst du, was überlebt?

Michael: sst konnte nur in dieser speziellen Zeit und an diesem speziellen Ort existieren. Dass keine Tantiemen gezahlt worden sein sollen, ist meiner Meinung nach eine totale Falschmeldung und war eher ein legales Konstrukt, das von Anwälten ersonnen wurde, um mehr Stunden berechnen zu können. Ohne sst würden diese Bands, die Hüskers, die Pups etc. Wo wären diese Bands, ohne die harte Arbeit des Labels? Sie wurden undankbare Personen ohne ein Fünkchen Integrität, als sie bei den Major-Anwälten unterschrieben haben.

Die einzige Ausnahme, an die ich mich erinnern kann, waren Sonic Youth, und ihr Streit hatte mehr damit zu tun, die Tantiemenfrage als Hebel zu benutzen, um die Kontrolle über ihre Masterbänder zu bekommen, um sie für einen hübschen Haufen Geld an Geffen verkaufen zu können. Die Geschichte von sst war eine echte Kommunen-Erfahrung, das sollte präsent bleiben. Als alle (Bands und Labelleute) die Welt verändern wollten und das Majorlabel-System zerstören wollten, das war die groovige Zeit bei sst. Es wurde scheisse, als es sich in einen Haufen Indie-Streber verwandelte, die im Revolutionsbecken strampelten, bis sie um 1987, 1988 Geld bei einem Majorlabel verdienen konnten.

Was waren damals deine sst-Lieblingsbands, was sind sie heute?

Michael: Ehrlich gesagt: Ich liebe sie alle. Ich bin der Meinung, dass es nichts Geileres auf der Welt gibt als Leute, die Musik machen. Ich muss jedoch gestehen, dass ich ein grosser Fan von Saccharine Trust, Nig-Heist und Slovenly bin – und natürlich von der unglaublichsten Band aller Zeiten, Black Flag.

Von wem kam eigentlich das Logo, oder war es einfach nur die übernahme von Gregs Electronik-Laden?

Michael: Ginn war und wird für immer der Meister des revolutionären Images sein. Lass mich einfach meinen grössten „Ginn-Moment“ erzählen: Ich musste ihn was fragen und fand ihn in dem komischen Raum bei sst, wo wir TV schauten. Ginn sass da, Beine auf dem Tisch und übte Gitarre über Kopfhörer, rauchte eine Tüte und sah sich die LA Lakers an, und ohne den Rhythmus zu verpassen sah er mich an und sagte „Nicht jetzt. Schick zwölf am Dienstag raus.“ Unnötig zu sagen, dass das genau die exakte Antwort auf die Frage war, die zu stellen ich gar nicht die Möglichkeit hatte.

US-Punk wird oft als eine Jugendkulturbewegung beschrieben, gestartet von Kids in den späten 70er und frühen 80er Jahren, weil die sich in Vororten zu Tode langweilten. Das stimmt sicher für einige Bands, denke ich, Minor Threat z.B., aber Greg war ja 1978 schon 30 Jahre alt, vielleicht kommt daher diese musikalische Stilvielfalt von all den wundervollen Bands, die unter dem Logo sst liefen, aber doch so unterschiedlich waren, wie Bl’ast, Minutemen, Descendents-Denkst du, das könnte daher kommen, weil die Label-Leute von sst einfach ein wenig älter waren und daher sehen konnten, welche Bands den alten Hippie-Geist mit der neuen und frischen Punk-Kultur verbinden konnten?

Michael: Es war wahrhaftig das, was man nie begreifen kann. Stell dir die alten Zusammenkünfte der Weathermen vor, gemischt mit dem puren Rock-Destillat von tausend schlampiger Typen und als Ferment ein Schlagstock über einem Kopf. Das was Greg und sst anboten, war nichts Neues, es war die Möglichkeit, sich den Arsch für etwas, was du liebst, abzuarbeiten.

Es bot denen Freiheit, die sie brauchten, und Struktur denen, die ohne eine solche wertlos waren. Es gab keinen „Hippie-Geist“ oder „Spirit“. Das war 60er-Bullshit. Die wahre „Essenz“ der Sechziger waren 14-jährige Mädchen auf Speed, die für widerliche alte Säcke in der Haight die Beine breitmachten. sst hatte immer mehr mit den 70ern als mit den 60ern zu tun. Es war ein Desillusionierungstrip, der durch die Power von „Rawk“ für alle cool wurde.

