Mai 17th, 2017

THE SILVER MT. ZION MEMORIAL ORCHESTRA (#166, 06-2014)

Posted in interview by Jan

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra. So heißt die andere Band von Efrim Menuck also heute. Es ist grob geschätzt die dreizehnte Variation des im Grunde immer gleichen Bandnamens und dieser permanente Wandel hat durchaus Konzept. Bloß niemals stehen bleiben. Immer weiter ziehen. Das war auch schon bei seiner einen Band Godspeed You! Black Emperor so, die das Ausrufezeichen im Bandnamen auch immer wieder anders setzten. Mit beiden Bands jedoch prägte er nachhaltig das Genre Post-Rock, ohne dass er oder seine Mitmusizierenden sich jemals dazu zählen wollten. Ebenfalls gemeinsam ist beiden Bands das Label Constellation, welches sie ihr Zuhause nennen. Es stammt wie sie selbst aus Montreal und gehört mit seinen immer wunderschönen und auch haptisch ansprechenden Veröffentlichungen zu den wenigen Labels, die selbst einen unverkennbaren Charme haben, egal welche Band sie gerade herausbringen.

Wir trafen Efrim im Vorraum der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Ost-Berlin. Zunächst mussten wir vorher etwas warten, weil er noch auf den letzten Drücker ein Gespräch mit dem Finanzamt drüben in Kanada führen musste. Dann plauderten wir ausgiebig mit ihm über Politik und Musik, sowie über seine kleine Familie, welche außer ihm noch die Violinistin der Band Jessica Moss und ihren gemeinsamen Sohn Ezra umfasst. Efrim Menuck hat definitiv viel zu erzählen.

Die letzten beiden Alben von A Silver Mt. Zion beschäftigten sich vor allem mit der ökonomischen Krise. Wenn man die Zahlen betrachtet scheint es aber nicht so, als wäre Kanada im Vergleich zu anderen Ländern besonders betroffen. 2009 gab es lediglich ein negatives Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,8 Prozent. Ist die Krise in Montreal wirklich spürbar?

Das ist sie in der Tat, auch wenn die kanadische Regierung sich bemüht, die Folgen der Krise zu verstecken. Andererseits ist es aber auch so, dass das Wachstum, dass Europa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erlebte, in Kanada erst ein paar Jahre später ankam. Wir hängen also ein wenig hinterher, unsere Blase ist einfach noch nicht geplatzt. An jeder Ecke siehst du Menschen, die auf Pump teure Autos fahren, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis uns das um die Ohren fliegt. Aber auch in Kanada hat es einen Einbruch gegeben. Die Regierung hat allerdings ein wenig mit den Zahlen getrickst, damit es nicht so rüberkommt. Du merkst es aber, wenn du durch die Stadt gehst. Die Rezession ist da und die Inflation genauso. Die Preise in Kanada steigen gerade wie bescheuert. In den letzten sechs Jahren ist alles sehr viel härter geworden – vor allem in Montreal.

Hat die Krise einen Einfluss auf deine Band, die über die textliche Ebene hinausgeht?

Es hat auf jeden Fall einen existentiellen Einfluss auf uns als Menschen und wie wir leben, aber natürlich hat es auch ökonomische Auswirkungen auf uns als Band. Wir arbeiten quasi in der Dienstleistungsbranche. Musik ist etwas, für das Menschen Geld ausgeben, welches sie übrig haben. Wenn sie keines mehr übrig haben, gehen sie auf weniger Konzerte und kaufen weniger Platten. Was da draußen passiert, ist einfach falsch und mehr und mehr Menschen empören sich darüber.

Also bist du auch empört darüber, was geschieht?

Absolut. Wir werden von Dummköpfen regiert. Es wäre ja schon schlimm genug, wenn sie einfach nur gierig und korrupt wären, aber sie sind zu allem Überfluss auch noch wirklich dumm. All ihre Entscheidungen zielen auf kurzfristige Vorteile und sonst nichts ab. Als wären die Herrschenden im Westen davon überzeugt, dass sie zu den zehn Prozent gehören werden, die überleben, wenn alles andere vor die Hunde geht. Sie glauben nicht, dass sie zu denjenigen gehören, die die mittel- und langfristigen Folgen spüren werden, also sind sie ihnen scheißegal.

Sowohl Berlin als auch deine Heimatstadt Montreal werden beide als Hotspots der Musikszene vermarktet. Siehst du Ähnlichkeiten zwischen beiden Städten?

