März 16th, 2007

SOULFLY (#69, 04-1998)

Posted in interview by jörg

SOULFLY ist die neue Band von Max Cavalera, den alten Sänger/Gitarristen von der brillianten brasilianischen Metal-Band SEPULTURA, von der ja nicht nur 13jähriger BRAVO-LeserInnen begeistert waren, sondern auch sehr viele HC/Punkrock-Leute.

Verständlich, haben SEPULTURA ja nicht nur ungemein kraftvolle Musik gemacht, die mindestens so hardcorig wie metallisch war, sondern haben immer auch coole sozialkritische Texte gehabt, die im Metal-Bereich schon recht einzigartig waren, so als Vergleich fallen mir da höchstens noch SACRED REICH oder CORROSION OF CONFORMITY ein.

Bei SOULFLY sieht das im Prinzip nicht gross anders aus, in der BRAVO waren sie schon, klingen tun sie erschreckend nach SEPULTURA und gut sind sie auch. Dieses Interview fand am 19.2.1998 nachmittags am Telefon statt. Maxe war in Amsterdam, ich in Bovenden.

Und so ging das ab. Hey, wundert euch nicht, dass ich nix zu SEPULTURA gefragt habe, da musste Max schon den ganzen Tag drüber reden, und da wollte ich nicht noch gross nerven. Ich hab dann so ein bisschen privat mit ihm darüber geplaudert, ist ja auch nett mit den Stars mal privat so ein Schwätzchen zu halten… ha, was bin ich cool….

Also, jetzt das Interview:

***

Max: Hallo?

Hallo, ist da Max?

Max: Ja.

Hallo, hier ist Jobst.

Max: Hallo, wie geht’s?

Alles klar, wie sieht’s bei dir aus?

Max: Auch o.k., ich bin müde, aber das ist o.k.. Ich musste den ganzen Tag telefonieren, aber die meisten Interviews waren o.k., insofern ist das schon o.k..

Das hier ist doch das letzte Interview heute, oder?

Max: Ja, und ich bin sehr glücklich darüber. Andreas (von Roadrunner) hat mir erzählt, dass du für’s TRUST schreibst. Das ist ein Fanzine und das ist sehr cool.

Sicher ist das cool. Wofür hast du denn Interviews gemacht? Waren das nur so Metal-Magazine?

Max: Nein, einige Snowboard-Magazine waren an uns interessiert, einige von diesen Heften, die immer umsonst in Plattenläden liegen und ein paar Metal- und Hardcore-Magazine.

Ist SOULFLY jetzt eigentlich eine richtig feste Band?

Max: Ja, wir waren schon auf Tour, Ende April kommt das Album und dann werden die Leute wohl verstehen, dass das eine richtige Band ist und nicht nur ein Projekt von mir.

Das Album klingt ja schon verdammt nach SEPULTURA.

Max: Tja, was kann ich dagegen tun…haha.

Was bedeutet Heavy Metal für dich?

Max: Well, also die erste Musik, die ich bewusst gehört habe war Metal und Punk. Heutzutage bedeutet Heavy Metal nicht viel. Wenn ich heute an Heavy Metal denke, dann muss ich an DIO und andere Bands denken, die so über Drachen singen und so. Und das ist schon verdammt weit von dem entfernt was ich mache.

Ich mag allerdings einige dieser „New Metal“ -Bands wie z.B. FEAR FACTORY oder DEFTONES. Das ist guter Metal, das vermischt sich auch immer mehr und wird immer etwas mehr “ crossover“ .

Was bedeutet dann PUNKROCK für dich?

Max: Punkrock ist für mich… Freiheit. Musik so zu spielen, wie du es willst, (without giving a fuck). Für mich war Punkrock immer eine sehr freie Form von Musik, wo du keinen Fick gegeben hast. Heavy Metal war immer sehr klischeebeladen… na gut, vielleicht ist Punk das heute mit amerikanischen Bands wie GREEN DAY und so einer Scheisse genauso. Aber der „spirit“ von Punk ist genau das Gegenteil von Heavy Metal. Und deswegen liebe ich auch Punk und Hardcore. Eigentlich geht es ja sowieso um den „spirit“.

