März 11th, 2007

SOCIAL DISTORTION (#62, 02-1997)

Posted in interview by jörg

Social Distortion sind nun wirklich keine Newcomer, brauchen also auch keine grosse, lange Einführung. Trotzdem sollte gesagt werden, dass ihr neues Album „White Light White Heat White Trash“, nach den letzten beiden zu kraftlosen Platten, wieder richtigen Punkrock enthält.

Grund genug kurz mit Gitarrist Dennis Danell vor ihrem Konzert in der Frankfurter Batschkapp zu sprechen.

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Du bist der selbe Dennis, der auch schon auf der „Mainliner“-Single mitgespielt hat, bist also schon seit Anfang an dabei?

Dennis: Ja, das bin ich. Mike Ness und ich haben die Band gegründet.

Am Anfang hast du aber noch Bass gespielt….

Dennis: Ja, das war damals die Position, die noch Niemanden hatte, aber seit der „1945“-Single spiele ich Gitarre.

Eure Tournee ist jetzt in zwei Teile gesplittet worden, ein Teil als Vorband der Toten Hosen, der Rest als Hauptakt in kleineren Clubs. Wie war es gestern als Vorband der Hosen?

Dennis: Naja, es war interresant. Wir haben in Wolfsburg gespielt, und es war eigentlich viel besser, als ich erwartet habe. Wir sind da mehr oder weniger blind reingelaufen, die Toten Hosen scheinen grosse Fans von uns zu sein, deswegen wurden wir gefragt mit ihnen zu spielen.

Ich frage deswegen, weil vor einiger Zeit, kurz vor ihrem Durchbruch, Green Day, einige Dates als Vorband von ihnen fungierten, und Billie Joe mir damals im Interview erzählte, dass sie regelrecht von der Bühne gebuht wurden. Alles brüllte: „Hosen, Hosen, Hosen“.

Dennis: Na ja, wir hatten ja sowieso nur eine halbe Stunde Zeit zum spielen, und auch bei uns haben sie zwischen den Songs „Hosen, Hosen“ gebrüllt, aber Mike hat ihnen dann klargemacht, dass sie die Hosen schon noch zu sehen bekämen, erst aber nunmal wir dran wären, und dann haben wir einfach den nächsten Song angefangen.

Inwieweit ist Social Distortion eigentlich die „Mike Ness Band“? Er bekommt die meiste Publicity, er schreibt alle Songs…

Dennis: Er ist nun halt mal der Sänger! Fast alle wollen immer mit dem Sänger einer Band sprechen. Das macht es für mich schön einfach, ich mag es eigentlich gar nicht Interviews zu geben, oder über mich und die Musik zu sprechen. Auf der anderen Seite hat er schon die Songs der letzten beiden Alben allein geschrieben. Er kam meistens mit einem fast fertigen Song zur Probe, spielte uns ihn vor und dann haben wir noch ein bisschen an den Feinheiten herum gebastelt, aber manchmal war es auch so, dass der Song einfach gestimmt hat, und warum sollte man an etwas, das funktioniert, noch unnötig herumdoktern?

Ich habe mir gerade vor ein paar Tagen mal wieder den Film „Another State Of Mind“ (legendärer Film über die 82er Tour von Social Distortion, Youth Brigade und Minor Threat in einem umgebauten Schulbus) angesehen. Am Ende fliegt Ihr alle, ausser Mike Ness, zurück nach L.A.. Die Tour erscheint als relativ unbefriedigend, das Ganze wirkt ziemlich depressiv. Wie siehst Du die damalige Zeit heute, nach über 15 Jahren?

Dennis: Nun zuerst muss ich mal klarstellen, dass der Film die wirklichen Begebenheiten böse verzerrt. Es sieht aus, als wären wir damals mitten in der Tour einfach abgehauen. Die Wahrheit ist, dass wir nach paarunzwanzig Konzerten in Washington D.C. festsassen, und noch genau zwei Konzerte anstanden, eins in Texas, also ungefähr 2000 Meilen weit weg, das andere in Atlanta war gerade abgesagt worden. Eine Menge Szenen wurden auch einfach nach der ganzen Tour gefilmt und später reinmontiert, damit es dramatischer wirkt. Die Filmemacher wollten einfach mehr daraus machen, als in Wirklichkeit da war. Trotzdem kann man die Situation damals und heute einfach nicht vergleichen. Heute ist das, was wir machen, zumindestens in Amerika, einfach kommerziell akzeptiert.