Nicht mehr. Berlin ist zwar auch teurer geworden, aber Montreal ist mittlerweile unfassbar teuer. Es liegt sicher auch daran, dass die Stadt auf einer Insel liegt und auf die einfach nur eine bestimmte Zahl Menschen passt – ähnlich wie in San Francisco. Als immer mehr Leute nach Montreal zogen, sind die Mieten regelrecht explodiert. Unser Kiez, Mile End, ist mittlerweile komplett petrifiziert. Heutzutage kommen Kinder reicher Eltern nach Montreal, um eine Band zu gründen, weil es angeblich so eine coole Stadt ist und so eine Scheiße.

Hast du manchmal das Gefühl, dass du selbst oder deine Bands als eine Art Werbeträger für Montreal verwendet werden?

Nein, eigentlich nicht. Dann schon eher das genaue Gegenteil. In Montreal und Kanada werden wir eher ignoriert. Wenn jemand einen Artikel über die tolle Szene von Montreal schreibt, kommen Godspeed You! Black Emperor oder A Silver Mt. Zion mit großer Wahrscheinlichkeit nicht darin vor.

Der Prophet gilt als nichts im eigenen Land.

Ganz so ist es auch nicht. In unser eigenen Community werden wir natürlich wahrgenommen und man kennt uns. Ich meinte eher den Scheißteil der Musikwelt von Montreal, wenn ihr wisst, was ich meine.

Das Verhältnis zu deiner Heimatstadt scheint ein eher durchwachsenes zu sein.

Ich denke, alle sollten so ein gemischtes Verhältnis zu ihrer Heimatstadt haben. Städte sind keine utopischen Orte und werden es auch nie sein. Eine Stadt zu lieben, heißt immer auch, sich in einem Kriegszustand mit ihr zu befinden. Ich liebe Städte, aber im Grunde genommen sind sie ziemlich beschissene Orte zum Leben. Ich liebe es, in Montreal zu leben, gerade weil es so eine beschissene, konfliktreiche und widersprüchliche Stadt ist.

Diese Beschissenheit hat ja auch etwas Inspirierendes.

Ganz genau. Allein schon die Tatsache, dass Menschen weiterhin dort wohnen, empfinde ich als inspirierend. Außerdem müsst ihr wissen, Montreal liegt in Quebec, aber Quebec hasst Montreal und Kanada wiederum hasst Quebec. Die englischsprachigen Kanadier hassen Quebec, weil es französischsprachig ist und die Menschen in Quebec hassen Montreal, weil es eine multikulturelle Stadt ist. Viele dort haben die Vorstellung, dass Quebec rein weiß und französischsprachig sein sollte. Quebec ist ein bisschen wie Bayern. Es ist einfach ein riesiger Haufen weißer Bauern, randvoll mit Rassismus und Angst vor allem Fremden. Montreal steht gewissermaßen gegen all das und das macht es so interessant.

Das klingt nicht so, als wärest du ein großer Freund der Idee eines unabhängigen Quebecs.

Grundsätzlich wäre ich voll dafür, aber sicher nicht mit den Führern und der Bewegung, die es dort gerade gibt.

Der Teil Berlins, in dem wir gerade sind, ist das sogenannte Scheunenviertel, welches bis zur Shoah eines der Zentren jüdischen Lebens in Berlin war. Wusstet du das?

Ja, das war mir bewusst.

Hat das auf dich als jüdischen Menschen irgendeinen Einfluss?

Nicht mehr, würde ich sagen. Aber als ich das erste Mal in Berlin war und davon gehört habe, brauchte ich natürlich einen Moment, um das zu verarbeiten.

Kannst du dich erinnern, wie es sich beim ersten Mal angefühlt hat?

Es war schon hart, aber andererseits stammt meine Familie ja nicht aus Berlin, sondern aus dem Osten. Als wir das erste Mal dort auf Tour waren, war es wirklich hart. Polen, Litauen oder Ukraine – aus der Gegend stammen die meisten Jüdinnen und Juden in Nordamerika. Dort zu touren, war viel krasser für mich.

Du hast mal gesagt, dass du Atheist aber dennoch auch jüdisch bist. Glaubst du, es gibt so etwas wie ein säkulares Judentum?

Ja, das glaube ich. Seit ich klein war, bin ich Atheist, aber gleichzeitig gibt es diese kulturellen Werte, die mir wichtig sind. Ich wurde so erzogen, wie ich erzogen wurde, weil ich jüdisch bin und aus einer jüdischen Familie komme. Ich kann auch nicht einfach sagen, ich sei kein Jude mehr, weil es immer irgendwelche Arschlöcher geben wird, für die ich trotzdem ein „Scheißjude“ bin. Solange wir nicht in einer post-ethnischen Welt leben, in der so etwas überwunden ist, wird es immer Juden geben, die nicht an Gott glauben. Ich bin einer davon und es gibt ziemlich viele von uns.