Meine Erfahrungen als Praktikant bei Punk-Plattenlabels waren immer eine „augenöffnende“ Sache-Ich hatte immer eine Art Kollektiv erwartet, und es war immer einfach „nur“ Business. sst hatte ich mir immer so vorgestellt, dass es natürlich auch eine Firma war, die Geld verdient, aber noch etwas drüber hinaus, etwas mehr als nur Angestellte, die zur Arbeit kommen, ihre acht Stunden runterreissen und nach Hause in ihre Appartements gehen

Michael: Es war kein echtes Business, jedenfalls nicht, so lange ich da war. Wie ich schon erwähnte: Ich sollte im Auftrag von Greg und Chuck der Gegenpart zu der aufkommenden Business-Mentalität von Carduccis Protégé Farrell sein. Wenn Carducci geblieben wäre, hätte er sowas gedeckelt, aber er ging und die aufstrebende Partei der „professioneln Plattenfirmen“-Typen ruinierte diese gute Sache.

***

„Ethics are ethics and can transcend trends and Technologies“ – Interview mit Mike Watt

30 Jahre sst-Records dieses Jahr, und sie sind zurück und leben wieder-Was denkst du, wenn du dir diese Entwicklung anschaust?

Mike: Ich denke, dass sst ein grossartiges Label war, das sehr unterschiedliche Musik herausbrachte – es gab nicht „den“ sst-Sound – und niemals versuchte, seine Bands zu kontrollieren. Ich war sehr stolz, ein Teil einer der wichtigsten und grossartigsten Ideen von Punk zu sein: Autonomie und Ausdruck durch Forschung.

Hast du mal für sst gearbeitet?

Mike: Ja, zwei Mal. Das erste Mal 1981, als ich half, Bauteile für Gregs Radioantennen-Tuner zusammenzulöten (daher auch der Name sst: Solid State Transmitters), bevor es ein Plattenlabel war. Ausserdem rief ich Radiostationen an, damit sst-Bands gespielt werden. Das zweite Mal war 1985, da half ich Carducci und Mugger bei den Bestellungen und der Promo.

In dem Film „American Hardcore“ wurde von Ian McKaye beschrieben, wie schockiert die Leute waren, als sst die Minutemen Single als # 002 nach Black Flag herausbrachte, kannst du dich an die harschen Reaktionen erinnern?

Mike: Die Leute wunderten sich über die Platte, und viele mochten sie. An harsche Reaktionen erinnere ich mich nicht mehr, jedenfalls nicht der Platte gegenüber. Bei Konzerten war das etwas anders!

Glaubst du, dass es Zufall war, dass sich zwei hart arbeitende Menschen/Bands/Projekte wie sst mit ihrem strikten Arbeitsethos und die Minutemen mit ihrer „We jam econo“- und „If you don`t plan, you pay“- Attitüde getroffen haben, oder war euer Ethos als hart arbeitende Band eine Reaktion, weil ihr die Arbeitsweise von sst gesehen hattet?

Mike: sst hatte einen unglaublich grossen Einfluss auf uns. Ihretwegen haben wir sogar unser eigenes Label gestartet, New Alliance Records. Wir Minutemen waren Leute mit Arbeiter-Hintergrund, und wir fanden viel Gemeinsamkeiten in der DIY-Ethik sowohl von Black Flag als auch von sst als Label.

Lebst du noch in San Pedro? Ich war vor einigen Wochen dort und habe das Grab von Charles Bukowski im Green Hills Memorial Park besucht, von dort hatte man einen wunderschönen Blick auf den Hafen von San Pedro.

Mike: Ja, ich lebe immer noch in Pedro. Ich kam vor 40 Jahren aus Virginia hierher. Ich lebte zuerst in diesem Navy-Wohnhaus gegenüber der Strasse von dem Friedhof, den du besucht hast. D. Boon ist auch dort begraben.

Denkst du, Leute in Bands und Labels in diesem digitalem Zeitalter der „Wenn du es willst, musst du nur zwei Klicks machen“- Mentalität können was von sst und der Minutemen-Attitude lernen?

Mike: Ja! Die Herangehensweise hat sich nicht verändert, nur die Liefer- und Kommunikationswege. Webseiten sind die neuen Fanzines! Emails zu schicken, um eine Tour zu buchen, ist die moderne Version von Chuck Dukowskis Telefonbuch! Wir lernten eine Menge von Woody Guthrie, aber er war nicht aus unserer Zeit-Ethos ist Ethos und kann Trends und Technologien transzendieren.

