März 16th, 2007

SOULMATE (#85, 12-2000)

Posted in interview by jörg

Bei Soulmate ist etwas los. Neues Label, erste deutschlandweite Tour, erstes Video und, und, und. Ausserdem haben sich die fünf Seelenverwandten nicht erst seit den Gigs mit Jimmy Eat World in die Herzen der Emo Gemeinde gespielt.

All das ist doch Grund genug, um mal mit Christian, seines Zeichen Basser bei Soulmate, ein paar Worte zu wechseln.

***

Also erzähl mal was SOULMATE ist und was ist deiner Meinung nach das besondere an euch?

Christian: Tja, Soulmate sind zu fünft, sind ’ne Band, machen Musik, in gewisser Weise altmodisch mit Gitarren und ’nem Sänger, der auch wirklich singt, ziemlich schnörkellos, ziemlich effektfrei, ziemlich emotional und mit ner ziemlichen Energie. Ich werde jetzt auch keine Schubladen bedienen sondern sage einfach mal Pop-Musik. Hier fängt dann auch schon der Schnittpunkt zwischen Teil A und Teil B Deiner Frage an.

Beschreibe ich weiter, kommen wir zwanglsläufig zum Thema „Herkunft“ und das wird nun ja immer wieder herangezogen, um mit Soulmate irgendwie umzugehen. „Visions“ dreht uns ein Strick daraus und sagt „…jaja die Jungs aus der Provinz“, auf der anderen Seite können wir so schön understatementmässig aufkreuzen und belehren meistens die Leute ja auch eines besseren. Und das ist für mich auch irgendwie etwas, das ich „Besonders“ nennen würde.

Jürgen und Peter machen Soulmate ja nun immerhin schon seit 1992, Jan und ich seit 1995 und Hille seit 1997, also über einen langen Zeitraum extrem konstant, mittlerweile räumlich extrem getrennt (Münster-Aurich-Oldenburg-Hamburg) und trotzdem immer noch dabei, dabei mit ziemlich viel Herzblut und gerade live mit ziemlich viel Energie. Das sind nun gleich 3 Sachen auf einmal…die ich „Besonders“ nennen würde!. Naja, dazu kommt dann auch, das wir unsere Sachen verwirklichen, ohne irgendwie in „der Szene“ drin zu sein.

Jürgen ist da vielleicht unser Verbindungs-/Schnittpunkt und wir alle hören extrem gerne dieses ganze Emo/College-Zeugs, ohne aber das ich jetzt genau die Uniform tragen müsste, immer die neusten MP3’s oder die neusten Singles hätte. Ich höre und mache sowas, weil ichs gut finde und z.B. Jimmy Eat World. sind auch kein Stück in diesem Umfeld, aber gerade dort voll akzeptiert, aber das nur am Rande.

Du sagtest Ihr werdet als „die Jungs aus der Provinz“ bezeichnet. Meinst Du das ihr von machen Menschen nicht so ernst genommen werdet, weil ihr aus einer ländlichen Gegend kommt?

Christian: Vielleicht ’ne kleine Geschichte: Wir wollten im Mai 2000 in Oldenburg (quasi die Heimatstadt: Anm. d. Schreibers) im Cadillac spielen, da wurde ich dann vom örtlichen Jugendpfleger am Telefon gefragt, ob wir denn auch schon mal ein Konzert gespielt hätten und auch Verstärker und ein Schlagzeug haben.

Wie Du siehst ist es zumeist doch egal, von wo man kommt, in der Regel kennt man uns sowieso noch nicht (egal ob Oldenburg oder München) und deshalb würde ich mir wünschen, einige Leute würden mehr lesen, mehr hören, sich mehr umschauen, dann geht es weniger darum, von wo man kommt, sondern um die Aufmerksamkeit an sich, ob die Band was kann und ob es rockt und laut ist.

Das mit dem genauen Einordnen ist ja eh so eine Sache und gerade bei Emo Bands ist es oft eine „Schönrederrei“, will sagen irgendwelchen Rockbands werden nicht vorhandene Beziehung zum Underground angeheftet, aber SOULMATE haben diese Wurzeln doch, wenn ich da so an die erste Single von 1993 denke, oder?