Siehst du diese „post-ethnische Welt“ schon irgendwo am Horizont oder können wir da noch lange drauf warten?

Im Gegenteil, sie existiert bereits und zwar in den Städten. In dem Kiez, in dem ich lebe, sehe ich jeden Tag Kinder mit verschiedensten Hintergründen und es ist völlig egal. Gerade die jüngere Generation in den Städten interessiert sich dafür oft nur noch einen Scheißdreck. Das finde ich großartig.

Dennoch habt ihr eurem Sohn Ezra einen jüdischen Namen gegeben. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, sicher. Irgendwann werden wir ihm das wohl erklären müssen, aber bis dahin vergeht noch eine ganze Weile, denke ich.

Ist euer Sohn mit euch auf Tour?

Er ist eigentlich immer mit uns auf Tour, schon seit er ein Baby war. Bei kürzeren Touren lassen wir ihn manchmal bei Jessicas Mutter, aber wenn es mehr als zehn Tage sind, ist er immer dabei.

Du bist also quasi mit deiner ganzen Familie auf Tour. Das ist sicher sehr anders, als es früher war oder für andere Bands heute noch ist.

Die Tage sind sehr viel länger, wenn er dabei ist. Weil er so früh aufsteht, musst du auch früh aufstehen. Es ist echt viel Arbeit. Gleichzeitig ist er aber auch immer unsagbar glücklich auf Tour und diese positive Energie, die er deshalb ausstrahlt, gibt uns wieder etwas zurück. Auf jeden Fall ist es etwas ganz anderes, als nur mit verkaterten Musikern herumzuhängen.

Es ist vor allem auch eine sehr andere Art des Aufwachsens im Vergleich zu den meisten Kindern.

Auf jeden Fall, mittlerweile ist er auch schon fast fünf. Manchmal fragen wir uns, ob er nicht anfangen wird, sich zu Hause zu langweilen, wenn wir von einer Tour zurückkommen.

Und ob er sich nicht wundert, dass er in einem Bett schlafen soll, das sich nicht bewegt.

Ja, genau. [lacht]

Du selbst bezeichnest dich als Anarchisten und wirst auch von anderen so genannt. Wenn das von rechten Idioten kommt, ist das doch fast schon so etwas wie eine Auszeichnung, oder?

Sicher wird das Wort von vielen als eine Art Schimpfwort gebraucht, aber es ist ja nicht so, dass ich dieses Anarchist-Sein nur wie einen Aufnäher auf dem Ärmel herumtrage. Ich habe mich wirklich damit auseinandergesetzt. Manchmal glaube ich, dass mein Verhältnis zum Anarchismus nicht viel anders ist als das von anderen zur Religion. Vielleicht ist der Anarchismus die einzige Religion, die ich jemals hatte und die habe ich jetzt schon, seit ich ein Teenager war. Ich bin überzeugt davon, dass wir lieber eigenverantwortlich handeln sollten, statt uns seit Jahrhunderten von irgendwelchen Führern in den nächstbesten Abgrund führen zu lassen. Das mag vielleicht naiv sein, aber dann bin ich halt naiv. Immer noch besser als ein Dummkopf zu sein.

Was heißt es für dich, Anarchist zu sein? Also jetzt nicht auf theoretischer Ebene, sondern konkret im Alltag.

Es heißt für mich, nichts in meinem Leben und in meinem Alltag zu akzeptieren, dass die Machtstruktur aufrecht erhält und reproduziert, in die wir hineingeboren wurden. Ganz einfach. Es heißt für mich, zu versuchen, mein Leben und meine Beziehungen zu anderen so einzurichten, dass sie möglichst nicht diese Machtstrukturen reproduzieren. Keine Chefs, keine Führer und so weiter. Ich will auch nicht der pater familias sein. Wir sind eine Familie und wir versuchen, über Dinge zu reden, damit wir nicht den gleichen Scheiß da draußen auch noch bei uns reproduzieren. Viel mehr kannst du leider nicht machen.

In einem Interview hast du gesagt, unsere Zeiten würden dich ein wenig an das Deutschland zwischen den Kriegen erinnern. Heißt das auch, dass uns wieder ein großer Krieg bevorsteht?