Wir war dein Konzert mit den Stooges in Berlin dieses Jahr?

Mike: Das war ein toller Auftritt, hast du meine Tourberichte gelesen? http://hootpage.com/hoot stoogestourdiary2008a.html

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„Thirty years blasting concept, you blastards. Ha.“ – Interview Mike Neider (Gitarrist von BL`AST)

Mike, BL`AST waren eine ziemlich unglaubliche Band, habt ihr seit der Reunion in Santa Cruz 2001 wieder Konzerte gespielt ? Wie lief die Reunion ab, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass wir BL`AST in Europa zu sehen bekommen?

Mike: Ah, vielen Dank! Nein, seit der 2001er Reunion haben wir keine Shows mehr gespielt. Diese Tour bestand lediglich aus ein paar Gigs, für die wir wieder zusammen waren. Wir schrieben sogar ein paar neue Songs dafür und spielten ausserdem das meiste vom Material unserer bisherigen Platten. Alle ursprünglichen Bandmitglieder haben andere musikalische Projekte, und wenn wir mal zusammen abhängen, kommt in Gesprächen immer wieder das Thema auf, endlich mal übersee zu spielen. Unglücklicherweise haben wir das früher nicht realisieren können.

Kannst Du Dich daran erinnern, wie es zu der Verbindung von BL’AST! mit sst Records kam?

Mike: Na ja, ich habe Black Flag 1979 zum ersten Mal gesehen, zu dieser Zeit bestand das Line-up aus Chuck, Greg, Dez & Robo, wobei ich sagen muss, dass dies bis heute meine favorisierte Black Flag-Besetzung bleibt. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie grossartig das war – nichts, keine Band hat sich zu dieser Zeit so erbarmungslos heftig angehört. Im wahrsten Sinne des Wortes mein überhaupt grösster Einfluss. Wir (also BL’AST! und sämtliche Freunde) besuchten fast jede Black Flag Show, so dass wir uns früher oder später über die Jahre mit ihnen anfreundeten. Als es mit BL’AST! richtig losging, das muss so um 1982/1983 gewesen sein, kam Chuck (Dukowski) in L.A. zu einer unserer Shows, um sich ein Bild von uns zu machen, was ihm wohl so gefiel, dass er ziemlich abrockte…

Also spielten wir dementsprechend öfter in der Gegend in und um L.A. Wir besuchten das sst Office, hingen mit Chuck, Greg und all den anderen sst Angestellten rum, woraus sich logischerweise dann mehr gemeinsame Shows mit Black Flag ergaben. Als unser Plattenlabel Greenworld Records den Bach herunterging, wurden wir für eine Show mit den Bad Brains und Gone gebucht. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die „Its in my blood“ Tunes bereits auf einem Ghettoblaster aufgenommen, sassen irgendwann mit Greg im Tourbus und spielten ihm die Songs vor. Er war begeistert, wollte das Ganze dann unbedingt noch Chuck vorspielen. Kurz darauf erhielten wir ein Telefonanruf von den beiden, wir sollten das Ding aufnehmen und es würde anschliessend auf sst erscheinen. Coole Sache!

Viele Leute müssen Euch bestätigt haben, dass Power Of Expression eine grandiose Platte ist ? Habe sie mir heute wieder mal angehört und es wundert mich immer noch, was für eine tighte und intensive Platte das ist… scheinbar gibt es wohl auch Bands wie ANNIHILATION TIME, die das Ganze genauso sehen, hehe.

Mike: Haha, klar, wir versuchten im buchstäblichen Sinne genau das zu sein, was man unter einem BL’AST! versteht, speziell während der Aufnahme von Power of…! Jedes BL’AST! Album sollte auf seine Art und Weise eine durchweg ROCKENDE Platte werden. Aber wir hatten während der Aufnahme von Power of.. absolut null Kohle, waren völlig pleite und mussten sie insgesamt dreimal neu aufnehmen, im Grunde blieb uns überhaupt keine Zeit im Studio… haha, ich glaube, bei der dritten Session war es ein Wunder, dass überhaupt etwas zu Stande kam…

Was waren denn eure Erfahrungen mit sst? Einige Bands sagen ja, dass teilweise weder Vergütungen gezahlt noch Verträge eingehalten wurden…

Mike: Nun, wir haben eigentlich nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht, schliesslich hatten wir ja, wie anfangs bemerkt, ein besonders persönliches Verhältnis zu sst, waren oft zu Gast in Chuck’s Haus, hingen mit ihnen ab, es gab immer jede Menge Spass dort. Die haben uns immer sehr gut behandelt, ob das nun die sst – Gigs waren oder ihre – ähem – Barbecues. überhaupt waren auf dem Label ja eine Menge prominenter und unglaublicher Bands, wir haben uns nicht um das Gerede gekümmert und mit BL’AST! die Dinge so sein gelassen, wie sie waren.

