Dezember 7th, 2014

SOUTHERN LORD RECORDS (#105, 04-2004)

Posted in interview by Jan

Home Of Probot: Southern Lord Records

Dieser Tage erschien ein Album, das Furore machte: Dave Grohl, der nach seinem Einsatz bei Queens Of the Stone Age gleich ein weiteres Mal seine dullen Foo Fighters vergessen ließ, hatte einen Haufen alter Helden zu einem munteren Ringelpitz mit Anfassen geladen. Cronos (Venom), Max Cavalera (Sepultura, Soulfly), Lee Dorrian (Napalm Death, Cathedral), Lemmy (Motörhead), Snake (Voivod), King Diamond, Kurt Brecht (DRI), Mike Dean (COC), Wino (Obsessed, Saint Vitus etc.), Tom G. Warrior (Celtic Frost) und Eric Wagner (Trouble) liehen Grohl ihre Stimme.

Für jeden komponierte Grohl ein Stück, spielte es ein und ließ seine großen Helden dazu machen. Grohl und Genossen gelang es dabei glatt, die Energie des Untergrund-Metal der späten Achtziger in eine zeitgenössische Form zu übertragen. Kein NuMetal-Gekasper, sondern gut abgehangenes Schwermetall in Perfektion.

Und wer war für die Veröffentlichung zuständig? Southern Lord – ein Label, das uns in den letzten Jahren mit einem Sack voll hervorragender Alben zwischen Doom, Doom und Brachialmetal versorgte. Besonders bemerkenswert nicht zuletzt die Alben von Sunn O)), auf denen zeitlupenhaft in der Manier von Earth und Lysol-Melvins erschütterndes geschah. Als Sunn O)) in Bremen spielten, traf ich Greg Anderson und Stephen O’Malley, beide an Southern Lord wie Sunn O)) federführend beteiligt, und unterhielt mich mit ihnen über ihre Musik und das Label.

***

Greg, vielleicht fängst du einmal an mit ein wenig Geschichte. Was hast du vor Sunn O)) und Southern Lord gemacht?

Greg Anderson: Ich spiele seit fünfzehn Jahren in Hardcore- und Punk-Bands. Southern Lord entstand, als ich Steve traf. Wir hatten ein Projekt namens Thorr’s Hammer, aus dem dann die Band Burning Witch wurde. Für diese beiden Projekte gründeten wir das Label, um die Platten herauszubringen.

Das war 1989. Thorr’s Hammer war primitiver Blackmetal. Wir hatten eine norwegische Sängerin namens Runhild. Es war vor allem Spaß. Wir waren vielleicht für zwei Wochen zusammen, naja, sagen wir zwei Monate. Aber alle Aufnahmen und Auftritte passierten innerhalb von zwei Wochen. Als Runhild zurück nach Norwegen ging, war es vorbei und wir beschlossen, mit dem Drummer von Thorrs Hammer Burning Witch zu gründen.

Stephen O’Malley: Ich lernte Runhild bei einer Carcass-Show in Seattle kennen, wo wir damals lebten. In Seattle kommst du nicht in Clubs rein, wenn du noch nicht 21 bist. Wir waren beide noch zu jung. Ich war 19, sie 17 oder so, und wir standen beide vor der Hintertür. Als Greg und ich eine Band starten wollten, fragten wir sie.

Seitdem seid ihr auf diesen dunklen doomy Kram abonniert?

Greg: Was das Label angeht schon. Stephen und ich waren an schwerer Musik interessiert, aber wir haben beide auch eine große Vorliebe für Jazz, die eher dunklen Sachen wie der elektrische Miles Davis, manches von Coltranes späteren Sachen.

Ihr habt auch etwas für ein Coltrane-Tribut gemacht…

Greg: Ja, das ist eine alte Aufnahme, wo wir „Olé“ gecovert haben. Das ist ehrlich gesagt sehr amateurhaft, aber es war ein cooler Versuch. Wir können sowas definitiv nicht spielen. Ich sehe mich nicht als einen so guten Musiker, der sowas bringen könnte.

Stephen: Spaß.

Greg: Ja, es hat Spaß macht. Das ist der Spirit, denke ich.

Ich frage, weil ich wissen wollte, ob es sowas wie eine Label-Philosophie gibt. Auf der einen Seite gibt es auf Southern Lord experimentelle, extrem langsame Bands, auf der anderen Seite eher rockige Sachen.

Greg: Es hat sich in den letzten eineinhalb Jahren so entwickelt, dass wir auf dem Label experimentellere, extremere Sachen gemacht haben, und das ist wahrscheinlich auch die Richtung, die wir beibehalten werden. Es bewegt sich zunehmend von Sachen weg, die eher konservativ sind (lacht) und eher hin zu experimentelleren Sachen. Aber wir werden auch ein paar eher an Deathmetal orientierte Sachen rausbringen.

Ich habe lange keine Deathmetal-Platte mehr gehört, die mir gefallen hätte.