Ist denn SOULFLY deiner Meinung nach eine Punkrock-Band?

Max: Hmm, ich glaube, dass SOULFLY schon den „spirit“ der Punkbands hat, weil wir halt einfach machen wozu wir Bock haben. Selbst auf so einem hohen Level wie SEPULTURA war, habe ich nie beim Machen von der Musik oder Texten daran gedacht, wieviele Platten ich verkaufen werde. Ich mache ein Album mit der verschiedenen Musik, die ich mag, und das ist Freiheit.

Aber Punkrock hat meiner Meinung nach immer auch etwas damit zu tun, Dinge auszudrücken, die man Scheisse findet und letztendlich der Versuch auch Dinge anzusprechen, um sie zu ändern… also auch schon auf einer politisch-sozialen Ebene…

Max: Ja, ich denke, dass SOULFLY in dem Sinne eine Punkband sind, wie auch PUBLIC ENEMY eine Punkband sind. Es geht ja um Einstellung. Das macht dich zum Punk und nicht, wie du aussiehst, oder ob du ein Anarchie-T-Shirt anhast.

Also hat SOULFLY auch was zu sagen!???

Max: Ja, ich denke in der Zukunft werden wir mehr verschiedene Themen ansprechen, auch mehr politische, denn im Moment geht es bei SOULFLY um “ Leben“ , “ Realität“, es geht um Dinge wie zum Beispiel „Tod“, wie Tod das Leben beeinflusst. Auf dem Album sind jetzt halt sehr verschiedene Dinge drauf, jeder Song bedeutet etwas sehr, sehr Persönliches für mich. Es geht um wirkliche Gefühle.

Einige der SOULFLY-Texte sind so nah und offen, dass man mich wahrscheinlich nicht näher kennenlernen kann. Es sind Texte über den Tod meines Freundes, der auch der Sohn meiner Frau ist. Es sind Texte über die Erfahrung eine Mutter und einen Bruder weinen zu sehen. Es ist sehr, sehr nah und sehr persönlich, und damit meine ich näher und persönlich als es in Texten normal ist.

Was ist das für ein Gefühl so extrem offen zu sein, sich so weit zu öffnen und gleichzeitig zu wissen, dass das verdammt viele Menschen mitkriegen werden? Ist das nicht seltsam?

Max: Manchmal. Wenn ich die Texte und Musik mache, denke ich mehr daran das alles (künstlerisch) umzusetzen. Ich überlege mir manchmal, wieviel Leute das wirklich berühren wird… ich glaube aber schon, dass viele so reele Gefühle hören wollen und so Fantasy-Texte wie DIO oder IRON MAIDEN nicht mehr hören wollen.

Gibt es irgendwelche Bands, die dich mehr beeinflusst haben als andere?

Max: Ich habe viel Kontakt zu meinen Fans und wir kommunizieren viel und das kann meine Art Dinge zu sehen, sehr beeinflussen. Da ist eine sehr besondere Beziehung. Es können einfach Leute auf einer persönlichen Ebene zu mir kommen und das finde ich sehr cool. Wenn ich die ganzen echten Künstler sehe, die in ihrer eigenen Welt leben, in ihrer Rock-Star-Welt…

Lebst du da nicht?

Max: Hmm, um mich herum ist schon dieser gleiche formelle Kram, wie Label, Organisation… aber in mir drin ist das sehr anders. In meinem Herzen, mit meinem spirit bin ich davon sehr weit entfernt. Es geht mir um Freundschaft und Integrität, Seite an Seite zusammengehen bedeutet fast alles.

Das ist der Grund warum ich SEPULTURA verlassen habe, das hatte nix mehr mit Freundschaft zu tun. Es gab keine Loyalität untereinander. Freundschaft ist unbezahlbar und es ist eines der heiligsten Dinge, die du haben kannst.