Hast Du noch ein paar spezielle Worte zum dreissigsten Geburtstag von sst dieses Jahr parat?

Mike: Dreissig Jahre Blasting Concept, ihr BL’ASTards, haha. Naomi Peterson – sst Fotografin und Freundin – ruled, R.I.P. (Anmerkung Jan: sie verstarb 2003).

***

„Fest steht hingegen, dass sst eine ganze Generation geprägt hat und dass die heutige Indie-Musik ohne das Label nicht vorstellbar wäre.“ – Gordon (Hazelwood Vinyl Plastics)

Als wir Hazelwood Vinyl Plastics Anfang der Neunziger Jahre in Frankfurt gründeten, waren die Hochzeiten von sst bereits Geschichte. Die Einflüsse auf unser eigenes Label sind und waren also eher indirekter Natur und reichen zurück in die Achtziger Jahre.

Damals arbeitete ich als DJ in meiner Heimatstadt Duisburg. Das waren wilde Jahre. Man tat das Nötigste um irgendwie durch’s Abi zu kommen, ansonsten bestand der Alltag aus Musik, Drogen und Dosenravioli. Die Platten und den Stoff finanzierte ich durch’s Auflegen. Neben meinem Dealer gab es genau zwei wichtige Bezugsquellen, die mir halfen meinen Alltag zu gestalten: Die 24-Stunden-Tanke und das Garageland, einen winzigen aber unfassbar gut sortierten Plattenladen in Duisburg Neudorf. Freaks und Pillendreher aus dem gesamten Ruhrgebiet drängten sich auf dreissig Quadratmetern und stritten sich um die 3 Kopfhörer-Stationen.

Da die Hälfte des Angebotes aus US-Importen bestand, hatten Garageland-Kunden die relevanten Scheiben grundsätzlich lange bevor sie in der deutschen Musikpresse besprochen wurden. Man forschte also in totaler Unkenntnis der Materie und verliess sich auf die eigenen Höreindrücke, die Cover-Gestaltung (am liebsten von oder mit Raymond Pettibone) und mehr und mehr auf die Labels, die als Orientierungshilfe sukzessive in den Vordergrund traten.

So um 1984 herum fiel mir auf, dass ich quasi jede Scheibe, die das Logo sst führte, blind kaufen konnte. Irgendwie kam mit wenigen Ausnahmen alles, was gut war, daher oder von einem der sst-Ableger, Cruz oder Alliance. Black Flag, Meat Puppets, Hüsker Dü, Sonic Youth, Dinosaur, Descendents / All, Saccharine Trust, Universal Congress Of (und und und) – und natürlich meine All-Time- Favorites Minutemen, die nach D. Boon’s tragischem Autounfall und dem Einstieg von Ed („Hello, I’m Ed from Ohio!“) dann später zu Firehose mutierten.

Die Dichte und vor allem musikalische Breite relevanter Bands mit der Schnittstelle sst, deren künstlerischer und personeller Austausch und nicht zuletzt die Bessere-Welt-Träumereien der eigenen radikal hormongesteuerten Jugend liessen zwangsläufig ein idealisiertes Bild vom überlabel reifen, das zumindest aus der Distanz an Warhols Factory erinnerte. Der Kauf von sst-Erzeugnissen mutierte zur rituellen Handlung, das Auflegen der Platten als DJ (zumal als erster) zum missionarischen Auftrag und das Bekenntnis zu den Tonträgern zum Glaubensbekenntnis. Dass dabei das ein oder andere eher mittelmässige Album schön gehört wurde, ist wahrscheinlich und die Schattenseite eines jeden Hypes.

Aber was kann ein Label mehr erreichen?! Dass zumindest aus Sicht der Bands längst nicht alles Gold war, was da glänzte und die Artist Community viel gespaltener war, als aus der Distanz vermutet, erfuhr ich erst viel später, etwa von Joe Baiza, Jack Brewer, Mike Watt oder anderen, mit denen wir im Laufe der Jahre zusammenarbeiteten.