Uns steht Übles bevor, da bin ich mir sicher. Ob das jetzt ein Krieg sein wird, weiß ich nicht, aber das hier ist die Endphase des Kapitalismus und das alles wird nicht mehr lange gutgehen. Die Rohstoffe gehen uns aus und das Klima ist im Arsch. Gleichzeitig scheint unsere ganze Kultur auf die Verdrängung von dem ausgerichtet zu sein, so gut es eben geht. Das erinnert mich an die Weimarer Republik.

Verfolgst du die aktuelle Situation in der Ukraine?

Ich versuche es zumindest.

Wie fühlt es sich an, wenn du aus dem Tourbus steigst und jedes Mal plötzlich Krieg herrschen könnte?

Das ist eine interessante Frage. Als wir neulich in Lyon waren, haben wir uns noch die Demonstrationen auf dem Maidan per Livestream angeschaut und uns darüber unterhalten. Jetzt steht plötzlich eine russische Invasion im Raum und das Ganze ist zu einer geopolitischen Angelegenheit von höchster Bedeutung geworden. Das ist schon verrückt. Aber das sind wohl die Zeiten, in denen wir leben. Immer wieder schafft es irgendwo die Bevölkerung tatsächlich die jeweilige Regierung zu stürzen. Immer aber werden die Bewegungen gleich darauf von irgendetwas anderem übernommen, was total scheiße ist. Es ist schizophren. Den einen Tag fühlst du dich euphorisch und am nächsten Tag vollkommen ernüchtert und das jedes Mal.

Es scheint auch immer schwerer zu werden, eine Seite zu wählen in diesen Konflikten.

Darum geht es mir gar nicht. Der Punkt ist, dass sich Menschen versammelt und eine korrupte Regierung gestürzt haben. Dieser eine kurze Moment, in dem die Menschen sich verbündet haben, um eine Veränderung hin zum Besseren zu erwirken, ist großartig. Was danach kam, ist etwas völlig anderes und da will ich auch gar keine Seite wählen. Ich kann auch gar keine Seite wählen. Egal ob es jetzt die EU, die USA oder Russland ist, es geht doch allen nur darum, sich die Ukraine als Markt unter den Nagel zu reißen.

So interessant die Politik auch ist, lass uns doch noch ein wenig über Musik reden. Ihr benutzt ziemlich viele Instrumente, die sehr untypisch für Rockmusik sind. Versteht ihr euch als Rockband?

Definitiv, wir sind eine Rockband und das heute mehr denn je.

Seid ihr auch eine Punkband?

Es ist jedenfalls unser Selbstverständnis. Wir machen das, was wir machen, normalerweise schnell und dreckig. Ich denke, das macht uns zu einer Punkband.

Schnell und dreckig – ist das deine Definition von Punk?

Musikalisch betrachtet ist es genau das, obwohl… Das klingt auch schon wieder ein wenig orthodox. Trotzdem trifft es das, zumindest solange wir über Rockbands sprechen. Es ist unglaublich, wie viel Geld in dieser Branche zum Fenster rausgeschmissen wird. Die Art und Weise, wie die meisten Bands – auch kleine Bands – touren, ist verrückt. Die haben ihre eigenen Techniker, Mischer, Mercher, Manager und was nicht sonst noch alles dabei. Dann verkaufen sie Kapuzenpullover für 80,- Dollar, nur um all das bezahlen zu können.

Diese Bands haben so viele Menschen dabei, die für sie arbeiten, dass sie die Menschen vor der Bühne gar nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Nicht nur das, sie spielen sogar absichtlich an Orten, an denen diese Art von Entfremdung notwendigerweise entsteht, weil sie es so besser finden.

Du magst den Terminus „Post-Rock“ nicht sonderlich, obwohl deine Bands auch als die Urväter dieses Genres gelten. Was denkst du über die unzähligen Bands, die diese Art Musik heute spielen?

Ich persönlich höre diese Art Musik überhaupt nicht. Als wir damals anfingen, wollten wir ausdrücklich Musik machen, die es so noch nicht gab. Wir waren und sind eine Rockband ohne jegliches „Post“ oder so.

Was hörst du denn stattdessen?

Ich höre zur Zeit eine Menge alten Soul und Blues und auch viel Psychedelic Rock.

Das sind alles eher alte Arten von Musik und vor allem auch Musik, die ursprünglich auf Vinyl herausgekommen ist. Du bezeichnest dich als „a vinyl person“ und deine Bands legen großen Wert auf gut aufgemachte Vinylveröffentlichungen. Was genau fasziniert dich an diesem Medium?