Greg: Es gibt ziemlich viel Mist, aber ich mag den Stil immer noch sehr. Es gab ein paar Sachen, die meine Aufmerksamkeit erregt haben. Ich versuche das nicht zu sehr festzulegen. Wir sind kein Doomlabel, wir sind offensichtlich kein Stonerlabel, wir sind auch kein Experimentallabel – wenn die Musik intensiv und schwer ist und ich sie mag, mache ich das.

Du entscheidest also, was erscheint?

Greg: Steve hilft mir ein bisschen. „Gib mir ein Ja oder ein Nein“, so in der Art. Sein Hauptanteil ist das Graphikdesign. 99% der Label-Ästhetik kommt von ihm.

Viele eurer Veröffentlichungen in der letzten Zeit sind auf eine Art Ambientmusik. Ich denke u.a. an Sunn O)) – Wie viele Alben gibt es eigentlich von euch?

Greg: Auf Southern Lord haben wir zwei gemacht. Vor drei Jahren gab es ein paaar Projekte, an denen Stephen und ich beteiligt waren, die wir an andere Labels lizensiert haben. Die ersten Sunn-O))-Platten kamen bei anderen Labels raus, und die beiden Goatsnake-Platten auch.

Das haben wir gemacht, bevor das Label wirklich auf eigenen Füßen stehen konnte. Ich wollte außerdem sehen, ob es nicht besser wäre, meine eigenen Sachen nicht auf meinem Label zu haben. Aber ich fand heraus, dass es das Beste ist, es selbst zu machen. Ich denke, dass wir auch in Zukunft alles selbst machen werden.

Woran arbeitet ihr noch musikalisch?

Stephen: Es gibt ein paar Goatsnake-Aufnahmen, die hoffentlich eines Tages rauskommen werden.

Die Band gibt es noch?

Stephen: Ich weiß es nicht.

Greg: Ich und Peter (Stahl) sind noch involviert. Wir haben hier und da Mitglieder verloren oder sie wohnen ziemlich weit weg, wie unser Bassist Rob Holzner, der in Chicago lebt. Wir haben versucht, neue Leute zu finden, aber Pete ist ziemlich oft weg und ich habe viel mit dem Label zu tun, deshalb wissen wir auch nicht, was passieren wird.

Wir haben uns nicht wirklich aufgelöst, aber wir sind auch keine funktionierende Band. Wir haben im Sommer 2002 Aufnahmen gemacht, die ich gern rausbringen würde. Und es gibt viel Sunn-O))-Material, das irgendwann veröffentlicht werden wird.

Wie arbeitet ihr als Band? Komponiert ihr zuhause?

Stephen: Ein bisschen. Wir bringen ein paar Ideen mit ins Studio.

Greg: 70 bis 80 % oder mehr sind improvisiert. Die neue Platte ist fast komplett improvisiert.

Spielt ihr auch mit anderen Musikern zusammen? Auf eurer letzten Platte ist ein Merzbow-Remix…

Stephen: Das hat er in Japan gemacht. Wir haben ihm zwei Stücke geschickt. Ein weiteres Stück hat James Plotkin remixt. Das wird auf einer 12″ rauskommen. Auf „White 1“ haben wir mit Joe Preston, Rex Ritter und Runhild gearbeitet, das passierte alles im Studio. Auf „00 Void“ spielen Petra Haden und Pete Stahl mit.

Die man allerdings nicht hören kann…

Greg: Sie sind ein bisschen begraben worden.

Stephen: Es ist Textur.

Greg: Ja.

Ich fand das ganz lustig: Auf dem Cover steht etwas von Violine, Gesang – aber es ist einfach nicht zu hören.

Greg: Wir wollten es nicht so machen, dass da ein Solo von Petra Haden ist, oder der Gesang von Pete.

Stephen: Das musikalische Charisma dieser Leute ist so stark, dass sogar bei dem Stück mit Petra der Charakter der Textur genügt, sie zu repräsentieren. Und es macht den Track ein kleines bisschen anders.

Um auf meine Frage zurückzukommen: Ihr habt gesagt, dass ihr auch an Jazz interessiert seid. Habt ihr daran gedacht, mit Leuten aus dem Jazz oder der Freien Improvisation zu spielen?

Greg: Vielleicht machen wir das mal. Aber ich sage immer: Sunn O)) ist eine Jazzband. (lacht). Es ist meine Jazzband. Das Konzept ist Jazz, die Musik definitiv nicht. Vielleicht machen wir sowas mal. Wir haben in der Tat darüber geredet, vielleicht Sitars und andere ungewöhnliche Instrumente zu benutzen.

Stephen: Akustische Instrumente.

Ist die Musik von Sunn O)) eine Form der Meditation für euch?

Greg: Definitiv, ja. Es gibt da noch einen Track, der erstmal nicht erscheinen wird, auf dem wir mit Attilla Csihar der bei Mayhem und Tormentor spielte und jetzt Aborym macht, und das Stück ist ein pures Meditationsstück für mich.

Stephen: Er macht diese wirklich dicht geschichteten Sanskrit-Chants, das klingt wirklich rituell.

