Februar 10th, 2015

SPAZZ (#83, 08-2000)

Posted in interview by Jan

Das war eine echte Geduldsprobe. So schnell Spazz damit sind, neue Platten zu machen, so langsam ist Sänger Chris Dodge damit, e-mails zu beantworten. Das liegt vielleicht daran, dass Chris nicht nur bei Spazz spielt, sondern auch noch das Label slap-a-ham betreibt, seit neuestem ein Fanzine hat und nebenbei irgendwelche Musikprojekte macht. Und so dauerte es auch zwar „nur“ gut einen Monat, bis ich die Antworten auf diese Fragen bekam, dafür stehen aber seit einem drei Viertel Jahr noch die Antworten zu seinem Label aus.

Das reiche ich dann bei Gelegenheit nach. Egal. Wichtig war es mir, dass ich überhaupt mal ein Spazz-Interview machen konnte – so oft sieht man die in deutschen Fanzines nämlich nicht. Dabei bleibt die Band für mich immer noch eine der wichtigsten Power-Violence-Gruppen, die es derzeit gibt. Erstens, weil sie tatsächlich nicht nur brutale, sondern auch richtige gute Songs schreiben kann.

Und zweitens, weil sie Humor hat. Jedenfalls scheine ich mit der Meinung nicht ganz alleine dazustehen. Guckt man bei ebay mal nach Spazz, findet man da Auktionen mit unglaublichen Preisen, die vielen Singles, die die Gruppe gemacht hat, sind fast durchweg begehrte Raritäten. Naja, was soll es? Ich besitze die meisten ja… 🙂 Und hier also das Interview.

***

Ihr habt mittlerweile eine beeindruckende Discographie. Wie kommt es? Bringt ihr wirkliches jedes Lied raus, das ihr aufgenommen habt?

Chris: Das kommt dem sehr nahe, ja. Einige der frühen Songs wurden nie veröffentlicht, aber wir haben weit über 200 Lieder geschrieben und aufgenommen. Müssten so 225 sein, denke ich. Das ist wahnsinnig. Am Anfang hatten wir auf jeden Fall ein Problem mit der „Qualitätskontrolle“. Wir haben nie großartig darüber nachgedacht, wie gut das Zeug ist, das wir veröffentlichen. Das Resultat ist, dass wir eine lange Discographie haben, aber uns viele der alten Platten nicht mehr gefallen. In den letzten Jahren haben wir weniger veröffentlicht, dafür wurde das Songwriting besser – jedenfalls unserer Meinung nach.

Auf eurer Webseite erklärst Du, dass Spazz nicht mit irgendwelchen Labels Splitsingles veröffentlichen möchten. Aber abgesehen von Slap A Ham gibt es ein gutes Dutzend weiterer Labels, auf denen Spazz Platten gemacht haben. Wonach geht ihr da?

Chris: Wir lieben Splitsingles, aber wir haben jetzt entschieden, dass wir zu viele gemacht haben. Auch dabei geht es darum, dass wir bessere Platten machen wollen. Wir haben festgestellt, dass einige Lieder, die wir für Splitsingles gemacht haben, einfach „Müll“ sind. Wir wollen aufhören, uns zu solch vielen Veröffentlichungen zu verpflichten, so dass wir mehr Zeit haben, um an dem Material zu arbeiten. Wir haben angefangen, auf Qualität statt auf Quantität zu achten.

Und wonach habt ihr die Bands „ausgewählt“, mit denen ihr Splitsingles gemacht habt? Lack Of Interest oder Charles Bronson sind offensichtlich – aber wie kam es, dass ihr eine mit 25 Ta Life macht?. Ich dachte, mit den be-kannten Ostküstenbands habt ihr nicht viel am Hut…

Chris: Nun, wir haben mit 25 Ta Life in dem Sinne nicht viel zu tun, weil unsere jeweiligen Sub-Genres verschieden sind. Aber es ist alles Hardcore. Wir dachten uns, dass es vielleicht hilft, die beiden Seiten zu verbünden, wenn wir zusammen eine Platte machen. So viele Punks reden von „Unity“ und sind trotzdem nicht bereit, sich aus ihrem kleinen Szene-Mikrokosmos herauszuwagen. Eine Platte mit 25 Ta Life ist unerwartet und nicht durchschnittlich, also waren wir froh, etwas anderes tun zu können. Generell machen wir Splits mit Bands, die wir mögen. Ganz einfach.

Auf der neuen Platte heißt ein Lied „The Art of the Ancient Spazz Lyrics“. Seid ihr so ein bisschen ein Model für andere Power Violence bands? Oder anders ausgedrückt: Denkt ihr, ihr habt andere Bands beeinflusst, die euch nun zu kopieren versuchen? Und wie ist das?

Chris: Was der Einfluß auf andere Bands angeht: Ich fühle mich arrogant, wenn ich dem zustimme, aber es ist nun mal Fakt, dass ich in den ver-gangenen Jahren Platten und Tapes von so vielen Bands bekomme, die ganz offensichtlich versuchen, den „Spazz Sound“ hin zu be-kommen. Bei vielen Bands, Dudman aus Japan zum Beispiel, kann ich sogar heraus hören, dass sie versuchen, unseren Gesangsstil hinzukriegen. Das ist sehr witzig – ich mag das.