Ich glaube, es ist schlicht die beste Darreichungsform für Musik. Die Art wie es klingt, wie es aussieht, wie es sich anfasst – all das ist für mich das absolute Optimum. So ein Regal voller Schallplatten gehört einfach zu dem Schönsten, was es auf der Welt gibt. Eine Platte herausholen, sie auflegen, mit der Bürste drüber gehen, sie umdrehen und das Geräusch der Nadel beim Aufsetzen… Für mich gibt es einfach nichts, was dem nahe kommt. Ich muss das jetzt aber auch nicht allen und jedem nahebringen. Wenn die Leute Musik auf ihrem iPod hören wollen, dann gerne.

Würdest du dich selbst denn als Plattensammler bezeichnen?

Ich denke nicht. Ich bin jetzt 43 Jahre. 43jähriger Plattensammler haben für gewöhnlich so viele Platten, dass sie Häuser kaufen müssen, um genug Platz für all ihre Platten zu haben. So weit geht es bei mir nicht. Ich war ja die meiste Zeit so arm, dass ich Platten verkaufen musste. Deshalb habe ich gar nicht so viele. Aber es sind genug.

Und was hältst du von Kassetten? Dieses Medium erlebt ja auch gerade seinen zweiten Frühling.

Ich finde sie super. Ich mag, wie sie klingen. In Nordamerika allerdings ist es fast ein wenig überdreht. Es fühlt sich so an, als wenn wirklich jeder sein eigenes kleines Label macht und als wenn es in jeder kleinen Stadt zwanzig Kids gibt, die Noise machen. Ein bisschen ist das halt immer wieder dasselbe.

Ich habe oft das Gefühl, bei Noise geht es oft mehr darum, es zu machen, als es zu hören.

Teilweise sicher. Ich liebe Noise, aber zum Teil ist es schon sehr selbstreferentiell.

Ihr macht jetzt auch eine 12“ für den diesjährigen Record Store Day.

Das stimmt nicht mehr so ganz. Wir wollten es machen, jedoch erscheint die Platte jetzt doch als ganz normale 12“.

Kannst du etwas zu der Platte erzählen?

Die Idee ist schon etwas älter. Als wir den Song „Hang on to each other“ für das 2005er Album „Horses in the Sky“ schrieben, fiel uns auf, dass die Gitarrenakkorde zu dem Song genau dieselben sind wie bei einem House-Klassiker. Seitdem hatten wir immer diese Idee in unseren Köpfen, mal so eine richtige Four-on-the-Floor-Technoversion davon zu machen, so richtig mit 808 und so. Genau das haben wir jetzt getan. Wir finden das Ergebnis super, aber ich befürchte, viele werden es hassen.

Wird es auch eine limitierte Auflage sein?

Nein, das ist auch genau der Grund, warum es doch nichts mit dem Record Store Day zu tun haben wird. Wir wussten vorher nicht, wie sehr das Konzept dieses Tages auf Knappheit und Rarität beruht. Wir dagegen mögen limitierte Auflagen nicht, weil es nur zu Sammlerscheiße führt. Wir und auch unser Label wollen, dass immer alles von uns erhältlich ist. Wenn Menschen unsere Musik haben wollen, sollen sie sie auch bekommen können.

Ihr habt tatsächlich nur eine Platte in limitierter Auflage gemacht – eine selbstveröffentlichte Doppel-7“. Auf Discogs wurde sie schon für über 100,- Euro verkauft.

Das ist echt verrückt. Ich meine, wir haben sogar noch welche davon. Wir hatten sogar welche auf dieser Tour dabei, aber sie sind mittlerweile alle verkauft. Das war aber auch eine Toursingle und ich denke, dass Toursingles koscher sind. Ich mag die Idee, etwas Besonderes zu machen, für die Menschen, die tatsächlich zu den Konzerten kommen.

Hältst du denn den Record Store Day trotzdem für eine gute Sache?

Alles, was die Menschen wieder in ihren örtlichen Plattenladen bringt, ist eine gute Sache. Deshalb werde ich ihn auch nicht irgendwie niedermachen. Es ist aber halt nichts, mit dem wir uns als Band wohlfühlen würden.

Ihr als Band werdet am Record Store Day in Birmingham, Alabama sein. Wirst du in einen der drei dort teilnehmenden Plattenläden gehen?

Ich war schon dreimal in Birmingham, der Konzertort ist großartig. Aber ich habe dort noch nie einen Plattenladen gesehen, weil der Laden eher am Rand der Stadt liegt. Wenn mich aber jemand zum Plattenladen mitnimmt, würde ich da sehr, sehr gerne hingehen – sofern es dort auch gebrauchte Platten gibt.

Interview: Benjamin Schlüter und Jan Tölva

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