Als wir Anfang der Neunziger unser eigenes Label gründeten, gehörte sst, oder vielmehr die idealisierte Idee von dem, was sst war, neben Alternative Tentacles, ganz sicher zu den Ikonen, denen es nachzueifern galt.

Wir sind nicht so vermessen, uns mit einem der erfolgreichsten und folgenreichsten Independent Label aller Zeiten zu vergleichen, aber dennoch stolz und zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Die Einflüsse, die sst auf unsere Arbeit hatte und hat, sind neben den rein geschmacklichen vor allem die stilistische Vielfalt und die Offenheit für das Absurde, Abwegige, Andere.

Wie sst ist Hazelwood kein Spartenlabel und wie sst begreifen wir unser Label eher künstlerisch als administrativ. Dass wir dabei nicht den Output an Neuveröffentlichungen haben, den sst stets hatte, ist dem Umstand geschuldet, dass wir noch ein wenig weiter gehen und die Platten unserer Künstler beinahe ausnahmslos selbst im eigenen Studio produzieren, genau wie die meisten Artworks, Videos und was sonst noch dazu gehört. Nicht zuletzt darum sehen wir wie sst keinen Sinn darin, unseren Katalog mit bereits arrivierten Acts zu polstern – obwohl genügend Angebote vorhanden wären. Dass es dennoch zur Zusammenarbeit mit einigen unserer einstigen Heroen kam (hier bestätigt die Ausnahme die Regel), ist wie vieles im Leben dem Zufall gedankt.

Guido, ein verrückter Drummer, den ich aus meiner Jugendzeit in Duisburg kannte, war nach Köln gezogen und auf der Suche nach einer Band auf gleich zwei Kontaktanzeigen in einer Kölner Zeitung gestossen. Die eine stammte von HR’s Bruder und Schlagzeuger der Bad Brains, Earl Hudson, die zweite von Steven Gaeta, dem Bassisten des Universal Congress Of. Beide waren auf Deutschlandtourneen der Liebe wegen in Köln hängen geblieben und versuchten, sich mit der Musik irgendwie über Wasser zu halten.

Wir griffen sofort zum Hörer und luden beide in die Hazelwood-Studios nach Frankfurt ein. Eigentlich wollten wir zunächst gar nichts anderes, als sie zu einem gemeinsamen Auftritt anlässlich eines von uns initiierten Festivals im Exzess zu überreden. Den Unterschied zwischen Theorie und Praxis erfuhren wir dann, als Steve und Earl sich schon bei einer ersten Probe so nachhaltig verkrachten, dass an eine Zusammenarbeit der beiden nicht mehr zu denken war. Beide traten dennoch auf, allerdings getrennt, mit eigenen Projekten.

Mit Steven Gaeta verstanden wir uns in der Folge so gut, dass er kurzerhand nach Frankfurt zog. Zunächst wohnte er im Studio, dann, bis heute, in Wohngemeinschaft mit meinem Kompagnon Wolfgang. Damals hatten wir die Idee zu Steve’s Band Kool Ade Acid Test und auf der Suche nach geeigneten Musikern hatten wir schnell den gesamten Universal Congress of aus LA. eingeflogen. Was lag da näher, als auch mit UCO ein Album aufzunehmen. Dem Sänger und Gitarristen Joe Baiza gefiel die Zusammenarbeit im Studio so gut, dass er in den Jahren darauf auch seine anderen Bands, Saccharine Trust und Mecolodiacs, nach Frankfurt verschiffte. So wurde ich zum Produzenten und Hazelwood zum Label einiger jener sst-Bands, deren Platten uns einst veranlasst hatten, den Weg zu gehen, den wir gegangen sind.

Selbstredend gibt es aus dieser Zeit jede Menge lustiger Anekdoten zu erzählen, wie zum Beispiel diese: Irgendwann stieg Joe Baiza als Gitarrist bei Mike Watt ein und sie spielten gleich die erste D-Tour gemeinsam mit Steve’s Kool Ade Acid Test. Natürlich sind wir alle mitgefahren. Nach zwei Wochen wirklich lustigen Tour-Lebens beschlossen wir, bevor Joe und Mike nach Frankreich weiterfahren würden, noch einen Tag in den Hazelwood Studios abzuhängen (Damals wohnten wir noch alle im Studio). Meine nächste Erinnerung ist, dass ich gegen Morgen endlich kriechend mein Bett erreichte, in dem allerdings schon Mike Watt schnarchte.

