März 14th, 2007

REVELATION RECORDS (#106, 06-2004)

Posted in interview by andreas

An meinem letzten Praktikumstag bei Revelation Records in Huntington Beach in Orange County, am Freitag, den 5.3.04, interviewte ich nach langer nur-Interviews-per-email-Zeit wieder einmal live, d.h. mit Diktiergerät und einem Zettel voller vorbereiteter Fragen.

Meine Gesprächspartnerin war Vique Martin, Sales Managerin bei Revelation, Simba Records Chefin, Kolumnistin für amerikanische und englische Fanzines und meine „Praktikumsbetreuerin“. Das Interview fand im Mailorder-Raum statt.

***

Hi Vique, du bist ja eigentlich aus England und lebst jetzt in Long Beach im Los Angeles County. Was ist aus deiner Sicht der Hauptunterschied zwischen dem Leben in England und Kalifornien?

Vique: Oh mein Gott, es gibt Millionen und aber-Millionen Unterschiede zwischen dem Leben in England und Kalifornien, das Wetter, die Leute, die Kultur, die ganze Landschaft. Klar, das schöne Wetter ist wahrscheinlich etwas, was die meisten Touristen als Hauptunterschied ansehen. Also, ich bin ja aus Brighton, was an der Südküste von England direkt am Meer liegt. Ich lebte dann in Manchester und Leeds für drei Jahre, bis ich hierher umgezogen bin.

Ach, ich weiss über Manchester eigentlich nur, dass es Manchester-Kapitalismus gibt und Manchester-Jeans; wie weit sind denn Leeds und Manchester auseinander?

Vique: Ungefähr ne Stunde, also, ja, einer der Hauptgründe, warum ich nach Kalifornien wollte, war, dass ich das Leben am Meer vermisst habe, weil ich halt die ersten 24 Jahre meines Lebens am Meer gewohnt habe. Achja, und studiert an der Uni London habe ich dann auch noch. Zu deiner ersten Frage, ich glaube, der Hauptunterschied zwischen der Kultur in Europa und der in Kalifornien ist der Optimismus, den die Leute hier haben.

Das Glas ist hier immer halb-voll, während es in England immer halb-leer ist, weisst du was ich meine? Klar, die Leute haben hier auch ihre alltäglichen Probleme, z.B. der viele Verkehr, zu wenig Geld, das Auto geht immer kaputt und so, aber die Leute beschweren sich halt nicht so viel und sind insgesamt positiver eingestellt, während sich-beschweren in England wirklich ein nationales Hobby ist, in Deutschland wahrscheinlich auch, was?

Naja, und vielleicht hängt dieser kalifornische Optimismus wirklich mit dem Sonnenschein hier zusammen. Weisst du, du regst dich halt nicht soo viel auf, wenn draussen immer die Sonne scheint, oder? Ein anderer Unterschied ist natürlich der hier so dominante und vollkommen „disgusting“ Materialismus und die damit zusammenhängende Oberflächlichkeit, dass es halt wichtig ist, welches Auto du fährst, wie du aussiehst, wie dünn du bist.

Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Wenn man hier ins Restaurant geht und sich ein Essen bestellt, dann konnte ich am Anfang schwer mit dieser Marketing Persönlichkeit umgehen, weisst du was ich meine? Dieses vollkommen übertriebene Freundlichsein und immer lächeln, was ja in Europa dann doch anderes ist.

Vique: Oh, die Service-Kultur hier ist fantastisch, ich bin ein grosser Fan davon. Wenn ich nach Europa gehe, dann bin ich immer wieder erstaunt, wie unfreundlich die Leute sind. Aber klar, weil alles hier auf dem Trinkgeld-System basiert, müssen die auch freundlich sein.

Sag mal, wie war eigentlich dein Weg zu Revelation Records hier in Huntington Beach? Seit wann arbeitest du hier und was sind deine Aufgaben?

Vique: Seit 5 Jahren arbeite ich für Revelation in California. Ich war mir denen ungefähr 2 Jahre in Verbindung von England aus, hatte Pressearbeit und Merchandising aus meinem Schlafzimmer in Leeds gemacht. Ich hatte einen ziemlich grossen Mailorder-Vertrieb in England aufgebaut und bin dann für ein Jahr zu Revelation Europe nach Manchester gezogen. Mit Jordan Cooper bin ich seit 1991 befreundet, als Gorilla Bisquits auf Tour in England waren und ich ihnen mit einer Schlafgelegenheit in meinem Haus aushelfen konnte. Sie blieben ein paar Tage in meinem Haus, dann war ich manchmal bei Jordan in Kalifornien und so blieben wir immer in Kontakt und Freunde.