Es ist heute einfach ein Teil des Mainstreames, deswegen verkaufen Green Day auch Millionen von Platten. Heute gehst du in ein normales Kaufhaus und kaufst dir einfach Dr. Martens und eine Lederjacke. Heute hat jeder eine Million Piercings und Tattoos. Es ist auch so, dass heute eine Menge Leute auf unsere Konzerte kommen, die eben nur ein Konzert besuchen wollen. Für die ist das wie ins Theater gehen, das nächste Mal, gehen die dann zu Madonna.

Die merken gar nicht, was das Ganze Punk-Ding mal bedeutet hat, von wegen Individualität, Kreativität und die Idee, dass jeder sich künstlerisch entfalten könne. Heute gibt es einfach nur noch die grosse Mischung, Crossover eben, da werden die Red Hot Chili Peppers und diese ganzen Funk-Rap-Sachen auch mit in den grossen Topf „Alternativ“ gepackt. Ich meine, überleg doch mal, wenn alles alternativ ist, dann frage ich mich alternativ gegenüber was? Was zum Geier ist Punk heute, es ist zu einem Stereotypen geworden.

Warum habt Ihr „Under My Thumb“ nochmal gecovert?

Dennis: Wir haben mit dem Song einfach im Studio herumgespielt. Die aufgenommene Version hat uns gefallen, also haben wir sie mit auf die CD geschmissen. Es ging uns auch darum zu zeigen, dass wir noch nicht fett, alt und langsam geworden sind, sondern den Vergleich mit unseren alten Sachen immer noch aufnehmen können.

Im Waschzettel zur neuen CD steht, dass das jeweilige Album zeigt, welche Musik Mike, bzw. Ihr, zur Zeit des Songwriting gehöhrt habt, welche Musik Euch inspiriert hat. Das war bei den letzten beiden Alben „Social Distortion“ und „Somewhere Between Heaven And Hell“, 50er Jahre Rockabilly und Country. Auf den Alben gab es dann auch Johnny Cash und Ed Bruce-Coverversionen. Bei „White Light White Heat White Trash“ war die Inspiration alter US-Punk wie X, die Dickies oder die Dead Boys. Warum habt Ihr nicht einen Klassiker aus der Zeit gecovert?

Dennis: Das ist eine gute Frage……naja….vielleicht, dachten wir, dass die Songs noch zu neu seien, zu sehr noch ein Teil von heute sind, um sie zu covern. Ich meine, wenn wir eine Coverversion von einem Song machen, dann versuchen wir unsere eigene Version des Songs zu bauen.

Wenn Du dir jetzt z. B. einen Song von X anhörst, dann ist der schon so gut, so rockig wie er nur sein kann. Wir hatten wahrscheinlich Angst dem Song nicht gerecht zu werden. Das Letzte was wir wollen ist, dass ein Cover dann klingt, als ob wir in einer Karaoke-Bar wären.

Hast Du eine Begründung warum 1996, auf einmal, ohne Grund, die Germs zu postumer Ehre kommen. Sie waren eine tolle Band, aber warum gibt es aus heiteren Himmel plötzlich einen Sampler auf dem Hole und andere relativ bekannte Bands mitspielen und alle in Interviews Darby und die Germs als grossen Einfluss nennen?

Dennis: Ich habe keine Ahnung. Um ehrlich zu sein, versuche ich darüber lieber nicht nachzudenken. Ich glaube nämlich, dass die wenigsten damals die Germs mochten, eben nicht „dabei“ waren, es heute aber gerne gewesen wären. Also tun sie jetzt ganz gross, um zumindest den Eindruck zu erwecken. Damals waren die Germs auch keine grosse Sache.

Es gab immer technische Probleme bei ihren Konzerten, du liefst immer Gefahr verprügelt zu werden und deswegen waren meistens gerade mal 25 Besucher da. Du musst überlegen, dass damals auf Punks herabgesehen wurde. Du wurdest von den Cops verprügelt, man lies dich nicht in Restaurants rein, du warst ein Assozialer, ein gesellschaftlicher Aussenseiter. Die Zeit hatte nicht glamouröses an sich, basta! Heute versuchen die Leute diese Zeit zu mystifizieren, gerade die, die nicht dabei waren.

Als 1990 das „Social Distortion“-Album erschien und Ihr zum ersten Mal etwas Erfolg hattet, wurde Euch in vielen Fanzinen, insbesondere Flipside, vorgeworfen, Ihr würdet Euch wie beschissene Rockstars aufführen und speziell die Vorgruppen mies behandeln. Wie ist Euer Verhältnis zu Flipside oder M.R.R. heute?

