Oktober 4th, 2011

PROPAGANDHI (#138, 10-2009)

Posted in interview by jörg

Nun bin ich selber gar nicht so alt und dennoch irgendwo in den 90ern stecken geblieben, immer mit dem Gefühl im Bauch, gestern sei das Millenium noch in weiter Ferne gewesen. Bei Propagandhi aus Winnipeg, Kanada, denke ich also zwangsläufig an das Fat Wreck Chords Debut How To Clean Everything, das aber mittlerweile 15 Jahre zurückliegt.

Die Stücke, die die auf ein Quartett angewachsene Band von jener Platte spielt wollen sich irgendwie nicht einreihen in ein Set von zwar immer noch melodischen aber sehr viel mehr von Metal, Hardcore aber auch düstererem Indie beeinflussten Liedern. Politisch ist man sich aber scheinbar treu geblieben, und hat sogar den Absprung von Fat geschafft an dessen Labelchef Fat Mike kein gutes Haar gelassen wird.

In Deutschland wird Supporting Caste allerdings von Grand Hotel Van Cleef veröffentlicht und in der Heimat von Warner vertrieben. Wie und ob das ins politisch korrekte Image der Band passen soll, kann dann selbst Schlagzeuger Jord Samolesky nicht wirklich erklären. Nicht drüber nachdenken und es trotzdem machen scheint eher von einer Endzeitstimmung herzurühren als von aktivistischem Potenzial und reiht sich nicht gerade nahtlos in den ambitionierten Antwortenkatalog ein.

Aber ein Leben ohne Selbstwidersprüche ist 2009 nicht leichter sondern schwerer geworden und so erwischt es auch die letzten selbsternannten Retter des Punk Rock wie er sein sollte, reflektiert, wütend und schnell.

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Ihr wurdet als schlechte kanadische Bürger deklariert und ich hab das Gefühl, dass viele Bands, die bei Punkvoter involviert waren, sehr erpicht darauf waren klar zu stellen, dass sie zwar regierungskritisch aber trotzdem patriotisch seien. Wie stehst du zu der Debatte, gerade weil ihr natürlich auf Tour als Repräsentaten eueres Landes wahrgenommen werdet?

Jord: Ich sehe mich nicht als kandischer Nationalist. Ich sehe es als meine Aufgabe innerhalb dieser Band aber auch darüber hinaus den Mythos des guten Kanadiers auseinanderzunehmen.Wir sind eine der wenigen Nationen in der Welt, die extrem positiv dargestellt wird. Vor allem auf Grund der geografischen Nähe zu den USA können wir immer sagen, wir sind nicht so schlimm wie unsere Nachbarn, wir sind die Friedenstifter. Das ist eine durchdachte Beschönigung der Tatsachen nach aussenhin und völliger Humbug. Ein grosser Teil dieses positiven Selbstbildes kann nur aufrecht erhalten werden durch die Verdrängung des Genozids, der auf dem kanadischen Boden stattgefunden hat.

Obwohl die Probleme mit den Ureinwohnern Kanadas weiter exisitieren sind sie nicht Teil des nationalen Bewusstseins, Inhalte der Medien oder der Erziehung. Derartige Mechanismen ziehen sich durch unsere gesamte Politik, so nehmen wir zwar am Irakkrieg nicht Teil, verkaufen aber Munition an die US-Amerikanische Armee. Ausserdem ist in Alberta eine der umweltfeindlichsten Organisationen überhaupt angesiedelt.

Um nochmal auf die UreinwohnerInnen Kanadas zurückzukommen, ihr habt ja auch ein Benefiz für Sisters in Spirit gehalten, die Morde an Ureinwohnerinnen thematisieren und versuchen aufzuklären. Welchen Hintergrund haben diese Morde? Ist es wie in Mexiko, wo vor allem Riten eine Rolle spielen, und wie geht die weisse FeministInnen Szene mit der Problematik um?

Jord: Die Morde sind rassistisch motiviert und werden vor allem von Freiern begangen. Hunderte von Frauen werden vermisst und das Problem der Reservate, wo viele der UreinwohnerInnen leben ist, dass sie zwar selbstverwaltet sind, aber oft auf minderwertigem Land errichtet werden. Sobald etwas wertvolles dort gefunden wird, müssen die BewohnerInnen umsiedeln und die kanadische Regierung nimmt sich der Rohstoffe an. Viele enden dann in den Städten auf der Suche nach Arbeit und dort rutschen sie in einen Teufelskreis städtischer Armut und Drogenabhängigkeit.