Ich bin dann immer wieder nach Kalifornien gekommen, habe die Cds und Plakate und so im Warenhaus abgeholt und mir selber nach Europa geschickt. Und einmal war ich halt gerade drüben und da war halt zufällig auch gerade ein Meeting bei Revelation, wo Jordan mich gefragte hatte, ob ich ihnen für ein paar Wochen aushelfen könnte, da sie ein neues Kundensystem etablieren wollten. Das war im März 1998 und dannach hatte er mir einen Vollzeitjob angeboten und wir haben diese ganze Visa-Sache zusammen erledigt und…

Ach cool, das war auch eine Frage von mir. Ich bin ja als Prakikant hier und du weisst ja, was es für ein Hickhack war mit Visum für deutsche Studenten nach USA – wie ist das bei dir als Engländerin, musst du da auch so einen Aufstand machen?

Vique: Ja, das ist auch für mich sehr sehr schwierig, das ist ein Bürokratie-Krieg. Es kostet 2000 $ für ein Drei-Jahres Visa und dannach 1800 $ für eine ein-Jahres-Verlängerung. Und ich muss jedes Jahr 15 Referenzen vorweisen von anderen Vertrieben, die beweisen, das ich meinen Job gut mache und dass ich eine Expertin bin und dass kein Amerikaner den Job besser machen kann als ich.

Aber das mit den Referenzen ist kein Problem, weil ich mich ja hier als Sales Managerin um den internationalen Vertrieb, AR-(Artist und Repertoire)Stuff, Band-Ansprechperson und exklusiv-Label-Vertrieb kümmere, und im europäischen Vertrieb und in dieser Musik eigentlich eine ziemlich gute Erfahrung und Wissen habe. Also, ich bin ein non-Permanent Resident Alien, das gilt für den ganzen europäischen Raum mit diesem Visa-Problem.

Wir können ja ein wenig über das Label reden; aus meiner Sicht ist Revelation kleiner als Epitaph, aber doch grösser als ssT, vielleicht die selbe Grösse wie Fat Wreck in San Francisco?

Vique: Oh, Revelation ist viel kleiner als Fat, wirklich. Ich meine, hier arbeiten 15 Leute, aber du kannst die Grösse eines Lables nicht nach der Anzahl der Leute, die da arbeiten, beurteilen, sondern nach der Anzahl der verkauften Platten, dem Jahresgewinn. Der Hauptunterschied zu ssT und Fat ist ja, dass Revelation auch ein Vertrieb für viele Labels ist und wir halt auch Sachen von anderen verkaufen, was die beiden halt nicht machen.

Stimmt, der Vertrieb – war das 1997, wo Revelation neben dem Label auch ein Vertrieb für andere Independent Lables wurde? Warum eigentlich diese extra-Arbeit? Ist Revelation somit dann zweigeteilt in das Revelation Records Label und den RevHQ-Vertrieb?

Vique: Eigentlich hat das ganze 1996 angefangen, als Revelation und NewAge und Conversion sich hier das Warenhaus geteilt hatten. Und da alle drei immer Sachen von Equal Vision und allen möglichen verschifft hatten und die Leute auch immer neben Revelation-Sachen auch Sachen von den anderen Labels haben wollten, wurde das dann halt der Revelation Vertrieb. Klar, das Label ist eine Sache, der Vertrieb eine andere, aber beides rechne ich auch über das gleiche Bankkonto ab, also, they are different, but actually the same…

Also, ich liebe ja den Straight Edge-Revelation Stuff bis ungefähr 1991, also Judge, Side by Side, Youth of Today. Die mittel- und spät 90iger Jahre Veröffentlichungen haben mich irgendwie nicht mehr so interessiert und ich kam eigentlich hierhin mit der Vorstellung, dass Revelation nur noch softe Gitarrenbands herausbringt. Umso überraschter war ich, als ich dann aktuelle Rev-Bands wie Curl Up And Die hörte, die ja Judge an Härte um einiges übertreffen. Ich glaube, ich muss meine Theorie „Revelation bringt nur noch softe Indie-Gitarrenbands heraus“ nochmal neu überdenken…

Vique: Ja, der Sound ist vielleicht komplexer geworden, aber ist halt immer noch harter Stuff, zumindest oft. Klar, Revelation, das Straight Edge-Label…Curl Up And Die waren ja auch SE, als sie bei uns unterschrieben haben, sie sind es jetzt nicht mehr, Shai Hulud aber immer noch. SE tendiert ja in die Old School Richtung, wofür es dann die passenden Lables wie Bridge 9 gibt, und die metallische Ecke.

Weisst du, Revelation will möglichst Bands unter Vertrag haben, die eine längerfristige Perspektive (auch für sich selber) haben, die viel touren wollen, viele Alben herausbringen möchten und so. Und die meisten Oldschool SE Bands sind gut für eine EP und eine LP, aber dass ist keine langfristige Perspektive, oder? Aber keine Ahnung, vielleicht machen wir noch mal was mit einer klassischen SE Band.