Dennis: Die Leute werden immer alles mögliche sagen und immer alle möglichen Ideen über was auch immer haben. Wir hatten unsere Ideen, wir dachten, dass das was wir gemacht haben Punk sei, also haben wir es gemacht. Für Flipside oder M.R.R. war es leicht sich zurückzulehnen und uns zu kritisieren, aber darüber habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht. Wir wollten nie das tun was gerade trendy war, sondern immer nur das, was wir wollten. Das klingt jetzt sehr egozentrisch, aber es ist so. Was die Sache mit den Vorbands betrifft, so ist mir noch nie etwas zu Ohren gekommen, dass wir irgendjemanden beschissen behandelt haben. Ich meine, wir geben den Bands die selben Möglichkeiten die wir vorher hatten, was sollen wir sonst noch tun? Ihre Songs für sie spielen?

Hinzu kommt dann natürlich auch die übliche Scheisse mit dem „Sell-Out“ Vorwurf, weil wir auf einem Major-Label sind. Darum kümmern wir uns aber auch nicht. All diese selbsternannten Indie-Labels und die ganzen Indie-Fanzines werden doch alle von grossen Major-Vertrieben vertrieben. Heute kannst du in jedem grösseren Buchladen dein M.R.R. kaufen. Ich meine, was wollen diese Leute? Soll es wirklich so sein, dass du keinen Erfolg, keine Bestätigung aus deiner Arbeit haben darfst? Wir haben nicht die Zeit uns um diese verschworene Clique zu kümmern, wir brauchen die Zeit um die Band weiter zu bringen.

Warum gab es so eine lange Pause zwischen „Mommy’s Little Monster“ 1983 und 88 als „Prison Bound“ veröffentlicht wurde? Gab es die Band zu der Zeit überhaupt?

Dennis: Doch, doch, es gab uns die ganze Zeit. Wir haben damals auch immer wieder an der Westcoast gespielt. Wir haben nur damals alle unsere Aufnahmen selber finanziert, waren im Grunde genommen nicht bereit, uns mit irgendeinem Label einzulassen. Hinzu kam noch, dass wir alle sehr selbstgerecht das, was man exzessives Verhalten nennen kann, an den Tag legten. Kurz gesagt, „We were just fucking off“. Alkohol, Drogen….

Sind die Lieder auf „Prison Bound“ über die gesammte Zeit hindurch endstanden, oder eher kurz vor dem Erscheinen der Platte?

Dennis: Nun, es hat fasst ein Jahr gedauert die Platte aufzunehmen. Davor haben wir schon ungefähr ein Jahr an den Songs gearbeitet. Ein weiteres Jahr ging verloren weil Brent und Derik die Band verliesen und wir neue Musiker gesucht haben. Das hat mindestens ein Jahr gedauert, naja und dann waren einige von uns im Knast, weil wir irgendeine Scheisse verzapft hatten…..das wünsch ich auch Niemanden…..so ging die Zeit halt rum…Als die Platte endlich draussen war, wurde uns bewusst, dass vier Jahre vergangen waren. Wir haben uns damals nicht genötigt gefühlt, irgendetwas zu veröffentlichen.

Ausserdem sind wir auch nicht die Art von Band, die andauernd Jahr für Jahr ein Album produziert. 1988 war die Punkszene zur Hardcoreszene geworden und wir passten da natürlich nicht rein. Aber wir haben eben unser Ding durchgezogen. Hardcore fing dann an richtig up-tempo zu werden, fasst so eine Vorstufe zum Speedmetal und es wurde auch sehr politisch. Wir haben uns aber noch nie als politische Band gesehen, wir sind einfach keine Politiker, sondern Musiker.

Werdet Ihr heute abend auch ältere Songs spielen?

Dennis: Oh ja, natürlich! Wir versuchen von allen LPs etwas zu spielen. Es ist aber nicht so, dass wir jetzt nur Sachen von „Mommy’s Little Monster“ spielen, obwohl das viele Leute gerne so hätten. Ich meine, wir spielen diese Songs seit über 15 Jahren, irgendwann hast du genug davon. Ausserdem ist es auch so, dass die Inhalte von manchen alten Songs für uns heute einfach nicht mehr wichtig sind. Damals haben wir gegen unsere Eltern, die Schule, die Cops etc. gesungen, dass ist einfach kein Teil unseres Lebens mehr.

Oh Gott, wir sind heute selber Eltern. Wir wollen keine Oldie-Band sein, die davon lebt, ihre Vergangenheit auszuschlachten. Es ist auch so, dass uns heute Themen beschäftigen, von denen wir uns damals nicht vorstellen konnten, dass sie uns jemals beschäftigen würden. Das ist aber ein völlig normaler Prozess, wenn man älter wird.

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http://www.socialdistortion.com

Text/ Interview: Al Schulha

Fotos: Al Schulha & Andrea Stork

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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