Die weissen Kanadier denken dann schlecht von diesen Menschen, weil sie die Hintergründe nicht kennen.Dabei könnten deren Fähigkeiten in Harmonie mit der Natur zu leben uns aus der Krise retten.Die feministische Bewegung kümmert sich um diese Problematik, aber sie schaffen es nicht in die Medien und somit nicht in die Masse der Bevölkerung. Selbst Amnesty International, die sonst sehr respektiert sind haben es nicht geschafft darüber ein Bewusstsein zu schaffen. Kanada hat sich auch geweigert das Papier der UNO über die Behandlung von Ureinwohnern zu unterzeichnen, was auch völlig unbemerkt blieb.

Seht ihr euch als tourende Band dann als eine Art Aufklärungsorgan?

Jord: Ich würde es nicht als Mission ansehen. Wir versuchen ehrliches Geld in einer Industrie zu verdienen, die wir nicht respektieren. Wir verstehen uns gut und sind einfach im Umgang, was die Sache leichter macht. Um uns ideologisch dennoch mit der Situation anzufreunden achten wir zum Beispiel darauf, dass unsere T-Shirts nicht in Sweatshops hergestellt werden und Biobaumwolle verwenden.

In Nordamerika bringen wir auch Infotische mit oder laden andere Organisationen ein bei unseren Konzerten Stände zu machen. Aber die Leute auf den Konzerten wollen Musik hören und Spass haben, wir wollen sie nicht überfallen, aber wenn sie vielleicht das ein oder andere für ihr Leben mitnehmen und selber aktiv werden, ist das super.

Ihr bewegt euch sozusagen auf dem schmalen Grat zwischen Mainstream und Untergrund und müsst mit Leuten wie diesem Club heute Abend kooperieren, die genau die hyperkapitlistsiche Einstellung haben, die ihr angreift, weil sie Leute nur ihres Geldes wegen wertschätzen. Darüberhinaus ist die Umweltbelastung durch eine Tour enorm hoch, gibt es da Alternativen?

Jord: Das ist das grösste Problem zur Zeit, die Flüge sind das schlimmste was wir der Umwelt antun können aber es ist die einzige Möglichkeit für uns das hier durchzuziehen. Zu Hause spielen wir eigentlich nur Benefiz-Konzerte. Aber da die Leute keine Alben mehr kaufen müssen wir uns durch die Tour finanzieren. Wir machen hier einen Full-Time-Job und ich habe nicht die Energie nebenbei noch zu arbeiten, also muss ich mich darum kümmern von der Band leben zu können. Auch um noch Zeit für meinen Aktivismus zu finden.

Du subventionierst dich also selber, ergibt durchaus Sinn. Was ist eigentlich mit eurem Namen, seid ihr damit noch glücklich, gerade weil zur Zeit der passive Widerstand keine besonders realistische Lösung unserer Probleme zu seien scheint. Ihr selbst beschwört ja des öfteren den Klassenkampf, der das genau Gegenteil von Pazifismus ist.

Jord: Wir hatten nie das Gefühl uns wirklich mit dem Namen identifizieren zu können. Wir brauchten einen Namen, weil wir unser erstes Konzert anstehen hatten. Ich habe grossen Respekt für Leute die effektiv passiven Widerstand betreiben und dadurch grosse Opfer bringen. Dieser Weg kann aber nicht die Lösung sein, weil unsere Probleme schnell angegangen werden müssen.

Das neue Album klingt sehr viel ausgereifter als die vorigen, ist das eine erwartbare Altersentwicklung gewesen?

Jord: Als Todd zur Band stiess hat sich unser Sound sehr verändert und damit hat sich für Chris und mich etwas zusammengefügt, was wir von Anfang an angepeilt hatten. Wir sind härter geworden, jetzt haben wir sogar einen zweiten Gitarristen, der seine eigene Note hinzufügt. Wir machen das jetzt seit Mitte der 80er und sind einfach besser darin geworden unsere Ideen zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Wie ist euere Verhältnis zu Small Man Records? Habt ihr Ihnen quasi den Arbeitsbereich von G7 übergeben?

Jord: Sie sind eine Art Management für uns und vereinfachen den Prozess ein Album herausbringen, weil sie mehr Ahnung und Erfahrung haben.

Aber sie werden von Warner vertrieben, findest du das nicht problematisch?