Christian: Am liebsten hätte ich auf Deine Frage nach der Szenezugehörigkeit ja einfach mit „ja“ geantwortet, diese Wurzeln gibt es natürlich, aber jetzt haben wir wahrscheinlich doch wieder eine grosse Diskussion über „die Szene“ an sich…Wie ich bei der ersten Frage von wegen Jimmy schon angeführt habe gibt es eben solche Bands, die „Szenebands“ sind und das auch leben, genauso wie es wahrscheinlich Bands gibt, die gerne „emo“ sein möchten oder das Etikett bekommen, obwohl sie es es nie sein werden, wie es aber auch Bands gibt (und dazu zähle ich Soulmate jetzt einfach mal), die zwar aus diesem Umfeld kommen, aber vielleicht doch lieber davon unabhängig bzw auch darüber hinaus agieren möchten.

Szenen sind von aussen betrachtet ja meistens unheimlich progressiv, Kleidung, Rituale und Musik gehören dazu, innerhalb dieser Gruppe geht es aber doch zumeist eher konservativ zu, man muss/sollte bestimmte Ideen vertreten, muss dasunddas haben und sich quasi an einen Codex halten. Vielleicht erinnerst Du Dich an genau diese Diskussion im Intro vor ’nem 3/4 Jahr oder schon länger her, wo eben Vertreter der „reinen“ Lehre mit „anderen“ aufeinandertrafen und sich nen netten Leserbriefkrieg geliefert haben. War sehr interessant, weil es auch wieder um die Angst ging, dass „meine Szene“ zu gross wird, dass sich Dinge schnell verändern und ich meine in gewisser Weise „elitäre“ Position verliere.

Vielleicht klingt das nun wieder sehr einfach, denn Soulmate haben diese Hardcore-Wurzeln, bekennen sich auch dazu, hören immer noch solche Platten, wollen aber eben lieber einfach nur ihre Musik machen, Konzerte geben, von mir aus auch Partys feiern, ohne sich gleich für alles rechtfertigen zu müssen oder einen permanten Berg an Idealen und Ideen mit sich rumzuschleppen. Das heisst ja nicht, dass jeder der fünf Bandmitglieder unpolitisch, unkritisch oder generell einfach gestrickt ist, aber ich muss ja nun nicht jeden permanent damit behelligen oder es ständig beweisen.

Wo Du gerade Euer Label erwähnst, ist das bei Euch normal, dass Ihr bei jeder neuen Platte ein neues Label oder einen anderen Vertrieb habt? Wollen die euch dann nicht mehr? Wollt ihr die dann nicht mehr? Haben die Anderen mehr geboten? Hehehe

Christian: Ich denke, dass dies eigentlich nichts Besonderes ist, da es weder mit Aalzorp noch mit Snowblind (Green-Hell) irgendwelche Verträge oder sonst etwas gab. Erst mit Superrock Rec, die immerhin zu Universal gehören, gibt es einen tatsächlichen Vertrag über Alben, Zeit und Geld.

Eigentlich war es vorher immer so, das eine Hand die andere wäscht, d.h. Aalzorp und Snowblind haben an den Verkäufen (so viele warens ja gar nicht) mitverdient und wir deren Logistik benutzt, d.h. mussten uns nicht ums Mastering, Pressen etc. kümmern, konnten deren Connections in punkto Konzerte nutzen, dort wieder CD’s verkaufen usw., das nennt man wohl Kreislauf. Erst mit Superrock Rec. ist das alles etwas professioneller geworden, man gibt Verantwortung ab, aber eben auch Kontrolle.

Wobei bis jetzt alles sehr gut gelaufen ist. Die „In summerstreets“ CD ist ja auch bundesweit erschienen und beworben worden, das hätt ich von meinem Schreibtisch aus nicht alles machen wollen und wohl auch nicht können. Ich sehe das eher pragmatisch mit den Plattenfirmen. Naja, so ist halt alles etwas grösser geworden, aber die Möglichkeiten an sich sind natürlich auch gewachsen, was uns sehr freut.