Diese Art von Musik ist oft mit metaphysischen Konzepten verbunden. Könnt ihr damit was anfangen, seht ihr sowas in der Musik, oder ist es einfach eine spezielle Sorte von Spaß?

Stephen: Ich denke, wenn du in dieser Geschwindigkeit und Lautstärke spielst und in solch einer Dichte, wird es ein Werkzeug, mit dem du Zeit verbiegen kannst. So erfahre ich es, diese Art von Musik zu spielen.

Du spielst auch in Khanate. Ist das eine funktionierende Band?

Stephen: Es ist disfunktional (lacht), aber wir proben und so, versuchen Shows zu spielen. Im Moment arbeiten wir an unserem zweiten Album, den Mix machen wir am Computer und das braucht viel Zeit. Im Moment machen wir abgesehen davon nicht viel. Aber es es ist eine funktionierende disfunktionale Band.

Als ich las, wer da mitspielt, dachte ich, das ist die Cream of Doom. Es scheint eine sehr kleine Szene zu sein, in der die selben Leute immer wieder auftauchen.

Stephen: Man kennt sich nach einer Weile, redet miteinander. Die Leute sind ziemlich offen dafür, miteinander zu arbeiten. Es macht Spaß, neue Sachen zu machen, neue Leute zu treffen.

Greg, kannst du von dem Label leben?

Greg: Im Moment trägt es sich, es ist nicht viel Geld im Spiel. Ich lebe ziemlich billig und ich stecke viel Zeit hinein. Aber uns ging es ganz gut in den letzten Jahren.

Wie sind die Reaktionen auf die Live-Show von Sunn O))?

Greg: Wir spielen nicht sehr oft, vielleicht zwei Shows pro Jahr. Die letzen Shows waren toll. Letztes Jahr spielten wir ein Konzert in Portland, und es war großartig. Dann spielten wir auf dem SXSW auf einem Southern-Lord-Label-Showcase, und auch die Show lief wirklich wirklich gut. Bei manchen unserer frühen Shows haben die Leute es einfach nicht gerafft – wenn überhaupt jemand kam. Wir haben vor drei Jahren eine Tour mit Goatsnake und Orange Goblin gespielt, und manche Shows waren okay, bei manchen Shows legten sich die Leute auf den Boden oder auf die Bühne – wir hatten sie eingeladen, auf die Bühne zu kommen – und das war toll.

Stephen: Ich glaube diese Tour hat uns für ein Publikum interessant gemacht, dass sich unsere Platten vielleicht nie angehört hätte.

Zuhause kannst du dir das auch kaum in der erforderlichen Lautstärke anhören…

Greg: Genau. Nachbarn und so.

Und in der Disco wirst du es auch nicht hören…

Greg: Aber jetzt scheint es so, dass sich Leute dafür interessieren, und das ist natürlich gut für uns.

Was ist mit Drogen?

Greg: Hast du welche? (lacht) Als wir mit der Band anfingen, waren Drogen wahrscheinlich ein wichtiger Teil der Band. Ganz einfach weil wir Drogen nahmen und miteinander rumhingen. Aber bei allen Shows, die wir gespielt haben, waren wir ziemlich nüchtern. Das finde ich ziemlich cool, wenn du die Musik oder die Sounds dich an andere Orte bringen lässt. Ich mag es gar nicht, zu fucked up zu spielen, weil die Chemie zwischen den Musikern nicht funktionieren oder es länger dauern würde, in die richtige Stimmung zu kommen.

Stephen: Es passiert soviel bei improvisierter Musik, was du nicht erwartest.

Ihr spielt aber bei den Shows die Stücke von den Alben?

Greg: Ja. Wir nehmen Teile und benutzen sie als eine Art nurse log (ein Stück Holz, das im Wald liegt und neue Triebe hervorbringt).

***

(stone)

Mindestens annähernd Label-Diskographie:

THORR’S HAMMER – Dommedagsnatt
BURNING WITCH – Crippled Lucifer
THE OBSESSED – Incarnate
ELECTRIC WIZARD – Supercoven
GOATSNAKE – Dog Days
THE WANT – Greatest Hits Vol. 5
MONDO GENERATOR – Cocaine Rodeo
INTERNAL VOID – Unearthed
WARHORSE – As Heaven Turns To Ash
BORIS – Absolutego
CHURCH OF MISERY – Master Of Brutality
PAUL CHAIN / INTERNAL VOID – Split-7″
GOATSNAKE – Flower Of Disease
KHANATE – std.
SUNN O)) – Flight Of the Behemoth
PLACE OF SKULLS – Nailed
SPACEBOY – Searching The Stone Library For The Green Page
EARTHRIDE – Taming Of The Demons
SOURVEIN – Will To Mangle
GRIEF – Turbulent Times
SUNN O)) – White 1
BORIS – Amplifier Worship
PLACE OF SKULLS – With Vision
KHANATE – Things Viral
PROBOT – Probot

 

Links (2014):
Southern Lord Wikipedia
Southern Lord Homepage
Southern Lord auf Discogs
Sunn O))) auf Discogs
Sunn O))) auf Wikipedia

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