Es ist ein komisches Gefühl, aber ich sehe es als großes Kompliment an. Wir wollen keine role models sein. Wir machen einfach Musik, die uns gefällt. Offensichtlich haben wir so viel eingebracht, dass andere Bands versuchen, unseren Stil zu machen. Wenn andere Bands uns als Einfluss nennen, ist das eine großartige Erfahrung. Das Lied „The Art of the Ancient Spazz Lyrics“ ist eher ein Scherz über uns selbst und darüber, dass wir das Gefühl haben, wir hätten die gleichen doofen Texte viel zu oft gemacht.

Eure Texte scheinen zu wechseln zwischen sehr ernsthaft und eher komisch. Wie wichtig ist der Humor bei der Sache?

Chris: Wir haben nie die Intention, etwas bewusst ernst oder komisch zu machen. Alles ist eine Reflektion unserer selbst. Wir nehmen unsere Musik sehr ernst, aber wir sind nicht interessiert in Punk-Stereotypen. Ich denke, indem wir vermieden haben, langweilige Punk-Themen zu nutzen, haben unsere Lieder eine Bandbreite von Alltagserfahrungen bis hin zu den interessanten oder lustigen Dingen innerhalb der Szene bekommen. Einige Lieder sind Insider-Witze, die nur wir drei verstehen, aber es ist interessant, wie andere Leute sie lesen oder verstehen.

Wie ernst nehmt ihr denn den Albumtitel „Crush Kill Destroy“ oder die Wrestling-Sachen?

Chris: Überhaupt nicht ernst. Wir haben Wrestling-Bilder benutzt, weil es damals keine andere Hardcore-Band gab, die das machte. Wir fanden es originell und nett anzusehen. „Crush Kill Destroy“ soll nicht heißen, dass wir uns als „harte Typen“ sehen, aber es reflektiert natürlich unsere Musik. Außerdem reflektiert es viele der Texte, die sehr kritisch gegenüber all den blödsinnigem Scheiß in der Szene sind. We would like to crush, kill, destroy the fucking idiots in our scene, for sure.

Denkst Du, dass Leute den Humor verstehen?

Chris: Normalerweise nicht, aber das geht in Ordnung. Wir unterhalten erst einmal uns selbst damit. Und wir wollen nicht mal unbedingt, dass Leute sie verstehen. Einige Texte klingen eher nach seltsamen Wortspielen, die assoziativ entstanden sind. Deswegen klingen sie interessant und auch anders als normale Punk-Texte, auch wenn man sie nicht versteht.

Anders gefragt: Wie viele verstehen die ernste Spazz-Seite?

Chris: Ich denke, eine Menge. Die meisten verstehen, dass wir mit nicht so großem Ernst an die Sache gehen, aber dass uns die Hardcore-Szene sehr wichtig ist und wir uns ihr sehr verbunden fühlen.

Ihr habt ein Lied für diese eigentlich ganz gute Fat-Wreck-Compilation gemacht, auf der 100 Songs von 30 Sekunden Länge drauf sind. Da sind viele Poppunk-Bands drauf, und euer Songs heißt „The Complete And Utter Eradication of Generic Poppunk“ Wie kam das überhaupt, dass ihr da drauf seid?

Chris: Ich bin mit Fat Mike seit den 80-er Jahren befreundet und habe sogar mal eine Weile mit Fat Wreck gearbeitet. Im Laufe der Jahre habe ich eine Reihe von Singles mit dem Titel „Bleaurgh“ gemacht, auf denen haufenweise Bands waren. Mike fand die Idee sehr witzig und irgendwann sagte er zu mir, dass er die Idee benutzen würde und seine eigene „Millionen von Bands“-Compilation machen würde – nur eben mit Poppunk und klassischem Hardcore statt mit Grindcore und Power Violence.

Er wusste, dass er Spazz mit auf die Compilation nehmen musste, weil er meine Idee benutzte. Ich wusste, dass wir anders sein würden als die restliche Platte, aber ich wollte vollkommen aus dem Rahmen fallen. Also schrieb ich dieses Lied. Ich denke, dass viele der Bands auf der Compilation zu dem beigetragen haben, was ich an der Hardcore-Szene heute hasse. Aber ich „hasse“ nicht ernsthaft diese Bands. Viele Leute haben mir gesagt, dass ihnen das Lied gefällt, darüber bin ich ganz froh.

Viele Deiner Texte behandeln die Idee hinter Hardcore. Momentan weiß ich nicht so recht, was ich über Hardcore denken soll, weil zu viele Bands einfach langweilig sind. Was denkst Du darüber?

Chris: Es mag langweilig aussehen, aber das liegt daran, dass es so viele Bands gibt heutzutage. In den 80-er Jahren war ich praktisch in der Lage, jede einzelne Hardcore-Platte zu hören. In den 90-er Jahren explodierte Independent-Musik und wurde so groß, dass es unmöglich ist, all die neuen Bands zu kennen.

Früher gab es praktisch nur „Punk“ und „Hardcore“, aber heute gibt es so viele Subgenres, die eine eigene Szene haben: Power Violence, Grindcore, Crust, Poppunk, Emo, Noise, sXe, Slowcore und so weiter. Weil es aber so viele Bands gibt heute, werden diese Stile dementsprechend häufiger gespielt. Und selbst wenn man gelangweilt ist, weil Bands den gleichen alten Stil spielen, gibt es immer noch viele originelle Bands, wenn man sich nur die zeit nimmt, sie zu entdecken. Bands wie Deep Turtle, Melt Banana oder Bizarre Uproar bringen einen neuen Gesichtspunkt in die Musik und erhalten sie frisch und interessant.

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Interview: Dietmar Stork

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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