Ist es überhaupt möglich in einer Umgebung wie dem music-business, wo es nur darum geht gewinnträchtige Produkte zu produzieren, Freundschaften zu halten…

Max: Ich weiss nicht. Ich versuche das, ich muss mich den ganzen Tag viel mit dem music-business auseinadersetzen, dabei kotzt es mich an. Das ist nur Beschiss. Da geht es nur um Geld, Freundschaft bedeutet da gar nichts. Die Leute sind so heuchlerisch… sie mögen dich nur für eine bestimmte Zeit, aber wenn du einen Fehler machst, dann bist du draussen… Ich muss meine Augen geschlossen halten, es ist ziemlich ätzend. Ich will halt nur meine Musik machen. Ich will so wenig wie möglich damit zu tun haben.

Warum tust du das dann überhaupt? Denkst du nicht, dass du Möglichkeiten hättest ohne diesen ganzen music-business-Scheiss auszukommen?

Max: Die Musik ist meine Therapie. Die Musik ist das was mich auf den Beinen hält. Wenn mich etwas wirklich ankotzt, dann hör ich mir meine Musik an oder mache Musik. Irgendwie kann ich den ganzen Scheiss dann durch meine Musik verdrängen.

Das beantwortet meine Frage aber nicht. Hast du nie darüber nachgedacht, Deine Musik ganz ohne das music-business zu machen, auf einem d.i.y.-level, wo du die ganze Kontrolle über das hast, was du tust?

Max: Ich hab sehr oft darüber nachgedacht, aber obwohl das Label, die Industrie an meinen Sachen beteiligt ist, könne sie dennoch nicht meine Hauptquelle berühren.

Was ist diese Quelle denn für dich?

Max: Das Herz, Mann. Die Musik kommt vom Herzen und da kommen sie nicht dran, egal was sie tun. Das ist es für mich, was Bands mit Integrität ausmacht, dass das was sie machen von ihrem Herzen kommt. Und das kann man immer sofort sehen. Die DEAD KENNEDEYS, BOB MARLEY und PUBLIC ENEMY das sind Bands mit Integrität, die haben mich beeinflusst. Jello Biafra besonders. Ich hatte das Glück in der Vergangenheit mit ihm zusammenzu arbeiten, er hat auf dem SEPULTURA-Album „Chaos A.D.“ den Text von „Biotech is Godzilla“ geschrieben und ich hab am Telefon viel mit ihm geredet, ihn auch getroffen und er ist grossartig, genau wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Er macht was er will. Wir wollen vielleicht in der Zukunft ein Projekt zusammen machen. Wir haben beide wenig Zeit, deswegen weiss ich nicht wann. Wir wollen in Brasilien auf einem Truck in der Strasse Musik machen und dass dann vielleicht aufnehmen, so eine Mischung aus LARD, DEAD KENNEDEYS und SEPULTURA mit sehr politischen Texten von Jello. Das will ich wirklich gern machen , weil es revolutionär und anders ist. Meist werden die Leute langweilig, wenn sie Erfolg haben und wollen sich die Sachen leicht machen.

Was willst du denn am liebsten ändern?

Max: Am meisten kotzt mich die Situation von Kinder, besonders in der dritten Welt, an. Es ist nicht fair. Wenn du älter bist, kannst du mehr auf dich aufpassen, aber als Kind hast du gar keine Wahl. Ich hab selbst zwei Kinder und ich versuche so gut wie möglich auf sie aufzupassen, aber manchmal bin ich in Brasilien und wenn ich da die ganzen Strassenkinder sehe, dann macht mich das wirklich fertig. Wenn ich die Macht und Möglichkeit hätte, würde ich diese Kinder alle von der Strasse holen und ihnen eine Ausbildung geben, damit sie aus ihrem Leben etwas machen können.

Was kannst du denn machen, um das zu ändern?

Max: Musik ist das einzige was wir haben, also sind wir nicht so mächtig, aber wir haben etwas, indem wir Lieder schreiben, Leuten etwas erzählen… in der Zukunft wünsche ich mir ähnlich denkende Leute zu finden, die wirklich arbeiten wollen und dann wirklich helfen. Es ist schwierig, weil es da draussen auch verdammt viele motherfucker gibt, die so was auch ausnutzen.