Ach, wo wir gerade beim Thema sind, ich liebe ja Shades Apart – irgendwelche Pläne für neue LP von denen?

Vique: Nee, die sind zwar zusammen, aber eine neue LP wird es von denen zumindest nicht auf Revelation geben.

Was sind eigentlich deine (aktuellen) Favoriten auf Revelation?

Vique: Jetzt? Ja, defintiv Christiansen, die sind eine wunderbare Band mit sehr netten Leuten. Daneben habe ich noch eine grossen Raum in meinem Herz für Elliot. Von den alten Bands liebe ich Texas is the Reason, deren erste Single hatte ich auf Simba Reocrds rausgebracht, von daher is TITR schon mal einer der ältereren Favoriten von mir. Und Quicksand, diese eine Ep, die erste, die ist zeitlos gut…ach je, Gorilla Bisquits, die liebe ich ja auch, oder Chain of Strength…

Wie laufen eigentlich deine anderen Projekte, du hattest ja einige Ausgaben deines Simba Fanzines (was heisst eigentlich Simba?) gemacht und läuft dein Simba Records Label noch?

Vique: Simba ist das Kisuaheli-Wort für Löwe, ich bin ja ein absoluter Löwen-Fan. Simba Records gibts weiterhin, aber mit dem Fanzine habe ich nach 12 Ausgaben vor 4 Jahren, also 2000, aufgehört. Aber ich schreibe weiterhin für andere Fanzines, für Heartattack, Clamor und Fracture.

Oh, du schreibst für Heartattack?

Vique: Yup, seit 5 Jahren Kolumnistin.

Ach witzig, ich hab mir das in den letzten Jahren auch nie so regelmässig gekauft, aber ich habe noch nie Vique Martin da gesehen, is ja cool.

Vique: Naja, du liest es wirklich nicht so oft, was?

äh, stimmt, auch wieder wahr, wie sind die Heartattack-Leute in Goleta denn so drauf?

Vique: Sehr sehr nette Menschen.

Wie sieht ein „Vique Martin Rountine Tag“ aus?

Vique: Oh je, nix besonders. Stehe auf, nehm ne Dusche, check von zu Hause aus so gegen acht Uhr morgens meine Emails, weil die euopäischen ja immer was zeitverzögert ankommen. Und wenn ich dann so um 9:30 bei Rev auftauche, dann weiss ich schon ungefähr die Tagesstruktur, also, wem ich was emailen muss undso. Weisst, ich sende vielleicht 3000 emails pro Monat nach draussen.

Was, 3000? Und wieviele am Tag so ungefähr?

Vique: Pro Tag? Ja, so ungefähr 150. Also, ich telephoniere mit Bands, Vertrieben, Läden, emaile den ganzen Tag…und dann haue ich so zwischen 17:30 – 18:00 ab.

Und dann abends das Los Angeles Nachtleben auskosten?

Vique: Ja klar, wenn Zeit ist. Manchmal muss ich auch am Wochenende was an liegengebliebener Arbeit aufholen, dazu kommt, dass ich viel reise von der Arbeit her. Ich besuche Messen in Frankreich, machmal Popkomm, Hellfest. Die Messen sind meistens im Frühling oder Sommer, so dass es in diesen Zeiten halt schwierig wird, die ganze Arbeit vor Ort unter einen Hut zu bekommen.

Eijeijeijeijei, das hört sich nach viel Arbeit an. Verbringst du deinen Urlaub eigentlich dann immer in England?

Vique: Normalerweise schon, aber ich reise auch gerne, z.B. war ich vor 4 Jahren in Afrika, Löwen gucken und so. Vor 3 Jahren bin ich viel in USA gereist, ich hab mir New Mexico angeguckt, Tucson und die indianischen Siedlungen, die Hopis in Arizona, Grand Canyon. Ja, dieses Jahr will ich nach Australien…war noch nie da, und freue mich schon sehr auf das Great Barrier Riff, schnorcheln, den tropischen Regenwald und Melbourne, das wird bestimmt super.

Ja, das glaube ich auch, ich bin ja grosser AC/DC -Fan und von daher würde ich, glaub ich, als allererstes in Australien nach Sydney gehen.

Vique: Aha.

