März 11th, 2007

SCHNEIDER TM (#97, 12-2003)

Posted in interview by jörg

Die gleichen zwei Akkorde

Das erste, was ich beim Hören dachte war, dass „Zoomer“ eigentlich ziemlich genau das ist, was Schneider schon früher – mit lediglich anderen Mitteln – gemacht hat: Melancholische Songs, freundliche Musik. Schneider singt sogar. Im Unterschied zu den housigeren Schneider-TM-Platten vor „Zommer“ schlägt hier offenbar wieder das Songwriter-Herz.

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Dirk Dresselhaus ist etwas perplex, als ich ihm das sage. Und lacht. Und sagt: „Ja, stimmt.“ Und lacht noch einmal. „Im Prinzip ja. Du hast schon Recht. Das ist mir aber erst später aufgefallen. Ich hatte überhaupt keinen Masterplan für die Platte. Es ist die Nachfolgeplatte der ersten Schneider TM, der letzten Locust Fudge und der letzten Hip Young Things. Da kommt alles zusammen. Ich hab vier Jahre nicht gesungen, was ganz gut war. Es war wieder frisch und neu entdeckt. Aber dann doch wieder die gleichen zwei Akkorde. Die funktionieren einfach. Ich kann auch nicht mehr. Ich weiss auch nicht einmal, wie die heissen.“

So zu musizieren, ist doch auch eigentlich viel einfacher. Bands zerfallen, manche hören auf, Musik zu machen. Da ist es einfacher, zu Hause allein zu musizieren und zu produzieren. „Das war schon so. 1997 bin ich bei den Hip Young Things ausgestiegen, weil es zu anstrengend wurde. Ich bin dann recht schnell aus Bielefeld weggezogen, nach Berlin. Die erste Schneider TM war eine Befreiung. Wenn man Musik macht, kann man vieles nicht mit Worten umschreiben. Wir sassen oft im Proberaum und haben geredet. Die anderen wollten immer ein an den Haaren herbeigezogenes Manifest haben, was man da eigentlich macht. Das hat mir keinen Spass gemacht. Dann hab ich erstmal allein Musik gemacht. Mit Krite (Ex-Speedniggs, später mit Schneider bei Locust Fudge – Anm. d.V.) mach ich aber immer noch Musik. Wir spielen jetzt in Paincake zusammen, mit Hanayo und Vredebert (?) von Commercial Breakup. Ich hab relativ schnell wieder angefangen, mit Leuten zu spielen. Mit Michael Beckett, der auf der Bühne bei Schneider TM spielt und früher bei Tuesday Weld war.“

Gemessen daran, dass „Zoomer“ so ein überaus freundliches Album ist, überrascht es doch, was Dirk über seine Vorstellungen erzählt. „Ich wollte an die Limits gehen, absurdere Sachen machen. Vielleicht ist Zoomer auch deswegen die Nachfolgeplatte der drei genannten Platten geworden, weil ich wieder Lust hatte, zu singen. Wobei ich die Songs auch nicht geschrieben habe. Die sind einfach so passiert. Ich fang mit einem Sound oder einem Beat an, dann kommt was anderes dazu, dann nimmst du was raus. Dann hab ich auf einmal gesungen, einfach weil ich Bock hatte. Ich hab auch bei Hip Young Things nur gesungen, weil unsere Sängerin ausgestiegen war. Das war eher eine Notlösung. Ich hab aber in letzter Zeit viel mit anderen Musik gemacht. Ich weiss nicht, ob ich nochmal eine Platte allein machen will. Das ist wirklich hart. Da wirst du schizo. Du bist Engineer, Musiker, alles.“

Die Debatte Track versus Song, Krise der Rockmusik und so weiter scheint dich nicht zu interessieren. „Nee. Ich weiss nicht, warum ich darüber nachdenken sollte. Ich find alles gut, wo man Sounds rauskriegen kann. Ich find Songs gut, ich finde Tracks gut, ich finde auch Musik gut, die einfach nur ein Zustand ist, Noise.“ Ein Anruf – jemand ruft wegen des DAF-Konzerts an, am Abend vor der Love Parade, auf das Dirk gehen will – „Ich glaub, die rocken.“

Von da an reden wir eigentlich über alles, solange es Musik ist, nur nicht über Schneider TM. DAF, Pan Sonic, die er liebt, weil sie Soul haben und mit denen er weirde Projekte macht. Die Reunion von Velvet Underground, Moe Tucker; Neil Young und so. Die Sonne scheint auf das Deck der Hoppetosse. Heute Abend spielen Sonic Youth in der Stadt. Auch darüber unterhalten wir uns. Dirk Dresselhaus ist ein ziemlicher Musik-Freak, nennt sich einen „musikalischen Arbeiter“… Ich arbeite sehr viel und sehr hart. Ich mach halt die ganze Zeit irgendwas.“

Nach harter Arbeit klingt „Zoomer“ jedoch nicht. Fast finde ich die Platte ein wenig zu freundlich. Aber Dirk sieht das Album auch nicht als Ziel. Die nächste Platte, das nächste Projekt – Freestyle mit Ilpo von Pan Sonic, Paincake – das scheint ihm mindestens ebenso wichtig zu sein, wie „Zoomer“.

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(stone)

Links (2015):
Wikipedia
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Discogs

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