Er hatte fahrlässigerweise seinen Hotelschlüssel auf dem Küchentisch deponiert und Steve, dem genau das ähnlich sieht, hatte die Gelegenheit genutzt und sein Hotelzimmer gestohlen. Mir blieb nichts anderes übrig als gemeinsam mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau diesen Baum von einem Kerl, diesen Alaska-Menschen, der mit blossen Händen Bären erwürgt, in den Flur mehr zu schleifen als zu tragen. Als wir ihn, an uns passend erscheinender Stelle losliessen, staunten wir nicht schlecht: Steif wie ein Ast, den Kopf im Nacken um 45 Grad nach oben geneigt, wie etwa beim Bauchmuskel-Training, lag er da, auf dem blanken Parkett – auch noch am nächsten Morgen! Joe meinte, das mache Mike immer so. Aber zurück zum Thema.

Natürlich sprachen wir bei solchen Gelegenheiten, bei der Arbeit im Studio oder auf zahlreichen Touren, häufig über den Mythos sst. Und die Sicht der Dinge, die ich dabei kennen gelernt habe, hat mir nicht immer gefallen. Ich erlaube mir dennoch kein Urteil, solange ich nicht die Gegenseite gehört habe. Schliesslich sind auch die Informationen der Musiker, die einmal ihre Platten auf sst veröffentlicht haben, Informationen aus zweiter Hand. Die Mär vom bösen Label kennt man. Musiker haben im Allgemeinen mehr öffentlichkeit als ihre Labels. Und nur zu leicht übertünchen negative Erfahrungen, die aus der Zeit der Trennung und des Niedergangs herrühren, die positiven Aspekte langjähriger erfolgreicher Zusammenarbeit.

Eines jedoch scheint klar. Die Bande zwischen den Bands und sst waren nicht so eng geknüpft und das Verhältnis nicht so ungetrübt, wie es nach aussen hin den Anschein hatte. Ein Vorwurf, der dadurch an Evidenz gewinnt, dass er immer wieder auftaucht, lautet, dass Greg zu sehr die Karriere seiner eigenen Band Black Flag im Sinn hatte und diese nicht selten über die Einnahmen und Meriten anderer sst-Acts finanzierte. Wenn da was dran ist, wäre das zumindest menschlich nachvollziehbar.

Fest steht hingegen, dass sst eine ganze Generation geprägt hat und dass die heutige Indie-Musik ohne das Label nicht vorstellbar wäre. Dieser Verdienst ist Greg und Chuck nicht zu nehmen. Und wer, der jemals ähnlich Relevantes erreicht hat, ist schon unumstritten?!

Es freut mich zu hören, dass die Jungs wieder verstärkt für das Label arbeiten, allerdings glaube ich nicht, dass die Erfolge vergangener Tage zu wiederholen sind. Dafür hat sich die Gesellschaft, die Musiklandschaft und der Stellenwert von Labels an sich zu sehr geändert. Hoffentlich beschädigt dieser Nachtrag nicht die Legende. Alles andere wünschen wir sst zum 30. Geburtstag.

***

Geburtstagsgrüsse von John Wright / No Means No

sst brachte einige der wichtigsten und einflussreichsten Punkrock-Platten heraus. Diese frühen Bands veränderten die Musik genauso sehr wie alles, was aus England oder von der Ostküste kam. Black Flag, Minutemen, Meat Puppets, Hüsker Dü, Saccharine Trust, Sonic Youth, Bad Brains haben zweifellos allesamt zahlreiche junge Leute und Bands inspiriert.

Obwohl wir mit Alternative Tentacles für 14 Jahre eine grossartige Heimat gefunden hatten, war sst von Anfang an ein Label, mit dem wir voller Begeisterung hätten verbunden sein wollen. Du musst dir nur unser Hanson-Brothers-Album „My game“ anschauen, um zu sehen, das wir vor den damaligen Tagen und diesem Label den Hut ziehen. Es ist ein stolzes Archiv grossartiger Musik.

***

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

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One comment

  1. CORPORATE ROCK STILL SUCKS! SST RECORDS DJ ABENDE 2012 « FURIOUS CLARITY says:

    […] Unser Geburstagsspecial zu 30 Jahre SST Records aus Trust # 133 von Ende 2008 ist online hier zu lesen: https://trust-zine.de/30-jahre-sst-records-herzlichen-gluckwunsch-vielen-dank/ […]

    April 26th, 2012 at 12:31 pm

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