Jord: Ich finde es ganz furchtbar aber so ist die Entwicklung nunmal. Es gibt keine vernünftigen unabhängigen Vertriebe. Wir müssten dann wieder Teilzeitjobs machen und das würde die Band kaputt machen, wir sind zu alt um wieder so zu touren wie früher. Uns nervt das total. House of Blues, Livenation, diese ganzen Konzerthäuserketten in den USA sind ekelerregende Konzerne aber wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten um zu überleben und das ist sehr traurig. Ticketmaster sind vielleicht die grössten Abzieher übrhaupt, aber ohne sie funktioniert fast gar nichts mehr. Wir versuchen immer Karten über lokale Plattenläden zu verkaufen und animieren unsere Fans sie dort zu kaufen, aber die Kids sind eben auch bequem und gehen lieber zu Ticketmaster. Da sind wir sicherlich nicht stolz drauf.

Wie sieht das in Europa aus, seid ihr in persönlichem Ausstausch mit Grand Hotel Van Clef oder läuft das auch über Small Man?

Jord: Wir kennen Markus seit Jahren, die erste Platte, die wir auf G7 rausgebracht haben, war von …But Alive. Wir finden regionale Kooperationen sehr erstrebenswert, gerade durch das gegeseitige Vertrauen und den persönlichen Kontakt.

Hat mich nur gewundert, weil es in Winnipeg die Emma Goldman Autonome Zone gibt und GHVC das Gegenteil davon sind, mit 15 Bands auf dem Label und 0% weiblichen Mitgliedern.

Jord: So ein Typ in Winnipeg hat vor ein paar Jahren Geld geerbt und sich ein Gebäude gekauft, das wir so genannt haben, weil es viele coole Gruppen beherbergt. Es ist ein progressives Zentrum und ein Ankerpunkt für radikale Ideen. Jeder kann da Treffen abhalten und Diskussionsrunden anzetteln. Von Food Not Bombs bis zu zentralamerikanischen Arbeitergruppen. G7 war da auch mal untergebracht, genau wie viele linke Zeitungen. Es ist super inspirierend.

Ihr seid ja auch starke Befürworter der Par Economy, die ironischerweise jetzt als Retter in der Wirtschaftskrise herangezogen werden soll. Ist sowas global überhaupt möglich?

Jord: Ich denke nicht, dass das funktionieren würde aber man sollte es zumindest in Erwägung ziehen. Ich habe letztens ein Buch eines Whistleblowers gelesen, der dazu rät, die Institutionen zu nutzen, die es gibt und umweltfreundliche Ansätze an sie heranzutragen. Das ist verdammt naiv. Niemand würde diese ganzen Machtstrukturen aufgeben, die ja die Herrschaft der Wenigen untermauert.

Bei Par Economy soll die Macht dezentralisiert werden, um nachhaltig lokale Verbesserungen herbeizuführen. Die Machtkonzentration ist einfach nicht tragbär, niemand sollte zu viel Macht haben. Es gibt auch genug Beispiele von Arbeitern die Fabriken übernommen haben und sie demokratisch organisieren und das ist ein toller Ansatz. Warum sollte ein Management besser wissen was zu tun ist als die Arbeiter selber?

Du bist also optimitsich, dass es dort keine Machtverschiebungen geben wird, das die Menschheit nicht per se gierig und egoistisch ist und diese Leute wieder andere versuchen auszubeuten?

Jord: In einer Zeit des Umbruchs ist es sehr schwer irgendwelche Vorraussagen zu treffen. Ich glaube nicht daran, dass irgendwann alles ganz toll wird und die Menschheit glücklich und vereint sein wird. Es wird eher ein grosses Chaos ausbrechen. Ich habe aber Hoffnung, dass die Erkenntnis, das wir nicht den richtigen Weg beschritten haben bald durchdringen wird. Der Zynismus verteilt sich auf alle Schichten, sie wissen nur nicht was sie damit machen sollen, weil sie so individualitsch erzogen wurden. Die Leute kennen ihre Nachbarn nicht, aber wissen genau was gleich im Fernsehen läuft.

Daran würde sich vielleicht auch die Frage anschliessen, wie wichtig es ist, nicht nur das Richtige zu tun, sondern auch dahinter zu stehen. Gerade bei ultrapolitischen Bands kommt oft der Vorwurf auf, sie würden ihrer Botschaften selber nicht in ihrem Leben umsetzen. Welche Berechtigung haben sie dennoch, in Anbetracht der Tatsache, dass sie einen positiven Einfluss auf ihr Publikum haben?

Jord: Bei uns ist es defintiv so, dass wir uns sehr mit den Texten identifizieren und es uns wichtig ist dahinter zu stehen. Wir würden eher aufhören als uns zu verstellen. Bei Bad Religion merkt man, dass nichts mehr rüberkommt, sie hatten keinerlei Interaktion mit den Zuschauern, es war furchtbar, sie haben sich Backstage über Golf unterhalten, nicht über die Probleme der Globalisierung.

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Interview: Alva Dittrich

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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