Was meinst du mit pragmatisch genau?

Christian: Dass ich kein Problem damit habe, z.B. die Infrastruktur und die Möglichkeiten eines grossen bzw grösseren Labels zu nutzen. Klar muss das an gewisse Bedingungen geknüpft sein und ich/wir werden sicherlich nicht jeden scheiss mitmachen, aber man bekommt als Band ja auch etwas dafür zurück. Ich kann also gerne bei Polydor oder Sony oder was weiss ich unterschreiben, so lange man sich dabei nicht selbst verleugnet bzw. verleugnen muss. Das meinte ich mit „pragmatisch“.

Die neuste Platte habt ihr ja in einem kleinen Studio, wo sonst eher Punkbands hingehen, aufgenommen. Ihr wart aber auch schon in einem richtig teuren? Wie war das! Wo waren die Unterschiede für euch?

Christian: Richtig teuer heisst natürlich auch richtig beeindruckend, schicke Fassade, viele bunte Lämpchen, Klimaanlage bis in den Zehntelbereich genau einstellbar, Schlagzeugpodest mit genau berechneter Schallabstrahlung, tja, Hannover Horus-Sound war schon ’ne Erfahrung wert, schliesslich haben da ja auch z.B. Guano Apes oder zuletzt die Donots aufgenommen. Wirklich hängen geblieben ist für mich aber nur, dass wir da mit unserem tollen Preis, den wir in Bremen gewonnen haben, da wie die blöden naiven Trottel angekommen sind, unser Geld bzw. den Preis abgeliefert haben, einmal „richtige“ Profiluft schnuppern konnten und damit so richtig schön auf die Schnauze gefallen sind.

Weder klingt die Aufnahme, aus der ja die „Nerd soho EP“ entstanden sooo galaktisch gut, noch hat es die Band oder zumindest mich persönlich in irgendeiner Art und Weise weitergebracht. Da haben sich mal wieder alle schwarzen Seiten des „Business“ gezeigt, denn es ist ab einer bestimmten Grenze, die sich dann tatsächlich über die Grösse von Plattenfirmen Verkaufszahlen und Promobudgets definiert nur mehr Schein als Sein, wo es dann nicht mehr um gute oder schlechte Songs geht, sondern darum, ob man in ein (Vermarktungs-)Konzept passt. über diese Erfahrung bin ich froh, denn es lässt uns schön auf dem Teppich bleiben, falls wir mal wieder denken „Oh jetzt gehts aber ab…“.

Tja bei Kusche(l)-Rock war es dann eben fast das komplette Gegenteil. Wir mussten Dirk Kusche weder erklären, was wir machen, noch wie wir klingen oder so, er kommt halt aus der (Achtung!) Szene. Das Studio war eben dann auch so günstig, dass wir Sachen ausprobieren konnten, für die im „profesionellen“ Studio keine Zeit wäre, weils auch einfach zu teuer wäre. So haben wir einen Akkustik-Song im Flur aufgenommen, der es zwar nicht auf die Platte geschafft hat, aber die Freiheit hatten wir.

Genauso wie wir spät nachts Rückkopplungen eingespielt haben, über mehrere Stunden und mit entsprechendem Wein im Gehirn. Und zwischendurch haben wir einfach mal nichts gemacht oder gekocht oder gezockt, halt auch mit Dirk, weil er „einer von uns“ war. Natürlich kann man keine riesigen Soundwände erwarten, aber die Platte klingt meiner Meinung einfach gut und frisch. Wir sind da ja sowieso auch mit Effekten immer sehr zurückhaltend, weshalb z.B. in Hannover ganze Effektwände einfach ausgeschaltet blieben.

Weiss mir gerade noch einfällt, ihr habt doch auch ein Video gedreht. Wer hat das denn gemacht und kommt es auch ins Fernsehen?