Kann man ja auch gut Kohle mit machen…

Max: Ja, Mann, du sagst es. Aber die Sache, die wir auf der SPULTURA „Roots“ -LP mit den brasilianischen Indianern gemacht haben, war auch wirklich cool. Von jedem Album, dass heute verkauft wird, kriegen sie Geld und das hilft ihnen sehr viel weiter.

Sie können ihre eigene Lage verbessern, ohne wie die weissen Menschen zu werden. Es hat keine Auswirkung auf die Art wie sie leben oder ihre Kultur. Und so soll das sein. Deswegen wollte ich auch das Album machen. Das hilft, die werden für immer Geld kriegen.

Stimmt, irgendwie scheint Geld auch das einzige zu sein, mit dem man richtig helfen kann…

Max: Glaub ich nicht. Dinge wie Musik oder Inspiration sind auch sehr wichtig und unbezahlbar. Als wir den Indianer-Stamm besucht haben, war das was sehr besonderes.

Wir haben sie beeinflusst und sie haben uns beeinflusst und das war alles sehr spontan. Ich kam mit einem anderen Kopf daraus und ich denke, dass es sie auch verändert hat.

Wie lange wart ihr da?

Max: Tage, aber das war lang genug, um meine Gedanken für immer zu ändern.

Was liest du gern?

Max: Ich lese sehr selten. Manchmal lese ich Auszüge aus der Bibel. Ich weiss nicht, ob ich daran glaube, aber… und auch Bücher über Indianerstämme und Kulturen…

Du bist doch auch sehr an der underground-Musik-Szene interessiert?

Max: Ja, ich versuche immer viele Demos zu hören, weil man da den besten Eindruck einer Band gewinnen kann und auf Demotapes ist die Musik oft noch sehr primitiv und ich habe festgestellt, dass primitive Musik oft am besten ist. So versuche ich auch meine Musik zu machen, primitiv, ich versuche nicht zu viel darüber nachzudenken, es soll so aus mir rauskommen, wie es ist.

O.K., wie wär’s mit einem Wort-Assoziationsspiel? Anarchie.

Max: Chaos.

d.i.y.

Max: SEX PISTOLS am Anfang.

Religion.

Max: Wahrheit und Lüge.

Musik.

Max: Religion.

Tattoos.

Max: Tribalismus.

Fleisch.

Max: Fuck McDonalds.

So jetzt nur noch ein paar Fan-Fragen denn damit ist der ernste Teil des Interviews abgeschlossen.

Max: O.K., cool, Mann.

Was ist dein Lieblingsessen?

Max: Reis mit Bohnen.

Lieblingsgetränk?

Max: Limonade.

Wann warst du das letzte Mal besoffen?

Max: Vor ein paar Tagen.

Was war das Dümmste, das du je gemacht hast?

Max: Mich prügeln.

Worüber lachst du?

Max: Gute Comedy.

O.K., irgendwelche Botschaften an Deutschlands PunkrockerInnen?

Max: Ich weiss nicht. Ich bin sehr erstaunt, dass ihr die Zeit genommen habt, mit mir zu reden. Das ist sehr cool. Dies war mein letztes Interview nach ca. 300 anderen heute und ich hoffe, dass es den Leuten, die es lesen, etwas geben kann, dass sie Spass daran haben.

Hast du denn Spass gehabt?

Max: Ja.

Ist es denn etwas anderes ein Interview mit einem Fanzine zu machen als mit der mainstream-Presse?

Max: Ja, es ist viel besser, weil es ehrlicher und wirklicher ist. Andere Interviews sind Scheisse, die Leute wollen immer nur eine besondere Sache wissen, bedrängen dich etwas zu sagen, das gut klingt, damit sie mehr Zeitungen verkaufen. Bei Fanzines habt ihr das nicht nötig, ihr verkauft eure Hefte sowieso an die Leute, die es interessiert. Es ist echt viel angenehmer.

O.K., dann machen wir Schluss.

Max: O.K., vielen Dank.

***

Interview: Jobst Eggert

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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