ähem, naja, zwei Fragen hab ich noch. Dolf erzählte mir, dass du im Fracture eine Kolumne schreibst. Fracture kannte ich gar nicht und ich war wirklich überrascht, als ich deine Kolumnen zum ersten Mal gelesen hatte. Du schreibst über erotische Erlebnisse in einem (auch für ein Punk Fanzine ungewöhnlich) recht offenem und direktem Stil. Da man ja nicht ignoriern kann, dass jeder Mensch ein Bedürfniss nach Sexualität hat (das aber ganz selten in Punkfanzines thematisiert wird ohne in Klischees zu verfallen), denkst du, dass es so etwas wie linke oder progressive Erotik gibt? Lustig finde ich auch, dass du in deiner Kolumne in einem doch auf Musik-konzentrierten Heft null über Musik schreibst, was ziemlich erfrischend ist.

Vique: Ja, hast recht, meine Kolumnen sind nie über Musik, sondern immer über Politik und persönliche Erfahrungen und Gefühle. Ich habe eine Menge über Tod geschrieben, über Gefühle, über Beziehungen. Dabei wollte ich so schreiben, dass andere Leute das nachvollziehen können, vielleicht daraus etwas mitnehmen können. Ja, und eine Kolumne war über persönliche Erfahrungen und hatte so einen Touch von Erotik und das hat den Fracture-Leuten gefallen, so dass die mich gefragt haben, ob ich nicht Lust hätte, über Erotic Fiction und so zu schreiben…

Ach interessant, die sind auf dich zugekommen?

Vique: Ja genau, sie haben mich gefragt, und ich sagte, ok, und dann habe ich das gemacht. Einige Leser, die kleinen Hardcore-Jungen, waren sehr sehr böse. Sie meinten, dass Sex keinen Platz in Punk hat. Und, weisst du, zu sagen, dass Sex keine Berechtigung in Punk hat, ist verdammt falsch. So richtig falsch. Ich meine, mein Job als Schreiberin ist halt, die Gefühle der Leute zu berühren, zu schocken in dem Sinne, das ich versuche, zu diskutieren, warum die Punkszene so a-sexuell geworden ist und warum man als Frau in dem „Jungenclub“ nur aktzeptiert ist, wenn man seine Sexualität möglichst versteckt und nicht auslebt.

Und genau so ein Verhalten des Jungenclubs habe ich nie toleriert und werde das auch nie tolerieren. Und zu der Frage, ob es progressive Erotik gibt, ein klares Ja, ich meine, es gibt Bücher, Geschichten und Stories, von Männern und Frauen verfasst, die halt nicht diesen eindimensionalen Blick auf die Geschlechter, dieses verteilte role-Modell „aktiver Mann, passive Frau“, transportieren.

In Fanzines sind von Zeit zu Zeit Diskussionen über Pornos, manche lehnen das völlig ab, manche vertreten das breit. Denkst du, dass Pornos etwas fortschrittliches, etwas aufkläerisches sind, weil sie halt Geschlechtsverkehr so zeigen wie er ist oder das sie generell etwas unterdrückerisches sind?

Vique: Ich liebe Pornos, aber ich bevorzuge Pornos, die mit richtigen Leuten gemacht werden, d.h. ohne plastische Chirugie, keine gefakten Fingernägel, keine Silikonimitate. Weisst du, sicher, die Leute werden dafür bezahlt, Sex vor dem Kamera zu haben, aber ich finde halt Porno-Filme gut, wo die Leute sich auch wohl fühlen, selber Spass daran haben, und nicht diese stereotypischen Pornostars.

Mein Favorit bei den Porno-Stars ist eine Frau namens Belladonna. Sie lebt ihre Sexualität aus, da ist nix künstliches an ihr dran, sie hat Spass an Sex und das sind die Art von Porno-Filmen, die ich mag. Klar, das Argument, dass Porno-Filme rollenfixiert und geschlechterunterdrückerisch sind, ist verständlich; der einzige Weg, den es gibt, wenn man Pornos mag, ist halt, die alternativen Pornofilme zu unterstützen.

Ok, danke schon mal, jetzt am Ende wolte ich dir noch (wirklich) 2 ganz kurze Fragen stellen mit der Bitte um kurze Statements. Sagen wir mal, du hast genüged Geld und genügend Zeit, was und vor allen Dingen wo würdest du das machen?

Vique: Oh, ich glaube, ich würde mich einige Zeit in Louisville in Kentucky aufhalten, da lebt mein bester Freund, ja und dort schreiben…vielleicht auch noch nach New York gehen, dort auch schreiben. Also, ein paar Monate frei zu haben, zum schreiben, wäre cool. Ich hätte grosse Lust, mal ein Buch zu schreiben, so eine Art längere Kolumne halt, habe aber noch gar keinen Plan über Buchtitel usw.

Vielleicht noch irgendwelche Grüsse an die Trust Leser?

Vique: (freu) Ja klar, Check out Christiansen, das wäre meine Empfehlung…

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Interview: Jan Röhlk

Links und Rechts:

Revelation Records
Revelation Vertrieb
Discography auf Discogs

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