Christian: Tja, das Video ist in einer dreitägigen Session in HH aufgenommen worden, absolut low-budget und ehrlich gesagt zeigt es uns auch nur auf dem Weg zu einer Probe, wie wir uns nach und nach treffen und mit nem 1962er Ford Taunus durch HH fahren, aber dadurch das Ronny Szasser das gefilmt hat, ein Werbefilmer, der in einer ziemlich fetten Hamburger Agentur arbeitet und Jan als Praktikanten unter seine Fittiche genommen hatte, ist das relativ schlichte Filmmaterial im dann professionellen Schnittstudio so geil in Szene gesetzt worden, dass man sich damit zumindest nicht verstecken muss.

Die Idee, die eigentlich dahinter steckte, war, zur Popkomm irgendetwas zum Anbieten für Viva2 zu haben. Die habens auch genommen und uns zugesagt, dass im Rahmen von 2Rock eine Ausstrahlung erfolgt, aber ich denke, es dient der Redaktion eher als trashiges Geburtstagspartyvideo, wenn Du mich fragst. Aber so ist das eben, wenn keine Riesencompany dahinter steckt, die dann auch Geld reinbuttern kann. Kannst du dir aber gerne mal angucken!

Jo, werde ich gerne machen. Wie geht es mit Soulmate weiter. (Pläne für die Zukunft? Auch schon konkretes?)

Christian: Tja, defintiv kann ich bis jetzt nur sagen, dass es ein zweites Album von uns geben wird, das dann auch wieder auf Superrock Rec erscheinen wird und für das wir z. Zt. fleissig Songs schreiben. Unser Stil wird sich nicht grossartig ändern, aber werden wir diesmal noch etwas mehr mit ’ner Hammond-Orgel bzw. Orgel Sounds an sich arbeiten, das hat letztes Mal schon gut geklappt, entstand aber alles erst unter einem ziemlichen Zeitdruck, dem wir nun natürlich entgegen wirken wollen.

Und vielleicht wird es doch wieder etwas melancholischer, ist zumindest bis jetzt mein Eindruck von den neuen Sachen. 5 Songs sinds wohl schon. Ansonsten wollten wir eigentlich mit Echophonics quasi im Gegenzug im Januar 01 durch österreich touren, ist aber nichts draus geworden, so dass es z.Zt.keine konkreten Tourpläne gibt und jeder von uns auch mal vernünftig studieren bzw. arbeiten kann. Vielleicht geht mit Pale ja mal wieder was in nächster Zukunft?!

Any last words?

Christian: Tja, wenn du mir schon die Möglichkeit bietest, kann ich hier ja nochmal schnell eine Lanze für deutsche emo-bzw. einfach underground-Bands brechen, wie natürlich unsere heissgeliebten und gut befreundeten Pale, wie auch Reno Kid, Flyswatter, Hillside, Transmission Stereo und die zigtausend anderen, die ich alle vergessen habe oder auch nicht mal kenne. Die alle müssten viel mehr ins Bewusstsein der Leute gebracht werden, Auftrittsmöglichkeiten müssten verbessert werden usw., aber wahrscheinlich müssten auch Eifersüchteleien zwischen den Bands an sich weniger werden, vielleicht bekommen wir dann alle etwas mehr Resonanz und „Licht“!

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Soulmate Besetzung:

Lars Hillrichs, Schlagzeug

Peter Melchers, Gesang

Jürgen Klostermann, Gitarre

Christian Lütje, Bass und Background Gesang

Jan Spading, Gitarre

http://soulmate.black.de/

Discographie:

1993 7 inch „person of indifference“ (in eigenarbeit).

1996 soulmate debüt „soulmate“ (aalzorp records).

1997 2 song beitrag auf dem sampler „home of crashpop“ (soda records).

1998 4 song split cd „hearts pounding everywhere“ zusammen mit reno kid (soda records).

1999 april 5 song mcd „the nerd soho ep“ (snowblind records)

2000 juli full-length album „in summerstreets“ (superrock records/indigo)

Interview: Jörg Warras

Links (2015):
Discogs

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